{"id":679294,"date":"2022-04-06T18:11:35","date_gmt":"2022-04-06T16:11:35","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/?p=679294"},"modified":"2022-04-06T18:11:35","modified_gmt":"2022-04-06T16:11:35","slug":"buchauszug-bernhard-fischer-appelt-zukunftslaerm-welche-erzaehlungen-helfen-das-morgen-zu-gestalten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2022\/04\/06\/buchauszug-bernhard-fischer-appelt-zukunftslaerm-welche-erzaehlungen-helfen-das-morgen-zu-gestalten\/","title":{"rendered":"Buchauszug Bernhard Fischer-Appelt: &#8222;Zukunftsl\u00e4rm. Welche Erz\u00e4hlungen helfen, das Morgen zu gestalten&#8220;\u00a0"},"content":{"rendered":"<p><strong>Buchauszug <a href=\"https:\/\/www.linkedin.com\/in\/bernhard-fischer-appelt-115b392\/?originalSubdomain=de\">Bernhard Fischer-Appelt<\/a>: &#8222;Zukunftsl\u00e4rm. Welche Erz\u00e4hlungen helfen, das Morgen zu gestalten&#8220;\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_679296\" style=\"width: 660px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-679296\" class=\"size-full wp-image-679296\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2022\/03\/fischerappelt2.jpg\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"367\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2022\/03\/fischerappelt2.jpg 650w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2022\/03\/fischerappelt2-300x169.jpg 300w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2022\/03\/fischerappelt2-500x282.jpg 500w\" sizes=\"auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><p id=\"caption-attachment-679296\" class=\"wp-caption-text\">Bernhard Fischer-Appelt (Foto: PR)<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1>UNSERE ZUK\u00dcNFTE \u2013 WAS IST PLAUSIBEL UND WAS NICHT?<\/h1>\n<p>Gute Narrative zu entwickeln, funktioniert am besten systematisch. An historischen Beispielen wie den politischen Initiativen John. F. Kennedys k\u00f6nnen wir f\u00fcnf zentrale Elemente f\u00fcr die Entwicklung eines \u00fcberzeugenden Zukunftsnarrativs erkennen. Die dadurch inspirierte Methode kann als Blaupause f\u00fcr die Zuk\u00fcnfte dienen und kann eine Leitschnur sein, f\u00fcr Initiativen und Gesch\u00e4ftsmodelle die Gesellschaft ver\u00e4ndern m\u00f6chten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>An kaum einem anderen Ort in den Vereinigten Staaten wird amerikanische Geschichte so lebendig wie in Boston, Massachusetts. Im Tea-Party-Museum an der Congress Street Bridge kann man eine von zwei noch erhaltenen historischen Teekisten aus n\u00e4chster N\u00e4he betrachten. Die Beh\u00e4ltnisse hatten amerikanische Kolonisten einst w\u00fctend ins tr\u00fcbe Wasser des Bostoner Hafenbeckens geschleudert, um ihrem Widerstand gegen die britische Kolonialmacht und deren Besteuerung Nachdruck zu verleihen. Kaum weniger historisch bedeutsam ist die Sammlung der Redemanuskripte von Pr\u00e4sident John F. Kennedy, die im John F. Kennedy Library and Museum ein paar Meilen weiter s\u00fcdlich archiviert ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wer sie studiert, dem f\u00e4llt sofort auf, was f\u00fcr ein begabter Redner und kraftvoller Geschichtenerz\u00e4hler der ehemalige Senator von Massachusetts und sp\u00e4tere Pr\u00e4sident der Vereinigten Staaten gewesen sein muss. Kennedy verstand es, die Zukunft und ihre M\u00f6glichkeiten so darzustellen, dass viele Amerikaner sich \u00fcberzeugen lie\u00dfen, gemeinsam eine Renaissance des amerikanischen Traums einzuleiten. Der Besuch der JFK Bibliothek war ein nachhaltiges Erlebnis. Ich verlie\u00df sie mit der Erkenntnis, dass es einige entscheidende Elemente gibt, die wirksame Erz\u00e4hlungen brauchen, um unsere Herzen und K\u00f6pfe wirklich zu erreichen und unser Tun zu ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Schon bei der Lekt\u00fcre weniger Schl\u00fcsselpassagen aus Kennedys Reden wird deutlich, wie er es auf virtuose Weise verstanden hat, Verhei\u00dfungen der modernen Technologie mit Entw\u00fcrfen einer amerikanischen Zukunft voller Hoffnung, Heilung und Gl\u00fcck zu verbinden. Seine Worte sind ein musterg\u00fcltiges Beispiel f\u00fcr wirksame politische Botschaften. Sie brachten nicht nur den zweitj\u00fcngsten US-Pr\u00e4sidenten aller Zeiten hinter den Schreibtisch im Oval Office. Viel mehr als das: Ihr vereinigender Impuls hat einen echten Wandel in Amerika eingeleitet, f\u00fcr das die Abschaffung der unmenschlichen Rassentrennung ein gutes Beispiel ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1>Kennedys politische Botschaften an eine in ihrem Stolz verletzte Nation<\/h1>\n<p>Die wirkm\u00e4chtige, auf den Wandel ausgerichtete Kommunikation, die Kennedy und sein Team Anfang der 1960er-Jahre starteten, f\u00fchrt uns noch einmal vor Augen, wie gut durchdachte Narrative dazu beitragen k\u00f6nnen, Gesellschaften zu transformieren \u2013 und zwar gerade auch dann, wenn sie in politisch unruhigem Fahrwasser eingesetzt werden. Zu Beginn der 1960er- Jahre befanden sich die USA in einer tiefen Identit\u00e4tskrise. Der jahrzehntealte Status als globale Supermacht schien durch die Raumfahrterfolge Russlands ins Wanken zu geraten. Sowohl der Start des Sputnik-Satelliten von 1957, aber auch Juri Gagarins Erdumkreisungen von 1961 als erster Mensch im All f\u00fcgten dem amerikanischen Selbstverst\u00e4ndnis schmerzende Wunden zu. Aus heiterem Himmel hatte Amerikas Selbstbild, in allen technischen Belangen unschlagbar zu sein, einen empfindlichen D\u00e4mpfer erlitten.