{"id":681466,"date":"2023-01-09T06:00:20","date_gmt":"2023-01-09T05:00:20","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/?p=681466"},"modified":"2023-01-09T03:20:42","modified_gmt":"2023-01-09T02:20:42","slug":"heribert-prantl-ueber-gleichstellung-und-die-frueh-emanzipierte-rechtsanwaeltin-marianne-otto-unerschrocken-und-bestimmt-gastbeitrag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2023\/01\/09\/heribert-prantl-ueber-gleichstellung-und-die-frueh-emanzipierte-rechtsanwaeltin-marianne-otto-unerschrocken-und-bestimmt-gastbeitrag\/","title":{"rendered":"Heribert Prantl \u00fcber Gleichstellung und die fr\u00fch emanzipierte Rechtsanw\u00e4ltin Marianne Otto: Unerschrocken und bestimmt (Gastbeitrag)"},"content":{"rendered":"<h1><strong>100 Jahre Frauen in der Anwaltschaft<\/strong><\/h1>\n<h1><strong>\u201eM\u00e4nnliche Justiz? Weibliche Justiz? Rechtsanw\u00e4lte und Rechtsanw\u00e4ltinnen sollen gemeinsam mit Richtern und Richterinnen f\u00fcr eine menschliche Justiz sorgen.\u201c\u00a0<\/strong><\/h1>\n<h1>Von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Heribert_Prantl\">Heribert Prantl,<\/a> Autor und Kolumnist der &#8222;S\u00fcddeutschen Zeitung&#8220;, der diese Rede k\u00fcrzlich in der Kanzlei <a href=\"https:\/\/linklaters.de\/de-de\">Linklaters<\/a> zum Thema &#8222;100 Jahre Frauen in der Anwaltschaft&#8220; hielt.<\/h1>\n<p>(Auf Wunsch des Autors in gek\u00fcrzter Fassung)<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-681481\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2023\/01\/prantl.Sven_Simon_Prantl_Glaswand-002.jpg\" alt=\"\" width=\"613\" height=\"427\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2023\/01\/prantl.Sven_Simon_Prantl_Glaswand-002.jpg 613w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2023\/01\/prantl.Sven_Simon_Prantl_Glaswand-002-300x209.jpg 300w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2023\/01\/prantl.Sven_Simon_Prantl_Glaswand-002-431x300.jpg 431w\" sizes=\"auto, (max-width: 613px) 100vw, 613px\" \/>Heribert Prantl (Foto: Sven Simon\/PR)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wir feiern Maria Otto, die erste deutsche Rechtsanw\u00e4ltin. Als Ottonen bezeichnet <\/strong><strong>man \u00fcblicherweise eine Herrscherfamilie, eine Dynastie, die im hohen Mittelalter regierte. <\/strong><strong>Diese Bezeichnung \u201eOttonen\u201c darf ich umwidmen und umdefinieren, zur Feier von \u201e100 Jahre Rechtsanw\u00e4ltinnen in Deutschland\u201c.\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich habe zwei ganz verschieden wunderbare T\u00f6chter, Nina und Anna. Anna liebt das, was ich auch liebe: das Schreiben, das Dichten, das Phantasieren. Und Nina praktiziert das, was ich, vor meinen Journalistenjahrzehnten, auch praktiziert habe: Sie ist Staatsanw\u00e4ltin. Kurz vor der ersten Strafverhandlung, die sie im M\u00fcnchner Strafjustizzentrum zu bestreiten hatte, fragte sie, ob ich nicht meine alte Robe noch irgendwo h\u00e4tte; die von ihr bei der Soldan-Stiftung bestellte Robe war n\u00e4mlich nicht mehr rechtzeitig eingetroffen. Wir fanden die alte Robe, s\u00e4uberlich gefaltet, im hintersten Eck des Schlafzimmerschrankes, und es war der Name \u201ePrantl\u201c eingestickt, das passte f\u00fcr sie, nur der Rest passte nicht so richtig, die Amtstracht war viel zu gro\u00df; sie war so gro\u00df wie mein Stolz, als Nina damit, wie ein schwarzer Vogel, im Wohnzimmer auf und ab