Wall Street Journal Deutschland: Ganz schön beta

Erste Lebenszeichen gab es schon länger. Personalien wurden geleakt, Twitter-Accounts eingerichtet, Geschäftsmodelle diskutiert. Nun aber ist sie wirklich da, die deutsche Version der größten amerikanischen Tageszeitung Wall Street Journal (WSJ). Zumindest auf den ersten Blick.

Als erste rein digital erscheinende Wirtschaftszeitung will WSJ.de die „aktuellsten und exklusivsten Nachrichten und Hintergrundberichte aus aller Welt“ liefern – geschrieben von 2000 Korrespondenten weltweit und einem “engagierten Team in Deutschland”, verspricht Chefredakteur Knut Engelmann.

Wow, denkt man da. Viel dicker hätte man kaum auftragen können. Aber das wäre in Ordnung.

Wäre.

Wenn das Angebot nicht ein paar entscheidende Schwächen hätte.

“Wir haben Hunderte unserer potenziellen Leser gefragt, was ihnen gegenwärtig in der deutschsprachigen Wirtschaftspresse fehlt”, schreibt Engelmann. “Die Antwort kam laut und deutlich: Eine globale Sicht nicht nur auf das, was in Deutschland passiert, sondern auch auf die neuesten Geschehnisse in Washington, London, Tokio und in den aufstrebenden Märkten Asiens oder Lateinamerikas”.

Soweit so nachvollziehbar.

Doch was ist die Schlussfolgerung des deutschen Wall Street Journal? Der Seitenaufmacher (Achtung: EXKLIUSIV!) lautet: “Siemens schlägt vorsichtigere Töne an”. Mensch, Hut ab, da haben die Kollegen mal glatt die Firmenpolitik des Münchner Konzerns aufgedeckt. Auch die Meldung selbst bietet dann wenig Erhellendes: “Die im November gesteckten Ziele zu Umsatz und Ergebnis im laufenden Geschäftsjahr werden jedenfalls wohl kein Selbstläufer.” Hm. Wie wärs mit: Siemens kassiert Prognosen? Hat Angst vor 2012? Irgendetwas mit wenigstens einem Funken Biss.

Aber es wird noch besser. Ebenfalls EXKLUSIV hat WSJ.de auf der Startseite die Story: “Porsche lässt sich nicht verunsichern”. Sorry, aber wäre nicht eher das Gegenteil die Nachricht?

Nun gut. Kommen wir zu den “aktuellsten Hintergrundberichten”. Da lese ich dann als Aufmacher der Rubrik Analyse “Rösler steht mit dem Rücken zur Wand”. Auch das sind Zeilen, die ich eher vergangene Woche hätte lesen wollen. Ebenso die Meldungen über den deutschen Solarboom zum Jahresende. Und von den “aktuellsten Nachrichten“ ist ebenfalls wenig zu spüren. In den vergangenen Stunden sind kaum Meldungen hinzugekommen.

Wo bleibt der Input der 2000 Korrespondenten? In der gleichen Zeit haben sich andere Nachrichtenseiten fast komplett gedreht.

Aber verbuchen wir all das mal als Kinderkrankheiten.

Jeder weiß: Das Team von WSJ.de ist klein und noch nicht komplett. Zudem ist es, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, immer problematisch, mit übersetzten Texten zu arbeiten. Oft sind die wesentlich bearbeitungsbedürftiger, als man zunächst denkt. Englischsprachige Kollegen haben einfach eine andere Art zu schreiben. Und das Redigieren solcher Texte ist wahnsinnig zeitaufwendig.

Dabei wäre es spannend zu sehen, was passiert, wenn es die WSJ-Kollegen mit ihrer Online-Zeitung in Deutschland schaffen würden. Für Innovationen im Journalismus wäre es sogar eine gute Nachricht.

Nicht nur, weil es belegen würde, dass reine Onlineredaktionen funktionieren, was viele noch bestreiten. Die Seite hat zudem das Potenzial zu zeigen, dass Nachrichtenportale in Deutschland auch anders aussehen dürfen als Spiegel Online – dass Seiten mit unterschiedlichen Spaltengrößen, Formaten, Kästen und kleinen wie großen Meldungen spielen können und trotzdem Leser finden. Das passiert bislang so gut wie nie. Und so herrscht in der deutschen Internetlandschaft bleierne Eintönigkeit.

Wer das nicht glaubt, sollte die Seiten des Guardian, der New York Times, der Financial Times und des Wall Street Journal ansehen. Sie alle haben ihren eigenen Aufbau, ihren Rhythmus, ja, ihren eigenen Charakter.

Vielleicht wäre der Erfolg ein Impuls, Nachrichtenseiten endlich magaziniger zu denken. Mir ist klar, dass WSJ.de der englischsprachigen Version zum Verwechseln ähnlich sieht. Aber auch die ist gut gemacht.

Ebenfalls gefällt mir die starke Personalisierung der Startseite: heute mit dem Konterfei von Chefredakteur Engelmann. Wie in Magazinen und Zeitungen brauchen auch Onlineportale starke, sichtbare Autoren, die mit ihrem Namen für Themen und eine bestimmte Haltung stehen. Meiner Meinung nach sollten das Mitglieder der Redaktion sein und nicht vor allem Gastautoren (wie etwa bei Spiegel Online).

Mutig und innovativ finde ich, dass WSJ.de zudem Artikel anderer Seiten empfiehlt. Das wird überhaupt viel zu selten gemacht. Wenn ich mich umfassend über Wirtschaft informieren will, aber nur wenig Zeit habe, ist das ein großartiger Service, alles Wichtige auf einer Seite zu finden, selbst wenn es von anderen Redaktionen stammt. Blöd nur, wenn einer dieser Tipps die spannendste Story der Seite ist wie heute Nachmittag der Link zur Rheinischen Post, wo Günther Oettinger die Fusion von Eon und RWE anregt.

Aber sehen wir es als Beta-Version und warten gespannt, was da noch kommt.

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Alle Kommentare [1]

  1. Bei der Gestaltung deutscher Nachrichtenseiten kann ich ihnen nur beipflichten. Ich lese online viele englischsprachige Nachrichtenseiten und bin immer wieder schockiert über die deutschen. Wer heute online bei Text noch in Seiten denkt, rennt der Zeit komplett hinterher. Wenigstens die FAZ online hat einen großen Schritt in die richtige Richtung gemacht.