{"id":686575,"date":"2025-08-19T06:00:29","date_gmt":"2025-08-19T04:00:29","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/?p=686575"},"modified":"2025-08-24T12:14:11","modified_gmt":"2025-08-24T10:14:11","slug":"buchauszug-vince-ebert-wot-se-fack-deutschland-warum-unsere-gefuehle-den-verstand-verloren-haben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2025\/08\/19\/buchauszug-vince-ebert-wot-se-fack-deutschland-warum-unsere-gefuehle-den-verstand-verloren-haben\/","title":{"rendered":"Buchauszug Vince Ebert: &#8222;Wot se Fack, Deutschland? Warum unsere Gef\u00fchle den Verstand verloren haben&#8220;"},"content":{"rendered":"<h1>Buchauszug Vince Ebert:: &#8222;Wot se Fack, Deutschland?\u00a0Warum unsere Gef\u00fchle den Verstand verloren haben&#8220;<\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_686576\" style=\"width: 660px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-686576\" class=\"size-full wp-image-686576\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2025\/08\/Vince-Ebert.2022._3488_CFrank-Eidel.jpg\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"433\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2025\/08\/Vince-Ebert.2022._3488_CFrank-Eidel.jpg 650w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2025\/08\/Vince-Ebert.2022._3488_CFrank-Eidel-300x200.jpg 300w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2025\/08\/Vince-Ebert.2022._3488_CFrank-Eidel-450x300.jpg 450w\" sizes=\"auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><p id=\"caption-attachment-686576\" class=\"wp-caption-text\">Vince Ebert (Foto: PR \/ dtv\/ CFrank Eidel)<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Tyrannei der Wehleidigen<\/strong><\/p>\n<p><em>Als Physiker hatte ich in meinen Kabarettprogrammen von Anfang an einen klaren, aufkl\u00e4rerischen Ansatz. In meiner ersten Show Physik ist sexy habe ich zum Beispiel erkl\u00e4rt, warum der Himmel blau ist, wodurch sich Glauben von Wissen unterscheidet oder wie man <\/em>mithilfe der Newton\u2018schen Bewegungsgesetze die Ejakulationsgeschwindigkeit berechnen kann. Die liegt \u00fcbrigens nach wie vor stabil bei acht Kilometern pro Stunde. Deswegen auch der Begriff \u201eSchrittgeschwindigkeit\u201c.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter habe ich zum gro\u00dfen Vergn\u00fcgen der Zuschauer unter Zuhilfenahme des Stefan Boltzmann\u2018schen Strahlungsgesetzes berechnet, dass es im Himmel hei\u00dfer ist als in der H\u00f6lle, ich habe dargelegt, dass man Energie eben <em>nicht<\/em> wenden kann (wer h\u00e4tt\u2019s gedacht?), und dass es biologisch gesehen nur zwei verschiedene Geschlechter gibt. Allein mit dieser Aussage kann man sich inzwischen sein berufliches Leben vermasseln.<\/p>\n<p>Im Jahr 2022 sagte die Berliner Humboldt-Universit\u00e4t einen Vortrag der Biologin Marie-Luise Vollbrecht zur Zweigeschlechtlichkeit bei Fischen ab, weil das von den Studenten als \u201etransfeindlich\u201c bezeichnet wurde. Wer kennt das nicht? Da bestellt man im Restaurant nichtsahnend eine Forelle M\u00fcllerin \u2013 und schwuppdiwupp ist man mittendrin in der Frage: m\u00e4nnlich? weiblich? divers? Mit Forelle M\u00fcller*in ist man auf der sicheren Seite.