{"id":679378,"date":"2022-04-16T06:00:47","date_gmt":"2022-04-16T04:00:47","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/?p=679378"},"modified":"2022-04-16T00:51:39","modified_gmt":"2022-04-15T22:51:39","slug":"buchauszug-beat-balzli-hrsg-volker-ter-haseborg-mein-leben-meine-firma-meine-strategie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2022\/04\/16\/buchauszug-beat-balzli-hrsg-volker-ter-haseborg-mein-leben-meine-firma-meine-strategie\/","title":{"rendered":"Buchauszug Beat Balzli (Hrsg.), Volker ter Haseborg: &#8222;Mein Leben, meine Firma, meine Strategie&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Buchauszug Beat Balzli (Hrsg.), Volker ter Haseborg: &#8222;Mein Leben, meine Firma, meine Strategie&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_679379\" style=\"width: 660px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-679379\" class=\"size-full wp-image-679379\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2022\/04\/Thelen.Buch_.Foto-Thelen-und-ter-Haseborg-klein-e1649106877715.jpg\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"292\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2022\/04\/Thelen.Buch_.Foto-Thelen-und-ter-Haseborg-klein-e1649106877715.jpg 650w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2022\/04\/Thelen.Buch_.Foto-Thelen-und-ter-Haseborg-klein-e1649106877715-300x135.jpg 300w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2022\/04\/Thelen.Buch_.Foto-Thelen-und-ter-Haseborg-klein-e1649106877715-500x225.jpg 500w\" sizes=\"auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><p id=\"caption-attachment-679379\" class=\"wp-caption-text\">Volker ter Haseborg (r.) und Frank Thelen (Foto: PR\/Gabal Verlag) )<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Absturz und Neustart<\/strong><\/p>\n<p>Nach der Ausbildung gr\u00fcndet Frank Thelen seine erste Firma. Es l\u00e4uft gut, er tut sich mit einem anderen Gr\u00fcnder zusammen, ihr gemeinsames Unternehmen ist die Twisd AG. Es ist die Zeit des Neuen Marktes, in der das Geld der Investoren locker sitzt. Auch Thelen genie\u00dft die Zeit. Er hebt ab. Doch dann kracht der Neue Markt zusammen \u2013 die Twisd AG muss Insolvenz anmelden. Es ist der Tiefpunkt in Thelens Leben. Doch dann: der Neustart. Thelen gr\u00fcndet eine neue Firma, die zum Erfolg wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Endlich Unternehmer<\/strong><\/p>\n<p><strong>Die Ausbildung hat dir das Fachabitur gebracht.<\/strong><\/p>\n<p>Ja, und ich fing an, an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg Informatik zu studieren. Nicht lange. Ich kannte die Themen bereits, die meisten Professoren hatten weniger Ahnung als ich. Ich \u00fcbernahm teilweise sogar Vorlesungen, weil ich mir nicht anh\u00f6ren konnte, was die Professoren da \u00fcber Windows und Linux erz\u00e4hlten. Meine Uni-Karriere dauerte ein halbes Jahr, dann war ich weg \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u2026 um Start-up-Gr\u00fcnder zu werden.<\/strong><\/p>\n<p>Genau. Ich hatte gesehen, wie Martin seine Firma aufgebaut hatte. Das war super inspirierend. Deshalb machte ich mich selbstst\u00e4ndig mit meiner Firma Softer Solutions.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Was hast du mit deiner neuen Firma gemacht?<\/strong><\/p>\n<p>Ich programmierte gegen Stundenlohn f\u00fcr andere Firmen. Damals klebte auf fast jeder Zeitschrift eine Multimedia-CD. Einige davon waren von mir. Irgendwann stellte ich meinen ersten Mitarbeiter ein, mietete ein erstes B\u00fcro in Bonn an. Das war magisch. Ich stolperte einfach so in das Unternehmertum. Einen Masterplan hatte ich nie. Ich programmierte einfach jeden Tag von morgens bis abends.