Das neue Natursterben

Ohne menschliche Eingriffe wäre Deutschland immer noch von dichten Laubwäldern bedeckt; durch Unterholz und Farne bräche gelegentlich eine Rotte Wildschweine, in den Wipfeln wäre keine Ruh’. Der berühmte deutsche Wald ist eher arm an Tier- und Pflanzenarten. Immer wieder hat die Umgestaltung der Landschaft auch geistesgeschichtliche Veränderungen provoziert: Der Verlust des Waldes sorgte für eine überschäumende Naturromantik; gegen die Verstädterung und Industrialisierung zogen sozialdemokratische Naturfreunde, libertäre Wandervögel, bürgerliche Wandervereine und eine völkische Bewegung in die „freie“ Natur hinaus. Das „Waldsterben“ der Siebzigerjahre war der Wendepunkt hin zu einer Ökologisierung des Bewusstseins, das von den Rändern in das Zentrum von Politik und Wirtschaft wucherte. Das ist gut so, denn der Natur- und Ressourcenverbrauch plündert den Blauen Planeten, von dem wir kein zweites Exemplar im Rucksack haben. Umso erstaunlicher ist, dass die jüngste Phase der Naturzerstörung nicht thematisiert wird: die Ökoindustrialisierung Deutschlands im Zeichen der erneuerbaren Energien, die Naturlandschaften nicht nur nachhaltig verändert, sondern auch so schnell wie nie zuvor.

Bis auf wenige Kilometer ist bereits die gesamte Nordseeküste verspargelt – riesige Windkrafttürme mit gigantischen Rotoren beherrschen den Horizont. Auch in den Mittelgebirgen schießen die Betonspargel in den Himmel, selbst der Hochschwarzwald bleibt nicht verschont. Dass die Gemeinde Waging, in der einst der legendäre Grüne Sepp Daxenberger Bürgermeister war, sich dagegen wehrt, erinnert an den Widerstand des kleinen gallischen Dorfes im Asterix-Comic. Dass der Tübinger Grünen-OB Boris Palmer mit seinen Stadtwerken in Windparks in der Nordsee investiert, entspricht mehr dem neuen Ökozeitgeist: hinaus aufs Meer, wo Bürgerinitiativen keinen Zulauf finden. Wir schützen ferne Korallenriffe, aber verjagen Zugvögel. Rund 8000 Kilometer neue Windstromautobahnen von wenigstens 90 Meter Breite sollen Deutschland von Nord nach Süd zerschneiden. Gerade ging der Tauberlandpark ans Netz – was romantisch klingt, ist ein 80 Fußballfelder großes Meer aus Solarspiegeln, das Strom für gerade mal eine Kleinstadt liefern soll. Heute sehen in Süddeutschland viele altehrwürdige Bauernscheunen aus wie notgelandete Ufos – total solarverspiegelt. Kein Winkel bleibt verschont vom Eifer der Strombauern: An der Alz, dem lange Zeit letzten unverbauten Fluss Bayerns, surren neuerdings Kleinwasserkraftwerke vor einer Beton-Staumauer. Die Äcker Nord- und Mitteldeutschlands verwandeln sich derweil in Rapsfelder für Biodiesel – grellgelb blühende Monokulturen, in denen Bienen wohl nur noch mit Sonnenbrille überleben. Der Naturbrennstoff Holz wächst in Form neuer Pappelwälder – aber es sind nicht die himmelhoch rauschenden Pappeln unserer Imagination. Der Wald besteht vielmehr aus Gestrüpp, das nach drei Jahren automatisch „geerntet“ wird.

Die herrschende ökologistische Lehre geht davon aus, dass Kohle, Öl und Gas die größten Posten in der deutschen Importrechnung sind – und irgendwann sei der Vorrat verbrannt, das Klima ruiniert. Der Naturschutz der vergangenen vier Jahrzehnte müsse daher zwingend der Energie-Industrialisierung geopfert werden. Über das Erneuerbare-Energien-Gesetz fließen Hunderte von Milliarden Euro in Formen der Energiegewinnung, die auf absehbare Zeit extrem unwirtschaftlich bleiben. Was lange Spielerei der Ökobewegten war, ist heute eine Subventionsmaschine für den ökoindustriellen Komplex, der flächendeckend die Natur dem Geschäft mit dem Klimawandel unterwirft; dominiert wird dieser von Industriegiganten, die sich auf diese Weise auch noch ein grünes Mäntelein umhängen.

Es wäre an der Zeit, eine neue Ökologiebewegung zu gründen, die gegen diese Ökoprofitbewegung zu Felde zieht und realistische Kosten-Nutzen-Abwägungen trifft, statt eine subventionierte Ideologiewirtschaft zu betreiben.

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Über Roland Tichy

Roland Tichy lernte Lokaljournalismus beim legendären "Salzburger Volksblatt". Er studierte in München Volkswirtschaft und Politik, absolvierte die Deutsche Journalistenschule. Nach einer Zeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Volkswirtschaftlichen Institut in München arbeitete er im Bundeskanzleramt, danach als Bonner Korrespondent der WirtschaftsWoche. Nach der Wiedervereinigung war er für den Umbau des Rundfunksystems der DDR zuständig, danach folgten Stationen in Industrie und Medien. Seit 2007 ist er Chefredakteur der WirtschaftsWoche. Tichy ist Autor mehrerer Bücher, zuletzt erschien "Wohin treibt Europa".

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Alle Kommentare [301]

  1. Auch ich möchte Ihnen die allerbesten Genesungswünsche senden.
    „Gecmis olsun“ – es möge bald vorüber sein.

    Viele Grüße
    Maria

  2. @ Tichy um 12:06 Uhr,

    ein Mann, ein Wort. Was immer und wo auch immer es Sie erwischt hat, ich wünsche Ihnen einen angenehmen Genesungsverlauf und alles erdenklich Gute und vor allen DIngen, dass Sie bald wieder über dem Berg sind.

    Viele Grüße und eine recht gute Erholung, Zamir