Butter bei die Fische.
„Sag mal, vor so einem Marathon – ist da Sex erlaubt?“ – die Kollegin traute sich, mir die Frage zu stellen. Meine kurze Antwort war „Ja.“ Die lange Antwort kommt unten im Text. Damit Sie den Mittelteil hier lesen.
Im Laufe der vergangenen gut zwei Jahre haben mich Kollegen, die erst von meiner Rennradleidenschaft, dann vom Laufen und nun vom Triathlon erfuhren, immer wieder gefragt, wie es denn mit diesem und jenem wäre. Hier der Katalog der offensichtlich drängendsten Fragen der Mitmenschen und meine – stets gleichen – Antworten.
Wo duschst du eigentlich, wenn du mit dem Rennrad ins Büro kommst?
Die Antwort ist: Gar nicht. Nein, auch nicht unten im Keller des Verlages. Ja. Ich komme ins Büro, ziehe die Funktionskleidung aus, hänge sie auf einen Kleiderbügel und ziehe saubere Klamotten an. Die ungefragte Frage ist aber eigentlich:
Stinkst du dann nicht?
Möglich. Ich pflege zu sagen, dass ich gerne darauf angesprochen werden würde, sollte das der Fall sein und ich habe Kollegen, die würden das tun. Aber: Im Gegensatz zu den Menschen, die besonders im Sommer in Bus und Bahn ihre Bürokleidung volltranspirieren, bin ich mit Wind um die Nase und frischer Kleidung recht gut bedient. Seit Februar bin ich allerdings Mitglied im Fitnessstudio, so dass ich im Winter, wenn mehrere Lagen Funktionswäsche durchnässt sind, duschen kann. Nächste Frage, bitte.
Wie viel Kilometer fährst du eigentlich zur Arbeit?
31,8. Früher waren es mal mehr als 50 Kilometer. Das kostet mich inzwischen rund eine Stunde und zehn Minuten. (Manchmal auch weniger, nach dem Umzug in eine neue Stadt wegen Verfahrens zunächst auch länger.) Das ist kaum mehr Zeit als ich mit Bus und Bahn benötigen würde. Es ist also nahezu zeitneutral und ich habe meine erste Trainingseinheit hinter mir.
Wann stehst du denn morgens auf?
Journalisten pflegen einen späten Tagesstart. Mein Wecker klingelt um 6:00. Manchmal 5:30. Kaffee, Rasieren, Zähne putzen und dann – je nach Trainingsplan Laufen und dann Duschen und dann mit dem Rad zur Arbeit oder nur eines von beiden – aber immer geduscht (siehe oben). Ich stehe also später auf als mein Vater sein gesamtes Berufsleben lang. Ich kenne aber auch genug Stories von Hobbysportlern, die bereits um 5:00 raus sind, nach dem Sport die Kinder in den Kindergarten bringen, danach ins Büro fahren. Im Winter heißt das zwangsläufig: Im Dunkeln draußen laufen, außer man mag Laufbänder. Leicht fällt das nicht. Überleitung zur nächsten Frage:
Was wiegt dein Fahrrad?
Die Szene ist immer die gleiche: Die Kollegen oder Bekannte bleiben am Rennrad stehen, greifen entweder mit einer Hand
ans Oberrohr oder mit beiden Händen an Lenker und Sattel – und heben es hoch. Leicht muss es sein, so ein Rennrad, denken sie. Mein Fahrrad habe ich nach dem Diebstahl meines alten Stahlrahmenrennrads (den ich heute als Nostalgierenner teuer verkaufen könnte…) bei einem Versender bestellt – 2001. Die Typenbezeichnung „2danger“ habe ich wegen offensichtlicher Scheusslichkeit des Namens abgekratzt. Es ist ein Alurahmen, wie er im untersten Segment der Rennradläden verkauft wird (7005er-Rohre für die Spezialisten). Das Rad ist nicht besonders leicht – und nur leichter als normale Räder, weil es weder Schutzbleche, Kettenschutz, Federgabel oder Gepäckträger hat. Und schon gar nicht besonders leicht, wenn zwei Flaschen mit Getränken in den Haltern stecken, wenn die Kollegen es lüpfen. Ich nenne das silberne No-Name-Rad liebevoll Zosse, wie einen verdienten Gaul im Altenteil, er darf was wiegen. Noch dramatischer ist es, wenn ich mein schnittig ausschauendes Triathlonrad dabei habe – das ich trotz 2.Hand-Kaufs ehrfürchtig Zobel nenne. Allein der Lenker macht aus dem vermeintlichen Federgewicht eine fette Gans des Radrennsports. Auch dieser Rahmen – Alu, kein Gewicht sparendes Carbon. 4 Flaschenhalter. Bei Vollbeladung 3 Kilo extra. Es kommt auch nicht drauf an, ich selber kann an mir immer leichter 2 Kilo abnehmen als am Rad. Damit sind wir bei der nächsten Frage:
Sowas isst du? Wie viel nimmst du noch ab?
In der Kaffeeküche schmierte ich neulich Mettbrote. „Du isst sowas?“ Ich esse alles. Ich fresse zur Zeit sogar. Und ich mache ganz sicher keine Diät. Die Hosen schlabbern dennoch. Wiegen tue ich immer noch das gleiche. Die ersten Nachfragen, ob der Gewichtsverlust noch gesund sei kommen eher indirekt an mein Ohr. Man will mir auch keine Magersucht unterstellen. Wenn jedoch jeder sehen würde, wie ich folgenlos Fette, Zucker und Kohlehydrate durch mich durchschleuse, die Effizienz der Verbrennung von Kraftstoff jeden Sparmotor neidisch machen würde, dann würde er verstehen: Sündigen macht mehr Spaß, wenn es keine Reue gibt. Damit zur spannendsten Frage:
Hast du vor dem Wettkampf Sex?
Hierzu begebe ich mich mal auf eine abstrakte Ebene, Sie haben Verständnis. Die Kollegin, die es interessierte, nahm einigen Anlauf beim Mittagessen, es schien sie schon zu bewegen, gleichwohl kannte sie keinen außer einem Bekannten, den sie fragen konnte, der lehnte Sex vor einem Marathon strikt ab. Hier also öffentlich meine Ansicht: Warum nicht? Jeder Trainingsplan sieht am Tag vor einem großen Sportereignis eine Bewegungseinheit vor. Meist 30 Minuten leichtes Laufen, oder im Triathlon eine Kombi aus Rad und Laufen. Dies ist ein seriöser Blog und es steht jedem frei, nachzudenken, wie sehr er sich verausgabt und ob Entspannung vor dem großen Ereignis – die jeder seriöse Trainer empfiehlt – nicht ohne große Anstrengungen zu arrangieren ist. Phantasie ist gefragt.
Weitere Fragen? Ich antworte gern: thorsten.firlus@wiwo.de