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Dein erstes gr\u00f6\u00dferes Unternehmen hie\u00df Twisd AG. Wie war die Entstehungsgeschichte?<\/strong><\/p>\n<p>Das Gesch\u00e4ftsmodell meiner ersten Firma war \u00fcberhaupt nicht clever. Ich hatte meine Leistung unter Wert angeboten. Da lernte ich Severin Tatarczyk kennen, er installierte in Bonn f\u00fcr Anwaltskanzleien und Arztpraxen lokale Netzwerke und verdiente mit deren Betreuung und mit Schulungen gutes Geld. Viele seiner Kunden wollten Webseiten haben, aber er konnte nicht programmieren. So legten wir unsere Gesch\u00e4fte zusammen. Es lief gut, aber ich wollte ein eigenes Produkt bauen, das wir millionenfach verkaufen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Und was war dieses Produkt?<\/strong><\/p>\n<p>Eine kleine Box, mit der unsere Kunden ihren Internetzugang selbst organisieren konnten. Jeder Kunde konnte sein eigenes Netzwerk aufsetzen. In der Box war eine Firewall, man konnte Faxe dar\u00fcber empfangen. Die Twisd AG gr\u00fcndeten wir, weil wir damit an die B\u00f6rse gehen und Millionen einsammeln wollten, um unser Produkt ganz gro\u00df rauszubringen. Das war Ende der 90er-Jahre. Severin kannte unfassbar viele Leute. So konnten wir auf der Computermesse Cebit unsere Box vorstellen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Was war das f\u00fcr eine Zeit damals?<\/strong><\/p>\n<p>Ich war der kleine Junge, der in die gro\u00dfe Welt kommt. Es war die Zeit des Neuen Marktes, es gab extrem viele B\u00f6rseng\u00e4nge, viel Geld im Markt, die Stimmung war gro\u00dfartig. Auf Messen wie der Cebit, wo alle gro\u00dfen Firmen waren, hie\u00df es abends schon mal: Wir gehen jetzt in den Club, geht alles auf die Firmenkarte. Da wurde eine Menge Geld rausgeballert. Super interessant. Wir Internet-Experten hielten uns f\u00fcr die K\u00f6nige der Welt, wurden \u00fcberheblich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Woher kam diese \u00dcberheblichkeit?<\/strong><\/p>\n<p>Wir hatten mit der Twisd AG 1,4 Millionen Mark von einem Investor bekommen. Das war damals viel Geld! Unser Plan war es, damit die Box zu bauen und dann an die B\u00f6rse. Damit sind wir krachend gescheitert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Am Abgrund<\/strong><\/p>\n<p><strong>Wann habt ihr angefangen, Fehler zu machen?<\/strong><\/p>\n<p>Diese Menge Geld war schlecht f\u00fcr uns alle. Wir legten uns Firmenautos zu, ich bestellte einen BMW 330i, voll ausgestattet, mit Fernseher drin. Ich war damals 22 Jahre alt!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Was wolltest du mit dem Auto zeigen? Dass es der Schulverlierer Frank jetzt doch zu etwas gebracht hat?<\/strong><\/p>\n<p>Sicherlich wollte ich meinem Ego etwas Gutes tun. Wie die meisten M\u00e4nner, die sich teure Autos zulegen. Meine Lehrer waren sicher gewesen, dass aus mir nichts werden w\u00fcrde. Ich wollte ihnen das Gegenteil beweisen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Kann man sagen, dass du damals nicht mit Geld umgehen konntest?<\/strong><\/p>\n<p>Ich setzte das Geld unseres Investors nicht mutwillig aufs Spiel oder brannte damit durch! Ich wollte diese Firma ernsthaft aufbauen und an die B\u00f6rse bringen. Aber wir wuchsen zu schnell. Alle Start-ups mit VC leisteten sich zu aufwendige B\u00fcros, es ging nur darum, m\u00f6glichst gro\u00df auszusehen und an die B\u00f6rse zu gehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Welche Fehler habt ihr gemacht?