Honigkuchen und Tomatenmark. Warum ich mit einer Tube Tomatenmark 3-fach konzentriert beim Marathon laufe.

Wir waren schon einige Tage mit dem Fahrrad unterwegs und an diesem Tag schon einige Stunden. Es ging bergauf und bergab in den Hügeln von Colorado und das letzte, was man dann braucht, sind schwere Dinge. Wie Brot und Käse oder Marmeladengläser. Der Körper aber braucht Kalorien und bitte sehr viel und auch rasch. Dafür gibt es handlich kleine Tüten mit süßen Gels in den abstrusesten Geschmacksrichtungen von Zitrone über Cola bis Karamell. (Ich warte noch auf die „Milky-Way-Edition“ oder „Ironman-Toast-Hawaii“). Nach dem etwa fünften Gel will hoffentlich jeder Mensch bei Verstand: a) In etwas hineinbeißen b) einen anderen Geschmack.

Brot meiner Kindheit 1.

Brot meiner Kindheit 1.

Der Vorteil dieser Gels ist aber: Sie wirken rasch. Sie geben binnen kurzer Zeit Energie und mit einem Becher Wasser – den im Laufen beim Marathon natürlich niemand kleckerfrei hinunterbekommt – helfen sie dem Körper mit Zucker aus. Der Nachteil dieser Gels ist: a) nicht jeder verträgt sie b) mir zumindest schmecken sie alle nicht und es gibt schon gar keine in Geschmacksrichtung salzig. (Wo sie doch durchaus viel Salz enthalten sollen).

In Colorado bekam ich mit den Worten: „Nimm mal diesen hier, der schmeckt nach Tomate“ eines der typischen Gelbeutelchen gereicht. Tomate? Nicht Fudge-Candy-Liquorice-Raspberry-Lemon-Cherry? Aha. Es schmeckte nach Tomatensuppe. Lecker. Urlaub für die Zunge!

Daheim habe ich sofort geschaut, was diese wunderbare Alternative kostet. Viel. Noch teurer als die eh schon kostspieligen Gels aus dem Drogeriemarkt. Und pro Stunde Sport, so der Hersteller, solle man 2-4 Tütchen zu sich nehmen. Bei vier Stunden Marathon sind das 8-16 Tütchen. Da machen sich mehrere die Taschen voll: Der Sportler mit den Tüten, der Hersteller mit des Sportlers Geld.

Was aber ist eigentlich drin in Gels und was genau braucht der Körper? Über letztes Detail können Ökotrophologen und Sportler sicher vortrefflich streiten. Zucker hilft, der Körper verwandelt ihn rasch in Energie. Salz ist wichtig, auch das ist sicher einigermaßen unstrittig. Dass es bei einem Marathon, gar einem Ironman unmöglich ist, die Kalorien, die verbrannt werden, zeitgleich wieder zuzuführen ist auch noch einigermaßen klar. Danach wird es dann schon eng und genug Sportler haben Magenprobleme beim Wettbewerb. Jeder laboriert da so einigermaßen rum. Auch ich. Ich esse sogar bisweilen Bananen, die ich eigentlich schlecht vertrage. Alles – nur kein Gel, solange es nicht nötig ist.

Gel in Variationen

Gel in Variationen

Ich habe mir dann mal die Nährwerte angeschaut, was da eigentlich so drin ist im Tomatengel. Und gedacht: Was ist eigentlich in Tomatenmark? Ist zwar kein Gel, aber doch cremig, leicht zu schlucken und enthält: Kohlehydrate und Salz. 100 Gramm Squeezy Tomatogel enthalten 11 Gramm Zucker, das Tomatenmark bringt mit: 17,5 Gramm. Beide enthalten gleich viel Salz.

Lediglich bei den Kalorien: Tomatenmark: 113kcal/100 Gramm. Tomatengel: 224kcal/100 Gramm. Etwa die Hälfte. Aber es kostet ein Bruchteil. Und drin ist: Tomaten und Salz. Sonst nix. Keine Aromastoffe, keine Koservierungsstoffe oder anderes. Also: Ausprobieren. Im Bild eine Kollektion an Gels von mir und meinem Laufpartner. Er das selbstgemachte vegane Gel, ich das Tomatenmark, als Backup die Klassiker.

Wie aber macht sich das Tomatenmark im Wettbewerb? Hält es, was ich mir davon erhoffe? Dafür habe ich mir den ersten Marathon des Jahres in Deutschland ausgesucht, den Kevelaer-Marathon am 5. Januar. Es geht um nichts, es soll ein sehr langer Trainingslauf werden in Vorbereitung für den Ultramarathon über 50 Kilometer Ende Januar in Rodgau.

