{"id":683544,"date":"2023-12-12T06:00:50","date_gmt":"2023-12-12T05:00:50","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/?p=683544"},"modified":"2023-12-12T01:58:05","modified_gmt":"2023-12-12T00:58:05","slug":"buchauszug-birgit-schumacher-psychologische-sicherheit-das-entwicklungselixier-fuer-persoenliches-wachstum-teams-und-organisationen-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2023\/12\/12\/buchauszug-birgit-schumacher-psychologische-sicherheit-das-entwicklungselixier-fuer-persoenliches-wachstum-teams-und-organisationen-2\/","title":{"rendered":"Buchauszug Birgit Schumacher: &#8222;Psychologische Sicherheit &#8211; Das Entwicklungselixier f\u00fcr pers\u00f6nliches Wachstum, Teams und Organisationen&#8220;"},"content":{"rendered":"<h1><\/h1>\n<h1>Buchauszug Birgit Schumacher: <strong>&#8222;Psychologische Sicherheit &#8211; Das Entwicklungselixier f\u00fcr pers\u00f6nliches Wachstum, Teams und Organisationen&#8220;<\/strong><\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_682821\" style=\"width: 660px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-682821\" class=\"size-full wp-image-682821\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2023\/09\/schumacher.birgit.jpg\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"434\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2023\/09\/schumacher.birgit.jpg 650w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2023\/09\/schumacher.birgit-300x200.jpg 300w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2023\/09\/schumacher.birgit-449x300.jpg 449w\" sizes=\"auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><p id=\"caption-attachment-682821\" class=\"wp-caption-text\">Birgit Schumacher (Foto: Privat)<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Kennzeichen einer unsicheren Gesellschaft<\/strong><\/p>\n<p><em>Schaut man sich in seinem Bekannten- und Freundeskreis um, sieht man \u00fcberall \u00e4hnliche Bilder: gestresste Menschen. Familien mit Kleinkindern oder mit pflegebed\u00fcrftigen Angeh\u00f6rigen scheint es noch einmal h\u00e4rter zu treffen. Es handelt sich dabei aber nicht nur um eine subjektive Wahrnehmung, denn auch die Zahlen belegen es (Badura et al. 2022).<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Begriffe wie Depressionen, Angstst\u00f6rungen, Burn-out und \u00dcberforderung sind in aller Munde. Die Nervensysteme der betroffenen Menschen liegen dauerhaft au\u00dferhalb ihres Stresstoleranzfensters und die Menschen haben keine Werkzeuge, um sich selbst zu regulieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was sich hier zeigt, ist eine Leistungsgesellschaft, die aufgrund fehlender Gegenstrategien zunehmend zur Burn-out-Gesellschaft wird. Hier das Gesundheitssystem als Reparaturbetrieb zu missbrauchen, halte ich f\u00fcr falsch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das hei\u00dft nicht, dass unsere gesellschaftliche Entwicklung r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht werden sollte, aber wir m\u00fcssen nach M\u00f6glichkeiten suchen, um modernes Leben und Gesundheit dauerhaft miteinander zu vereinbaren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Neid als Folge von Angst und transgenerationalen Traumatisierungen<\/strong><\/p>\n<p>Wenn es eine Angst ist, die sich immer wieder zeigt, dann ist es wohl die Existenzangst. Ich habe Menschen aus den unterschiedlichsten Bereichen und mit unterschiedlichen Einkommen und vermeintlichen Sicherheiten \u00fcber ihre Existenzangst in meinen Coachings klagen geh\u00f6rt. Die Worst-case-Szenarien, die dabei beschrieben werden, haben mich in ihrer Kreativit\u00e4t h\u00e4ufig \u00fcberrascht. Existenzangst ist oft so stabil, dass sie selbst in sorglosen Zeiten im Hintergrund lauert und nur darauf wartet, dass es einen unsicheren Moment gibt und sie zuschlagen kann. Sie kann aber auch sehr subtil wirken, sodass man sie bewusst gar nicht wahrnimmt. Dabei beeinflusst sie beispielsweise unsere Risikobereitschaft und deckelt unsere Ver\u00e4nderungsw\u00fcnsche. Existenzangst kann uns den Schlaf rauben und ein N\u00e4hrboden f\u00fcr viele andere \u00c4ngste sowie f\u00fcr Depressionen sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>F\u00fcr jede Angst gibt es Gr\u00fcnde, die dahinterstehen. So ist es auch bei der Existenzangst. Ich m\u00f6chte hier auf die zwei meiner Meinung nach essenziellen Ursachen eingehen. Zum einen ist das die transgenerational \u00fcberlieferte Traumatisierung und zum anderen ist es die Erfahrung der erlernten Hilflosigkeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Unsere Eltern- und Gro\u00dfeltern-Generation sind im Krieg oder in der Nachkriegszeit aufgewachsen. Eine Zeit, in der alle Menschen traumatisiert wurden und ihre Existenz bedroht oder sogar vernichtet worden war. Unsere Familien tragen eine Traumatisierung in ihrem System, die sich ganz konkret und klar auf Existenz bezieht. Viele unserer Vorfahren, die vielleicht sogar noch leben, haben unmittelbar die Erfahrung gemacht, wie es ist, wenn die eigene Existenzgrundlage entzogen wird und man mit leeren H\u00e4nden, mit Hunger und mit der Bedrohung der puren Existenz konfrontiert ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als neurosystemisch und traumasensibel ausgebildeter Coach wei\u00df ich, dass solche Traumatisierungen nicht mit der n\u00e4chsten Generation einfach enden, sondern dass viele von diesen Traumatisierungen oftmals sehr subtil, teilweise aber auch direkt und greifbar weitergegeben werden. So sind in vielen Eltern oder Gro\u00dfeltern tiefe \u00c4ngste wirksam. Da ist kein Gef\u00fchl von wirklicher Sicherheit. Im Gegenteil, es gibt das Empfinden aufgrund einer tief sitzenden Pr\u00e4gung, dass das Hier und Jetzt nicht sicher ist und dass jederzeit etwas passieren kann. Dadurch entsteht oft ein \u00fcberm\u00e4\u00dfiges Kontrollbed\u00fcrfnis oder das Gef\u00fchl, dass keinerlei Art von Sicherheit wirklich Gewissheit bringen kann, dass es gut weitergehen wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn deine Eltern oder Gro\u00dfeltern diese Pr\u00e4gung erfahren haben, dann werden sie wahrscheinlich unwillk\u00fcrlich etwas davon an dich weitergegeben haben. M\u00f6glicherweise werden sie dir ein Grundgef\u00fchl oder sogar konkrete Werte mitgegeben haben, die in Verbindung zu deinem Gef\u00fchl von Sicherheit und mit der F\u00e4higkeit, unbeschwert zu leben, zu tun haben.<\/p>\n<p>Beispielsweise k\u00f6nnen sie dir vorgelebt haben, dass man sparsam leben und immer auch die zuk\u00fcnftige finanzielle Situation im Auge haben sollte. Grunds\u00e4tzlich ist es sicherlich vern\u00fcnftig, finanziell vorzusorgen. Wenn es aber dazu f\u00fchrt, dass du das Hier und Jetzt nicht genie\u00dft, du dir kaum etwas im Leben g\u00f6nnst oder in deinem Nine-to-five-Job bleibst, der dich ungl\u00fccklich macht, dann wirken diese Verhaltensweisen dysfunktional auf deine Lebensfreude.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Diese Pr\u00e4gungen von Bedrohung und Mangel spiegeln sich auch in unserer heutigen Gesellschaft wider, in der wir auf Leistung getrimmt sind. Die Angst, dass jemand anderes einem etwas wegnehmen k\u00f6nnte, ist schnell auszul\u00f6sen. Die Auswirkungen haben wir in der Fl\u00fcchtlingskrise in den Jahren 2015 und 2016 gesehen, in der Schutzsuchenden nicht einmal ein Smartphone zugestanden wurde. Und auch im Jahr 2023 werden eigene \u00c4ngste mit Abwertung, Neid und Missgunst gegen\u00fcber Minderheiten und Ausl\u00e4ndern kompensiert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die erlernte Hilflosigkeit als Ursache vieler \u00c4ngste<\/strong><\/p>\n<p>Die Ebene der weitergegebenen Traumatisierungen spiegelt sich auch in der zweiten Ursache f\u00fcr Existenzangst wider, die ich jetzt beleuchten werde. Das ist der Umstand der erlernten Hilflosigkeit. Dieser Begriff beschreibt genau, was er auch ist: das Erlernen von Hilflosigkeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hilflosigkeit erlernen wir, wenn unsere Bindungspersonen in unserer Kindheit nicht in der Lage sind, uns zu vermitteln, dass wir Dinge selbst bew\u00e4ltigen und dass wir unsere Bed\u00fcrfnisse erf\u00fcllen k\u00f6nnen. Wenn in dem Alter, in dem wir unser Selbstbewusstsein entwickeln und unsere Selbstwirksamkeit erfahren, uns keine Gelegenheiten geschenkt werden, unsere eigene Kraft und Wirksamkeit zu erfahren, hat das Auswirkungen auf unser sp\u00e4teres Gef\u00fchl von Sicherheit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Erlernte Hilflosigkeit entsteht vielfach in Elternh\u00e4usern, in denen die Elternteile zum Beispiel durch Krieg traumatisiert wurden und dadurch ein erh\u00f6htes Kontrollbed\u00fcrfnis haben. Oder in Elternh\u00e4usern, in denen die Bindungspersonen aufgrund ihrer eigenen Traumatisierung ihren Kindern zu wenig F\u00fcrsorge geben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Erlernte Hilflosigkeit entsteht demnach in den zwei extremen Polen: entweder dort, wo zu viel Kontrolle und dadurch keine Selbstwirksamkeit stattfinden konnte, oder dort, wo es zu wenig Hinwendung gab und dadurch Gef\u00fchle von Ohnmacht und Hilflosigkeit entstanden sind. Das, was dabei herauskommt, ist ein Gef\u00fchl von Unzul\u00e4nglichkeit. Ein