{"id":679203,"date":"2022-03-15T22:41:04","date_gmt":"2022-03-15T21:41:04","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/?p=679203"},"modified":"2022-03-15T22:41:04","modified_gmt":"2022-03-15T21:41:04","slug":"buchauszug-arno-luik-im-interview-mit-markus-lanz-als-die-mauer-fiel-war-ich-in-der-sauna-gespraeche-ueber-den-wahnsinn-dieser-zeit-mit-ferdinand-von-schirach-ina-mueller-yanis-varoufak","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2022\/03\/15\/buchauszug-arno-luik-im-interview-mit-markus-lanz-als-die-mauer-fiel-war-ich-in-der-sauna-gespraeche-ueber-den-wahnsinn-dieser-zeit-mit-ferdinand-von-schirach-ina-mueller-yanis-varoufak\/","title":{"rendered":"Buchauszug Arno Luik im Interview mit Markus Lanz:  \u201eAls die Mauer fiel, war ich in der Sauna. Gespr\u00e4che \u00fcber den Wahnsinn dieser Zeit mit Ferdinand von Schirach, Ina M\u00fcller, Yanis Varoufakis, Barbara Sch\u00f6neberger und vielen mehr\u201c"},"content":{"rendered":"<h2 id=\"author-name\" data-fontsize=\"20\" data-lineheight=\"25\">Buchauszug Arno Luik, Journalist und &#8222;Deutschlands f\u00fchrender Interviewer&#8220; (&#8222;Taz&#8220;): \u201eAls die Mauer fiel, war ich in der Sauna. Gespr\u00e4che \u00fcber den Wahnsinn unserer Zeit mit Ferdinand von Schirach, Ina M\u00fcller, Yanis Varoufakis, Barbara Sch\u00f6neberger, Jean Ziegler, Roland Kaiser, Sahra Wagenknecht und vielen mehr\u201c<\/h2>\n<h2 data-fontsize=\"20\" data-lineheight=\"25\"><\/h2>\n<h2 data-fontsize=\"20\" data-lineheight=\"25\">Einer davon\u00a0 ist TV-Moderator Markus Lanz. Der Westend Verlag schreibt:<\/h2>\n<p>&#8222;Markus Lanz, 1969 in S\u00fcdtirol geboren, hat im deutschen Fernsehen so ziemlich alles moderiert, was man moderieren kann: Kochshows, Jahresr\u00fcckblicke, Krawallsendungen. Seit 2008 hat er im ZDF seine eigene Talkshow \u00bbMarkus Lanz\u00ab, und seither schafft er &#8211; und das dreimal pro Woche -, was sonst im deutschen Fernsehen niemand schafft: seine Gespr\u00e4chspartner so zu befragen, dass man wirklich etwas erf\u00e4hrt \u2013 und zwar auf unterhaltsame Art, manchmal anr\u00fchrend, oft \u00fcberraschend. An Lanz sieht man auch, wie weichgesp\u00fclt die meisten TV-Gespr\u00e4chssendungen sind, an ihm sieht man, was Fernsehen sein kann und \u00f6ffentlicher Diskurs sein m\u00fcsste. Und so, weil ernsthafter, also auch kontroverser Diskurs fast ausgestorben ist, \u00fcberfordert er manchmal sein Publikum.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span class=\"markeshnqpiq9\" data-markjs=\"true\" data-ogac=\"\" data-ogab=\"\" data-ogsc=\"\" data-ogsb=\"\">Arno<\/span>\u00a0<span class=\"marku9av27blp\" data-markjs=\"true\" data-ogac=\"\" data-ogab=\"\" data-ogsc=\"\" data-ogsb=\"\">Luik<\/span> beginnt oft mit provozierenden Fragen, schon mit der ersten Antwort werden Leser in diese Gespr\u00e4che hineingezogen \u2013 und lesen Dinge, die sie anderswo nicht erfahren<b>.<\/b>\u00a0<span class=\"marku9av27blp\" data-markjs=\"true\" data-ogac=\"\" data-ogab=\"\" data-ogsc=\"\" data-ogsb=\"\">Luik<\/span>\u00a0verf\u00fchrt seine Gegen\u00fcber von Beginn an zu einer erstaunlichen Offenheit und schafft es, Brisantes aus ihnen herauszukitzeln\u00a0\u2013 oder Lustiges, oder Ber\u00fchrendes. Nun erscheinen \u00fcber zwanzig seiner besten Interviews in dem Buch<b>\u00a0\u201eAls die Mauer fiel, war ich in der Sauna.&#8220; <\/b>Ein\u00a0Gespr\u00e4chsband, aber auch eine\u00a0faszinierende Zeitreise, in der sich Geschichte auf eine mitrei\u00dfende Weise entfaltet: anekdotisch, politisch, intim.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Erz\u00e4hlt wird<b>\u00a0<\/b>auch die Geschichte vom \u201eGespenst\u201c\u00a0<span class=\"markeshnqpiq9\" data-markjs=\"true\" data-ogac=\"\" data-ogab=\"\" data-ogsc=\"\" data-ogsb=\"\">Arno<\/span>\u00a0<span class=\"marku9av27blp\" data-markjs=\"true\" data-ogac=\"\" data-ogab=\"\" data-ogsc=\"\" data-ogsb=\"\">Luik<\/span>, das angeblich beim &#8222;Spiegel&#8220;-Interview mit Yanis Varoufakis lauschte \u2013 eine Anekdote, die tagelang f\u00fcr Heiterkeit in der deutschen Medienbranche und bei ihren Lesern<b>\u00a0<\/b>sorgte. Als Faksimile abgedruckt sind zahlreiche\u00a0Korrekturen von Angela Merkel, die sie kurz vor Drucklegung des Interviews noch schickte und die den Autor fast in den Wahnsinn trieben.<\/p>\n<p>Der Theologe Hans K\u00fcng wiederum wollte sein Interview bei der Autorisierung nicht blo\u00df umschreiben, er wollte dar\u00fcber hinaus Titel, Vorspann und Bildunterschriften gestalten \u2013 ein Ansinnen, das\u00a0<span class=\"marku9av27blp\" data-markjs=\"true\" data-ogac=\"\" data-ogab=\"\" data-ogsc=\"\" data-ogsb=\"\">Luik<\/span>\u00a0per Brief zur\u00fcckwies mit den Worten: \u201eIch ziehe unser Gespr\u00e4ch zur\u00fcck.