{"id":588,"date":"2013-06-04T16:36:00","date_gmt":"2013-06-04T14:36:00","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/schweinehund\/?p=588"},"modified":"2013-06-04T17:18:38","modified_gmt":"2013-06-04T15:18:38","slug":"mein-erster-ironman","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/schweinehund\/2013\/06\/04\/mein-erster-ironman\/","title":{"rendered":"Mein erster &#8222;Ironman&#8220; Theorie und Praxis. Der Schweinehund muss raus. Oder vielmehr rein. Ins kalte Wasser."},"content":{"rendered":"<p>Theorie und Praxis.<\/p>\n<p>In der Theorie handelt sich bei den sogenannten &#8222;Ironman&#8220;-Wettbewerben (Die Bezeichnung ist gesch\u00fctzt) um Nachfolger des 1978 erstmals ausgetragenen Wettstreits zwischen Schwimmern, Radfahrern und L\u00e4ufern, die herausfinden wollten, wer denn nun eigentlich fitter sei. So kombinierten sie am 15. Februar 1978 die Strecken des Waikiki Roughwater Swim (3,8 km), das Radrennen &#8222;Ride around the Island&#8220;\u00a0 mit 180 Kilometer und des Honolulu-Marathon mit den seit den alten Griechen sattsam bekannten 42,195 Kilometern. Gewonnen hat ihn \u00fcbrigens in 11 Stunden, 46 Minuten und 58 Sekunden ein gewisser Gordon Haller. 15 Starter waren dabei, 12 schafften es bis in Ziel.<\/p>\n<p>In der Praxis hei\u00dft das f\u00fcr mein Leben, dass ich am 2. Juni 2013 bei rund 10 Grad Au\u00dfentemperatur um 7 Uhr morgens\u00a0 mit 70 anderen M\u00e4nnern und Frauen in Neoprenanzug am Stichkanal in Hannover Ahlem stehe und den Worten des Kampfrichters bang lausche. Das Wasser hat 14,8 Grad Celsius. Das hei\u00dft: 0,8 Grad weniger und das Schwimmen m\u00fcsste ganz abgesagt werden. Wir haben Gl\u00fcck, wir d\u00fcrfen die H\u00e4lfte absolvieren, also 1,9 Kilometer. Aufs Einschwimmen wird einstimmig verzichtet. Rein und Startschuss. Ich frage meinen Schweinehund nicht mal. Ich springe rein. Die anderen tun&#8217;s\u00a0 auch, dann muss es gehen.<\/p>\n<p>In der Theorie sind die Neoprenanz\u00fcge, die man in den eher gem\u00e4\u00dfigten Zonen bei diesen Wettbewerben sieht, einzig dazu da, die Athleten vor K\u00e4lte zu sch\u00fctzen. Dass sie schneller machen, wird nur allzu gerne in Kauf genommen. Bei manchen Wettbewerben zittern einige Teilnehmer, ob der Neo gar verboten wird, weil sie zwar nicht erfrieren, aber wertwolle Minuten einb\u00fc\u00dfen w\u00fcrden. In der Theorie w\u00e4rmt auch die einlaufende Wasserschicht den Athleten, nicht das Material, sie darf nur nicht zirkulieren.<\/p>\n\n<p>In der Praxis hei\u00dft das f\u00fcr mich: W\u00e4ren mehr K\u00f6rperteile von dem Wasser als Gesicht, H\u00e4nde und F\u00fc\u00dfe direkt umsp\u00fclt, dann w\u00fcrde ich wohl binnen Minuten v\u00f6llig unterk\u00fchlen. Mein Anzug ist nur einen Millimeter dick &#8211; weniger geht nicht. So dauert es die gut 34 Minuten, die ich f\u00fcr vorgegebenen 1900 (dank erheblichen Zickzackkurses aber eher 2000 Meter) ben\u00f6tige, bis ich gut durchgek\u00fchlt bin. So k\u00fchl, dass beim Wechsel von dem Neoprenanzug in die Radkleidung die Unterlippe das schnellste ist, was ich an diesem Tag bewege. Sie zittert.<\/p>\n<p>In der Theorie ist Triathlon ein Freiluft-Ausdauersport. Sommer, Sonne, Heiterkeit.<\/p>\n<p>In der Praxis ist nun ausgerechnet dieser 2. Juni beim Wasserstadt-Limmer-Triathlon so ausgek\u00fchlt, dass Neopren\u00fcberzieher und Handschuhe aus der Abteilung Winteroutfit f\u00fcr die 180 Kilometer Rad genau recht sind. Ich bin mehr als 6 Stunden auf dem Rad &#8211; ich habe das nicht eine Sekunde bereut. Schon nach einer Stunde kann ich die F\u00fc\u00dfe wieder gut f\u00fchlen.<\/p>\n<p>In der Theorie ist ein Ironman auch so eine gro\u00dfe Herausforderung, weil bei DEM Ironman auf Hawaii Hitze die Athleten zerm\u00fcrbt. Nicht weniger gef\u00fcrchtet ist der Wind, der Mumuku, der so einen lieben Namen tr\u00e4gt, aber b\u00f6se die Hitze ins Gesicht pustet.<\/p>\n<p>In der Praxis hat Hannovers Umland an diesem Tag keinen so h\u00fcbsch benamten Wind, daf\u00fcr ist der sehr kalt. Die Windr\u00e4der drehen sich zur Freude der Bef\u00fcrworter der erneuerbaren Energie mit voller Geschwindigkeit. Davon konnte bei mir keine Rede sein. Schafft der Wind B\u00f6en von bis zu 50 km\/h, schaffe ich gegen ihn gerade mal die H\u00e4lfte, manchmal mehr, manchmal weniger. Ich ducke mich so gut es geht auf dem speziellen Triathlonlenker, der mir eine windschnittigere Position verschaffen soll.