{"id":4782,"date":"2019-10-04T15:24:35","date_gmt":"2019-10-04T13:24:35","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/schweinehund\/?p=4782"},"modified":"2020-01-24T10:27:17","modified_gmt":"2020-01-24T08:27:17","slug":"ein-wettbewerb-ohne-anfang-aber-mit-ende-der-hispaman-2019","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/schweinehund\/2019\/10\/04\/ein-wettbewerb-ohne-anfang-aber-mit-ende-der-hispaman-2019\/","title":{"rendered":"Ein Wettbewerb ohne Anfang. Aber mit Ende. Und einer Mitte. Der Hispaman 2019"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_4785\" style=\"width: 2010px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/schweinehund\/files\/2019\/10\/48825479951_02a9d07520_o-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-4785\" class=\"wp-image-4785 size-full\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/schweinehund\/files\/2019\/10\/48825479951_02a9d07520_o-1.jpg\" alt=\"\" width=\"2000\" height=\"1333\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/schweinehund\/files\/2019\/10\/48825479951_02a9d07520_o-1.jpg 2000w, https:\/\/blog.wiwo.de\/schweinehund\/files\/2019\/10\/48825479951_02a9d07520_o-1-300x200.jpg 300w, https:\/\/blog.wiwo.de\/schweinehund\/files\/2019\/10\/48825479951_02a9d07520_o-1-768x512.jpg 768w, https:\/\/blog.wiwo.de\/schweinehund\/files\/2019\/10\/48825479951_02a9d07520_o-1-1024x682.jpg 1024w, https:\/\/blog.wiwo.de\/schweinehund\/files\/2019\/10\/48825479951_02a9d07520_o-1-450x300.jpg 450w\" sizes=\"auto, (max-width: 2000px) 100vw, 2000px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-4785\" class=\"wp-caption-text\">Nur ein Bild in diesem Blog. Es sagt mehr als die folgenden 1339 Worte. (Copyright Diego Escobedo<\/p><\/div>\n<p>Wo soll ich anfangen? \u201eAm Anfang\u201c schrieb ein Kommentator des Hispaman Forum unter meinen Post, dass es mir schwer fallen w\u00fcrde, aufzuschreiben, was ich in Spanien beim Hispaman erlebt habe. &#8222;Was ist der Anfang?&#8220;, fragte ich zur\u00fcck. Die Anmeldung? Der Schwimmstart? Der Lauf? Die Idee, dass ein Rennen der xtri-World-Tour mir etwas geben w\u00fcrde? Die Zusage von Xavi, den ich vom Norseman kannte, mich zu begleiten?<\/p>\n<p>Wo begann das, was um kurz vor drei Uhr morgens in Vistabella del Maestrat im Landesinneren zwischen Barcelona und Valencia endete? Mit einem befreiten Lachen zwischen den versalzten Hautfalten und den strahlenden Augen? Es gibt kein einziges Bild von mir, in dem ich so zufrieden aussehe. Ich bin letzter geworden. Niemand hat l\u00e4nger gebraucht als ich f\u00fcr die Ironmandistanz, gespickt mit 3400 H\u00f6henmetern im Radkurs und 2000 H\u00f6henmetern (und mehr als 1000 abw\u00e4rts!) im Marathon.<\/p>\n<p>Es war knapp. Ich war 19 Stunden und 38 Minuten unterwegs laut Veranstalter. 12 Minuten sp\u00e4ter \u2013 und meine Zeit w\u00e4re nicht mehr in der Wertung gewesen.<\/p>\n<p>Letzter sein. Voller Stolz. Gel\u00f6st. In einem Ma\u00dfe im Einklang mit mir selbst, wie ich es nicht an mir kenne.<\/p>\n<p>Vermutlich war ich nie so selbst bei mir in irgendetwas, das ich getan habe, wie im Hispaman.<\/p>\n<p>Ich habe v\u00f6llig verdr\u00e4ngt, dass mein Ziel, anzukommen, die ganze Zeit in Gefahr war.<\/p>\n<p>Ich h\u00e4tte es wissen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ich habe es gar nicht ausgerechnet, nicht \u201edoing the maths of trailrunning\u201c wie es Xavi nannte.<\/p>\n<p>Ich war einfach nur dabei, das zu tun, was ich tat. Gedankenleer, im Moment dabei. Nerv\u00f6s? Warum? 18:00 den Marathon beginnen? Ist doch okay, ich h\u00e4tte doch bis 3:00 Zeit. Ganze neun Stunden f\u00fcr 42 Kilometer. Das kann man gehen. Also ging ich los. Ich w\u00e4hnte mich also ohne gro\u00df nachzudenken sicher, dass ich ja wohl irgendwie in 9 Stunden die 42km absolvieren k\u00f6nnte. Ignorance is bliss \u2013 Unwissenheit sch\u00fctzt.