\u201c<\/p>\n<p><span class=\"markeshnqpiq9\" data-markjs=\"true\" data-ogac=\"\" data-ogab=\"\" data-ogsc=\"\" data-ogsb=\"\">Arno<\/span>\u00a0<span class=\"marku9av27blp\" data-markjs=\"true\" data-ogac=\"\" data-ogab=\"\" data-ogsc=\"\" data-ogsb=\"\">Luik<\/span>s Buch ist ein zeitloser Spiegel dieser Gesellschaft, es zeigt, warum wir wurden, wer wir sind: eine zerrissene, eine verst\u00f6rte, manchmal trotzdem sch\u00f6ne Welt &#8211; um die es sich lohnt, zu k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_x_xxmsonormal\"><strong>Aus dem Vorwort von Markus Lanz:\u00a0<\/strong>\u201eIch bin in meinem Berufsleben schon das eine oder andere Mal interviewt worden. Aber keines dieser Gespr\u00e4che war wie das mit\u00a0<span class=\"markpharfe115\" data-markjs=\"true\" data-ogac=\"\" data-ogab=\"\" data-ogsc=\"\" data-ogsb=\"\">Arno<\/span>\u00a0<span class=\"markhhbipd766\" data-markjs=\"true\" data-ogac=\"\" data-ogab=\"\" data-ogsc=\"\" data-ogsb=\"\">Luik<\/span> vom &#8222;Stern&#8220;. Ich war krank an dem Tag, so richtig, mit Fieber und so. Doch es stellte sich heraus: die Grippe war mein kleineres Problem. Das deutlich gr\u00f6\u00dfere hatte einen schw\u00e4bischen Akzent und hie\u00df <span class=\"markpharfe115\" data-markjs=\"true\" data-ogac=\"\" data-ogab=\"\" data-ogsc=\"\" data-ogsb=\"\">Arno<\/span>. Als die Anfrage kam, wusste ich schon, was mir bl\u00fchte. Ich kannte ja seine <strong>harten Interviews<\/strong>, und ich mochte sie. Von\u00a0<span class=\"markhhbipd766\" data-markjs=\"true\" data-ogac=\"\" data-ogab=\"\" data-ogsc=\"\" data-ogsb=\"\">Luik<\/span>\u00a0interviewt zu werden, war sicher kein Vergn\u00fcgen, aber in gewisser Weise ein <strong>Ritterschlag<\/strong>. Und nun war ich also selbst dran.\u00a0<span class=\"markhhbipd766\" data-markjs=\"true\" data-ogac=\"\" data-ogab=\"\" data-ogsc=\"\" data-ogsb=\"\">Luik<\/span>\u00a0hat mich nicht entt\u00e4uscht. Gut drei Stunden Attacke. Freundlich im Ton, hart in der Sache. Das Gespr\u00e4ch begann mit irgendeiner Unversch\u00e4mtheit \u00fcber einen sprachlichen Tick von mir. Ich erinnere mich nicht mehr so genau. \u201aUnsinn. Sie weichen aus!\u2018, w\u00fcrde\u00a0<span class=\"markhhbipd766\" data-markjs=\"true\" data-ogac=\"\" data-ogab=\"\" data-ogsc=\"\" data-ogsb=\"\">Luik<\/span>\u00a0jetzt einwerfen. Der Mann hat <strong>mich gegrillt<\/strong>. Ich wei\u00df noch: Nach dem Interview war ich richtig fertig. Nassgeschwitzt. Und das lag nicht nur an meinem Fieber.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_679206\" style=\"width: 442px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-679206\" class=\"size-full wp-image-679206\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2022\/03\/Arno-Luik_c_Andreas-Herzau-1-e1647304387632.jpg\" alt=\"\" width=\"432\" height=\"650\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2022\/03\/Arno-Luik_c_Andreas-Herzau-1-e1647304387632.jpg 432w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2022\/03\/Arno-Luik_c_Andreas-Herzau-1-e1647304387632-199x300.jpg 199w\" sizes=\"auto, (max-width: 432px) 100vw, 432px\" \/><p id=\"caption-attachment-679206\" class=\"wp-caption-text\">Arno Luik (Foto: PR\/ Andreas Herzau)<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Interview mit Markus Lanz: \u00bbDie Typen sitzen schon da mit gespannter Flinte\u00ab<\/strong><\/p>\n<p>Arno Luiks Interviews beginnen oft mit provozierenden Fragen, schon mit der ersten Antwort wird der Leser in diese Gespr\u00e4che hineingezogen \u2013 und liest Dinge, die er anderswo nicht gelesen hat. Arno Luik verf\u00fchrt seine Gegen\u00fcber von Beginn an zu einer erstaunlichen Offenheit und schafft es, Brisantes aus ihnen herauszukitzeln. Luiks Gespr\u00e4chsband \u201eAls die Mauer fiel, war ich in der Sauna. Gespr\u00e4che \u00fcber den Wahnsinn unserer Zeit&#8220; ist eine faszinierende Zeitreise, in der sich Geschichte auf eine mitrei\u00dfende Weise entfaltet: anekdotisch, politisch, intim. Sie zeigt, warum wir wurden, wer wir sind: eine zerrissene, eine verst\u00f6rte, manchmal trotzdem sch\u00f6ne Welt \u2013 um die es sich lohnt, zu k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Markus Lanz hat eine Lungenentz\u00fcndung, als er im Winter 2013 f\u00fcr unser Gespr\u00e4ch in meine Wohnung in Hamburg kommt. Obwohl er heftig angeschlagen ist, reden und streiten wir uns gut drei Stunden lang \u2013 der Mann hat Nehmerqualit\u00e4ten. Es geht an meinem Wohnzimmertisch, ohne Kameras und Publikum, ein wenig so zu wie in der Talkshow.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wow! Wow! Wow! Wow! Wow! Sensationell, Herr Lanz, great performance, sch\u00f6n, dass Sie da sind, Herr Lanz! Ich freu mich auf ein gro\u00dfartiges Gespr\u00e4ch! Herzlich willkommen, vielen Dank!<\/strong><\/p>\n<p>Herzlich willkommen in meiner Sendung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Danke. Wow. Wow. Wow. 20 Sekunden lang wow. Warum machen Sie das?<\/strong><\/p>\n<p>Das macht man ja nicht bewusst. Das war in meiner zweiten \u00bbWetten, dass ..?