{"id":683117,"date":"2023-10-17T06:00:28","date_gmt":"2023-10-17T04:00:28","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/?p=683117"},"modified":"2023-10-17T01:40:03","modified_gmt":"2023-10-16T23:40:03","slug":"buchauszug-julian-heissler-traum-und-albtraum-amerika-und-die-vielen-gesichter-der-freiheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2023\/10\/17\/buchauszug-julian-heissler-traum-und-albtraum-amerika-und-die-vielen-gesichter-der-freiheit\/","title":{"rendered":"Buchauszug Julian Hei\u00dfler: &#8222;Traum und Albtraum.\u00a0Amerika und die vielen Gesichter der Freiheit&#8220;"},"content":{"rendered":"<h1>Buchauszug Julian Hei\u00dfler: &#8222;Traum und Albtraum.\u00a0Amerika und die vielen Gesichter der Freiheit&#8220;<\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_683118\" style=\"width: 432px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-683118\" class=\"size-full wp-image-683118\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2023\/10\/heissler.julian.wiwo_-e1697493103999.jpg\" alt=\"\" width=\"422\" height=\"522\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2023\/10\/heissler.julian.wiwo_-e1697493103999.jpg 422w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2023\/10\/heissler.julian.wiwo_-e1697493103999-243x300.jpg 243w\" sizes=\"auto, (max-width: 422px) 100vw, 422px\" \/><p id=\"caption-attachment-683118\" class=\"wp-caption-text\">Julian Hei\u00dfler (Foto: PR\/Herder Verlag)<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1>Freie Wirtschaft<\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn Jason Abraham \u00fcber sein Anwesen spaziert, sind Lola und Lady immer dabei. Die beiden Shih-Tzu-Hunde tollen zwischen den Beinen des Ranchers herum, fahren in seinem Pickup-Truck mit \u00fcber die unbefestigten Wege auf seinem Grundst\u00fcck au\u00dferhalb des \u00d6rtchens Canadian im Norden des US-Bundesstaats Texas und toben durch die Pferdest\u00e4lle, die an das Haupthaus der Mendota Ranch angeschlossen sind. Lady, zweieinhalb Jahre alt, ist immer in Bewegung, folgt jedem Ger\u00e4usch, jedem Duft und jedem Schatten. Lola, mit 16 schon eine \u00e4ltere Dame in ergrautem Fell, l\u00e4sst es hingegen ruhiger angehen, rollt sich auch gern auf den gepolsterten Sesseln in Abrahams B\u00fcro zusammen oder h\u00fcpft auf die weichen Hocker in seinem Labor. Sonderlich \u00e4hnlich sehen sich die beiden auf den ersten Blick nicht. Doch schaut man genauer hin, sieht man durchaus Gemeinsamkeiten in ihren Gesichtern. Die Gr\u00f6\u00dfe der Nase, der Augenabstand, die Form des Mauls. Sind Lola und Lady Mutter und Tochter? Schwestern? Abraham sch\u00fcttelt den Kopf. \u201eKlone\u201c, sagt er.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit einem klassischen Wissenschaftler hat Abraham, ein durchtrainierter Mittf\u00fcnfziger mit festem H\u00e4ndedruck, breitem Cowboyhut \u00fcber der hohen Stirn und riesiger G\u00fcrtelschnalle, nicht viel gemeinsam. Kein Wunder, er ist ja auch keiner. Sein Studium der Ranching Studies schmiss der selbst erkl\u00e4rte \u201eextreme Legastheniker\u201c nach einigen Semestern. Seitdem ist f\u00fcr ihn Schluss mit formaler Bildung. Trotzdem hat er schon einige Karrieren hinter sich. Seine erste Ranch kaufte er noch im Studium, sp\u00e4ter machte er sich als Rodeo-Reiter einen Namen. Heute verdient er sein Geld unter anderem damit, auf seinem Grundst\u00fcck Scharfsch\u00fctzen auszubilden und Touristen das Zielschie\u00dfen auf Wildschweine aus einem Hubschrauber heraus beizubringen. So weit, so g\u00e4ngig im l\u00e4ndlichen Teil des Lone Star States. Doch \u00fcber die Jahre erschloss sich Abraham auch eine eher ungew\u00f6hnliche Einnahmequelle: In einem holzvert\u00e4felten Raum hinter seinen Pferdekoppeln begann er, Tiere zu klonen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Abrahams Geschichte kann so wohl nur in den USA spielen. Wo sonst in der westlichen Welt k\u00f6nnte ein Studienabbrecher auf seinem Privatgrundst\u00fcck ohne gro\u00dfe Schwierigkeiten ein erfolgreiches Genlabor hochziehen? Staatliche Einschr\u00e4nkungen und Regulierungen fallen hier traditionell zur\u00fcckhaltender aus, als in anderen f\u00fchrenden Wirtschaftsnationen. Freies Unternehmertum gilt als eine der tragenden S\u00e4ulen der Gesellschaft \u2013 und das von Anfang an. \u201eDiese Ufer, so bereit f\u00fcr Handel und Industrie\u201c, beschrieb Alexis de Tocqueville die Vereinigten Staaten bereits 1835. Rund 90 Jahre sp\u00e4ter betonte der damalige US-Pr\u00e4sident Calvin Coolidge die Bedeutung der freien Wirtschaft f\u00fcr seine Landsleute: \u201eSie sind zutiefst damit besch\u00e4ftigt, zu produzieren, zu kaufen, zu verkaufen, zu investieren und in der Welt zu gedeihen\u201c, sagte er. \u201eIch bin der festen \u00dcberzeugung, dass dies f\u00fcr die gro\u00dfe Mehrheit der Menschen immer die bewegenden Impulse unseres Lebens sein werden.\u201c Das wichtigste Business der Amerikaner, so Coolidge, sei Business.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf den ersten Blick hat die Mischung aus freier Entfaltung der wirtschaftlichen Kr\u00e4fte bei sanfter staatlicher Aufsicht dem Land gute Dienste geleistet. Seit 1916 gelten die USA als gr\u00f6\u00dfte Volkswirtschaft der Welt. Nirgendwo auf dem Planeten ist der Anteil der Milliard\u00e4re an der Bev\u00f6lkerung h\u00f6her. Kein anderes G7-Land hat ein vergleichbar \u00fcppiges Pro-Kopf-Einkommen. Und eines der innovativsten L\u00e4nder der Welt sind die USA obendrein. Kein Wunder also, dass die Vereinigten Staaten f\u00fcr Anh\u00e4nger des Laissez-Faire-Kapitalismus als leuchtendes Beispiel gelten. Als Vorbild f\u00fcr das, was freies Unternehmertum erreichen kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Glaube an die Sch\u00f6pfungskr\u00e4fte des freien Individuums ist hier traditionell riesig \u2013 und tief verwurzelt in der amerikanischen Kultur. Es ist kein Zufall, dass der Amerikanische Traum im Kern die Hoffnung auf wirtschaftlichen Erfolg ist. Vom Tellerw\u00e4scher zum Million\u00e4r. In einer freien Gesellschaft mit minimaler staatlicher Regulierung, so das Versprechen, kann es jeder mit Flei\u00df, Chuzpe und einer guten Idee ganz nach oben schaffen. Es ist eine verlockende Vision, die den selbst bestimmten Einzelnen ins Zentrum der Gesellschaft stellt. Vermeintlich zum Wohle des gro\u00dfen Ganzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch dieser Fokus auf die wirtschaftliche Freiheit des Individuums hat seine Schattenseiten. Ausgerechnet in den USA wird der Amerikanische Traum f\u00fcr immer weniger Menschen zur Wirklichkeit. Der Aufstieg gelingt zunehmend selten. Laut einer Auswertung des World Economic Forum liegen die Vereinigten Staaten, was die soziale Mobilit\u00e4t angeht, im internationalen Vergleich nur noch auf Platz 27. Kein anderes G7-Land schneidet schlechter ab. Und in keinem anderen ist der Reichtum ungleicher verteilt. Die Zust\u00e4nde in den USA \u00e4hneln in diesem Punkt eher Marokko und Mikronesien als