“Unsere Treffsicherheit ist überdurchschnittlich hoch”

Herr Weiss, Sie sind einer der Geschäftsführer und Mitgründer von Rocket Internet, einem der bekanntesten Inkubatoren Deutschlands. Was zeichnet die Startups aus, die dort entstehen?
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Weiss: Wir konzentrieren uns auf Ideen aus den Bereichen Consumer Internet und Mobile, die sich gut skalieren und internationalisieren lassen. So haben einige der Rocket-Startups, die mit einer Hand voll Leuten begonnen wurden, inzwischen mehrere Hundert Mitarbeiter, und allein in Berlin ist das Rocket-Portfolio mit einer vierstelligen Anzahl an Mitarbeitern einer der größten Arbeitgeber.

Wir erklären Sie sich den Erfolg?
Wir haben von Beginn an Wert darauf gelegt, die besten Leute in den verschiedenen erfolgskritischen Bereichen für Rocket zu gewinnen. Da sehr gute Leute weitere sehr gute Leute anziehen und wir als erster Internet-Inkubator an den Start gegangen sind, haben wir uns einen Vorsprung erarbeitet, der schwer aufzuholen sein wird. Unsere Treffsicherheit beim Aufbau erfolgreicher Unternehmen ist überdurchschnittlich hoch, weil wir neben unserer Erfahrung bei der Auswahl vielversprechender Geschäftsideen den Gründern auch bei der Umsetzung helfen, Fehler zu vermeiden und weit oben auf der Rocket-Lernkurve anzusetzen. So werden wir gemeinsam von Gründung zu Gründung besser.

Auf der Rocket-Homepage fehlt ein Hinweis darauf, dass die Brüder Alexander, Marc und Oliver Samwer hinter Rocket Internet stecken. Wollen Sie die verstecken – oder die sich selbst?
Weder noch. Auch wenn die Samwers auf der Internetseite nicht in Erscheinung treten, sind sie sehr nah am Geschehen dran. Wir, die Betreiber des Inkubators, und die Gründer tauschen uns regelmäßig intensiv mit ihnen aus. Sie geben Tipps und vermitteln Kontakte zu Investoren und erfahrenen Partnern. Davon profitieren die Startups sehr – besonders in der Anfangsphase.

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Christian Weiss
(Bildmitte)

hat BWL an der WHU in Vallendar, in England und in Frankreich studiert. Nach seinem Studium baute er mit zwei Kommilitonen die MUNDWERK AG auf. Nach dem Verkauf des Unternehmens war er für das Ticketing der Fußball-WM 2006 zuständig. Seit Anfang 2007 ist er u.a. in Zusammenarbeit mit dem EuropeanFoundersFund als Berater, Gründer/Geschäftsführer und Business Angel für eine Reihe von Internetunternehmen aktiv. Im Sommer 2007 hat er auf Initiative der Brüder Marc, Oliver und Alexander Samwer Rocket Internet gegründet und aufgebaut, einen Inkubator für neue Internet-Unternehmen. Das Bild zeigt Weiss mit Johannes Kreibohm (links), der bei Rocket Internet das Unternehmen Plinga mitgegründet hat (siehe WirtschaftsWoche vom 21. Februar 2011).
Foto: Arne Weychardt für WirtschaftsWoche

Das könnte man auch als Einmischen bezeichnen…
Aus meiner Sicht klingt das zu negativ, denn die Gründer profitieren von dieser Unterstützung. Die Samwers predigen nicht einfach ins Blaue, sondern kennen sich mit Geschäftsideen im Internet aus eigener Erfahrung extrem gut aus, haben ein großes Netzwerk und wissen sehr genau, was wann zu tun ist.

Wie viel Erfahrung brauchen dann die Gründer, wenn sie bei Rocket loslegen?
Wer bei Rocket ein Unternehmen mitgründen will, muss keine jahrelange Erfahrung mit Internet-Unternehmen mitbringen. Viel wichtiger ist, dass er sich schnell in neue Themen einarbeiten kann. Außerdem suchen wir Leute, die analytisch denken, aber dennoch pragmatisch handeln, sehr gerne arbeiten, und dabei immer besser werden wollen.

Wie viel Leidensfähigkeit ist nötig?
Natürlich ist es harte Arbeit, ein Unternehmen aufzubauen. Und mit Sicherheit kann man nicht um 17 Uhr Feierabend machen. Bei allen Gründern, die ich kenne, wird die viele Arbeit aber nicht als Leiden empfunden. Im Gegenteil ergibt sich oft automatisch aus der Leidenschaft für die Idee das Bestreben, ein erfolgreiches Unternehmen aufzubauen, und die Begeisterung für das, was man macht.

Wie finden Sie die passenden Gründer?
Zum einen kann man sich bei uns bewerben. Zum anderen suchen wir ganz gezielt nach Leuten, die zu uns passen – etwa an Universitäten, auf Branchenveranstaltungen oder bei Konferenzen. Sollte jemand perspektivisch als Gründer mit uns zusammenarbeiten wollen aber noch kein konkretes Projekt anstehen, hat er die Möglichkeit, als Entrepreneur-in-Residence zu uns zu stoßen und auf dem Weg zur eigenen Gründung im Rocket-Umfeld Erfahrungen zu sammeln und viel zu lernen.