Gef\u00fchl, eigene Bed\u00fcrfnisse nicht befriedigen oder versorgen zu k\u00f6nnen. Sich selbst nicht helfen zu k\u00f6nnen, im eigenen Leben machtlos und hilflos zu sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Erlernte Hilflosigkeit stammt also aus einer Zeit, in der wir als Kinder abh\u00e4ngig von unseren Eltern waren. Die Existenzangst, die wir als Erwachsene f\u00fchlen, \u00e4hnelt dem Gef\u00fchl der erlernten Hilflosigkeit sehr. Denn auch in der Existenzangst f\u00fchlen wir uns abh\u00e4ngig von \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nden. Wir haben das Empfinden, dass unsere Sicherheit von \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nden bedroht sein k\u00f6nnte. Oder auch vom Gef\u00fchl der inneren Unzul\u00e4nglichkeit. Eine Unzul\u00e4nglichkeit, die der erlernten Hilflosigkeit entspricht, dem Mangel in das Vertrauen in die eigene Kraft und Selbstwirksamkeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Existenzangst wird heutzutage meist bezeichnet als eine Angst vor finanzieller Unsicherheit und finanziellen Mangel. Wenn wir als Erwachsene Existenzangst haben, ist das also nichts anderes als uns von etwas abh\u00e4ngig zu f\u00fchlen, das uns unsere Existenz sichern kann. Heutzutage ist es das Geld \u2013 jedenfalls in unseren Breiten, in denen wir derzeit zum Gl\u00fcck nicht von Krieg bedroht sind. An anderen Orten dieser Welt ist Existenzangst wirklich das, was das Wort umschreibt, und das, was unsere Eltern und Gro\u00dfeltern erfahren haben: die blanke Angst ums \u00dcberleben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_683545\" style=\"width: 277px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-683545\" class=\"size-full wp-image-683545\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2023\/12\/cover.schumacher.Psychologische-Sicherheit-002.png\" alt=\"\" width=\"267\" height=\"400\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2023\/12\/cover.schumacher.Psychologische-Sicherheit-002.png 267w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2023\/12\/cover.schumacher.Psychologische-Sicherheit-002-200x300.png 200w\" sizes=\"auto, (max-width: 267px) 100vw, 267px\" \/><p id=\"caption-attachment-683545\" class=\"wp-caption-text\">(Foto: Business Village\/PR)<\/p><\/div>\n<p><strong>Birgit Schumacher: &#8222;Psychologische Sicherheit &#8211; Das Entwicklungselixier f\u00fcr pers\u00f6nliches Wachstum, Teams und Organisationen&#8220;, Business Village Verlag, 29,95 Euro <\/strong><a href=\"https:\/\/www.businessvillage.de\/psychologische-sicherheit.html\">https:\/\/wwwPsychologische Sicherheit &#8211; Das Entwicklungselixier f\u00fcr pers\u00f6nliches Wachstum, Teams und Organisationen.businessvillage.de\/psychologische-sicherheit.html<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u00bbExistenzangst haben auch Million\u00e4re, denn gegen die Angst hat die Ratio oft kaum eine Chance.\u00ab<\/strong><\/p>\n<p>In dem Fall, den ich beschreibe, ist die Existenzangst in einem eigentlich sicheren Umfeld eine Facette von erlernter Hilflosigkeit. Meine Erfahrung zeigt, dass, wenn die erlernte Hilflosigkeit sich in Selbstwirksamkeit transformieren l\u00e4sst, die Existenzangst an ihrer \u00fcberm\u00e4\u00dfigen kraft- und raumgreifenden Qualit\u00e4t verliert. Sie l\u00e4sst sich viel leichter eind\u00e4mmen, wenn das Wissen und F\u00fchlen der eigenen Kraft, die im eigenen Leben eine Wirkung hat, sp\u00fcrbar wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein deutlicher Hinweis daf\u00fcr, dass Existenzangst mit erlernter Hilflosigkeit zu tun hat, ist ihre vollkommene Losgel\u00f6stheit von Rationalit\u00e4t. Existenzangst ereilt sowohl den Million\u00e4r als auch den Arbeiter am Band, der fest angestellt ist und sein Gehalt erh\u00e4lt. Sie ereilt auch den Selbstst\u00e4ndigen, der jeden Tag Kraft aufbringen muss, um Kunden zu gewinnen. Jede dieser Personen hat ihr eigenes Konzept von Bedrohung und ihr eigenes Konzept von Worst-case-Szenarien.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die gute Nachricht ist, dass es trotz dieser Vielfalt f\u00fcr jede Person einen Ansatz zur L\u00f6sung von Existenzangst gibt. Erlernte Hilflosigkeit zu transformieren ist ein Prozess, der nicht schnell geht, aber lohnenswert ist. Er ist so lohnenswert, weil er, wenn es gelingt, gelernte Hilflosigkeit zu transformieren, auch auf andere \u00c4ngste eine positive Wirkung hat. Man f\u00fchlt sich freier, selbstbestimmter und damit sicherer.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In einer Gesellschaft, in der die Menschen sich in ihrer Selbstwirksamkeit sp\u00fcren und nicht nur kognitiv wissen, dass sie selbstbestimmt handeln k\u00f6nnen, werden Ph\u00e4nomene wie Fremdenfeindlichkeit weniger zutage treten. Menschen, die sich nicht hilflos f\u00fchlen, ben\u00f6tigen keine Feindbilder mehr, um ihre Angst zu projizieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Der Umgang mit gesellschaftlichen Ausnahmezust\u00e4nden<\/strong><\/p>\n<p>Die zentrale Frage ist, wie wir welche Rahmenbedingungen in unserer Gesellschaft setzen k\u00f6nnen, damit Menschen nicht aus ihrer Angst heraus agieren m\u00fcssen. Zum einen sollte an die Ursache herangegangen werden, indem alles daf\u00fcr getan wird, dass Kinder in einem Umfeld aufwachsen, in dem sie keine Ohnmacht und Hilflosigkeit erfahren m\u00fcssen. Hier muss es mehr Aufkl\u00e4rung und Psychoedukation geben. F\u00fcr Eltern und die Menschen, die unsere Kinder in Kitas und Schulen betreuen. Es braucht das Wissen \u00fcber Bindungs- und Entwicklungstrauma und wie diese auf das Nervensystem von Kindern wirken. Auf der anderen Seite m\u00fcssen Strukturen geschaffen werden, in denen Menschen psychologisch sicher leben und arbeiten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf Arbeitsebene tragen hier, wie im vorherigen Kapitel aufgezeigt, Unternehmen eine f\u00fchrende Verantwortung. Gesellschaftlich sehe ich die Bildungs- und Gesundheitspolitik sowie die Medien in der Verpflichtung, ihren Teil dazu beizutragen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Kommunikation \u2013 auch der Medien \u2013 sollte in meinen Augen immer psychologisch sicher gestaltet werden. \u00c4u\u00dfere Umst\u00e4nde wie Pandemien und Kriege verunsichern die Menschen. Die Art und Weise, wie dar\u00fcber berichtet wird, kann darauf einzahlen, ob diese \u00c4ngste verst\u00e4rkt werden. Die Politik sollte aber daran interessiert sein, dass sich die B\u00fcrger innerhalb ihres Stresstoleranzfensters bewegen und dar\u00fcber in Verbindung zu sich und ihren Mitmenschen bleiben k\u00f6nnen. So kann verhindert werden, dass unsichere Umst\u00e4nde dazu f\u00fchren, dass Menschen in die autonomen Prozesse des Nervensystems fallen, die zu Flucht, Kampf und Immobilit\u00e4t f\u00fchren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn das Au\u00dfen Angst macht, sollte alles daf\u00fcr getan werden, dass die Menschen gest\u00e4rkt werden und in Verbindung zueinander bleiben. In dieser Verbindung ist der ventrale Vagus aktiv, der zu einem Gef\u00fchl von innerer Sicherheit beitr\u00e4gt. So kann der Neokortex, in dem unser rationales und bewusstes Denken stattfindet, weiterhin die F\u00fchrung behalten, auch wenn das Au\u00dfen unsicher ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aus einem selbstsicheren Zustand heraus kann man anderen Meinungen gegen\u00fcber offen bleiben. Eine Spaltung, wie wir es zu Pandemiezeiten erlebt haben, ist weniger wahrscheinlich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nur in einem getriggerten Zustand erleben wir einen Kontrollverlust. Es handelt sich dabei aber nur um den Verlust unserer Impulskontrolle, der Verbindung zu unserem pr\u00e4frontalen Cortex. Das Stammhirn dagegen beh\u00e4lt die Kontrolle mithilfe unserer \u00dcberlebensreaktionen. Diese k\u00f6nnen sich in der Interaktion als gegenseitiges Anschreien (Kampf) oder Verstummen (Flucht) zeigen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In der Pandemie befanden wir uns alle in einer gef\u00fchlten Bedrohungssituation. Alle suchten auf ihre Art nach Sicherheit. Die einen f\u00fchlten sich hinsichtlich ihrer Gesundheit und ihres Lebens bedroht und die anderen hatten Angst um ihre Freiheiten. Jede der beiden Parteien hatte dabei den Anspruch, in ihrer Angst recht zu haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn in der eigenen Angst jemand anderes mit einer anderen Sichtweise daherkommt und uns zu vermitteln versucht, dass nur \u00fcber diesen Weg Sicherheit entstehen kann, f\u00fchlt man sich zus\u00e4tzlich bedroht. Flucht- und Kampfreaktionen werden aktiviert. Die Konsequenzen dieser Reaktion haben wir in den Nachrichten und Talkshows mitverfolgen k\u00f6nnen. Wir konnten bei den kontroversen Diskussionen, die in der Pandemie zu der Frage des richtigen Wegs gef\u00fchrt wurden, beobachten, dass diese oft impulsiv und emotional ausgetragen wurden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Betrachtet man soziale Interaktionen durch die Nervensystembrille, zeigt sich in emotionalen Aussagen, dass das limbische System aktiv ist. Werden Aussagen angreifend und aggressiv getroffen, ist der Agierende im Stammhirn-Modus unterwegs.