{"id":949,"date":"2013-10-15T14:39:59","date_gmt":"2013-10-15T12:39:59","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/schweinehund\/?p=949"},"modified":"2014-03-19T16:22:13","modified_gmt":"2014-03-19T14:22:13","slug":"mein-marathon-als-hase","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/schweinehund\/2013\/10\/15\/mein-marathon-als-hase\/","title":{"rendered":"Mein Marathon als Hase. Ein Miesnickel feiert seinen Saisonabschluss"},"content":{"rendered":"<p>Es sieht hier nicht so aus, als ob ich das gewollt habe.<\/p>\n<div id=\"attachment_950\" style=\"width: 160px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/schweinehund\/files\/2013\/10\/vorstellungpacemaker.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-950\" class=\"size-thumbnail wp-image-950\" alt=\"Hasen mit kurzen Ohren. \" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/schweinehund\/files\/2013\/10\/vorstellungpacemaker-150x150.jpg\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-950\" class=\"wp-caption-text\">Hasen mit kurzen Ohren.<\/p><\/div>\n<p>Das Foto zeigt die Runde der Hasen oder auch Pacemaker oder auch Ballonl\u00e4ufer f\u00fcr den K\u00f6lnmarathon 2013 am Samstag vor dem Rennen. Hinterste Reihe der Miesnickel: Das bin ich.<\/p>\n<p>Wie es dazu kam, dass ich \u00fcberhaupt dort stand, steht <a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/schweinehund\/2013\/10\/09\/ballon-statt-epo-warum-ich-statt-epo-zu-spritzen-nun-den-hasen-gebe\">hier<\/a>.<\/p>\n<p>Der Begriff Hase kommt\u00a0 aus dem Bereich Windhundrennen, wo auf der Rennbahn vorweg ein an einer Maschine gezogener Kunsthase f\u00fcr die Tiere als Anreiz dient, \u00fcberhaupt zu laufen. Zumindest die Aussicht, als K\u00f6der zu dienen, bleibt mir am Sonntag morgen bei lausigen Temperaturen und dr\u00f6hnenden B\u00e4ssen im Startbereich des K\u00f6lnmarathons erspart.<\/p>\n<p>Mein Job ist leicht erkl\u00e4rt: M\u00f6glichst konstant laufen und ziemlich exakt drei Stunden und drei\u00dfig Minuten nach dem \u00dcberschreiten der Startlinie am Deutzer Bahnhof die Ziellinie im Schatten des Doms \u00fcberlaufen. Auf dem R\u00fccken trage ich ein Schild mit der Zielzeit, in der Hand halte ich zwei Ballons auf denen 3:30 steht, damit ich auch im Get\u00fcmmel zu sehen bin. Ich bin nicht allein, einige Meter hinter mir steht ein weiterer L\u00e4ufer mit Ballons f\u00fcr die Zielzeit 3:30. Falls mal einer ausf\u00e4llt. Wir sind schlie\u00dflich keine k\u00fcnstlichen Hasen.<\/p>\n<p>Zugl\u00e4ufer ist das offizielle Wort f\u00fcr diese L\u00e4ufer, die jeder gro\u00dfe Marathon den Startern als Orientierung mit auf den Weg gibt. In K\u00f6ln gibt es Ballonl\u00e4ufer f\u00fcr die Zeiten zwischen 3:00 und 4:30 sauber in 15-Minuten-Abst\u00e4nden. Und ich selber wei\u00df sp\u00e4testens<a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/schweinehund\/2013\/04\/29\/schnelleralserhofft\/\"> seit dem Fr\u00fchjahr, was f\u00fcr eine enorme Hilfe es ist, wenn einen ein besserer L\u00e4ufer &#8222;zieht.<\/a>&#8220;<\/p>\n<p>Es sollen erfahrene L\u00e4ufer sein, die die Zeit gut beherrschen, sie nicht erk\u00e4mpfen m\u00fcssen, sondern drauf haben, Zuversicht ausstrahlen und auch mal ein kurze Verz\u00f6gerung bei Gedr\u00e4nge oder am Verpflegungsstand rauslaufen k\u00f6nnen. Und welche, die die Ruhe bewahren und nicht gleich wie die Irren losspurten. Bin ich alles nicht, aber man ist ja Optimist.