<\/p>\n<p>Vielen Amerikanern schien es, dass die sowjetischen Weltraumpioniere auf der Basis eines dirigistischen Gesellschaftsmodells sehr viel schneller technologische Durchbr\u00fcche erzielten als die freiheitlich und marktwirtschaftlich organisierten Gesellschaften des Westens. Schlimmer noch, das kommunistische Modell schien in immer gr\u00f6\u00dferen Teilen der Welt Fu\u00df zu fassen \u2013 vor allem in Asien, wo die USA auf der koreanischen Halbinsel gerade einen R\u00fcckzugskrieg hinter sich gebracht hatten, der viele Leben und noch mehr Geld gekostet hatte. Die innenpolitischen Probleme stellten sich zu Beginn der 1960er-Jahre nicht weniger dramatisch dar.<\/p>\n<p>In den Jahren vor Kennedy schien Amerika tiefer denn je gespalten zu sein, was den Umgang mit den unterschiedlichen Hautfarben der Nation betraf. Die Frage der Aufhebung der Rassentrennung lie\u00df die USA in Hass, Diskriminierung, Lynchmorden, B\u00fcrgerunruhen und Massenprotesten versinken. Und als ob das nicht genug w\u00e4re, verschafften sich zu dieser Zeit eine Handvoll sozialistischer Stimmen auf amerikani-schem Boden Geh\u00f6r. In einer paranoiden Gegenreaktion des Staates brandmarkte der fanatische McCarthyismus sie und viele Unbeteiligte als gef\u00e4hrliche Feinde im eigenen Land und sorgte f\u00fcr einen weiteren tiefen Riss in der \u00f6ffentlichen Meinung.<\/p>\n<p>Selbst im politischen Betrieb Washingtons herrschte mit der Zeit ein Klima hysterischen Misstrauens und t\u00e4glicher ideologischer Grabenk\u00e4mpfe. Insgesamt war es ein prek\u00e4rer und f\u00fcr die M\u00f6glichkeiten einer gemeinsamen Zukunft fast vollst\u00e4ndig erblindeter Zustand des Landes. Erst der Civil Rights Act von 1964, der ein Jahr nach Kennedys Ermordung die Rassentrennung endg\u00fcltig aufhob, setzte diesem Konflikt zun\u00e4chst ein Ende, der den damaligen Zeitgenoss:innen wie der Vorabend eines zweiten amerikanischen B\u00fcrgerkriegs vorgekommen sein muss.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1>Starke Metaphern k\u00f6nnen aus Konflikt und Apathie f\u00fchren<\/h1>\n<p>Die unterschiedlichen Lebensumst\u00e4nde der Amerikaner in den fr\u00fchen 1960er-Jahren im Vergleich zu heute waren sehr viel gr\u00f6\u00dfer, als es heute r\u00fcckblickend erscheint. Als Kennedy f\u00fcr das Pr\u00e4sidentenamt kandidierte, h\u00e4tten sich die US-B\u00fcrger:innen aus den gro\u00dfen, agrarisch gepr\u00e4gten Fl\u00e4chenbundesstaaten der USA \u2013 ein Gebiet, das bis heute absch\u00e4tzig als Flyover Country bezeichnet wird \u2013 in ihrer politischen Mentalit\u00e4t und Alltagseinstellung kaum st\u00e4rker von der progressiven Intellektualit\u00e4t ihrer Mitb\u00fcrger:innen in den st\u00e4dtischen Zentren an den beiden K\u00fcsten des Landes unterscheiden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Hinzu kam: Die damaligen Kommunikationsformate und -kan\u00e4le waren kaum in der Lage, politische Botschaften schnell und \u00fcberzeugend bis in alle Winkel des riesigen Landes mit f\u00fcnf Zeitzonen zu verbreiten. Zwar gab es landesweite Fernseh\u00fcbertragungen, doch waren die, im Vergleich zum heutigen Internet, dessen superschnelles kapillares Netz bis in jeden Haushalt, jede Hand- und Manteltasche reicht, noch ein rudiment\u00e4res Mittel der Massenkommunikation. Aus diesem Grund mussten politische Botschaften damals visuell und rhetorisch sehr viel plakativer formuliert sein, um wirklich durchzudringen und etwas zu bewirken.<\/p>\n<p>Um der Orientierungslosigkeit, Verzweiflung und Desillusionierung der damaligen Zeit etwas entgegenzusetzen, beschloss Kennedy, ein k\u00fchnes, einfach zu verstehendes Bild der Nation zu entwerfen. Er w\u00fcrde ein markantes Zeichen setzen, das den USA einen Ausweg aus ihren Schwierigkeiten weisen w\u00fcrde. Es musste etwas sein, das seinen Landsleuten den Ansto\u00df geben w\u00fcrde, \u00fcber neue Formen von Einheit nachzudenken, um gemeinsam, konstruktiv und im Interesse des einen Landes, in dem sie alle lebten, Schritte in Richtung Zukunft zu gehen. F\u00fcr den jungen Demokraten Kennedy und seine Redenschreiber ging es darum, eine \u00fcberw\u00e4ltigende, elektrisierende Metapher zu finden, die den Amerikaner:innen einen Ausweg aus ihrem t\u00e4glichen Elend und ihren Konflikten zeigen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1>New Frontier bedeutet anzupacken f\u00fcr eine bessere Zukunft<\/h1>\n<p>Als charismatischem Talent war Kennedy klar, dass diese Vorstellung nicht