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn wir Menschen und Dynamiken betrachten oder Dynamiken geschildert bekommen, ist es hilfreich zu schauen, wie viel Stressreaktion in dieser Dynamik steckt und wo sich die Menschen in ihrem Stresstoleranzfenster befinden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit diesem Wissen k\u00f6nnen wir aus der Distanz Hypothesen bilden und schauen, was es braucht, damit die Menschen wieder in das Gef\u00fchl von Sicherheit kommen. Mit dem Gef\u00fchl der Sicherheit kann die Verbindung zum pr\u00e4frontalen Kortex wieder gelingen und der ventrale Vagus kann aktiv sein. Dies erm\u00f6glicht den Menschen, sich wieder sachlich \u2013 mit emotionalen F\u00e4rbungen \u2013 zu unterhalten, ohne dass sie auf Bedrohungs- und \u00dcberlebensreaktionen ausweichen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die kollektive Situation der Pandemie mehr durch die Brille der neurobiologischen Stressreaktion zu betrachten, h\u00e4tte zu weniger Urteilen und weniger Spaltungen gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Segen unseres pr\u00e4frontalen Kortex und unseres damit verbundenen Bewusstseins ist, dass wir in unterschiedlichen Situationen die Klarheit behalten und in Verbindung bleiben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Verbindung als Weg in die Sicherheit<\/strong><\/p>\n<p>Wenn Menschen Angst haben, ist das beste Gegenmittel, um wieder Sicherheit zu sp\u00fcren, die Verbindung. Das Gef\u00fchl, nicht allein zu sein, beruhigt unser Nervensystem.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sich mit anderen Menschen zu verbinden, war in der Pandemiezeit jedoch nicht oder nur eingeschr\u00e4nkt m\u00f6glich. \u00dcber diesen Weg konnten wir uns nicht regulieren. Diese Tatsache hat viele Menschen besonders gestresst und verunsichert. Das hei\u00dft, zur Angst vor Krankheit kamen noch der Bindungsverlust und bei vielen Menschen ein Gef\u00fchl der Einsamkeit dazu.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dass Verbindung so essenziell und sogar ein bew\u00e4hrtes Gegenmittel gegen Drogensucht ist, zeigte der Psychologieprofessor Bruce Alexander in den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts. Man ging lange davon aus, dass eine Sucht durch die Suchtmittel entsteht, die man \u00fcber einen gewissen Zeitraum einnimmt. Also dass Heroins\u00fcchtige durch die Suchtmittel im Heroin s\u00fcchtig werden. Das aktuelle Verst\u00e4ndnis von Abh\u00e4ngigkeit beruht auf einer Reihe von Experimenten, die Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts durchgef\u00fchrt wurden. Der Aufbau der Experimente ist einfach: Eine Ratte wird mit zwei Flaschen in einen K\u00e4fig gesteckt. In einer Flasche ist Leitungswasser, die andere wird mit Heroin oder Kokain versetzt. Viele Ratten entwickeln in diesem Experiment eine Sucht nach dem Drogenwasser und trinken es exzessiv, bis sie sich damit umbringen. Aber in den Siebzigerjahren fiel Bruce Alexander etwas an dem Experiment auf. Die Ratten werden einzeln in K\u00e4fige gesteckt. Sie haben nichts au\u00dfer den Drogen. Was w\u00fcrde also passieren, wenn man die Sache anders angehen w\u00fcrde?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Er baute daraufhin einen Rattenpark, der ein wahres Paradies f\u00fcr Ratten war. Die Ratten wohnten in einem liebevoll ausgestatteten K\u00e4fig mit bunten B\u00e4llen und Tunneln. Sie waren dort mit Freunden zusammen, mit denen sie spielen konnten. Au\u00dferdem bekamen sie Drogenwasser und Leitungswasser zur Auswahl.<\/p>\n<p>Sein Ergebnis war verbl\u00fcffend. Die Ratten zeigten kaum Interesse am Drogenwasser. Keine von ihnen trank es zwanghaft oder starb an einer \u00dcberdosis.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es ist zwar nur ein einzelner Tierversuch, aber es gibt noch einige interessante Studien zum menschlichen Drogenkonsum in Extremsituationen (Hari 2017). Im Vietnamkrieg zum Beispiel konsumierten zwanzig Prozent der amerikanischen Soldaten regelm\u00e4\u00dfig Heroin. Es wurde bef\u00fcrchtet, dass die USA nach Ende des Krieges von Hunderttausenden Junkies \u00fcberrannt werden w\u00fcrden. Aber eine Studie, die nach dem Krieg durchgef\u00fchrt wurde, zeigte, dass die Soldaten weder in Kliniken landeten noch einen Entzug durchmachten. F\u00fcnfundneunzig Prozent h\u00f6rten einfach auf, als sie nach Hause kamen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u00bbMit dem Gef\u00fchl, nicht allein ein Problem l\u00f6sen zu m\u00fcssen, ist das Problem schon halb gel\u00f6st.\u00ab<\/strong><\/p>\n<p>Mit dem traditionellen Verst\u00e4ndnis von Abh\u00e4ngigkeit allein kann man das nicht erkl\u00e4ren. Mit Professor Alexanders Theorie kommt man der Sache jedoch n\u00e4her: Befindet man sich in Gefahr und muss mit der Angst leben, zu sterben, dann ist Heroin eine verlockende Substanz, um diese Angst nicht sp\u00fcren zu m\u00fcssen. Kommt man aber nach Hause zu Familie und Freunden, ist es wie bei den Ratten und ihrer ver\u00e4nderten Umgebung. Es scheinen also nicht nur die Chemikalien eine Rolle zu spielen, sondern auch die Verbindungen, die Lebewesen ben\u00f6tigen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>\u00bbDie alten Experimente waren also offenbar fehlerhaft. Nicht die Droge ist schuld am sch\u00e4dlichen Verhalten, sondern die Umgebung. Eine isolierte Ratte wird fast immer zum Junkie. Eine Ratte mit einem guten Leben dagegen so gut wie nie, auch wenn man ihr noch so viele Drogen bereitstellt.\u00ab<\/em><\/p>\n<p><em>Johann Haris<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Menschen haben ein angeborenes Bed\u00fcrfnis, enge Beziehungen zu Mitmenschen aufzubauen. Als Baby und Kleinkind hat dies unser \u00dcberleben gesichert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn es uns gut geht, f\u00e4llt es uns leicht, in Verbindung zu gehen. Geht es uns jedoch schlecht, sind wir zum Beispiel traumatisiert oder isoliert, dann kann es passieren, dass wir eine enge Bindung zu einem Ersatzobjekt aufbauen. Dieses Ersatzprodukt kann f\u00fcr die einen das Handy sein, f\u00fcr andere ist es das Videospiel, Pornografie, Gl\u00fccksspiel oder eben Kokain. In diesem Fall ist die Abh\u00e4ngigkeit von Ersatzbindungsprodukten ein Symptom der Traumatisierung und Isolation in unserer Gesellschaft. Der Ausweg daraus ist der Aufbau von engen, emotionalen Beziehungen zu anderen Menschen. Was aber tun wir mit Menschen, die drogenabh\u00e4ngig sind? Anstatt sie dabei zu unterst\u00fctzen, sichere Verbindungen aufbauen zu k\u00f6nnen, werden sie von der Gesellschaft ausgesto\u00dfen. Wir bestrafen sie mit Leistungsk\u00fcrzungen und Gef\u00e4ngnis, wenn sie beim Drogenkonsum erwischt werden. Wir stecken sie in Zellen, also in K\u00e4fige, und sorgen daf\u00fcr, dass Menschen, denen es nicht gut geht, sich noch schlechter f\u00fchlen. Wir verachten sie, wenn sie sich nicht bessern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir reden immer nur \u00fcber die Besserung des Individuums und sehen nicht die Rolle der Gesellschaft in diesem Genesungsprozess, denn wir sind alle verantwortlich. Wir m\u00fcssen vielmehr das Umfeld der betroffenen Menschen in Betracht ziehen und d\u00fcrfen keine vorschnellen Urteile f\u00e4llen. Anstatt Menschen in Schubladen zu stecken, sollten wir ihnen erst einmal zuh\u00f6ren. Der erste Schritt im Kampf gegen die Sucht sollte nicht harte Bestrafung, sondern Empathie sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die heutige Einsamkeitsepidemie und ihre Wirkung<\/strong><\/p>\n<p>In den vergangenen Jahrzehnten ist das Gef\u00fchl von Einsamkeit f\u00fcr Millionen von Menschen chronisch geworden. In Gro\u00dfbritannien geben sechzig Prozent der Achtzehn- bis Vierunddrei\u00dfigj\u00e4hrigen an, sich oft einsam zu f\u00fchlen (Orr 2014). In den USA f\u00fchlen sich sechsundvierzig Prozent der gesamten Bev\u00f6lkerung regelm\u00e4\u00dfig allein (Cigna US 2019). Und in Deutschland sieht mehr als die H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung Einsamkeit als gro\u00dfes Problem (Tagesschau Deutschlandtrend 2018).