flanierte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das war am 1. Mai des Jahres 2015. Und mir ist dann beim Sinnieren eine Frau eingefallen, die, keine hundert Jahre fr\u00fcher, Emanzipationsgeschichte geschrieben hat und derer wir heute gedenken. Ihr Name: Maria Otto. Sie ist die Frau, wegen der wir heute zusammen kommen. Sie war die erste Frau, die in Deutschland als Rechtsanw\u00e4ltin zugelassen wurde. Das war im Jahr 1922. Die junge Frau aus Weiden stammend, also aus meiner oberpf\u00e4lzischen Heimat, aus gutb\u00fcrgerlichem Fabrikantenhaus stammend, war drei\u00dfig Jahre alt damals, etwa so alt wie meine Tochter, nur knapp hundert Jahre fr\u00fcher. Sie hatte in trotziger Beharrlichkeit die massiven Hindernisse beiseite ger\u00e4umt, die ihr und allen anderen Frauen damals den Weg in die Juristerei verbauten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Maria Otto hatte Gl\u00fcck; der Wandel der politischen Verh\u00e4ltnisse, die Weimarer Verfassung und die erste deutsche Demokratie kamen ihr zu Hilfe; erstmals waren Frauen in den Reichstag eingezogen. Von den 423 Mitgliedern der in Weimar tagenden Nationalversammlung waren 37 weiblich, also 8,7 Prozent. Die erste Rednerin dort, die SPD-Abgeordnete Marie Juchacz, begann ihre Rede mit den Worten: \u201eMeine Herren und Damen! Es ist das erste Mal, dass eine Frau als Freie und Gleiche im Parlament zum Volke sprechen darf, und ich m\u00f6chte hier feststellen, ganz objektiv, dass es die Revolution gewesen ist, die auch in Deutschland die alten Vorurteile \u00fcberwunden hat.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1><strong>Gustav Radbruchs Gesetzentwurf 1922<\/strong><\/h1>\n<p>Die von Nationalversammlung am 31. Juli 1919 beschlossene Verfassung legte in Artikel 109 fest: \u201eM\u00e4nner und Frauen haben grunds\u00e4tzlich dieselben staatsb\u00fcrgerlichen Rechte und Pflichten\u201c und pr\u00e4zisierte in Artikel 128 f\u00fcr den \u00f6ffentlichen Dienst: \u201eAlle Ausnahmebestimmungen gegen weibliche Beamte werden beseitigt\u201c. Dennoch weigerte sich der Reichsjustizminister Heinze von der Deutschen Volkspartei, ein entsprechendes Gesetz vorzulegen. Erst als Gustav Radbruch, der Rechtsphilosoph aus Heidelberg, Reichsjustizminister wurde, brachte er nachdr\u00fccklich best\u00e4rkt von den Frauen im Reichstag, den Gesetzentwurf ein, der die Rechtspflegeberufe f\u00fcr die Frauen \u00f6ffnete &#8211; das &#8222;Gesetz \u00fcber die Zulassung der Frauen zu den \u00c4mtern und Berufen der Rechtspflege&#8220; erzwangen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1>Das Vorurteil: geistig unzul\u00e4nglich und unf\u00e4hig<\/h1>\n<p>Dieses Gesetz datiert vom 11. Juli 1922. Es setzte sich \u00fcber die damals g\u00e4ngigen Vorurteile hinweg, wonach Frauen wegen ihrer Konstitution, ihrer geistigen Unzul\u00e4nglichkeit, ihrer Psyche und wegen ihrer nat\u00fcrlichen Bestimmung unf\u00e4hig seien, Recht zu sprechen oder Rechtsbeistand zu\u00a0geben. Seitdem k\u00f6nnen Frauen nicht nur Jura studieren und das Studium mit dem ersten Staatsexamen abschlie\u00dfen, sondern anschlie\u00dfend auch den Vorbereitungsdienst, das Rechtsreferendariat absolvieren und mit dem zweiten Staatsexamen beenden. Sie haben damit die &#8222;Bef\u00e4higung zum Richteramt&#8220;, die Voraussetzung ist f\u00fcr alle juristischen Berufe. 1927 trat dann Maria Johanna Hagemeyer ihr Amt als erste Richterin in Deutschland an &#8211; am Amts- und Landgericht\u00a0Bonn.