<\/p>\n<p>Erst nachdem renommierte Wissenschaftler \u2013 unter anderem die Nobelpreistr\u00e4gerin Christiane N\u00fcsslein-Volhard \u2013 das Einknicken der Universit\u00e4tsleitung vor den aktivistischen Studenten \u00f6ffentlich kritisierten und der Referentin inhaltlich recht gaben, entschloss sich die Universit\u00e4t, den Vortrag nachzuholen. Marie-Luise Vollbrecht wurde im Nachgang trotzdem zur Hassfigur eines ideologischen Mobs, der ihr in den sozialen Medien sogar rechtsextremes Gedankengut vorwarf.<\/p>\n<p>Alleine dieses Beispiel zeigt, wie sehr der aktuelle Zeitgeist die Errungenschaften der Aufkl\u00e4rung bedroht.<\/p>\n<p>Empirie, Rationalit\u00e4t und objektives Wissen werden infrage gestellt und\u00a0gleichzeitig werden die eigenen Empfindungen als unumst\u00f6\u00dfliche Wahrheiten propagiert. Dadurch entsteht fast automatisch eine Hysterisierung, eine \u00dcberh\u00f6hung des Gef\u00fchls, eine Welt, in der jeder die eigenen Befindlichkeiten zur h\u00f6chsten Instanz erhebt.<\/p>\n<p>2023 hat sich die Komikerin Anke Engelke r\u00fcckwirkend f\u00fcr eine Parodie der Pops\u00e4ngerin Ricky in der Sendung <em>Die Wochenshow<\/em> entschuldigt, weil sie dabei \u201eBlackfacing\u201c betrieben hatte. Auch ich m\u00f6chte mich an dieser Stelle f\u00fcr mein Comedyprogramm \u201eDenken lohnt sich\u201c aus dem Jahr 2008 entschuldigen. Der Titel ist anst\u00f6\u00dfig und inakzeptabel, weil er schon damals erhebliche Teile der Bev\u00f6lkerung ausgegrenzt hat.<\/p>\n<p>Das Ph\u00e4nomen der politischen Korrektheit ist seit Langem bekannt, es kam in den Achtzigerjahren auf. Aus guten Gr\u00fcnden. Damals bildete sich an amerikanischen Universit\u00e4ten eine Bewegung, die forderte, Menschen nicht aufgrund ihrer Hautfarbe, einer Behinderung oder einer bestimmten sexuellen Orientierung zu diskriminieren. Damals bestand Handlungsbedarf, stockkonservative Kr\u00e4fte bestimmten die Debatten. Offene Intoleranz gegen\u00fcber Minderheiten war gesellschaftlich akzeptiert.<\/p>\n<p>Inzwischen haben sich die Verh\u00e4ltnisse in den USA massiv verbessert. In den vergangenen 25 Jahren <em>stieg die Zahl der schwarzen Studenten, die einen Bachelor-Abschluss erworben haben, um 82 Prozent. Inzwischen haben 37 Prozent der schwarzen Amerikaner im Alter von 25 bis 34 Jahren einen College-Abschluss.<\/em><\/p>\n<p>All das w\u00e4re eigentlich ein Grund, froh \u00fcber diese gesellschaftlichen Fortschritte zu sein und sich ein wenig lockerer zu machen.<\/p>\n<p>Paradoxerweise passierte das Gegenteil. Je offener und durchl\u00e4ssiger die amerikanische Gesellschaft wurde, umso mehr entstand durch die zahllosen politisch korrekten Sprachregelungen der Eindruck, es herrschten weiterhin offene Diskriminierung und Rassismus. Gerade so, als h\u00e4tte der Kampf f\u00fcr Minderheitenrechte nie stattgefunden.<\/p>\n<p>Auch in Deutschland ist dieses Thema in allen seinen Formen angekommen. 2022 nahm der Ravensburger Verlag das Buch <em>Der junge H\u00e4uptling Winnetou<\/em> aus dem Programm, weil in der Geschichte die Gef\u00fchle von Indianern verletzt werden.<\/p>\n<p>Pardon, das Wort \u201eIndianer\u201c sollte man auch nicht mehr verwenden, da der Begriff rassistisch ist. Was ich erstaunlich finde, denn die gr\u00f6\u00dfte Interessenvertretung der amerikanischen Ureinwohner bezeichnet sich selbst als \u201eNational Congress of the American Indians\u201c. Ja, wissen die denn nicht, dass sie sich damit selbst beschimpfen? Da war bei der Namensgebung mit Sicherheit zu viel Feuerwasser im Spiel.