{"id":421,"date":"2013-04-29T23:02:11","date_gmt":"2013-04-29T21:02:11","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/schweinehund\/?p=421"},"modified":"2013-04-30T18:14:05","modified_gmt":"2013-04-30T16:14:05","slug":"schnelleralserhofft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/schweinehund\/2013\/04\/29\/schnelleralserhofft\/","title":{"rendered":"W\u00e4hrend des Marathons bitte nicht mit dem L\u00e4ufer sprechen."},"content":{"rendered":"<p>Zu den bemerkenswertesten Anblicken bei meinen Trainingsrunden geh\u00f6ren die zahlreichen Menschen, die zu zweit laufen und sich dabei nett unterhalten. Seitenstiche sind der Grund, der mir als erstes einf\u00e4llt, warum das eine dumme Idee ist. Dass jeder, der sich bewegt, mit Reden seine Atmung aus dem Takt bringt, sollte einleuchten. Wer bei seinem Lauf die ganze Zeit reden kann, dachte ich, zeigt eigentlich auch nur:\u00a0 Er l\u00e4uft zu langsam. Ich muss umdenken.<\/p>\n<p>D\u00fcsseldorf. Marathon. Blauer Himmel, frische Temperaturen \u2013 hervorragende Bedingungen. Einer der Hauptsponsoren hat als Service eine Marschroute mit Zeiten, die auf ein Plastikarmband gedruckt werden im Angebot. Der Teilnehmer gibt an, welche Zielzeit er anstrebt, der Computer errechnet nach welcher Zeit er bei 5 km, 10 km und so weiter sein muss. 3:25 habe ich mir mal mutig als Ziel ausdrucken lassen, die Zeiten stehen auf dem blauen Band. Meine offizielle Bestzeit liegt vor dem Marathon bei 3:38. Zus\u00e4tzlich zu den Infos, die mir meine GPS-Uhr gibt, eine ziemlich idiotensichere Sache. Aber nichts gegen die Erfahrung eines \u00e4lteren L\u00e4ufers.<\/p>\n<div id=\"attachment_424\" style=\"width: 160px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/schweinehund\/files\/2013\/04\/d\u00fcsseldorfmarathon1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-424\" class=\"size-thumbnail wp-image-424 \" alt=\"Eine l\u00e4uft, einer rennt hinterher. \" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/schweinehund\/files\/2013\/04\/d\u00fcsseldorfmarathon1-150x150.jpg\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-424\" class=\"wp-caption-text\">Eine l\u00e4uft, einer rennt hinterher. Eine lacht bei Kilometer 41, einer staunt.<\/p><\/div>\n<p>Denn noch bevor ich \u00fcberhaupt die erste aussagekr\u00e4tige Marke erreiche, befinde ich mich hinter zwei L\u00e4ufern, die sich noch flockig unterhalten \u2013 bei einem Tempo, wo ich es noch k\u00f6nnte, aber lieber lasse. Die beiden sprechen angeregt \u00fcber ditt und datt. Eine junge Frau &#8211; 31, wie ich sp\u00e4ter auf Nachfrage erfahre und ihr Vereinskamerad und Trainer. Bei Kilometer 8 opfere ich ein wenig Sauerstoff und frage, was die beiden denn wohl ged\u00e4chten f\u00fcr eine Zielzeit zu erreichen. Die junge Frau ist (und bleibt) keck: \u201e3:20\u201c. Aha. F\u00fcnf Minuten schneller als meine f\u00fcr mich mutigen Pl\u00e4ne. Mit einem \u201edann versuche ich mal dran zu bleiben, wenn es recht ist\u201c, folge ich dem konstanten Tempo der beiden. Ich gestehe freim\u00fctig: Da dachte ich noch &#8211; ihr werdet bluten. Reden und dann so fix &#8211; im Leben nicht. Ich will das nicht verschweigen. Aber ich dachte, das