<\/strong><\/p>\n<p>Wenn ich heute in ein Start-up investierte, schaue ich sehr genau, wie das Geld ausgegeben wird. Wir hatten damals ein echt gutes Produkt \u2013 aber wir achteten nicht darauf, ob es auch jemand kaufen will. Wir hatten keine Verkaufsstrategie. Ich war CTO, aber ich h\u00e4tte mich auch um den Vertrieb k\u00fcmmern m\u00fcssen. Selbst unserem Aufsichtsrat waren die schlechten Verkaufszahlen egal. Es war eine verr\u00fcckte Zeit! Ich durfte viel lernen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Partystimmung am Neuen Markt jedenfalls war Anfang der Nullerjahre vorbei.<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong>Ja. Und wir brauchten neues Geld. Unsere Bank gab uns einen Kredit \u00fcber zwei Millionen Mark \u2013 unter der Bedingung, dass wir privat daf\u00fcr b\u00fcrgen. Es klang wie eine Formalie. Severin und ich unterschrieben. Ich wollte das Produkt weiterentwickeln. F\u00fcr mich z\u00e4hlte nur die n\u00e4chste Version mit mehr Features. Das war der gr\u00f6\u00dfte Fehler meines Lebens. Mir war \u00fcberhaupt nicht bewusst, dass der Markt gerade zusammenbrach. Mir war Geld egal \u2013 Hauptsache, ich konnte meine Programmierer weiterbezahlen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Welche Folgen hatte der Zusammenbruch des Neuen Marktes f\u00fcr euch?<\/strong><\/p>\n<p>Der B\u00f6rsengang platzte. Wir waren zu sp\u00e4t. Gro\u00dfe Messen, auf denen wir h\u00e4tten verkaufen k\u00f6nnen, gab es nicht mehr. Die Kunden waren weg. Dann stellte die Bank den Kredit f\u00e4llig \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u2026 und forderte die B\u00fcrgschaft zur\u00fcck.<\/strong><\/p>\n<p>Ich stand vor einem Scherbenhaufen. Meine Mutter rief mich an: Ein Brief von der Bank war gekommen. Pl\u00f6tzlich hatte ich eine Million Mark Schulden, sollte allein 80.000 Mark Zinsen im Jahr zahlen. Meine Mutter weinte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wie hast du das Ende eurer Firma erlebt?<\/strong><\/p>\n<p>Ich musste alle Mitarbeiter entlassen. Darin war ich v\u00f6llig unerfahren. Aber: Ich war der Kapit\u00e4n dieses Schiffes. Obwohl wir Gr\u00fcnder finanziell den gr\u00f6\u00dften Schaden hatten, stellten wir uns vor das Team, erkl\u00e4rten das Ende und zahlten ein letztes Mal die Geh\u00e4lter. Ich war k\u00f6rperlich am Ende, h\u00e4tte mich die ganze Zeit am liebsten erbrochen. Nachdem wir die Firma an den Insolvenzverwalter \u00fcbergeben hatten, fuhr ich nach Hause zu meinen Eltern und vergrub mich in meinem Kinderzimmer.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Aufstehen<\/strong><\/p>\n<p><strong>Wie tief war das Loch, in das du gefallen bist?<\/strong><\/p>\n<p>Es war sehr, sehr tief. Mehrere Wochen lag ich im Bett, konnte nicht mehr aufstehen. Meine Freunde hatten ihren ersten Job, das erste Auto. Ich hatte nichts \u2013 der Dienst-BMW war weg, ich hatte keine eigene Wohnung, keine Freundin, kein Mobiltelefon, keine Perspektive. Ich dachte: Mein Leben ist vorbei. Dazu kam ich ja aus einer gewissen Flugh\u00f6he, war vorher auf jeder Party eingeladen gewesen, und jetzt wollte mich niemand mehr sehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wie haben deine Eltern dich in dieser Zeit begleitet?<\/strong><\/p>\n<p>Sie waren schockiert, standen aber immer zu mir. Ich merkte, dass sie mit ihrem Latein am Ende waren. Meine Schulden, das waren Betr\u00e4ge, die jenseits ihrer Vorstellungskraft lagen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Was hast du in dieser Zeit gelernt?