Der schönste Romney Blues

Ein Weckruf an die Amerikaner von Gitarren-Legende Ry Cooder: Politische Satire mit gelungenen Blues-Riffs. Wunderbar.

September – Für die New Yorker ist der Sommer vorbei, auch, wenn die Temperaturen immer noch weit über 25 Grad liegen. Endlich sind wieder alle zurück  – vom Strand, von ihren Europa-Trips oder vom Camping in den heimischen Nationalparks. Fröhlich begrüßen sich die drei Rentner zum „Back-to-School“- Gottesdienst am vergangenen Sonntag in der katholischen Kirche St. Francis mitten in Manhattan. „Und, habt ihr den Parteitag der Republikaner im Fernsehen geguckt?“, fragt eine betagte New Yorkerin im schicken Kostüm ihren Nebenmann in der Kirchenbank. Klar, sagt der. „Mensch, war das ein trauriger Auftritt von Eastwood“, sagt sie. „Traurig, wirklich traurig“, bestätigt der alte Herr und meckert: „Dann diese Musik! Haben die eigentlich wirklich gesungen oder kam das vom Band?“

So tratschen die drei Alten noch ein paar Minuten hin und her, über Clint Eastwoods furchtbaren Auftritt bei dem Parteitag der Republikaner vor knapp einer Woche, der schrecklichen Musikband und lästern kräftig über die schwachsinnige Sitte mit diesen Luftballons, die am Ende des Parteitags auf die Bühne fallen. Über Mitt Romneys Rede verlieren die drei betagten Amerikaner kein Wort. Offenbar hat der Präsidentschaftskandidat der Republikaner die drei New Yorker nicht sehr beeindruckt mit seiner Rede an die Nation.

Überhaupt scheint es den Amerikanern an Begeisterung für diesen US-Wahlkampf zu mangeln. Auf dem Union Square in New York, beliebter Platz für politische Demonstrationen (gegen irgendetwas wird da eigentlich immer protestiert), herrscht Ruhe. Wie gewohnt sitzen dort die Schachspieler und fordern Passanten zu einem kleinen Match auf. Wie immer sammeln ein paar Jugendliche Geld für wohltätige Organisationen. Zumindest in New York ist vom Wahlkampf in diesen Tagen nicht viel zu spüren.

Ob US-Präsident Barack Obama auf dem Parteitag seiner Demokraten für mehr Begeisterung bei den Wählern sorgen kann?

Ry Cooder aus Kalifornien jedenfalls nimmt den langen beschwerlichen Weg zum Parteitag der Demokraten nach Charlotte, im US-Bundesstaat North Carolina auf sich – zumindest musikalisch. Die Gitarren-Legende hat im August mit „Election Special“ ein wunderbares Album mit politischen Protestsongs herausgebracht, nie nur bitterernst sondern auch lustig – politische Satire mit gelungenen Blues-Riffs: wunderbar.

Der erste Song beschreibt Mitt Romney Wahlkampf aus der Sicht seines Hundes.

“Boss Mitt Romney went for a ride, pulled up on the highway side, tied me down up on the roof, boss I hollered woof woof woof.”

Dann drischt der 65-jährige Musiker, Produzent und Komponist mit ein paar kräftigen Blues-Griffen auf die bösen Wall-Street-Banker ein und beschreibt in „Kool Aid“ melodisch die Wut der betrogenen amerikanischen Mittelklasse. In „Guantanamo“ protestiert er gegen das Gefangenenlager auf Kuba. Im Song „The long road  to Charlotte“ erklärt er, warum er als Demokrat auf jeden Fall zum Parteitag nach Charlotte fahren muss, auch wenn der Weg weit und beschwerlich ist: Aber irgendjemand müsse ja für die Bürgerrechte eintreten.

Auch in seinem vorherigen Album „Pull Up some Dust and Sit Down“ sang der Alt-Protestler schon gegen die Wall-Street-Gier und die Kriegs-Profiteure an. Dem neuen Album gab das Musikmagazin Rolling Stone vier Sterne und lobte es über den grünen Klee.

„In diesen Zeiten“, sagt Cooder, „sind eben andere Protestsongs nötig als „where have all the flowers gone“. Vielleicht sollten die drei betagten Rentner in Manhattan sich mal diese Songs reinziehen. Da kommt bestimmt bessere Stimmung auf.

 

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