Die enttäuschenden iPad-Ambitionen der Süddeutschen Zeitung

Eins vorweg: Ich mag die Süddeutsche Zeitung. Ich halte sie für eine der besten Tageszeitungen und hatte sie jahrelang abonniert: Sie ist meist gut geschrieben, beschäftigt streitbare Kommentatoren und bietet einen sehr ordentlichen Onlineauftritt.

Seit einem Jahr hörte man immer wieder aus München, dass dort eifrig an einer iPad-App gebaut werde. Seit einem Jahr freute ich mich darauf. Denn ich bekomme die Süddeutsche zwar ins Büro. Aber eine iPad-App, so dachte ich, würde ich trotzdem nutzen. Morgens in der Bahn, abends auf dem Sofa und natürlich unterwegs.

Die App ist nun draußen.

Und mir stellen sich viele Fragen – nur eine nicht: Ob ich 29,99 Euro für ein Monatsabo dieser elektronischen Zeitung ausgeben werde.

Das werde ich sicher nicht tun. Denn die App ist nicht nur zu teuer, sie ist eine riesige Enttäuschung.

Wie kann das sein? War die SZ nicht lange das innovativere Haus unter den beiden wichtigsten Tageszeitungen?

Wäre die SZ-App das Ergebnis einer Arbeitsgruppe von Mediengestaltern im Grundstudium, man würde sagen: Respektable Leistung, Kollegen. Ihr habt gestalterisch und konzeptionell die offensichtlichsten Möglichkeiten des neuen Distributionskanals ausreichend erkannt und ansatzweise umgesetzt. Man könnte eine Drei vergeben.

Für einen Verlag wie die Süddeutsche ist die Leistung hingegen ungenügend.

Vor allem, weil die App so lieblos gestaltet ist. Wir haben mit dem iPad die Gelegenheit, eine Zeitung neu zu denken, zu experimentieren und neu zu erfinden.

Doch schon die Titelseite der App ist so eintönig, dass man sofort die Lust verliert, weiterzulesen. Öffnet man einen Artikel, sieht er aus wie ein Text, den man sich im Internet als Druckversion anzeigen lässt. Überschrift, Foto und ganz viel Text.

Man kann sich für reduzierte Komplexität entscheiden. Das hat die FAZ getan. Sie hat ein digitales Abbild ihrer Selbst geschaffen und in eine App gegossen: Edel gestaltet, mit viel Text – so, wie sie auch gedruckt erscheint. Das ist zwar auch nicht sonderlich innovativ, aber wenigstens konsequent.

Damit hat die FAZ in gewisser Weise ihre Identität in die App übertragen und eine eigene Handschrift entwickelt.

Großartig, wenn auch ganz anders, ist das dem Guardian gelungen, der seine iPad-App vor einigen Wochen vorlegte. Sie ist gestalterisch ein Hybrid aus Ideen der ebenfalls gelungenen iPhone-App und der Website, die ich für eine der innovativsten überhaupt halte.

Die App des Guardian spielt mit Farben, die Leser von den anderen Produkten bereits kennen, nutzt unterschiedliche Bildelemente (Fotos, Freisteller, Infografiken), hervorgehobenen Quotes und verknüpft all das noch mit dem Onlineauftritt der Zeitung.

Wieso können wir das in Deutschland nicht? Weshalb muss es hier immer so öde sein?

Die App der Süddeutschen wirkt schon jetzt altbacken, ohne Charakter, ohne eine Antwort zu geben auf die Frage, was die App ausmacht, was sie unterscheidet von den vielen alternativen Möglichkeiten, das iPad zu nutzen.

Denn auf dem iPad sind die Wettbewerber der Zeitungen nicht mehr nur andere Zeitungen, sondern alle Internet-Nachrichtenangebote, News-Aggregatoren wie ZiteFlipboard, der Google Reader sowie soziale Netze wie Facebook und Twitter, die ebenfalls für immer mehr Menschen zu einem unverzichtbaren Informationskanal werden.

 

Die Süddeutsche gibt diesen Wettbewerb von Vornherein verloren.

Man kann in der App Texte zwar per Mail verschicken. Aber Artikel auf Facebook oder Twitter zu teilen? Dienste, die auch der SZ helfen würden, virale Effekte zu erzeugen? Fehlanzeige.

Warum? Jeder weiß, dass es technisch unproblematisch wäre, diese Dienste in eine App zu integrieren.

Das bringt mich zu einer etwas grundsätzlicheren Frage: Kann es überhaupt funktionieren, Inhalte von gestern in eine App zu sperren und ein Preisschild draufzukleben? Inhalte, die ich im Browserfenster nebenan bei Süddeutsche.de kostenlos bekomme?

Ich habe da größte Zweifel.

Natürlich ist das ein Problem für Tageszeitungen, keine Frage. Magazine habe es da leichter. Economist, Wired, Spiegel und bald auch die WiWo spielen mehr oder weniger kreativ die Inhalte des Magazins auf das iPad.