<\/strong><\/p>\n<p>Dass man so tief fallen kann, wusste ich theoretisch. Nun erfuhr ich am eigenen Leib, wie schlimm es wirklich ist. Unternehmertum kann auch schiefgehen \u2013 und zwar sehr schnell.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wie bist du aus dem Loch herausgekommen?<\/strong><\/p>\n<p>Mein Vater sagte irgendwann: So geht das nicht weiter, sieh zu, dass du wieder aufstehst. Ich begann wieder zu programmieren. Und ich fing an, mit klugen Rechtsanw\u00e4lten \u00fcber meine Situation zu sprechen. Das war mein Gl\u00fcck, denn die Anw\u00e4lte zeigten mir, dass ich mit meiner Bank einen Vergleich verhandeln konnte. Ich zahlte 500 Euro monatlich ab, aufgeteilt auf 120 Raten. So konnte ich mit 26 Jahren mein zweites Leben starten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-679380\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2022\/04\/cover.thelen.jpg\" alt=\"\" width=\"478\" height=\"650\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2022\/04\/cover.thelen.jpg 478w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2022\/04\/cover.thelen-221x300.jpg 221w\" sizes=\"auto, (max-width: 478px) 100vw, 478px\" \/><\/p>\n<p><strong>Beat Balzli (Hrsg), Volker ter Haseborg: &#8222;Mein Leben, meine Firma, meine Strategie&#8220; 160 Seiten, 29,90 Euro, Gabal Verlag <a href=\"https:\/\/www.gabal-verlag.de\/buch\/frank-thelen\/9783967390940\">Frank Thelen &#8211; Volker ter Haseborg, Buch &#8211; GABAL Verlag (gabal-verlag.de)<\/a><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Welche Ratschl\u00e4ge kannst du anderen Unternehmern aus dieser Situation des Scheiterns geben?<\/strong><\/p>\n<p>Hol dir niemals einen Kredit, den du nicht innerhalb von f\u00fcnf Jahren zur\u00fcckzahlen kannst. Und \u00fcberleg dir gut, wie weit du mit deinem privaten Geld hineingehen willst. Ich rate vielen unserer Startup-Unternehmer davon ab, bei weiteren Finanzierungsrunden eigenes Geld nachzuschie\u00dfen. Das ist zu riskant.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Neustart<\/strong><\/p>\n<p><strong>Warum bist du damals trotzdem Unternehmer geblieben?<\/strong><\/p>\n<p>Das ist wohl etwas, das ich in mir habe. Ich baue gerne den ganzen Tag an meinen Projekten. In definierten Systemen komme ich \u00fcberhaupt nicht klar, da werde ich wie Sonderm\u00fcll entsorgt. Ich komme mit gro\u00dfen Organisationen nicht klar, weil ich anders ticke. Es war nie mein Ansporn, ein erfolgreicher Unternehmer oder Million\u00e4r zu werden. Ich habe immer gebaut, und irgendwann wurde etwas Sinnvolles daraus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wie bist du auf die Erfolgsspur gekommen?<\/strong><\/p>\n<p>Der Markt f\u00fcr digitale Fotos explodierte. Alle hatten pl\u00f6tzlich Digitalkameras, alle gro\u00dfen Filmentwickler stellten Programmierer ein. Ich hatte die Internetseite bilder.de reserviert und wollte dort einen Marktplatz f\u00fcr Fotografen und Bilder aufbauen. Ich war \u2013 mal wieder durch Zufall \u2013 in einen attraktiven Markt gestolpert, ohne Vision, nur indem ich einfach machte. Meine Idee war eine Plattform, auf der man seine digitalen Fotos verwalten und sich daraus Abz\u00fcge oder Poster bestellen kann. Damals fand ich \u00fcbrigens auch meine beiden engsten Gesch\u00e4ftspartner, mit denen ich bis heute gemeinsam Firmen aufbaue.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wer ist das?<\/strong><\/p>\n<p>Das ist zum einen Alex Koch, den ich bei einem Projekt beim Filmbelichter CeWe Color als Konkurrenten kennenlernte. Ich warb ihn ab, weil er technisch viel mehr draufhatte als ich. Nun brauchten wir noch einen BWLer, der sich mit Finanzen auskennt. Mir fiel Marc Sieberger ein, ich kannte ihn vom Skaten, und zeitweise hatten wir in einer WG in Bonn gewohnt. Marc war auf der Eliteuni WHU in Vallendar gewesen. Er verlie\u00df den sicheren Pfad einer m\u00f6glichen Karriere als Unternehmensberater und sprang ins Risiko. Ich nahm die Rolle des CEO ein. Wir gr\u00fcndeten die Firma ip.labs.