selbstherrlich, aufdringlich oder aggressiv sein durfte. Es musste breit gef\u00e4chert, ermutigend, ja egalit\u00e4r sein. Die Botschaft sollte ausreichend Flexibilit\u00e4t haben, um die unterschiedlichen Interessen und Anliegen aller Amerikaner:innen aufzunehmen und ihnen gerecht zu werden. US-B\u00fcrger:innen aller politischen Schattierungen, Hintergr\u00fcnde und ethnischer Zugeh\u00f6rigkeit sollten mit der Vergangenheit brechen, die Zukunft erobern und dadurch neue Identit\u00e4t gewinnen. Die Botschaft musste als Aufruf verstanden werden, zu handeln, die Gelegenheiten beim Schopf zu packen und nicht passiv auf gew\u00fcnschte Ver\u00e4nderungen zu warten. \u00bbFragt nicht, was euer Land f\u00fcr euch tun kann \u2013 fragt, was ihr f\u00fcr euer Land tun k\u00f6nnt\u00ab, so Kennedy in seiner ber\u00fchmten Antrittsrede von 1961. Bereits zuvor, zur Nominierung als demokratischer Pr\u00e4sidentschaftskandidat, hatte Kennedy sein \u00fcbergreifendes Thema mit New Frontier, die neue Grenze, umrissen. Zu seinem Publikum im Memorial Coliseum in Los Angeles sprach er damals folgende ebenso ber\u00fchmt gewordene Worte:<\/p>\n<p>\u00bbThe New Frontier of which I speak is not a set of promises \u2013 it is a set of challenges. It sums up not what I intend to offer the American people, but what I intend to ask of them\u00ab 21<\/p>\n<p>auf Deutsch:<\/p>\n<p>\u00bbDie neue Grenze, von der ich spreche, ist keine Liste von Versprechungen \u2013 sie ist eine Reihe von Herausforderungen. Sie fasst nicht zusammen, was ich dem amerikanischen Volk anzubieten gedenke, sondern was ich von ihm verlangen m\u00f6chte.\u00ab<\/p>\n<p>Und so vernahm ein in sich tief gespaltenes Amerika aus dem Munde eines seiner f\u00fchrenden Politiker seit Langem wieder die Botschaft: Es gibt eine Aufgabe f\u00fcr jede\/n einzelne\/n B\u00fcrger:in, und sie anzugehen, wird zu einer besseren Gesellschaft f\u00fchren und ihre momentanen Verwerfungen und Krisenmerkmale heilen \u2013 sobald und solange nur alle an einem Strang ziehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1>Amerika entdeckt eine neue Perspektive im All<\/h1>\n<p>Kennedy entwickelte seine Idee von der New Frontier mit strategischem Geschick und ausgepr\u00e4gten Verst\u00e4ndnis f\u00fcr schlagkr\u00e4ftige Kommunikation. Denn es handelt sich um einen Begriff, den die meisten Amerikaner:innen unabh\u00e4ngig vom Bildungsgrad bereits aus dem Geschichtsunterricht kannten. Es waren die Siedler:innen, die Pionier:innen des 19. Jahrhunderts, die zun\u00e4chst in Planwagen und dann sp\u00e4ter mit der Eisenbahn nach Westen aufbrachen, um sich in einem neuen Gebiet niederzulassen, weit entfernt von den urspr\u00fcnglichen Orten in Neuengland an der Ostk\u00fcste des Kontinents \u2013 Menschen, die eine neue Grenze suchten und fanden.<\/p>\n<p>Der Aufbruch in die Weiten des mittleren Westens und an die Pazifikk\u00fcste war f\u00fcr die meisten ein Sprung ins Ungewisse, in finanzieller als auch in emotionaler und sozialer Hinsicht. Schlie\u00dflich lie\u00dfen die Siedler:innen gewohnte Gemeinschaftsstrukturen zur\u00fcck und begaben sich auf eine lange und gef\u00e4hrliche Reise in eine, wie sie erwarteten, bessere Zukunft. Bei der Expansion der Vereinigten Staaten nach Westen malten sich die Siedler:innen ein k\u00fcnftiges Ziel aus, das sie auf der Grundlage des Traums von Freiheit, Selbstst\u00e4ndigkeit und Unabh\u00e4ngigkeit f\u00fcr sich selbst entworfen hatten. Sie, die eigentlichen Protagonist:innen des amerikanischen Traums, waren entschlossen, ihre Zukunft selbst zu gestalten.<\/p>\n<p>Die endlosen Trecks mit Sack und Pack auf die andere Seite des Kontinents waren gewisserma\u00dfen der horizontale Prototyp f\u00fcr das von Kennedy vorangetriebene US-Raumfahrtprogramm, das in die Vertikale strebte, um dort nach neuen Grenzen zu suchen. Knapp ein Jahrhundert nach dem Aufbruch der Trecks in Richtung Westen sollte die NASA tats\u00e4chlich ihr erstes Raumfahrtprogramm auf die Beine stellen. Dem Sputnik-Schock trat Amerika mit der Gr\u00fcndung einer eigenen amerikanischen Raumfahrtbeh\u00f6rde entgegen. Und nicht einmal sechs Monate, nachdem ein russischer Satellit zum ersten Mal unseren Planeten umkreist hatte, zogen die USA mit ihrem Gegenst\u00fcck namens Explorer nach, in k\u00fcrzester Zeit gefolgt vom ersten Amerikaner im Weltraum, Alan B. Shepard \u2013 der allerdings, anders als Juri Gagarin, zun\u00e4chst nur einen suborbitalen Ausflug in die Schwerelosigkeit und keine Erdumrundung absolvierte. Kennedy ergriff die Gelegenheit, die sich durch die neue emotional besetzte Dynamik der Raumfahrt bot.