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Man muss sich vor Augen halten, in welchem Klima das damals stattfand. Ingo M\u00fcller hat das im Septemberheft von \u201eBetrifft Justiz\u201c beschrieben \u2013 in einem sch\u00f6nen Aufsatz mit dem Titel \u201eWie die Justiz weiblich wurde\u201c (die beiden drei Abs\u00e4tze folgen den Darlegungen von M\u00fcller): Anfang des 20. Jahrhunderts hatten sich deutsche juristische Fakult\u00e4ten f\u00fcr Frauen ge\u00f6ffnet: 1900 in Baden, 1903 in Bayern, 1908 in Preu\u00dfen und 1909 in Mecklenburg. Nachdem Frauen anfangs das Jurastudium nur mit der Promotion abschlie\u00dfen konnten, wurde sie 1912 in Bayern und 1919 in Preu\u00dfen zum Ersten Staatsexamen zugelassen und es schien nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis ihnen das Referendariat und die Gro\u00dfe juristische Staatspr\u00fcfung zug\u00e4nglich w\u00fcrden, zumal ihnen im Krieg die Amtsgesch\u00e4fte eines Gerichtsschreibers \u00fcbertragen werden k\u00f6nnte. Die Richterschaft setzte dem, wie es in der DJZ, der Deutschen Juristen-Zeitung, schon 1909 formuliert wurde, \u201eein kurzes, aber kategorisches Nein\u201c entgegen. Frauen seien \u201eaus prinzipiellen Gr\u00fcnden vom Richteramt ausgeschlossen\u201c, denn dieser Beruf verlange autoritatives Auftreten \u2013 und das sei Frauen nun einmal nicht gegeben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1>Gyn\u00e4kologen-Gutachten gegen Juristinnen: Menstruation, Schwangerschaft und Wechseljahre als Hinderungsgr\u00fcnde<\/h1>\n<p>Nach dem Ersten Weltkrieg sahen sich die preu\u00dfischen Richter und Staatanw\u00e4lte durch weibliche Konkurrenz so bedroht, dass sie vorsorglich beim f\u00fchrenden Gyn\u00e4kologen der Charite, Professor Ernst Bumm, ein Gutachten zur Untauglichkeit der Frau zum Richteramt in Auftrag gaben. Nach allerlei Ausf\u00fchrungen zu Menstruation, Schwangerschaft und Wechseljahren als Zust\u00e4nden, die, wie er schrieb, Frauen in der Berufst\u00e4tigkeit behindern, legt der Geheime Medizinalrat dar, wie die \u201eSekrete der weiblichen Keimdr\u00fcse die rein verstandesm\u00e4\u00dfige \u00dcberlegung einschr\u00e4nken \u2026 das Urteil tr\u00fcben\u201c und die Frauen hindern, \u201eEntschl\u00fcsse zu fassen und Verantwortung zu \u00fcbernehmen\u201c; die Frau, so der Gyn\u00e4kologe Bumm, \u201eliebt \u2026 Kompromisse\u201c; statt eines Urteils erstrebt sie den Vergleich\u201c. Und in der Deutschen Richterzeitung von 1919 wu\u00dfte man, dass \u201edas Recht zu festem, kampfweisem Vorgehen n\u00f6tigt, das sich mit der Eigenart weiblichen Denkens und Empfindens kaum vereinbaren l\u00e4sst\u201c. Als Vierte Deutsche Richtertag 1921 in Leipzig \u00fcber Frauen in der Justiz abstimmte, wurde das mit 248 zu 2 abgelehnt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In diese Stimmung hinein schrieb Radbruch 1922 sein Gesetz \u00fcber die Zulassung von Frauen zu den Berufen der Rechtspflege. Artikel eins: \u201eDie F\u00e4higkeit zum Richteramte kann auch von Frauen erworben werden.