Ohne Nachhall

Es reicht. Ich kann es nicht mehr hören. Der Nachhaltigkeitsbegriff verkommt zu einer PR-Hülse ohne Bedeutung. Dabei müssten wir dringender denn je darüber reden.

Nun also auch Handytarife. Es ist nicht lange her, da erreichte uns die Nachricht, dass E-Plus einen „nachhaltigen Mobilfunk-Tarif für Natur und Umwelt” anbietet, einen Tarif, der für Kunden zwar nicht sonderlich günstig ist, dafür aber Ökostrom finanziert und mit einer Sim-Karte auf Pappe daherkommt. Es mag Zufall sein, dass E-Plus damit an die Öffentlichkeit geht, kurz bevor die Welt von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erfährt, dass Handystrahlen möglicherweise doch Schaden im menschlichen Körper anrichten.

Sicher aber ist, dass der Nachhaltigkeitsbegriff in der Krise steckt. Seine inflationäre Verwendung macht ihn wertlos und verzichtbar. Die Loblieder der unablässig quasselnden Marketingmaterialproduzenten auf nachhaltige Hotelzimmer, Wasserhähne, Waschmittel, ja, selbst Internet-Router und tonnenschwere Luxuslimousinen drohen Requiems zu werden für den Nachhaltigkeitsbegriff auf seinem Weg ins Mausoleum der Unwörter des Jahres. Dabei sind die Fragen, für deren Antworten der Begriff einmal geschaffen wurde, drängender als je zuvor.

Entsetzt blickt die Welt auf die Hungerkrise in Ostafrika, als hätten wir seit den Achtzigerjahren keine Fortschritte bei der Ernährung der Ärmsten gemacht. Der vorgezogene Atomausstieg in Deutschland wiederum wirft durch zusätzlich benötigte Gas- und Kohlekraftwerke nicht nur neue Klimaschutzfragen auf. Unternehmen und Verbraucher müssen den seit Jahren steigendenden Energieverbrauch eindämmen. Und von der Öffentlichkeit fast unbemerkt hat die Internationale Energieagentur indirekt eingeräumt, dass der Punkt der maximalen Ölförderung, den Experten als Peak Oil bezeichnen, bereits überschritten ist. Mit fallenden Preisen ist nicht mehr zu rechnen – dafür mit Versorgungsengpässen.

Die Lage ist heikel. Während die selbsternannten Nachhaltigkeitsapologeten mit ihren PR-Hülsen Schaden anrichten, drohen ein paar wesentliche Fragen aus dem Blick zu geraten. Etwa, wie sich unsere Industrie wandeln muss, um in einer Welt mit weniger Rohstoffen, mehr Menschen und einem drohenden Umweltkollaps bestehen zu können.

Einen möglichen Weg haben wir in der WirtschaftsWoche Green Economy beschrieben. Die Autoren zeigen, wie eine dritte industrielle Revolution unsere Industrie so verändern kann, dass kaum noch Rohstoffe verloren gehen. Dabei berichten die Autoren nicht nur über Visionen. Sie zeigen an konkreten Beispielen, an welchen Schnittstellen die grüne Wirtschaft bereits heute entsteht.

Wir könnten diesen Wandel sogar noch beschleunigen. Japan etwa bedient sich eines beachtenswerten ordnungspolitischen Instruments, um effizientere Fernseher, Waschmaschinen und Gefrierschränke zu erzwingen: des Top-Runner-Prinzips. Dafür erklärt eine zentrale Stelle regelmäßig den Energieoder Wasserverbrauch der sparsamsten Geräte zum Standard, den wenige Jahre später alle erreichen müssen. In Deutschland würden vor allem Unternehmen wie Miele oder BSH Bosch und Siemens mit ihrer Haushalts-High-Tech gewinnen.

Auch Verbraucher könnten davon profitieren. Zwar müssten sie zunächst mehr für neue Kühlschränke zahlen. Mittelfristig aber treffen sie die energiewendebedingt steigenden Stromkosten weniger.

Vielleicht spricht sich aber herum, dass es sich für Unternehmen auch ohne ordnungspolitische Keulen rechnen kann, verantwortungsvolles Wirtschaften in ihre DNA einzupflanzen: Eine Untersuchung der Münchner Markenberatung Biesalski & Company zeigt, dass in den Sektoren Fastfood, Lebensmittelhandel oder Konsumgüter bereits sechs Prozent des Umsatzes von Unternehmen mit deren nachhaltigen Aktivitäten zu erklären sind.

Jetzt brauchen wir eigentlich nur noch einen neuen, unverbrauchten Begriff für Nachhaltigkeit.

Diesen Text hatte ich als Editorial für das WirtschaftsWoche-Sonderheft „Green Economy“ geschrieben, deren neueste Ausgabe wir gerade fertigstellen. Wer das Heft noch nicht kennt – hier die letzte Ausgabe: 

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Alle Kommentare [7]

  1. Wir brauchen keinen neuen Begriff für Nachhaltigkeit. Er ist nämlich sehr gut, weil selbst erklärend: Nachhaltig ist, was auch nachher noch hält. An der Verlogenheit von PR und Marketing änderte ein neuer Begriff nichts.