<\/p>\n<p>Der Wettlauf ins All steckte zwar noch in den Kinderschuhen, er entwickelte sich aber rasch weiter. In verschiedenen Reden stellte der neue US-Pr\u00e4sident eine Zukunft f\u00fcr Amerika in Aussicht, die er eng mit der f\u00fchrenden Zukunftstechnologie seiner Zeit verband \u2013 der Raketentechnik. Tr\u00e4gerraketen wie die legend\u00e4re Saturn V, die st\u00e4rkste jemals gebaute ballistische Weltraummaschine, sollten die Planwagen seiner Generation werden. Und sie sollten bemannt sein mit Astronauten, die mit rustikalen Lebenserhaltungssystemen ausgestattet, eine neue Grenze auf dem Mond und vielleicht noch viel weiter drau\u00dfen finden sollten \u2013 und zwar noch \u00bbbevor das Jahrzehnt vorbei ist\u00ab, wie Kennedy forderte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-679358\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2022\/03\/cover.fischerappelt-1.jpg\" alt=\"\" width=\"400\" height=\"590\" \/><\/p>\n<p>Bernhard Fischer-Appelt: &#8222;Zukunftsl\u00e4rm. Welche Erz\u00e4hlungen helfen, das Morgen zu gestalten&#8220; 20 Euro, 272 Seiten, Redline Verlag. <a href=\"https:\/\/www.m-vg.de\/redline\/shop\/article\/22324-zukunftslaerm\/\">https:\/\/www.m-vg.de\/redline\/shop\/article\/22324-zukunftslaerm\/<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1>Der vertikale Siedler:innentraum als plausible Fiktion<\/h1>\n<p>F\u00fcr einen Mann wie Kennedy, der ein feines Gesp\u00fcr f\u00fcr \u00f6ffentliche Auftritte und griffige Botschaften hatte, war es nicht schwer, den Topos der Raumfahrt als wirkungsvolles Mittel einzusetzen, um so viele Landsleute wie m\u00f6glich zu mobilisieren. \u00bbWir haben uns entschlossen, in diesem Jahrzehnt zum Mond zu fliegen und all die anderen Dinge zu tun, nicht weil sie leicht sind, sondern weil sie schwer sind. Denn dieses Ziel wird dazu dienen, das Beste aus unseren Energien und F\u00e4higkeiten zu machen, weil diese Herausforderung eine ist, die wir bereit sind, anzunehmen, eine, die wir nicht aufschieben wollen, und eine, die wir beabsichtigen erfolgreich zu bew\u00e4ltigen.\u00ab So lauteten die Worte, die Pr\u00e4sident Kennedy 1962 unter tosendem Beifall auf der Trib\u00fcne der Rice University in Houston, Texas, sprach.<\/p>\n<p>In mehr als einer Hinsicht gab Kennedy mit dieser Rede und ihren Bildern dem tief im amerikanischen Bewusstsein verwurzelten Drang, hinter dem Horizont stets nach neuen Grenzen zu suchen, einen kr\u00e4ftigen Schub. Amerikas neue Grenze war nun weit jenseits der Stratosph\u00e4re zu finden, irgendwo da drau\u00dfen, wohin sich Russen und Amerikaner gerade erst zaghaft vorgewagt hatten. Dort, so die Botschaft Kennedys, hatten die Vereinigten Staaten von Amerika etwas<\/p>\n<p>Gr\u00f6\u00dferes zu erreichen \u2013 einen Menschen auf den Mond zu fliegen und in ferner Zukunft vielleicht sogar ein dauerhaftes Leben im Weltraum zu erm\u00f6glichen. Unter ihrem jungen Pr\u00e4sidenten w\u00fcrde sich das Land also nicht nur nach vorne, sondern auch gemeinsam nach oben bewegen. Welch besseren Zukunftsentwurf h\u00e4tte man der niedergeschlagenen und ersch\u00f6pften Supermacht zu dieser Zeit anbieten k\u00f6nnen? Der heute als Moonshot in den Geschichtsb\u00fcchern beschriebe erste Mondflug und die damals damit verbundenen Bilder und Vorstellungen befl\u00fcgelten die Fantasie und die Zielstrebigkeit vieler Amerikaner:innen, wenn nicht sogar der Menschen auf der ganzen Welt. Es war mit Sicherheit also eine \u00fcberzeugende und mitrei\u00dfende Zukunft.<\/p>\n<p>Doch, wenn man \u00fcber Kennedys Zukunftsnarrativ nachdenkt und es heute neu bewertet, wird klar, dass mehrere Faktoren eine Rolle spielten, um Zugkraft zu entwickeln. Das Vorhaben war zwar im Moment noch technisch nahezu unm\u00f6glich, fast unl\u00f6sbar, fiktional, aber es erschien plausibel. Es schien m\u00f6glich, es in naher Zukunft umsetzen zu k\u00f6nnen. Mit dem eigentlichen Vorhaben eng verbunden waren viele Ideen, die von Kennedy gar nicht angesprochen wurden und die sich der US-Amerikaner:innen vorstel-len konnte: ein l\u00e4ngeres Leben im Weltall, die Besiedelung anderer Planeten, der Abbau von Rohstoffen im All. Surreales, Unvorstellbares und v\u00f6llig Abgehobenes, genauso wie vielleicht eines Tages tats\u00e4chlich Machbares.<\/p>\n<p>Eine solche Projektionsfl\u00e4che zu schaffen ist sicher ein gro\u00dfes Erfolgsgeheimnis von Zuk\u00fcnften \u2013 aber eben auch eine Ursache f\u00fcr Zukunftsl\u00e4rm. Sich so mit Zuk\u00fcnften besch\u00e4ftigen zu k\u00f6nnen, dass man von dem Vielen, was auf der Projektionsfl\u00e4che gedacht, gezeigt und besprochen wird, das Plausible von reiner Fantasie unterscheiden kann, dazu soll dieses Buch bef\u00e4higen. Beim Nachdenken \u00fcber die Zukunft ist man oft versucht, Projektionen im Bereich des M\u00f6glichen anzusiedeln. Zukunftsentw\u00fcrfe, die in der Regel bereits M\u00f6glichkeiten und Vorstellungen wiederholen, sind jedoch nicht die Zuk\u00fcnfte, die eine starke Faszination und Anziehungskraft aus\u00fcben. Zuk\u00fcnfte, die die Menschen begeistern und mobilisieren, \u00fcberschreiten in der Gegenwart die Grenze des Machbaren, sind von heute aus gesehen unm\u00f6glich.