{"id":1658,"date":"2014-06-16T12:14:56","date_gmt":"2014-06-16T10:14:56","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/schweinehund\/?p=1658"},"modified":"2014-06-16T20:08:10","modified_gmt":"2014-06-16T18:08:10","slug":"liebe-kinder-aus-ubstadt-weiher-die-challenge-kraichgau-war-ein-offenbarungseid","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/schweinehund\/2014\/06\/16\/liebe-kinder-aus-ubstadt-weiher-die-challenge-kraichgau-war-ein-offenbarungseid\/","title":{"rendered":"Liebe Kinder aus Ubstadt-Weiher, die Challenge Kraichgau war ein Offenbarungseid"},"content":{"rendered":"<p>Liebe Kinder aus Ubstadt-Weiher, Bad Sch\u00f6nborn, Flehingen oder B\u00fcchig,<\/p>\n<p>ich war am Sonntag bei euch im sch\u00f6nen Kraichgau, den ich vorher gar nicht so genau kannte. Ich war zu euch gekommen, um mitzumachen bei dieser Veranstaltung, wo ganz viele Rennradfahrer und L\u00e4ufer durch eure Stra\u00dfen brausen, der Challenge Kraichgau. Ich wollte sehen, wie ich mit einem Halbmarathon klarkomme, nachdem ich 1900 Meter im blauen Hardtsee geschwommen und 90 Kilometer Rad gefahren bin mit 1000 H\u00f6henmetern. Gar nicht gut. Viele von euch kennen die sch\u00f6nen Berge und ihr schimpft sicher auch, wenn ihr nach der Schule mit dem Rad da hoch fahrt, weil es doch sehr anstrengend ist. Ich schimpfe lauter.<\/p>\n<div id=\"attachment_1673\" style=\"width: 160px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/schweinehund\/files\/2014\/06\/IMG_3491.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1673\" class=\"size-thumbnail wp-image-1673\" alt=\"Ob Batman wohl schneller als ich \u00fcber die Berge kam?\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/schweinehund\/files\/2014\/06\/IMG_3491-150x150.jpg\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1673\" class=\"wp-caption-text\">Ob Batman wohl schneller als ich \u00fcber die Berge kam?<\/p><\/div>\n<p>Aber ihr habt die Strecke zu hunderten ges\u00e4umt. Die j\u00fcngeren unter euch haben sich vielleicht gewundert, was da eigentlich los ist. In euren ruhigen Stra\u00dfen mit Fernblick bis in die Pfalz wurden Absperrungen aufgebaut. Ihr konntet nicht mehr einfach so zu euren Freunden gehen. Und am Sonntag war die Stra\u00dfe auf ein mal voll. Mehr als 2000 Erwachsene sausten oder krampften sich laufend durch eure D\u00f6rfer und Gemeinden. Einer war ich.<\/p>\n<p>Ich war einer von denen, an denen die anderen Radfahrer vorbeizischten und beim Laufen war ich einer von denen, die eure Schw\u00e4mme mit gro\u00dfer Wonne ins Gesicht dr\u00fcckten. Nicht gesehen habt ihr, wie mein Lenker sich nach einem Schlag bei der Fahrt \u00fcber einen Gulli nach unten bog oder mir das Isogetr\u00e4nk auf den K\u00f6rper lief, weil die Flasche schr\u00e4g zugeschraubt war. Da h\u00e4ttet ihr gelacht. Ich weniger. Schade, dass diese Missgeschicke nicht wenigstens ein wenig Spa\u00df brachten.<\/p>\n<p>Ihr habt vielleicht sogar Mama oder Papa, die selber mitgemacht haben. Und ihr wundert euch. Alle tragen kunterbunte knallenge Anz\u00fcge und wenn Mama und Papa an euch vorbeikommen sehen sie vielleicht ganz sch\u00f6n m\u00fcde aus. Vorteil: Sie haben keine Kraft zu schimpfen, wenn ihr gerade Unsinn treibt.