\u00ab-Sendung. Robbie Williams hatte vorher gesungen, und dann hat er mich angek\u00fcndigt, und die Halle tobte, drei-, vier-, f\u00fcnftausend Leute. Ich hatte damals nicht die Coolness rauszugehen und zu sagen: Sch\u00f6nen guten Abend, beruhigen Sie sich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Das Publikum im Saal klatscht, rast, Sie wissen, Millionen an den Fernsehschirmen schauen auf Sie \u2013 das ist ein Gef\u00fchl, wie wenn Weihnachten, Ostern, Geburtstag am selben Tag w\u00e4ren?<\/strong><\/p>\n<p>Nein, damit hat es gar nichts zu tun. Es ist eher wie Silvester am Brandenburger Tor.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Was hei\u00dft das?<\/strong><\/p>\n<p>Da knallt es einfach.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Im Kopf?<\/strong><\/p>\n<p>Da kommt Ihnen eine riesige Energiewelle entgegen, die Sie b\u00e4ndigen m\u00fcssen. Die Sekunde vor dem Auftritt, das ist der beschissenste und der gro\u00dfartigste Moment gleichzeitig. Sie k\u00f6nnen das ja nicht lernen. Es ist \u00e4hnlich, wie wenn Sie zum S\u00fcd- oder Nordpol marschieren. Sie k\u00f6nnen das nicht wirklich trainieren. Sie k\u00f6nnen es zwar geistig immer wieder durchspielen, aber letztendlich ist es nicht lernbar. Und jeder K\u00fcnstler wird Ihnen sagen, wenn er auf der B\u00fchne steht und 15 000 Leute toben \u2013 da muss man aufpassen, dass man nicht heult.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u00bbEs macht s\u00fcchtig\u00ab, meinte der Schauspieler Robert Redford, \u00bbseine Gef\u00fchle vor Massen auszuleben\u00ab.<\/strong><\/p>\n<p>So sehe ich das nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Dann bin ich beruhigt.<\/strong><\/p>\n<p>Warum?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Tja, die Lage ist f\u00fcr Sie doch fatal, richtig traurig.<\/strong><\/p>\n<p>Traurig?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sie stehen im Zenit und sind in Deutschland so bekannt wie nie zuvor, und doch sind Sie \u2026<\/strong><\/p>\n<p>Was? Was bin ich?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Ein erledigter Fall.<\/strong><\/p>\n<p>Ein erledigter Fall? Ich! Mein Gott, mein Gott. Bin ich ein winselndes H\u00e4ufchen Elend? Ich wusste gar nicht, dass jetzt hier mein Abgesang geschrieben wird. Mit Verlaub, ich seh das ein wenig anders. Ich hab ja bei stern.de \u2013 und ich musste schmunzeln \u2013 die \u00dcberschrift gelesen: \u00bbLanz ist das Hauptproblem\u00ab.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Und? Stimmt es nicht?<\/strong><\/p>\n<p>Ich muss jetzt mit aller Freundlichkeit sagen: Ich war nie das Hauptproblem. Ich war die L\u00f6sung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Das finde ich interessant.<\/strong><\/p>\n<p>Als es um die Nachfolge von Thomas Gottschalk ging, hat sich jeder in die B\u00fcsche geschlagen. Es war dramatisch. Jeder wusste, wie schwer es werden w\u00fcrde, jeder hatte Angst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sind Sie nun ein Held oder blo\u00df der Depp?<\/strong><\/p>\n<p>Ich hoffe, dass ich f\u00fcr meinen Sohn und meine Frau ein Held bin, und wenn der Rest mich als Deppen sieht, ist es auch in Ordnung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Thomas Gottschalk, der mehr als 20 Jahre \u00bbWetten, dass \u2026?\u00ab moderiert hat, meinte nach seinem Abgang, er hinterlasse \u00bbeinen abgenagten Knochen\u00ab.<\/strong><\/p>\n<p>Ja, genau. Und im Nachhinein sind ja alle, die sich verdr\u00fcckt haben, in ihren schlimmsten Vermutungen best\u00e4tigt worden. Das scheint mir der wahre deutsche Generationenvertrag zu sein: meckern \u00fcber die Deutsche Bahn, die Nationalmannschaft und \u00bbWetten, dass \u2026?\u00ab.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Verfluchen Sie heute den Tag, an dem Sie den Zuschlag f\u00fcr \u00bbWetten, dass \u2026?\u00ab bekamen?<\/strong><\/p>\n<p>Nein, aber es war auch kein Tag der Freude, als ich zusagte. Denn ich wusste ja, dass ich auf eine Lichtung rausgehe, und die Typen sitzen schon da mit gespannter Flinte, noch ehe das Wild die Lichtung betreten hat, etwa Ihr Kollege Stefan Niggemeier. Er hat mich im &#8222;Spiegel&#8220; erledigt, bevor die erste Minute gesendet war.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-679204\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2022\/03\/cover.Luik_.95RGB.jpg\" alt=\"\" width=\"414\" height=\"650\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2022\/03\/cover.Luik_.95RGB.jpg 414w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2022\/03\/cover.Luik_.95RGB-191x300.jpg 191w\" sizes=\"auto, (max-width: 414px) 100vw, 414px\" \/><\/p>\n<p>Arno Luik \u201eAls die Mauer fiel, war ich in der Sauna. Gespr\u00e4che \u00fcber den Wahnsinn unserer Zeit mit Ferdinand von Schirach, Ina M\u00fcller, Yanis Varoufakis, Barbara Sch\u00f6neberger, Jean Ziegler, Roland Kaiser, Sahra Wagenknecht und vielen mehr\u201c &#8211;\u00a0 288 Seiten, Westend Verlag, 24 Euro. <a href=\"https:\/\/www.westendverlag.de\/buch\/als-die-mauer-fiel-war-ich-in-der-sauna\/\"><strong>https:\/\/www.westendverlag.de\/buch\/als-die-mauer-fiel-war-ich-in-der-sauna\/<\/strong><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Er hat Sie als den \u00bbvielleicht gr\u00f6\u00dften Streber im deutschen Fernsehen\u00ab bezeichnet.