<\/p>\n<p>Typischerweise orientieren sich die Teilnehmer eines Marathons an einem Ballonl\u00e4ufer, die sich eine neue Bestzeit vorgenommen haben, die trainiert haben und sicher sein wollen, am Ende auch mit ihrer gew\u00fcnschten Zeit ins Ziel zu kommen. F\u00fcr mich hei\u00dft das: Lieber ein wenig zu fr\u00fch im Ziel, damit die, die hinter mir sind auch die Grenze unterschreiten. &#8222;Wie l\u00e4ufst du das?&#8220;, &#8222;Bleibst du bei den Verpflegungsstationen stehen?&#8220; sind die beiden Fragen, die mir im Startblock gestellt werden. Die Strategie ist schlie\u00dflich das A und O. Zu schnell loslaufen, weil man sich nach den Wochen der Vorbereitung fix wie Speedy Gonzales f\u00fchlt, ist die gr\u00f6\u00dfte S\u00fcnde, f\u00fcr die jeder bezahlen muss. Die Ruhe bewahren, konstant laufen &#8211; das ist die Devise und f\u00fcr viele Starter die gr\u00f6\u00dfte Unbekannte. Dank der GPS-Uhr am Arm ist es heutzutage jedoch kaum noch ein Problem, sein Tempo fortw\u00e4hrend zu kontrollieren, zur Sicherheit lasse ich noch eine Stoppuhr mitlaufen, die mir jeden Kilometer anzeigt, wie pr\u00e4zise wir nach der Vorgabe 4:59 Minute pro Kilometer unterwegs sind.<\/p>\n<p>Ich versuche locker und leicht zu wirken (klappt bis Kilometer 35 auch ganz gut). Ich wei\u00df: Ich kann das k\u00f6rperlich schaffen. Aber: Behalte ich auch die Nerven? Zahlende Marathonteilnehmer k\u00f6nnen \u00e4rgerlich werden, wenn die Pacemaker ihre Vorgabe nicht erreichen. &#8222;Wichtig ist nur eines: Ihr m\u00fcsst eure Zeit einhalten&#8220;, hatte uns Jan Broniecki vom Veranstalter noch eingeschworen. Wie &#8211; das ist ihm wohl auch egal. Notfalls auf allen Vieren.<\/p>\n<p>Das ist nicht n\u00f6tig. Der Startschuss f\u00e4llt, die Lawine aus 7000 L\u00e4ufern setzt sich in Bewegung. Und es dauert immerhin bis Kilometer f\u00fcnf bis das erste Problem einsetzt. Meine Wade rechts wird sp\u00fcrbar hart. Ich hatte vergessen sie nach dem Berlin-Marathon zwei Wochen zuvor ausreichend zu massieren und zu lockern. Bei Kilometer 10 denke ich zudem: Ich muss mal. Kann ich aber nicht. Denn ich darf nicht.<\/p>\n<p>Hinter mir ist ein Tross aus L\u00e4ufern, die es kaum verstehen w\u00fcrden, wenn ich ausschere und mal an dem Stra\u00dfenrand eine Toilette aufsuche &#8211; wo es eh keine gibt. Nur B\u00e4ume und Gr\u00fcnstreifen.<\/p>\n<p>Hier wird dann erstmals die Verantwortung sp\u00fcrbar. Egal, was ich sonst als L\u00e4ufer, der nur f\u00fcr sich entscheidet, tue &#8211; diesesmal entscheide ich f\u00fcr andere mit. Sprinte ich durch die Versorgungsstationen? Bleibe ich stehen? Dass ich immer mal wieder &#8222;Schei\u00dfe&#8220; rufe, wenn wir laut GPS-Zeit zu fix unterwegs sind, scheint niemanden zu irritieren. Gut, der ein oder andere L\u00e4ufer fragt auch mal: &#8222;Ist das nicht ein wenig schnell?&#8220;, der n\u00e4chste wiederum meint &#8222;Bist du nicht zu langsam unterwegs?&#8220; &#8211; Blick auf die Uhr, sicheren Gesichtsausdruck auflegen, murmeln, dass das schon passe und weiterrennen. Dass ich keine Maschine bin, erw\u00e4hne ich\u00a0 mehrfach unterwegs. Ich h\u00f6re regelm\u00e4\u00dfig &#8222;Da kommt der 3:30-Ballon&#8220; von den Zuschauern am Stra\u00dfenrand. Ein seltsame Mischung aus Selbstbewu\u00dftsein und Last der Verantwortung, die mich \u00fcber die Distanz begleitet. Da hilft nur eines: Nicht dran denken und weiterlaufen.<\/p>\n<p>Zuversicht ausstrahlen, Zeit f\u00fcr ein paar aufmunternde Spr\u00fcche und bei kleinen Kl\u00f6nschnacks mit den Wegbegleitern immer wieder der Hinweis: &#8222;Redet mal nicht zu viel, ihr braucht die Luft noch.