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_675567\" style=\"width: 651px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-675567\" class=\"size-full wp-image-675567\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/01\/thelen.Frank_.2121-e1650062456644.jpg\" alt=\"\" width=\"641\" height=\"266\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/01\/thelen.Frank_.2121-e1650062456644.jpg 641w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/01\/thelen.Frank_.2121-e1650062456644-300x124.jpg 300w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/01\/thelen.Frank_.2121-e1650062456644-500x207.jpg 500w\" sizes=\"auto, (max-width: 641px) 100vw, 641px\" \/><p id=\"caption-attachment-675567\" class=\"wp-caption-text\">Frank Thelen (Foto: Privat)<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Und damit zur\u00fcck zu der Foto-Software, die ihr entwickelt habt.<\/strong><\/p>\n<p>Unser Produkt war Hightech, man konnte per Mausklick Fotob\u00fccher drucken. Unsere Wettbewerber lagen weit hinter uns. Wir zahlten uns viele Monate kein Gehalt, weil wir wachsen wollten. Schlie\u00dflich waren wir 60 Leute und machten einen Millionenumsatz. Die Firma war alles f\u00fcr mich. Ein Privatleben hatte ich nicht, das Ding h\u00e4tte ja jeden Tag umkippen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Muss man das wissen, dass man als Start-up-Unternehmer 24 Stunden an sieben Tagen arbeitet?<\/strong><\/p>\n<p>Work-Life-Balance ist keine Option, wenn du ein Unternehmen aufbauen willst. Bei einem Tech-Unternehmen in einem aggressiven Markt geht das nicht. Ich mache das heute nicht mehr, weil ich es k\u00f6rperlich nicht mehr k\u00f6nnte und auch nicht mehr jeden Tag erst um 23 Uhr aus der Firma kommen m\u00f6chte. Meiner Frau musste ich damals nicht erkl\u00e4ren, dass es beim Gr\u00fcnden keine Work-Life-Balance gibt, wir hatten uns so kennengelernt. H\u00e4ufig kam ich um 21.30 Uhr von der Arbeit, wir gingen essen und kaum stand das Essen auf dem Tisch, rief ein Kunde an. Ich musste zu meiner Frau sagen, sorry, ich muss noch mal f\u00fcr eine Stunde weg. Das untersch\u00e4tzen die Leute. Ich machte zehn Jahre keinen Urlaub. Das war okay, ich liebte meine Arbeit. Wenn ich heute h\u00f6re, dass Leute noch mehr Urlaub haben wollen, dann denke ich: Ihr seid nicht zu 100 Prozent Unternehmer. Das ist ja auch nicht schlimm, nicht jeder muss Vollblut-Unternehmer sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Der erste gro\u00dfe Exit<\/strong><\/p>\n<p><strong>Was waren die H\u00f6hepunkte von ip.labs?<\/strong><\/p>\n<p>Der rasend schnelle Aufbau. Wir entwickelten das Produkt und verkauften es parallel sehr progressiv. Wir versprachen immer mehr, als wir im Moment erf\u00fcllen konnten \u2013 lieferten dann aber auch. So hatten wir irgendwann 100 Millionen Kunden auf unserer Plattform.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>War es immer das Ziel, die Firma zu verkaufen?<\/strong><\/p>\n<p>Wir hatten keinen Plan. Irgendwann klopften Kapitalgesellschaften an, die investieren wollten. CeWe Color wollte uns \u00fcbernehmen, machte ein Angebot von oben herab. Wir fragten den japanischen Konkurrenten Fujifilm, f\u00fcr den wir auch schon gearbeitet hatten, ob er nicht Lust h\u00e4tte, uns zu \u00fcbernehmen. Damit begann ein sehr langer, sehr komischer Prozess.