Kanada, Japan oder Westeuropa. Seit mehr als 50 Jahren w\u00e4chst der Anteil der wohlhabendsten 20 Prozent am Reichtum des Landes. Mittlerweile teilen ein F\u00fcnftel der Bev\u00f6lkerung mehr als die H\u00e4lfte des amerikanischen Gesamteinkommens unter sich auf. Und der L\u00f6wenanteil geht an die wohlhabendsten f\u00fcnf Prozent. Das hei\u00dft: 80 Prozent der US-Bev\u00f6lkerung teilen sich weniger als 50 Prozent des Verm\u00f6gens der gr\u00f6\u00dften Volkswirtschaft der Welt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Laut Stanford-\u00d6konom Gabriel Zucman hat die Konzentration des Reichtums in der Hand einer \u00fcberschaubaren Elite mittlerweile ein Niveau erreicht, wie es die USA seit dem <em>Gilded Age<\/em> Ende des 19. Jahrhunderts nicht mehr erlebt haben. Auch damals wuchs die Wirtschaft rasant, machte eine kleine Clique unsagbar reich, w\u00e4hrend ein gro\u00dfer Teil der Bev\u00f6lkerung in bitterer Armut lebte. Doch der Erfolg der wenigen \u00fcberstrahlte lange das Leid der vielen. Vergoldete Zeiten eben. Keine goldenen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das \u00f6konomische Auseinanderdriften hat Folgen. Die Entwicklung sei ein Grund f\u00fcr derzeitige politische Polarisierung des Landes, hei\u00dft es etwa beim linken Think Tank Center for American Progress. Die Amerikaner seien angesichts der Zust\u00e4nde heute pessimistischer und verl\u00f6ren zunehmend das Vertrauen in die Gesellschaft. Das sch\u00fcrt gesellschaftliche Konflikte. Auch dies ist ein Echo des Gilded Age. \u201eEs herrscht ein vages, aber allgemeines Gef\u00fchl der Entt\u00e4uschung, eine zunehmende Verbitterung unter den Arbeiterklassen, ein weit verbreitetes Gef\u00fchl der Unruhe und der drohenden Revolution\u201c, schrieb der \u00d6konom Henry George angesichts der Zust\u00e4nde in den Vereinigten Staaten bereits 1879.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zum Umsturz kam es damals nicht. Doch die Politik reagierte dennoch. W\u00e4hrend der Progressiven \u00c4ra zu Beginn des 20. Jahrhunderts und der New-Deal-Jahre nach der Gro\u00dfen Depression begann Washington, den vormals nahezu ungez\u00fcgelten Trusts und Konglomeraten Schranken zu setzen und mit dem Aufbau eines soziales Sicherungssystems. Erst in den 1980er-Jahren, nach der Wahl von Ronald Reagan zum US-Pr\u00e4sidenten, nahm der Fokus auf den Ausbau des Regulierungsstaats wieder ab. Heute gelten viele Regulierungsbeh\u00f6rden als unterfinanziert \u2013 vor allem auf der lokalen und bundesstaatlichen Ebene. Die Grenzen f\u00fcr die Freiheit der Wirtschaft sind damit weniger strikt als in vergleichbaren Industriel\u00e4ndern. Laut einer Auswertung des Cato Institute, einem libert\u00e4ren Think Tank, geh\u00f6ren die Vereinigten Staaten weiterhin zu den freiesten Volkswirtschaften der Welt. Im L\u00e4ndervergleich des j\u00e4hrlich ver\u00f6ffentlichten <em>Economic Freedom of the World Reports<\/em>, landen die USA auf Platz 7.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es ist diese lange Tradition der unternehmerischen Freiheit, die auch Jason Abraham seine besondere Karriere erm\u00f6glichte. Ein gewisses Verst\u00e4ndnis von Fruchtbarkeit geh\u00f6rte schon immer zu der Berufsbeschreibung von Ranchern. Das Z\u00fcchten von Rindern oder Pferden ist Teil des Jobs. Doch Abraham ging diese Aufgabe schon fr\u00fch in seiner Karriere mit besonderer Faszination an. Er wollte das Verfahren verfeinern, Hindernisse \u00fcberwinden. Also begann er, zu experimentieren. Vor knapp 20 Jahren schockte er die Fachwelt, indem er ein Maultier schw\u00e4ngerte. Das galt eigentlich als unm\u00f6glich. Die Kreuzungen aus Pferd und Esel verf\u00fcgen \u00fcber eine ungerade Chromosomenzahl, sind daher steril. Doch Abraham wollte sich von vermeintlichen biologischen Zw\u00e4ngen nicht aufhalten lassen. Er pumpte seine Maultierstute Lou mit Hormonen und Medikamenten voll, \u00fcberpr\u00fcfte mit regelm\u00e4\u00dfigen Ultraschallen den Zustand ihrer Geb\u00e4rmutter und transferierte schlie\u00dflich einen Pferdeembryo. Am 14. April 2006 kam auf der Mendota Ranch das gesunde Fohlen Candy Lou auf die Welt. Eine Sensation, die Abraham in der \u00fcberschaubaren Welt der texanischen Reproduktionsveterin\u00e4rmedizin bekannt machte. Bis heute ist er stolz auf seinen Durchbruch. \u201eIch habe genau einen Versuch gebraucht\u201c, sagt der Rancher.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Erfolg brachte Abraham nicht nur die Anerkennung der Fachwelt. Ein Unternehmen in der Hauptstadt Austin wurde auf ihn Aufmerksam. Die Firma versuchte, Haustiere und Pferde zu klonen, hatte aber Schwierigkeiten, die reproduzierten Embryonen zum Einnisten zu bringen. Abraham konnte helfen \u2013 und nutzte die Gelegenheit, um sich das Klonverfahren von seinen neuen Auftraggebern abzuschauen. Zur\u00fcck auf der Mendota Ranch baute er sich nach und nach ein kleines Labor auf. Dann begann er, auf eigene Faust zu klonen. Um Erlaubnis fragte er \u2013 nat\u00fcrlich \u2013 niemanden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>H\u00f6rt man Abraham zu, dann war an seinem neuen Bet\u00e4tigungsfeld nichts weiter schwierig. Der Autodidakt wendete lediglich das Verfahren an, mit dem schottische Wissenschaftler 1996 \u2013 zehn Jahre vor der Geburt von Candy Lou \u2013 das legend\u00e4re Schaf Dolly reproduziert hatten. Dolly war eine Weltsensation, ein Triumph der Gentechnik, vergleichbar nur mit dem Start des sowjetischen Satelliten Sputnik oder der Mondlandung. Doch die zugrundeliegende Technologie ist, glaubt man dem Rancher, nicht sonderlich kompliziert. Tats\u00e4chlich ist das Klonen von Nutztieren wie Schweinen und Rindern in den USA mittlerweile recht g\u00e4ngig. Seit 2008 erhebt die amerikanische Lebensmittelaufsichtsbeh\u00f6rde FDA keine Einw\u00e4nde mehr gegen den Verzehr des Fleisches oder der Milch geklonter Tiere, was allerdings angesichts der hohen Kosten nur selten tats\u00e4chlich geschieht. Auch wird die Technik genutzt, um vom Aussterben bedrohte Arten zu retten. Im Dezember 2020 etwa pr\u00e4sentierten Forscher der Organisation <em>Revive &amp; Restore<\/em> in Colorado der Welt den Schwarzfu\u00dfiltis Elizabeth Ann \u2013 geschaffen aus Genmaterial eines Tieres, das bereits in den Achtzigerjahren verendet war. Das Weibchen soll der vom Verschwinden bedrohten Spezies das \u00dcberleben sichern. Andere Rettungsklone folgten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>F\u00fcr Abraham war das Verfahren hingegen ein reines Gesch\u00e4ft. Zun\u00e4chst reproduzierte er haupts\u00e4chlich Pferde \u2013 um die 400 d\u00fcrften es \u00fcber die Jahre gewesen sein, sch\u00e4tzt er. Auch heute hat er noch einige Klone in seinen St\u00e4llen stehen. Dann, 2009, meldete sich ein Z\u00fcchter bei dem Rancher mit einer Frage, die den Verlauf seiner Karriere f\u00fcr immer ver\u00e4ndern w\u00fcrde: Kannst Du auch Hirsche klonen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Konnte er nicht. Doch Abraham war