    Schlimm ist nur, wenn der Begriff völlig entfremdet wird, zum Beispiel durch Manager, die von „nachhaltigem Wachstum“ sprechen und damit eigentlich nur dauerhaftes, anhaltendes Wachstum meinen. Das ist genau das Gegenteil von Nachhaltigkeit. In einer nachhaltig wirtschaftenden Gesellschaft wird es notwendigerweise kein unbegrenztes quantitatives Wachstum der produzierten Güter geben.

    Nachhaltig Wirtschaften heißt nichts anderes als die Begrenztheit aller Ressourcen zu erkennen und zu respektieren. Nur weil die Grenzen bisher nicht erreicht wurden, heißt das nicht, dass es keine gibt.

  2. @Stefan Matthes

    „Auch Verbraucher könnten davon profitieren. Zwar müssten sie zunächst mehr für neue Kühlschränke zahlen. Mittelfristig aber treffen sie die energiewendebedingt steigenden Stromkosten weniger.“

    Ich gebe Ihnen fast ausnahmslos recht. Dennoch sollte dass nicht dazu führen, das jeder seinen Kühlschrank jetzt wegwirft.

    Nur auf die reinen Energieverbrauchskosten sich zu stürzen ist unsinnig, weil der Herstellung eines Kühlschrankes auch Energie verursacht!!

    Daher brauchen wir letztlich so etwas wie eine break-even Kostenrechnung,um den “ optimalen Zeitpunkt “ für einen Ersatz herauszufinden.

    Die Entsorgung der Autos von einigen Jahren war das beste Beispiel wie die “ Nachhaltigkeit “ pervertiert, bzw, sich in das Gegenteil umkehrt.

    Von dieser negativen C02 Bilanz wird spricht leider keiner mehr

  3. Eine Möglichkeit: Einschätzung des Energieaufwandes zur Herstellung eines Produktes, einschl. des Energieaufwandes für die Vorprodukte + Energie für Transport.
    (dürfte sehr aufwendig sein, da wir uns aber auf eine
    “ Energiegesellschaft “ hin bewegen, sprich alles wird zukünftig in CO2 gemessen ,vielleicht sinnvoll.

    Eine andere (Hilfsmöglichkeit):

    Anschaffungskosten des alten Gerätes mit den Energiekosten des Gerätes über die Lebensdauer ermitteln.

    Diesen Kosten die Anschaffungskosten des neuen Gerätes mit den Energiekosten über die Lebensdauer gegenüberstellen.

    Ich hoffe ich habe hier keinen Denkfehler gemacht 🙂

    Wer Sie erstellen sollte, z.B. die DENA oder z.B. die Ecotopten Leute, sprich das Öko Institut:

    http://www.ecotopten.de/impressum.php

    Mich überrascht immer wieder dass bei der Energiereffizienzdebatte nur der direkte Energieverbrauch herangezogen wird. Wie wäre es denn wenn man auch einmal die Lebensdauer eines Produktes in die Debatte wirft ??

    Aber das wäre wohl angesichts der Wachstumsdebatte konterkarierend 🙂

    http://www.product-life.org/de

    Und was generell die Energieeffizienz betrifft:

    Warum kann man den Kühlschrank während des Urlaubs nicht komplett abschalten??

    Aber dieser Vorschlag ist angesichts der smart energy Debatte wohl nicht sophisticated genug 🙂 🙂 🙂

    Ein anderer Weg die Energieffizienz zu verbessern:

    Nich jeder Haushalt hat eine eigenen Tiefkühler, sondern das Mietshaus verfügt eine Tiefkühlanlage mit mietbaren Tiefkühlfächer.

    Früher hatten Dörfer Kühlhäuser:
    /„Vielleicht müssen wir auch wieder zurück zum gemeinsamen Dorfkühlhaus. Warum muss jeder eine halbvolle Kühltruhe zu Hause haben, die Energie verbraucht?“, fragte er ins Publikum./

    aus:http://tinyurl.com/72qarjy

    Weg von der owner-Gesellschaft, hin zur share-Gesellschaft.

    Siehe auch car-to-go in Ulm und anderswo

    Auch hier:

    http://www.wirtschaftsmedien-shop.de/impulse/epaper/impulse/impulse-epaper-06-2011.html

  4. Wir nennen den neuen Begriff für Nachhaltigkeit – nicht ganz ohne Grund – „Clean Thinking“, weil wir denken, dass dieser Begriff viel besser passt als Nachhaltigkeit. Dabei ist Clean Thinking mehr als nur unser Portal, sondern eine Denkrichtung, die in Wirtschaft und Gesellschaft verankert werden könnte.

    Freue mich über Denkanstöße hierzu 🙂