\u201c In Juristenkreisen stie\u00df das auf schroffe Ablehnung: \u201eDie Knochenerweichung ist die Krankheit unserer Zeit\u201c, schrieb Adolf Baumbach, Senatspr\u00e4sident am Kammergericht und bis heute gesch\u00e4tzter Kommentator zum Handelsgesetzbuch, 1928 in der Deutschen Richterzeitung. In der NS-Zeit wurde die Justiz wieder rein m\u00e4nnlich und die von Baumbach diagnostizierte Knochenerweichung hatte bald ein Ende. Ingo M\u00fcller schreibt: \u201eDie 80 000 Todesurteile des Dritten Reiches, die Strafkammern, Sondergerichte, Feldgerichte, Bordgerichte, Reichsgericht, Volksgerichtshof und Reichskriegsgericht, zuletzt noch \u201afliegende Standgerichte\u2018 f\u00e4llten, konnten sich Rechtslehre, Gesetzgebung und Rechtsprechung, alle exklusiv m\u00e4nnlich besetzt, gemeinsam zurechnen\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Von dem Quasi-Berufsverbot der Nazijahre haben sich die Juristinnen nur sehr langsam erholt. Da sie zw\u00f6lf Jahre lang von Studium und Berufst\u00e4tigkeit ausgeschlossen waren, fehlten Frauen in allen Juristenberufen, die dann lange als M\u00e4nnerberufe galten und daher selten von Frauen ergriffen wurden. Ein Jahrhundert nach der Zulassung der ersten Rechtsanw\u00e4ltin \u00a0ist die Gleichberechtigung in der Justiz weit gekommen &#8211; in Berlin beispielsweise ist die H\u00e4lfte der Richter\u00e4mter mit Frauen besetzt. Deutschlandweit sind heute fast zwei Drittel aller neu eingestellten Richter weiblich, aber je h\u00f6her die Position, desto geringer ist der Frauenanteil.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie wirkt sich eine Feminisierung der juristischen Berufe aus? Richten Richterinnen richtiger? Ver\u00e4ndern Frauen die dritte Gewalt, ver\u00e4ndern sie die juristische Berufspraxis? Folgen Frauen eher einer F\u00fcrsorgemoral, wie die amerikanische Entwicklungspsychologin Carol Gilligan in den Achtzigerjahren meinte, M\u00e4nner aber eher einer abstrakten Gerechtigkeitsmoral &#8211; oder sind solche Zuschreibungen von den traditionellen Geschlechterrollen bestimmt? Jutta Limbach, damals Pr\u00e4sidentin des Bundesverfassungsgerichts, hat solche Fragen bereits auf dem Richtertag 1995 in Mainz in den Raum gestellt: Kommt ein weibliches Element in Gestalt von Empathie und Nachsicht zum Tragen? Oder ziehen das juristische Studium und die\u00a0Justiz vorzugsweise solche Frauen an, die den M\u00e4nnern \u00e4hnlich autorit\u00e4r strukturiert\u00a0sind?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1>Nur gemeinsam &#8211; ohne Spekulationen \u00fcber Frauenanteile<\/h1>\n<p>Renate Jaeger, auch sie Richterin am\u00a0Bundesverfassungsgericht, antwortete skeptisch auf solche Fragestellungen: Eine ver\u00e4nderte Justiz, so meinte sie, w\u00fcrden wir daran erkennen, dass wir aufh\u00f6rten, uns \u00fcber den Frauenanteil zu vergewissern und \u00fcber den Frauenanteil zu spekulieren. Wann wird sich die Justiz ver\u00e4ndert haben? Jaeger gab eine weise Antwort: Wenn Rechtsanw\u00e4lte und Rechtsanw\u00e4ltinnen gemeinsam mit Richtern und Richterinnen f\u00fcr eine menschliche Justiz\u00a0sorgen!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine menschliche Justiz \u2013 das ist, so meine ich, eine Justiz, deren Inhalt und Substanz &lt;nicht der Kampf ums Recht ist. \u201eDer Kampf ums Recht\u201c so hei\u00dft die \u00a0150 Jahre alten Schrift des ber\u00fchmten Juristen Rudolf Jhering. Dieser gro\u00dfe Rechtsgelehrte des 19. Jahrhunderts hat vor fast 150 Jahren, im Jahr 1872, in dem Jahr, in dem er vom \u00f6sterreichischen Kaiser zum \u201eRudolf von Jhering\u201c geadelt wurde, seinen ber\u00fchmten Vortrag \u201eDer Kampf ums Recht\u201c gehalten. Sein sodann gedrucktes Manuskript wurde eines der erfolgreichsten juristischen B\u00fccher, die je erschienen sind, es wurde ein Weltbestseller \u2013 es gab zw\u00f6lf Auflagen in