Eine Großfusion im Beratermarkt ist wahrscheinlicher geworden

Frank HöselbarthFrank Höselbarth, Chef der auf das Markenimage von Unternehmensberatungen spezialisierten People & Brand Agency, über die Konsolidierung im Beratermarkt.

Herr Höselbarth, die viertgrößte Wirtschaftsprüfungsgesellschaft der Welt KPMG hat angekündigt, die Einkaufsberatung Brainnet zu übernehmen. Inwieweit ist der Deal symptomatisch für eine stärkere Positionierung der Big Four der Wirtschaftsprüferszene generell im Feld der Managementberatung?

Höselbarth: Der Kauf von Brainnet durch KPMG ist nicht die erste und nicht die letzte Übernahme, die wir auf der Schnittstelle von Wirtschaftsprüfung und Managementberatung erleben werden. Im konkreten Fall haben die beiden Häuser auf einen Trend bei internationalen Konzernen reagiert. Die Unternehmen wollen ihren Einkauf und ihre Lieferketten nicht mehr nur über die reine Bündelung von Bestellmengen und betriebswirtschaftlich effizienteres Supply Chain Management optimieren. Sie kalkulieren heute bereits bei der Planung ihrer Lieferketten auch mit den Einsparungen, die sich durch eine geschickte Wahl des genauen Standorts ihrer Einkaufsabteilung und Lagerstandorte bei Steuern und Zöllen ergeben können. Eine solch vollumfängliche Beratungsleistung können reinrassige Managementberatungen nicht erbringen.

Die Wirtschaftsprüfer werden also immer tiefer in das Terrain der Berater vordringen?

Höselbarth: Die Wirtschaftsprüfer wären dumm, wenn sie es nicht täten. Was aber am auffälligsten ist, ist der Zeitpunkt des Deals. Im Moment schwebt ja noch über der gesamten Wirtschaftsprüferbranche das Damoklesschwert der gesetzlich verordneten Trennung zwischen Prüfung und Beratung. Frühestens in diesem Herbst wird die Branche von Seiten der EU mehr Klarheit darüber erhalten, ob sie auch künftig noch Unternehmensberatung und Abschlussprüfung unter einem Dach vereint anbieten können wird. Der Deal ist ein Zeichen dafür, dass die Wirtschaftsprüfer ihre Zukunft ganz klar mit dem Thema Unternehmensberatung verbunden sehen.

Und was passiert, wenn die EU tatsächlich per Gesetz die Trennung von Prüfung und Beratung durchsetzt? Wären die Übernahmen von spezialisierten Managementberatungen für die Wirtschaftsprüfer nicht völlig umsonst gewesen?

Höselbarth: Wenn die EU ein striktes organisatorisches Trennungsverbot beschließt, dann würden die Beratungsarme der großen Wirtschaftsprüfer zumindest auf einen Schlag einen ihrer wichtigsten Wettbewerbsvorteile einbüßen: den Vorteil über den weltweiten Verbund der Prüfgesellschaften rund um den Globus vertreten zu sein. Im Fall eines solchen Verbots müssten die Beratungszweige ausgegliedert werden. Das heißt aber nicht automatisch, dass die jetzt durch Zukäufe entstehenden neuen Beratungsformationen nicht auch zukünftig am Markt erfolgreich sein können. Sie müssten eben nur organisatorisch völlig getrennt von den Prüfgesellschaften agieren.

Einerseits hat EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier lauthals verkündet, dass er alles dafür tun wird, dass die strikte Trennung zwischen Prüfung und Beratung kommt. Andererseits pfeifen die Spatzen von den Dächern, dass die Wirtschaftsprüfer es schon zu verhindern wissen werden, dass ihnen ihr wichtigstes Wachstumsfeld – die Unternehmensberatung – durch einen radikalen Cut entzogen wird. Welche Szenarien sehen Sie und welche Auswirkungen hätten diese auf den Beratungsmarkt?