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir leben im Zeitalter der Vernetzung und doch f\u00fchlt sich ein riesiger Teil von uns isoliert. Einsam zu sein und allein zu sein ist nicht dasselbe. Man kann allein gl\u00fccklich und zufrieden sein und sich in Gesellschaft von Freunden einsam und verlassen f\u00fchlen (WELT Gesundheit 2010). Einsamkeit ist subjektiv. Wenn du dich einsam f\u00fchlst, bist du einsam. Einsamkeit trifft nicht nur Menschen, die sozial wenig kompetent sind. Studien haben gezeigt, dass soziale F\u00e4higkeiten kaum noch Einfluss auf soziale Kontakte haben. Einsamkeit macht vor niemandem halt, Geld, Macht, Sch\u00f6nheit, soziale Kompetenz, all das kann dich nicht vor Einsamkeit sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Einsamkeit wirkt wie das Gef\u00fchl von Hunger, bei dem dein K\u00f6rper dir sagt, dass du etwas essen solltest. Einsamkeit macht dich auf deine sozialen Bed\u00fcrfnisse aufmerksam. Diese Bed\u00fcrfnisse sind f\u00fcr dich wichtig, denn sie haben vor Millionen von Jahren das \u00dcberleben gesichert. Zusammenarbeit und Vernetzung wurden mit einer h\u00f6heren \u00dcberlebenswahrscheinlichkeit belohnt. Unsere Gehirne wurden immer empf\u00e4nglicher f\u00fcr die Gedanken und Gef\u00fchle unserer Mitmenschen und f\u00fcr soziale Beziehungen. Unser soziales Wesen wurde Teil unserer Natur. Wir lebten in Gruppen von f\u00fcnfzig bis einhundertf\u00fcnfzig Menschen \u2013 und das meistens unser ganzes Leben lang (Dunbar\/Sosis 2018: 106\u2013111). Es war unm\u00f6glich, f\u00fcr ausreichend Essen, Sicherheit, W\u00e4rme und den Nachwuchs allein zu sorgen. Gemeinschaft bedeutete \u00dcberleben, Alleinsein den Tod. Es war also unerl\u00e4sslich, sich mit den anderen gut zu verstehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>F\u00fcr unsere Vorfahren war also nicht der S\u00e4belzahntiger die gr\u00f6\u00dfte Gefahr, sondern nicht in die Gruppe zu passen und versto\u00dfen zu werden. Um das zu vermeiden, erfanden unsere K\u00f6rper den sozialen Schmerz (Rodriguez 2019). Dieser Schmerz ist die Antwort der Evolution auf Zur\u00fcckweisung. Ein Fr\u00fchwarnsystem, das uns von isolierendem Verhalten abhalten sollte. Diejenigen unserer Vorfahren, die sich Zur\u00fcckweisungen besonders zu Herzen nahmen, passten mit gr\u00f6\u00dferer Wahrscheinlichkeit ihr Verhalten an und wurden nicht von der Gruppe versto\u00dfen, w\u00e4hrend andere ausgesto\u00dfen wurden und starben. Deshalb sind Zur\u00fcckweisungen und vor allem Einsamkeit so schmerzhaft. Dieser Mechanismus hat f\u00fcr den gr\u00f6\u00dften Teil unserer Geschichte sehr gut funktioniert. Bis die Menschen sich eine ganz neue Welt aufgebaut haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die heutige Einsamkeitsepidemie nahm schon in der Renaissance ihren Anfang (Schiller 2006). Die westliche Kultur r\u00fcckte das Individuum in den Mittelpunkt. Intellektuelle wandten sich vom Kollektivismus des Mittelalters ab. Die noch junge protestantische Theologie predigte die Verantwortlichkeit des Einzelnen. Die industrielle Revolution beschleunigte diesen Trend. Die Menschen verlie\u00dfen ihre D\u00f6rfer und Felder, um in Fabriken zu arbeiten. St\u00e4dte wuchsen und mit der Industrialisierung beschleunigten sich diese Prozesse immer weiter.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Heute ziehen wir f\u00fcr Jobs, die Liebe oder die Ausbildung an weit entfernte Orte und lassen unsere sozialen Kontakte zur\u00fcck. Wir treffen uns mit weniger Menschen und auch seltener als fr\u00fcher.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Chronische Einsamkeit entsteht meistens schleichend. Man wird erwachsen und hat neben Arbeit, Uni, Beziehung, Kindern und Fernsehen keine Zeit mehr f\u00fcr etwas anderes. Der effektivste Weg, dabei Zeit zu sparen, ist, Verabredungen abzusagen. Das geht so lange, bis man eines Tages aufwacht und sich isoliert f\u00fchlt. Pl\u00f6tzlich sehnt man sich nach engen Verbindungen. Aber als Erwachsener ist es schwieriger, Beziehungen aufzubauen. Dann kann Einsamkeit chronisch werden. Wir denken, wir seien mit unseren iPhones und mit k\u00fcnstlicher Intelligenz so weit gekommen, aber unser K\u00f6rper und unser Geist haben sich seit f\u00fcnfzigtausend Jahren kaum ver\u00e4ndert. Wir sind biologisch immer noch auf Verbindung gepolt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gro\u00df angelegte Studien haben gezeigt, dass Stress, verursacht durch chronische Einsamkeit, zu den unges\u00fcndesten Dingen \u00fcberhaupt geh\u00f6rt (Petitte et al 2015: 113\u2013132). Dieser Stress l\u00e4sst uns schneller altern, Krebs t\u00f6dlicher werden, Alzheimer schneller fortschreiten und macht unser Immunsystem schw\u00e4cher (Cacioppo 2014: 3). Einsamkeit ist statistisch gesehen t\u00f6dlicher als \u00dcbergewicht (Victor\/Bowling 2012: 313\u2013331) und genauso t\u00f6dlich wie eine Schachtel Zigaretten am Tag (Spiegel Wissenschaft 2010).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und das Gef\u00e4hrlichste daran ist: Ist die Einsamkeit erst einmal chronisch, kann es zu einem Teufelskreis kommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Physischer und emotionaler Schmerz wirken auf \u00e4hnliche Weise, denn beide weisen uns auf Bedrohungen hin. Deshalb l\u00f6st sozialer Schmerz auch sofort Verteidigungsverhalten aus. Einsamkeit aktiviert in unserem Gehirn den Selbstverteidigungsmodus. Pl\u00f6tzlich sieht man in allem eine potenzielle Gefahr. Aber damit nicht genug. Studien zufolge ist unser Gehirn viel empf\u00e4nglicher f\u00fcr soziale Signale, wenn wir einsam sind (Vanhalst et al. 2015). Gleichzeitig werden wir schlechter darin, sie richtig zu interpretieren \u2013 daf\u00fcr m\u00fcsste der ventrale Vagus aktiv sein, der daf\u00fcr aber ein Gef\u00fchl von Verbundenheit und Gesehenwerden braucht. Das hei\u00dft, wir nehmen andere st\u00e4rker wahr, es f\u00e4llt uns aber schwerer, sie zu verstehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Teil unseres Gehirns, der f\u00fcr Gesichtserkennung zust\u00e4ndig ist, ger\u00e4t aus dem Gleichgewicht und neigt dazu, neutrale Gesichter als feindselig zu interpretieren (Yoon\/Zinbarg 2008: 680\u2013685). Wir werden misstrauisch. In der Einsamkeit denken wir, dass die ganze Welt uns etwas B\u00f6ses will. Diese Wahrnehmung kann dazu f\u00fchren, dass wir ichbezogener werden, um uns selbst zu sch\u00fctzen. Auf andere wirken wir dann k\u00e4lter, unfreundlicher und sozial inkompetenter, als wir es tats\u00e4chlich sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn Einsamkeit dein Leben bestimmt, kannst du als Erstes versuchen, den Teufelskreis zu erkennen, der dich vielleicht gefangen h\u00e4lt. Meistens sieht der so aus: Ein anf\u00e4ngliches Gef\u00fchl der Isolation f\u00fchrt zu Anspannung und Traurigkeit, wodurch deine Wahrnehmung sich auf negative Interaktionen mit anderen fokussiert. Du interpretierst das Verhalten deiner Mitmenschen so, als w\u00fcrden sie nichts mit dir zu tun haben wollen. Dadurch wird deine Meinung von dir selbst und anderen schlechter. Dann \u00e4ndert sich dein Verhalten und du f\u00e4ngst an, soziale Interaktionen zu meiden. Das f\u00f6rdert wiederum die Isolationsgef\u00fchle. Es wird mit jedem Mal schwerer, diesen Kreislauf zu durchbrechen. Einsamkeit f\u00fchrt dazu, dass du dich von anderen wegsetzt, dass du Anrufe von Freunden nicht beantwortest und Einladungen ausschl\u00e4gst, bis sie ausbleiben. Social Media wird zum Ersatz echter menschlicher Interaktion. Facebook, Instagram und TikTok als Droge, die unabh\u00e4ngig vom Alter konsumiert werden kann, weil es keine Altersverifikation gibt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jeder von uns hat ein Bild von sich selbst. Wenn du dich selbst als einen Menschen siehst, mit dem man nicht gerne zusammen Zeit verbringt, weil du von dir selber denkst, dass du zum Beispiel nicht interessant genug bist, dann nehmen auch andere das wahr. Du verh\u00e4ltst dich entsprechend deines Selbstbilds und schlie\u00dflich wird die echte Welt so, wie du dich im Inneren f\u00fchlst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der erste Schritt, den du tun kannst, ist, zu akzeptieren, dass dieses Gef\u00fchl da ist und dich in erster Linie nur sch\u00fctzen m\u00f6chte. Es ist nichts, wof\u00fcr du dich sch\u00e4men musst. Du kannst dieses Gef\u00fchl nicht loswerden oder ignorieren, aber du kannst es annehmen und an seinen Ursachen arbeiten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Du kannst dir bewusst machen, was dich bedr\u00fcckt, und herausfinden, ob du die Sache vielleicht zu negativ interpretierst. War dein Zusammentreffen mit deinem Kollegen wirklich so negativ oder war es vielleicht nur neutral oder sogar positiv? Was ist wirklich bei eurer Interaktion passiert? Hat dein Gegen\u00fcber wirklich etwas Negatives gesagt oder hast du es nur so ausgelegt? Vielleicht war die andere Person nur im Stress und wollte gar nicht abweisend sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie ist es mit deiner Meinung von der Welt? Gehst du davon aus, dass andere grunds\u00e4tzlich schlechte Absichten haben? Wei\u00dft du zu Beginn einer sozialen Interaktion immer schon, wie es ausgeht? Denkst du, dass andere dich nicht dabeihaben wollen? Vermeidest du es, dich anderen zu \u00f6ffnen, aus Angst davor, verletzt zu werden?