zwei Jahren; das Buch wurde in 26 Sprachen \u00fcbersetzt; und noch in j\u00fcngerer Zeit erscheinen neue \u00dcbersetzungen etwa in Seoul, Bogota und in Tiflis. Das Buch beginnt mit dem markigen Satz: \u201eDas Ziel des Rechts ist der Friede, das Mittel dazu der Kampf\u201c. Das Buch war eine Vorlage f\u00fcr die deutsche Zivilprozessordnung von 1877\/79, die in einigen Grundz\u00fcgen bis heute gilt; diese Prozessordung stellte zum einen die Kampfmittel zur Verf\u00fcgung und zum anderen zwei volle Tatsacheninstanzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Exakt so hatte es Professor Jhering gewollt: &#8222;Das Preisgeben eines verletzten Rechts ist ein Akt der Feigheit&#8220;, hatte er gesagt, und der Kampf ums das Recht sei &#8222;ein Akt der ethischen Selbsterhaltung&#8220;. Ein solcher Paragraphen-Militarismus hat dann fast eineinhalb Jahrhunderte lang das deutsche Rechtswesen gepr\u00e4gt. Wer den Prozess vermied, so konstatierte es Hannes Unberath, Professor f\u00fcr Zivilprozessrecht in Bayreuth, galt &#8222;als ein vom Schlachtfeld fliehender Feigling&#8220;.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Einer meiner einstigen Richterkollegen, einer der nicht nur als Richter, sondern auch als Schriftsteller t\u00e4tig war und ist, schrieb zu dazu eine Erz\u00e4hlung, deren Titel ich hier schmunzelnd nennen m\u00f6chte. Die Erz\u00e4hlung hei\u00dft n\u00e4mlich: \u201eUnd f\u00fchre uns nicht in Berufung\u201c.\u00a0Das ist ein mediatorisches Motto. \u00a0Das Mediationsgesetz von 2011 wollte den Paragraphen-Militarismus \u00e4ndern, hat das aber nicht so richtig geschafft. &#8222;Gesetz zur F\u00f6rderung der\u00a0Mediation und anderer Verfahren der au\u00dfergerichtlichen Konfliktbeilegung:&#8220; Der Gesetzgeber wollte und will, so k\u00f6nnte man dieses Gesetz zusammenfassen und interpretieren, ganz offiziell den Kampf ums Recht ersetzen durch Friedensschl\u00fcsse der\u00a0Kontrahenten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In meiner ganzen Juristenausbildung habe ich \u00fcber Schlichtung, au\u00dfergerichtliche Streitbeilegung und Mediation fast nichts geh\u00f6rt. Mein Studium und meine Referendarzeit sind, zugegeben, schon einige Zeit her und in dieser Zeit hat sich schon viel ge\u00e4ndert. Aber wohl nicht viel genug. Idealiter, so denke ich mir heute, m\u00fcsste jeder Jurist zugleich die Geduld, die Menschenkenntnis und die F\u00e4higkeiten eines Mediators ausgebildet haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In Handb\u00fcchern f\u00fcr die Mediation habe ich gelesen, es handele sich bei der Mediation um eine Erfindung aus den USA, jedenfalls um Usancen, die sich in den USA entwickelt haben. Das mag in neuerer Zeit schon so sein. Aber der erste ganz gro\u00dfe Mediator der Neuzeit war kein Amerikaner, sondern ein \u201eweltweiser Venezianer\u201c, wie ihn der Historiker Golo Mann genannt hat. Dieser erste Mediator der Neuzeit hat den ganz gro\u00dfen Frieden organisiert, den Frieden nach einem verheerenden Krieg, der Europa verw\u00fcstet hat.\u00a0 Der Diplomat Alvise Contarini hat mit m\u00fchseligsten Verhandlungen in mehr als 800 Sitzungen zu M\u00fcnster den Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg beendet. Der Westf\u00e4lische Friede von 1648 gilt als sein Werk. Contarini war ein gelernter und ein ausgefuchster Diplomat, ein Politiker von hohen Graden. Wenn wir einen Patron f\u00fcr die Mediation, wenn wir einen Patron f\u00fcr eine menschliche Justiz brauchen &#8211; da ist er: Alvise Contarini.