zuversichtlich, dass er die Technik auch an die Besonderheiten dieser Spezies anpassen k\u00f6nnen w\u00fcrde. Schlie\u00dflich hatte er \u00fcber die Jahre alle m\u00f6glichen Tierarten geklont \u2013 nicht nur Pferde, sondern auch Schweine, Schafe, Ziegen und Rinder. \u201eIch habe ihm gesagt: Das kostet 150.000 Dollar. Und er meinte: kein Problem\u201c, erinnert sich Abraham. Also machte er sich an die Arbeit. Zwei Jahre sp\u00e4ter kamen auf der Mendota Ranch die ersten geklonten Hirschk\u00e4lber auf die Welt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch warum sollte jemand einen sechsstelligen Betrag ausgerechnet f\u00fcr einen geklonten Hirsch bezahlen? Kaum ein anderes Wildtier ist in den USA weiter verbreitet. Sch\u00e4tzungen zufolge streifen stolze 35 Millionen Wei\u00dfwedelhirsche durch die Vereinigten Staaten, allein in Texas d\u00fcrften es mehr als f\u00fcnf Millionen sein. Doch Hirsch ist nicht gleich Hirsch \u2013 vor allem nicht f\u00fcr J\u00e4ger. Seit jeher kommt es denen bei der Pirsch nicht nur auf das Verfolgen und Erlegen eines Wildtieres an, sondern vor allem auf die Troph\u00e4e, die sp\u00e4ter \u00fcber ihrem Kamin h\u00e4ngt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Nachfrage nach meterlangen Geweihen steigt unter wohlhabenden J\u00e4gern seit Jahren stetig. Das treibt die Preise. Auf einigen Grundst\u00fccken in Texas werden mittlerweile mehrere Zehntausend Dollar f\u00fcr Jagdausfl\u00fcge f\u00e4llig, um besonders pr\u00e4chtige Hirsche abzuschie\u00dfen. Zum Vergleich: Ein einfaches Wald-und-Wiesen-Tier auf \u00f6ffentlichem Boden zu jagen kostet im Lone Star State f\u00fcr Besucher gerade einmal 315 Dollar Lizenzgeb\u00fchr. Einheimische zahlen weniger. Einen Superbock d\u00fcrfte man bei einem solchen Jagdausflug allerdings kaum vor die Flinte bekommen. \u201eGenetischer Abfall\u201c seien die in der Natur geborene Tiere, findet Abraham.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>L\u00e4ngst hat sich in Texas deshalb ein ganzer Industriezweig gegr\u00fcndet, um die Anspr\u00fcche der Luxusj\u00e4ger zu bedienen. Knapp 1000 Z\u00fcchter kreuzen mittlerweile besonders ansehnliche M\u00e4nnchen mit den sch\u00f6nsten Weibchen, um immer wertvollere Hirsche zu produzieren, die dann auf teils eingez\u00e4unten Grundst\u00fccken ausgesetzt und zum Abschuss freigegeben werden. Jagdpuristen halten das zwar f\u00fcr unsportlich, doch der zw\u00f6lfendigen Troph\u00e4e an der Wand sieht man das sp\u00e4ter nicht an.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Zucht ist nicht gerade unkompliziert. Eine Erfolgsgarantie gibt es nicht. Selbst die vielversprechendsten Hirschk\u00fche produzieren nicht immer die gew\u00fcnschten K\u00e4lber mit Ausnahmegeweihen. Damit laufen die Z\u00fcchter Gefahr, teures Hirschsperma einzusetzen, ohne die gew\u00fcnschten Supertroph\u00e4en zu bekommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>An dieser Stelle kam Abraham ins Spiel. Hatte ein Weibchen bewiesen, dass es regelm\u00e4\u00dfig hochwertige Nachkommen auf die Welt bringt, klonte der Rancher es f\u00fcr verschiedene Z\u00fcchter. Die Kopien dieser Hirschkuh konnten dann mit dem Sperma stattlicher M\u00e4nnchen befruchtet werden und so die Zahl der Premiumhirsche in den Jagdrevieren deutlich erh\u00f6hen \u2013 und damit den Profit der Veranstalter.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Abraham war nicht der erste Hirschkloner der Welt. Bereits 2003 hatte ein Forscher an der Texas A&amp;M University einen Wei\u00dfwedelhirsch namens Dewey reproduziert. Doch was der Rancher tat, war etwas anderes. Er klonte das Wildtier nicht in einem staatlichen Labor zu wissenschaftlichen Zwecken, sondern auf einer privaten Ranch zum Geldverdienen. Ohne Aufsicht und Kontrolle. Lange ging das gut f\u00fcr ihn \u2013 und rechnete sich. 50.000 Dollar konnte er f\u00fcr eine geklonte Wei\u00dfwedelhirschkuh aufrufen. F\u00fcr ein Exemplar der selteneren Maultierhirsche verlangte er gar 75.000 Dollar. Das Gesch\u00e4ft lief ordentlich. Zwischen 35 und 45 Hirschk\u00fche habe er bis 2020 geklont, sagt Abraham. Doch dann wurde der Staat auf ihn aufmerksam \u2013 und untersagte die Reproduktion von Hirschen im ganzen Bundesstaat. Die entsprechende Verordnung traf nur Abraham, schlie\u00dflich klonte niemand sonst in Texas die Tiere. \u201eSie haben mir ohne Vorwarnung die Gesch\u00e4ftsgrundlage entzogen\u201c, \u00e4rgert er sich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es waren keine ethischen Bedenken, die den Rancher um sein Gesch\u00e4ft brachten. Vielmehr h\u00e4tten medizinische Gr\u00fcnde den Staat zum Eingreifen gezwungen, hei\u00dft es bei der zust\u00e4ndigen Wildtierbeh\u00f6rde TPWD. Schlie\u00dflich kam es in der Vergangenheit unter den texanischen Hirschen immer wieder zu F\u00e4llen von CWD, einer Krankheit, die in etwa mit BSE bei Rindern vergleichbar ist. Um die Ausbr\u00fcche zu kontrollieren, m\u00fcsse die Beh\u00f6rde in der Lage sein, alle Hirsche in Texas zur\u00fcckzuverfolgen, so ein TPWD-Vertreter. Nur so k\u00f6nnten im Falle eines Ausbruchs Quarant\u00e4nen und Notschlachtungen auf einzelne Gehege beschr\u00e4nkt bleiben. Deshalb sei jeder gez\u00fcchtete Hirsch im Staat registriert und m\u00fcsse eindeutig identifizierbar sein \u2013 im Zweifel \u00fcber einen DNA-Abgleich. Existierten allerdings Klone in der Population, so die Beh\u00f6rden-Begr\u00fcndung, k\u00f6nnten Tiere nicht mehr eindeutig zur\u00fcckverfolgt werden. Nicht alle Experten halten dieses Argument f\u00fcr \u00fcberzeugend. Schlie\u00dflich gebe es in freier Wildbahn und in Gehegen auch eineiige Zwillinge, die sich per DNA-Abgleich nicht von ihren Geschwistern unterscheiden lie\u00dfen. Und Klone seien genetisch nichts anderes als das.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch es gibt noch eine rechtliche Besonderheit in diesem sehr speziellen Gesch\u00e4ft: Alle Wildtiere seien, so hei\u00dft es beim TPWD, Eigentum des Staates Texas. Ohne eine formale Erlaubnis h\u00e4tte Abraham nichts mit den Hirschen anstellen d\u00fcrfen. Und eine Genehmigung hatte der Rancher selbstredend nicht. Ob diese Einsch\u00e4tzung vor Gericht Bestand h\u00e4tte, ist unklar. Doch auf einen Rechtsstreit wollte es Abraham nicht ankommen lassen. Zeitweise versuchte er, das Klonen von Hirschen formal legalisieren zu lassen, doch ein entsprechender Gesetzesentwurf blieb im texanischen Repr\u00e4sentantenhaus stecken. Deshalb ist f\u00fcr ihn jetzt Schluss mit der Reproduktionstechnik. Sein Labor hat er l\u00e4ngst aufgel\u00f6st. Dass er sich erneut an das Klonen von Hirschen herantraut, glaubt er nicht. \u201eWenn man eine Regierungsbeh\u00f6rde gegen sich hat, dann lohnt sich der Aufwand nicht\u201c, sagt er. \u201eDie finden schon einen Grund, um mir das Leben wieder schwer zu machen.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Fall von Abraham hat der Staat also durchgegriffen, seiner wirtschaftlichen Freiheit klare Grenzen gesetzt. Den Rancher \u00e4rgert das bis heute. \u201eIch habe sehr hart daran gearbeitet, diese Technik zu entwickeln\u201c, sagt Abraham. \u201eUnd dann kommt Regierung und macht mir den Laden dicht.