<\/p>\n<p>Viele von euch waren sogar Helfer. Ihr habt Getr\u00e4nkebecher hingehalten, &#8222;Cola-Mix&#8220; gerufen oder &#8222;Iso-Getr\u00e4nke&#8220;. Und ich griff stumm zu und kippte mir den Becher ins Gesicht, statt zu trinken &#8211; zum Gl\u00fcck war dann auch immer Wasser drin, wenn ihr &#8222;Wasser&#8220; gesagt habt. Ihr k\u00f6nnt euch vorstellen: Ein Becher Cola im Gesicht: Klebrig.<\/p>\n<div id=\"attachment_1674\" style=\"width: 160px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/schweinehund\/files\/2014\/06\/IMG_3511.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1674\" class=\"size-thumbnail wp-image-1674\" alt=\"Zu diesem Zeitpunkt sah alles noch gut aus. Bis auf den Athleten. Clownsparade am Hardtsee. \" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/schweinehund\/files\/2014\/06\/IMG_3511-150x150.jpg\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1674\" class=\"wp-caption-text\">Zu diesem Zeitpunkt sah alles noch gut aus. Bis auf den Athleten. Clownsparade am Hardtsee.<\/p><\/div>\n<p>Aber ihr habt die Schw\u00e4mme nicht einfach hingehalten. Ihr habt sie angepriesen, als sei das triefnasse Plastikding ein F\u00fcllhorn der Erfrischung. Ist es in dem Moment auch. Kaltes Wasser &#8211; herrlich, in einen habe ich sogar reingebissen. &#8222;Tolle Schw\u00e4mme&#8220; habt ihr gerufen. &#8222;Nehmt zwei.&#8220; &#8222;Erstklassige Schw\u00e4mme&#8220; habt ihr gesagt und sie beworben als sei es das letzte Angebot vor der Autobahn, die hier im Umkreis der Zentralen von Heidelberg Druck und SAP nahe ist und doch fern wirkt.<\/p>\n<p>Ich h\u00e4tte euch gerne mehr geboten, ein Dankesch\u00f6n, f\u00fcr euch, f\u00fcr eure Eltern und Trainer, die euch darum baten, da mitzumachen. Ohne euch w\u00e4re es wohl einfach gar nicht gegangen.<\/p>\n<p>Aber seid ehrlich: Es ist auch nicht ganz schlecht f\u00fcr euch gelaufen. Rassel in der Hand und: Gib ihm. Macht das im Wohnzimmer f\u00fcr f\u00fcnf Minuten und ihr habt Mama und Papa mit den Nerven so blank wie mich, als ich am laut Ausschreibung &#8222;Geheimtipp Schindelberg&#8220; (wie ich lernte, hei\u00dft der bei hiesigen Vereinen &#8222;Wand von Gochsheim&#8220;) eure H\u00fcgel und meine Entscheidung hier teilzunehmen verfluchte. Innerlich aber dennoch deutlich. Ihr durftet br\u00fcllen und im Gegensatz zu mir sicher auch ein Eis oder eine Wurst essen. Ich durfte nur am Bratwurstduft vorbeifahren. Und ihr ahnt es: Das ist nicht sch\u00f6n, wenn man sehr hungrig ist, einem gleichzeitig flau im Magen ist und man nat\u00fcrlich nicht einfach anhalten kann, um eine Wurst zu essen. Und ich h\u00e4tte gerne angehalten, Rad abgestellt und nur noch gegessen. Aber ich musste ja noch nach Hause.<\/p>\n<p>Ich hatte den Eindruck, dass ihr am meisten Spa\u00df hattet an diesem Tag. Mama oder Papa oder Opa oder der Tante zujubeln, ohne Unterlass mit Holzl\u00f6ffeln auf Kocht\u00f6pfe schlagen, w\u00e4hrend eine Riesenmeute alberner Clowns in bunten Wurstkost\u00fcmen an euch vorbeil\u00e4uft. Und keiner schimpft, weil ihr Krach macht.