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn wir uns bewusst sind, dass wir als Menschen auf tiefste Verbundenheit ausgerichtet sind und unser gr\u00f6\u00dfter Schmerz in der Trennung liegt, dann ist klar, dass die Trennung f\u00fcr uns etwas sehr Bedrohliches ist und wir Verbindung ben\u00f6tigen, um uns in dieser Welt sicher und aufgehoben zu f\u00fchlen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aber warum gibt es dann so viel Ungebundenheit in unserer Gesellschaft \u2013 abgesehen von den strukturellen Gr\u00fcnden, die ich weiter oben aufgezeigt habe? Daf\u00fcr schauen wir uns noch einmal das nat\u00fcrliche menschliche Verhalten unter Gefahr an: In dem Moment, in dem wir uns bedroht f\u00fchlen, ist unsere Reaktion zuallererst, in die Verbindung zu gehen. Wir sind Herdentiere und versuchen uns an anderen zu orientieren, wenn wir gestresst sind. Es gibt aber die F\u00e4higkeit bei uns Menschen, dass wir uns der Umgebung anpassen, in der wir leben. Wir entwickeln dazu Strategien, um mit dem, was ist, besser klarzukommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn wir also die Erfahrung gemacht haben, dass uns die Bindungssuche in Not nicht gutgetan hat, dann kann sich daraus die Strategie entwickeln, dass wir uns unter Not abwenden, anstatt nach Hilfe zu suchen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Emotionale Vernachl\u00e4ssigung in der Kindheit ist h\u00e4ufig der Grund f\u00fcr die chronische Einsamkeit im Erwachsenenalter. Unter emotionaler Vernachl\u00e4ssigung versteht man das Gef\u00fchl, als Kind nicht gesehen zu werden oder mit seinen Bed\u00fcrfnissen oder der eigenen Not nicht wahrgenommen zu werden. Es ist ein Gef\u00fchl von Ablehnung in Situationen, die sehr emotional sind, oder die Erfahrung, mit dem eigenen Schmerz nicht ernst genommen zu werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn die Bindungspersonen emotional nicht verf\u00fcgbar waren, erlebten wir Einsamkeit. Es war ein Gef\u00fchl von Trennung, ein Gef\u00fchl von Unverbundenheit zur prim\u00e4ren Bezugsperson. Dieses Gef\u00fchl ist f\u00fcr ein Kind h\u00f6chst bedrohlich und sehr schmerzhaft. Der Begriff, mutterseelenallein zu sein, kommt nicht von ungef\u00e4hr und beschreibt sehr passend das tiefe Empfinden von Einsamkeit. Das Gef\u00fchl der Einsamkeit bleibt immer bestehen, sobald wir in einem gestressten und dysreguliertem Zustand nicht aufgefangen werden. Die Angst vor Ablehnung kann dazu f\u00fchren, dass man Angst hat, sich zu zeigen. Das macht einsam \u2013 privat wie auch beruflich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Egal, ob wir Einsamkeit als rein subjektives Problem betrachten, das nur das Wohlbefinden von einzelnen Personen betrifft, oder als Bedrohung f\u00fcr die Volksgesundheit: Wir m\u00fcssen diesem Thema mehr Aufmerksamkeit schenken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir Menschen haben uns eine grandiose neue Welt aufgebaut und trotzdem k\u00f6nnen die Dinge, die wir uns erschaffen haben, nicht unser grundlegendes biologisches Bed\u00fcrfnis nach N\u00e4he ersetzen. Das, was wir ben\u00f6tigen, bekommen wir voneinander. Daher sollte unser Fokus darauf liegen, dass Menschen ihrem nat\u00fcrlichen Bed\u00fcrfnis nach echter Verbundenheit nachkommen k\u00f6nnen. Bei allem, was die Digitalisierung an Positivem mit sich bringt, sollten wir ein Auge darauf halten, dass sie uns von unserer Natur nicht abh\u00e4lt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Psychologische Sicherheit beginnt mit dem Start ins Leben<\/strong><\/p>\n<p>Um als Erwachsener ein mit sich selbst und anderen verbundener Mensch sein zu k\u00f6nnen, ben\u00f6tigen wir prim\u00e4r in unserer Kindheit das Gef\u00fchl von psychologischer Sicherheit und Verbundenheit. Ansonsten wird es uns sp\u00e4ter schwerfallen, der Mensch zu sein, der wir eigentlich sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Menschen, die in ihrer Kindheit Ohnmacht und Hilflosigkeit erfahren haben, werden im Erwachsenendasein diese Unsicherheit auch sp\u00fcren. Die Ursache f\u00fcr ihre \u00c4ngste und Unsicherheiten liegen in ihrer Vergangenheit, die Symptome zeigen sich jedoch in der Gegenwart. Existenzangst, Selbstzweifel, Angst vor neuen Aufgaben oder vor Ver\u00e4nderungen sind nur ein kleiner Auszug der Folgesymptomatik.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Fatale daran ist, dass viele Menschen diese Symptome als normal annehmen, weil sie andere Menschen sehen, denen es auch so geht. Hinzu kommt, dass den wenigsten der Zusammenhang zwischen Ursache und Symptom bewusst und damit nicht oder nur schwer aufl\u00f6sbar ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>F\u00fcr eine psychologisch sichere Gesellschaft braucht es selbstsichere Menschen \u2013 prim\u00e4r, wenn sie Menschen f\u00fchren oder Kinder aufziehen oder betreuen. Daher sollte an die Ursache gegangen und daf\u00fcr gesorgt werden, dass Kinder in einer angstfreien Umgebung aufwachsen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das geht \u00fcber zwei Wege:<\/p>\n<ul>\n<li>Wissensvermittlung \u00fcber die Hintergr\u00fcnde von psychologischer Sicherheit und was das Fehlen derselben in der Kindheit f\u00fcr Folgen hat. Dieses Wissen ben\u00f6tigen insbesondere die Menschen, die Kinder aufziehen und betreuen.<\/li>\n<li>Es braucht Strukturen, in denen die Menschen, die Kinder aufziehen und betreuen, sich psychologisch sicher f\u00fchlen. Das hei\u00dft, dass sie in einem Zustand eines regulierten Nervensystems leben und arbeiten k\u00f6nnen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Psychologische Sicherheit beginnt schon im Mutterleib<\/strong><\/p>\n<p>Wenn von Bildung gesprochen wird, denken die meisten an Schule, Ausbildung und Studium. Ich m\u00f6chte den Begriff ausweiten. In meinen Augen beginnt das Thema Bildung ab dem Tag, an dem ein Mensch auf die Welt kommt. Ich meine damit keine kognitive Wissensvermittlung. Das w\u00e4re, wie du nun wei\u00dft, in den ersten Lebensjahren von der Gehirnentwicklung her schon nicht m\u00f6glich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In dieser Phase des Lebens geht es viel um ein Lernen \u00fcber Erfahrungen, die Babys machen. Erfahrungen, in denen sie das Gef\u00fchl von Sicherheit \u00fcber verl\u00e4ssliche Bindung erhalten. Damit sie als erwachsene Personen ein weites Stresstoleranzfenster haben und somit ein grunds\u00e4tzliches Vertrauen in das Leben und sich selbst. Denn das ist Grundlage daf\u00fcr, dass sie gesunde erwachsene Menschen werden, die ihr Potenzial leben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Damit Babys und Kleinkinder diese Erfahrungen machen k\u00f6nnen, brauchen sie Bindungspersonen, die sich bewusst dar\u00fcber sind, wie wichtig eine sichere Bindung f\u00fcr den weiteren Verlauf im Leben ist. Aber nicht nur das Wissen darum ist wichtig, viel entscheidender ist, dass Eltern selbst Menschen sind, die in Beziehung gehen und gerade auch in herausfordernden Situationen in der Verbindung zu ihren Kindern bleiben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Einige Eltern handeln intuitiv so, dass sie ihren Kindern eine verl\u00e4ssliche Bezugsperson sind. Ein gro\u00dfer Teil unserer Gesellschaft hatte aber selbst in der Kindheit ambivalente Bezugspersonen und hat daher im Hier und Jetzt Schwierigkeiten, liebevolle und tiefe Beziehungen leben zu k\u00f6nnen. Es wird unbewusst weitergegeben, was man selbst erlebt hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>H\u00e4ufig wird in dem Kontext von Vernachl\u00e4ssigung nur auf den Teil in unserer Gesellschaft geschaut, den man bildungsfern oder sozial schwach nennt. Aber gerade in der Bildungsschicht und in den akademischen Berufen gibt es viele Eltern, die noch sehr stark mit sich selbst besch\u00e4ftigt sind, denen ihre berufliche Karriere ungeheuer wichtig ist, die sich selbst verwirklichen, viel erleben und das Leben genie\u00dfen wollen. Sie k\u00fcmmern sich intensiv um ihr Aussehen, ihre Hobbys, ihre Wohnungseinrichtung und um die Anschaffung und Zurschaustellung unterschiedlicher Statussymbole. Allerdings sind Kinder solch selbstbezogener Eltern bei der Verwirklichung ihrer individuellen Ziele eher hinderlich, und sie werden ihnen mit ihrem Bed\u00fcrfnis nach Aufmerksamkeit, Geborgenheit und Zuwendung leicht l\u00e4stig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Meist tun diese Eltern ihre Pflicht, jedenfalls das, was sie f\u00fcr ihre Pflicht halten, und das meistens sogar besonders gut. Sie sorgen f\u00fcr eine besonders ausgewogene Ern\u00e4hrung, f\u00fcr Sauberkeit und hygienische Verh\u00e4ltnisse, ansprechende, modische Kleidung und beschaffen sich alle m\u00f6glichen Ger\u00e4tschaften, von denen sie glauben, sie seien wichtig f\u00fcr ihr Kind. Sie beruhigen ihr (schlechtes) Gewissen, indem sie das Kind nach Kr\u00e4ften verw\u00f6hnen. Was ihr Kind aber wirklich braucht, sind Eltern, die ganz und gar da sind und sich ihm emotional, geistig und k\u00f6rperlich zuwenden, wenn es verunsichert ist und Angst hat. Aber genau das schenken diese Eltern ihren Kinder nicht oder zumindest nicht dann, wenn diese es besonders dringend brauchen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kinder, die materiell alles bekommen, denen aber emotionale und psychologische Sicherheit vorenthalten bleibt, sind oft bereits sehr fr\u00fch gezwungen, Strategien zu entwickeln, um mit dieser Unsicherheit klarzukommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Meist handelt es sich dabei um sehr rigide, einseitige, pseudoautonome Strategien der Angstbew\u00e4ltigung (Gebauer\/H\u00fcther 2004). Aufgrund der Neuroplastizit\u00e4t unseres Gehirns werden die dabei aktivierten neuronalen Verschaltungen umso nachhaltiger gebahnt, je fr\u00fcher und je h\u00e4ufiger sie eingesetzt werden. Sie k\u00f6nnen das gesamte F\u00fchlen, Denken und Handeln bestimmen. Nicht nur im Kindesalter, auch sp\u00e4ter als erwachsene Personen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Menschen, die bereits als Kinder keine sicheren Bindungen ausbilden konnten, haben Angst vor k\u00f6rperlicher und emotionaler N\u00e4he. Ihnen f\u00e4llt es schwer, anderen Menschen zu vertrauen. Ihr Verhalten ist das Ergebnis ihrer Strategien, sich zu sch\u00fctzen. Wenn es ihnen nicht gelingt, die Angst vor N\u00e4he und Beziehung zu \u00fcberwinden, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie in ihrem Leben isoliert, ichbezogen und bindungsunf\u00e4hig bleiben (Grossmann 2012).