Mom Michelle – White House Chief und „Kuschelmonster“

Im Weißen Haus in Washington regiert First Lady Michelle Obama mit straffer Hand. Wäre sie die bessere Präsidentin?

„Eine beeindruckende, attraktive Frau“ – selbst der Moderator des konservativen US-TV-Senders Fox News gerät ins Schwärmen nach der Rede von Michelle Obama auf dem Parteitag der Demokraten. Auch die Rede sei brillant gewesen, fügt er schnell hinzu.

Eines hat der Auftritt der First Lady auf dem Parteitag der Demokraten in Charlotte deutlich gezeigt: Es liegen Welten zwischen ihr und Ann Romney, der Gattin des Republikaners Mitt Romney. Hier die starke, selbstbewusste farbige Frau, die sich aus einfachen Verhältnissen nach oben gekämpft hat, die aktiv für ihren Mann Wahlkampf betreibt, die die Zügel im Weißen Haus fest in der Hand hat; dort Anne Romney, aus gutem Hause, die fünf Söhne erzog, während ihr Mann in der Welt herumreiste und dicke Geschäfte abschloss.

Hier die selbstbewusste Michelle, die für Frauenrechte eintritt, die ihrem Mann Barack Obama klar macht, dass Homosexuelle das Recht haben, einander das Ja-Wort zu geben; die aktiv wirbt für die Politik ihres Mannes; dort Ann Romney, die für ihren Ehemann zum Mormonen-Glauben übergetreten ist. Hier Michelle, die allein zur Bühne stolziert und auch allein wieder abtritt; ihr Ehemann Barack sitzt zu Hause im Weißen Haus mit den Töchtern und lauscht der Rede via Fernsehen. Die Ansage ist klar – dad hütet die Kinder, Mom geht arbeiten. Romney begleitete seine Frau von der Bühne und wachte im Hintergrund über ihre Rede.

Die perfekte ideale Obama-Familie – ein amerikanischer Traum

Gemeinsam haben die beiden so unterschiedlichen Politiker-Gattinnen aber eines: Sie sind Hausmütter. Beide Frauen sehen das Wirken in der Familie als ihre Hauptbestimmung im Leben – verkörpern als das Image der idealen Familie. Für Michelle Obama, die schlaue Juristin mit Doktortitel, dreht sich alles um ihre Töchter, wie sie in ihrer Rede immer wieder beteuert. Im Weißen Haus pflegt sie als Mom und Familien-Chefin einen üppigen Garten; sie ist sozial engagiert, hat eine Kampagne für eine gesündere Ernährung und für mehr Sport von Kindern ins Leben gerufen. Mit was Ann Romney ihren Alltag füllt, was man eigentlich nicht – schließlich sind ihre fünf Jungs längst aus dem Haus.

Da sind wir ja in Deutschland mit unserer Regierungschefin Angela Merkel ja schon weiter. Aber stellen wir uns einen solchen Auftritt einmal in Deutschland vor – etwa auf einem Parteitag der CDU vor der nächsten Bundestagswahl. Stellen wir uns eine derart persönliche, emotionale Rede von Angela Merkels Ehemann Michael Sauer vor, der die Moral und Charakterzüge seiner Ehefrau in den höchsten Tönen preist, der mit einem Beben in der Stimme vom ersten Date mit Angela erzählt, und der bereitwillig berichtet, wie es heute ist, wenn sie sich jeden Abend erschöpft nach getaner Arbeit an den heimischen Abendbrottisch setzt – unvorstellbar, nicht wahr? Aber so sind die Amerikaner: emotional, persönlich, überschwänglich. Die Rolle der First Ladies spielt eine zentrale Rolle im US-Wahlkampf. Die Amerikaner wollen wissen, wer da wie im Weißen Haus regiert, wer die Kinder hütet und welche Filme geguckt werden.

Michelle Obama hat in ihrer öffentlichen Liebenserklärung an ihren Ehemann das Bild eines US-Präsidenten gezeichnet, der sich in den vier Jahren seiner Amtszeit nicht verändert habe, der immer noch zu seinen Idealen stehe, der seine Hoffnung nicht aufgäbe, Amerika zu verändern und gleichzeitig den amerikanischen Traum neu zu träumen. „Barack Obama ist immer noch derselbe Mann, in den ich mich vor all diesen Jahren verliebt habe“, sagte die First Lady. Wie schön für Michelle, der Nation ist damit wenig geholfen. Barack Obama wird es schwer haben morgen, die emotionale Rede seiner Frau zu toppen.

Ach, Michelle, warum ergreifst du nicht selbst das Zepter, dieses Land zu regieren?  Die 48jährige ist, bezeugen viele in Washington, die bessere Politikerin, die Leute auf der persönlichen Ebene überzeugen kann, die Kompromisse eingeht. Sie gilt als die große Umarmerin. Jeder, ob er will oder nicht, wird von der fast 1,80 Meter großen Frau innig umarmt. Sie ist das – allerdings sehr willkommene – Kuschelmonster in Washington. Mit diesen Eigenschaften wäre es vielleicht nie zu dieser lähmenden politische Spaltung des Kongresses gekommen. Obama gilt vielen als arrogant, so sehr von sich selbst überzeugt, dass es den eigenen Leuten manchmal schon zu viel wird.

Rahm Emanuel, Bürgermeister von Chicago und enger Vertrauter von Barack Obama rät ihm dringend, am morgigen Donnerstag eine „visionäre Rede“ zu halten – eine, die den Amerikanern klar macht, was Barack vor hat mit Amerika, wie er die nächsten vier Jahre dieses Land konkret führen will. „Er sollte bestimmt keine Rede über die Rolle der Regierung halten“, sagte Emanuel. „Dies ist hier keine Vorlesung in Politikwissenschaft.“

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