Im Fall von Tageszeitungen zeigt sich am Beispiel der App einmal wieder, wie schwierig es für sie im digitalen Zeitalter geworden ist: Nachdem Zeitungen am Tag zuvor die Nachrichten ins Netz gestellt haben, verkaufen sie den Lesern am nächsten Tag noch einmal eine etwas längere Bezahlversion, Plus ein paar Reportagen und Kommentaren. Das kann dauerhaft kaum funktionieren. Aber das ist ein anderes Thema.

Für die App heißt das: Sie muss anders gedacht werden, sie ist kein neuer Container in dem Print-Inhalte zum Leser transportiert werden. Vielleicht muss sie eher so aussehen wie die Web-App der britischen Financial Times. Die ist jederzeit aktuell, lässt sich vom iPad aus wie eine App bedienen, ist in Wirklichkeit aber eine Homepage.

Mir ist klar, dass es einige Leser gibt, die sich reduzierte Komplexität wünschen, ein Produkt, dass die wichtigsten Dinge des Tages zusammenfasst, einordnet und hübsch aufbereitet. Aber genau das kann, nein, muss eine gut gemachte App leisten. Die Artikel laufen den Tag über ein, immer wenn sie fertig sind, bis die Zeitung abends komplett ist.

Und ja, für eine solche App könnte man Geld nehmen.

Warum das nicht geschieht? Zwar wachsen die Onlineredaktionen in vielen Zeitungshäusern gerade wieder. Sie werden aber von ihren Print-Kollegen immer noch als Abteilungen zweiter Klasse angesehen. So kommt es, dass die Onlineredaktionen oft zu obskuren Parallelorganisationen mutieren, mit eigenen Ressortleitern, Politikjournalisten und Reportern. Sie betreiben nur die Online-Seite. Die Print-Kollegen wiederum befüllen die Seiten und den größten Teil der iPad-App. So ist es meistens. Und das ist völlig absurd.

Für eine aktuelle App, die alle Vorteile einer Zeitung ausspielt, müssten die Print-Nachrichtenredaktionen mit den Online-Kollegen fusionieren. Einige Titel haben das bereits versucht. Konsequent zuende gedacht, bis hin zu einer überzeigenden Tageszeitungs-App, haben das aber bislang die wenigsten Redaktionen.

Sie sind zu sehr auf das alte Geschäft fixiert, auf den Redaktionsschluss und das gedruckte Produkt. Natürlich ist das wichtig. Es wird gedruckte Zeitungen und Magazine noch ein Weilchen geben.

Aber die Medien-Massenprodukte der Zukunft werden auf elektronischem Weg konsumiert. Wer da jetzt nicht mit voller Kraft einsteigt, für den wird es schon bald eng.

Wie schnell in dem Feld neue Player entstehen, zeigen zwei kleine Meldungen aus den vergangenen Monaten: Seit Juni hat die Huffington Post eine höhere Reichweite als die weltbekannte New York Times und laut dem Web-Traffic-Analysten hat das Social Media und Technik-Blog Mashable mittlerweile die Washington Post überflügelt.

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Alle Kommentare [4]

  1. Huffington Post und Mashable haben diese Reichweiten im Web erreicht, nicht mit einer App, Journalismus, der in Apps verpackt direkte Zahlungen von Lesern einspielt, kommt allerdings vor allem aus den klassischen Medienhäusern. Das, zusammen mit der Problematik von zu getrennt arbeitenden Redaktionen für Print und Online (das ist eher kein Problem von »zuende gedacht«, sondern von »ausreichend umgesetzt«) und der verlockenden Marktstellung des App Stores, dürfte der Hintergrund der SZ-App sein: Ich bin sicher, dass die Kollegen diese nicht als das Optimum für die nächsten 10 Jahre sehen, sondern als das im Moment richtige Angebot für die Leser, die primär die sogenannte finite experience der Tageszeitung in handlich-digitaler Form suchen. Und Bildergalerien und Videos gehen immerhin ein paar kleine Schritte weiter. Das kann ein sehr richtiger Zwischenschritt sein.

    Mehr Experimente würde ich trotzdem auch gern sehen.

  2. Völlig richtig. HuffPo & Co. sind Beispiele für schnell wachsende Wettbewerber, die für traditionelle Redaktionen gefährlich werden können. Ich glaube nur, dass Verlage allein mit Zwischenschritten nicht erfolgreich sein werden, während anderswo richtige Schritte unternommen werden, wie das Beispiel Guardian etc. zeigt.

  3. Der exzellente Beitrag von Herrn Matthes hat mich in meiner Auffassung bestärkt, dieses App nicht zu kaufen. Bleibt mir also das gute alte Printmedium. Schade eigentlich.

  4. Vielen Dank für diese excellente Analyse. Was fehlt, ist der Hinweis darauf, dass die SZ App eigentlich auch noch gar nicht funktioniert. Ich jedenfalls habe noch keine Ausgabe lesen können, ohne dass die App ein paar Mal abstürzt. Und das Laden einer Ausgabe ist so langsam, dass man ebensogut zum Kiosk laufen kann.
    Nein – dieser hoch gehypte, aber völlig misslungene Versuch einer App ist wirklich tragisch. Zeigt sich dort doch, dass die Verlagsseite bei der SZ dem journalistischen Anspruch des Mediums nicht mehr gewachsen ist.