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Um den Teufelskreis zu durchbrechen, sodass Eltern ihre eigene Erfahrung von unsicherer Bindung nicht an ihre Kinder weitergeben, ist es unabdingbar, dass das Wissen darum f\u00fcr alle Menschen zug\u00e4nglich ist und sie darin unterst\u00fctzt werden, ihre eigenen Erfahrungen aufzuarbeiten. Denn nur sicher gebundene Menschen k\u00f6nnen als Erwachsene die Geborgenheit an ihre Kinder weitergeben und als Erwachsene tiefe Verbindung leben. Da Verbindung die Basis f\u00fcr psychologische Sicherheit ist, ist das die Grundlage daf\u00fcr, dass eine psychologisch sichere Gesellschaft entstehen kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dieser Prozess kann \u00fcber zwei Wege gegangen werden: Zum einen sollte die Psychoedukation zum Thema der psychologischen Sicherheit und der Bindungstheorie Bestandteil von Lehrpl\u00e4nen werden. Das schafft bei Kindern und Jugendlichen schon fr\u00fch Bewusstsein f\u00fcr das Thema. Einerseits zur Reflexion des Bindungsstils ihrer Bezugspersonen \u2013 und daraus abgeleitet die Erkenntnis, dass mit ihnen selbst alles in Ordnung ist und sie okay sind \u2013 und andererseits zur Reflexion des eigenen Gef\u00fchls, was N\u00e4he und Verbindung angeht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zudem f\u00f6rdert das Hintergrundwissen zu den Themen das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr das Verhalten unserer Mitmenschen. Wir urteilen weniger schnell, weil wir wissen, dass es Gr\u00fcnde f\u00fcr die Gef\u00fchle und das Verhalten der anderen gibt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zum anderen sollte seitens der Politik und der Medien dem Thema mehr Aufmerksamkeit in der \u00d6ffentlichkeit geschenkt und parallel werdenden Eltern Angebote noch w\u00e4hrend der Schwangerschaft gemacht werden. Sie sollten erfahren, wie wichtig es f\u00fcr Babys und Kinder ist, nicht nur gew\u00e4rmt, gen\u00e4hrt und sauber gehalten zu werden. Sondern dass Kinder die Erfahrung machen m\u00fcssen, eine verl\u00e4ssliche Bindungsperson zu haben, die ihnen bei jeglichem aufkommenden Gef\u00fchl beiseitesteht und ihnen zeigt, dass es m\u00f6glich ist \u2013 und sp\u00e4ter auch, wie es m\u00f6glich ist \u2013, \u00c4ngste zu \u00fcberwinden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es gibt bereits einige Angebote f\u00fcr Eltern. Die Stadt K\u00f6ln beispielsweise unterst\u00fctzt mit ihren Elternbriefen die Erziehungsberechtigten ab dem Zeitpunkt, an dem das Baby auf der Welt ist. In diesen Briefen werden die Entwicklungsschritte von Kindern beschrieben und m\u00f6gliche Konflikte im Erziehungsalltag geschildert. Es werden keine Patentrezepte geboten, sondern die Briefe sollen dazu anregen, eigene L\u00f6sungen f\u00fcr die individuellen Probleme zu finden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das kognitive Verstehen allein reicht aber nicht, damit Eltern sichere Bindungspersonen sein k\u00f6nnen. Oft sind Eltern selbst \u00fcberfordert und unsicher. Das Kind ist h\u00e4ufig nicht die Ursache f\u00fcr die \u00dcberforderung und Unsicherheit der Eltern. Es verst\u00e4rkt nur den empfundenen Stress und ist der Tropfen, der das Fass zum \u00dcberlaufen bringt. Das hei\u00dft, hier ben\u00f6tigen die Eltern im ersten Schritt Unterst\u00fctzung, um wieder in ihre eigene Sicherheit und Handlungsf\u00e4higkeit zu kommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Werkzeuge daf\u00fcr sollte man ihnen schon vor Geburt ihres Kindes an die Hand geben und sie damit arbeiten lassen. Frauen\u00e4rzte oder Hebammen k\u00f6nnten diese Aufgabe \u00fcbernehmen oder von Experten \u00fcbernehmen lassen, die vor Ort und jederzeit ansprechbar sind. Das Angebot sollte kostenlos und jedem frei zug\u00e4nglich sein. Es ist eine Investition in die Zukunft dieser ungeborenen Babys und etwas, von dem wir als Gesellschaft profitieren werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zudem werden dieses Wissen und die erlernten Methoden einen positiven Effekt auf das Nervensystem der Eltern und ihren Zustand haben. Davon profitiert auch das Baby im Bauch der Mutter. Denn bei dauerhaftem Stress k\u00f6nnen Stresshormone wie Cortisol die Plazenta-Schranke passieren und m\u00f6glicherweise in Verbindung mit anderen Faktoren die Entwicklung des kindlichen Gehirns negativ beeinflussen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Untersuchungen konnten beispielsweise zeigen, dass Kinder von \u00fcberm\u00e4\u00dfig gestressten M\u00fcttern ein schwierigeres Temperament entwickeln k\u00f6nnen (Haselbeck 2012: 13): Der S\u00e4ugling reagiert auf neue Reize mit mehr Unbehagen und l\u00e4sst sich schwerer beruhigen. Chronischer Stress im Verlauf der Schwangerschaft kann zudem Auswirkungen auf die Entwicklung kognitiver, emotionaler und sozialer F\u00e4higkeiten beim Baby haben und das Risiko f\u00fcr psychische Erkrankungen des Kindes, wie Angstst\u00f6rungen oder auch Depressionen, erh\u00f6hen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Psychologische Sicherheit entwickelt sich demnach schon pr\u00e4natal. Die Erfahrungen der ersten Lebensjahre, gerade in Bezug auf unsere Bindungspersonen, haben danach ebenfalls einen gro\u00dfen Einfluss darauf.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hier braucht es mehr Angebote f\u00fcr werdende Eltern. Zum einen, um ihnen die Wichtigkeit des Themas bewusst zu machen, und zum anderen, um sie zu unterst\u00fctzen, in ihre eigene Sicherheit zu kommen. Denn so wie in Unternehmen Teams sichere F\u00fchrungskr\u00e4fte ben\u00f6tigen, um sich zu entwickeln, so brauchen Kinder sichere Eltern, um sich zu gesunden erwachsenen Menschen entwickeln zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Psychologische Sicherheit in Kindertagesst\u00e4tten<\/strong><\/p>\n<p>Mit einem Jahr, sp\u00e4testens mit drei Jahren kommen die meisten Kinder in die au\u00dferelterliche Betreuung. Zur Tagesmutter oder in den Kindergarten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In einer Prognose der Bertelsmann Stiftung fehlen jedoch im Jahr 2023 384\u2009000 Kitapl\u00e4tze in Deutschland (Tagesschau 2022). Um den Betreuungsbedarf zu erf\u00fcllen, m\u00fcssten zus\u00e4tzlich zum vorhandenen Personal weitere achtundneunzigtausendsechshundert Fachkr\u00e4fte eingestellt werden. Personal, das jetzt schon nicht da ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Fatale an dieser Situation ist aber nicht nur, dass so viele Kinder keinen Kitaplatz erhalten, sondern auch die Folgen, die der Personalmangel auf den bestehenden Alltag in einer Kita hat. Immer mehr Erzieher in Deutschland arbeiten an der Belastungsgrenze und sind am Ende ihrer Kr\u00e4fte (Tagesschau 2023).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dass ein Personalmangel den rein operativen Betrieb einer Kita negativ beeinflusst, liegt auf der Hand. Das Bewusstsein daf\u00fcr, dass Erzieher dadurch dauerhaft au\u00dferhalb ihres Stresstoleranzfensters arbeiten, ist in meiner Beobachtung allerdings nicht vorhanden oder es wird seitens der Politik weggeschaut.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Letzteres scheint wahrscheinlicher, denn das Bundesministerium f\u00fcr Gesundheit beschreibt auf einer Website, deren Inhalte das Ministerium verantwortet, sehr treffend, was f\u00fcr negative Folgen Stress auf K\u00f6rper und Psyche hat (Stress: Auswirkungen auf K\u00f6rper und Psyche 2022).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Menschen, deren Nervensystem dauerhaft in der \u00dcbererregung ist, k\u00f6nnen sich psychisch nicht sicher f\u00fchlen und sind in vielen Alltagssituationen \u00fcberfordert. Deshalb ist dem betreuenden Personal unserer Kinder kein Vorwurf zu machen, wenn ihre Impulskontrolle einmal nachgibt und sie daraufhin beispielsweise herumbr\u00fcllen. Sie k\u00f6nnen nicht anders, auch wenn sie erwachsen sind und man ihnen vorwerfen m\u00f6chte, dass sie sich doch unter Kontrolle haben sollten. Es geht schlicht nicht, das Nervensystem l\u00e4sst es ab einem bestimmten Punkt nicht mehr zu \u2013 jeder Elternteil wei\u00df aus eigener Erfahrung, dass es diese roten Linien gibt. Im Fall der Erzieher ist es eine Konsequenz der Bedingungen, unter denen sie arbeiten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund verwundert es auch nicht, dass in Kitas immer noch zu Ma\u00dfnahmen wie dem stillen Stuhl gegriffen wird, um Kleinkinder in den Griff zu bekommen, wenn sie sich beispielsweise streiten und k\u00f6rperlich werden. Doch dort, wo es im kindlichen Streit aufgrund von in dem Alter noch fehlender Impulskontrolle zu Hauen und Kratzen kommt, braucht es weniger eine Bestrafung in Form des stillen Stuhls. Es br\u00e4uchte vielmehr eine Hinwendung und ein In-Beziehung-Gehen mit den beiden Streith\u00e4hnen. Daf\u00fcr wird aber Zeit ben\u00f6tigt, die die Erzieher oft nicht haben. Das hei\u00dft, neben den gesundheitlichen Folgen f\u00fcr die Mitarbeiter haben der Personalmangel und der damit verbundene Stress auch Auswirkungen auf die betreuten Kinder. Menschen, die in Systemen arbeiten, die zur \u00dcberforderung f\u00fchren und in denen psychologische Unsicherheit an der Tagesordnung ist, k\u00f6nnen unseren Kindern keine sicheren Begleiter sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aber noch mal, um an dieser Stelle nicht missverstanden zu werden: Es ist das System, das ge\u00e4ndert werden muss. Den Erziehern darf meistens kein Vorwurf gemacht werden. Nat\u00fcrlich gibt es auch Ausnahmen, bei denen Erzieher zu weit gehen und wissentlich Kindern seelische und k\u00f6rperliche Gewalt antun. Da es derzeit aber nicht nur einen Personalmangel bei den Erziehern gibt, sondern auch Kita-Aufsichtsbeh\u00f6rden \u00fcberlastet sind, wird der seelischen und k\u00f6rperlichen Gewalt an Kindern in Kitas nicht so nachgegangen, wie es erforderlich w\u00e4re (Tagesschau \u00bbGewalt in Kitas \u2013 Wenn kleine Kinder Zeugen sind\u00ab 2023).