Wie man einen Roman schreibt: „Fakten plus Fermentation im Gehirn gleich Krimi“

Viele träumen davon, ein erfolgreiches Buch zu veröffentlichen. Dem Journalisten Tom Hillenbrand ist das gelungen. Er hat gekündigt, ist von Hamburg nach München gezogen und hat einen lesenswerten Krimi geschrieben. Nun ist mit „Rotes Gold“ sein zweiter Roman erschienen. Ein Gespräch über das Bücherschreiben, neue Ideen – und Kreativität.

Tom, Du hast eine Führungsposition in der Nachrichtenmaschine Spiegel Online aufgegeben, um Romane zu schreiben. Einen größeren Kontrast dürfte es kaum geben. Wie kommt man auf so eine Idee?

Hillenbrand: Den Wunsch, Bücher zu schreiben hatte ich schon länger, ich glaube den hegen viele Journalisten. Aber Romane erträumen und ein tagesaktuelles Ressort leiten, das ist einfach unvereinbar. Nach zehn Stunden Newsroom fehlt Dir die Leichtigkeit. Also musste ich kündigen. Ein schwerer Schritt, aber bisher habe ich es nicht bereut.

 Wie bist Du auf den Stoff für Deinen ersten Roman gekommen – auf den Kriminalroman “Teufelsfrucht”, der in der Welt der europäischen Haute Cuisine spielt?

Hillenbrand: Für gutes Essen konnte ich mich schon immer begeistern, aber den Anstoß lieferte eine TV-Dokumentation über Foodscouts. Das sind Leute, die durch Kambodscha oder Neuguinea trekken, um unentdeckte Früchte zu finden, die man vermarkten kann. Das hat den Wirtschaftsjournalisten in mir gekitzelt. Wieso gibt es plötzlich überall Goji- oder Acai-Beeren? Dahinter steckt natürlich eine Marketingmasche, bei der sowohl Lebensmittelindustrie als auch Spitzenköche eine wichtige Rolle spielen. Und schon hatte ich meinen Plot.

Dein erstes Buch liefert faszinierend viele Fakten und zeugt von enormen Detailwissen über die Welt der Gastronomie. Wie aufwendig ist so eine Recherche?

Hillenbrand: Das ist einer journalistischen Recherche im ersten Schritt nicht unähnlich, nur umfangreicher. Für Teufelsfrucht habe ich geschätzte 3000-4000 Seiten durchgearbeitet, für mein zweites Buch „Rotes Gold“ eher noch mehr. Ich besuche Schauplätze wie den Pariser Großmarkt und fotografiere sie ab. Und ich rede natürlich mit Köchen oder Fachleuten. Das ist die Grundlage, das beflügelt dann im Idealfall die Fantasie – Fakten plus Fermentation im Gehirn gleich Krimi.

Viele haben die Vorstellung, Bücher entstünden komplett im Kopf des Autors. Wie viel des Romans ist real, wie viel Fiktion?

Hillenbrand: Man muss in den Kopf etwas reinkippen, damit aus den Fingern etwas rauskommt – Bücher, Filme, Beobachtungen, whatever. Aber nach all dem Aufsaugen und Gliedern kommt dann der magische Moment, während dem sich alle diese Bruchstücke zu Dialogen und Handlungsabläufen zusammenfügen: das Schreiben. Das ist ein unkontrollierter, unvorhersehbarer Prozess. Ich weiß selbst nicht, was mein Protagonist Xavier Kieffer als nächstes sagen oder tun wird.

Das heißt, Du hast keinen Ablauf der Geschichte vor Augen, wenn Du beginnst?

Hillenbrand: Einen ganz groben Plan habe ich, aber in der Kapitel-Synopse steht dann vielleicht: “Kieffer trifft den Pariser Bürgermeister” oder “Hier findet er die Sache mit dem vergifteten Fisch heraus”. Mehr weiß ich vor dem Schreiben nicht, es existiert kein detailliertes Drehbuch. Darf es meines Erachtens auch nicht geben – die Figuren müssen von selbst zum Leben erwachen, sonst wirken sie hölzern. Die Gliederung ändert sich übrigens immer wieder, oft fällt einem hinten auf, dass vorne noch etwas fehlt. Das Ganze ist kein linearer Prozess.

Hat Dich das Ende selbst überrascht?

Hillenbrand: Ich wusste schon, wer der Mörder ist – aber nicht, wie er dem Kieffer ins Netz geht. Ansonsten werde ich andauernd überrascht. In ”Teufelsfrucht” gibt es beispielsweise einen durchgeknallten argentinischen Fernsehkoch. Der war als kleine Nebenfigur gedacht, als Stichwortgeber. Aber dann hat dieser Egomane die Szene an sich gerissen und geredet wie ein Wasserfall. Er wurde immer größer und ich konnte nichts dagegen tun.