<\/strong><\/p>\n<p>Ja, das ist ja noch harmlos, ist ja nicht alles.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>In seinem Medienblog erkl\u00e4rte er, weshalb er Sie f\u00fcr \u00bbunausstehlich\u00ab h\u00e4lt, n\u00e4mlich wegen der \u00bbPhrasen, der angestrengten und anstrengenden Vort\u00e4uschung des kritischen Nachfragens, der Wichtigtuerei\u00ab und \u00bbder verklemmten Zudringlichkeit und zudringlichen Verklemmtheit\u00ab.<\/strong><\/p>\n<p>Ja, doll. Interessant ist doch, dass die Leute, die sonst wortreich beklagen, dass im Fernsehen zu wenig nachgehakt werde, einem genau das vorwerfen! Der Ankl\u00e4ger hat \u00fcbrigens nie mit mir geredet: Zu viel Recherche k\u00f6nnte die sch\u00f6ne, b\u00f6se Geschichte ja kaputt machen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sie regen sich nun richtig auf.<\/strong><\/p>\n<p>\u00dcberhaupt nicht. Ich denke vielmehr, dass solch eine Attacke den Schreiber entlarvt. Wir sind ein freies Land, hier kann jeder sagen, denken und schreiben, was er will.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Ich glaube nicht, dass man solche Attacken so einfach wegsteckt.<\/strong><\/p>\n<p>Sie m\u00fcssen einfach lernen, gewisse Dinge zu beherrschen. Wenn Sie das nicht tun, gehen Sie kaputt. Sie m\u00fcssen in der Lage sein, wenn der Shitstorm kommt, gedanklich einfach mal sie Sp\u00fclung zu dr\u00fccken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sie klingen traurig.<\/strong><\/p>\n<p>An diesem Punkt habe ich keine Chance, das ist die Wahrheit. Es ist egal, wie Sie abbiegen, es ist immer falsch. \u00bbWetten, dass \u2026?\u00ab ist der gro\u00dfe Platzhirsch, vielleicht das letzte Generationen\u00fcbergreifende, Verbindende im deutschen Fernsehen. Jeder wei\u00df, wenn er den gro\u00dfen Platzhirsch attackiert, kriegt er Aufmerksamkeit, kriegen die Onlinemedien die gottverdammten Klicks, die sie brauchen \u2013 f\u00fcr Werbung. Es ist ein Gesch\u00e4ft. Es geht um Angebot und Nachfrage. Um knallharte Zahlen. Ums nackte \u00dcberleben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Und Sie sehen sich als ein Opfer.<\/strong><\/p>\n<p>Das ist jetzt billig! Ich bin kein Opfer irgendeiner medialen Entwicklung. Ich komme auch nicht hierher zu Ihnen in Sack und Asche. Ich sehe mich nicht als Verlierer. Wir reden hier nun aber \u00fcber etwas, was unsere Gesellschaft spalten kann, sie auf jeden Fall ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Was meinen Sie?<\/strong><\/p>\n<p>Es geht \u2013 vor allem von Online getrieben \u2013 nicht mehr darum, etwas m\u00f6glichst nachvollziehbar zu bewerten, es geht nicht mehr um die Suche nach Wahrheit, es geht prim\u00e4r darum, Klicks zu generieren. Punktgenau, ohne Redaktionsschluss, rund um die Uhr, l\u00e4sst sich abfragen; wenn ich die Geschichte in diese Richtung weitertreibe, kriege ich noch mehr Klicks, und oft gilt: je schriller, desto mehr Klicks.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>So sehen Sie das?<\/strong><\/p>\n<p>Wollen Sie das ernsthaft bestreiten? Was \u00bbWetten, dass \u2026?\u00ab angeht: Ich finde es schade, dass man Millionen Menschen etwas kaputtschreibt. Doch wenn Sie dauernd den Untergang herbeischreiben, dann kriegen Sie ihn auch. Wir haben sicherlich Fehler gemacht, aber wir mussten einfach ein paar Dinge ausprobieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Etwa dem Hollywoodschauspieler Gerald Butler Eisw\u00fcrfel in den Starschritt zu kippen?<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe zwei-, dreimal versucht, diese Szene anzuschauen, ich habe es fast nicht ausgehalten.\u00a0Sie Armer.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Ich dachte auch: Sie Armer. \u00bbGreat fun\u00ab nannten Sie das, und ich dachte nur: wie peinlich!<\/strong><\/p>\n<p>Na ja, jetzt wollen wir mal nicht \u00fcbertreiben. Aber Sie haben recht: Wir h\u00e4tten das nicht machen sollen. Wir haben die Macht der Bilder, die im Kopf entstehen, untersch\u00e4tzt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Oder in der letzten Sendung, als Christian wettete, er k\u00f6nne am Geschmack die Zahnpastamarke erkennen, die seine Freundin Maggy benutzt. Ihnen machte das Zungenk\u00fcssen vor Millionen viel Spa\u00df. Und Sie fanden das \u00bbsinnlich\u00ab, ich ziemlich geschmacklos.<\/strong><\/p>\n<p>Im deutschen Fernsehen wurden schon Pupse angez\u00fcndet vor laufender Kamera. Wo blieb da der Aufschrei der Anst\u00e4ndigen und Gerechten? Also bitte, Thomas Gottschalk steht in einer Calvin-Klein-Unterhose vor Christiane H\u00f6rbiger und sagt, es stehe zwar \u00bbklein darauf, ist aber gro\u00df drin\u00ab. Maggy und Christian sind ein sympathisches Paar, das sich kurz k\u00fcsst. Ein bisschen Liebe in lieblosen Zeiten, Herr Luik, mehr nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Ach so.