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Mediationsgesetz ist der noch unvollkommene Versuch, einen juristischen Paradigmenwechsel durchzusetzen, wie ihn das Bundesverfassungsgericht im Jahr 2007 gefordert hat: &#8222;Eine zun\u00e4chst streitige Problemlage durch eine einverst\u00e4ndliche L\u00f6sung zu bew\u00e4ltigen,\u201c sagte das h\u00f6chste Gericht, ist auch in einem Rechtsstaat grunds\u00e4tzlich vorzugsw\u00fcrdig gegen\u00fcber einer richterlichen\u00a0Streitentscheidung.&#8220; \u00a0Es geht, so lese ich das, um eine menschliche Justiz.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Maria Otto: Unerschrocken und bestimmt<\/strong><\/p>\n<p>Am Schluss zur\u00fcck zu Maria Otto, der ersten deutschen Rechtsanw\u00e4ltin, zugelassen zu den Landgerichten M\u00fcnchen I und M\u00fcnchen II sowie am Oberlandesgericht M\u00fcnchen. Sie war f\u00fcnfzig Jahre lang Spezialistin auf dem Gebiet des Familienrechts. Sie wird als zur\u00fcckhaltend, aber unerschrocken geschildert, als h\u00f6flich und bestimmt; als eine, die sich selbst nicht in den Vordergrund spielte, aber mit pr\u00e4ziser juristischer Argumentation gl\u00e4nzte; bis zu ihrem Tod im Jahr 1977 betrieb sie ihre M\u00fcnchner Kanzlei, die ihren Sitz sinnigerweise in der Ottostra\u00dfe hatte. Sie war eine sehr beharrliche K\u00e4mpferin f\u00fcr Recht und Gerechtigkeit &#8211; im &#8222;Deutschen Juristinnen-Verein&#8220;, der Vorl\u00e4uferin des Deutschen Juristinnen-Bundes, und in der M\u00fcnchner Rechtsschutzstelle f\u00fcr Frauen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Solches soziales Engagement zeichnet viele Frauen aus, die Pionierarbeit auf dem Weg der Gleichberechtigung geleistet haben und sich das Recht daf\u00fcr als Instrument w\u00e4hlten. Sie begreifen Emanzipation umfassend, als Befreiung von ungerechten\u00a0Zw\u00e4ngen. Den Namen von Maria Otto tr\u00e4gt ein Preis, den der Deutsche Anwaltverein seit 2010 verleiht. Im Jahr 2022 hat ihn Margarete Gr\u00e4fin von Galen erhalten, Fachanw\u00e4ltin f\u00fcr Strafrecht. Sie streitet gegen die soziale Stigmatisierung von\u00a0Prostituierten. Es ist gut, wenn es Preise gibt, die den Namen von Frauen tragen. Den Namen von Frauen sollten auch mehr Stra\u00dfen in Deutschland tragen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Zentrum von M\u00fcnchen, in der Maxvorstadt, gibt es zwar eine Otto-Stra\u00dfe. Sie ist aber nicht nach Maria Otto benannt, sondern nach Prinz Otto von Bayern, der im August 1832 von der griechischen Nationalversammlung zum K\u00f6nig von Griechenland ausgerufen wurde. 16 Jahre alt war der Wittelsbacher Prinz damals. Drei\u00dfig Jahre sp\u00e4ter wurde er durch eine Milit\u00e4rrevolte gest\u00fcrzt und zum Verlassen des Landes gezwungen; er kehrte mit seiner Frau nach Bayern zur\u00fcck, wo die beiden bis zu ihrem Tod in der ehemaligen f\u00fcrstbisch\u00f6flichen Residenz zu Bamberg lebten. Die Ottostra\u00dfe in M\u00fcnchen ist nach diesem wei\u00df-blauen Abenteuer in Griechenland benannt. Diese Stra\u00dfenbenennung ist nun nicht gerade ein Fehler, aber sie geh\u00f6rt ins Schema des \u00dcblichen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Origineller und spannender w\u00e4re es, die Stra\u00dfe nicht nach dem Herrscher Otto, sondern nach der Rechtsanw\u00e4ltin Maria Otto zu benennen. Ihre Zulassung als Rechtsanw\u00e4ltin erfolgte