<\/p>\n<p>Bei plausibler Fiktion geht es indes nicht um Prognosen und Vorhersagen alleine: Es geht darum, dass wir es uns erlauben, \u00fcber die Grenzen des M\u00f6glichen hinaus zu denken. Daher ist es sinnvoll, bei der Entwicklung und Konstruktion von Zuk\u00fcnften etwas Unm\u00f6gliches zu beschreiben, aber nicht etwas v\u00f6llig Illusorisches. Den Bereich zwischen noch Unm\u00f6glichem und dem Plausiblen nennen wir plausible Fiktion. Das Problem des Zukunftsl\u00e4rms besteht darin, dass er die Menschen daran hindern kann, an w\u00fcnschenswerten Zuk\u00fcnften mitzuwirken. Auf Risiken fixiert zu sein, die mit Zukunftsentw\u00fcrfen verbunden sind \u2013 das verhindert gewagte Zukunftsvorstellungen. Denn bei der Zukunftsgestaltung geht es nicht darum, potenzielle Risiken an die erste Stelle zu setzen. Es geht darum, Entwicklungsm\u00f6glichkeiten zu gestalten \u2013 sp\u00e4ter k\u00f6nnen die Chancen und Risiken eines Zukunftsentwurfes immer noch abgewogen werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1>Die Technologie des Kalten Kriegs st\u00fctzt ein starkes Zukunftsnarrativ<\/h1>\n<p>Einen Menschen auf den Mond zu fliegen und ihn sicher wieder zur Erde zur\u00fcckzubringen, das muss f\u00fcr viele Amerikaner:innen wie eine der k\u00fchnsten Vorhersagen geklungen haben, die jemals im grenzenlosen Raum der Zukunftsger\u00e4usche ge\u00e4u\u00dfert worden waren. Und doch wurde diese Vorhersage weniger als zehn Jahre sp\u00e4ter Wirklichkeit. Kennedy hatte also eine fein austarierte Vision gefunden: Anfangs schien sie unvorstellbar, aber vielleicht gerade noch plausibel genug, um die Menschen zu fesseln. Aber dann gewann sie mit dem rasanten Entwicklungstempo der Raumfahrttechnologie Ende der 1950er- und Anfang der 1960er-Jahre zunehmend an Plausibilit\u00e4t.<\/p>\n<p>Wie wir sp\u00e4ter in diesem Buch sehen werden, ist die Rolle der Technologie bei der Entwicklung von Zukunftsnarrativen entscheidend. Als Kennedy sein Amt antrat, befand er sich mitten im Kalten Krieg. Bei der Schl\u00fcssel\u00fcbergabe f\u00fcr Nummer 1600 Pennsylvania Avenue, der Adresse des Wei\u00dfen Hauses, standen Arsenale Hunderter russischer und amerikanischer Interkontinentalraketen mit Tausenden von Nuklearsprengk\u00f6pfen bereit, um im Fall der F\u00e4lle die USA, die UdSSR und viele andere Nationen vom Angesicht der Erde zu tilgen. Warum also sollte man dieses apokalyptische Arsenal nicht in eine Chance f\u00fcr eine potenzielle Zukunft verwandeln, indem man damit einen Menschen auf einen 384 000 Kilometer langen Flug zum Mond und wieder zur\u00fcckschickte? Kennedy erkannte, dass diese Chance eine technische M\u00f6glichkeit war, die man sich im politischen Sinn und im Interesse seiner Nation nicht entgehen lassen sollte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1>Die dystopische M\u00f6glichkeit, zu verlieren, st\u00e4rkt Kennedys Narrativ<\/h1>\n<p>Die Formulierung dieser plausiblen Fiktion, zum Mond zu fliegen, fand allerdings auch vor dem Hintergrund einer m\u00f6glichen Katastrophe statt, die f\u00fcr viele Amerikaner:innen durchaus vorstellbar war. Denn in den Augen vieler Strateg:innen, Beobachter:innen und der \u00d6ffentlichkeit des Westens schien der Kommunismus tats\u00e4chlich in der Lage zu sein, auf globaler Ebene zu triumphieren. Die Sowjetunion scheint dazu nicht einmal Interkontinentalraketen und Sprengk\u00f6pfe zu brauchen, dachten viele. Ob in Asien, Afrika, selbst im Hinterhof der USA, in Kuba, der Sozialismus schien \u00fcberall auf dem Vormarsch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Damals konnten die zugrundeliegenden wirtschaftlichen und demokratischen Unzul\u00e4nglichkeiten der noch recht jungen sozialistischen Gesellschaftsordnung noch nicht in der Dimension sichtbar werden. Die fundamentalen Konzeptionsfehler diskreditierten dieses System erst 40 Jahre sp\u00e4ter durch seinen vollst\u00e4ndigen gesellschaftlichen Bankrott, der sich im Fall der Berliner Mauer verewigte. In den 1960er-Jahren jedenfalls war der Kommunismus noch eine als real wahrgenommene Bedrohung. Und auch Kennedy konnte sich nicht sicher sein, ob sich der westliche Liberalismus letztlich gegen den Sowjetkollektivismus durchsetzen w\u00fcrde. Der junge US-Pr\u00e4sident vermochte wie jeder andere auch damals das Ergebnis des Kalten Krieges nicht vorherzusagen. Doch gerade deshalb w\u00fcrde die Eroberung einer neuen Grenze im Weltraum zeigen, dass sich die amerikanische Geschichte von Freiheit, Unabh\u00e4ngigkeit und Demokratie gelohnt und weiterentwickelt hatte.