\u201c Er habe eine Dienstleistung angeboten, f\u00fcr die es auf dem freien Markt eine Nachfrage gegeben habe. Nicht anderes interessierte ihn. \u201eWenn die Idee dumm gewesen w\u00e4re, dann w\u00e4re ich von allein Bankrott gegangen\u201c, schimpft er. \u201eDaf\u00fcr braucht es nicht den Staat Texas.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit dieser Staatsskepsis ist Abraham nicht allein. Laut einer Umfrage im Auftrag des Wirtschaftslobbyverbandes Chamber of Commerce halten mehr als 80 Prozent der US-Bev\u00f6lkerung Wettbewerb auf dem freien Markt und nicht staatliche Regulierung f\u00fcr den Treiber hinter amerikanischer Innovation. Laut Meinungsforschungsinstitut Gallup sind rund 60 Prozent der Amerikaner unzufrieden mit dem Zustand des Regulierungsstaats. Der Gro\u00dfteil dieser Gruppe will weniger staatliche Eingriffe in die freie Wirtschaft \u2013 nicht mehr.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Myron Smart hingegen hat nicht das Gef\u00fchl, dass den amerikanischen Konzernen zu sehr auf die Finger geschaut w\u00fcrde. Der 60j\u00e4hrige steht am Rande eines schneebedeckten Kraters im Norden des US-Bundesstaats Nevada, kurz hinter der Grenze zu Oregon. Es ist ein kalter Tag im Februar. Schneidender Wind pfeift von den nahegelegenen Santa Rosa Mountains \u00fcber die flache W\u00fcstenlandschaft des Gro\u00dfen Beckens. Ansonsten ist es still.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Smart kommt oft hierher. Das riesige Loch im Boden befindet sich nur eine kurze Autofahrt von seinem Wohnhaus im Reservat des Fort McDermitt Paiute and Shoshone Stammes entfernt. Es ist das \u00dcberbleibsel einer Mine, aus der \u00fcber Jahrzehnte Quecksilber gef\u00f6rdert wurde. Seit den sp\u00e4ten 1980er-Jahren steht die Produktion still, 1994 wurde der Tagebau endg\u00fcltig f\u00fcr beendet erkl\u00e4rt. Eigentlich h\u00e4tte der Krater l\u00e4ngst wieder zugesch\u00fcttet werden, die Landschaft m\u00f6glichst in ihren Urzustand zur\u00fcckversetzt werden sollen. Doch dazu kam es nie \u2013 sehr zum \u00c4rger von Smart und anderen Mitgliedern des Stammes. Das Land hier hat eine gro\u00dfe Bedeutung f\u00fcr die Paiute und Shoshonen. Doch ihre Interessen spielten nach dem Ende der F\u00f6rderung keine gro\u00dfe Rolle mehr. Ein St\u00fcck weiter den H\u00fcgel hinauf hat das Bergbauunternehmen einen windschiefen Aufzug und ein mit wei\u00dfen Beuteln vollgestopftes Lagerhaus einfach stehen gelassen. Am l\u00f6chrigen Zaun um die Anlage warnt ein Schild vor Giftstoffen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch das sind nur die sichtbaren Hinterlassenschaften des Quecksilberabbaus. Wie die Umweltbeh\u00f6rde EPA feststellte, sind der Boden und das Trinkwasser auf dem ehemaligen Minengebiet unter anderem mit Arsen belastet. Das hat Auswirkungen auf den Stamm. Dass die Krebsraten im Reservat ungew\u00f6hnlich hoch sind, h\u00e4lt nicht nur Smart f\u00fcr eine Folge des Tagebaus in der Region. Doch kaum jemand interessiere sich daf\u00fcr, beklagt der 60j\u00e4hrige.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn es um die Anliegen des Bergbaus geht, dann schlagen sich die Offiziellen hier im Norden Nevadas tats\u00e4chlich in der Regel auf die Seite der Industrie. Der Wirtschaftszweig ist wichtig f\u00fcr die Region. In Humboldt County, dem Landkreis, in dem auch das Reservat gr\u00f6\u00dftenteils liegt, ist die Bergbauindustrie der gr\u00f6\u00dfte Arbeitgeber.\u00a0 Ihr Wort hat hier Gewicht. Das bekam Smart erst k\u00fcrzlich wieder zu sp\u00fcren. Derzeit entsteht unweit des Stammesgebiets das Thacker-Pass-Projekt \u2013 die gr\u00f6\u00dfte Lithiummine der Vereinigten Staaten. Rund 40.000 Tonnen des Edelmetalls sollen hier ab 2026 jedes Jahr gef\u00f6rdert werden, sp\u00e4ter sogar 80.000. In den ganzen USA sind es bisher gerade mal 5000 Tonnen j\u00e4hrlich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Projekt sei wegweisend f\u00fcr den gr\u00fcnen Umbau der gr\u00f6\u00dften Volkswirtschaft der Welt, sagen seine Anh\u00e4nger. Denn Lithium ist einer der entscheidenden Rohstoffe f\u00fcr die Energiewende. Das Edelmetall steckt in modernen Akkus, ist damit etwa ein integraler Bestandteil elektrisch betriebener Autos. Deshalb ist die Thacker-Pass-Mine politisch gewollt. Genehmigt wurde sie noch, als Donald Trump im Wei\u00dfen Haus regierte, doch auch Joe Bidens Administration steht hinter dem Projekt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Hinzu kommt, dass die Mine dauerhaft gutbezahlte Jobs in den abgelegenen Winkel des Silver State bringt. Doch Smart ist trotzdem nicht \u00fcberzeugt. Die Angst vor den unerw\u00fcnschten Nebeneffekten eines solchen Megaprojekts in unmittelbarer N\u00e4he zu seiner Heimat ist gro\u00df. \u201eDer Wind wird wieder alle m\u00f6glichen Stoffe wieder in unsere Richtung tragen\u201c, sagt er.\u00a0\u201eDoch unsere Interessen z\u00e4hlen nicht viel.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Smart spricht nicht f\u00fcr den ganzen Stamm. Viele Mitglieder sehen im Thacker-Pass-Projekt vor allem eine Chance. 1000 Arbeiter werden in den kommenden Jahren gebraucht, um die Mine und die angeschlossenen Werke zu errichten. Das bietet Gelegenheiten f\u00fcr die Bewohner des Reservats. Wenn der Betrieb einmal aufgenommen wurde, sind immer noch 500 Jobs zu vergeben. Und die kann der Stamm brauchen. In McDermitt, der kleinen Siedlung im Reservat, liegt die Armutsquote bei mehr als 35 Prozent.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-683126\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2023\/10\/cover.heissner.neu_.jpg\" alt=\"\" width=\"397\" height=\"650\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2023\/10\/cover.heissner.neu_.jpg 397w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2023\/10\/cover.heissner.neu_-183x300.jpg 183w\" sizes=\"auto, (max-width: 397px) 100vw, 397px\" \/><\/p>\n<p><strong>Julian Hei\u00dfler: &#8222;Traum und Albtraum.