Facebook & Co.: Deutschlands miese Bilanz im sozialen Internet

Die Deutschen sehen sich selbst gern als weltoffen, innovativ und stets interessiert an Neuem. Wie sehr hier allerdings Selbstwahrnehmung und Realität auseinanderklaffen, zeigt die Verbreitung sozialer Netzwerke – eine der größten Kommunikationsinnovationen der vergangenen Jahre. Hier schafft es Deutschland nur knapp ins untere Mittelfeld.

Nur rund jeder zweite Deutsche, der in den vergangenen drei Monaten das Internet genutzt hat, war in einem sozialen Netzwerk aktiv. Das zeigen aktuelle Zahlen des europäischen Statistikamtes Eurostat. Damit liegt Deutschland (kurz vor dem heiß diskutierten Börsenstart von Facebook) weit abgeschlagen hinter Ländern wie Lettland, Ungarn und Dänemark, wie meine Infografik der Woche zeigt, die in Zusammenarbeit mit dem Datenportal Statista entstanden ist:

Nun gut, könnte man denken. Privat muss man die Netzwerke ja nicht nutzen. Dann doch wenigstens beruflich. Aber nein: Auch hier ist die Bilanz nicht viel besser. Und das, obwohl mit Xing ein immer noch recht großes Kontaktnetzwerk für berufliche Dinge aus Deutschland kommt.

Wie regelmäßige Leser dieses Blogs wissen, ist auch die Situation bei dem Kurznachrichtendienst Twitter nicht besser: Laut Analysen von Comscore für dieses Blog besuchen nur 7,1 Prozent der Deutschen Internetnutzer über 15 Jahren die Seite Twitter.com. Damit erreichen wir auf der weltweiten Top-40-Rangliste nur einen traurigen 34. Platz. Die ersten drei Plätze teilen sich die Niederlande, die Türkei und Japan, wie diese Grafik zeigt.

Analog dazu ist Deutschland auch bei der Zahl der Top-Twitterati weit abgeschlagen, wie ich vor einigen Monaten schon erwähnte: 358 der 500 Meistverfolgten in leben in den USA. Auf dem zweiten Platz steht Brasilien. Danach kommen Großbritannien und Spanien.

Deutschland kommt in der Rangliste  der Karte der Top-Twitterati überhaupt nicht vor.

Viele dürften jetzt mit den Schultern zucken.

Zu viele.

Denn mit Facebook & Co. entsteht ein wichtiger Teil kritischer Internet-Infrastruktur. Und auf dieser Infrastruktur setzen junge Unternehmen mit neuen Geschäftsideen auf. Sie entwickeln neue Spiele, Smartphone-Apps und suchen nach neuen Möglichkeiten, die sozialen Medien mit Gegenständen aller Art zu verbinden. Ein neues Milliardengeschäft entsteht beispielsweise in der Vernetzung von Autos.

Sie alle aber haben es in einem Land scherer, in dem die Haltung gegenüber den neuen Kommunikationsinstrumenten skeptisch bleibt. Neue Unternehmen in dem Feld entstehen aber eher dort, wo neue Ideen schnell angenommen werden. Dafür – und darüber sprachen wir hier bereits, ist Deutschland scheinbar der falsche Ort.

Weitere Infografiken der Woche:

Mehr von mir finden Sie bei Twitter oder Google Plus

Oder besuchen Sie meine neu gestaltete Facebook-Seite.

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Alle Kommentare [10]

  1. Wenn Deutschland keine so hohe Nutzerquote bei facebook hat, könnte dies auch bedeuten, dass in Deutschland mehr Wert auf Qualität gelegt wird. Interessanterweise testet Google fast alle Produkte zuerst in Deutschland, weil dieser (Internet-) Markt am weitesten entwickelt ist!

  2. Twitter Facebook etc. es gibt soviel kleine Blogs und Plattformen, es ist alles dabei. Wenn man natürlich nur auf Facebook und Co. umherlungert und sich dann auch noch der kollektiven seichten Unterhaltung und der Blenderei hingibt, könnte man natürlich den Eindruck gewinnen das es so wäre. Es ist aber nicht so. Ein Journalist sollte immer gründlich recherchieren. Wenn man falsche Informationen verbreitet braucht man sich nicht zu wundern wenn bald überhaupt nichts mehr stimmt. Nehmt endlich eure Aufgabe ernst !

  3. Sie haben Recht. Es gibt viele kleine Blogs und Plattformen. Aber um die ging es hier nicht. Es ging tatsächlich nur um FB & Co. Auch habe Sie Recht damit, dass Journalisten immer rechercheren sollten. Aber was hat diese Aufforderung mit dem Thema zu tun?

  4. Was hat es mit mangelnder Weltoffenheit, Innovation und fehlendem Interesse an Neuem zu tun, wenn man seine Daten nicht an ein Unternehmen gibt, damit dieses damit Geld verdienen kann?

  5. Die Länder die einen der vorderen Plätzen erhalten haben, gelten ja auch als besonders innovativ.

  6. Deutschland lebt davon, und das gut, hochwertige Industrieprodukte herzustellen. Was hier als soziale Netzwerke bezeichnet wird, sind nichts weiter als belanglose Quasselbuden mit hohem Zeitvergeudungsfaktor.
    Ohnehin ein fragwürdiger Fortschritt – der Mensch wie eine Ameise in ihrem Haufen, ewig vernetzt als Teil einer Matrix.
    Lebensqualität sieht anders aus.

  7. Traue keiner Statistik, die solch brilliante Formulierungen zu Tage fördert… -> “ Personen (16 bis 74 Jahre), die in den letzten 3 Monaten das Internet benutzen haben „

  8. Hier wird davon gesprochen, dass die Deutschen nicht offen für Innovationen sind. Dem stimme ich voll und ganz zu, aber was mir auffällt ist, dass dieser Artikel noch nicht einmal einen „Teilen“ Button hat der es zulässt den Artikel direkt bei Twitter, Facebook & Co zu teilen. Das wäre ja schon mal ein Schritt in die richtige Richtung!

  9. Trotz all der „Kritik“ am Abschneiden der Deutschen, sollte man nicht vergessen, dass wir dennoch kulturell und vor allem wirtschaftlich ganz weit vorn in Europa sind. Warum also unbedingt einem Hype hinterherlaufen, wenn alles klappt. Nicht immer meckern, lieber mal freuen, dass es uns gegenüber anderen so gut geht. Da braucht es kein Facebook und Co.

  10. @Sebastian Matthes

    Was verstehen Sie unter:

    Denn mit Facebook & Co. entsteht ein wichtiger Teil kritischer Internet-Infrastruktur

    ???

    Weitere Frage:

    Angesichts der aufkommenden Thematik, reachability mit den entsprechenden Folgen, information-overkill, befinden sich Netzwerke wie facebook nicht bereits schon im Rückgang?

    Oder umgekehrt gefragt:

    Sollen wir an den Schulen jetzt verstärkt die Kommunikation in social Netzwerken fördern?

    Sind die sogenanntem Schwachstellen in der sozialen Kommunikation eine negative Entwicklung, die es abzustellen gilt ?

    P.S.
    Sehr aufschlußreich ist für mich die Aussage der Umfragen, dass z.B. Funnland und Italien, m.E. Länder mit der höchsten Versorgung an Mobile phones beim sozialen Netzwerk wie facebook auf den hinteren Plätzen liegen… die schweigsamen Finnen und die sehr kommunikativen Italiener .. strange very strange 🙂