<\/p>\n<p>In der Theorie sah es so aus, dass der Wind zumindest stabil bleibt, was seine Richtung angeht, so hatte es der Wetterbericht vorhergesagt.<\/p>\n<p>In der Praxis stellt sich in der sechsten und letzten Runde a 30 Kilometer heraus, dass er dreht. &#8222;Wind of Change&#8220; von den Scorpions drang irgendwann im Laufe des vormittags an mein Ohr. Die Veranstalter wom\u00f6glich, die als humorvolle Lokalpatrioten den Song der Scorpions im Zielbereich, den ich sechsmal passiere, einspielen. Danke.<\/p>\n<p>In der Theorie hei\u00dft es, ein Ironman wird im Kopf entschieden. Die Ruhe bewahren, sich die Kr\u00e4fte einteilen, das predigt im Grunde jeder, der einen absolviert hat.<\/p>\n<p>In der Praxis hei\u00dft das, dass mich das das verkehrserzieherische Warnschild &#8222;Eile t\u00f6tet&#8220; genau daran erinnert &#8211; haue ich jetzt voll rein, sterbe ich beim Marathon. Ich bleibe also entspannt, trete locker, geradezu leicht, versuche eine schmerzende Laktatbildung zu meiden wie der Teufel das Weihwasser &#8211; und bin entsprechend langsam. Auf der vierten Runde mischten sich die mehr als 400 Starter der Mitteldistanz (1,9km Schwimmen, 90km Rad, 21 km Laufen) in die Piste.<\/p>\n<p>Muskul\u00f6se b\u00e4rige Typen rasen an mir in engen Trikots und Shorts vorbei, pfeilschnell. Ich f\u00fchle mich augenblicklich wie ein bepackter Muli in meiner flatternden Laufjacke und den zig Trinkflaschen am Rad. Ruhe bewahren, nicht verleiten lassen, kein Testosteron-Wettkampf. Der Schweinehund will Gas geben, darf er aber nicht. Er muss noch laufen. Den Marathon.<\/p>\n<p>In der Theorie ist ein Ironman ein Dreikampf, jede Disziplin f\u00fcr sich ein einzelner Wettkampf.<\/p>\n<p>In der Praxis beginnt f\u00fcr mich der Wettkampf mit dem Laufen erst so recht. Denn erst jetzt, nach gut 7 Stunden auf der Strecke zeigt sich, was die rund 3500 Trainingskilometer zu Wasser und Lande in 200 Stunden dieses Jahr allein wert waren. Viel. Die ersten 10 Kilometer laufen prima, fast zu gut. Angst vor der eigenen Courage, Angst vor dem, was auf den letzten 20 Kilometer passieren k\u00f6nnte. Die Beine werden schwer, das Tempo wird langsam, durchkommen &#8211; das ist alles, was z\u00e4hlt, ich pfeife bei Kilometer 25 auf alle Zeitziele, die ich mir gesetzt habe. H\u00e4tte ich nicht m\u00fcssen, es lief gar nicht so schlecht. Aber ich muss aufs Klo, ich mag keine Gele mehr sehen, die Cola ist an den Verpflegungsstation alle. Die Pinkelpause nutzen Kinder zum Spott, die Fotos, die die Streckenfotografen von mir in Abst\u00e4nden von einer Stunde schie\u00dfen, zeigen, wie ich langsam die Spannung im K\u00f6rper verliere. Und sie dann doch wieder gewinne. F\u00fcnf Kilometer vorm Ziel ist klar &#8211; das geht nicht mehr schief. Ich sp\u00fcre noch K\u00f6rner an Kraft, ich rufe den Freizeitl\u00e4ufern auf dem Spazierweg rund um den Herrenh\u00e4user Garten ein beherztes &#8222;Platz da&#8220; zu und hole noch mal ein paar Sekunden raus.<\/p>\n<p>Ziel.<\/p>\n<p>Ich bin da. Ich stehe. Ich lache. Ich weine. Ich hab&#8217;s geschafft. Zwei Jahre zwischen Wunsch und Wirklichkeit.<\/p>\n<p>In der Theorie war alles klar, in der Praxis hie\u00df es, diesem Ziel treu zu bleiben, ihm manches, aber nicht alles unterzuordnen. Den Schweinehund immer wieder zu bek\u00e4mpfen f\u00fcr dieses eine Ziel.<\/p>\n<p>In der Theorie hat ein Ironman 3,8 Kilometer Schwimmstrecke, 180 Rad und 42 Laufen. In meiner Praxis hatte er 1,9 Kilometer weniger Schwimmstrecke. Macht nix. Ich habe mein Ziel erreicht.<\/p>\n<p>In der Theorie ist und war der Wettbewerb eine komplett irre Idee. In der Praxis auch.<\/p>\n<p>Und deswegen mach&#8216; ich das auch noch mal.<\/p>\n<p>F\u00fcr alle Interessierten: Hier die Link zu den GPS-Daten meines Wettkampfs:<\/p>\n<p><a title=\"Freiwasserschwimmen\" href=\"https:\/\/connect.garmin.com\/activity\/322356004\" target=\"_blank\">Schwimmn: https:\/\/connect.garmin.com\/activity\/322356004<\/a><\/p>\n<p><a title=\"Radfahren \" href=\"https:\/\/connect.garmin.com\/activity\/322356012\" target=\"_blank\">Radfahren: https:\/\/connect.garmin.com\/activity\/322356012<\/a><\/p>\n<p><a title=\"Laufen\" href=\"https:\/\/connect.garmin.com\/activity\/322356026\" target=\"_blank\">Laufen: https:\/\/connect.garmin.com\/activity\/322356026<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Theorie und Praxis. 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