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Inwiefern komisch?<\/strong><\/p>\n<p>Der Film \u00bbLost in Translation\u00ab trifft genau das, was wir erlebten. Du kannst gut mit Leuten verhandeln, die deine Sprache sprechen. So war das mit den Japanern nicht. Eine Delegation nach der n\u00e4chsten kam eingeflogen. Teilweise schliefen sie ein, wenn ich pr\u00e4sentierte. Das war alles recht gruselig. Irgendwann flog der globale Foto-Chef ein, wir gingen essen. \u00bbWe will do it\u00ab, sagte er. Und \u00fcber Wochen passierte nichts. Dann flogen wir nach Japan. Wir fragten uns: Was geht hier ab? Wollen die uns ver\u00e4ppeln? Der Prozess zog sich mindestens ein\u00a0 halbes Jahr hin.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Woran hat es gehakt?<\/strong><\/p>\n<p>Im Verkaufsvertrag stand, dass wir das Doppelte des Kaufpreises als Schadensersatz zahlen m\u00fcssten, wenn es zu einem Chemieunfall im Unternehmen kommt. Wie sollte es in einer Softwarefirma zu einem Chemieunfall kommen? Die Anw\u00e4lte sagten, das stehe standardm\u00e4\u00dfig in Vertr\u00e4gen und es w\u00fcrde Wochen dauern, die Klausel heraus zu verhandeln. Also haben wir \u00fcberlegt: Was ist, wenn die Kaffeemaschine \u00fcberl\u00e4uft? Hatten wir irgendetwas \u00fcbersehen? Ich wollte schlie\u00dflich nicht noch einmal mit einem riesigen Schuldenberg dastehen. Es ist schwierig, mit einem gewissen Augenma\u00df in einen derartigen Verkaufsprozess zu gehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Ihr habt eure Firma dann f\u00fcr 10 Millionen Euro verkauft. Warum war es das Richtige?<\/strong><\/p>\n<p>Ich war durch eine harte Zeit gegangen, hatte intensiv und lange gelitten. Es war sehr verlockend, finanziell unabh\u00e4ngig zu sein und endlich mal wieder in Ruhe zu schlafen. Au\u00dferdem hatte ich inzwischen eine sehr erfolgreiche Kieferorthop\u00e4din geheiratet und wollte\u00a0nicht, dass Nathalie f\u00fcr immer unser Leben finanzieren musste.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Gibt es eine Faustregel, wann man es nicht machen sollte?<\/strong><\/p>\n<p>Ich denke, dass Start-ups in Deutschland generell zu fr\u00fch verkaufen. Wir brauchen mehr Firmen, die langfristig aufgebaut werden. Weil ich verstehe, dass sie finanziell unabh\u00e4ngig sein wollen, bieten wir unseren Start-up-Gr\u00fcndern immer an, dass sie nur einen Teil ihrer Firma verkaufen, damit sie schon mal ihr Haus haben. Wenn sie einen Teil ihres Verm\u00f6gens hinter die Firewall gebracht haben, k\u00f6nnen sie gr\u00f6\u00dfer und langfristiger denken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wie ging es f\u00fcr euch mit Fujifilm weiter?<\/strong><\/p>\n<p>Wir mussten noch zwei Jahre als angestellte Manager im eigenen Unternehmen bleiben. Das war frustrierend. Wir hatten vorher bis zu 300 neue Kunden pro Jahr gewonnen, nach dem Verkauf fielen wir auf f\u00fcnf Kunden zur\u00fcck. Es gab immer juristische Bedenken, irgendwelche Vorgaben. Das war eine Vollbremsung. Auf der anderen Seite war es aber auch die komplette Entspannung, weil wir jetzt Zeit hatten, uns nach anderen Dingen umzusehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Bevor ihr zu Start-up-Investoren geworden seid, habt ihr allerdings noch selbst eins gegr\u00fcndet. Die Dokumenten-App Doo. Ein Flop.<\/strong><\/p>\n<p>Stimmt. Die Plattform war nicht erfolgreich. Obwohl das Produkt \u2013 das Verwalten von Dokumenten in der Cloud \u2013 gut war. Wir wollten Dokumente aus E-Mails, aus dem Onlinebanking, aus Google Drive durch diese App b\u00fcndeln. Kontoausz\u00fcge etwa sollten mit den entsprechenden Rechnungen verkn\u00fcpft werden. 