\u00a0Amerika und die vielen Gesichter der Freiheit&#8220; &#8211; Herder Verlag, 22 Euro, 240 Seiten<a href=\"https:\/\/www.herder.de\/geschichte-politik\/shop\/p4\/82589-traum-und-albtraum-klappenbroschur\/\">\u00a0https:\/\/www.herder.de\/geschichte-politik\/shop\/p4\/82589-traum-und-albtraum-klappenbroschur\/<\/a><\/strong><\/p>\n<div id=\"main_0_area1main_0_divUrheber\" class=\"product-title__author-list\">\n<div class=\"toggle-more__main\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>Wie viele der Jobs tats\u00e4chlich an Mitglieder des kleinen Stammes gehen werden, ist allerdings eine andere Frage. Gesucht werden vor allem Fachkr\u00e4fte \u2013 und davon gibt es im Reservat nur wenige. Gerade die J\u00fcngeren sind oft l\u00e4ngst weggezogen. Auch Smart selbst lebte viele Jahre nicht hier, schlug sich mit Jobs im nahegelegenen Winnemucca durch, der Hauptstadt von Humboldt County. Erst als seine Mutter starb, kehrte er ins Reservat zur\u00fcck, um das Haus der Familie zu \u00fcbernehmen. Heute bewohnt er es allein. Seine Tochter, von deren Mutter er getrennt lebt, studiert in Reno Waldbewirtschaftung. Zu Besuch kommt sie nur selten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch mit dem Alter ist auch Smarts Verbindung zu seiner Herkunft wieder gewachsen. Seit seinem 60. Geburtstag gilt er offiziell als Stammes\u00e4lterer \u2013 ein Begriff, den er ungern h\u00f6rt. Sein Vater war Teil der Verwaltung des Reservats, doch f\u00fcr ihn sei das nichts, sagt er. Stattdessen zieht er sich in diesen Tagen wieder h\u00e4ufiger in die Berge zur\u00fcck, f\u00fchrt Rituale durch um \u201ein Kontakt mit den Geistern und dem Sch\u00f6pfer\u201c zu bleiben, wie er es nennt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch auf dem Thacker Pass &#8211; Peehee Mu\u2019huh in der Sprache der Paiute &#8211; habe er fr\u00fcher h\u00e4ufig gebetet, sagt Smart. Der Ort hat f\u00fcr den Stamm besondere kulturelle Bedeutung. 1865, kurz nachdem Nevada als Staat in die USA aufgenommen wurde, massakrierte die amerikanische Kavallerie in der Region dutzende Paiute. Laut Stammesmitgliedern fand das Gemetzel auf dem Gebiet statt, wo bald das Lithium abgebaut werden soll. Auch Gr\u00e4ber bef\u00e4nden sich noch dort. Die US-Regierung widerspricht, versichert, der \u00dcberfall habe 15 Meilen vom Bergbauprojekt entfernt stattgefunden. Doch trotz der Beteuerungen bleibt bei den Kritikern das Gef\u00fchl, ihre Interessen w\u00fcrden nicht ernst genommen. Und die Anliegen der Unternehmen st\u00fcnden \u00fcber allem.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn Smart \u00fcber Freiheit spricht, dann kommt das Wort Wirtschaft nicht vor. \u201eIch will saubere Luft atmen und frisches Wasser trinken\u201c, sagt er. Doch zwischen Baumaschinen sei dies kaum m\u00f6glich. Die neue Mine, das vermeintliche Zukunftsprojekt, ist f\u00fcr ihn deshalb vor allem eine Bedrohung. Allein ist er mit dieser Meinung nicht. Im Reservat h\u00e4ngen gut sichtbar Protestplakate an Z\u00e4unen, die sich gegen das Thacker-Pass-Projekt aussprechen. Dass das Unternehmen hinter dem Lithium-Abbau versprach, dem Stamm ein neues Gemeindezentrum mit angeschlossenem Kindergarten zu spendieren, konnte den Widerstand nicht brechen. Dies sei nur eine Geste, findet Smart, um Kritiker ruhigzustellen. Dass die Stammesf\u00fchrung darauf eingegangen sei, kann er nicht nachvollziehen. \u201eSie haben sich kaufen lassen\u201c, sagt er.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Damit ist Smarts Eindruck von der Rolle des Staates mit Blick auf die Wirtschaft das exakte Gegenteil von dem, den Abraham gewonnen hat. Der Texaner sieht in ihm einen \u00fcbergriffigen Akteur, der ihm ein eintr\u00e4gliches Gesch\u00e4ft zerst\u00f6rt hat. Das Stammesmitglied hingegen sieht in den Beh\u00f6rden bestenfalls Handlanger der Interessen der Konzerne. In ihrer Freiheit eingeschr\u00e4nkt, f\u00fchlen sie sich beide.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>F\u00fcr andere hingegen ist der Staat \u00fcberlebensnotwendig. Ohne finanzielle Unterst\u00fctzung durch die Allgemeinheit w\u00e4re f\u00fcr viele Amerikaner eine halbwegs selbstbestimmte Existenz nicht vorstellbar. Mehr als 92 Millionen Menschen sind auf Medicaid oder CHIP angewiesen \u2013 staatliche Krankenversicherungssysteme, die den \u00e4rmsten in der Bev\u00f6lkerung offenstehen. Lebensmittelmarken beziehen mehr als 42 Millionen Menschen. Und mehr als 26 Millionen Kinder und Jugendliche haben Anrecht auf kostenloses oder preisreduziertes Schulessen. Doch es sind nicht nur Individuen, die auf staatliche Unterst\u00fctzung angewiesen sind. Ganze Industriezweige k\u00f6nnten ohne Hilfe aus Washington nicht \u00fcberleben. Jedes Jahr bekommen sie Milliarden aus dem \u00f6ffentlichen Haushalt zugewiesen, um ihre Funktion zu erf\u00fcllen \u2013 zum Wohle des ganzen Landes.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der gl\u00e4nzende Bolzen ist auf dem Grasboden kaum zu erkennen, doch Dave Struthers wei\u00df sofort, dass etwas nicht stimmt. \u201eDa ist was rausgefallen, das muss ich sp\u00e4ter noch reparieren\u201c, sagt der Mittf\u00fcnfziger in wei\u00dfem T-Shirt mit der Baseball-M\u00fctze eines Saatgutherstellers auf dem Kopf. Struthers steht neben einem kleinen Traktor, der alte Dieselmotor tuckert vor sich hin. Seit vielen Jahren f\u00e4hrt er mit dieser Maschine auf seine Felder in der N\u00e4he des \u00d6rtchen Collins, eine gute Autostunde von Des Moines, Iowa, entfernt. Die Pannen der Maschine werden mit dem Alter nicht weniger. An Ersatz ist derzeit allerdings nicht zu denken. Das Geld des Farmers sitzt im Moment nicht gerade locker.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Struthers arbeitet bereits sein ganzes Leben als Landwirt. Seine Familie bestellt seit Generationen das Land hier im Mittleren Westen. Zum Highschool-Abschluss teilten ihm seine Eltern ein St\u00fcck des Hofes zu, auf dem er eigenverantwortlich arbeiten durfte. Struthers zog eine kleine Schweinezucht hoch, die sich \u00fcber die Jahre stetig vergr\u00f6\u00dferte. Als Mitte der 1980er-Jahre im Zuge des Wirtschaftsabschwungs das H\u00f6festerben die Region erfasste, erweiterte er mit seinen Angeh\u00f6rigen klug den Betrieb, diversifizierte, dachte voraus. Heute bestellt die Familie Struthers rund 450 Hektar Land mit Mais und Soja, zieht neben den Schweinen auch einige Rinder gro\u00df und baut f\u00fcr ein Saatgutunternehmen Pflanzen an. So stellte sich der Betrieb breit auf, sicherte sich gegen die \u00fcblichen Marktschwankungen ab, mit denen Bauern seit Jahrhunderten leben m\u00fcssen.\u00a0Eigentlich krisenfest, sollte man meinen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es ist ein sonniger Freitagnachmittag im Sp\u00e4tsommer 2019. Im Wei\u00dfen Haus regiert Donald Trump, \u00fcber Coronaviren sprechen nur Experten. Trotzdem hat Struthers bereits Grund zur Sorge. Seit Monaten liefert sich der Pr\u00e4sident einen Handelskrieg mit China. F\u00fcr den Farmer ist das ein Problem. Wie viele andere Bauern hatte er sich \u00fcber die Jahre einen verl\u00e4sslichen Abnehmerkreis f\u00fcr seine Produkte in Fernost erarbeitet. Doch seit sich Washington und Beijing gegenseitig mit Z\u00f6llen \u00fcberziehen, haben seine Kunden sich umorientiert. Auftr\u00e4ge brachen weg. Zehntausende Dollar habe ihn der Zollstreit bereits gekostet, rechnet Struthers vor. Ein Ende ist an diesem Septembertag nicht abzusehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und es traf ja nicht nur Struthers. Der ganze Landwirtschaftssektor \u00e4chzte in diesem Jahr unter der Handelsauseinandersetzung. Die Administration reagierte, legte milliardenschwere Hilfsprogramme f\u00fcr die Bauern auf. Das konnte die Probleme abfedern, aber nicht l\u00f6sen. Die Zahl der Familienfarmen, die 2019 in die Pleite schlitterten, stieg im Vergleich zum Vorjahr um 20 Prozent. Ohne staatliche Unterst\u00fctzung w\u00e4ren es wohl noch deutlich mehr gewesen. Und diejenigen, die \u00fcberlebten, bezogen \u00fcbers Jahr gerechnet fast ein Drittel ihres Nettogesamteinkommens von der Regierung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Rettung kostete viel Geld. Mehr als 22 Milliarden Dollar pumpte die Trump-Administration 2019 an Direktzahlungen in den Landwirtschaftssektor \u2013 in etwa doppelt so viel wie noch zwei Jahre zuvor. 