Was verbirgt sich dahinter?
Das ist eine Art Traineeship für Gründer, das wir vor einigen Jahren eingeführt haben. Wer es durchläuft, arbeitet bei mehreren bestehenden Startups im Inkubator mit und sammelt so Erfahrungen mit dem Aufbau von Unternehmen – von der Personalführung über das Online Marketing, die Produktentwicklung bis zum Vertrieb. Auf diese Weise veredeln wir den Gründern nicht nur die Wartezeit, sondern qualifizieren sie fürs Unternehmertum. Nach sechs bis zwölf Monaten gründen die meisten dann ein neues Unternehmen mit uns.

Müssen solche Gründertrainees eine eigene Idee mitbringen, um bei Rocket Unternehmer zu werden?
Nicht unbedingt. Vier von fünf Ideen, die wir unterstützen, wurden bei Rocket geboren und hier mit den passenden Unternehmern und Investoren zusammen gebracht. Wir suchen nicht ausschließlich nach Leuten mit guten Ideen, sondern auch nach Leuten, die für unsere Ideen offen sind und diese mit uns umsetzen können.

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Schnelle Brüter

Inkubatoren bieten Gründer Nährboden und Nestwärme, um zu Unternehmern zu reifen. Betreiber dieser Brutkästen sind nicht nur Hochschulen, die findige Wissenschaftler fördern, sondern neuerdings auch immer mehr Unternehmer mit viel Geld und hohen Ansprüchen

In der WirtschaftsWoche vom 21. Februar finden Sie einen Beitrag über den Boom von Gründer-Brutkästen wie Rocket Internet in Deutschland. Wie Hochschulen Gründer mit Inkubatoren fördern, lesen Sie außerdem hier.

Wie viele Anteile müssen die Gründer abgeben, wenn sie keine eigene Idee mitbringen und noch dazu so viel Unterstützung erhalten?
Das wird bei jedem Unternehmen individuell festgelegt. Es kommt auf viele Faktoren an, unter anderem woher die Idee kommt, wie die Finanzierung aussieht etc.

Im vergangenen Jahr hat Ihr Unternehmen Citydeal für Schlagzeilen gesorgt, das nur wenige Monate nach der Gründung an Groupon verkauft wurde. Im Internet kursieren Gerüchte, wonach Groupon dafür einen dreistelligen Millionenbetrag gezahlt hat. Wie hoch lag der Kaufpreis wirklich?
Dazu können wir keine Angaben machen.

Citydeal wurde ursprünglich mit drei Gründern aufgebaut, von denen zwei das Unternehmen wenige Monate vor dem Verkauf an Groupon verlassen haben. Konnten die von dem Deal noch profitieren oder sind sie leer ausgegangen?
Die Chancen für Gründer im Internet sind groß, die Anforderungen sind aber auch hoch. Wie bei jedem Unternehmen komm es leider manchmal vor, dass die Führungspersonen diesem Anspruch nicht gerecht werden. So auch teilweise bei Citydeal in der Probezeit des Managements ganz zu Anfang. Einer der drei Gründer ist heute noch dabei und profitiert sehr vom Erfolg von Citydeal/Groupon.

Nicht nur Citydeal, auch andere Ideen, die bei Rocket Internet umgesetzt werden, ähneln Vorbildern aus den USA. Wie sehr trifft Sie der Vorwurf, gute Ideen zu klonen statt eigene zu entwickeln?
Ehrlich gesagt verstehe ich den Vorwurf nicht. Wie viele andere Unternehmen schauen wir nach Trends und Innovation im Markt und entwickeln jeden Tag viel Neues in den Unternehmen, in den Produkten, im Online-Marketing, im Payment. Pepsi Cola ist nach dem Vorbild von Coca Cola entstanden, Daimler schaut, was BMW gerade Neues macht. Unsere Unternehmen sind häufig erfolgreich, weil sie ständig innovativ sind.

Herr Weiss, vielen Dank für das Gespräch!


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Über Jens Tönnesmann

Jens Tönnesmann, 33, ist freier Journalist. Seit 2008 berichtet er als Gründerreporter für die WirtschaftsWoche über junge Unternehmen und Trends in der Gründerszene und koordiniert den WirtschaftsWoche-Gründerwettbewerb. Außerdem lehrt er an der Kölner Journalistenschule, an der er das journalistische Handwerk selbst gelernt hat. Parallel zur journalistischen Ausbildung hat er Volkswirtschaftslehre und Politik in Köln und Vancouver studiert. An der University of British Columbia belegte er einen Entrepreneurship-Kurs, der mit einem Businessplanwettbewerb endete. Seitdem weiß er, wie schwierig es ist, eine tragende Geschäftsidee zu entwickeln, und wie leicht die Arbeit fällt, wenn man die zündende Idee gefunden hat und für sie brennt.

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Alle Kommentare [2]

  1. Vielen Dank Herr Tönnesmann für das interessante Interview.

    In München entsteht gerade ein “Mini-Inkubator” mit einem eigenen Startup-Space, genannt The Founders Hub. Wir wollen Gründer unterstützen, die bisher nur eine Idee haben, aber nicht weiterkommen oder sich mit anderen austauschen wollen. Getreu unserem Motto “Take care of your ideas, we take care of the rest.” wollen wir die Lücke zwischen Unis und großen Inkubatoren schließen und innovative Gründungen mit auf den Weg bringen. Gern sind wir offen für interessante Kooperationen & Partnerschaften. Unterstützer in jeder Hinsicht sind jederzeit herzlich willkommen.