{"id":679024,"date":"2022-05-15T16:13:45","date_gmt":"2022-05-15T14:13:45","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/?p=679024"},"modified":"2022-06-14T00:07:22","modified_gmt":"2022-06-13T22:07:22","slug":"die-masse-machts-der-naechste-industrieskandal-kommt-bestimmt-zur-freude-der-anwaelte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2022\/05\/15\/die-masse-machts-der-naechste-industrieskandal-kommt-bestimmt-zur-freude-der-anwaelte\/","title":{"rendered":"Die Masse macht\u00b4s: Der n\u00e4chste Industrieskandal kommt bestimmt &#8211; zur Freude der Anw\u00e4lte"},"content":{"rendered":"<h1><\/h1>\n<h1>Zwei Gro\u00dfkanzleien bauen eigene Units auf f\u00fcr die Verteidigung ihrer Unternehmensmandanten gegen die Kl\u00e4gerindustrie mit ihren Massenklagen. Sie machen ernst und heuern neue Leute an.<\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1>(Zuerst <strong>erschienen<\/strong> in der WirtschaftsWoche Februar 2022, hier die Langfassung. )<\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein Vorstellungsgespr\u00e4ch bei einer Tasse Tee auf hohen Stufen mit Sitzkissen in einer offenen Atriumhalle zwischen vielen Gr\u00fcnpflanzen in einem hypermodernen B\u00fcrogeb\u00e4ude &#8211; das war nicht das, was der junge Jurist von einer Wirtschaftskanzlei wie Fieldfisher erwartet hatte. Hatte er doch vorher schlechte Erfahrungen mit der straffen Hierarchie in Gro\u00dfkanzleien und dem Standesd\u00fcnkel von Anw\u00e4lten gegen\u00fcber den anderen Kanzleimitarbeitern gemacht und wollte sich das nicht mehr antun, erz\u00e4hlt <a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2022\/02\/18\/exklusiv-jan-wildhirth-baut-als-chef-von-fieldfisher-x-ein-50-mann-team-auf\/\">Jan Wildhirth<\/a> von Fieldfisher. \u201eAber vielleicht konnte ich ihn ja von unserer neuen Unit \u00fcberzeugen, ein Hierarchiegef\u00e4lle wird es da nicht geben\u201c, ist Wildhirth \u00fcberzeugt. Denn der junge Mann ist sein Wunschkandidat: Mit einem Jurastudium in Gro\u00dfbritannien und vor allem einem Master in Computer Science obendrauf besetzt der genau die Schnittstelle, f\u00fcr die Wildhirth Kandidaten sucht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Juristisches Know-how plus IT-Kompetenzen ist das, was Fieldfisher f\u00fcr ein neues cross-funktionales Team braucht. Auch Wildhirth selbst hat nach seinem Studium an der Bucerius-Law-School die renommiertesten Kanzleien wie Hengeler Mueller oder Freshfields von innen gesehen und mehrere Jahre in der LegalTech-Szene gearbeitet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_679043\" style=\"width: 440px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-679043\" class=\"size-full wp-image-679043\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2022\/02\/wildhirth.2-e1645144102114.jpg\" alt=\"\" width=\"430\" height=\"433\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2022\/02\/wildhirth.2-e1645144102114.jpg 430w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2022\/02\/wildhirth.2-e1645144102114-298x300.jpg 298w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2022\/02\/wildhirth.2-e1645144102114-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 430px) 100vw, 430px\" \/><p id=\"caption-attachment-679043\" class=\"wp-caption-text\">Jan Wildhirth (Foto: C. T\u00f6dtmann)<\/p><\/div>\n<h1><\/h1>\n<h1>Die Masse macht\u00b4s<\/h1>\n<p>Seit Januar hat der Berliner eine besondere Mission: An der hippen B\u00fcroadresse \u201eEdge\u201c eine eigene 50-Mann-Truppe mit dem Namen Fieldfisher X aufzubauen. Deren Aufgabe ist es, die massenhaften Klagen gegen ihre Unternehmensmandaten abzuwehren \u2013 durch skalierbare Rechtsdienstleistungen. Denn diese F\u00e4lle nehmen seit einigen Jahren immer weiter zu. Mal kommen sie von Dieselk\u00e4ufern, mal von Bankkunden wegen zu hoher Kontogeb\u00fchren mal von Gesch\u00e4digten verbotener Kartelle.