2020, im Zuge der Covid-Krise, stiegen die Zuwendungen gar auf mehr als 45 Milliarden Dollar. Heute, nach Handelskrieg und Pandemie, fallen die Zusch\u00fcsse niedriger aus. Viel Geld ist es allerdings immer noch &#8211; rund 10 Milliarden Dollar. Indirekte Hilfsma\u00dfnahmen und Subventionen sind da noch gar nicht mitgerechnet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Handelskrieg ersch\u00fctterte etwas in Struthers. Staatlich Zuwendungen waren immer Teil der Kalkulation des Bauern. Doch die Abh\u00e4ngigkeit der Krisenjahre hat ihm nicht gefallen. Eigentlich wollte er keine Zuwendungen. Er wollte seinen Job machen, gutes Fleisch und Getreide zu fairen Preisen an seine Kunden verkaufen. Doch er wusste auch: Verweigert er sich, dann geht wohl auch sein Hof unter. Also nahm er die Hilfszahlungen an, tat weiter sein Bestes \u2013 und man\u00f6vrierte sein Unternehmen so durch die Krise.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vier Jahre sp\u00e4ter sitzt Struthers am Steuer seines Futterwagens. Ein graumelierter Bart ziert das ehemals glattrasierte Kinn, ansonsten hat er sich kaum ver\u00e4ndert. Noch immer bestellt er seine Felder und betreibt seine Zucht. Seine Farm hat \u00fcberlebt. Mehr als das: Sie steht heute wieder sehr gut da.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Krisenjahre seien schon lange vorbei, erkl\u00e4rt Struthers. Nach Handelskrieg und Covid-Schock h\u00e4tten die Marktpreise bald angezogen. Die Ernten der vergangenen Jahre seien gut gewesen, und sogar die durch die Inflation gestiegenen Preise f\u00fcr Chemikalien, D\u00fcnger oder Saatgut habe er durch gl\u00fcckliche Termingesch\u00e4fte gut abfedern k\u00f6nnen. \u201eWir k\u00f6nnen uns wirklich nicht beschweren\u201c, sagt Struthers. Wenn er mit seiner Frau heute dar\u00fcber spricht, den Hof aufzugeben, dann ist das Szenario ein gewinnbringender Verkauf, nicht mehr der Bankrott.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nicht, dass Struthers wirklich bereit w\u00e4re, zu verkaufen. F\u00fcr den Ruhestand sei es noch viel zu fr\u00fch, findet er \u2013 anders als seine Gattin. Trotzdem ist er froh, dass die Entscheidung \u00fcber die Zukunft der Farm nun wieder in seiner Hand liegt. Sein Neffe arbeitet mittlerweile auf dem Hof mit, die n\u00e4chste Generation der Familie st\u00fcnde also bereit, den Betrieb zu \u00fcbernehmen. F\u00fcr Struthers ist das nicht unwichtig. Seit dem 19. Jahrhundert besitzen seine Vorfahren hier in Iowa Land, s\u00e4en und z\u00fcchten. Diese Tradition soll m\u00f6glichst nicht mit ihm enden. F\u00fcr den Farmer zeichnet sich damit ein Happy End ab \u2013 dank \u00fcppiger staatlicher Unterst\u00fctzung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Struthers ist das sehr bewusst. Sein unternehmerisches Talent allein h\u00e4tte wom\u00f6glich nicht ausgereicht, um den Betrieb durch die vergangenen schwierigen Jahre zu f\u00fchren. Dabei ist er ein begabter Gesch\u00e4ftsmann \u2013 das beweist allein die Tatsache, dass sein Hof noch existiert. Die Zahl der Farmen sink in den USA seit Jahrzehnten stetig. Immer mehr Betriebe werden zusammengelegt oder von Gro\u00dfkonzernen aufgekauft.<a href=\"#_ftn34\" name=\"_ftnref34\">[34]<\/a>\u00a0 Die Familienfarm \u2013 \u00fcber Generationen das R\u00fcckgrat der amerikanischen Wirtschaft \u2013 wird vielleicht nicht verschwinden, doch sie verliert zunehmend an Bedeutung. Dass es sie noch gibt, h\u00e4ngt mit dem politischen Willen zusammen, sie am Leben zu erhalten. Mit der Vorstellung einer freien Wirtschaft ohne Rolle f\u00fcr den Staat, passt dieser Umstand allerdings nicht gut zusammen. Mit dem Ideal des selbstverdienten Reichtums durch harte Arbeit ebenfalls nicht. Das hei\u00dft jedoch nicht, dass der Amerikanische Traum \u00fcberall ausgetr\u00e4umt w\u00e4re.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>An ihre erste Fahrt in einem Auto kann sich Linda Zhang noch genau erinnern. \u201eIch war acht Jahre alt \u2013 und es war faszinierend\u201c, erz\u00e4hlt sie. Ihr Vater, Mitte der 1980er-Jahre Dozent an der Purdue University im US-Bundesstaat Indiana, hatte seine Familie aus dem l\u00e4ndlichen China in die Vereinigten Staaten geholt. Am Flughafen von Chicago sammelte er Frau und Kind mit einem geliehenen Auto ein, um sie in ihre etwa drei Stunden entfernte neue Heimat zu fahren. Zhang war begeistert. Drau\u00dfen war es l\u00e4ngst dunkel, doch trotz ihrer stundenlangen Anreise konnte sie nicht einschlafen. \u201eIch sa\u00df auf dem R\u00fccksitz und war wie im Siebten Himmel\u201c, erinnert sie. Die Lichter entlang des Highways, das Leuchten der Anzeigen im Innenraum des Fahrzeugs, haben sich in ihr Ged\u00e4chtnis gebrannt. Sie habe sich gef\u00fchlt, \u201ewie eine Prinzessin in der Kutsche.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>F\u00fcr Zhang war die Nachtfahrt durch den Mittleren Westen mehr als nur ein einschneidendes Kindheitserlebnis. Die Spritztour war der Ausgangspunkt f\u00fcr eine Karriere, die sie durch harte Arbeit an die Schaltstellen des f\u00fcnftgr\u00f6\u00dften Automobilherstellers der Welt f\u00fchrte. Denn Zhang f\u00e4hrt nicht nur bis heute gern Autos \u2013 sie baut sie auch. Direkt nach dem Studium heuerte sie bei Ford in Michigan an, ging durch mehrere Projekte und Abteilungen, bis sie vor vier Jahren auf ihrer aktuellen Position landete: Als Chefingenieurin leitete sie die Entwicklung des Ford F-150 Lightning \u2013 der vollst\u00e4ndig elektrifizierten Version des beliebtesten Autos der Vereinigten Staaten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Man kann die Bedeutung dieser Aufgabe f\u00fcr den Autobauer aus Detroit kaum \u00fcberbetonen. Mehr als 16 Millionen Exemplare der F-Serie fahren derzeit durch die Vereinigten Staaten. In 30 von 50 Bundesstaaten sind die Trucks der Baureihe die am h\u00e4ufigsten verkauften Fahrzeuge \u00fcberhaupt. Der Ford-Pick-Up \u201egeneriert mehr Umsatz als alle amerikanischen Sportsligen zusammen und \u00fcbertrifft den mehrerer Fortune-100-Unternehmen wie Nike, Coca-Cola, Netflix und Tesla\u201c, hei\u00dft es in einem Bericht der Boston Consulting Group. Der einzige amerikanische Konsumartikel, der noch mehr Einnahmen f\u00fcr seinen Hersteller generiert, ist das iPhone. Seit 46 Jahren hat kein Konkurrent in den USA mehr Pick-Up-Trucks verkauft als Ford. \u00dcberhaupt ist der F-150 seit 41 Jahren das am h\u00e4ufigsten verkaufte Auto der Vereinigten Staaten. Durchschnittlich alle 49 Sekunden erwirbt ein Amerikaner ein Modell aus der F-Serie.