Gründerwüste Deutschland?

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Stefan Lemper kennt das Problem. „Es ist zu wenig Geld im Markt“, sagt der Geschäftsführer des Startups Club Cooee, einer neuartigen 3D-Internetplattform, auf der sich Teenager in virtuellen Welten austauschen können. Eine Anschubfinanzierung bekam das junge Unternehmen aus Kaiserslautern zwar im Frühjahr 2008 noch, doch danach bissen sich die Gründer auf der Suche nach frischem Kapital die Zähne aus. Und das, obwohl nach Angaben des Startups Nutzer aus aller Welt über 500 Millionen Minuten in den Cooee-Welten verbracht haben.

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Alexander Jorias, Ingo Frick und Stefan Lemper von Club Cooee

Menschen aus aller Welt bewegen sich als “Avatare” in den virtuellen Welten von Club Cooee. Nur Investoren haben um das Startup aus Kaiserslautern lange einen Bogen gemacht.

„In Deutschland gibt es nur noch wenige Venture-Capital-Fonds“, sagt Lemper, „und die investieren lieber in späteren Wachstumsphasen in Unternehmen, wenn es nicht mehr so riskant ist.“

Dieser Engpass macht derzeit vielen High-Tech-Unternehmen das Leben schwer und dürfte potenzielle Gründer abschrecken. Das zeigt eine aktuelle Studie (PDF), die das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Zusammenarbeit mit der High-Tech-Gründerinitiative „unternimm was“ von Microsoft Deutschland erstellt und heute vorgestellt hat.

Hierzulande gibt es zu wenig Risikokapitalgeber und schlechte Finanzierungsmöglichkeiten, lautet das Urteil der für die Studie befragten Unternehmer. Die Risikokapitalgeber hätten sich in den vergangenen Jahren immer stärker auf die Wachstumsphase konzentriert und sich aus der Finanzierung der ersten Gründungsphase „vollkommen zurückgezogen“, so die Autoren der Studie.

Andere Untersuchungen kommen zu ähnlichen Ergebnissen: Im aktuellen Gründerreport des DIHK (PDF) bemängeln sechs von zehn IHK-Existenzgründungsberatern, das High-Tech-Gründern weder über ausreichend Zugang zu Fremdfinanzierung, noch zu Eigenkapitalgebern verfügen.

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High-Tech-Gründungen in Deutschland auf niedrigem Niveau

Quelle: ZEW/Microsoft (zum Vergrößern bitte anklicken)

Für den Standort Deutschland hat das fatale Folgen: High-Tech-Gründer sind hierzulande weiterhin Mangelware. Bezieht man die neuen Unternehmergesellschaften (UGs) mit in die Berechnung ein, ist ihre Zahl im Jahr 2009 gegenüber dem Vorjahr laut ZEW zwar um 20 Prozent gestiegen. Klammert man die UGs dagegen aus liegt das Plus nur bei 3,1 Prozent – auf weiterhin sehr niedrigem Niveau (siehe Grafik). Außerdem ist der Anstieg vor allem einem Gründerboom im Software-Bereich (plus 15 Prozent) zu verdanken. Bei so genannten „Spitzentechnologien“ wie der Medizintechnik nahm die Zahl der Startups dagegen ab – obwohl diese Technologien laut ZEW langfristig besonders große Wachstumschancen besitzen.

„Deutschland bleibt hinter seinem Anspruch, ein High-Tech-Gründerland zu sein, weiterhin zurück“, sagt Ralph Haupter, Vorsitzender der Geschäftsführung bei Microsoft Deutschland. Die Ergebnisse der Studie seien „besorgniserregend.“ Wie schon sein Vorgänger Achim Berg fordert Haupter Steuervergünstigungen für Investoren und einen „Sonderstatus“ für High-Tech-Gründer, konkret: „zehn Jahre Steuerfreiheit“.

Denn High-Tech-Gründer sorgen nicht nur für Fortschritt, sondern schaffen auch Arbeitsplätze: Laut ZEW beschäftigen sie im Schnitt doppelt so viele Mitarbeiter wie Gründer in anderen Branchen. Die High-Tech-Industrie sei ein „Impulsgeber“ der deutschen Wirtschaft, findet auch Hans-Joachim Otto, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundeswirtschaftsministerium. Die Forderungen nach Steuerfreiheit für Gründer stoßen bei dem FDP-Politiker aber eher auf taube Ohren – bei der Vorstellung der ZEW-Studie äußerte er sich nicht dazu.

In anderen Ländern wie Frankreich oder England sind die Rahmenbedingungen deutlich investitionsfreundlicher, so die Autoren der ZEW-Studie. So können Unternehmen in Frankreich beispielsweise den Status eines “Jungen Innovativen Unternehmens” erhalten, wenn mindestens 15 Prozent ihrer gesamten Ausgaben in Forschung und Entwicklung fließen. Dafür erhalten sie und ihre Kapitalgeber spürbare Steuervergünstigungen.

Wie passend, dass auch Stefan Lemper und die Gründer von Club Cooee am Ende nicht in Deutschland, sondern im Ausland fündig wurden: Vor zwei Wochen investierten zwei französische Risikokapitalgeber eine siebenstellige Summe in das junge Unternehmen.