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1>Niedrige Streitwerte, aber trotzdem gute Einnahmequellen<\/h1>\n<p>Attackiert werden stets gro\u00dfe Unternehmen, von denen Kunden Schadenersatz verlangen. Weil die F\u00e4lle in -zig Rechtsgebiete hineinspielen, wollen die Fieldfisher X- Spezialisten zusammen mit den schon vorhandenen Kartellrechts-, Compliance-, Datenschutzexperten und anderen Spezialisten der Kanzlei aus London mit dieser eigenen Unit ein neues Gesch\u00e4ftsfeld erschlie\u00dfen: Die Abwehr f\u00fcr Unternehmen von Massenklagen wie beispielsweise Dieselk\u00e4ufern, Bankkunden, Kartellgesch\u00e4digten oder Datenschutz-Opfern. Oft geht es um Streitwerte, die sonst f\u00fcr die gro\u00dfen Wirtschaftskanzleien mit ihren hohen Stundens\u00e4tzen allzu kleine Fische sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1>Die Massenklagen werden weiter gehen<\/h1>\n<p>Fieldfisher ist die andere Gro\u00dfkanzlei, die pl\u00f6tzlich Pioniergeist beweist: Auch der Branchenprimus wartet mit einer eigenen Unit zur Verteidigung seiner Unternehmensmandanten gegen Massenklagen auf &#8211; nur mit einem anderen Konzept.<\/p>\n<p>Beide Kanzleien erwarten auch nach der \u00c4ra der Tausenden von Dieselklagen und viel Gesch\u00e4ft mit Massenklagen. Und beide wollen gerne auch dann zu Diensten sein, wenn die Unternehmen Klagen vermeiden und es mit Produktr\u00fcckrufen oder Vergleichszahlungen versuchen wollen. Dass es auch nach dem LKW-Skandal und der Dieselaff\u00e4re weiter geht, davon d\u00fcrfte auszugehen sein. Jurist Malte St\u00fcbinger vom belgischen Prozessfinanzierer Deminor ist sicher: &#8222;Der n\u00e4chste Industrieskandal kommt bestimmt.&#8220;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Immerhin kalkuliert Freshfields mit bis zu viermal soviel Manpower wie FieldfisherX. 100 bis 200 Anw\u00e4lte will die Law Firm aus London in vier Universit\u00e4tsst\u00e4dten einstellen. F\u00fcr die erste, mitten in M\u00fcnster auf der Haupteinkaufstrasse, der Ludgeristrasse 54, hat sie k\u00fcrzlich den Mietvertrag f\u00fcr 330 Quadratmeter B\u00fcrofl\u00e4che unterschrieben, berichtet Patrick Schr\u00f6der. Er ist der verantwortliche Partner bei Freshfields, aber gerade kein LegalTech-Profi wie Wildhirth, sondern einer der Top-Schiedsverfahrensrechtler in Deutschland. Was auf ersten Blick merkw\u00fcrdig scheint, hat Sinn. Nicht jedes Unternehmen will massenhaft Prozesse vor Gericht riskieren und streiten, sondern lieber fr\u00fchzeitig durch die Anw\u00e4lte Vergleiche schlie\u00dfen lassen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch Schr\u00f6der hat die Suche nach passenden Kandidaten f\u00fcr \u201edie neue Einheit der Konfliktl\u00f6sungspraxis\u201c wie er es im Stellenangebot nennt, gerade begonnen: Ein befriedigendes Examen reicht f\u00fcr die M\u00fcnsteraner Unit, Reisebereitschaft zu den vielen Gerichtsterminen ist erforderlich, die Vertr\u00e4ge seien befristet auf zwei Jahre. LegalTech-Erfahrung dagegen kommt gar nicht vor.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Damit liegen die Eintrittsh\u00fcrden in M\u00fcnster unter denen der Anw\u00e4lte, die Freshfields sonst sucht. Ebenso wie die Bezahlung: Insider berichten von Jahresgeh\u00e4ltern um die 100 000 Euro f\u00fcr die neuen Verteidigeranw\u00e4lte. Das liegt zwar deutlich unter der Edeltruppe im Mutterhaus mit Einstiegsgeh\u00e4ltern von 140 000 Euro, aber trotzdem noch \u00fcber manch anderer Gro\u00dfkanzlei. Ganz abgesehen davon, dass die Fallbearbeitung nicht so anspruchsvoll ist wie ein komplexer M&amp;A-Deal.