Dhaka / Bangladesch, im August
Demütig dankbar bin ich dem lieben Gott, dass er mich in der hessischen Provinz in die Welt gesetzt hat. Zuweilen mag es langweilig gewesen sein, das Dorfleben – aber es war stets hygienisch dort und zivilisiert, von Armut weit und breit keine Spur, nur Reichtum. In Bangladesch kann niemand der Armut entfliehen. Jeder H&M-Einkäufer, der in den engen Straßen von Dhaka mal im Stau stand, kennt den Anblick armloser Bettler mit verfaulten Zähnen. Fahrer der weißen Ausländer-Limousinen drücken dann hastig die Zentralverriegelung, damit die Armut bloß hinter der Glasscheibe bleibt und nicht auch noch die Tür aufreißt (wozu den Armen wohl eh die Kraft fehlt). So bleibt Armut schön abstrakt – wie im Fernsehen.
Seit gestern Abend bin ich viel zu Fuß unterwegs. Das ist schon olfaktorisch eine Herausforderung. Ein Mix aus Müll, Schweiß und Scheiße steht in den Straßen von Dhaka. So wie der Wind will, dominiert mal dieser, mal jener Gestank. Immer wieder setzt sich abends auch der Geruch mobiler Straßenküchen durch, in denen Männer deftig gewürztes Hähnchenfilet rösten und auf die blanke Hand servieren. Bangladeschi essen eigentlich immer mit den Fingern.
Im Moment ist Ramadan, aber nicht mehr lange. Die Muslime freuen sich auf das Eid-Fest des Fastenbrechens und kaufen an Straßenständen frisches Gemüse, Kleider und Gewürze ein. Dass neben der Einkaufsmeile stinkende Lkw, Autos und Tuk-Tuk’s in halsbrecherischen Manövern um den Platz auf der Straße kämpfen, stört niemanden – und die Bilder der Armut nehmen die meisten noch weniger wahr als die Autos, vor denen man wenigstens Respekt hat. So fällt auch der alte Mann niemandem auf, der neben einem Gewürzgurkenstand rücklings auf dem blanken Asphalt liegt. Ihm fehlen beide Arme und beide Beine, womöglich abgehackt, damit er besser betteln kann. Auf dem Bauch des lebenden Torso steht eine rote Plastikschachtel für die Almosen.
Der Alltag ist brutal. Das gilt auch für die Slums von Gazipur, die ich am Donnerstag besuche. Der wohl bekannte Gestand nach Kloake ist hier noch markanter, denn die Abwässer fließen unter Holzbohlen hinweg, die quasi die Slum-Straßen zwischen unzähligen Wellblechverschlägen darstellen. Im Raum mit dem Brunnen, den sie hier Dusche nennen, staut sich das Brauchwasser, gegenüber kocht eine alte Dame auf dem Bunsenbrenner trotzdem Mittagessen. In den meisten der drei mal vier Meter großen Slum-Verhaue leben fünf Frauen – allesamt Näherinnen der Hannan-Group, eine der größten Textilhersteller von Bangladesch.
Im Slum treffe ich Fahima. Sie ist 26 Jahre alt – und hat es geschafft, würde man hier sagen: Sie kam vom Land in die Stadt und ist in der Fabrik zur Vorarbeiterin aufgestiegen. Sie hat einen Mann geheiratet, der Schreiner ist und sogar etwas mehr verdient als jene 5000 Taka (49,96 Euro), die sie nach Hause bringt. Zusammen schaffen sie es, die beiden Söhne gut durchzubringen. Aber für den Ausbruch aus dem stinkenden Slum reicht das Geld trotzdem nicht. Zumal die Inflation den Lohn auffrisst. „Trotzdem ist es hier besser auf dem Land, denn hier habe ich wenigstens Arbeit“, sagt Fahima.
Der Fabrikant, für den sich die Slumbewohner krumm machen, näht übrigens Klamotten für H&M, S.Oliver und Esprit. Was Deutschlands Handelsriesen mit der Armut in Bangladesch zu tun haben, wird demnächst in der WirtschaftsWoche zu lesen sein. Bis dahin freue ich mich über alle Anregungen und Kommentare zum Thema!
Viele Grüße aus Dhaka,
Florian Willershausen
Übrigens: Unicef oder das Rote Kreuz können die da wirklich gut gebrauchen. Wenn ich zurück bin, spende ich was.




















6 Kommentare zu “Die Gesichter der Armut”
Zitat St.Exupéry: “Das Leben ist eine Brücke. Geh’ hinüber, aber baue dir kein Haus darauf!” Ich wünsche Ihnen Mut, Kraft und Zuversicht. Schenken Sie Ihrem Gegenüber heute ein Lächeln!
Hochinteressanter Einblick, der sich fast 1:1 deckt mit den Bildern, die ich aus Indien noch im Kopf habe und seitdem mit mir herumtrage. Unseren Wahn nach “immer billiger” bezahlen andere. Auf die Ausgabe der Wiwo bin ich besonders gespannt. Vielleicht zeigen Sie ja auch Alternativen auf? Denn wie Verbraucher Kleidung fair kaufen können, ist immer noch sehr wenig bekannt und für Einzelne auch kaum nachvollziehbar/kontrollierbar.
Ist die Textilindustrie die Ursache für die Armut und die fehlenden Sozialstandards?
Was verdienen eigentlich ein Bäcker, ein Busfahrer, eine Grundschullehrerin, eine Verkäuferin vor Ort?
Was würde eigentlich passieren, wenn die Fabriken nach deutschen Standards eingerichtet wären und deutsche Sozialleistungen gewährt würden?
Oder wie sind Ihre Alternativen?
Recherchieren Sie doch mal die Kosten-und Etragstruktur für ein Bekleidungsteil.
Dann werden Sie schnell sehen, dass die “kleinen schwarzen Hände” die
Mieten in den deutschen Innenstadtlagen finanzieren!
Eine Rotkreuz-Spende wird definitiv nichts ändern!
Das ist reine Gewissensberuhigung!
@Julia Richter: Vielen Dank für Ihren Kommentar. In der Nachrecherche analysiere ich derzeit die CSR-Strategien mehrerer deutscher Retailer. Es gibt große Unterschiede hinsichtlich der Sozialstandards, die bei Zulieferern westlicher Mode-Labels herrschen. Viele Modekonzerne könnten und sollten sehr viel mehr tun, um die Standards in den Billiglohnländern zu verbessern. In Kürze werde ich auf wiwo.de und in der Print-Ausgabe hierfür einige Beispiele geben
@Frank Niemüller: Die Menschen in Ländern wie Bangladesch sind heilfroh, dass es die Textilindustrie gibt – und sie überhaupt Arbeit haben. Allerdings hat der Aufschwung der Branche bislang nicht dazu geführt, dass den Arbeiterinnen und Arbeitern in der Mehrheit menschenwürdige Unterkünfte und angemessene Löhne zukommen. Hieran muss gearbeitet werden. Die Kostenstruktur eines Bekleidungsstück habe ich recherchiert – und der Lohnanteil an einem einfachen T-Shirt macht Cent-Beträge aus.
6,5 Monate in Bangladesh – Facettenreichtum: http://ey-rickshaw.blogspot.de/