<\/p>\n<p>Und ich h\u00e4tte ja laufen k\u00f6nnen, ich war nur nat\u00fcrlich schon lange kaputt und der festen \u00dcberzeugung, strammes Marschieren w\u00fcrde reichen. Tut es aber nicht in einem Rennen, das durchs Unterholz f\u00fchrt, wo jeder Schritt bedacht werden will und man dort, wo ich war, auch dank der Dunkelheit gar nichts sieht. Mehr als einmal musste ich mit der Stirnlampe den weg suchen, zwei Mal rief ich beim Renndirektor an, der mir dank des GPS-Senders sagen konnte, wo ich war \u2013 aber nicht so recht, wo hin ich abbiegen m\u00fcsste.<\/p>\n<p>Dann rutschte auch noch mein Tracker im Rucksack soweit runter, dass er nicht mehr empfangen wurde \u2013 Xavi war in Sorge und kurz davor, mir entgegen zu rennen. Dann aber bog ich um die Ecke, als ob nichts sei \u2013 war es ja auch nicht \u2013 f\u00fcr mich. Ich war einfach gedankenlos. L\u00e4uft doch. Geht doch. Sorge? Warum? Ich hatte auch gar keine Energie, auszurechnen, ob das reicht. Xavi hatte am Freitag noch gesagt \u2013 eine Stunde Schwimmen, neun Stunden Rad fahren und neun Stunden laufen. Ich nahm an, dass er grunds\u00e4tzlich \u00fcber das Rennen sprach \u2013 er meinte aber mich. Gar nicht begriffen in dem Moment. Die Radstrecke im Norseman habe ich schlie\u00dflich bei \u00e4hnlichen H\u00f6henmetern in sieben Stunden absolviert. Ich rechnete also mit vielleicht 8 Stunden, vielleicht 8,5. Es wurden 9 Stunden 18 Minuten, davon allein 28 Minuten Pausen zur Verpflegung. Ist mir gar nicht aufgefallen. Ich dachte, es w\u00e4re weniger. Zumal ich st\u00e4ndig an Schildern vorbeifuhr, die die Organisatoren aufgestellt hatten, um mitzuteilen in welchem Zeitfenster die Bewohner der Region mit dem Wettbewerb rechnen m\u00fcssen. Da war ich solide im Fenster. Vielleicht war es etwas dreckig, dieses Zeitfenster.<\/p>\n<p>Ersch\u00f6pfung hin oder her \u2013 man kann rennen, wenn man muss. Man tut das dann und es geht. Vorher sagt einem nur der Kopf: Nee, lass mal. Sobald der aber einsieht, dass es sein muss, sich selbst zuliebe \u2013 dann geht es. Ich war \u00fcber mich selber \u00fcberrascht, wo nach gut 18 Stunden Sport noch die Energie her kam, die flachen Passagen des Wanderwegs zu laufen. Ich habe mich selber \u00fcberrascht.<\/p>\n<p>N\u00f6tig war das aber erst im allerletzten Abschnitt, 9 Kilometer \u2013 scheinbar harmlose 300 H\u00f6henmeter inklusive. Hinter mir kamen erst Lichter n\u00e4her, dann zwei L\u00e4ufer, die mich \u00fcberholten \u2013 laufend. Ich scherzte noch, wo sie noch die Energie hernahmen. Die n\u00e4chsten beiden wollte ich ebenfalls noch passieren lassen. Aber das waren schon die Crew-Mitglieder, die die Streckenmarkierungen, die ich allzu oft in der Nacht fiebrig gesucht hatte, einsammelten. Sie gaben Xavi zu verstehen, dass ich es schaffen k\u00f6nne, aber nicht mehr tr\u00f6deln d\u00fcrfe. Ich m\u00fcsse die flachen Passagen laufen, sagte Xavi. Und ich lief. Und es lief gut. Schon lange instabil in der H\u00fcfte, mehr Umknicker als in meiner gesamten Lauf-Laufbahn. Egal. Ich lief.<\/p>\n<p>\u201eWarum tust du dir solche Qualen an?\u201c Qualen? Es war doch nur anstrengend!?!?!?!? Das kann man doch mal machen. Man macht das, denke ich, weil man sich selbst neu sehen kann. Neben nat\u00fcrlich der Faszination des Sports in abgelegener Natur, ja Wildnis in meinen Augen. Klar, mir machen intensive Erlebnisse einfach Spa\u00df. Muss man sich immer hochjazzen? Ich hoffe nicht, mein alter Leib f\u00e4nde das sicher nicht so sch\u00f6n. Ich glaube es auch nicht, ich gehe davon, dass es reicht, offen zu sein f\u00fcr sch\u00f6ne Landschaften, f\u00fcr Gemeinschaft, f\u00fcr Erlebnisse. Neue Dinge sehen und tun. Das kann auch ein deutlich einfacherer Wettbewerb sein. Hoffe ich.