Baisse-Ziele und neue Kaufgelegenheiten

Die hohe Dynamik im Dax mahnt zur Vorsicht. Nach der jüngsten Erholung droht eine weitere Kurskorrektur

Was hat sich in den vergangenen Tagen grundlegend geändert, dass die Märkte so dramatisch einbrechen, die Volatilität sich aus dem Stand um die Hälfte erhöht und selbst keineswegs massiv überbewertete Substanzaktien in kürzester Zeit 10 oder 20 Prozent verlieren?

Die Prognosen zu den Konjunkturaussichten fallen seit kurzem wesentlich verhaltener aus. Das hat sich zwar schon im Juli angedeutet, wurde aber an den Märkten ausgeblendet. Erst die Massierung der negativen Prognosen (ifo, ZEW, IWF, Weltbank, Bundesregierung, EZB, Institute) ist in dieser Dichte neu.

Ob das die Richtigkeit der Prognosen erhöht, mag dahin gestellt sein. Eine lähmende Wirkung auf die Investoren verfehlt es nicht. Und an dieser neuen Richtung wird sich so schnell nichts ändern. Das heißt: Wahrscheinlich wird es vor den großen Jahresschlussanalysen und Prognosen für 2015 keinen neuen Aufschlag geben.

Eine weitere Unsicherheit ist durch Ebola entstanden. Je nachdem, wie sich die Krankheit in den nächsten Wochen ausbreitet, lassen sich wirtschaftliche Folgen skizzieren. Derzeit ist (in den Industrieländern zumindest) die lähmende Wirkung in den Köpfen wesentlich größer als die faktischen Folgen der Krankheit.

Die Quartalssaison dürfte gemischt ausfallen

Die Vorsicht der allgemeinen Hochrechnungen sollte sich in den nächsten Tagen bestätigen. In Amerika waren die jüngsten Ergebnisse von Google und AMD nicht besonders; hierzulande kommen diese Woche SAP, BASF und (nach schon ersten Indikationen) Daimler.

Bei SAP (Zahlen am Montag, 20. Oktober) macht das Management seit einigen Wochen in Optimismus. Ob allerdings der jüngste, teure Zukauf des Reisesoftware-Spezialisten Concur die Rendite gleich mit befördert, ist zweifelhaft. Meldungen von Entlassungen jedenfalls verstimmen die Anleger.

Das Problem dabei: Die Erwartungen an SAP sind nach wie vor enorm, obwohl in der Branche der Preisdruck zunimmt und die langfristige Ausrichtung auf das Cloud-Geschäft zunächst einmal mehr kostet als einbringt.

Kurstechnisch ist die Aktie so stark angeschlagen, dass in den nächsten Wochen sogar Notierungen unter 50 Euro möglich sind. Da Erholungen nur kurzfristig sein dürften, sollten Investoren abwarten. Ein Kurstreiber für den Dax jedenfalls dürfte die Aktie in diesem Jahr nicht mehr werden.

Reichlich Skepsis eingepreist bei BASF und Daimler

Bei BASF (hier kommen die Zahlen am 24. Oktober) sieht das etwas besser aus. Durch den starken Kursrückgang der vergangenen vier Wochen haben Anleger eine konjunkturelle Abschwächung eingepreist. Die Prognosen zu BASF sind auch alles andere als optimistisch. (Ohnehin gehört das Unternehmen zu denjenigen, die lieber etwas tiefer stapeln und dann mit Substanz aufwarten.)

Der Branchenverband hat die Wachstumsaussichten der Chemieindustrie in den vergangenen Wochen etwa um ein Drittel gekappt. BASF ist durch seine starke Position auf den internationalen Märkten und seine Ausrichtung auf höherwertige Chemikalien in der Regel besser als der Branchendurchschnitt.