Höselbarth: Wahrscheinlicher als eine strikte organisatorische Trennung erscheint mir, dass es strengere Vorschriften darüber geben wird, welche Beratungsleistungen die Wirtschaftsprüferfirmen denjenigen Unternehmen von öffentlichem Interesse zusätzlich anbieten dürfen, deren Abschluss sie prüfen. Was die Auswirkungen der Entscheidung der EU in puncto Trennung von Prüfung und Beratung auf die Beraterbranche insgesamt angeht, sind verschiedene Szenarien denkbar. Derzeit ist der weltweite Beratungsmarkt dreigeteilt: In der absoluten Oberliga spielen die Topberatungen McKinsey und BCG. Das Spitzenduo wird gefolgt von globalen Playern wie Bain, A.T. Kearney, Roland Berger und Booz, die zurzeit jedoch alle – wenn auch jeder für sich genommen an andere Stelle – sowohl beim Spektrum der Beratungsthemen wie auch auf der Landkarte weiße Lücken aufweisen. Und dann sind da noch im Hochpreissegment die mittelständischen Boutiquen, die sich auf einzelne Querschnittsfunktionen wie Marketing/Vertrieb, Corporate Finance oder auch Restrukturierung spezialisiert haben und in ihrem speziellen Gebiet in der absoluten Topliga spielen.

Und wie sieht das Szenario für die Beraterbranche aus, wenn den Wirtschaftsprüfern die Pflicht zur organisatorisch strikten Trennung zwischen Beratung und Prüfung erspart bleibt?

Höselbarth: Dann ist eine Fusion zwischen einer der Big Four-Gesellschaften der Wirtschaftsprüferszene mit einer der Top-6-Managementberatungshäuser weltweit sehr wahrscheinlich. Die Beraterszene steht vor einer Konsolidierung. Wer in allen relevanten Ländern dieser Welt vertreten und auch noch in zig Fachdisziplinen und Branchen zugleich top sein will, muss das auch finanziell und vom Wachstum her stemmen können. Das werden nur sehr wenige Häuser überhaupt schaffen. Ich denke, dann wird es zu einer klaren Zweiklassengesellschaft kommen. Neben zwei, drei globalen Giganten würde es dann jede Menge Spezialistenboutiquen geben.

 

Zum neuen Blog „Die ConSULTANten“:

Julia Leendertse schreibt seit 1996 für die WirtschaftsWoche -seit 1998 als Redakteurin, ab 2002 als Leiterin des Ressorts Management und seit 2005 als feste freie Autorin.

Die Welt der Berater und Prüfer lernte sie zunächst als Managementautorin kennen und fand sie verrückt: Die Berater nehmen für ihren Job jede Menge Schelte, viel Showgeschäft, Nomadentum und ein Leben von Projekt zu Projekt in Kauf. Warum? Um in der obersten Liga mitzuspielen? Um viel Geld zu verdienen? Oder etwa wirklich um Veränderung zum Besseren anzustossen?

Die anderen – die Wirtschaftsprüfer – haben der Welt eine Architektur der immateriellen Vermögenswerte beschert, die genauso so kompliziert wie zerbrechlich ist. Das hat die Welt gemerkt und investiert seit der Finanzkrise lieber wieder in Gold und Immobilien statt in Aktien. Die Wirtschaftsprüfer finden ihre Welt zwar mittlerweile selber viel zu kompliziert. Einen Gegenentwurf zu entwickeln, klingt für sie aber genauso schwierig.

Egal, wie sehr sich Unternehmensberater und Wirtschaftsprüfer insgeheim vielleicht danach sehnen, dass die Veränderungsmaschine endlich einmal auch für sie wieder anhält. Ihrer beider Welten sind im Umbruch und der Blog „Die ConSULTANTten“ als Diskussionsplattform der Branche mit dabei.  

 

 

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Alle Kommentare [1]

  1. Es hat gefunkt zwischen den Big Four und den Managementberatern. Die Zukäufe durch PWC und KPMG sowie die gescheiterte Fusion von Deloitte und Roland Berger beweisen das. E&Y hat in den vergangenen Jahren interne Beraterteams aufgebaut.

    Damit vollzieht sich das, was auch in anderen reifen Märkten wie der Automobilindustrie passiert: Der Markt konsolidiert sich. Ich stimme Herrn Höselbarth zu, dass das im Sinne der Beteiligten ist: Die Wirtschaftsprüfer runden ihr Serviceportfolio nach oben ab, die Managementberater erhalten eine globale Infrastruktur.

    Ob es in der Praxis funktioniert, bleibt abzuwarten. Vor Jahren hatten sich IT Berater mit Managementberatern zusammengetan. Das Beispiel ADL hat gezeigt, dass im Beratermarkt nicht nur Strategien auf Powerpoint brillant aussehen müssen, sondern auch realisierbar sein müssen.

    Viele Grüße, Frank Braun, Marketingleiter J&M