Amerika- quo vadis? Jetzt streiken schon die Lehrer

Pädagogen wollen eben nicht bewertet werden. Obamas knapper Vorsprung bei den Umfragen droht schnell zu verpuffen.

Nicht einmal im streikfreudigen Deutschland wagen es die Lehrer mit einem Streik einen ganzen Schulbezirk lahm zu legen –  aber in den USA gibt’s nichts, was es nicht gibt. Keine Woche hat die Schule nach gut zwei Monaten Sommerferien (ja, zwei Monate Ferien!) wieder angefangen, und die Lehrer in der Millionenmetropole Chicago sind in den Streik getreten.

Rund 25.000 Lehrer im drittgrößten Schuldistrikt der USA legten aus Protest gegen ein neues Bewertungssystem für Lehrer ihre Arbeit nieder. Rund 400.000 Kindern hatten keinen Unterricht. Die Lehrer halten ein neues Bewertungssystem ihrer Arbeit für schlecht, weil es zu sehr auf dem Abschneiden ihrer Schüler bei standardisierten Tests basiere. Lehrer auf Grund von Testergebnissen der Schüler bewerten? Na, wo gibt’s denn so etwas?  Wieso nur, sollten Pädagogen auch nur die geringste Verantwortung dafür haben, ob ihre Schüler am Ende des Tages richtig lesen oder rechnen können? Solche Bewertungen könnten zur Entlassung von bis zu 6000 Lehrern führen, befürchtet die Lehrer-Gewerkschaft.

Nun, ja. Vielleicht wäre mal ein bisschen Kontrolle der Lehrer und ihrer eigenen Arbeit gar nicht so schlecht? Schließlich schneiden Amerikas Schüler bei internationalen Tests immer schlechter ab. Ex-US-Präsident Bill Clinton scheute sich in seiner Rede auf dem Parteitag der Demokraten nicht zu sagen, dass die Amerikaner gar nicht gut genug ausgebildet seien für die Anforderungen im heutigen Arbeitsleben – und das fängt schon mit dem maroden Schulsystem an.

Für Präsident Barack Obama könnte der skandalöse Lehrerstreik nicht zu einem ungünstigeren Zeitpunkt kommen. Ausgerechnet sein frührer Stabschef im Weißen Haus und jetziger Bürgermeister von Chicago, Rahm Emanuel, legt sich kurz vor den Wahlen mit den Gewerkschaften an. Auf deren Stimmen ist Obama aber dringend angewiesen. Schon trompetet sein politischer Herausforderer Mitt  Romney, er stünde auf der Seite der Eltern und Schüler.

Der Republikaner Romney würde sich wohl auch erst gar nicht mit aufwändigen neuen Bewertungssystemen für Lehrer an öffentlichen Schulen aufhalten – sondern gleich deren Gelder knappen. Romney kündigte mehrfach an, er wolle die Ausgaben für öffentliche Schulen kürzen, wenn er erst ins Weiße Haus als neuer US-Präsident einzöge.

Obamas Vorsprung bei den Umfragen könnten also schnell wieder verpuffen. Laut einer am Montag veröffentlichen Umfrage des TV-Senders CNN liegt Obama nun mit sechs Prozentpunkten vor seinem Herausforderer Mitt Romney: Obama  kommt auf 52 Prozent der Stimmen, Romney auf 46 Prozent. Mal sehen, wer noch alles streikt in den nächsten Wochen.

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Alle Kommentare [1]

  1. Etwas wenig differenziert, Frau Hennersdorf:

    Wird gemessen, wie gut Schüler zu einem bestimmten Punkt sind ODER wie sehr sie sich verbesserten? Wenn man in Berlin eine Klasse hat, wo die Hälfte aus „Problemfamilien“ kommen und beim Kollege in Passau alles gut behütete Mittelschichtkinder sind, dann ist die Bewertung über „standardisierte Testergebnisse“ z.B. unfair, der Berliner Kollege musste für den erreichten bescheidenen Erfolg wahrscheinlich deutlich mehr tun. Zudem scheinen Sie zu glauben, dass Lehrer in den Ferien nichts zu tun hätten. Im Übrigen sind deutsche Lehrer weniger „streikfreudig“, weil Beamte nicht streiken dürfen.