Mein Freund, Paul Ryan

Ein aggressives Wortgefecht liefern sich die beiden Vize-Kandidaten im US-Wahlkampf wenige Wochen vor der Präsidentschaftswahl. Der alte Politikhase Joe Biden, Vizepräsident von Obama, ist der geschicktere und angriffslustigere Duellierer.

Trickreich treibt US-Vizepräsident Joe Biden, mit seinen 69 Jahren immerhin 27 Jahre älter als sein Gegenspieler, den Vize-Kandidaten der Republikaner in diesem Schlagabtausch wenige Wochen vor der Präsidentschaftswahl vor sich her.

Jeden Vorwurf des Republikaners Ryans lässt Biden nicht gelten, indem er den Konservativen entweder nicht zu Ende reden lässt oder ihn auslacht – etwa als Ryan der Obama-Regierung vorwirft, diese habe den Stand der USA in der Welt geschwächt und als Folge der „außer Kontrolle geratenen“ Außenpolitik Obamas den Angriff auf das US-Konsulat im lybischen Bengasi am 11. September anführt.

Biden blickt in diesem Moment zu Ryan, als habe dieser nun wirklich gar nix kapiert, behandelt ihn im weiteren Verlauf der Debatte, mal wie einen unwissenden Schulbub, dann wieder wie einen Konservativen, der je nach Wetterlage seine politischen Ansichten wandelt, etwa zur Abtreibung, und leitet seine Wortattacken auf den Republikaner immer wieder mit den Worten ein: Mein Freund Paul, hier.

Oberlehrerhafter Biden

Das klingt mal ironisch, mal abwartend, mal Oberlehrerhaft, mal lächerlich – Signal an die Wähler soll sein: nehmt den hier nicht für bare Münze, schenkt dem nicht euer Vertrauen, I mean seriously (eine Floskel, die Amerikaner gern an das Ende eines Arguments hängen, wenn sie sich über irgendetwas besonders aufregen). Als einen „Haufen Quatsch“ bezeichnete er Ryans Äußerungen schlicht und einfach einige Male.

Es ist ein harter Schlagabtausch, den sich die Vize-Kandidaten an diesem Abend vor Millionen Fernsehzuschauern liefern. Was Obama in der ersten Debatte mit seinem Herausforderer Romney nicht gelang, das schafft sein Vize: Biden macht es sichtlich Spaß, den politischen Gegner an die Wand zu diskutieren, er ist mit Leidenschaft bei der Sache, nimmt die Argumente der Republikaner auseinander, schießt zurück bei jeder Attacke von Ryan. Der Konservative argumentiert, die Steuerpläne seiner Partei führten zu mehr Wachstum und Jobs. Er warf Obama totales Versagen vor, Amerika aus der Krise zu führen. „Ein echter Aufschwung sieht anders aus“, sagt Ryan.

Biden keift zurück und lässt kein gutes Haar an den Plänen der Republikaner. „Sie nehmen die Mittelschicht als Geisel, um die Steuern für die Superreichen zu senken“, wirft er den Konservativen vor, die sich strikt gegen Steuererhöhungen wehren. Anders als Obama, kritisiert Biden die umstrittene Aussage Romneys über die „47 Prozent“ der Amerikaner, die, so Romney, sowieso für Obama wählten, weil sie staatliche Hilfen bekämen. „Diese Leute, sind meine Mutter, mein Vater, meine Nachbarn“, sagte Biden bei der Debatte am Centre College in Danville im Bundesstaat Kentucky. „Die zahlen sogar mehr Steuern als Romney“. Multimillionär Romney hatte offengelegt, in den Jahren 2010 und 2011 nicht mehr als 14 Prozent Steuern gezahlt zu haben – was im Vergleich zum Durchschnittsamerikaner sehr niedrig ist.

Debatten der Vize-Kandidaten in Präsidentschaftswahlen sind normalerweise nicht gerade hochspannend. Doch dieses Duell lebt von seiner Dynamik und der Substanz. Wer immer noch nicht weiß, welche Partei wo steht und was sie vorhat mit Amerika, der konnte es bei diesem Schlagabtausch lernen.

„Kommt jetzt mal runter“

Noch etwas war anders als bei der ersten Debatte der beiden Vize-Kandidaten: das Setting im Fernsehstudio. Die beiden Kandidaten standen nicht an Rednerpulten, um mit einander zu streiten, sie saßen an einem Tisch – nebeneinander. Die Moderatorin , Martha Raddatz saß vor ihnen – ein Setting fast wie bei einem Vorstellungsgespräch, bei dem die Chefin die beiden Kandidaten für den Job nicht einzeln im Gespräch unter die Lupe nimmt, sondern zusammen. So wirkte die Runde intim – ich hatte als Zuschauerin das Gefühl, einem feurigen Duell zweier Männer aus sicherer und dennoch bester Position beiwohnen zu können.

Die Moderatorin griff umsichtig ein, wenn es zu bissig wurde: „Kommt mal runter, jetzt!“ ruft sie beiden zwischendurch zu. Das tat der Debatte gut.

Biden dominierte die Debatte. Sein Ton allerdings hatte doch zu häufig etwas sehr selbstgerechtes.

 

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