Mobile überholt Print – die verpennte mobile Revolution

Wer etwas über den Wandel der Medienwelt lernen will, muss nicht unbedingt Studien wälzen. In der Regel reicht es, sich morgens in der Bahn umzusehen. Die Zahl der Menschen, die sich mit einer Tageszeitung auf den Weg zur Arbeit machen, nimmt stetig ab. Heute zum Beispiel, um kurz nach 8 Uhr, waren in einer nahezu vollbesetzten Düsseldorfer Straßenbahn nur 9 Menschen mit einer Zeitung zu sehen, 14 hatten ein Buch in der Hand  – und weit über 30 klickten auf ihrem Smartphone herum. Natürlich ist das nur eine Momentaufnahme. Doch die Verhältnisse werden morgen kaum anders aussehen.

Wo all das hinführen kann zeigen neue Zahlen aus den USA: Dort beschäftigen sich die Menschen im Schnitt pro Tag 65 Minuten mit ihren Smartphones und nur etwa 44 Minuten mit Print-Produkten. Die Nutzung mobiler Inhalte hat damit im Vergleich zu 2010 um rund 30 Prozent zugelegt, während der Print-Konsum abnimmt:

Quelle:Statista

Den Wandel kann wahrscheinlich jeder bestätigen, der sich ein Smartphone anschafft: Sobald das Gerät eingerichtet ist, nutzt man es immer öfter, um sich aktuell zu informieren. Ich kenne viele, für die das iPhone bereits die Hauptinformationsquelle ist.

Wieso auch mit Nachrichten von gestern in den Tag starten?

Gerade in den vergangenen Krisen-Monaten waren die Ereignisse, Vereinbarungen und Beschlüsse des Vortages in den Morgenstunden oft überholt. Die Folge ist bei vielen, dass die Zeitung öfter liegenbleibt. Die Auswirkungen lassen sich regelmäßig in den Auflagen-Statistiken der IVW besichtigen.

Ich glaube, dass das Smartphone der größte Feind der gedruckten Tageszeitung ist. Daher ist es erschreckend zu sehen, wie mies die mobilen Versionen und App-Ambitionen der meisten Medienhäuser sind, wie zuletzt bei der Süddeutschen Zeitung. Von vielen Verlagen wird der mobile Wandel schlicht verpennt.

Dabei steht die mobile Revolution erst am Anfang. In Deutschland besitzen laut neuesten Comscore-Zahlen erst 34 Prozent der Handynutzer ein Smartphone. In den USA sind es bereits knapp 39 Prozent. Doch in einigen Jahren werden nahezu alle Handybesitzer ein Telefon nutzen, mit dem sie bequem durch das Netz surfen können. Darauf ist kaum ein Medienhaus  eingestellt.

Stattdessen hört man immer wieder diese unsäglichen Kannibalisierungsdebatte. Doch hier gilt immer noch die großartige Formel von Steve Jobs: „If you don’t cannibalize yourself, someone else will“.

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Alle Kommentare [6]

  1. Dem gegenüber gestellt sähe ich gerne mal die Informationsdichte der wahrgenommenen Inhalte. 40 Minuten Tageszeitung ist schon ne ganze Menge, 1 Stunde iPhone spielen dagegen noch lange nicht. Ich finde es jetzt nicht sonderlich erstaunlich, dass sich die Leute lieber mit Spielerchen, Applikationen, technischem Schnickschnack und bunten, bewegten Bildchen beschäftigen, als mit einem auf reine Informationsvermittlung ausgelegtem, technologisch eher langweiligem Medium.

  2. @nik

    Informationsdichte ist heutzutage erfreulicherweise eine zunehmend subjektive Entscheidung: Wenn mich 80% einer Zeitung nicht interessieren ist das nicht nur Zeitverschwendung und nettes Brennmaterial sondern leider auch grauenvoll schädlich für die Umwelt.

    Ich kann mir meine online-Quellen so zusammenstellen, dass ich meine Informationszeiten sogar massiv optimiert habe.

    Die Unterstellung, dass man in der Zeitung liest, am iPhone aber nur spielt ist übrigens merkwürdig. Erlebe das in meiner Umgebung so überhaupt nicht.

    Zur Durchdringung: In unserem Familienkreis haben wir bisher noch eine geringe Smartphonedichte. Das wird sich Weihnachten schlagartig ändern und in Richtung 70% „enden“ :-)))

  3. Das Smartphone hat nicht nur den Vorteil auf aktuellere Daten zugreifen zu können, sondern es ist auch sehr Platz sparend. Wer morgens in der Berliner U-Bahn durch Mitte fahren muss, wird schnell sehen, dass es einfach viel zu eng ist um eine Zeitung aufzuschlagen. In der Rushhour wird es dort ein wenig tokiotisch. Da ist ein Smartphone optimal. Wenn es dann noch mit dem Empfang besser klappt, dann sieht es wirklich schlecht für die Printanbieter aus. Wer die Zukunft sich ansehen möchte, muss einfach nur nach Seoul oder Tokio fahren. Dort laufen und sitzen die Menschen stets mit dem Smartphone in der Hand.

  4. Ich bin nicht die Meinung, dass die gedruckte Tagespresse das Smartphone als ihren größten Konkurrenten ansehen sollte. Das sich inzwischen mehr Menschen online über Tablet-PC und Smartphone informieren ist klar. Zeitungsverlage sollten diesen Wandel als Chance begreifen um noch mehr Reichweite zu erlangen. Der Schwerpunkt der journalistischen Arbeit wird sich in die Online-Redaktionen verlagern und sobald sich auch mobile Bezahl-Modelle durchgesetzt haben, wird das Thema auch unter wirtschaftlichen Aspekt für die Zeitungsverlage interessant.