<\/p>\n<p>Der Sozialpsychologe Jonathan Haidt untersucht schon seit l\u00e4ngerer Zeit die Gepflogenheiten an Bildungseinrichtungen. Seiner Auffassung nach begannen vor rund f\u00fcnfzehn Jahren die Studenten drei gro\u00dfe \u00dcberzeugungen zu verinnerlichen: dass sie so empfindlich und fragil seien, durch abweichende Meinungen in B\u00fcchern oder Vortr\u00e4gen irreversibel verletzt werden zu k\u00f6nnen und dass Worte eine Form von Gewalt darstellen; dass\u00a0 ihre Gef\u00fchle \u2013 insbesondere ihre \u00c4ngste \u2013 ein zuverl\u00e4ssiges Instrument f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis der Realit\u00e4t seien; und\u00a0 dass die gesamte Gesellschaft aus Opfern auf der einen und Unterdr\u00fcckern auf der anderen Seite best\u00fcnde.<\/p>\n<p>Menschen, die diesen Auffassungen nachh\u00e4ngen, gelten landl\u00e4ufig als \u201ewoke\u201c. Woke bedeutet w\u00f6rtlich: \u201eerwacht\u201c und erinnert ein bisschen an das Mitgliedermagazin der Zeugen Jehovas, den <em>Wachtturm<\/em>. Woke Menschen k\u00e4mpfen gegen Rassismus, gegen Sexismus, gegen Diskriminierung und f\u00fcr Minderheiten. Dagegen ist nichts einzuwenden. Im Gegenteil. Das Problem ist eher, dass sie diese Ph\u00e4nomene buchst\u00e4blich \u00fcberall sehen. Auch wenn die Fakten eine andere Sprache sprechen. Gibt es beispielsweise in einer Gruppe keinerlei Anzeichen f\u00fcr rassistische Tendenzen, behaupten woke Menschen gerne, das l\u00e4ge daran, dass Rassismus oft unsichtbar, aber strukturell immer vorhanden sei. Selbst wenn man eindeutige Beweise dagegen auff\u00fchrt, ist das f\u00fcr sie erst recht ein Beweis daf\u00fcr, dass Rassismus existiert.<\/p>\n<p>Denn wenn sich etwas wahr anf\u00fchlt, dann ist es auch wahr. Doch ein Gef\u00fchl als solches \u2013 sei es auch noch so real und stark \u2013 ist keine valide Aussage \u00fcber die wirkliche Welt. Sinnsysteme sind subjektiv und kein Beweis einer objektiven Wahrheit.<\/p>\n<p>Aus gutem Grund stellen wissenschaftliche Institutionen wie Universit\u00e4ten in ihrem Selbstverst\u00e4ndnis nicht das Gef\u00fchl, sondern das Streben nach der Wahrheit in den Fokus. Das Motto der Harvard University lautet: \u201eVeritas\u201c (Wahrheit), die Yale University wirbt mit \u201eLux et Veritas\u201c (Licht und Wahrheit). Auch im Leitbild meiner Alma Mater, der Julius-Maximilians-Universit\u00e4t W\u00fcrzburg hei\u00dft es: \u201eVeritati, der Wahrheit verpflichtet\u201c.<\/p>\n<p>Umgekehrt ist mir keine Universit\u00e4t der westlichen Welt bekannt, die auf dem Ethos von Gef\u00fchlen und Befindlichkeiten gegr\u00fcndet worden w\u00e4re. Und trotzdem haben in den vergangenen Jahren diese Themen Leben und Lehre an vielen Bildungseinrichtungen gepr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Zwar ist in den USA die akademische Gef\u00fchlswelle bereits wieder auf dem R\u00fcckzug begriffen. An deutschen Universit\u00e4ten jedoch sieht es (noch) nicht nach einer solchen Abkehr aus. Immer h\u00e4ufiger werden dort nach fr\u00fcherem amerikanischen Vorbild Programme und Ma\u00dfnahmen wie \u201eDiversity-Trainings\u201c, Triggerwarnungen oder \u201eBias Response Teams\u201c