Tempo gehe ich mal mit, wenn die beiden die ganze Zeit reden, werde ich doch wohl &#8211; Atem sparend &#8211; dahinter bleiben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>In den folgenden 34 Kilometer erfahre ich noch so einiges \u2013 denn die junge Frau ist nicht nur geschminkt, adrett frisiert und schnell \u2013 sondern auch redselig. Ihr Trainer, Michael, ist ein drahtiger Triathlet, ich erfahre, dass er auch dieses Jahr wieder in Roth bei der Ironman-Distanz an den Start geht. Er sieht aus wie um die 50, wie ich sp\u00e4ter herausfinde, startet er in der Altersklasse \u00fcber 55 Jahre\u2026 Die Pinkelpause, die er einlegt, holt er locker wieder raus. Dabei immer gut gelaunt, locker, zufrieden mit seiner Marschroute. Ich sch\u00fcttele immer wieder den Kopf vor Staunen. Denn es ist ja viel Zeit zu erz\u00e4hlen bei so einem Marathon!<\/p>\n<p>Sie hat sich noch wenige Tage vorher mit dem Rennrad lang gemacht. Bei Kilometer 34, als ich weiteren Sauerstoff opfere, um zu sagen, dass ich wohl gleich etwas langsamer w\u00fcrde, sagt sie, dass sie mir Schw\u00e4nke aus der Jugend erz\u00e4hlen w\u00fcrde, damit ich motiviert bin und ich einen roten Kopf bek\u00e4me. Ich lasse mich dazu hinrei\u00dfen, ausf\u00fchrlich zu antworten, dass ich Kinder h\u00e4tte und wohl dank der Schulh\u00f6fe von heute nicht mehr so leicht zu ersch\u00fcttern sei &#8211; &#8222;Ich bin Lehrerin.&#8220; Aha. Ich verspreche f\u00fcrs Windschattenlaufen das eingeforderte alkoholfreie Bier auszugeben &#8211; gerne auch zwei. Ich lerne auch was: Das wohl nichts so motivierend ist, wie bei guter Tagesform zu merken, dass man mit schnelleren L\u00e4ufern mithalten kann. Die Motivationskicks setzen ein. Auf halber Strecke deutet sich an, dass ich mein Minimalziel von unter 3:30 wohl erreichen werde, selbst eine Pinkelpause k\u00f6nnte das nicht g\u00e4nzlich gef\u00e4hrden. Ich f\u00fchle mich gut &#8211; und mit dieser Erkenntnis gleich noch besser. Der gef\u00fcrchtete Einbruch ab Kilometer 36 &#8211; er kommt nicht.<\/p>\n<p>Michael h\u00f6rt die meiste Zeit freundlich zu, sagt schon fr\u00fch, dass er sie informiert h\u00e4tte, dass Reden nicht so clever w\u00e4re. Das denke ich die ganze Zeit, denn \u2013 es ist ihr erster Marathon. \u201eHammermann, Einbruch, \u00dcberraschung\u201c \u2013 das sind die Worte, die mir durch den Kopf schie\u00dfen. Michael zieht etwa 10 Kilometer vor dem Ziel das Tempo an. Ich schaue auf die Uhr und sehe ein Tempo, das ich mich nicht getraut h\u00e4tte, zu diesem Zeitpunkt zu laufen: \u201eIhr meint das ernst, mit den 3:20, oder???\u201c. Sie: \u201eJa, klar, wir schaffen das.\u201c Ich glaube nicht recht, dass die beiden und schon gar nicht ich es schaffe, ja, vielleicht 3:22. Aber daf\u00fcr m\u00fcssten wir noch mal schneller laufen? Wie soll das gehen? Ich laufe aber mal weiter mit, die beiden wirken ja auch noch locker, Atem f\u00fcr den einen anderen laut ge\u00e4u\u00dferten Gedanken haben beide. Selbst wenn es nur 3:22 werden &#8211; die beiden h\u00e4tten ihr Ziel zwar verfehlt, ich meines mehr als erreicht &#8211; und dabei viel gute Laune und Spa\u00df gehabt. Michael h\u00e4lt das Tempo hoch, ich bleibe dran, manchmal zu nah dran und trete von hinten in die Sohlen &#8211; bei leichten Gef\u00e4llen. Ich bin schwerer als beide.