{"id":1908,"date":"2014-09-11T18:06:33","date_gmt":"2014-09-11T16:06:33","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/schweinehund\/?p=1908"},"modified":"2014-09-11T18:06:49","modified_gmt":"2014-09-11T16:06:49","slug":"sicherheit-versus-freiheit-mit-dem-organspendeausweis-beim-sport","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/schweinehund\/2014\/09\/11\/sicherheit-versus-freiheit-mit-dem-organspendeausweis-beim-sport\/","title":{"rendered":"Sicherheit versus Freiheit. Ohne Organspendeausweis zum Sport."},"content":{"rendered":"<p>Sicherheit, das scheint zu dem wichtigsten Ziel unserer Gesellschaft zu werden, zu dem wichtigsten Gut, mehr als Freiheit oder etwas anderes. Sicherheit am Arbeitsplatz, im Fahrstuhl. Oder im Leben ganz allgemein. Der Versuch, Risiken zu minimieren, begleitet so gut wie jedes Projekt. In der Schweiz wurde ich beim Besuch der Produktionsst\u00e4tte eines Kaffeer\u00f6sters gebeten, beim Weg durch das Treppenhaus, die Hand am Gel\u00e4nder zu nutzen. Man wolle Unf\u00e4lle vermeiden.<\/p>\n<div id=\"attachment_1914\" style=\"width: 160px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/schweinehund\/files\/2014\/09\/IMG_34791.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1914\" class=\"size-thumbnail wp-image-1914\" alt=\"Kaum Gewicht, doch irgendwie Ballast. Bleibt nun daheim. \" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/schweinehund\/files\/2014\/09\/IMG_34791-150x150.jpg\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1914\" class=\"wp-caption-text\">Kaum Gewicht, doch irgendwie Ballast. Bleibt nun daheim.<\/p><\/div>\n<p>Wer will das nicht? Gesund bleiben. Kein Risiko eingehen, das nicht n\u00f6tig ist. Das gilt sicher in vielen F\u00e4llen umso mehr f\u00fcr Menschen, die Sport betreiben, um ihr Risiko einer Erkrankung zu mindern. Mehr Bewegung, weniger Kilo, ges\u00fcnderes Leben ist die einfache Gleichung. Doch der Sport selbst, und daf\u00fcr muss es nicht Basejumping sein, birgt Risiken. Schwimmer, die in Badeseen trainieren, riskieren, dass kein Bademeister zusieht, Radfahrer immer auch schwere Unf\u00e4lle, L\u00e4ufer doch mindestens mal eine Ohnmacht oder gar einen Sturz, vielleicht sogar auf den Kopf. Und dann wei\u00df niemand, wer man ist.<\/p>\n<p>Zu Beginn meiner Lauflaufbahn hatte ich neben Energieriegeln dabei:<\/p>\n<ol>\n<li>Monatskarte f\u00fcr den \u00d6PNV<\/li>\n<li>EC-Karte<\/li>\n<li>Mobiltelefon<\/li>\n<li>20-Euro-Geldschein<\/li>\n<\/ol>\n<p>Neben meinem Musikspieler nat\u00fcrlich. Ich war also ganz gut beladen. Die Angst, auf halber Strecke Probleme zu bekommen, war da. Auch die Idee, dass im Falle des Falles mich jemand identifizieren kann, gab mir ein gutes Gef\u00fchl. Inzwischen sind diverse Armb\u00e4nder oder Umh\u00e4nger erh\u00e4ltlich, auf denen die pers\u00f6nlichen Daten des Tr\u00e4gers zu finden sind. Auch dies: Zur Sicherheit.<\/p>\n<p>Heute laufe ich ohne alles. Kein Blutspendeausweis. Kein Organspendeausweis, kein Telefon, keine EC-Karte, kein Geld, keine Karte f\u00fcr den Nahverkehr. Und f\u00fchle mich frei. (Und kaum weniger sicher.)<\/p>\n<p>Warum? Am schnellsten verzichten konnte ich auf das Telefon und die Nahverkehrskarte. Irgendwann, mit ausreichend Training, wei\u00df man, dass man wieder zur\u00fcckkommt, dass die Kr\u00e4fte einen nicht mittendrin verlassen. Das ist Erfahrung, die einfach kommt. Ein Anruf, um abgeholt zu werden oder selber sich zur Bushaltestelle schleppen &#8211; es war mehr als ein Jahr lang nicht n\u00f6tig. Das Risiko, dass das nun regelm\u00e4\u00dfig eintritt &#8211; ich halte es f\u00fcr zu vernachl\u00e4ssigen. W\u00fcrde es passieren, bitte ich halt einen Passanten um Hilfe.<\/p>\n<p>Danach blieb auch die EC-Karte und das Geld daheim, ich werde schon kein Taxi brauchen. Siehe oben. In seltenen F\u00e4llen im Winter, wenn die \u00f6ffentlichen Trinkbrunnen, die es durchaus noch gibt, abgestellt sind und ich wei\u00df, dass ich auf halber Strecke etwas zu trinken brauche, stecke ich ein paar M\u00fcnzen ein f\u00fcr ein Getr\u00e4nk von der Tankstelle oder dem Kiosk. Meist wird&#8217;s ein Malzbier auf Ex.<\/p>\n<p>Und auch wenn diese Dinge nur ein paar wenige Gramm wiegen &#8211; ich f\u00fchle mich \u00fcberraschend erleichtert. Befreit von einem Ballast, der eigentlich meiner Sicherheit dienen soll. Noch ein mal: Laufen ist kein Basejumpen. Es ist vergleichsweise sicher, vor allem gegen\u00fcber Rad fahren, wo ich schon eher Geld und Telefon mitnehme, weil man sich auch weiter von daheim entfernt.<\/p>\n<p>Aber ich genie\u00dfe meine mir erarbeitete kleine Freiheit, f\u00fcr eine kurze Spanne des Tages, ein mal nicht erreichbar, ein mal nicht abgesichert, sondern allein auf mich selbst gestellt zu sein (und wir reden \u00fcber eines der am dichtesten besiedelten Gebiete der Welt, nicht die Anden.)<\/p>\n<p>Mit der abnehmenden Sorge \u00fcber etwaige Probleme, stieg das Vertrauen in meine eigenen F\u00e4higkeiten und die Zuversicht, dass schon alles gut wird. Keine Vollkaskosorge, sondern ein kleines wenig Ausbruch aus einem Alltag, der links und rechts abgesichert ist.<\/p>\n<p>Ich respektiere jeden, der lieber mit Sport-ID und Ausweis auf seine Touren geht, ein Bekannter von mir zeigte auf Facebook heute seine nun komplettierte Sammlung an absichernden Dokumenten. Jeder muss sich wohl f\u00fchlen, wer sich mit Dokumenten besser f\u00fchlt, wird den Sport mehr genie\u00dfen, weil er sorglos ist.<\/p>\n<p>Ich aber erfreue mich mehr und mehr daran, f\u00fcr eine bis zwei Stunden die Illusion zu leben, ich h\u00e4tte keine Verpflichtungen, m\u00fcsste mich um nichts k\u00fcmmern und sorgen &#8211; und w\u00e4re frei.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sicherheit, das scheint zu dem wichtigsten Ziel unserer Gesellschaft zu werden, zu dem wichtigsten Gut, mehr als Freiheit oder etwas anderes. Sicherheit am Arbeitsplatz, im Fahrstuhl. Oder im Leben ganz allgemein. 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