eingef\u00fchrt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-686580\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2025\/08\/cover.dtv_.vince_.ebert_.jpg\" alt=\"\" width=\"396\" height=\"650\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2025\/08\/cover.dtv_.vince_.ebert_.jpg 396w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2025\/08\/cover.dtv_.vince_.ebert_-183x300.jpg 183w\" sizes=\"auto, (max-width: 396px) 100vw, 396px\" \/><\/p>\n<h1><a href=\"https:\/\/www.dtv.de\/buch\/wot-se-fack-deutschland-26416\">Wot Se Fack, Deutschland? von Vince Ebert &#8211; Paperback | dtv Verlag<\/a>, 17 Euro, 304 Seiten<\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>An der Uni Hamburg wurden \u201eSafer Spaces\u201c eingerichtet, die Studenten vor belastenden Erfahrungen, vor Ideen und Widerspruch sch\u00fctzen sollen. Die jungen Leute lernen, wie man sich hilflos f\u00fchlt. Analog zu \u201eFake News\u201c k\u00f6nnte man in dem Fall von \u201eFake Emotions\u201c sprechen. Man t\u00e4uscht verletzte Gef\u00fchle vor, um ja nicht argumentieren zu m\u00fcssen. Nicht selten kippt diese erlernte Hilflosigkeit in Frustration und Wut um. Der Medienwissenschaftler Norbert Bolz spricht davon, dass sich in unserer Gesellschaft St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck eine Tyrannei der Wehleidigen etabliert hat, die ihre Aggressivit\u00e4t als Notwehr verkaufen, um ihren Willen durchzusetzen.<\/p>\n<p>Und sie kommen damit oftmals durch. Laut einer Allensbach-Umfrage f\u00fchlen sich 40 Prozent der deutschen Hochschullehrer durch die allgemeine politische Korrektheit in ihrer T\u00e4tigkeit eingeschr\u00e4nkt. 18 Prozent sind sogar der Auffassung, dass dieser Zeitgeist verhindert, bestimmten Forschungsfragen nachzugehen.<\/p>\n<p>Das 2021 von Hochschulprofessoren gegr\u00fcndete \u201eNetzwerk Wissenschaftsfreiheit\u201c hat inzwischen \u00fcber 700 Beispiele von Angriffen auf die Wissenschaftsfreiheit in Deutschland dokumentiert.<\/p>\n<p>Zensur und die Unterdr\u00fcckung von Meinungsfreiheit verbinden wir in Deutschland, aufgrund unserer Geschichte, vor allem mit dem Naziregime. Dass die Meinungsfreiheit auch von links unter Druck geraten kann, ist f\u00fcr viele offenbar neu. Vor Kurzem erst erkl\u00e4rte mir ein linker Kabarettkollege, so etwas wie \u201eCancel-Culture\u201c sei ein \u201erechtes Narrativ\u201c. Es existiert nicht. \u201eUnd wer etwas anderes behauptet, den entfernen wir aus dem \u00f6ffentlichen Diskurs \u2026\u201c<\/p>\n<p>Scherz beiseite. \u201eMan darf doch heute alles sagen, aber man muss dann eben auch mit Kritik umgehen k\u00f6nnen\u201c, argumentieren viele. Dem stimme ich absolut zu. Sachliche Kritik ist selbstverst\u00e4ndlich richtig und wichtig. Beim Canceln jedoch geht es um etwas grunds\u00e4tzlich anderes. Man greift nicht das Argument an, sondern die Person, die das Argument vorbringt, mit dem Ziel, diese Person zu diskreditieren. Und das ist keine Kritik, sondern eine klare Einsch\u00fcchterungstaktik.<\/p>\n<p>Dazu kommt, dass durch die Verteufelung von anderen Ansichten unbequeme Tatsachen totgeschwiegen werden. Auch die Inszenierung als Opfer, dessen Gef\u00fchle durch das Aussprechen von \u201eunerlaubten\u201c Dingen verletzt werden, l\u00f6st kein einziges Problem. Probleme verschwinden nicht, nur weil man sie nicht mehr aussprechen darf. Mit Sprachregelungen und Redeverboten \u00e4ndert man die Welt nicht. Wer die Konfrontation von Ideen verhindert, tut dies aus Angst vor der Schw\u00e4che des eigenen Standpunkts.