<\/strong><\/p>\n<p>Mann, Sie sind so was von p\u00e4pstlich!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Gibt es eine Episode, die Sie aus Ihrem Fernsehleben streichen m\u00f6chten?<\/strong><\/p>\n<p>Die Mallorca-\u00bbWetten, dass \u2026?\u00ab-Sendung war ganz sch\u00f6n, ich habe mich wohlgef\u00fchlt, bis diese Limbo-Tanz-Geschichte begann. Die w\u00fcrde ich gerne streichen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Es gab Buhrufe des Publikums, weil die Kandidatin gegen alle Limbo-Regeln verstie\u00df.<\/strong><\/p>\n<p>Diese Nummer war nicht richtig vorbereitet. Aber es passieren einfach Dinge. Wir hatten verloren, als die Kandidatin meine Kollegin anschrie: \u00bbWir k\u00f6nnen jetzt gern bei Wikipedia gucken, liebe Cindy!\u00ab Ich sah dieses Flackern in ihren Augen, ich konnte nicht mehr einsch\u00e4tzen, was in ihrem Kopf vorgeht, ich hielt alles f\u00fcr m\u00f6glich. Diese Situation hat mir Angst gemacht und mich aus der Fassung gebracht. Am liebsten w\u00e4re ich aus der Arena gerannt. Aus einem netten Abend war pl\u00f6tzlich ein schlechter Tag geworden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Haben Sie damit gerechnet, dass alles so heftig wird?<\/strong><\/p>\n<p>Sagen wir mal so: Es kam alles so, wie ich es mir in meinen sch\u00f6nsten Tr\u00e4umen ausgemalt habe \u2013 wir haben tolle Momente erlebt. Es kam aber auch so, wie ich es mir in meinen schlimmsten Albtr\u00e4umen ausgemalt habe. Zum Schluss kam ja in der Zeile von bild.de, \u00bbFack ju, Lanz!\u00ab, noch mal der ganze Hass in seiner reinsten Form hoch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sie hatten die Chance, zu einer richtigen Entertainmentgr\u00f6\u00dfe zu werden und \u2026<\/strong><\/p>\n<p>Und was?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u2026 und in die Riege der ganz Gro\u00dfen aufzusteigen: zu Kulenkampff, Carrell, Rosenthal, Elstner. Doch nun sind Sie \u2026<\/strong><\/p>\n<p>\u2026 garantiert nicht der erledigte Fall, als den Sie mich sehen wollten. Ich gestehe: Daf\u00fcr, dass Sie mir die Letzte \u00d6lung verabreichen wollen, f\u00fchle ich mich ganz gut.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sie haben Historisches geleistet: \u00bbWetten, dass ..?\u00ab auf eine Quote von gerade noch 6,55 Millionen runtergebracht.<\/strong><\/p>\n<p>Was hei\u00dft denn \u00bbruntergebracht\u00ab und \u00bbgerade noch\u00ab? Ich finde das frech. Knallt die Auflage vom &#8222;stern&#8220; gerade in den Himmel? In der traditionellen Medienwelt herrscht doch zurzeit die nackte Panik. Glauben Sie mir, es l\u00e4uft ganz gut bei \u00bbWetten, dass ..?\u00ab. Wenn heute eine Show 4 Millionen holt, lese ich am n\u00e4chsten Tag: \u00bbStarke Quote!\u00ab und Sie werfen mir 6,5 Millionen vor! Und zwar \u00fcber einen ganzen, langen Fernsehabend? Und kommen mir mit \u00bbWow!\u00ab und \u00bbWuff!\u00ab? Geben Sie einem Menschen, der vorher noch am Samstagabend Fernsehen gemacht hat, einfach mal die Chance, sich reinzufuchsen! Nach der letzten Sendung gab\u2019s \u00fcbrigens ein paar sehr gute Kritiken. Man kann das leicht \u00fcbersehen, ich wei\u00df.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Frank Elstner, der \u00bbWetten, dass ..?\u00ab vor \u00fcber 30 Jahren miterfunden hat, hat Wochen vor der Sendung schlecht geschlafen. Und w\u00e4hrend der Sendung habe er so \u00bbgeschwitzt, dass ich mir in Hemden und Sakkos extra Dreiecke habe einn\u00e4hen lassen. Achselschwei\u00df ist nicht samstagabendtauglich.\u00ab<\/strong><\/p>\n<p>Und \u2013 was wollen Sie mir damit sagen? Wenn Sie keine guten Nerven haben, dann d\u00fcrfen Sie das nicht machen. Ich kann gut schlafen. Anders w\u00e4re es, wenn mein Arzt sagte: Herr Lanz, Sie haben Krebs, Sie haben noch sechs Monate. Dann w\u00fcrde ich wohl schwei\u00dfnasse H\u00e4nde bekommen. Welchen wirklichen Grund zur Beschwerde sollte ich denn haben? Ich bin ein sehr privilegiertes Mitglied dieser Gesellschaft. Ich f\u00fchl mich als Gl\u00fccksschwein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Vielleicht ist es mit dem Gl\u00fccksgef\u00fchl an diesem Samstag vorbei, denn dann ist in Augsburg Ihr n\u00e4chster Auftritt. Auf Ihnen muss ein Riesendruck lasten, diese Angst, dass noch weniger Leute \u00bbWetten, dass ..?\u00ab<\/strong>\u00a0<strong>angucken.<\/strong><\/p>\n<p>Wenn ich so denken w\u00fcrde, w\u00e4re das ein Albtraum.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Vielleicht ist dieser Samstagabend ja der Showdown f\u00fcr Sie.<\/strong><\/p>\n<p>V\u00f6lliger Quatsch. Das ist kein Showdown, es geht doch nur um ein bisschen Fernsehen. Ich habe jederzeit die Freiheit zu sagen: Okay, dann lassen wir es eben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Vielleicht w\u00e4re es gut f\u00fcr Ihr Seelenheil.