Geburtstagsbrief an das iPhone

Liebes iPhone, fünf Jahre ist es her, dass Du das Licht der Welt erblickt hast. Fünf Jahre, in denen Du mein Leben und das Leben vieler Millionen Menschen verändert hast. In denen Du Branchen durcheinandergewirbelt hast. Und doch wurdest Du lange unterschätzt. In Deinen ersten Monaten habe ich immer wieder gehört, ein solches Telefon sei nur etwas für “Technik-Freaks” und „Nerds“. Wer braucht schon das Internet in der Tasche? Man hat es ja schon auf dem Rechner.

Das sagten damals viele. Erschreckend viele.

So sehr iPhone-Nutzer damals wie Gläubige schienen, so heftig war die Reaktion der übrigen 99 Prozent: Ich erinnere mich an mehrere Debatten, auch unter Journalisten-Kollegen, die damals fest daran glaubten, dass das iPhone kein Massenprodukt werde. Zu teuer, technisch übertrieben, lauteten die Standardgegenargumente. Nokia, so sagten viele, habe einfach einen zu großen Vorsprung.

Wir Apple-Fans seien größenwahnsinnig, wenn wir glaubten, dass Nokia darauf nicht reagieren könne, schrieb mir ein Kollege in einer emotionalen Mail. Fünf Jahre ist das nun her und Nokia kann es bis heute nicht.

Deine Geschichte, liebes iPhone, ist auch eine Geschichte der Innovationsunfähigkeit einer ganzen Branche. Aber sie zeigt auch die Unfähigkeit vieler Menschen, sich die Veränderungen, die neue Technologien auslösen können, vorzustellen. Vielleicht liegt auch das wieder an dem merkwürdigen Verhältnis der Deutschen zu neuen Technologien – aber das ist ein anderes Thema.

Ich mag Telefone nicht besonders, liebes iPhone. Aber Du hast die Kommunikation effizienter gemacht. Statt anzurufen, schicke ich lieber eine Mail oder diktiere eine Kurznachricht. Telefonieren ist wahrscheinlich das, was ich mit Dir am wenigsten tue.

Aber Kommunikation ist nur ein Bereich, den Du auf den Kopf gestellt hast. Immer wenn es um den Medienwandel geht und um die Krise der Tageszeitungen, wirst Du, liebes iPhone, genannt. Zu Recht. In den USA hast Du bereits die Tageszeitungen in der täglichen Nutzung übertrumpft.

Wenn ich morgens ins Büro fahre, lese ich auf dem Telefon die wichtigsten Nachrichtenseiten, scanne Blogs und teile die spannendsten Artikel bei Twitter oder Facebook. Erst später im Büro greife ich zur Tageszeitung. Es war also nur eine Frage der Zeit bis Studien feststellten, dass iPhone-Besitzer weniger Tageszeitungen lesen. Längst gehört es daher zum Standard für Websites und Nachrichtenportale, eine mobile Version anzubieten.

Damals, vor fünf Jahren, war das noch eine absolute Nische. Die Nerven, mit einem Blackberry durchs Netz zu surfen, hatten nur die wenigsten.

Aber nicht nur den Nachrichtenkonsum hast Du verändert, liebes iPhone. Du hast auch andere Branchen erledigt: Wer ein Navigationssystem wie Navigon auf dem Smartphone nutzt, braucht in Europa keine Stadtkarten mehr. Wer die App der Deutschen Bahn hat, muss Zuhause keine Busfahrpläne aufhängen. Ein Diktiergerät nehme ich auch nur noch in Ausnahmefällen mit. Und meine Kompaktkamera liegt seit ich Dich habe in derselben Schublade. Und die Liste ließe sich ewig fortsetzen.

Liebes iPhone, ich möchte an dieser Stelle Schluss machen.

Und während ich so an die vergangenen fünf Jahre denke, werde ich fast wehmütig. Du bist jetzt Alltag. Keine Bahnfahrt, ohne dass zig andere ebenfalls auf einem iPhone herumtippen, Musik hören, texten. 2011 wurden in Deutschland fast zwölf Millionen Smartphones verkauft. Die Kritiker von einst sind meist glühende Verfechter, die es sowieso die ganze Zeit gewusst haben. Und nur noch eine kleine Schar von Blackberry-Nutzern hält sich wacker. Doch auch die haben irgendwann ein Smartphone wie Dich, liebes iPhone. Vielleicht ist es aber auch von Smasung, HTC oder wie sie alle heißen, die letztlich eine Abklatsch Deiner Fähigkeiten sind.

Quelle: Statista

Was kann jetzt noch kommen? Du wirst in den nächsten Jahren besser, schneller, vielleicht Dein Aussehen verändern und noch häufiger anzutreffen sein. Aber Deine ganz großen Zeiten sind vorbei. Die Zeiten, in denen Du eine Branche nach der anderen erschüttert hast. Du hast so viel erreicht wie nur wenige andere. Du bist auf dem Gipfel Deiner Popularität. Aber für Dich kann nicht mehr viel kommen. Genieß es. Denn es wird nicht immer so sein.

Und nun, liebes iPhone, muss ich meiner Freundin erklären, weshalb sie vergangenes Jahr keinen Geburtstagsbrief von mir bekommen hat.

Dein Sebastian.

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Alle Kommentare [4]

  1. Ich habe jetzt eine Menge Stücke über das Iphone zum fünften Geburtstag gelesen – und wenn mich eines wirklich ziemlich ärgert, dann ist es der rituelle Griff zur Formulierung, das Iphone habe „das Leben“ verändert, oder aber „das Leben von Millionen verändert“ oder noch besser, wie in der Werbung, „Alles verändert“. Die Migration (und eben nicht der Wegfall) von Stadtplänen, Digicams, Diktiergeräten und Raschelzeitungen in ein Smartphone hinein als „lebensverändernd“ zu apostrophieren – puuuh. Ein bisschen was sollte schon noch übrig bleiben für Dinge, die wirklich „das Leben“ „verändern“, aber das sieht natürlich jeder anders.

  2. Ja, das sieht jeder anders. Ich zum Beispiel. Das iPhone hat mein Leben verändert, meine Kommunikation, meine Info-Aufnahme. Das ist schon ziemlich viel, finde ich. Aber ja, das kann man so und so sehen. Verglichen mit einer Mondlandung ist es wenig. Obwohl?

  3. … und ich hab‘ seit 5 jahren immer alles dabei: die ‚Rote Liste‘ aller deutschen Medikamente, samt Nebenwirkungen, Preisen, Ausschlüssen usw., Wikipedia offline für seltene Krankheiten und den Alltag, alles bei Visiten am Krankenbett und auch privat. Meine Kontoverbindung, die Informationen aus dem Netz, hunderte Fachbücher, fachliteratur und allg. Beitschriften, Belletristik, die Musiksammlung und alle Fotoalben – auf einem Gerät, das 150 Gramm wiegt. Glorreiche Zeiten! Die Mondlandung ist ein Klacks dagegen… und wie geht es weiter? -> s. Voutube, Knowledge Navigater, ein Video von Apple aus 1986. Yeah!

  4. @ Christian: Das kann man tatsächlich unterschiedlich sehen. Bei dem einen sind die Veränderungen eben kleiner bei den anderen, wie bei Rudolf Horn und mir wohl etwas größer.