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zhangs Aufgabe ist es nun daf\u00fcr zu sorgen, dass das so bleibt. Die notwendige Erfahrung brachte sie in jedem Fall mit. Die Faszination mit Autos hat sie nach der Nachtfahrt vor mehr als 30 Jahren nie losgelassen. Als Sch\u00fclerin begeisterten sie die futuristischen Gef\u00e4hrte aus dem Fernseher: Das Bat-Mobil. K.I.T.T. aus Knight Rider. \u201eIch habe Autos immer als etwas mit gro\u00dfem Potenzial gesehen\u201c, sagt Zhang. Zu ihren 16. Geburtstag, den F\u00fchrerschein frisch in der Tasche, hoffte sie dann auch direkt ihre eigenen vier R\u00e4der \u2013 ein Wunsch, den sich die Familie damals nicht leisten konnte. Doch sobald Zhang ihr eigenes Geld verdiente, kaufte sie sich ihr erstes Auto: Einen Ford Probe. Das Modell stand damals schon kurz vor der Einstellung, doch Zhang hielt dennoch ihre ersten Gehaltsschecks zusammen, um schnell noch einen Probe zu kaufen. \u201eIch wollte ihn unbedingt haben, weil seine Scheinwerfer in der Motorhaube versenkt werden konnten\u201c, sagt sie. \u201eSo wie bei K.I.T.T.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nach dem Studium machte sie ihre Leidenschaft zum Beruf. 1996, nachdem sie ihre Ausbildung als Elektroingenieurin an der University of Michigan abgeschlossen hatte, heuerte sie bei Ford an, arbeitete unter anderem an SUVs Explorer und Escape mit und schlie\u00dflich am benzinbetriebenen F-150. Ein klassischer Lebenslauf also, der jeden Ingenieur auf die Arbeit am Lightning vorbereitet h\u00e4tte. Doch dass die Neugestaltung dieser amerikanischen Ikone in der m\u00e4nnerdominierten Autobranche von einer Einwanderin \u00fcbernommen wurde, die bei ihrer Ankunft in den Vereinigten Staaten noch kein Wort englisch sprach, ist wom\u00f6glich ein Zeichen daf\u00fcr, dass der Amerikanische Traum zwar in der Krise steckt, aber noch am Leben ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zhang selbst spricht nur ungern \u00fcber die symbolische Bedeutung ihres Erfolgs. \u201eIch sehe mich nicht als weibliche Ingenieurin, sondern als Ingenieur\u201c, sagt sie. Herkunft und Geschlecht spielten f\u00fcr ihre Arbeit keine Rolle. Im Mittelpunkt st\u00fcnden nicht die Identit\u00e4tsmerkmale des Teams, sondern die Kundenerfahrung. Das mag stimmen, doch in einer Zeit, in der das amerikanische Aufstiegsversprechen immer seltener eingel\u00f6st wird, muss Zhang fast zwangsl\u00e4ufig zur Projektionsfl\u00e4che werden \u2013 zur unwilligen Freiheitsstatue. Das <em>Time Magazine<\/em> nahm sie im November 2021 auf seine Titelseite. \u00a0Einige Monate sp\u00e4ter k\u00fcrte <em>USA Today<\/em> sie zu einer der Frauen des Jahres. Auch die Fachpresse \u00fcbersch\u00fcttete sie mit Auszeichnungen und Aufmerksamkeit. Zhang verdient zweifelsohne jede dieser Ehrungen, doch der Fokus auf ihre Person zeigt auch, wie gro\u00df die Sehnsucht nach positiven Beispielen f\u00fcr die Durchl\u00e4ssigkeit des amerikanischen Systems mittlerweile geworden ist. Der Glaube an die Kraft der freien Wirtschaft allein reicht anscheinend nicht mehr aus. Es braucht Belege, um den Glauben an den Amerikanischen Traum aufrecht zu erhalten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nicht, dass Zhang das einige Beispiel w\u00e4re. Doch in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten sind Geschichten wie ihre seltener geworden. \u201eIn den USA ist die Einkommensmobilit\u00e4t zwischen den Generationen relativ gering, insbesondere im Vergleich zu anderen fortgeschrittenen Volkswirtschaften, und die Mobilit\u00e4t scheint seit 1980 abgenommen zu haben\u201c, hei\u00dft es nicht etwa bei einem progressiven Think Tank, sondern in einer Studie der Federal Reserve Bank of Chicago. Im Klartext: Die Chance f\u00fcr Kinder wirtschaftlich einmal besser dazustehen als ihre Eltern, sinkt seit Jahrzehnten. Die Zeiten, in denen der Gro\u00dfteil der Mittelschichtsfamilien davon ausgehen konnte, dass es der n\u00e4chsten Generation noch besser gehen w\u00fcrde, sind vorbei.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Anthony Scaramucci bedauert das. Wenn es einen Amerikanischen Traum gibt, dann hat er ihn gelebt. Scaramuccis Vater war Bauarbeiter auf Long Island. Mehr als einen Highschool-Abschluss hatte er nicht, arbeitete mit seinen H\u00e4nden. Seine Frau schmiss den Haushalt und k\u00fcmmerte sich um die drei Kinder. Trotzdem reichte das Geld f\u00fcr ein Haus und ein Auto \u2013 die Statussymbole der amerikanischen Mittelschicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Stabilit\u00e4t, die das Gehalt des Vaters der Familie lieferte, erm\u00f6glichte es seinem zweiten Sohn, gr\u00f6\u00dfer zu denken. Anthony war clever, musste sich in der Highschool nicht anstrengen, um einen ordentlichen Abschluss zu machen. Das er\u00f6ffnete ihm Perspektiven. Eine Collegeausbildung war m\u00f6glich. Scaramucci entschied sich f\u00fcr Tufts, eine angesehene Privatuniversit\u00e4t in Massachusetts. \u201eDas war etwas teurer als es eine staatliche Schule gewesen w\u00e4re, aber ich dachte, wenn ich an den Wochenenden arbeite, kann ich die Studiengeb\u00fchren stemmen\u201c, erinnert er sich. Nach dem Abschluss bewarb er sich an der Harvard Law School, der wohl angesehensten juristischen Fakult\u00e4t des Landes. Und wurde akzeptiert. Ohne Gro\u00dfspende der Familie oder Strippenziehen im Hintergrund. Geld f\u00fcr eine Zuwendung oder Verbindungen, die man anzapfen k\u00f6nnte, hatte die Familie ohnehin nicht. \u201eDie Bedeutung, die das f\u00fcr meine Familie hatte, l\u00e4sst sich kaum ermessen\u201c, sagt Scaramucci. Amerika wirkte f\u00fcr ihn in dieser Zeit sehr flach, erinnert er sich. \u201eIch habe ein Gehirn und ich habe mir den Arsch abgearbeitet\u201c, so Scaramucci. Das habe ausgereicht, um als Enkel von Einwanderern an eine der besten Universit\u00e4ten der Welt zu kommen. \u201eF\u00fcr mich ist das die Essenz von Freiheit\u201c, sagt Scaramucci.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Ausbildung katapultierte den Sohn eines Bauarbeiters nach oben. Nach seinem Abschluss 1989 arbeitete er nicht als Anwalt, sondern ging direkt zur Investment Bank Goldman Sachs, wo er schnell gefeuert wurde. Das passte ihm nicht. Also rief er in den folgenden Wochen immer wieder in der Bank an, nervte so lange, bis man ihm schlie\u00dflich zwei Monate nach dem Rausschmiss einen Job in einer anderen Abteilung anbot. Nach sieben Jahren verlie\u00df er Goldman, legte seinen ersten eigenen Investment-Fonds auf. Er war angekommen in der Hochfinanz. 