<\/strong><\/p>\n<p>Nett, Herr Luik, dass Sie sich um mich sorgen. Aber jetzt aufzuh\u00f6ren w\u00e4re uncool. Schon um ein paar Leute aus der Meute zu \u00e4rgern, muss ich weitermachen. Das Wichtigste aber ist: Es gibt Millionen von Menschen, die diese Sendung lieben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Kann ich Sie mir als zufriedenen Menschen vorstellen?<\/strong><\/p>\n<p>Das k\u00f6nnen Sie ruhig tun, ja.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sie sind mit sich im Reinen.<\/strong><\/p>\n<p>Sollte ich das denn nicht sein? Handle ich mit Waffen, oder verkaufe ich Frauen? Was mache ich denn? Fernsehen. Ich mache dreimal in der Woche eine Talkshow, unsere Leute zerrei\u00dfen sich f\u00fcr diese Sendung. Der Lohn: Ihre Jobs sind in dieser unsicheren Branche ziemlich sicher. Das h\u00e4tte anders kommen k\u00f6nnen. Als die ARD vor drei Jahren in die Talkshow-Offensive ging, stand ich mal vor einer Plakatwand, auf der Jauch, Will, Plasberg, Maischberger, Beckmann zu sehen waren. Lauter erfolgreiche Leute, unsere Konkurrenz. Ich sah diese f\u00fcnf Menschen und dachte: Okay, ein Jahr noch, und dann habe ich keinen Job mehr.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sie haben sich behauptet.<\/strong><\/p>\n<p>Ja, unsere Einschaltzahlen sind so, dass wir nicht akut von Absetzung gef\u00e4hrdet sind. Und ich freu mich, wenn ich Abend f\u00fcr Abend anderthalb, 2 Millionen Menschen mit zufriedenem L\u00e4cheln ins Bett schicken kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Staunen Sie manchmal \u00fcber sich?<\/strong><\/p>\n<p>Wieso? Ich staune eher \u00fcber die Welt um mich herum. Ich bin mehr denn je der, der ich immer war.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Der Bub aus den S\u00fcdtiroler Alpen.<\/strong><\/p>\n<p>Ich wei\u00df sehr genau, wo ich herkomme. Ich wei\u00df sehr genau, aus welchem Holz ich geschnitzt bin.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sie sind hart.<\/strong><\/p>\n<p>Ich kann schon sehr hart zu mir selber sein, ja, das glaube ich schon. Wenn Sie jahrelang als Kind in der Dunkelheit zur Schule losziehen, zwei Kilometer durch meterhohen Schnee und dunklen Wald kerzengerade den Berg hochstapfen, dann kriegen Sie ein Selbstbewusstsein, sonst schei\u00dfen Sie sich vor Angst in die Hosen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Und Sie wollten den Erfolg.<\/strong><\/p>\n<p>Entschuldigen Sie mal, ich bin doch nicht auf der Welt, um keinen Erfolg zu haben. Jeder Mensch braucht Selbstbest\u00e4tigung, und jeder Mensch m\u00f6chte weiterkommen. Und wenn Sie aus so Verh\u00e4ltnissen kommen wie ich: Da willst du raus. Ich hatte keinen Bock, f\u00fcr den Rest meines Lebens arm zu bleiben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Ihr Vater starb sehr fr\u00fch.<\/strong><\/p>\n<p>Mein Vater starb mit 52 Jahren, ich war gerade 14. Er hatte Leuk\u00e4mie. Wir haben ihn t\u00e4glich im Krankenhaus besucht, das zog sich lange hin. Da liegt dein Vater, abgemagert, und er wird immer weniger. Entgegen allen Beteuerungen war mir klar \u2013 Kinder haben ja einen untr\u00fcglichen, unbestechlichen Instinkt \u2013, dass das kein gutes Ende nehmen wird. Am Ende lag er auf der Intensivstation, der schlimmste aller schlimmen F\u00e4lle. Dennoch war die Hoffnung da, dass es noch dieses Wunder gibt. Eines Tages wurde ich ins Internat zur\u00fcckgeschickt, sie meinten es gut, aber ich werfe es denen noch heute vor, denn so erfuhr ich vom Tod meines Vaters durch das Telefon. Es war bitter, dass ich nicht Abschied nehmen konnte, dass ich im entscheidenden Moment nicht dabei war.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Das schmerzt immer noch.<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt keinen d\u00fcmmeren Satz als \u00bbDie Zeit heilt alle Wunden\u00ab. Das ist nicht wahr. Man lernt allenfalls, mit der Trauer umzugehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Der Tod Ihres Vaters \u2026<\/strong><\/p>\n<p>Das war schwierig danach. Ich wei\u00df sehr genau, was Existenz\u00e4ngste sind. Meine Mutter stand mit ihren drei Kindern allein da, sie musste uns irgendwie durchbringen, es ging oft Spitz auf Knopf. Sie schaffte es, sie war z\u00e4h, und ich ziehe meinen Hut vor ihrer Lebensleistung. Ich hatte kein Geld, um coole Jeans zu kaufen. Da war zu wenig Geld, um in irgendeinen Laden zu gehen und einfach mal was zu kaufen. Wir Kinder trugen die alten Klamotten von Touristen auf. Da f\u00fchlt man sich schei\u00dfe. Das ist nicht gut f\u00fcrs Selbstwertgef\u00fchl. Mein erstes gutes Fahrrad, es war ein gebrauchtes BMX-Rad, habe ich von einem Jungen bei Aschaffenburg geschenkt bekommen.