<\/p>\n<p>In Kennedys Rhetorik war auch enthalten, dass die USA f\u00fcr ihre Prinzipien und Ideale um jeden Meter k\u00e4mpfen w\u00fcrden \u2013 und auch dass die Nation gute Chancen h\u00e4tte, in diesem Kampf der gesellschaftlichen Systeme die Oberhand zu behalten. Die Dystopie, den Systemkampf zu verlieren, war wie ein schwarzes Loch, das Amerika und die ganze westliche Welt zu verschlucken drohte. An der Peripherie dieses schwarzen Lochs befand sich jedoch auch ein gewaltiges Ma\u00df an Energie, das die USA f\u00fcr ihre eigene Mobilisierung nutzen konnten. Es war diese fiktionale Energie, die Kennedy nutzte, um sein emotional schockstarres, politisch festgefahrenes Land aufzuwecken, um aufzubrechen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1>F\u00fcnf Kr\u00e4fte f\u00fcr die erfolgreiche Konstruktion von Zuk\u00fcnften<\/h1>\n<p>Die Mechanismen der Kennedy-Reden bringen in vielerlei Hinsicht auf den Punkt, was Narrative im heutigen Kommunikationsumfeld so wirkungsvoll macht. Erstens skizzieren sie zugleich eine alte und neue Utopie \u2013 einen Menschen auf den Mond zu bringen, mobilisiert weit mehr Vorstellungskraft f\u00fcr das Leben an und hinter dieser neuen Grenze im Weltraum. Raketen funktionieren f\u00fcr Orbitalfl\u00fcge um die Erde, warum sollten sie also nicht auch f\u00fcr den Start in die Tiefe des Alls genutzt werden? Und sie basieren auf einer Warnung vor einer Katastrophe oder Dystopie \u2013 in diesem Fall dem Triumph des Kommunismus im Weltraum. Wenn man also eine Zukunft plant, gilt es sich mit Utopien zu besch\u00e4ftigen, auch wenn sie von der jeweiligen Gegenwart aus betrachtet etwas absurd und kaum plausibel klingen.<\/p>\n<p>Gleichzeitig kann man sich aber auch dar\u00fcber klar werden, welche Katastrophen es zu vermeiden gilt und welche Kraft wof\u00fcr und wogegen zu mobilisieren ist. Utopie und Dystopie k\u00f6nnen also gleicherma\u00dfen ausformuliert werden, um eine \u00fcberzeugende Zukunft zu entwerfen. Im Allgemeinen funktionieren utopische Entw\u00fcrfe am besten, wenn sie bei vielen ihre Vorstellungskraft und plausible Fiktion mobilisieren und daraus auch ein Ziel entsteht, auf das alle hinarbeiten k\u00f6nnen, das aber letztlich, zumindest kurzfristig, noch unerreichbar ist. Solche Utopien sind also so etwas wie der heilige Gral des M\u00f6glichen, den alle suchen, den aber niemand ber\u00fchren darf oder sollte. Daf\u00fcr muss man weder ein junger Jules Verne sein noch die n\u00e4chste Suchmaschine nach Google entwickeln.<\/p>\n<p>Es reicht oft schon der Pokalgewinn eines Zweitligisten, zweistelliges Wachstum oder die Mobilisierung besonders vieler Anh\u00e4nger:innen: Vieles kann sehr utopisch sein. Der gro\u00dfe Gegenspieler ist jeweils die Dystopie, ein Worst-Case-Szenario, das es zu vermeiden gilt \u2013 der zweite Faktor. Es k\u00f6nnte aber auch etwas sein, das einen auch aus dem Nichts heraus treffen k\u00f6nnte, in Form apokalyptischer Katastrophen wie Monsterhurrikans, Asteroideneinschl\u00e4ge oder die Kernschmelzen in Tschernobyl, Fukushima oder Harrisburg.<\/p>\n<p>F\u00fcr eine Alltagsdystopie reicht schon eine einfache Pleite, der Abbau von Arbeitspl\u00e4tzen, der Abstieg in die zweite Liga oder ein sehr verlustreiches Jahr aus. Neben utopischen und dystopischen Elementen entwirft Kennedy jedoch auch \u00fcberzeugende Perspektiven f\u00fcr die erste Person Singular und Plural \u2013 das hei\u00dft f\u00fcr das Ich und das Wir in guten Zuk\u00fcnften. Ich, eine Amerikanerin, ein Amerikaner aus New Jersey, Austin oder Portland, werde pers\u00f6nlich etwas davon haben, wenn ich mich aktiv f\u00fcr eine Gesellschaft engagiere, der futuristische Ideen wie die Mondlandung gelingen. Gesellschaften, die solche Vorhaben verfolgen, brauchen Zusammenhalt und Unterst\u00fctzung. Zumindest auf individueller Ebene wird es eine Belohnung daf\u00fcr geben: ein Gef\u00fchl der Zugeh\u00f6rigkeit, der geteilten Zielsetzung, der Gemeinschaft und des Optimismus, aber auch eine Teilhabe am ideellen und materiellen Wachstum \u2013 das ist der dritte Erfolgsfaktor.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus haben Wir, die ganze amerikanische Nation, etwas zu gewinnen \u2013 Ausheilen nationaler Wunden, Auss\u00f6hnung sich fremdgewordener Menschen, nationale Sicherheit und globales Prestige, das sich aus einem friedlichen Sieg \u00fcber das gesellschaftliche System der Sowjetunion erg\u00e4be \u2013 der vierte Erfolgsfaktor. Der f\u00fcnfte schlie\u00dflich ist der Anschluss der Zukunftsidee an den technologischen Fortschritt und die Nutzung bereits vorhandener, aber noch ausbaubarer Technologien zur Erreichung gr\u00f6\u00dferer Ziele in einer vielversprechenden Zukunft. Etwas technologisch M\u00f6gliches (Raketen) f\u00fcr etwas technologisch Unm\u00f6gliches (ins All zu fliegen) zu mobilisieren und darauf eine wirtschaftliche (Satellitentechnologie) und gesellschaftliche Zukunft aufzubauen.<\/p>\n<p>Kennedys politische Botschaft fasst also perfekt zusammen, was ich als die f\u00fcnf entscheidenden Kr\u00e4fte f\u00fcr ein erfolgreiches Zukunftsnarrativ betrachte. Die f\u00fcnf Zukunftskr\u00e4fte sind ein Modell und systematischer Ansatz zur Aufdeckung und Artikulation des Spannungsfelds und die zugrundeliegenden narrativen Muster von Zuk\u00fcnften. Das Modell wurde mit der Absicht entwickelt, selbst Zuk\u00fcnfte zu konstruieren, es ist jedoch auch anwendbar, um andere dazu anzuregen, sich einer gemeinsamen Zukunft anzuschlie\u00dfen, und dar\u00fcber hinaus, um die im Zukunftsl\u00e4rm rauschenden Zukunftsprojektionen zu analysieren und zu bewerten. Hier wird das Modell angewandt, um Kennedys Version einer Zukunft f\u00fcr die USA zu analysieren. Das Modell ist ein Werkzeug, das die Entdeckung und Ausarbeitung von Zukunftsentw\u00fcrfen und deren Kommunikation erleichtert.