<\/p>\n<p>Ob es eine Art Sucht gibt, sich immer neuen Dingen auszusetzen, die einen schlussendlich \u00fcberfordert. M\u00f6glich. Ich wei\u00df es nicht. Ich werde es erleben.<\/p>\n<p>Letzter sein. H\u00e4tte mir mal jemand gesagt, dass ich das super f\u00e4nde \u2013 ich h\u00e4tte es nicht geglaubt. Ich bin auch nicht letzter, ich habe einfach nur l\u00e4nger als alle anderen gebraucht. Vielleicht f\u00e4llt es schwer, den Unterschied zu verstehen, ich sp\u00fcre ihn deutlich. Es ist kein Wettbewerb gegen die anderen, wenngleich es nat\u00fcrlich Sieger gab. Aber ich w\u00fcsste nicht, dass nicht jeder Teilnehmer wei\u00df, was jeder geleistet hat. Und das anerkennt.<\/p>\n<p>\u00dcblicherweise w\u00e4chst in meinem Kopf schon im Wettbewerb die Idee, wie ich davon erz\u00e4hle. Diesmal: Kraut und R\u00fcben. Wild durcheinander. Ein Scherz \u00fcber die neu entdeckte Liebe zu reflektierenden Wegweisern? Ein Witzchen \u00fcber Xavis Freund Christian \u2013 der in seinem ersten Triathlon, der l\u00e4nger war als eine olympische Disziplin \u2013 gleich siebter Wurde \u2013 f\u00fcnf Stunden schneller als ich. Er fragte mich am Abend zuvor, ob ich noch Tipps h\u00e4tte \u2013 mehr als \u201eEnjoy it and take wet toilet paper.\u201c hatte ich nicht. Ich sehe diesen Wettbewerb noch nicht. Es wird viel viel l\u00e4nger als sonst dauern, bis sich die Dinge setzen und ich erkenne, was da passiert ist.<\/p>\n<p>Ich mochte mich. Wer f\u00fchlt schon oft Sympathien f\u00fcr sich, wer tritt so weit einen Schritt neben sich und denkt: Das macht sie oder er gut? Es gab diese eine Situation, in der ich den Trail einfach nicht finden wollte. Eine Reflektion strahlte ich mehrfach an und entschied, dass das eher ein Kaugummipapier oder eine mineralische Reflektion sei. Ich bin nochmals in die falsche Richtung gelaufen, dann schlussendlich gab ich auf \u2013 und ging zur\u00fcck zum Guide und fragte nach dem Weg, als selbst der Racedirector mir nicht genau helfen konnte via Telefon.<\/p>\n<p>Ich dachte \u2013 gut, kann sein, dass es hier f\u00fcr dich war, aber mach doch einfach weiter. Verzweiflung? Keine Spur. Der Weg musste ja irgendwo sein. Gut, ich hatte Zeit verloren und Xavi sagte, ich m\u00fcsste in zwei Stunden am n\u00e4chsten Stopp sein \u2013 Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck \u2013 der folgende Abstieg nach einem wadenzerkratzenden Anstieg durchs Gestr\u00fcpp verlief dann f\u00fcr einige Kilometer leicht abfallend auf einem guten Feldweg. Ich konnte laufen. Und ich lief. Gef\u00fchlt locker, und auch gar nicht soooo langsam angesichts der vorigen Anstrengung. Schon in der R\u00fcckschau in dem Moment dachte ich: Hast du gut gemacht. Ruhig geblieben, L\u00f6sung gesucht, unbeirrt weiter gemacht \u2013 da sind dann die Anstrengungen eben nur das: Anstrengungen. Xavi h\u00f6rte sich meine Erz\u00e4hlung an, w\u00e4hrend wir den letzten Abschnitt unterwegs waren. Ja, vielleicht hat mich das Zeit gekostet. Aber ich sei daf\u00fcr anschlie\u00dfend schnell gelaufen, schneller als jeden anderen Abschnitt des Tages. Das h\u00e4tte ich sonst vielleicht nicht getan (sicher nicht). Es sei also alles auch eine Frage der Balance. Vielleicht bin ich in Spanien meiner inneren Mitte begegnet. Der Ort, an dem alles beginnt.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Thank you, Xavi &#8211; you did more than just being there and help me with everything.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wo soll ich anfangen? \u201eAm Anfang\u201c schrieb ein Kommentator des Hispaman Forum unter meinen Post, dass es mir schwer fallen w\u00fcrde, aufzuschreiben, was ich in Spanien beim Hispaman erlebt habe. &#8222;Was ist der Anfang?&#8220;, fragte ich zur\u00fcck. Die Anmeldung? 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