2005 gr\u00fcndete er Skybridge Capital, den Fonds, den er auch heute noch leitet. Eigenen Angaben zufolge verwaltet Skybridge 2,2 Milliarden Dollar.Scaramuccis Privatverm\u00f6gen wird auf rund 200 Millionen Dollar gesch\u00e4tzt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch nicht nur in der Unternehmenswelt schaffte er es weit nach oben. Am 21. Juli 2017 berief US-Pr\u00e4sident Donald Trump den Geldverwalter zum Kommunikationschefs des Wei\u00dfen Hauses. Offiziell sollte er den Job erst Mitte August antreten, doch Scaramucci, Spitzname \u201eThe Mooch\u201c, st\u00fcrzte sich sofort in die Aufgabe. Zehn Tage sp\u00e4ter \u2013 Scaramucci sagt elf \u2013 war er den Job allerdings schon wieder los \u2013 zwei Wochen vor seinem offiziellen ersten Tag. Nachdem er einem befreundeten Journalisten ein mit Schimpfw\u00f6rtern gespicktes Interview \u00fcber seine neuen Kollegen gegeben hatte, setzte ihn Trumps zweiter Stabschef John Kelly vor die T\u00fcr. Besonders kurze Amtszeiten werden in Washington seitdem in <em>Scaramuccis <\/em>gemessen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Seinen Ausflug in die Politik habe er nie bereut, sagt der Investor. Er sitzt in einer Bar in Tampa, Florida. Brioni-Anzug, gestreifte Krawatte, glitzernder Stars-and-Stripes-Anstecker am Revers. \u201eF\u00fcr Trump zu arbeiten war eine besondere Lernerfahrung\u201c, sagt er. \u201eUnd es hat meine Bekanntheit auf der ganzen Welt enorm gesteigert.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>An Selbstbewusstsein hat es Scaramucci noch nie gemangelt. Doch ihm ist auch sehr bewusst, wie eng sein Aufstieg mit den spezifischen Zust\u00e4nden in den Vereinigten Staaten in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg zusammenh\u00e4ngt. Mit dem Gehalt eines Bauarbeiters w\u00e4re der Lebensstil der Familie Scaramucci heute l\u00e4ngst nicht mehr zu finanzieren. \u201eW\u00e4re ich 35 Jahre j\u00fcnger, w\u00fcrden wir vermutlich in einer Mietwohnung leben und Unterst\u00fctzung von der Regierung bekommen\u201c, sagt er. Auch seine Ausbildung w\u00e4re f\u00fcr ihn heute unerreichbar. Als The Mooch in den 1980er-Jahren Tufts besuchte, betrugen die Studiengeb\u00fchren inklusive Wohnkosten etwas mehr als 12.000 Dollar.\u00a0 Das konnte die Familie irgendwie stemmen. Heute jedoch liegt der Preis bei mehr als 88.000 Dollar. Selbst wenn man die Inflation mit einrechnet, ist die Steigerung enorm. Die Flachheit des Landes, die Scaramucci w\u00e4hrend seines Studiums sp\u00fcrte, ist l\u00e4ngst verschwunden. Die Hoffnung auf den wirtschaftlichen Aufstieg sei aus der Arbeiterklasse verschwunden. \u201eWir haben wirtschaftlich aufstrebende Menschen in wirtschaftlich verzweifelte Menschen verwandelt\u201c, sagt er. \u201eAlles zerbricht gerade.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Damit kommt der Hedgefonds-Manager und ehemalige Trump-Mitarbeiter in der Analyse zum gleichen Ergebnis, wie das linke Center for American Progress: Wirtschaftliche Ungleichheit sch\u00fcrt gesellschaftliche Konflikte. \u201eMein Vater war nicht w\u00fctend\u201c, sagt Scaramucci. \u201eEr war sehr patriotisch \u2013 auch weil sein Sohn es so weit bringen konnte.\u201c Doch heute, wo man anhand der Postleitzahl eines Kindes ablesen kann, ob es eine gut ausgestattete Schule besucht, ist das Gef\u00fchl der Chancengleichheit, der Fairness, f\u00fcr viele verschwunden. Der Fokus auf eine m\u00f6glichst unbeschr\u00e4nkte Wirtschaft, auf einen schwachen Staat und geringe Umverteilung, hat den Amerikanischen Traum nicht etwa bef\u00f6rdert, sondern ihn f\u00fcr einen gro\u00dfen Teil der Bev\u00f6lkerung unerreichbar werden lassen. Wirtschaftliche Freiheit ist damit mehr als unbeschr\u00e4nkte Entfaltungsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr das Individuum. Sie ist nur erreichbar, wenn die Chancen auf Teilhabe am Wohlstand der Gesellschaft erreichbar bleiben. Und das scheint ohne staatliche Eingriffe nicht zu funktionieren. Als Anthony Scaramucci 1964 geboren wurde, lag der Spitzensteuersatz in den Vereinigten Staaten bei 70 Prozent. Heute sind es 37 Prozent. Damals war der gesellschaftliche Aufstieg die Regel. Heute ist er die Ausnahme.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Hinweis: Fu\u00dfnoten sind im Buch<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div><strong>Die neuen Rubriken der WirtschaftsWoche:<\/strong><\/div>\n<div><strong><a href=\"https:\/\/www.wiwo.de\/in-eigener-sache\/relaunch-der-wiwo-das-ist-neu-in-der-wirtschaftswoche\/29404396.html\">Relaunch der WiWo : Das ist neu in der WirtschaftsWoche<\/a><\/strong><\/div>\n<div><\/div>\n<div>.<\/div>\n<div>.<\/div>\n<div><\/div>\n<div><\/div>\n<div><\/div>\n<div><\/div>\n<div><\/div>\n<div>\n<p><a href=\"https:\/\/www.faktenkontor.de\/pressemeldungen\/blogger-relevanzindex-das-sind-deutschlands-top-100-blogs\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-680063\" src=\"https:\/\/149798077.v2.pressablecdn.com\/management\/files\/2022\/06\/Wiwo.top_.10.blog_.2022.Blogger-Relevanzindex_Top-10-Blogs-2022-227x300.jpg\" alt=\"\" width=\"227\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2022\/06\/Wiwo.top_.10.blog_.2022.Blogger-Relevanzindex_Top-10-Blogs-2022-227x300.jpg 227w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2022\/06\/Wiwo.top_.10.blog_.2022.Blogger-Relevanzindex_Top-10-Blogs-2022.jpg 492w\" sizes=\"auto, (max-width: 227px) 100vw, 227px\" \/><\/a><\/p>\n<div id=\"main\">\n<div id=\"primary\">\n<div id=\"content\" role=\"main\">\n<article id=\"post-679588\" class=\"post-679588 post type-post status-publish format-standard hentry category-allgemein tag-arbeitsbedingung tag-arbeitsklima tag-betriebsklima tag-big-quit tag-ey-ernst-young tag-fachkraftemangel tag-gehalt tag-great-resignation tag-jobwechsel tag-kundigung tag-kuendigungsabsicht tag-loehne tag-umfrage\">\n<div class=\"entry-content\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.presseportal.de\/pm\/52884\/5255623\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-676731\" src=\"https:\/\/149798077.v2.pressablecdn.com\/management\/files\/2021\/06\/bloggerinnen.2021.neu_-300x212.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"212\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/06\/bloggerinnen.2021.neu_-300x212.jpg 300w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/06\/bloggerinnen.2021.neu_-424x300.jpg 424w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/06\/bloggerinnen.2021.neu_.jpg 650w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Copyright: @Claudia T\u00f6dtmann. Alle Rechte vorbehalten.\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Kontakt f\u00fcr Nutzungsrechte: claudia.toedtmann@wiwo.de<\/strong><\/p>\n<p><strong>Alle inhaltlichen Rechte des Management-Blogs von Claudia T\u00f6dtmann liegen bei der Blog-Inhaberin. Jegliche Nutzung der Inhalte bed\u00fcrfen der ausdr\u00fccklichen Genehmigung.<\/strong><\/p>\n<\/div>\n<p><strong>Um den Lesefluss nicht zu behindern, wird in Management-Blog-Texten nur die m\u00e4nnliche Form genannt, aber immer sind die weibliche und andere Formen gleicherma\u00dfen mit gemeint.<\/strong><\/p>\n<\/article>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Buchauszug Julian Hei\u00dfler: &#8222;Traum und Albtraum.\u00a0Amerika und die vielen Gesichter der Freiheit&#8220; &nbsp; &nbsp; &nbsp; Freie Wirtschaft &nbsp; Wenn Jason Abraham \u00fcber sein Anwesen spaziert, sind Lola und Lady immer dabei. 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