<\/p>\n<p>Wenn man heute nach f\u00fchrenden Pers\u00f6nlichkeiten sucht, die ihre Kommunikationsstrategien bewusst auf Narrativen aufbauen, st\u00f6\u00dft man schnell auf Menschen wie Elon Musk, die die F\u00e4higkeit haben, andere zu motivieren und f\u00fcr optimistische Prognosen zu gewinnen. In gewisser Weise recycelt Musk dabei hin und wieder auch alte Narrative, wenn er zum Beispiel die Idee der Mars-Kolonisierung propagiert und gleichzeitig autonomen Verkehr und Elektromobilit\u00e4t vorantreibt. Auch sein Hyperloop-Projekt ist in gewisser Weise recycelt, denn der R\u00f6hrentransport als Verkehrsweg ist ein alter Ingenieurstraum, der bis ins 19. Jahrhundert zur\u00fcckreicht. Die zentrale Lehre, die man aus den Beispielen von Kennedy und Musk jedoch ziehen kann, ist, wie wichtig es ist, sich die Souver\u00e4nit\u00e4t \u00fcber die Zukunftstr\u00e4ume und die M\u00f6glichkeitsr\u00e4ume nicht aus der Hand nehmen zu lassen und dabei das Konzept plausibler Fiktion im Blick zu behalten, egal ob man nun ein Land oder ein Unternehmen f\u00fchren will. Solche Ideen f\u00fcr die Zukunft zu haben und formulieren zu k\u00f6nnen ist von unsch\u00e4tzbarem Wert.<\/p>\n<h1>Kennedy und Trump \u2013 zwei sehr unterschiedliche Ideen von Zuk\u00fcnften<\/h1>\n<p>Auch mehr als ein halbes Jahrhundert sp\u00e4ter, lange nachdem Kennedys Ziel durch das Apollo-Projekt der NASA erreicht worden war, erscheint die Herausforderung, die der 35. amerikanische Pr\u00e4sident angenommen hatte, immer noch beeindruckend futuristisch. Zumal, wenn man sie mit dem eher erdverbundenen Vorschlag des 45. Pr\u00e4sidenten der USA vergleicht, eine 2.000 Meilen lange Mauer an der Grenze zwischen den USA und Mexiko zu errichten. Auf der einen Seite steht Kennedy, der, wie es echte Staatsm\u00e4nner und -frauen tun sollten, die ganze Nation einen wollte und eine schillernde Gro\u00dftat mit globalem Prestigeanspruch vorschlug \u2013 technologisch anspruchsvoll und ungeheuer teuer, inmitten eines wirtschaftlichen Abschwungs. Auf der anderen Seite steht Donald Trump, der ein auf seine sektiererische W\u00e4hlerbasis ausgerichtetes populistisches Projekt des Spaltens mit gro\u00dfer Sichtbarkeit, begrenzten Kosten und wenig neuen technischen Herausforderungen im Kontext einer boomenden Wirtschaft anbot \u2013 und das letztlich unhaltbar war.<\/p>\n<p>Eindeutig hatten beide Pr\u00e4sidenten unterschiedliche Vorstellungen von Technologie und Gemeinschaft im Sinn. Auch wird der Unterschied zwischen der Entwicklung einer Saturn-V-Rakete und der Verarbeitung von Millionen Tonnen Stahl und Beton zu einer befestigten Barriere am Ende nebens\u00e4chlich, wenn das eigentliche Problem darin besteht, eine technologische Kraft f\u00fcr die Zukunft einer ganzen Nation zu mobilisieren. Beide Pr\u00e4sidenten setzten in ihrer Rhetorik eine \u00e4hnliche Form des technologischen Futurings ein, das darauf abzielt, Gemeinschaften hinter einer Herausforderung zu versammeln, die eine symbolische, identit\u00e4tsstiftende Dimension hat. Beide pr\u00e4sentierten ein klares Bild davon, wie die Zukunft aussehen k\u00f6nnte, wer daran beteiligt sein w\u00fcrde \u2013 und wer davon ausgeschlossen bliebe. Beide warnten vor den Gefahren der Unentschlossenheit und hoben die potenziellen Gewinne hervor, die durch mutiges Handeln erzielt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Doch w\u00e4hrend es bei Kennedys Vision, zum Mond zu fliegen, darum ging, Barrieren zu \u00fcberwinden und das Unm\u00f6gliche m\u00f6glich zu machen, steht Trumps Idee, eine Mauer zu bauen, offensichtlich f\u00fcr eine Vision, bei der es um Einschr\u00e4nkung, Begrenzung und R\u00fcckeroberung geht. Und doch argumentierten am Ende beide, dass ihre Projekte einem h\u00f6heren Zweck dienten: dem Schutz, der Motivation und der Unterst\u00fctzung der Gemeinschaft durch einen Sieg, der in einem engen Zusammenhang mit der Identit\u00e4t und der Bestimmung der Nation steht \u2013 auch wenn die Ziele und technologischen Ausf\u00fchrungen, die mit diesen beiden Zukunftserz\u00e4hlungen verbunden sind, nicht unterschiedlicher sein k\u00f6nnten. Als technologisches Zukunftsprojekt, das sein Kernziel mit relativ wenigen negativen Nebeneffekten erreichte, st\u00fctzte sich die Mondlandung der 1960er-Jahre auf f\u00fcnf wesentliche Merkmale: erstens, auf realistische Einsch\u00e4tzung der technischen M\u00f6glichkeiten zur Verwirklichung eines gewagten, aber klaren Ziels.