sechzig Jahre nach dem bayerischen Griechenland-Abenteuer. Zweimal Otto also \u2013 Rechtsanw\u00e4ltin Otto, K\u00f6nig Otto. Fu\u00dfballkenner wissen, dass es neben dem Wittelsbacher Otto noch einen zweiten K\u00f6nig Otto gibt: den Fu\u00dfballtrainer Otto Rehhagel, der Anfang der 2000er Jahre in Griechenland sehr viel erfolgreicher wirkte als fr\u00fcher dort der Wittelsbacher K\u00f6nig; \u201eRehhakles\u201c nannte man ihn. \u00a0Er wurde 2004 mit Griechenland Europameister. Es war dies eine der gr\u00f6\u00dften \u00dcberraschungen der europ\u00e4ischen Fu\u00dfballgeschichte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1>Formale rechtliche Gleichbehandlung f\u00fchrt nicht zur Gleichberechtigung<\/h1>\n<p>Es war \u00a0dies eine \u00dcberraschung so gro\u00df wie es im Jahr 2025, im Jahr der n\u00e4chsten Bundestagswahl, \u00a0die Nachricht w\u00e4re, dass im dann neu gew\u00e4hlten Bundestag f\u00fcnfzig Prozent Frauen sitzen. Es gibt Gesetzesinitiativen, die das auf Landesebene erzwingen wollen. Die Landesverfassungsgerichte haben sich quergelegt. Sie wollen keine Quote im Parlament. Aber: Es reicht nicht, wenn Frauen theoretisch alles werden d\u00fcrfen \u2013sie m\u00fcssen es praktisch werden k\u00f6nnen. Eine blo\u00df formale rechtliche Gleichbehandlung f\u00fchrt nicht zur Gleichberechtigung, wenn diese formale Gleichbehandlung auf ungleiche Lebenssituationen von M\u00e4nnern und Frauen trifft. Also m\u00fcssen Frauenf\u00f6rdergesetze einschlie\u00dflich Quoten aufgelegt werden. Daf\u00fcr werbe ich, nicht nur deshalb, weil ich zwei T\u00f6chter habe. Es geht um eine Gerechtigkeitsfrage.\u00a0 Im Grundgesetz ist die so formuliert: \u201eDer Staat f\u00f6rdert die tats\u00e4chliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und M\u00e4nnern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.\u201c Es ist da schon viel passiert. Es gibt aber auch noch viel zu tun.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"main\">\n<div id=\"primary\">\n<div id=\"content\" role=\"main\">\n<article id=\"post-680760\" class=\"post-680760 post type-post status-publish format-standard hentry category-allgemein tag-auslander tag-bezuege tag-dax tag-dax-vorstande tag-deutsche-bank tag-deutsche-schutzvereinigung-fur-wertpapierbesitz-dsw tag-frauen tag-linde tag-quiagen tag-technische-universitaet-muenchen-tum tag-vorstandinnen\">\n<div class=\"entry-content\">\n<p><a href=\"https:\/\/www.faktenkontor.de\/pressemeldungen\/blogger-relevanzindex-das-sind-deutschlands-top-100-blogs\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-680063\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2022\/06\/Wiwo.top_.10.blog_.2022.Blogger-Relevanzindex_Top-10-Blogs-2022-227x300.jpg\" alt=\"\" width=\"227\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2022\/06\/Wiwo.top_.10.blog_.2022.Blogger-Relevanzindex_Top-10-Blogs-2022-227x300.jpg 227w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2022\/06\/Wiwo.top_.10.blog_.2022.Blogger-Relevanzindex_Top-10-Blogs-2022.jpg 492w\" sizes=\"auto, (max-width: 227px) 100vw, 227px\" \/><\/a><\/p>\n<div id=\"main\">\n<div id=\"primary\">\n<div id=\"content\" role=\"main\">\n<article id=\"post-679588\" class=\"post-679588 post type-post status-publish format-standard hentry category-allgemein tag-arbeitsbedingung tag-arbeitsklima tag-betriebsklima tag-big-quit tag-ey-ernst-young tag-fachkraftemangel tag-gehalt tag-great-resignation tag-jobwechsel tag-kundigung tag-kuendigungsabsicht tag-loehne tag-umfrage\">\n<div class=\"entry-content\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.presseportal.de\/pm\/52884\/5255623\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-676731\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/06\/bloggerinnen.2021.neu_-300x212.