Exklusive Umfrage: Internet-Startups wollen Stellen schaffen

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Bewegung in der Web-Gründerszene: Zwar gibt es immer mal wieder bekannte Startups, die Insolvenz anmelden – so etwa jüngst der Shoppingdienst Dealstreet. Aber zugleich häufen sich die Erfolgsmeldungen über abgeschlossene Finanzierungsrunden – kürzlich etwa beim Musikdienst Simfy oder der Live-Shopping-Plattform guut.de. Auch in der VC-Szene tut sich einiges: Investoren rund um den Spreadshirt-Gründer Lukasz Gadowski haben im Frühjahr einen Sechs-Millionen-Fonds aufgelegt. Und vor ein paar Tagen sorgte Lars Hinrichs mit seiner neuen Investorenfirma HackFwd für Schlagzeilen.

Dazu passt, dass die meisten Internetgründer relativ optimistisch in die Zukunft schauen, wie eine aktuelle Umfrage des Gründerraums unter rund 110 Startups belegt. Die wichtigsten Ergebnisse:

  • Gründer wollen neue Stellen schaffen: Knapp zwei Drittel der befragten Jununternehmer wollen in der zweiten Jahreshälfte zusätzliche Mitarbeiter einstellen. Nur jeder zehnte Gründer rechnet damit, Stellen abbauen zu müssen.
  • Mit Optimismus auf Investorensuche: Etwas mehr als die Hälfte der befragten Jungunternehmer sind zurzeit auf der Suche nach Investoren.
    Eine gute Nachricht: 72 Prozent der suchenden Gründer sind zuversichtlich, auch einen Geldgeber zu finden. Übrigens selbst diejenigen unter ihnen, denen im ersten Halbjahr eine sicher geglaubte Finanzierung ausgefallen ist.
  • Umsätze steigen stärker als 2009: Jeder zweite Gründer konnte seit Jahresbeginn ein Umsatzwachstum von mindestens 25 Prozent verzeichnen – damit entwickelt sich das Jahr für viele Gründer etwas besser als das Krisenjahr 2009. Außerdem schätzt die Mehrzahl der Gründer die derzeitige Geschäftslage ihres Startups besser ein als die Lage zum Jahresbeginn; viele erwarten sogar, dass es im zweiten Halbjahr weiter bergauf geht (siehe Grafik am Ende des Textes).
  • Mehr Geld für Produktentwicklung und Marketing: Über 50 Prozent der Gründer reagieren auf die leicht anziehende Konjunktur, indem sie ihre Ausgaben für die Entwicklung neuer Produkte erhöhen; knapp 45 Prozent wollen außerdem wieder mehr Geld ins Maketing stecken.

Einerseits.

Andererseits gibt es immer noch viele Gründer, die eher skeptisch in die Zukunft schauen:

Gründer-Statements:

“Wir haben Schwierigkeiten, Finanzmittel aufzutreiben. Sehr verhaltene VCs und extrem restriktive Banken.”

“Man merkt, dass der VC Markt sich vor großen Investitionen scheut. In Deutschland hat dies eine Unterfinanzierung von innovativen Ideen zur Folge.”

“Bereits vereinbarte Finanzierungsrunden wurden buchstäblich in letzter Sekunde abgesagt – wegen der Investitionsstops in der Medienindustrie.”

  • Knapp 15 Prozent der Gründer haben Existenzangst und glauben, dass die Wirtschaftslage bzw. Krise die Zukunft ihres Startups bedroht – der Anteil ist fast exakt so hoch wie vor knapp zwölf Monaten.
  • Geplatzte Finanzierungsrunden weiter keine Seltenheit: Ähnlich wie zur Jahresmitte 2009 ist jedem fünften Startup im ersten Halbjahr dieses Jahres eine erwartete Finanzierung kuzfristig ausgefallen. Viele Umfrageteilnehmer berichten von zurückhaltenden Investoren und einem “schlechten Finanzierungsumfeld”. Aber es gibt durchaus auch positive Stimmen: Einige Unternehmer spüren nach eigenen Angaben keine Auswirkungen der Krise mehr; andere haben beobachtet, dass sich die Lage entspannt und “zwischenzeitlich eingefrorene Budgets zu Jahreswechsel wieder frei geworden sind.”
  • Mass Customizer haben es schwer: Web-Startups, die individualisierbare Produkte über das Internet vertreiben, ist überdurchschnittlich oft eine Finanzierung weg gebrochen – dementsprechend pessimistisch bewerten sie ihre Lage; außerdem gehören sie zu den Befragten, die bei den Personalkosten eher sparen wollen.
  • Erholung im Anzeigengeschäft? Internet-Startups, die mit Werbung Geld verdienen wollen, sind dagegen optimistischer als noch Mitte vergangenen Jahres. Etwas mehr als 80 Prozent bezeichnen ihre Geschäftslage gegenwärtig als “gut” oder sogar “sehr gut”, 17 Prozent erwarten für das zweite Halbjahr sogar noch eine Verbesserung ihrer Lage. “Wir merken, dass Unternehmen ihre Marketingbudgets nochmal durchleuchten und mehr von Print und TV auf Internetwerbung wechseln”, schreibt ein Gründer in der Umfrage, “das hat für uns eher positive Auswirkungen.”

Fazit: Die Internet-Gründer sind zwar zuversichtlich, aber sehr viel besser als vor einem Jahr ist ihre Stimmung bisher noch nicht. Vielleicht sind Gründer einfach notorisch optimistisch  – oder müssen es sein?

stimmung

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Über Jens Tönnesmann

Jens Tönnesmann, 33, ist freier Journalist. Seit 2008 berichtet er als Gründerreporter für die WirtschaftsWoche über junge Unternehmen und Trends in der Gründerszene und koordiniert den WirtschaftsWoche-Gründerwettbewerb. Außerdem lehrt er an der Kölner Journalistenschule, an der er das journalistische Handwerk selbst gelernt hat. Parallel zur journalistischen Ausbildung hat er Volkswirtschaftslehre und Politik in Köln und Vancouver studiert. An der University of British Columbia belegte er einen Entrepreneurship-Kurs, der mit einem Businessplanwettbewerb endete. Seitdem weiß er, wie schwierig es ist, eine tragende Geschäftsidee zu entwickeln, und wie leicht die Arbeit fällt, wenn man die zündende Idee gefunden hat und für sie brennt.

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