10 Millionen Euro Kapital waren schnell eingesammelt, wir arbeiteten zw\u00f6lf bis 16 Stunden am Tag. Am Ende klappte es trotzdem nicht. Wir waren 2011 zu fr\u00fch dran. Die Leute vertrauten damals Cloud-Speichern noch nicht, wir bekamen keine neue Finanzierung und beendeten das Projekt. Ich musste viel H\u00e4me einstecken, weil ich mit meiner Dokumenten-Revolution gescheitert war. Immerhin: Aus der Dokumenten-Scanner-App von Doo entstand eine eigene Firma, die es bis heute gibt: Scanbot. 2016 gaben wir das Management von Scanbot ab, um uns voll und ganz auf Freigeist zu fokussieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-676352\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/04\/Bloggerrelanvzlogo.2021-FAK_21-01_Siegel_Blogger-Relevanzindex_Top-20-Blogs-228x300.jpg\" alt=\"\" width=\"228\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/04\/Bloggerrelanvzlogo.2021-FAK_21-01_Siegel_Blogger-Relevanzindex_Top-20-Blogs-228x300.jpg 228w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/04\/Bloggerrelanvzlogo.2021-FAK_21-01_Siegel_Blogger-Relevanzindex_Top-20-Blogs.jpg 493w\" sizes=\"auto, (max-width: 228px) 100vw, 228px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-676731\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/06\/bloggerinnen.2021.neu_-300x212.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"212\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/06\/bloggerinnen.2021.neu_-300x212.jpg 300w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/06\/bloggerinnen.2021.neu_-424x300.jpg 424w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/06\/bloggerinnen.2021.neu_.jpg 650w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Copyright: @Claudia T\u00f6dtmann. Alle Rechte vorbehalten.\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Kontakt f\u00fcr Nutzungsrechte: claudia.toedtmann@wiwo.de<\/strong><\/p>\n<p><strong>Alle inhaltlichen Rechte des Management-Blogs von Claudia T\u00f6dtmann liegen bei der Blog-Inhaberin. Jegliche Nutzung der Inhalte bed\u00fcrfen der ausdr\u00fccklichen Genehmigung.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Buchauszug Beat Balzli (Hrsg.), Volker ter Haseborg: &#8222;Mein Leben, meine Firma, meine Strategie&#8220; &nbsp; &nbsp; &nbsp; Absturz und Neustart Nach der Ausbildung gr\u00fcndet Frank Thelen seine erste Firma. Es l\u00e4uft gut, er tut sich mit einem anderen Gr\u00fcnder zusammen, ihr &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2022\/04\/16\/buchauszug-beat-balzli-hrsg-volker-ter-haseborg-mein-leben-meine-firma-meine-strategie\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":19,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[10757,10756,1890,8661,9619],"class_list":["post-679378","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-mein-leben-meine-firma-meine-strategie","tag-beat-balzli","tag-buchauszug","tag-gabal-verlag","tag-volker-ter-haseborg"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/679378","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/users\/19"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=679378"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/679378\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":679450,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/679378\/revisions\/679450"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=679378"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=679378"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=679378"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}