So gesehen sollten die Restrisiken der Aktie zunächst begrenzt sein. Zwischen 65 und 70 Euro hat der Kurs ohnehin eine gute Unterstützung. Sie könnte eine vorübergehende Erholung in Richtung 75 Euro einleiten. Diese Untergrenze könnte sich auch mittelfristig als Basis für neue Käufe erweisen – solange es mit der Konjunktur nur moderat abwärts geht und kein Desaster wie 2008 entsteht. In einem solchen Fall kämen auch Substanzaktien (günstige Bewertung, hohe, verlässliche Dividende, breites Geschäft, solide Finanzierung) unter die Räder.

Dass selbst konjunkturnahe Werte wie die Autobauer derzeit nicht einfach nur nach Süden steuern, zeigt Daimler. Die genauen Zahlen kommen zwar erst am Donnerstag (23. Oktober), doch die ersten Indikationen deuten auf ein lebhaftes Geschäft. In Europa stimmen die jüngsten Meldungen zum Automarkt für September ebenfalls optimistisch.

Dass Daimler an seinen bisher guten Gewinnaussichten Abstriche macht, ist wenig wahrscheinlich. Ähnlich wie bei BASF (günstige Bewertung, hohe Dividende) gilt, dass die Zone 55 bis 60 Euro für die nächsten Wochen eine gute Basis bilden könnte. Daimler sollte wie BASF dazu beitragen, dass der Dax in den nächsten Wochen nicht ins Leere fällt.

Generell hat die anstehende Quartalssaison – wie immer sie auch ausfallen mag – für die Börsen einen Vorteil. Sie wird zeigen, wie sich die Angst vor dem konjunkturellen Abstieg in konkreten Zahlen manifestiert. Danach kann neu gerechnet werden – und diese Rechnungen sind allemal eine solidere Basis für Prognosen und Bewertungen als diffuse Untergangsängste, die derzeit die Runde machen.

Und dabei ist es gut möglich, dass auf Basis neuer Rechnungen der Dax zwar eine deutliche Korrektur verdient hat, sich von da aus aber wieder sinnvolle Einstiegsmöglichkeiten ergeben.

Es gibt Argumente für Aktien – immer noch

So, wie Anleger im Sommer die Risiken der Märkte ausgeblendet haben, so werden jetzt gern Argumente für Aktien übersehen. Die zuletzt schwachen Wirtschaftsdaten werden dazu führen, dass die Notenbanken weiter die Märkte mit Liquidität fluten. Das mag man – vor allem im Fall der EZB – mittlerweile immer mehr kritisieren; dass die Fed dann womöglich erst viel später mit Zinserhöhungen startet, ist für die Aktientendenz aber schon eine Stütze.

Und noch ein Vorteil, der vor allem für deutsche und europäische Aktien zählen wird. Der schwache Euro führt zwar dazu, dass internationale Anleger Gelder aus Europa abziehen, er gibt aber den vor allem auf Export ausgerichteten Aktienunternehmen wertvollen Rückenwind: Einkäufe in dollarnotierten Vorprodukten (vor allem Öl) werden günstiger, auf den internationalen Märkten gibt es Wettbewerbsvorteile.

Der negative Effekt des ersten Halbjahres, als hohe Euronotierungen die Zahlen belasteten, wird sich umkehren. Das wird eine wichtige Stabilisierung im zweiten Halbjahr 2014; und dieser Effekt kann an den Börsen wirken bis zur Vorlage der Jahresberichte im nächsten Frühjahr.

Und gerade weil die große Zinstendenz wieder einmal nach unten zeigt, gibt es für Normalanleger immer weniger lukrative Investments. Wer traut sich denn jetzt etwa an langlaufende Bunds, die von der Rendite zwar kaum noch etwas bringen, aber vielleicht im Kurs noch einmal deutlich zulegen?