<\/p>\n<p>Das war n\u00f6tig, auch um das erforderliche enorme Budget daf\u00fcr im Staatshaushalt unterzubringen. Zweitens, auf ein eindringliches Ziel f\u00fcr die Gemeinschaft, das von einer \u00fcberzeugenden, aber hinreichend unspezifischen Vision einer technologischen Zukunft ausging. Drittens, auf einen Zeitplan mit einem definitiven Endpunkt, an dem der Erfolg oder Misserfolg des technologischen Projekts n\u00fcchtern beurteilt werden konnte, der aber in diesem Fall auch hinter den potenziell m\u00f6glichen zwei Amtsperioden eines amerikanischen Pr\u00e4sidenten lag. Viertens blickte das Projekt auf gemeinsame Interessen, die es erm\u00f6glichten, dass die Unterst\u00fctzung f\u00fcr das technologisches Projekt aus einer Vielzahl unterschiedlicher Motive und Motivationen heraus m\u00f6glich war. Und f\u00fcnftens, auf ein Gleichgewicht zwischen positiver und negativer Motivation durch eine ehrliche Risikobewertung und den Verweis auf nachvollziehbare Pr\u00e4zedenzf\u00e4lle f\u00fcr \u00e4hnliche Erfolge und vergleichbares kooperatives Handeln \u2013 ob technologiebezogen oder nicht. Die fokussierte Natur dieses pragmatischen und integrativen Vorgehens macht es zu einem m\u00e4chtigen Instrument der Zukunftsgestal-tung und zu einem Vorbild, vor allem, wenn es darum geht, Interesse zu wecken f\u00fcr den technologischen Wandel und das enorme daf\u00fcr erforderliche Kapital einzuwerben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Takeaway \u2013\u00a0 unsere Zuk\u00fcnfte, Unm\u00f6gliches plausibel machen<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zuk\u00fcnfte\u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u2026in der Mehrzahl zu beschreiben, zeigt einen M\u00f6glichkeitsraum auf.<\/p>\n<p>\u2026sind in Kennedys Zukunftsnarrativ New Frontier und dem Moonshot vorbildhaft beschrieben.<\/p>\n<p>\u2026lassen sich mit dem Modell von f\u00fcnf Zukunftskr\u00e4ften gut untersuchen und beschreiben.<\/p>\n<p>\u2026unterscheiden sich von der Gegenwart durch das, was heute noch unm\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>\u2026werden einfacher entwickelbar, wenn plauwart durch das, was heute noch unm\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>\u2026werden einfacher entwickelbar, wenn plausible Fiktion und nicht nur Reales mobilisiert wird<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-676352\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/04\/Bloggerrelanvzlogo.2021-FAK_21-01_Siegel_Blogger-Relevanzindex_Top-20-Blogs-228x300.jpg\" alt=\"\" width=\"228\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/04\/Bloggerrelanvzlogo.2021-FAK_21-01_Siegel_Blogger-Relevanzindex_Top-20-Blogs-228x300.jpg 228w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/04\/Bloggerrelanvzlogo.2021-FAK_21-01_Siegel_Blogger-Relevanzindex_Top-20-Blogs.jpg 493w\" sizes=\"auto, (max-width: 228px) 100vw, 228px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-676731\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/06\/bloggerinnen.2021.neu_-300x212.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"212\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/06\/bloggerinnen.2021.neu_-300x212.jpg 300w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/06\/bloggerinnen.2021.neu_-424x300.jpg 424w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/06\/bloggerinnen.2021.neu_.jpg 650w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Copyright: @Claudia T\u00f6dtmann. Alle Rechte vorbehalten.\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Kontakt f\u00fcr Nutzungsrechte: claudia.toedtmann@wiwo.de<\/strong><\/p>\n<p><strong>Alle inhaltlichen Rechte des Management-Blogs von Claudia T\u00f6dtmann liegen bei der Blog-Inhaberin. Jegliche Nutzung der Inhalte bed\u00fcrfen der ausdr\u00fccklichen Genehmigung.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Buchauszug Bernhard Fischer-Appelt: &#8222;Zukunftsl\u00e4rm. Welche Erz\u00e4hlungen helfen, das Morgen zu gestalten&#8220;\u00a0 &nbsp; &nbsp; UNSERE ZUK\u00dcNFTE \u2013 WAS IST PLAUSIBEL UND WAS NICHT? Gute Narrative zu entwickeln, funktioniert am besten systematisch. An historischen Beispielen wie den politischen Initiativen John. F. Kennedys &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2022\/04\/06\/buchauszug-bernhard-fischer-appelt-zukunftslaerm-welche-erzaehlungen-helfen-das-morgen-zu-gestalten\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":19,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[10732,2186,1890,3847],"class_list":["post-679294","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-zukunftslaerm-welche-erzaehlungen-helfen-das-morgen-zu-gestalten","tag-bernhard-fischer-appelt","tag-buchauszug","tag-redline-verlag"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/679294","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/users\/19"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=679294"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/679294\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":679401,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/679294\/revisions\/679401"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=679294"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=679294"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=679294"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}