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"212\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/06\/bloggerinnen.2021.neu_-300x212.jpg 300w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/06\/bloggerinnen.2021.neu_-424x300.jpg 424w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/06\/bloggerinnen.2021.neu_.jpg 650w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Copyright: @Claudia T\u00f6dtmann. Alle Rechte vorbehalten.\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Kontakt f\u00fcr Nutzungsrechte: claudia.toedtmann@wiwo.de<\/strong><\/p>\n<p><strong>Alle inhaltlichen Rechte des Management-Blogs von Claudia T\u00f6dtmann liegen bei der Blog-Inhaberin. Jegliche Nutzung der Inhalte bed\u00fcrfen der ausdr\u00fccklichen Genehmigung.<\/strong><\/p>\n<\/div>\n<p><strong>Um den Lesefluss nicht zu behindern, wird in Management-Blog-Texten nur die m\u00e4nnliche Form genannt, aber immer sind die weibliche und andere Formen gleicherma\u00dfen mit gemeint.<\/strong><\/p>\n<\/article>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/article>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"at-below-post addthis_tool\" data-url=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2022\/11\/02\/__trashed-5\/\" data-title=\"Wer es im Dax auf die meisten Whistleblower-Hinweise bringt: VW f\u00fchrt vor Fresenius Medical Care und Fresenius\" data-description=\"Compliance-Anwalt Michael Wiedmann hat die Whistleblower-Hinweise der Dax40-Konzerne 2021\/2022 in ihren Gesch\u00e4ftsberichten analysiert: Sie dr\u00fccken sich fast alle davor, aufzudecken, wie viele Leute sie nach deren Entdeckung durch Whistleblower-Hinweise entlassen haben. 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Rechtsanw\u00e4lte und Rechtsanw\u00e4ltinnen sollen gemeinsam mit Richtern und Richterinnen f\u00fcr eine menschliche Justiz sorgen.\u201c\u00a0 Von Heribert Prantl, Autor und Kolumnist der &#8222;S\u00fcddeutschen Zeitung&#8220;, der diese Rede k\u00fcrzlich in der Kanzlei &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2023\/01\/09\/heribert-prantl-ueber-gleichstellung-und-die-frueh-emanzipierte-rechtsanwaeltin-marianne-otto-unerschrocken-und-bestimmt-gastbeitrag\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":19,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[428,466,11218,11219],"class_list":["post-681466","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-gastbeitrag","tag-gleichstellung","tag-heribert-prantl","tag-rechtsanwaeltinnen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/681466","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/users\/19"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=681466"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/681466\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":681523,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/681466\/revisions\/681523"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=681466"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=681466"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=681466"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}