Nun sagen viele, wenn sie hören, dass man gedenkt, sich von purem Tomatenmark zu ernähren: Igitt. Wir haben alle dunkle kulinarische Seiten, neben Kartoffelchips ist es bei mir sicher die schon zu Kindertagen gepflegte Eigenheit, Tomatenmark aufs Brot zu schmieren. Dick. Mutti hat das so gemacht. Und mir schmeckts. Ich habe also einen Vorteil, den ich zu nutzen gedenke. Mein Portemonnaie schont es allemal. Denn 200 Gramm Tomatenmark kosten weniger als 1 Euro. (Die Debatte, wie dieser Preis zustande kommt, führe ich hier nicht, dies ist kein Gourmetblog.) Erhältlich auch in Geschmacksrichtungen Basilikum, Wurzelgemüse und scharf – vielleicht eher für die sehr schnellen Läufe…. Aber ein, zwei verwunderte Blicke muss man sich unterwegs schon gefallen lassen, wenn man auf der Strecke seine große Tube aus der Tasche zieht und dran saugt. Nicht, dass man in grellen Laufsachen überhaupt besonders vernünftig wirkt.

Ich habe die 200 Gramm-Tube 3-fach konzentriert vom Discounter also in meine Laufjacke gesteckt. Angesichts des Wetters eine Radjacke mit Tasche auf dem Rücken, da dengelt die Tube zwar spürbar auf die Lendenwirbel 4 und 5, aber das stört mich dann doch weniger als gedacht. Sage ich jetzt. Unterwegs wars schon nervig.

Der Kevealer-Marathon ist nahe der holländischen Grenze, streng genommen wohl sogar drüber, das legen die Nummernschilder auf den Grundstücken nahe. Wer weiß es am Niederrhein schon immer so genau. Auf dem Speiseplan der Verpflegungsstationen stehen: Bananen und Honigkuchen. Hmmmmm, Honigkuchen!!! Noch ein Klassiker meiner Kindheit. Weich, gut zu beißen, Zucker und wenn überhaupt irgendwas fehlten mir die Zuckerkristalle.

Getrennt lecker, zusammen problematisch: Honigbrot mit Tomatenmark

Getrennt lecker, zusammen problematisch: Honigkuchen mit Tomatenmark. Ausprobiert. Lassen Sie es. Foto: Copyright Thomas Holzapfel

 

Zurück zum Tomatenmark: Die Tube ist leicht geöffnet, der Inhalt lässt sich sehr genau durch Druck auf die Tube dosieren, es schmeckt schön salzig und kräftig nach Tomate und die Tube saut einen nicht voll und kann wieder zugedreht werden. Im Gegensatz zum entwürdigenden Gezerre an den Reißöffnungen von Gels, deren Inhalt ich im Zuge der fehlerhaften hektischen Öffnung auch schon komplett über den Fahradrahmen ergossen habe. Eine Wohltat an Komfort. Im Mund lässt sich die nicht so klebrige Konsistenz gut schlucken, sie schmeckt wie: Ein Lebensmittel.

Und wie bekam es mir? Wie in meiner Schulzeit: Glänzend. Kein Magenziehen, kein Zirpen, zusammen mit dem Honigbrot ein kulinarischer Lauf durch die Kindheit. Die Frage, ob mir während des Laufs etwas fehlte, ich zu wenig Kohlehydrate und Salz hatte, lässt sich sicher nicht endgültig beantworten, es war ein Marathon, der nicht um Bestzeiten ging, sondern in einem machbaren Tempo auf den noch längeren Lauf vorbereiten. Aber dennoch geht jeder Sport über eine Zeit von mehr als

Brot meiner Kindheit 2

Brot meiner Kindheit 2

drei Stunden an die Substanz und auch dieser wollte gelaufen sein. Und alle Daten von Herzfrequenz bis Tempo sagen: Mein Körper hat blendend mitgespielt.

Die kulinarische Experimentierfreude beginnt und endet aber mit dem Tomatenmark, das ich künftig, wenn die Kleidung es zulässt, oder am Straßenrand eine Begleitung es anreicht, immer nehmen werde. Denn das zweite obskure Brot meiner Kindheit: Butter, Senf und Zwiebeln wird in Form einer Senftube aus offensichtlichen Gründen nicht dabei sein. Senf macht doof. Sagt mein Vater.

 

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Alle Kommentare [4]

  1. Manche essen Erdnussbutter mit Marmelade, Spekulatius auf Brötchen oder halt Tomatenmark 🙂

    Forrest Gump würde wohl sagen „Mama hat immer gesagt Wunder geschehen an jedem Tag. Es gibt Leute die glauben nicht daran, aber es ist so.“

    Tomatenmark gehört bei dir wohl dazu 🙂

  2. Hier gilt es Verwirrung zu verhindern! Ich habe WÄHREND des Laufs, ENTWEDER Honigkuchen ODER Tomatenmark zu mir genommen, das Tomatenmark als Gel-Ersatz und den Honigkuchen, weil ich Hunger hatte, er lag an den Verpflegungsstationen. ZUSAMMEN habe ich beides erst im Ziel probiert. Urgs.

  3. Versuchs mal mit Oro di Parma (Würzgemüse). Kann man so im Handel kaufen… Schmeckt richtig gut!