<\/p>\n<p>Wenn eine Position wirklich durchdacht ist, sollte sie robust sein. Sie sollte insbesondere ironischen, satirischen und sarkastischen Angriffen standhalten k\u00f6nnen. Kann sie das nicht, ist die Idee eventuell gar nicht so spitze.<\/p>\n<p>Satiriker haben dies schon vor Jahrtausenden erkannt, wie die Werke von Aristophanes, Horaz, Juvenal, Lukian von Samosata, Jonathan Swift, Voltaire, Mark Twain, Ambrose Bierce, Oscar Wilde oder George Orwell belegen.<\/p>\n<p>Heute sind es Komiker wie Ricky Gervais, Bill Burr, Jimmy Carr, Bill Maher oder Dave Chappelle, die den Zeitgeist aufs Korn nehmen und sich dabei immer wieder den Zorn einer politisch korrekten, woken Community zuziehen. Auch Comedy-Legenden wie John Cleese oder Rowan Atkinson machen immer wieder deutlich, wie sehr die politische Korrektheit die Freiheit in der Kunst beschr\u00e4nkt.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich kann man die gesellschaftspolitische Situation bei uns in Deutschland nicht mit autokratischen Systemen wie Russland, Nordkorea oder dem Iran vergleichen, wo es f\u00fcr K\u00fcnstler wirklich lebensbedrohlich ist, Witze \u00fcber das Regime zu machen. Trotzdem haben sich auch bei uns die Zeiten f\u00fcr die Humoristen \u2013 pardon, f\u00fcr die \u201eHumorierenden\u201c \u2013 verschlechtert.<\/p>\n<p>Witze \u00fcber Annalena Baerbock oder Luisa Neubauer, das Heizungsgesetz oder Gendern gelten pl\u00f6tzlich nicht mehr als Satire, sondern als Hetze. Komiker, die die Widerspr\u00fcchlichkeit des woken Zeitgeistes durch den Kakao ziehen, \u00e4u\u00dfern aus Sicht vieler woker Menschen keine Kritik, sondern sind verantwortlich f\u00fcr die Spaltung der Gesellschaft und, schlimmer, bedienen den rechten Rand.<\/p>\n<p>Eine Methode, die der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger (ein klassischer Linker) schon in den Sechzigerjahren thematisierte: Die Angst vor dem \u201eBeifall von der falschen Seite\u201c ist nicht nur \u00fcberfl\u00fcssig. Sie ist ein Charakteristikum totalit\u00e4ren Denkens.<\/p>\n<p>Als ich 1998 als Komiker angefangen habe, war es vor allem wichtig, Gags zu schreiben, bei denen die Leute lachen. Heute w\u00fcnschen sich viele, man solle doch bitte Gags schreiben, bei denen die richtigen Leute lachen. Wenn die falschen Leute lachen, ist das schon suspekt.<\/p>\n<p>In j\u00fcngster Zeit jedoch hat diese verklemmte, \u00fcbervorsichtige Stimmung eine Gegenreaktion ausgel\u00f6st. Wer sich heutzutage traut, auf der B\u00fchne politisch unkorrekte Themen anzusprechen, dem fliegen die Herzen zu und er spielt oftmals vor vollen H\u00e4usern. Nach Jahren der braven Zur\u00fcckhaltung haben anscheinend immer mehr Zuschauer genug von politischer Korrektheit und stromlinienf\u00f6rmiger Angepasstheit.<\/p>\n<p>F\u00fcr einen Kabarettisten liefert der Zeitgeist das Material. Es ist also quasi meine Aufgabe, das woke Weltbild in meinen Shows vorzuf\u00fchren. Spa\u00df macht mir das, nicht obwohl, sondern gerade <em>weil<\/em> die Zeiten so spie\u00dfig und biedermeierhaft sind.