Amerikas Rechtssystem – Freispruch für Todesschützen, Rentner gegen Investmentbanker

Die ganze Nation hat in den vergangenen Wochen das Gerichtsverfahren gegen George Zimmerman verfolgt, der Mann, der im US-Südstaat Florida den  jungen farbigen Trayvon Martin erschossen hatte. Der Todesschuss von Zimmerman sei Selbstverteidigung gewesen, befand nun das Gericht und sprach ihn von der Mordanklage frei.   
Selbstverteidigung also, hm. Wenn ich mich also bedroht fühle, wenn ich mein Leben durch den Angriff einer Person in Gefahr sehe, darf ich die Person einfach abknallen, und werde dann  freigesprochen?

Am Sonntag etwa, da fühlte ich mich auch bedroht: Auf der Brooklyn Bridge fuhr ich mit meinem Rad nach Hause. Dazu muss man wissen, die Brücke ist meistens pickepacke voll mit Menschen, überwiegend Touristen, die von der Brücke aus die Skyline von Manhattan knipsen bis die Digicam raucht.

Weil die Knipser mit ihrer Rumsteherei diese wichtige Trasse rüber auf die andere Seite der Stadt meist total blockieren, ist auf der Brücke eine Seite des Weges für Radler reserviert, eine für Fußgänger – in der Theorie.  Wie aus dem Nichts taucht vor mir vor dem Rad plötzlich eine junge Frau auf. Ich greife in die Bremsen, in der letzten Minute stoppe ich vor ihren Waden, ohne zu stürzen.

Sie dreht sich um und haut mir mit ihrem Smartphone auf die linke Schulter, das Telefon  wutentbrannt in der hocherhobenen Hand. Und wie ich mich bedroht fühlte. Neben ihr stand ein großer, kräftiger Junge.  Hätte ich die Waffe, die ich nicht habe, ziehen und beim nächsten Schlag der Frau schießen dürfen? Ich habe sie angeschrien, ob sie denn total verrückt geworden sei und bin weitergefahren. Übrigens – die junge Frau und ihr Freund waren Farbige – aber tut das was zur Sache? Eigentlich nicht.

Wie weit darf Selbstverteidigung gehen?

George Zimmermann, einer dieser freiwilligen Aufpasser, die in gutbetuchten Wohngegenden in Amerika für Recht und Ordnung sorgen, ist der Gefahr nicht aus dem Weg gegangen. Er informierte die Polizei, da liefe in seiner Gegend einer junger Mann herum, der da nicht hingehöre. „Alles klar, lassen Sie es gut sein“, antwortete die Polizei Zimmerman, „wir kümmern uns um den Fall.“ Doch, was tut der selbsternannte Polizist Zimmerman? Er hastet dem 17-jähgrigen Farbigen hinterher. Die Folge: ein Mord. Hatte er irgendeine Befugnis da selbst einzuschreiten? War er von dem Jungen zuvor bedroht worden? Nein. Allein für sein unbefugtes Handeln hätte er zu einer Strafe verdonnert werden müssen.

Nun geht ein Protestschrei wegen Rassendiskriminierung durch die Nation. Sogar US-Präsident Barack Obama greift mit beruhigenden Worten in die Diskussion ein.    

War hier nur oder überhaupt Rassismus im Spiel – frage ich nur mal so  provokativ?  Ist das Urteil so gefällt worden, weil der Junge ein Farbiger war?

Was eigentlich mal unter die Lupe genommen werden müsste, sind die doch sehr eigenwilligen Gesetze in einigen amerikanischen Bundesstaaten – etwa in Florida, die das Recht auf Selbstverteidigung sehr, sehr weit auslegen.  In New York gibt’s die so nicht. Nun, George Zimmermann, will sich jetzt in Sachen Rechtsberatung weiterbilden, um anderen zu helfen. Na, dann. Vielleicht lernt er ja da etwas.

Bitte kein „mumbo jumbo“  aus der Finanzszene im Gerichtssaal

Der nächste Fall, den die amerikanische Öffentlichkeit beschäftigen wird, steht seit heute in New York vor Gericht: Fabrice Tourre gegen die US-Börsenaufsicht SEC. Der Ex-Goldman-Sachs-Händler wird des Anlagebetruges angeklagt, denn mit seinem komplexen Finanzprodukt haben große Investoren richtige viele Millionen verloren. Als der „fabelhafte Fab“ ist der Franzose in die Geschichte der Finanzkrise eingegangen.

Heute war der erste Verhandlungstag im Zivilprozess gegen Tourre. Und weil es ein Zivilprozess ist, richten hier Laien – die Geschworenen. Und da die richtigen auszuwählen, darum ging es am ersten Verhandlungstag erst einmal. Tja, Laien sollen also über die Taten oder Untaten eines Investmentbankers befinden.

Erinnern wir uns noch an den Satz der damaligen Chefin der KfW, dass sowieso keiner mehr durch die komplexen Finanzprodukte, die die Branche da an Investoren in aller Welt vertickt, versteht und deshalb hätte eben niemand gemerkt, dass da was faul war?

Nun also sollen mit der Aufarbeitung der Finanzkrise, beim ersten Zivilprozess gegen einen Top-Händler der Investment-Bank Goldman Sachs, u.a. ein Rentner und ein Geistlicher befinden?

Aussortiert hat das Gericht erst mal. Einige der Geschworenen, gaben gleich zu, voreingenommen zu sein – entweder für oder gegen Wall Street. Einer war mal Händler bei Goldman Sachs gewesen, ein anderer Hypothekenverleiher – die wurden alle nicht zugelassen. Jetzt urteilen sieben Laien-Geschworene über den Fall Tourre. Dabei ist ein Rentner, ein Geistlicher, aber auch ein Aktienhändler – eine lustige Mischung also. Aber so funktioniert die Gerichtsbarkeit in Amerika.

Auch Richterin Katherine Forrest macht auch keinen Hehl daraus, dass sie nichts davon versteht, was an der Wall Street eigentlich abgeht. „Wer weiß schon, was eine Investmentbank eigentlich macht“, sagte sie. Und richtete gleich mal die Aufforderung an die Herren Verteidiger, hier im Gerichtssaal bloß kein „mumbo jumbo“ (was für ein herrlicher Ausdruck!!) zu quatschen  – also nix mit „swaps, CDOs oder inventory“.  Die Verteidiger sollen bitteschön aber eine Liste mit Fachtermini an die Geschworenen anfertigen.

Forrest wolle diesen Prozess auf jeden Fall in drei Wochen vom Tisch haben, wenn’s geht noch schneller, betonte sie. Ein Hai, sei sie, wenn es um die Einhaltung von Terminen ginge. Na, dann mal sehen, ob die Herren und Damen Geschworenen schnell genug erfassen, um was es beim komplexen Finanzprodukt „Abacus 2007-ACE1“, wie Goldman Sachs das Produkt genannt hatte, ging.

Wird Tourre freigesprochen wie Zimmerman, rechne ich jedenfalls nicht mit Massenprotesten in den Straßenschluchten von Manhattan oder in Los Angeles und schon gar nicht mit einer Ansprache des Präsidenten. Aber – abwarten, bei den Amis ist alles möglich.

Kommentar schreiben