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Über Jens Tönnesmann

Jens Tönnesmann, 36, ist freier Journalist. Seit 2008 berichtet er als Gründerreporter für die WirtschaftsWoche über junge Unternehmen und Trends in der Gründerszene und koordiniert den WirtschaftsWoche-Gründerwettbewerb. Außerdem lehrt er an der Kölner Journalistenschule, an der er das journalistische Handwerk selbst gelernt hat. Parallel zur journalistischen Ausbildung hat er Volkswirtschaftslehre und Politik in Köln und Vancouver studiert. An der University of British Columbia belegte er einen Entrepreneurship-Kurs, der mit einem Businessplanwettbewerb endete. Seitdem weiß er, wie schwierig es ist, eine tragende Geschäftsidee zu entwickeln, und wie leicht die Arbeit fällt, wenn man die zündende Idee gefunden hat und für sie brennt.

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Alle Kommentare [6]

  1. Was macht eine fruchtbare Grundlage für High-Tech-Gründer, Social Entrepreneurs und Startups im Allgemeinen aus?

    Aus meiner Sicht ist es weniger das Kapital oder Cash. Es sind mehr die offenen Netzwerke über die speziellen Kreise der Gründer hinaus. Auch in fremde Kulturkreise und andere Länder hinein.

    Unterstützt wird gegenwärtig meist ausschließlich mit geldwerten Mitteln, sei es Förderung von Coaching (nur mit eingetragenen Coaches) oder direkter Förderung mittels Förderprogrammen.

    http://blog.irvingwb.com/blog/2009/10/innovation-entrepreneurship-and-the-evolution-of-cities.html

    …. es braucht die offenen und auch interdisziplinären Netzwerkeffekte innerhalb von Regionen und Städten, die erst die Innovationen (und auch Erfindungen) möglich machen.

    What is the problem that is bothering entrepreneurs and city fathers alike?

  2. In der Tat, wir haben keine Gründerkultur mehr. Die meisten schauen erst einmal, was der Staat verschenkt und greifen beherzt zu. Wir haben in Deutschland diverse Gründungshilfen (Bares für Gründer), und die führen offenbar nirgendwohin.

    Zusätzlich zu den zahlreichen Hürden und Lasten des Staates, die einen gut informierten Bürger in der Regel von der Existenzgründung abhalten, haben wir womöglich mit Vorboten des demographischen Wandels zu tun. Fünfzigjährige gründen nicht – sie sorgen vor und kaufen lieber Immobilien (was in der Regel keine tolle Investition ist, aber “sicher”). Bereits die Perspektive der Überalterung der Gesellschaft lähmt, auch, wenn die eigentliche Problematik noch nicht akut ist. Ich bin gespannt, wie sich das in den nächsten Jahren entwickelt.

  3. Deutschland braucht Gründer und Investorenanreize, ansonsten wagt Niemand etwas in dieser risikoscheuen Gesellschaft.

    10 Jahre persönliche Steuer- und Insolvenzfreiheit für Gründer und Investoren, die es noch wagen etwas zu UNTERNEHMEN. Sollten dabei auch noch Arbeitsplätze entstehen muß der Staat eben für jeden Arbeitsplatz an die Risikoträger bezahlen, so einfach wäre es einen Gründungsboom zu erzeugen und unsere Nichthafter in Berlin vor weiteren, statistischen “Gründungslügen” zu bewahren.

  4. zufällig kenne ich Club Cooee, es ist echt nicht schlecht weil man auch sehr viel kostenlos machen kann in dem 3D Messenger der etwas ähnlich wie MSN ist und auch eine virtuelle 3D Welt beinhaltet.
    MSN + Second Life = Club Cooee

  5. Bei Cooee ist die Lernkurve recht hoch, aber wer mal die Haptik inne hat, wird das Teil mögen. Ein 3D-Adventure der besonderen Art, mit Sound ein echter Hingucker. Mehr davon…

  6. Ich halte das Problem der geringen Gruenderzahl in Deutschland fuer weitaus wichtiger und dringender als der vielbeschworene Fachkraeftemangel, ueber den man ja, je nach Sichtweise, trefflich diskutieren kann. Diese kleinen Unternehmen sind die Beschaeftigungsmotoren der Wirtschaft. Nicht die DAX-Konzerne, bei denen ein Ratio-Programm das Naechste jagt. Neben dem sogenannten Wagniskapital, sollte der Neugruender vor allem von staatlichen Regulierungen und Auflagen die ersten fuenf Jahre vollkommen freigestellt werden. Steuererleichterungen sind gut gemeint, bringen aber in der Startphase meist nicht viel, da hier oft noch Verluste oder lediglich geringe Gewinne erzielt werden. Des Weiteren muss man den jungen Unternehmen die Moeglichkeit der Substanzbildung geben um schwierige Phasen ueberstehen zu koennen. Den Lokalpolitikern sei verordnet, dass sie sich auch mal bei einem EinMann-/Frau- blicken und ablichten lassen sollten und sich nicht nur bei Publicity-traechtigeren etablierten Unternehmen im Helm durch die Hallen fuehren lassen sollten.