&#8220;<\/p>\n<p>Ich auch. Denn sp\u00e4testens ab Kilometer 32 ist klar: Ein Marathon ist kein Spaziergang trotz inzwischen 2100 Laufkilometern in 2013. Ich bin ersch\u00f6pft. Aber Gedanken an langsam werden zulassen, gar Aufgabe? Tabu. Hammermann? Bitte nur bei Hornbach. Ich muss so laufen und tun als sei alles supi. Immer wieder mal frage ich mal in meiner Umgebung, ob wir richtig liegen &#8211; auch meine GPS-Uhr k\u00f6nnte ja fehlerhaft sein. Die Batterie der Stoppuhr ist bereits leer. &#8222;Doch, doch, du l\u00e4ufst doch wie ein Uhrwerk!&#8220;<\/p>\n<p>Ich sage nichts. Es ist nicht mein bester Tag, die Pace konstant zu halten wird tats\u00e4chlich zur Aufgabe, die sich nicht von allein erledigt. Nur der Blick auf die abgelaufene Zeit bei den Kilometerschildern beruhigt mich: Wir haben Zeit rausgeholt, gut anderthalb Minuten nach 35 Kilometern, nun kann auch mal ein Kilometer dabei sein, der nicht ganz so fix ist.<\/p>\n<p>Die kommen dann auch. Bei Kilometer 39 habe ich keine Lust mehr zu laufen. Gar nicht. Durst, ich muss aufs Klo, die Wade ist auch noch hart. Aber ich laufe. Aufgeben &#8211; niemals. Das bin ich den L\u00e4ufern in meiner Umgebung schuldig. Einmal mehr zeigt sich: Marathon ist Kopfsache. Der K\u00f6rper kann, der Kopf will nicht. Er tut nur, was ich ihm sage, weil ich zu meinem Wort stehe und gerne etwas zur\u00fcckgeben m\u00f6chte, weil ich selber in jedem Rennen von Tempomachern ob mit oder ohne Ballon profitiere.<\/p>\n<p>Um es mir ein wenig leichter zu machen, orientiere ich mich am Ende meinerseits an denen in meiner N\u00e4he, die viel solider und konstanter unterwegs zu sein scheinen als ich. Einige L\u00e4ufer sind \u00fcber die ganze Distanz in meiner N\u00e4he. Ich vermute, sie sind viel besser drauf, sie wirken frischer als ich und viel besser qualifiziert das Tempo zu halten &#8211; sie tun es schlie\u00dflich. Ich \u00fcberlege, einer extrem konstanten L\u00e4uferin, die ich seit Stunden sehe, den Ballon in die Hand zu dr\u00fccken und zu sagen, dass sie ihn ins Ziel bringen solle.<\/p>\n<p>Was ich zu dem Zeitpunkt nicht wei\u00df: Viele halten das Tempo so exakt, weil sie schielen, was ich tue. Wo ich bin, ist die 3:30.<\/p>\n<p>Der letzte Kilometer ist kein Zuckerschlecken, aber das Projekt zum Gl\u00fcck ungef\u00e4hrdet, innerlich f\u00e4llt mir ein Stein vorm Herzen. Statt Schlussspurt ein wenig bremsen, es mag den L\u00e4ufern im R\u00fccken hoffentlich recht sein. Einige sind schon vorausgelaufen, ich w\u00e4re auch schon gerne im Ziel.<\/p>\n<p>Es ist 15:02 und 35 Sekunden, ich \u00fcberquere die letzte piepende Zeitmessmatte nach 42,195 Kilometern in einer Zeit von 3 Stunden 29 Minuten und 27 Sekunden, mein Kollege trudelt versetzt mit exakt einer Sekunde weniger ins Ziel. Wir klatschen uns ab.<\/p>\n<p>Mein Kreislauf sinkt ab, ich sp\u00fcre die Anstrengung und merke: Ein Marathon ist ein Marathon. Ein Frau kommt auf mich zu, Ende 40, h\u00f6chstens 1,60 Meter gro\u00df. Ich habe sie das ganze Rennen nicht gesehen, sie war wohl hinter mir. Sie spricht mich auf Englisch an: &#8222;Thank you very much for doing that.&#8220;<\/p>\n<p>Das war es alles wert.<\/p>\n<p>Ich darf den Ballon behalten bis zum Hauptbahnhof am Heimatort. Da lasse ich ihn gut 5 Stunden nach dem Start in den Himmel steigen. Es war mir eine Ehre und ich bin froh, dass ich mich auf diese Art bedanken durfte bei all denen, die mich in den letzten Jahren mitgezogen haben. Besser kann eine spannende Saison nicht enden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es sieht hier nicht so aus, als ob ich das gewollt habe. Das Foto zeigt die Runde der Hasen oder auch Pacemaker oder auch Ballonl\u00e4ufer f\u00fcr den K\u00f6lnmarathon 2013 am Samstag vor dem Rennen. 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