Auftakt beim Berliner Ensemble: Brechts „Der kaukasische Kreidekreis“

Starke Stücke, starke Stoffe, starke Schauspieler hat der neue Intendant Oliver Reese angekündigt. Und gleich geliefert. Camus‘ Caligula gerinnt noch zur Farce. Aber Brechts Kreidekreis verspricht ein Repertoire-Renner zu werden. Insgesamt: Ein vielversprechender Auftakt am Schiffbauerdamm (Teil 2). 

Keiner hat die ideale Geburtsszene des Kapitalismus so schön auf den Punkt gebracht wie Jean-Jacques Rousseau: „Der Erste, der ein Stück Land einzäunte und auf den Gedanken kam zu sagen ,Dies ist mein‘ und der Leute fand, die einfältig genug waren, ihm zu glauben, war der wahre Begründer der zivilen Gesellschaft“ schreibt er in seiner „Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen“ (1755).

Folgt man dem französischen Aufklärer, ist alle Inbesitznahme ein Akt der Willkür, durch den Beherzte annektieren, was einmal allen gehörte, um es der Mehrheit der leichtgläubig Zuschauenden künftig vorzuenthalten: Der erste Unternehmer ist ein erster Nehmer, so hat es der Philosoph Peter Sloterdijk einmal zugespitzt: der erste Bürger, der erste Betrüger, der erste Dieb.

Bertolt Brecht muss diese Urszene im Kopf gehabt haben, als er 1944/45 seinen „Kaukasischen Kreidekreis“ schrieb: Die Geschichte der einfältigen Grusche, die in den Revolutionswirren ein Fürstenkind rettet und sich als Flüchtende im Ausnahmezustand herrschender Gewalt und Willkür, zahlreicher Demütigungen und Erniedrigungen zum Trotz, ihre Menschlichkeit erhält, ist eingebettet in eine Rahmenhandlung, die vom Streit zweier Kolchosdörfer nach dem Zweiten Weltkrieg erzählt: Soll ein fruchtbares Tal künftig von Ziegenhirten genutzt werden, die ihre Tiere „seit jeher“ dort weiden ließen? Oder von Obstbauern, deren Tätigkeit dem Gemeinwesen mehr helfen würde?

Brecht nimmt also die Tabula-rasa-Situation eines zerstörten Europa zum Anlass, um im Vorspiel seines Stückes die „herrschenden Eigentumsverhältnisse“ radikal in Frage zu stellen: „Was heißt ’seit jeher‘? Niemandem gehört nichts seit jeher“, so sagt es ein Soldat gleich in der ersten Szene: Niemandem gehört nichts, das heißt im Umkehrschluss: Allen gehört alles.

Michael Thalheimer hat sich für seine Aktualisierung des Kreidekreises im Berliner Ensemble dafür entschieden, die Eigentumsfrage auf sich beruhen zu lassen (wenn auch nicht im Programmheft) – und die Rahmenhandlung gestrichen. Statt dessen hat er sich – zunächst – für eine reine Passionsgeschichte der Grusche entschieden und das Stück als eine Art Kreuzweg angelegt: Grusche tritt uns, Szene nach Szene, im Stile zur Frömmigkeit verführender, gegenreformatorischer Andachtsbilder entgegen: wie bei Zurbaran oder Murillo wuchtig in Szene gesetzt durch extreme Lichtkontraste zwischen Spot und Bühnendunkel (Ulrich Eh).

Und die Regieidee geht eine Stunde lang glänzend auf: Die Gänsemagd-Grusche von Stefanie Reinsperger („eine gute Seele, aber die Hellste nicht“) ist hinreißend, weil sie als sehr diesseitige Personifikation schlimm geprüfter Herzensgüte niemals ideale Züge annimmt, zugleich aber auch nicht Brechts Identifikationsverbot unterläuft: Anteilnahme ja, Mitleiden nein.

