Obamas letzter einfacher Tag

Durften US-Elitesoldaten Osama bin Laden einfach töten? Der Bericht eines Ex-Navy Seal sorgt im Pentagon für Aufregung und passt US-Präsident Obama gar nicht.

Es ist die wohl einzige Entscheidung in der bisherigen Amtszeit von US-Präsident Barack Obama, die auch seine politischen Gegner begrüßen: die Tötung des Terroristenführers  Osama bin Laden am 2. Mai 2011 im pakistanischen Abbottabad. Immer wieder lobt sich der US-Präsident auch gern selbst für die erfolgreiche geheime Aktion der US-Elitetruppe Navy Seals, die den Terroristen in seinem Versteck im fernen Pakistan aufspürten und abknallten. Auf dem Times Square in Manhattan bejubelten am Tag danach viele Amerikaner den Tod des Terrorchefs.

Ausgerechnet jetzt, kurz vor den Wahlen, stellt nun einer, der bei der geheimen Militäraktion dabei war, die offizielle Version der US-Regierung in Frage, die beschreibt, was damals genau in Abbottabad geschah. Ausladend und haarklein erzählt Navy Seal Matt Bissonnette unter dem Decknamen Mark Owen seine Sicht der Ereignisse am besagten 2. Mai vergangenen Jahres in seinem Buch „No Easy Day“.

Nach Bissonnettes Version hätte ein Navy Seal schon von der Treppe des bin-Laden-Hauses auf den Al-Qaida-Führer geschossen, als der den Kopf aus der Schlafzimmertür steckte. Auf den am Boden liegenden Terroristen gaben die US-Soldaten dann zur Sicherheit gleich noch weitere Schüsse ab. In der offiziellen Version der US-Regierung hieß es bisher, der Terroristenführer sei in seinem Schlafzimmer von den Soldaten überrascht worden, seine Frau hätte sich noch schützend vor ihn geworfen und bin Laden hätte Widerstand geleistet.

Also ging von dem Terrorchef in der Situation gar keine unmittelbare Gefahr aus und er hätte nicht getötet, sondern festgenommen werden müssen? Ach, was – nach dem amerikanischen Militärrecht befanden sich die amerikanischen Soldaten in einer bedrohlichen Lage und durften deshalb sofort losballern. Mit Konsequenzen dürften die Navy Seals kaum rechnen. Warum also die Aufregung um das Enthüllungsbuch?

Warum nur sind die Amis so besessen von diesem Osama Bin Laden?

Das Buch enthielte sensible und geheime Informationen, sagte Pentagon-Sprecher George Little gestern. Die Veröffentlichung bereite dem US-Verteidigungsministerium  erhebliche Sorgen, so Little. Warum und weshalb genau, dazu gibt’s allerdings keine Details aus dem Pentagon. Der Autor hätte sein Buch vor der Veröffentlichung dem US-Verteidigungsministerium vorlegen müssen, heißt es aus dem Pentagon. Schon kolportieren andere Navy Seals, das Buch sei die pure Rache eines beleidigten Ex-Elite-Soldaten, der die Truppe im vergangenen Jahr verlassen musste und sich schlecht behandelt fühlte.

Warum nur, sind die Amerikaner so besessen von diesem Osama bin Laden? Der Autor des Buches wollte es eigentlich zum elften Jahrestag der Terrorangriffe auf das World Trade Center in New York City, am elften September 2012, veröffentlichen. Doch wegen des großen öffentlichen Interesses gab er seine persönliche Version der geheimen Militäraktion schon jetzt dem Publikum preisgab. Bei Amazon ist es schon Beststeller.

Welche Folgen die Bedenken des US-Verteidigungsministeriums für den Ex-Elite-Soldaten haben, ist offen – aber die Angst der Militärs wird das Interesse an dem Buch und an weiteren „Enthüllungen“ über die spektakuläre Militäraktion sicher weiter befeuern. Vielleicht treibt ja irgendjemand irgendwo die Frauen auf, die sich damals bei bin Laden befanden. Was ist eigentlich aus denen geworden? Gegen ein ordentliches Honorar würden sie bestimmt ihre Version der Geschehnisse am 2. Mai 2011 erzählen.

Amerika ginge es heute besser als vor vier Jahren

Präsident Barack Obama jedenfalls passt die Aufregung und eine kontroverse Diskussion um die erfolgreiche geheime Militäraktion jetzt gar nicht in den Kram so kurz vor den Präsidentschaftswahlen. Nach neuesten Umfragen liefern sich Romney und Obama derzeit ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Nach einer Gallup-Umfrage kommt der Republikaner Romney derzeit auf 46 Prozent der Stimmen, Obama auf 47 Prozent.

Auf die Kritik von Paul Ryan, Romneys Kandidaten für den Vizepräsidenten, Obama hätte Amerika in den vergangen vier Jahren nicht voran gebracht, kontert Vizepräsident Joe Biden: Obama habe die amerikanische Autoindustrie vor dem Untergang gerettet und Terrorchef Osama bin Laden getötet. „Amerika geht es heute also besser“, so der Obama-Vize.

 

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