Infografik der Woche: Deutschland ist (noch) Entwicklungsland in Sachen Twitter

Es soll nun doch noch etwas werden mit Deutschland und dem Kurznachrichtendienst Twitter. Vergangene Woche benannte das US-Startup den „Bild“-Mann Rowan Barnett zu seinem ersten Deutschlandchef. Und die Erwartung ist klar: Er soll Twitter auch bei uns auf die Beine bringen. Doch da hat Barnett viel zu tun. Denn so wichtig Twitter für einige wenige sein mag – den meisten Deutschen ist der Dienst herzlich egal. Im weltweiten Vergleich, das zeigen exklusiv für die WirtschaftsWoche berechnete Zahlen, ist Deutschland ein Twitter-Entwicklungsland.

Für mich gehört Twitter seit Jahren zu den wichtigsten Informationquellen. Es ist der erste Dienst, den ich morgens besuche, noch bevor ich Nachrichtenseiten oder den Google Reader öffne. Ich habe über Twitter schon unzählige Hinweise für Artikel erhalten, Menschen kennengelernt, die für meine Arbeit wichtig sind. Und ich bekomme via Twitter sehr schnell mit, wenn sich in den für mich relevanten Themenfeldern etwas tut.

Aber damit gehöre ich zu einer Minderheit. Das zeigt die Infografik der Woche, die in Zusammenarbeit mit den Datenexperten von Statista und den Web-Analysten von Comscore entstanden ist. Demnach besuchen nur 7,1 Prozent der Deutschen Internetnutzer über 15 Jahren die Seite Twitter.com. Damit erreicht Deutschland in der weltweiten Top-40-Rangliste nur einen traurigen 34. Platz. Die ersten drei Plätze teilen sich die Niederlande, die Türkei und Japan.

Nun ist mir klar, dass diese Zahlen allenfalls ein Indikator für die tatsächliche Twitter-Nutzung sind, weil die meisten Twitterati ihren Account über Anwendungen wie Tweetdeck oder Smartphone-Apps bedienen. Diese Zugriffe bleiben in solchen Erhebungen unerkannt. Doch weil es international (zumindest in den reicheren Ländern) wenig Unterschiede bei der Nutzung des Kurznachrichtendienstes gibt, liefern die Zahlen dennoch ein recht akkurates Bild der Twitter-Akzeptanz.

Analog dazu ist Deutschland auch bei der Zahl der Top-Twitterati weit abgeschlagen, wie wir hier ja schon vor einigen Monaten besprechen hatten: So leben 358 der 500 Meistverfolgten in den USA. Auf dem zweiten Platz steht Brasilien. Danach kommen Großbritannien und Spanien. Deutschland kommt in der Rangliste  der Karte der Top-Twitterati überhaupt nicht vor.

Aber warum sollte uns das interessieren? Ist es nicht schön, wenn man unter sich bleibt, wie in den ersten Tagen von Twitter?

Nein, ist es nicht. Nicht, weil Twitter an sich so wahnsinnig relevant wäre. Es ist eher die generelle Haltung der Deutschen gegenüber sozialen Medien, die problematisch ist. Denn es gibt wenig Zweifel daran, dass in dem Feld gerade zig neue Unternehmen entstehen und noch viel mehr neue Jobs. Sie entwickeln neue Spiele, Smartphone-Apps und suchen nach neuen Möglichkeiten, die sozialen Medien mit Gegenständen aller Art zu verbinden. Ein neues Milliardengeschäft entsteht beispielsweise in der Vernetzung von Autos.

Doch neue Unternehmen in dem Feld – das ist längst bekannt – entstehen vor allem dort, wo diese Dienste schnell angenommen, ausprobiert und verbreitet werden. Dafür ist Deutschland scheinbar der falsche Ort. Wir sind ein Volk, das bestehende Dinge mit einem rasenden Perfektionismus immer besser machen kann. Immer sparsamere Heizungen, immer schnellere Autos, immer effizientere Maschinen.

Geht es aber um etwas Neues, sind wir zaghaft, vorsichtig, misstrauisch. Wir lehnen es lieber ab, bevor wir uns vorschnell begeistern lassen. Das lässt sich quer durch alle Technologiefelder beobachten.