Wie überhaupt sich Thalheimer als gründlich modernisierender, zugleich auf sorgsame Texttreue bedachter Brecht-Apologet versteht: Ingo Hülsman, rechts vorne, am Mikro, zeichnet als Sänger-Erzähler, ach was: als kommentierender Conferencier für die sehr zahlreichen handlungs(unter)brechenden Verfremdungseffekte verantwortlich – und Kalle Kalima an der Gitarre, links hinten, findet als Substitut für Paul Dessau Sound-Lösungen fürs 21. Jahrhundert.

Die sich bei Brecht über drei Akte etwas willkürlich verstreuten Szenen von Grusches Flucht und Vertreibung werden von Thalheimer als Bilderreihe des Ausgeliefertseins inszeniert: Die Schauspieler treten buchstäblich aus dem dunklen Nichts des bis zur Brandmauer hin geöffneten Raumes ins Leben des Küchenmädchens und verschwinden wieder – nicht ohne immer tiefere Spuren in in ihrem Seelenleben zu hinterlassen.

Sie alle sind sich selbst die Nächsten: die Köchin, die Grusche das Kind in die Hand drückt; der Bauer, der mit seiner Milch wuchert (Peter Luppa), die Bauersfrau (Sascha Nathan), die sie den Panzerreitern ausliefert; die Schergen (u.a. Carina Zichner), die Grusche und dem Fürstenkind auf den Fersen sind; die Schwägerin (Sina Martens), die angesichts des vaterlosen Kindes um ihren guten Ruf bangt und die ihren Mann, Grusches Bruder (Sascha Nathan), zwingt, die Geflüchtete mit einem (angeblich) todkranken Bauern (große Klasse: Veit Schubert) zu verheiraten. Kurzum, die Grusche wird nicht nur gedemütigt und vergewaltigt, sie ist auch verraten und verkauft – zuletzt sogar von ihrem Verlobten Simon (Bravo: Nico Holonics), der seine Braut nach dem Ende der Revolutionsmonate aufsucht – und ihr als Nährmutter und zwangsverheirateter Gattin den Rücken kehrt.

Es gibt an diesem (wenn auch allzu schreiintensiven) Abend viele Momente, genauer: viele sichtbare Unsichtbarkeiten, die man als Zuschauer nicht leicht vergisst: die „um sich greifende“ Panik im Ausnahmezustand, das „aneinander festhalten“ in Situationen der Verzweiflung – schließlich auch „die Umstände“, die zwischen Grusche und Simon getreten sind. Und Thalheimer ist klug genug, um seine Assoziationen zur Anthropologie nicht durch aktualisierende Bezüge abzuschwächen: Als Grusche nach langer Flucht bei ihrem Bruder eintrifft und sich einer peinlichen Befragung unterziehen muss, bevor sie Aufnahme findet – dann beutet das Thalheimer nicht etwa plump aus. Sondern dann deutet er, mit den Mitteln von Kostüm (Nehle Balkhausen) und  Betonung, nur an, was es heißt, wenn ein Ersuchen zur Befriedigung elementarer Grundbedürfnisse auf deutsche Ordnungsliebe trifft.

Allein gegen Ende kippt die Inszenierung plötzlich ins Nichts. Schon Brecht misslang der dramaturgische Seiten- und Rückblick auf den Volksrichter Azdak (Tilo Nest) – und Thalheimer misslingt er leider auch: Nests überkostümiertes, revuehaftes, Zehn-Minuten-Rollenspiel-Solo, das uns die (bei Brecht unnötig breitgetretene) Amoralität eines moralischen Willkürrichters im Schnelldurchgang vor Augen führen soll, markiert mit dem  Ende der Passionsgeschichte auch das Ende aller Spannung: Besser wohl, man hätte auf das vierte Bild ganz verzichtet, hätte Nest gleich mit Blut überschüttet, Ingo Hülsmann das Nötige singen lassen – und wäre gleich zur abschließenden Kreidekreis-Szene übergegangen. Schwamm drüber. Viel Jubel, langer Applaus. Und das sehr zu Recht.

nächste Vorstellungen am: 6., 7., 11., 12., 31. Oktober; 7., 15., 18., 19., 23. November; 23., 25. Dezember 

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