<\/p>\n<p>Ich bin ein Kind der Achtziger. Damals hat es uns nicht die Bohne interessiert, dass Freddie Mercury bisexuell war, ob Michael Jackson sich als schwarz oder als wei\u00df identifizierte oder welches Geschlecht Boy George hatte. Es war nicht wichtig. Die haben geile Musik gemacht, darum ging es!<\/p>\n<p>Oder nehmen Sie die Crew von <em>Raumschiff Enterprise<\/em>. Das war schon damals eine bunte Multitkulti-Truppe. Die Frauenquote lag deutlich \u00fcber dem Durchschnitt und mit Mr Spock hatte es sogar ein Autist in die Gesch\u00e4ftsleitung geschafft. Und das komplett ohne einen Inklusions- oder Diversity-Manager.<\/p>\n<p>Als ich auf der B\u00fchne angefangen habe, war der beste Rapper wei\u00df, der beste Golfer schwarz und der deutsche Au\u00dfenminister schwul. Alles kein Skandal. Heute drehen die Leute durch, wenn man sie mit einem falschen Pronomen anspricht.<\/p>\n<p>Die politische Korrektheit \u00fcberzieht das allt\u00e4gliche Leben wie eine juckende Hautkrankheit. Und je l\u00e4nger dieser Zirkus andauert, umso mehr zerst\u00f6ren wir eine der gr\u00f6\u00dften Errungenschaften unserer abendl\u00e4ndischen Kultur: sagen zu d\u00fcrfen, was man denkt. Auch wenn es dumm, falsch und unertr\u00e4glich ist.<\/p>\n<p>Was vermisse ich Leute wie Karl Lagerfeld, Harald Schmidt oder Niki Lauda! Typen, denen es egal war, was andere von ihren Aussagen hielten. Dass viele Menschen (oder bin ich damit allein?) sie daf\u00fcr auch heute sch\u00e4tzen, offenbart, wie gro\u00df unsere Sehnsucht nach ein bisschen Wahrhaftigkeit und Geradlinigkeit in einer Welt voller angepasster Herdentiere ist.\u00a0\u201eWer Jogginghosen tr\u00e4gt, hat die Kontrolle \u00fcber sein Leben verloren\u201c, war Lagerfelds ber\u00fchmtester Satz. Von Prinz Philip, Herzog von Edinburgh und k\u00f6nigliches Gegenst\u00fcck zu Lagerfeld, wird Folgendes berichtet: Bei einer \u00f6ffentlichen Veranstaltung verriet ihm ein Zw\u00f6lfj\u00e4hriger seinen gr\u00f6\u00dften Berufswunsch, er wolle Astronaut werden! Daraufhin beugte sich der Ehemann der englischen K\u00f6nigin zu dem kleinen Bub hinunter und sagte: \u201eVergiss es, mein Junge. F\u00fcr einen Astronauten bist du viel zu fett \u2026\u201c<\/p>\n<p>Politisch vollkommen unkorrekt. Aber eben auch mit einer erfrischenden Dosis Realit\u00e4t, die in unserer Gesellschaft immer mehr verdr\u00e4ngt wurde. Und wer wei\u00df, vielleicht hat sich der Junge ja sogar die Worte zu Herzen genommen, ist heute topfit und arbeitet bei SpaceX?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1><a href=\"https:\/\/www.wiwo.de\/politik\/deutschland\/vince-ebert-wot-se-fack-deutschland-kabarettist-rechnet-mit-seiner-heimat-ab\/100146837.html\">Lesetipp: Interview Volker ter Haseborg mit Vince Ebert auf wiwo.de<\/a><\/h1>\n<p><a href=\"https:\/\/www.wiwo.de\/politik\/deutschland\/vince-ebert-wot-se-fack-deutschland-kabarettist-rechnet-mit-seiner-heimat-ab\/100146837.html\">Vince Ebert: \u201eWot se Fack, Deutschland?