<\/p>\n<p>Vielleicht denkt sp\u00e4ter mal der ein oder andere auch dar\u00fcber nach, mit zu machen. Mal auf der anderen Seite zu sein, mal selber sich zu qu\u00e4len, mit den Steigungen zu hadern, beim Laufen \u00fcber die Hitze zu fluchen, langsam zu sp\u00fcren, wie die Kraft schwindet, das Tempo so in die Knie geht, dass aus Laufen Gehen wird. Es macht dann am Ende, so viel darf ich verraten, nicht mehr ganz so viel Spa\u00df. Ich wollte nur noch ankommen. Ende, aus, endlich stehen bleiben. Aber ihr und eure Eltern, ihr h\u00e4ttet wohl immer weiter gerufen, &#8222;Hop, hop, hop&#8220;, so wie an diesem ekelhaften Anstieg mitten auf der Radstrecke, wo extra viele Menschen stehen, um entweder zu sehen, wie ich und die anderen uns qu\u00e4lten oder weil sie uns Mut machen wollten. So gibt dann eben keiner auf, jeder will ankommen, so auch ich. Bin ich auch. Weit langsamer als erhofft, weit gequ\u00e4lter als gew\u00fcnscht &#8211; es war eigentlich ein Desaster, ich will da nicht rumdrucksen. Eine 3- in meinem sportlichen Zeugnis, bestenfalls. Aber ihr kennt die Klassenarbeiten, f\u00fcr die man entweder zu wenig ge\u00fcbt hat, oder die einfach elendig schwer sind. Dann ist man \u00fcber die 3- noch froh.<\/p>\n<p>Und &#8211; ganz ehrlich &#8211; nat\u00fcrlich hatte ich auf eine 2+ spekuliert. Vor zwei Jahren bin ich in K\u00f6ln das erste mal so weit geschwommen, geradelt und gelaufen am St\u00fcck. Und ich war schneller. Deutlich. Und ich habe seit dem viel ge\u00fcbt. Mehr Stunden als\u00a0 Englisch-Vokabeln oder binomische Formeln in meiner gesamten Schulzeit. Und ich bin dennoch deutlich schlechter gewesen bei dieser Pr\u00fcfung im Kraichgau. Da denke ich mir auch: \u00dcben bringt wohl nix. Und das Schlimme: Ich musste nicht ein mal auf mein Zeugnis warten, bis mir klar wurde, dass ich diesen Test vor der wichtigsten Arbeit des Jahres, dem Ironman in Klagenfurt in zwei Wochen, versemmele. Meine Uhr war da die ganze Zeit sehr erbarmungslos. Alle f\u00fcnf Kilometer schnarrte sie und zeigte mir an: Du bist langsam. Blieb ich auch. Die Arbeit zu Ende schreiben, obwohl man wei\u00df, dass sie Murks wird &#8211; naja. Abgeben muss man dennoch. Ich sage euch: Ich habe Schiss vor dem Ironman in zwei Wochen. Noch mehr H\u00fcgel, noch mehr H\u00f6henmeter und alle Distanzen doppelt so lang. Mehr als ein &#8222;Wird schon gut gehen&#8220; f\u00e4llt mir momentan auch nicht ein. Diese &#8222;Arbeit&#8220; muss halt gl\u00fccken &#8211; aus welchen Gr\u00fcnden auch immer.<\/p>\n<p>Ich bin dennoch zufrieden mit dem Tag, denn es war eine tolle Stimmung und ein herrlicher Tag zum Scheitern. Es war sch\u00f6n bei euch und ihr habt viel geholfen. Und weil ich euch unterwegs nur selten Danke sagen konnte, tue ich es hiermit: Danke f\u00fcr eure Schw\u00e4mme, Becher und L\u00e4rm.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Liebe Kinder aus Ubstadt-Weiher, Bad Sch\u00f6nborn, Flehingen oder B\u00fcchig, ich war am Sonntag bei euch im sch\u00f6nen Kraichgau, den ich vorher gar nicht so genau kannte. 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