Es gibt doch aber sicher auch den gegenteiligen Fall: Der Autor sitzt vor seinem Laptop und kommt nicht voran. Die Figuren bleiben farblos, die Geschichte klingt konstruiert. Was machst Du in solchen Fällen?

Hillenbrand: Sofort vom Schreibtisch zurücktreten! Rausgehen, was lesen, schwimmen gehen. Kreativität kann man nicht erzwingen. Von solchen Formtiefs abgesehen glaube ich aber, dass Routine die Dienstmagd der Inspiration ist. Ein gleichmäßiger, geregelter Tagesablauf ist dem Schreibfluss zuträglich. Also nicht warten, bis irgendwann die Vibes stimmen, sondern jeden Tag um Punkt 9 Uhr hinhocken und versuchen, einige Seiten zu tippen. Wegwerfen kann man den Mist später immer noch.

Nun heißt es immer, von Büchern könne man nicht leben. Aber reich geheiratet hast Du auch nicht. Wie sieht Dein Geschäftsmodell aus?

 Hillenbrand: Mein Geschäftsmodell ist, verdammt viele Bestseller zu landen. Nein, im Ernst: Ich schreibe zusätzlich Kolumnen und Essays, außerdem halte ich Vorträge und veranstalte Lesungen. Buchtantiemen machen derzeit vielleicht die Hälfte meines Umsatzes aus. Ich setze zudem große Hoffnung in eBooks.

Viele Vertreter der Buchbranche sehen das Geschäft – vor allem in Deutschland – eher kritisch.

Hillenbrand: Wichtiger ist doch, was die Leser denken. Und die meisten Buchfans, die ich kenne, haben schon einen E-Reader oder wollen sich einen zulegen. Das wird jetzt fix gehen, genau wie bei Musik und Nachrichten – Papier verschwindet. Ich glaube, die Digitalisierung bietet riesige Chancen für Autoren und Verlage. Denn die Grenzkosten sinken dramatisch, man kann mehr experimentieren. Nur für die Buchläden sehe ich schwarz; denen wird es ergehen wie den Plattenläden.

Alle reden wieder einmal über illegale Kopien und die angebliche Kostenlos-Kultur. Hast Du die Sorge, Deine Inhalte künftig nicht mehr verkaufen zu können?

Ach, die vielzitierten Teenies ohne Unrechtsbewusstsein saugen vermutlich nicht allzuviele Wirtschaftskrimis aus dem Netz. Davon abgesehen hoffe ich, dass die Buchverlage nicht den gleichen Fehler machen wie die Musikindustrie. Letztere hat sich der Digitalisierung verweigert – und als die User den Content daraufhin selber digitalisierten, hat sie die Leute wie Verbrecher behandelt. Autoren und Verlage genießen in unserer Gesellschaft ein hohes Ansehen. Das dürfen wir nicht verspielen, denn dann kauft uns garantiert keiner mehr was ab.

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*



Alle Kommentare [5]

  1. Sorry, dass ich diesen Ort mißbrauche, um Werbung im Dienste der eigenen Familie mache, aber es muss sein:
    Für alle, die wissen möchten, wie gute Erzähler ihre Geschichten schreiben, hat meine geschätzte Mutter nämlich das Standardwerk geschrieben: Sibylle Knauss, „Schule des Erzählens“
    http://www.amazon.de/Schule-Erz%C3%A4hlens-Leitfaden-Sibylle-Knauss/dp/3596128854
    http://www.schule-des-erzählens.de/schule-des-erzaehlens.phtml
    Im Netz sagt jemand darüber: „Jeder, der schreibt, jeder, der sich für Geschichten interessiert, sollte es auf dem Bücherbrett haben!“
    (http://www.literatur-fast-pur.de/HP/3knauss_schule.html)

  2. Schön, dass es Autoren gibt, die der Digitalisierung positiv entgegenschauen. Viele Schriftsteller vernachlässigen das eBook oder sehen darin eine Bedrohung. Dabei sind allein die einfache und schnelle Verbreitung und die sofortige Verfügbarkeit große Vorteile von eBooks. Verlage und Autoren sollten versuchen das Medium für sich zu nutzen.

  3. @Rebea: Da ist viel Wahres dran. Nur leider wird in den Verlagen anders gedacht. Man verdient zu viel mit dem alten Geschäft als dass man sich hundertprozentig auf das Neue einlässt. Geld kann eben auch Innovationshemmnis sein.

  4. wenn ich jetzt noch rauskriege wie man den Link kopiert wittere ich das Teil.fand das erste Buch sehr lesenswert