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) hat recht, wenn er sagt, dass bei der L\u00f6sung des Personalmangels in den Kitas vor allem der Bund in der Pflicht ist. Es muss als nationale Aufgabe verstanden werden, das Kitasystem zu finanzieren und zu unterst\u00fctzen. Tomi Neckov, der stellvertretende Bundesvorsitzende des Verbandes, fordert: \u00bbDie fr\u00fchkindliche Bildung braucht, hier gibt es keine zwei Lesarten, massive Investitionen \u2013 jetzt und dauerhaft\u00ab (Tagesschau \u00bbEs geht nicht mehr\u00ab 2023).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch wenn der Satz abgedroschen klingt, so liegt in ihm doch ganz viel Wahrheit: \u00bbDie Investition in unsere Kinder ist eine Investition in unsere Zukunft.\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie sollen Kinder, die schon von klein auf Stress und \u00dcberforderung in ihrem Umfeld dauerhaft miterleben, selbst zu sicheren erwachsenen Menschen heranreifen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jedoch genau das braucht unsere Gesellschaft, um mit den Herausforderungen unserer Zeit umgehen zu k\u00f6nnen. Wir ben\u00f6tigen erwachsene Menschen, die sich innerhalb ihres Stresstoleranzfensters bewegen, damit sie bewusst aus ihrem pr\u00e4frontalen Neokortex heraus agieren k\u00f6nnen und nicht von autonomen Stressreaktionen gelenkt werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Psychologische Sicherheit in der Schule<\/strong><\/p>\n<p>Psychologische Sicherheit ist der Zustand eines Menschen, in dem er keine Angst hat und nicht gestresst ist. Aus diesem Zustand heraus kommt er an sein Potenzial und kann sein wahres Sein zeigen. In einem solchen Zustand funktioniert auch das Lernen am besten (Drimalla 2018).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn man mit diesem Blick auf unser Schulsystem schaut, muss man feststellen, dass Schule kein Ort ist, an dem psychologische Sicherheit f\u00fcr auch nur einen der Beteiligten gegeben ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In Deutschland wird fast jeder dritte Sch\u00fcler gemobbt (Liebsch 2019). Dabei bleibt es nicht nur bei Beleidigungen, auch k\u00f6rperliche Gewalt steht auf der Tagesordnung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Lehrer sind oftmals \u00fcberlastet und das nicht erst seit der Corona-Pandemie (Blossfeld et al. 2014). Lehrkr\u00e4fte leiden mehr als viele andere Berufsgruppen unter psychischen Erkrankungen und Ersch\u00f6pfung bis hin zum Burn-out. Die \u00f6ffentliche Wahrnehmung des Lehrerberufs ist aber h\u00e4ufig eine andere. Der Unterricht findet in der Schule, die Vor- und Nachbereitung des Unterrichts, die Korrekturen von Arbeiten oder die Kontakte zu den Eltern finden meist zu Hause statt. Der geteilte Arbeitsplatz bedingt, dass der Lehrerberuf von vielen als Halbtagsjob gesehen wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dabei bringt die T\u00e4tigkeit an sich hohe Herausforderungen mit sich. Lehrkr\u00e4fte sind in st\u00e4ndiger Interaktion. W\u00e4hrend sie der Unterrichtsgestaltung nachkommen, m\u00fcssen sie gleichzeitig mit den Bed\u00fcrfnissen in der Klasse umgehen und darauf achten, alle Sch\u00fcler mitzunehmen. Das Gelingen des Unterrichts setzt eine hohe Kooperationsbereitschaft der Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler voraus. Gelingt die notwendige Kooperation im Unterricht nicht, kommt ein weiterer Stressfaktor dazu: der hohe L\u00e4rmpegel, der oft eine Folge von Unruhe in der Klasse ist (Anders 2020).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Fr\u00fcher ist man dem Herr geworden, indem man mit Bestrafung und Drohung gearbeitet hat. Schule war ein Ort, an dem Zucht und Ordnung herrschten. Es wurde dem Lehrer gehorcht. Diese Sch\u00fcler wurden dann in Unternehmen entlassen, in denen solche Mitarbeiter gebraucht wurden: Mitarbeitende, die gehorchen und ausf\u00fchren, was man ihnen sagt und ihnen vorlegt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Heutzutage fordern Unternehmen allerdings andere Qualit\u00e4ten von ihren Mitarbeitenden. Sie sollen kreativ sein, selbstst\u00e4ndig denken und bereit sein, Verantwortung zu \u00fcbernehmen. Im besten Fall f\u00f6rdern die zehn bis dreizehn Schuljahre ein solches Verhalten. Damit das gelingt, braucht es aber andere Rahmenbedingungen, damit Schule dieser Anforderung gerecht werden kann und wissbegierige, selbstst\u00e4ndige junge Erwachsene in das Arbeitsleben entl\u00e4sst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vor allem werden daf\u00fcr zum einen Lehrer gebraucht, die bereit sind, einen Unterricht auf Augenh\u00f6he zu gestalten, und zum anderen die Voraussetzungen, um \u00fcberhaupt einen solchen Unterricht durchf\u00fchren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>F\u00fcr Kooperationsbereitschaft braucht es Beziehung, also den Aufbau von Verbindung. Diese menschliche Verbindung zahlt auf das Gef\u00fchl von Sicherheit ein. Die dadurch gewonnene Sicherheit zahlt sich auf verschiedene Bereiche aus. Wenn ein Sch\u00fcler ein gutes Verh\u00e4ltnis zu seinem Lehrer hat und wei\u00df, dass dieser es grunds\u00e4tzlich gut mit ihm meint, wird er viel eher kooperieren und bereit sein, dem Unterricht zu folgen. Zudem w\u00fcrde er sich dieser Lehrkraft auch eher mit seinen Problemen anvertrauen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Forschung best\u00e4tigt das. Kinder ben\u00f6tigen, um sich gut zu entwickeln und gut zu lernen, nicht in erster Linie Disziplin, sondern vor allem gute Beziehungen zu Eltern und Lehrern, denn gerade Kinder sind Beziehungstiere (Bauer 2008). Angst und Stress sind hingegen Bildungskiller. Forscher haben neurobiologische Zentren f\u00fcr Motivation und Zielstrebigkeit entdeckt und dabei herausgefunden: Lebensfreude und Erfolgsstreben werden durch die Botenstoffe Dopamin, Oxytocin und Opioide gesteuert. Diese werden verst\u00e4rkt oder vermindert ausgesto\u00dfen, je nachdem wie viel Interesse, Aufmerksamkeit, Anerkennung und pers\u00f6nliche Wertsch\u00e4tzung einem Menschen entgegengebracht wird \u2013 besonders einem Kind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das ist die biologische Basis, auf der Handlungskonzepte f\u00fcr Schule entwickelt werden sollten. Nicht restriktive Gebote f\u00f6rdern die Leistungsbereitschaft der Sch\u00fcler. Vielmehr m\u00fcssen Unterrichtsbedingungen geschaffen werden, die jedem ein ausreichendes Ma\u00df an Ansprache und aufbauendem Feedback sichern. Es sollte darum gehen, die Qualit\u00e4t der Beziehungsgestaltung positiv zu beeinflussen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zus\u00e4tzlich sollte ein weiteres Ph\u00e4nomen im Unterrichtsalltag ber\u00fccksichtigt werden: die Spiegelneurone (\u00bbMirror Neuron System\u00ab, MNS). Sie erm\u00f6glichen unter anderem, sich in einen anderen Menschen hineinzuversetzen und Empathie aufzubringen. Sie f\u00fchren auch dazu, dass ein Kind die ausgesprochene oder stillschweigende Erwartung von Eltern oder Lehrern verinnerlicht \u2013 genauer: sich diese Erwartung in Form von neuronalen Netzwerken in seinem Gehirn einnistet. Deshalb sollten Lehrer in der Kommunikation mit dem Kind auch immer dessen Potenziale und Entwicklungsm\u00f6glichkeiten aufzeigen. So kann es eine positive Vision seiner selbst und \u2013 getreu dem Kreislauf des Selbstbilds \u2013 die Kraft einer sich selbst erf\u00fcllenden Prophezeiung entwickeln.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>All das erfordert, dass ein Lehrer individuell auf jedes einzelne Kind eingehen kann. Aber wie soll das gelingen in einer Klasse mit drei\u00dfig Sch\u00fclern und einer Lehrperson, die neben dem Unterricht auch noch zus\u00e4tzliche Aufgaben und \u00c4mter \u00fcbernehmen soll? Und wie soll das einer Lehrkraft gelingen, die selbst \u00fcberlastet ist und sich nicht innerhalb ihres Stresstoleranzfensters befindet?