Nun werden Sie vielleicht denken, Twitter ist ja nun nicht der Nabel der Welt – und man kann dort sowieso nur 140 Zeichen schreiben. Wir haben ja noch Facebook. Da sind wir alle. Das ist viel eher unser Ding. Da schneiden wir besser ab.

Wirklich?

Nicht so ganz.

Deutschland landet laut Comscore in Sachen Facebook-Nutzung auf dem 35. Platz. Allerdings ist die Verbreitung mit 71 Prozent wesentlich größer als bei Twitter.

Aber es besteht Hoffnung.

Zumindest in den Medien werden Facebook und Twitter immer wichtiger. Sie dienen zunehmend nicht nur als Informationskanal – sondern auch als Nachrichtenquelle. Das belegt eine aktuelle Auswertung der Medienforscher von Media Tenor exklusiv für die WirtschaftsWoche. Media-Tenor prüft regelmäßig, welche Medien von Zeitungen, Magazinen und TV-Sendern am häufigsten zitiert werden.

Und siehe da: Aus dem Kurznachrichtendienst Twitter wird mittlerweile häufiger zitiert als aus traditionellen Printtiteln wie “Stern”, “Welt am Sonntag”, der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung”.

Diese Ergebnisse haben weit über die Medienwelt hinaus Bedeutung. Denn sie zeigen, wie wichtig Twitter und Facebook für die Verbreitung von Informationen geworden sind. In den vergangenen Monaten haben auch zahlreiche Politiker die Instrumente für sich entdeckt. Der Parlamentarische Geschäftsführer der CDU, Peter Altmaier etwa stößt immer wieder Debatten über Twitter an. SPD-Chef Sigmar Gabriel wiederum haut für sein Facebook-Profil so beherzt in die Tasten, dass er sogar international Reaktionen provoziert, zuletzt mit seiner Feststellung, die Palästinenser lebten in Hebron in einem „rechtsfreien“ Raum, ähnlich wie in einem “Apartheid-Regime”.

Bleibt zu hoffen, dass sich diese zunehmende Bedeutung nun auch im Rest des Landes herumspricht.

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Alle Kommentare [4]

  1. Haha, wir Deutschen machen halt nicht jeden Mist mit.

    Twitter ist vermüllung und verblödung. Wir sollen unter einer riesigen Schicht von Nachrichten und Neuigkeiten vollgemüllt werden, dass wir die wichtigen die Dinge die unsere Politiker beschliessen wollen, möglichst übersehen.

    Ausserdem sollen wir Reizüberflutet werden, damit wir garnichts mehr hingerfragen, sondern immer nur schön brav weiterarbeiten wie die dummen Schafe.

    Nene, wir Deutschen machen da einfcah nicht mit ! ÄTZSCH, und bei Facebook schon zweimal nicht. Facebook wird doch künstlich gehypt, weil alle einen großen Datenvorrat von privaten Daten haben wollen. Regierungen, Firmen und Banken ! Alle sind sie geil auf unserer privaten Daten !

  2. Ich stimme dem Artikel vollkommen zu und er ist wirklich sehr gut geschrieben!
    Es ist klassisch deutsch ein riesen Drama aus dem Datenschutz zu machen… bewundernswert ist vor allem wie oft auf Facebook geschimpft wird und dabei vollkommen außer acht gelassen wird welche Daten allein durch die Webnutzung von Google täglich gesammelt werden.

    Aus meiner Perspektive geht es bei diesem Datenschutz-Drama hauptsächlich ums Prinzip der Deutschen auf Selbstbestimmung wer was von ihnen erfährt…

    Zurück zum Artikel: Ich würde mir einen Folgeartikel darüber wünschen welche Gruppen denn nun tatsächlich Twitter in Deutschland nutzen?!

    Danke auf jeden Fall für diesen Artikel hier!

  3. Twitter ist auch für KMU, Selbstständige und Dienstleister eine perfekte Plattform, um neue Kunden und Interessenten zu gewinnen und mit bestehenden Kontakten zu kommunizieren.

    …wenn man es richtig macht!

    In den USA haben große Firmen schon eigene Marketing-Teams nur für Twitter. Wir in Europa, speziell in Deutschland hinken noch weit hinterher.

    Aber die Zeit von Twitter wird noch kommen…

    Jürgen Saladin