<\/p>\n<p>Das hat mich gepr\u00e4gt. Ich habe lange gebraucht, um wirklich zu glauben \u2013 und diese \u00dcberzeugung musste ich mir richtig erarbeiten \u2013, dass ich es wohl immer irgendwie schaffen werde, f\u00fcr meine Familie die Miete zu bezahlen und Essen auf den Tisch zu bringen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sie haben schon fr\u00fch Geld verdient.<\/strong><\/p>\n<p>Ich musste einfach ran. Seit ich 12, 13 bin, verdiene ich mein eigenes Geld. Mit meinem Bruder habe ich in Hotels und Clubs Musik gemacht, ich am Keyboard, mein Bruder hat gesungen. Wir sind dreimal in der Woche aufgetreten, das war richtig harte Arbeit. Mein erstes richtiges Silvester, also mit Freunden, hatte ich erst mit 25, 26 Jahren. Vorher war ich immer unterwegs, denn an Silvester gab es doppelte Gage.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u00bbWe gotta get out of this place, if it\u2019s the last thing we ever do!\u00ab, singt Eric Burdon.<\/strong><\/p>\n<p>Ja, ich hab fr\u00fch kapiert, dass Musik die Chance f\u00fcr mich ist, um rauszukommen aus dem allen. Hoteliers haben uns gebucht, wir sind dann vor deutschen Reisegruppen aufgetreten, \u00e4ltere Herrschaften meist, die zwei nette Jungs in Lederhosen erwarteten, adrette Bergbauernbuben, die jodeln und den Folklorekasper machen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Und?<\/strong><\/p>\n<p>Ich habe nie in meinem Leben gejodelt, auch keine Tracht getragen f\u00fcr die Touristen. Wir haben die oft entt\u00e4uscht. Wir haben die Pet Shop Boys gespielt, die Hitparade rauf und runter, und wenn sich die Tanzfl\u00e4che bedrohlich leerte, dann haben wir halt \u00bbDie rote Sonne von Barbados\u00ab gespielt, dann war der Abend wieder gerettet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Und jetzt sind Sie der bekannteste Italiener im deutschen Fernsehen.<\/strong><\/p>\n<p>Ich bin da irgendwie reingerutscht. Ich hatte nie das dringende Bed\u00fcrfnis, Fernsehen zu machen. Ich wollte zum Radio, wollte eigentlich nur Musikproduzent werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Warum denn das?<\/strong><\/p>\n<p>Weil der das richtig gemacht hat! Er steht nicht auf der B\u00fchne, aber er verdient mit \u2013 und keine Sau kennt ihn! Er hat also all die Risiken und Nebenwirkungen, die Bekanntheit mit sich bringt, nicht zu ertragen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>K\u00f6nnen Sie Ihrer Mutter die Welt erkl\u00e4ren, in der Sie sich heute bewegen?<\/strong><\/p>\n<p>Das muss ich nicht. Sie ist eine sehr geerdete Frau, die \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>\u2026 \u00fcber Sie sagt: \u00bbEr hat sein Leben, ich habe mein Leben.\u00ab<\/strong><\/p>\n<p>So. Das sind diese Nebenwirkungen. Ihr Zitat kommt aus der &#8222;S\u00fcddeutschen Zeitung&#8220;. Meine Mutter ist eine alte Frau von fast 80 Jahren. Da kommt Ihr Kollege von der &#8222;S\u00fcddeutschen&#8220; und bringt diese Frau, die h\u00f6flich sein will, in Not. Sie will ihre Ruhe, sie sagt also einen Satz, der so klingt, als ob sie sich von mir distanziert. Aber das will sie gar nicht. Es ist nur der hilflose Satz einer einfachen Frau, die sagen m\u00f6chte: \u00bbLassen Sie mich doch bitte in Ruhe!\u00ab Ich habe lange gebraucht, ihr zu erkl\u00e4ren, dass es nicht unh\u00f6flich ist, Klatschreporter rauszuschmei\u00dfen, die mit Blumen in der Hand vor der T\u00fcr stehen und ihr weismachen wollen, sie seien extra ihretwegen aus Deutschland angereist, weil sie sich \u00bbSorgen\u00ab um sie machten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Denken Sie manchmal: \u00bbVerdammt, warum mach ich das alles?\u00ab<\/strong><\/p>\n<p>Nein, ich mache meine Arbeit sehr gerne, ich bin da mit Haut und Haaren dabei. Aber ich muss bei allem immer den zweiten Schritt mitdenken. Ich habe, das ist nat\u00fcrlich bl\u00f6d, notgedrungen immer eine Schere im Kopf.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Auch jetzt bei diesem Gespr\u00e4ch?<\/strong><\/p>\n<p>Klar, aber was soll ich machen? Ich liefere mit jedem Satz eine neue m\u00f6gliche absurde Schlagzeile f\u00fcr die Regenbogenpresse. Soll ich in diese Fallen tappen? Nein. Neulich bringe ich morgens um halb acht mit meinem Sohn den M\u00fcll runter. Da sitzt einer von diesen Flitzpiepen der Yellow Press mit seinem Fotoapparat hinterm Geb\u00fcsch. Es ist ekelhaft, wenn man so beobachtet wird, so im Halbdunkel. Und dann wird das Bild auch noch gedruckt. Ich klage fast jede Woche, damit wir unsere Ruhe haben.<\/p>\n<h2 data-fontsize=\"20\" data-lineheight=\"25\"><\/h2>\n<p><strong>In Ihrem Bildband Gr\u00f6nland tr\u00e4umen Sie von einem Ausstieg aus dem Gesch\u00e4ft, Sie sind im Fernsehstudio: \u00bbPublikum ist da\u00ab, schreiben Sie, \u00bballe wollen bespa\u00dft werden. Da habe ich einen Moment gedacht: Okay, ich lauf jetzt raus und komm nie wieder zur\u00fcck. Ich bin einfach weg.