\u201c Kabarettist rechnet mit seiner Heimat ab<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"main\">\n<div id=\"primary\">\n<div id=\"content\" role=\"main\">\n<article id=\"post-686544\" class=\"post-686544 post type-post status-publish format-standard hentry category-allgemein tag-daimler-und-benz-stiftung tag-dialog-im-museum tag-lambert-wiesing tag-luxus tag-schoenheit\">\n<div class=\"entry-content\">\n<p><a href=\"https:\/\/www.faktenkontor.de\/pressemeldungen\/blogger-relevanzindex-das-sind-deutschlands-top-100-blogs\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-680063\" src=\"https:\/\/149798077.v2.pressablecdn.com\/management\/files\/2022\/06\/Wiwo.top_.10.blog_.2022.Blogger-Relevanzindex_Top-10-Blogs-2022-227x300.jpg\" alt=\"\" width=\"227\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2022\/06\/Wiwo.top_.10.blog_.2022.Blogger-Relevanzindex_Top-10-Blogs-2022-227x300.jpg 227w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2022\/06\/Wiwo.top_.10.blog_.2022.Blogger-Relevanzindex_Top-10-Blogs-2022.jpg 492w\" sizes=\"auto, (max-width: 227px) 100vw, 227px\" \/><\/a><\/p>\n<div id=\"main\">\n<div id=\"primary\">\n<div id=\"content\" role=\"main\">\n<article id=\"post-679588\" class=\"post-679588 post type-post status-publish format-standard hentry category-allgemein tag-arbeitsbedingung tag-arbeitsklima tag-betriebsklima tag-big-quit tag-ey-ernst-young tag-fachkraftemangel tag-gehalt tag-great-resignation tag-jobwechsel tag-kundigung tag-kuendigungsabsicht tag-loehne tag-umfrage\">\n<div class=\"entry-content\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.presseportal.de\/pm\/52884\/5255623\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-676731\" src=\"https:\/\/149798077.v2.pressablecdn.com\/management\/files\/2021\/06\/bloggerinnen.2021.neu_-300x212.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"212\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/06\/bloggerinnen.2021.neu_-300x212.jpg 300w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/06\/bloggerinnen.2021.neu_-424x300.jpg 424w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/06\/bloggerinnen.2021.neu_.jpg 650w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Copyright: @Claudia T\u00f6dtmann. Alle Rechte vorbehalten.\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Kontakt f\u00fcr Nutzungsrechte: claudia.toedtmann@wiwo.de<\/strong><\/p>\n<p><strong>Alle inhaltlichen Rechte des Management-Blogs von Claudia T\u00f6dtmann liegen bei der Blog-Inhaberin. 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In meiner ersten Show Physik ist sexy &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2025\/08\/19\/buchauszug-vince-ebert-wot-se-fack-deutschland-warum-unsere-gefuehle-den-verstand-verloren-haben\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":19,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[12397,1890,302,4076],"class_list":["post-686575","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-wot-se-fack-deutschland-warum-unsere-gefuehle-den-verstand-verloren-haben","tag-buchauszug","tag-dtv","tag-vince-ebert"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/686575","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/users\/19"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=686575"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/686575\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":686595,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/686575\/revisions\/686595"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=686575"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=686575"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=686575"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}