Wer auf Endfälligkeit disponiert, findet auf dem Anleihemarkt fast nichts mehr. Rumänische Staatsanleihen mit fünf Jahren Restlaufzeit bringen nicht einmal mehr zwei Prozent – vor Steuern und vor Inflation. Faktisch gibt es also selbst für Papiere zweifelhafer Provenienz fast nichts mehr. Warum dann nicht vielleicht doch die Aktie eines Top-Unternehmens kaufen (wie Münchener Rück, BASF, Roche), die Dividendenrenditen von 3 bis 6 Prozent bieten – und die es in den nächsten Wochen vielleicht noch günstiger gibt?

Möglicher Fahrplan für den Dax

Natürlich, wenn der Dax den crashähnlichen Modus der vergangenen Tage fortsetzt, können sich solche Zahlenspiele schnell überholen. Und in der Tat sieht die kurstechnische Entwicklung an den Börsen ziemlich angespannt aus. Gemessen an den Schlusskursen hat der Dax durch seinen Rutsch unter 9000 Punkte eine große Trendwende abgeschlossen, eine lupenreine Kopf-Schulter-Formation.

Egal, wie aussagekräftig man solche Kursbilder einschätzt, auf die leichte Schulter (!) nehmen sollte man eine solche Entwicklung nicht. Zur Erinnerung: Auch 2007/2008 und 2011 hat es vor den massiven Kursverlusten ähnliche obere Wendeformationen gegeben. Die Angst ist groß und durchaus berechtigt, dass nun auch bei den Kursen etwas Ähnliches passieren könnte, also ein Crash oder eine schwere Baisse.

Bisher hält sich der Dax auch ziemlich genau an das theoretische Muster einer solchen Formation. Der Ausbruch nach unten erfolgte mit hoher Dynamik zunächst bis auf das nächste Unterstützungsniveau 8400 bis 8500. Der nächste Schritt wäre dann eine Erholung in Richtung 8900 bis maximal 9000 (auf Schlusskursbasis).

Nach diesem Pullback an die Formation würde dann (theoretisch) wiederum eine Abschwungsphase einsetzen, deren Ziel angesichts der Tiefe der Formation (gut 1000 Punkte) etwa auf dem alten Top-Niveau um 8000/8100 liegt. Das wäre das theoretische Mindestziel der Formation.

Wenn die 8000er-Zone dann hält, wäre das im ganz großen Bild sehr vorteilhaft. Dann nämlich wäre die 2013 gestartete Dax-Hausse von 8000 auf 10000 in der Tat der Beginn einer großen Aufwärtsbewegung gewesen, die aktuelle Korrektur nur der nochmalige Rücksetzer, nachdem sich dann auf Basis von 8000 eine langjährige Hausse durchsetzten kann. Das wäre das große, positive Szenario.

Gefährlich für die große Entwicklung wird es erst, wenn das alte Top um 8000 nicht hält. Zunächst kann es dann in Richtung 7500 gehen, das Niveau von Mitte 2011. Zugleich aber würde dies bedeuten, dass der Hausse-Ansatz im Dax von 2013 ein Fehlschlag war. Im großen Bild wäre dann der Dax nicht mehr in einer grundlegenden Aufwärtsbewegung, sondern er würde wieder in die zähe Schwankungsphase  zurückkippen, die 2000 bis 2013 bestand.

Dass der Dax in Kürze wieder deutlich über 9000 steigt und damit sein schweres Verkaufssignal neutralisiert, ist wenig wahrscheinlich.

Fazit: Die Unsicherheiten von der Konjunktur, von den Zahlen und von der technischen Verfassung der Märkte sind so groß, dass auf aktueller Basis Investitionen zu riskant sind. Im Gegenteil, auf einem Niveau 8800 bis 9000 sind sogar neue Absicherungen möglich. Erst wenn der Dax bei – womöglich 8100 – eine stabile Basis gebildet hat, sind Neukäufe ein Thema. Die Gefahr, dass es tiefer geht, ist angesichts der aktuell hohen Dynamik durchaus vorhanden. Als vorsichtiger Anleger muss man dem nicht vorgreifen.

Der nächste Dax-Radar erscheint Ende Oktober.

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