\u00ab<\/strong><\/p>\n<p>Ich kam da direkt aus der Arktis, vom n\u00f6rdlichsten Ort auf diesem Planeten. Wenn Sie von dort zur\u00fcckkommen, wo es so unglaublich still ist, dann tun Sie sich schwer mit dem L\u00e4rm eines Studios. Da stehen 150 Leute vor Ihnen, warten und freuen sich auf Alfons Schuhbeck \u2013 und der L\u00e4rm treibt Sie fast die W\u00e4nde hoch. Ich mag Ruhe, Einsamkeit \u2013 ich bin kein Stadtkind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Dann m\u00fcssen Sie ja f\u00fcrchterlich leiden: Sie wohnen in K\u00f6ln, Sie arbeiten in Hamburg \u2013 wo ist Ihre Heimat?<\/strong><\/p>\n<p>Heimat ist f\u00fcr mich S\u00fcdtirol. Dieses Gef\u00fchl ist ganz stark verbunden mit bestimmten Bergen, bestimmten B\u00e4umen und bestimmten Ger\u00fcchen. Im Fr\u00fchjahr riecht es ganz anders als im Herbst, harzig, im Herbst sp\u00fcren Sie in jeder Sekunde, dass der Winter kommt, und es ist sch\u00f6n zu sehen, wie die Natur einschl\u00e4ft.<\/p>\n<p>Manchmal zelte ich mit Freunden oben auf dem Berg, auf 2 500 Metern. Du h\u00f6rst nichts au\u00dfer ein bisschen Kuhglockengebimmel, und du schaust aus dem Zelt raus und siehst einen wahnsinnigen Sternenhimmel. Diese wundersch\u00f6ne Landschaft. Sie schauen auf die Dolomiten und denken an die alte Sage von der Mondprinzessin, die den Prinzen aus den Dolomiten geheiratet hat. Sie hatte Heimweh nach dem Mond, und auf Wunsch des Prinzen haben dann Hunderte von Feen das Mondlicht zu F\u00e4den gesponnen und damit die Dolomiten \u00fcberzogen. Dann wurden die Dolomiten bleich. Und dieses besondere Gestein reflektiert nachts das Mondlicht und \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sie sind ein Romantiker.<\/strong><\/p>\n<p>Das ist Heimat. Und deswegen k\u00f6nnte ich nie auch nur ein Tal weiter wohnen, nicht im Vinschgau, nicht in Bozen oder Meran. Manchmal stehe ich abends auf meinem Balkon, sehe das alles, bin \u00fcberw\u00e4ltigt, und dann denke ich: \u00bbWow, wow, wow. Was f\u00fcr eine gro\u00dfartige Show!\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_x_xxmsonormal\"><strong>Zum Autor: <\/strong><span class=\"markpharfe115\" data-markjs=\"true\" data-ogac=\"\" data-ogab=\"\" data-ogsc=\"\" data-ogsb=\"\">Arno<\/span>\u00a0<span class=\"markhhbipd766\" data-markjs=\"true\" data-ogac=\"\" data-ogab=\"\" data-ogsc=\"\" data-ogsb=\"\">Luik<\/span>, geboren 1955, war Reporter f\u00fcr &#8222;Geo&#8220; und den Berliner &#8222;Tagesspiegel&#8220;, Chefredakteur der &#8222;taz&#8220;, Vizechef der &#8222;M\u00fcnchner Abendzeitung&#8220; und langj\u00e4hriger Autor der Zeitschrift &#8222;Stern&#8220;. Gespr\u00e4che von &#8222;Deutschlands f\u00fchrendem Interviewer&#8220; (taz, Peter Unfried) sind in mehr als 25 Sprachen \u00fcbersetzt worden; f\u00fcr sein Gespr\u00e4ch mit Inge und Walter Jens wurde <span class=\"markhhbipd766\" data-markjs=\"true\" data-ogac=\"\" data-ogab=\"\" data-ogsc=\"\" data-ogsb=\"\">Luik<\/span>\u00a02008 als &#8222;Kulturjournalist des Jahres&#8220; ausgezeichnet. F\u00fcr seine Enth\u00fcllungen in Sachen Stuttgart 21 erhielt er den &#8222;Leuchtturm f\u00fcr besondere publizistische Leistungen&#8220; des Netzwerks Recherche. Zuletzt erschien von ihm bei Westend der Bestseller &#8222;Schaden in der Oberleitung &#8211; Das geplante Desaster der Deutschen Bahn&#8220; (2019).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-676352\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/04\/Bloggerrelanvzlogo.2021-FAK_21-01_Siegel_Blogger-Relevanzindex_Top-20-Blogs-228x300.jpg\" alt=\"\" width=\"228\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/04\/Bloggerrelanvzlogo.2021-FAK_21-01_Siegel_Blogger-Relevanzindex_Top-20-Blogs-228x300.jpg 228w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/04\/Bloggerrelanvzlogo.2021-FAK_21-01_Siegel_Blogger-Relevanzindex_Top-20-Blogs.jpg 493w\" sizes=\"auto, (max-width: 228px) 100vw, 228px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-676731\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/06\/bloggerinnen.2021.neu_-300x212.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"212\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/06\/bloggerinnen.2021.neu_-300x212.jpg 300w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/06\/bloggerinnen.2021.neu_-424x300.jpg 424w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/06\/bloggerinnen.2021.neu_.jpg 650w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Copyright: @Claudia T\u00f6dtmann. Alle Rechte vorbehalten.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Kontakt f\u00fcr Nutzungsrechte: claudia.toedtmann@wiwo.de<\/strong><\/p>\n<p><strong>Alle inhaltlichen Rechte des Management-Blogs von Claudia T\u00f6dtmann liegen bei der Blog-Inhaberin. Jegliche Nutzung der Inhalte bed\u00fcrfen der ausdr\u00fccklichen Genehmigung.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Buchauszug Arno Luik, Journalist und &#8222;Deutschlands f\u00fchrender Interviewer&#8220; (&#8222;Taz&#8220;): \u201eAls die Mauer fiel, war ich in der Sauna. 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