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dabei zeigt die Forschung zur Lehrergesundheit, dass der h\u00f6chste Belastungsfaktor, also der Umgang mit Sch\u00fclern, zugleich auch die st\u00e4rkste Ressource f\u00fcr Lehrkr\u00e4fte ist. Wenn der Umgang gut funktioniert, dann ergibt sich daraus auch der gr\u00f6\u00dfte positive R\u00fcckhalt f\u00fcr die Lehrergesundheit. Ebenso verh\u00e4lt es sich mit dem zweiten Stressfaktor, der Zusammenarbeit im Kollegium: Wenn die Zusammenarbeit mit den Kolleginnen und Kollegen sowie mit der Schulleitung gut l\u00e4uft, st\u00e4rkt auch das die Lehrergesundheit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Bildungswesen psychologische Sicherheit \u00fcber Verbindung herzustellen, zahlt sich demnach f\u00fcr alle aus: f\u00fcr Lehrer und Kinder und damit am Ende auch f\u00fcr uns als Gesellschaft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Um Gerald H\u00fcther zu zitieren: \u00bbWird das Leben als erkenntnisgewinnender Prozess verstanden, so ist jeder Mensch ein lebenslang Lernender. Und geht es beim Lernen, wie die Hirnforscher inzwischen belegen k\u00f6nnen, um die Verankerung von individuell gemachten Beziehungserfahrungen in Form struktureller Beziehungsmuster auf der Ebene neuronaler Netzwerke, dann ist jeder Lernprozess Ausdruck und Resultat einer von einem Menschen gemachten Beziehungserfahrung.\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Freude am Lernen ist also abh\u00e4ngig von den erlebten Lernsituationen und der dabei wahrgenommenen Zufriedenheit. Diese wiederum werden beeinflusst von der Qualit\u00e4t der sozialen Beziehungen im Lernumfeld. Wenn Lern- und Bildungsprozesse Beziehungen anbieten und bef\u00f6rdern, bekommen Sch\u00fcler w\u00e4hrend ihrer Schulzeit viel mehr mitgegeben als blo\u00dfe Wissensvermittlung. Sie lernen, in Verbindung zu gehen, und k\u00f6nnen allein dar\u00fcber zu selbstsicheren Menschen werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Anzustreben ist somit eine Situation, in der die Sch\u00fcler sich in der Verbindung zu ihrem Lehrer und ihren Mitsch\u00fclern sicher f\u00fchlen. Im besten Fall macht es ihnen Spa\u00df zu lernen und sie gehen in ihrer T\u00e4tigkeit auf, obwohl es f\u00fcr sie kognitiv anspruchsvoll und anstrengend ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Um das Thema \u00bbBeziehungsaufbau und Verbindung\u00ab wird man nicht herumkommen, wenn man Schule als psychologisch sicheren Ort kreieren m\u00f6chte, an den die Sch\u00fcler gerne kommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hinzu kommt, dass Lernen zwei verschiedene Wirkungsmechanismen aufweist. Es ist ein subjektiver Vorgang, der von au\u00dfen nur bedingt steuerbar ist. Lernen im Sinne eines Herbeif\u00fchrens von Ver\u00e4nderung ist nur von innen heraus durch Reflexion und Einsicht lenkbar (Arnold\/Pachmer 2013). Diese Perspektive muss aber dahingehend relativiert werden, dass trotz dessen der \u00e4u\u00dfere Rahmen und die Art des Umgangs mit der Person Einfluss auf Reflexionsprozesse haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Ver\u00e4nderung der Lernkultur in Richtung einer st\u00e4rkeren Ber\u00fccksichtigung sozialer Beziehungen ist aus meiner Sicht erstrebenswert, aber auch verbunden mit einer generellen gesellschaftlichen Diskussion. Die st\u00e4rkere Ausrichtung von Schule auf Beziehungsgestaltung hat Auswirkungen auf die Rolle der Lehrkr\u00e4fte und auf ihr Agieren in der Lehrsituation.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das wiederum h\u00e4tte zur Folge, dass die Ausbildung zum Beruf des Lehrers neu gestaltet werden m\u00fcsste. Damit ist erkennbar, wie sehr das Thema der psychologischen Sicherheit viele Bereiche unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens betrifft, wenn man es zu Ende denkt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Essenz<\/strong><\/p>\n<p>Die Basis f\u00fcr psychologische Sicherheit ist das Gef\u00fchl von Verbundenheit. Um dort in unserer Gesellschaft hinzukommen, ben\u00f6tigen wir zum einen das Wissen um die Hintergr\u00fcnde von psychologischer Sicherheit in den K\u00f6pfen der Menschen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zum anderen ben\u00f6tigen wir sichere Begleiter. Insbesondere f\u00fcr unsere Kinder in den Rollen Elternteil, Erzieher und Lehrer. Aber auch sp\u00e4ter als F\u00fchrungskr\u00e4fte, Coaches und Berater, die in Unternehmen arbeiten und die es sich zur Aufgabe gemacht haben, einen psychologisch sicheren Ort zu schaffen, an dem ihre Mitarbeitenden ohne Angst vor Bewertung ihr Potenzial und ihre Kreativit\u00e4t leben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn man noch weiterdenkt, sollten auch die Berufsgruppen, die kranke oder pflegebed\u00fcrftige Menschen behandeln und begleiten, um die Wichtigkeit von psychologischer Sicherheit wissen. Sie sollten ebenfalls sichere Begleiter sein, die eine Beziehung zu ihren Patienten aufbauen k\u00f6nnen und sie nicht nur als Objekt einer zu bew\u00e4ltigenden Aufgabe sehen. Dass eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Arzt und Patient einen positiven Effekt auf die Heilung hat, ist mittlerweile wissenschaftlich nachgewiesen worden (Kamps 2017). In Beziehung zu gehen erfordert allerdings Zeit. Ein kostbares Gut, das im medizinischen und im Pflegebereich kaum vorhanden ist. Ein Faktor, der in diesem Bereich ein Umdenken und eine daraus folgende \u00c4nderung von Strukturen und Prozessabl\u00e4ufen erforderlich macht.<\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<\/p>\n<p>Die Autorin<br \/>\nBirgit Schumacher interessierte sich schon in ihrem Volkswirtschaftsstudium f\u00fcr die Beantwortung der Frage, welche Bedingungen erf\u00fcllt sein m\u00fcssen, damit Menschen kooperieren und gut zusammenarbeiten k\u00f6nnen. In ihrer praktischen Arbeit als Wirtschaftsmediatorin und Coach unterst\u00fctzt sie F\u00fchrungskr\u00e4fte und Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer*innen dabei, ein Umfeld zu etablieren, in dem die Mitarbeitenden neue Ideen einbringen und Problemstellungen selbstorganisiert l\u00f6sen. In Workshops und Vortr\u00e4gen gibt sie Einblick in das Thema der psychologischen Sicherheit und zeigt Ans\u00e4tze auf, die daf\u00fcr notwendig sind. \u00a0<a href=\"https:\/\/eur01.safelinks.protection.outlook.com\/?url=https%3A%2F%2Fbirgitschumacher.net%2F&amp;data=05%7C02%7CClaudia.Toedtmann%40wiwo.de%7C2cc04397e5534ddc841f08dbfa2b8f6b%7C78a6b313ae8f4324ba3685e7b2bc6f1d%7C1%7C0%7C638378837290983038%7CUnknown%7CTWFpbGZsb3d8eyJWIjoiMC4wLjAwMDAiLCJQIjoiV2luMzIiLCJBTiI6Ik1haWwiLCJXVCI6Mn0%3D%7C3000%7C%7C%7C&amp;sdata=ujAYUEDqzgZdKqDF6A3i0DagIF6qt3%2Bj6sub622M%2F6Q%3D&amp;reserved=0\">\u00bb https:\/\/birgitschumacher.net\/<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.faktenkontor.de\/pressemeldungen\/blogger-relevanzindex-das-sind-deutschlands-top-100-blogs\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-680063\" src=\"https:\/\/149798077.v2.pressablecdn.com\/management\/files\/2022\/06\/Wiwo.top_.10.blog_.2022.Blogger-Relevanzindex_Top-10-Blogs-2022-227x300.jpg\" alt=\"\" width=\"227\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2022\/06\/Wiwo.top_.10.blog_.2022.Blogger-Relevanzindex_Top-10-Blogs-2022-227x300.jpg 227w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2022\/06\/Wiwo.top_.10.blog_.2022.Blogger-Relevanzindex_Top-10-Blogs-2022.jpg 492w\" sizes=\"auto, (max-width: 227px) 100vw, 227px\" \/><\/a><\/p>\n<div id=\"main\">\n<div id=\"primary\">\n<div id=\"content\" role=\"main\">\n<article id=\"post-679588\" class=\"post-679588 post type-post status-publish format-standard hentry category-allgemein tag-arbeitsbedingung tag-arbeitsklima tag-betriebsklima tag-big-quit tag-ey-ernst-young tag-fachkraftemangel tag-gehalt tag-great-resignation tag-jobwechsel tag-kundigung tag-kuendigungsabsicht tag-loehne tag-umfrage\">\n<div class=\"entry-content\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.presseportal.de\/pm\/52884\/5255623\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-676731\" src=\"https:\/\/149798077.v2.pressablecdn.com\/management\/files\/2021\/06\/bloggerinnen.2021.neu_-300x212.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"212\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/06\/bloggerinnen.2021.neu_-300x212.jpg 300w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/06\/bloggerinnen.2021.neu_-424x300.jpg 424w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/06\/bloggerinnen.2021.neu_.jpg 650w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Copyright: @Claudia T\u00f6dtmann. Alle Rechte vorbehalten.\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Kontakt f\u00fcr Nutzungsrechte: claudia.toedtmann@wiwo.de<\/strong><\/p>\n<p><strong>Alle inhaltlichen Rechte des Management-Blogs von Claudia T\u00f6dtmann liegen bei der Blog-Inhaberin. Jegliche Nutzung der Inhalte bed\u00fcrfen der ausdr\u00fccklichen Genehmigung.<\/strong><\/p>\n<\/div>\n<p><strong>Um den Lesefluss nicht zu behindern, wird in Management-Blog-Texten nur die m\u00e4nnliche Form genannt, aber immer sind die weibliche und andere Formen gleicherma\u00dfen mit gemeint.<\/strong><\/p>\n<\/article>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Buchauszug Birgit Schumacher: &#8222;Psychologische Sicherheit &#8211; Das Entwicklungselixier f\u00fcr pers\u00f6nliches Wachstum, Teams und Organisationen&#8220; &nbsp; &nbsp; Kennzeichen einer unsicheren Gesellschaft Schaut man sich in seinem Bekannten- und Freundeskreis um, sieht man \u00fcberall \u00e4hnliche Bilder: gestresste Menschen. 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