<\/p>\n<p>Es dauert bis Kilometer 39 bis ihr Wunsch nach Unterhaltung geringer wird. Michael gr\u00fc\u00dft auf der K\u00f6nigsallee noch einen radelnden<\/p>\n<div id=\"attachment_425\" style=\"width: 160px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/schweinehund\/files\/2013\/04\/d\u00fcsseldorfmarathon2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-425\" class=\"size-thumbnail wp-image-425\" alt=\"Michael Vonn macht das Tempo, ich hab's geschafft dran zu bleiben. \" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/schweinehund\/files\/2013\/04\/d\u00fcsseldorfmarathon2-150x150.jpg\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-425\" class=\"wp-caption-text\">Michael Vonn macht das Tempo, ich hab&#8217;s geschafft dran zu bleiben.<\/p><\/div>\n<p>Freund bei Kilometer 40, erkl\u00e4rt, dass es alles gut ginge, sie sagt, es sei doch ein gro\u00dfer Spa\u00df. Ich sch\u00fcttele staunend den Kopf und st\u00f6hne \u201eWahnsinn\u201c. Und denke, dass ich doch langsam auch ein wenig kaputt sei. Wir \u00fcberholen immer mehr L\u00e4ufer, viele werden langsamer, wir werden schneller &#8211; jeder einzelne ist wie ein kleiner Gasschub, der einen weiter antreibt. Ersch\u00f6pfung? Ja, aber bitte nicht jetzt, kurz vorm Ziel sind Zweifel so weit entfernt wie der Start. Sie jubelt \u201eNoch eine Frau \u00fcberholt!\u201c \u2013 Kampfschwein ist keine Frage des Geschlechts. Mir fehlt inzwischen der Atem, um zu debattieren, mehr als &#8222;Wahnsinn&#8220; kann ich nicht zischen, es l\u00e4uft und l\u00e4uft, der schiere Wille, nicht abrei\u00dfen zu lassen reicht, mich zu noch schnelleren Schritten. Mein Schweinehund hat sich ganz tief zur\u00fcckgezogen, er scheint eher am Stra\u00dfenrand der K\u00f6nigsallee\u00a0 Spalier zu stehen und zu applaudieren &#8211; all die Trainingsstunden waren wohl nicht ganz umsonst.<\/p>\n<p>Der letzte Kilometer ist mit Abstand der schnellste, den ich an diesem Tag laufe, wie im Rausch. Die Uhr zeigt 3:19 als wir \u00fcber die Ziellinie laufen. Ich habe dank der Unterst\u00fctzung und Aufmunterung meiner Mitl\u00e4ufer mit Abstand meine Bestzeit unterboten, bin einen Marathon gelaufen, von dem ich morgens noch fest \u00fcberzeugt war, dass ich den noch nicht so schnell nicht schaffen k\u00f6nne. Und wurde dabei auch noch gut unterhalten.<\/p>\n<p>An dieser Stelle nochmals herzlichen Dank und gro\u00dfen Respekt an Michael Vonn vom SC Uerdingen 05, der mich dankenswerter teilhaben lie\u00df an seiner perfekten Wettkampfstrategie, die ich mir zwar auf dem Papier mir auch immer wieder vornehme, sie aber nicht so souver\u00e4n verfolgen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Und zum Thema Reden und Laufen schweige ich fortan.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu den bemerkenswertesten Anblicken bei meinen Trainingsrunden geh\u00f6ren die zahlreichen Menschen, die zu zweit laufen und sich dabei nett unterhalten. Seitenstiche sind der Grund, der mir als erstes einf\u00e4llt, warum das eine dumme Idee ist. 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