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_679479\" style=\"width: 490px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-679479\" class=\"size-full wp-image-679479\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2022\/04\/Muenster-e1650416147423.jpg\" alt=\"\" width=\"480\" height=\"500\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2022\/04\/Muenster-e1650416147423.jpg 480w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2022\/04\/Muenster-e1650416147423-288x300.jpg 288w\" sizes=\"auto, (max-width: 480px) 100vw, 480px\" \/><p id=\"caption-attachment-679479\" class=\"wp-caption-text\">M\u00fcnster (Foto: J.Kindermann)<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eDieses Massengesch\u00e4ft ist sehr attraktiv, doch die Wahrnehmung in der Branche ist bisher eine andere\u201c, urteilt Fieldfisher X-Chef Wildhirth.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch Freshfields wurde davon \u00fcberrascht und unversehens zum Lehrbeispiel, wie profitabel Massenklagen auch f\u00fcr eine Gro\u00dfkanzlei sind. Vorausgesetzt, man managt die viele Arbeit gut. Anfangs kassierte Freshfields noch Honorare nach Stundens\u00e4tzen von ihren Unternehmensmandanten, musste sich dann aber auf Abrechnung nach der deutlich niedrigeren, gesetzliche Geb\u00fchrenordnung einlassen. Die Junganw\u00e4lte, die sich eigentlich auf Patentrecht oder M&amp;A spezialisieren wollten, mussten mit ran und durften \u00fcber Jahre nur noch Dieself\u00e4lle abarbeiten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1>Allein 19 Kanzleien in der Verteidigungslinie f\u00fcr VW<\/h1>\n<p>Als die eigene Manpower der teuren Top-Absolventen nicht ausreichte, holte Freshfields sogenannte Projektanw\u00e4lte zu Hilfe. Die h\u00e4tten normalerweise mit ihren schlechteren Examina nicht den Sprung zu Freshfields geschafft und werden auch jetzt nur auf Zeit geholt. Als auch das nicht mehr reichte angesichts der immer gr\u00f6\u00dfer werdenden Prozesslawine, besch\u00e4ftigte der Branchenprimus noch 18 weitere Top-Kanzleien wie Noerr, Luther, DLA Piper oder Heuking wie Subunternehmer mit ihren eigenen VW-Dieself\u00e4llen. Das Ergebnis war f\u00fcr sie alle erfreulich, <a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2020\/01\/22\/juve-analyse-die-15-top-kanzleien-die-fuer-vw-die-dieselkaeufer-bekaempfen-verdienen-gut-daran\/\">Rekordergebnisse rechnete ihnen das Fachblatt \u201eJuve\u201c vor.<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bleibt die Frage, ob die Edel-Marke Freshfields f\u00fcr High-End-Beratung durch eine Zweite-Klasse-Unit Schaden nehmen kann? Oder ob es die Unternehmensmandanten gar nicht juckt, solange sie selbst auch nur die gesetzlichen Geb\u00fchren statt hoher Stundenhonorare blechen m\u00fcssen? Patrick Schr\u00f6der jedenfalls will nichts davon h\u00f6ren, dass die gr\u00f6\u00dfte Law Firm in Deutschland mit ihren rund 500 Anw\u00e4lten nebenher eine Billiglinie aufbaue. Und er betont, dass er nicht die Projektanw\u00e4lte anheuern will, die bisher schon als Anw\u00e4lte auf Zeit mit niedrigerer Qualifikation die Dieselklagen abarbeiten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1>Freshfields plant vier neue Standorte<\/h1>\n<p>Freshfields wolle an den vier geplanten Standorten 25 bis 50 Kandidaten anheuern, die zum Beispiel \u201emit dem Herzen an ihrer Heimatstadt h\u00e4ngen\u201c, sagt Schr\u00f6der. Oder die der Lebensqualit\u00e4t in ihrer Unistadt mehr Wert beimessen als einer Karriere in Frankfurt und auch Top-Examina haben. Und die w\u00fcrden deshalb eben auch niedrigere Geh\u00e4lter akzeptieren, \u201edie sich an dem jeweiligen Standort orientieren\u201c, so Schr\u00f6der. Inzwischen steht fest, dass zwei weitere Standorte Mannheim und N\u00fcrnberg sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1>Die VW-Dieselklagen dauern mindestens noch f\u00fcnf Jahre<\/h1>\n<p>Klar ist jedenfalls auch eins: Wenn M\u00fcnster und die anderen drei neuen Standorte angelaufen sind, braucht Freshfields die 18 Subunternehmer-Kanzleien nicht mehr. Dann kann die Law Firm die Ums\u00e4tze aus den Dieself\u00e4llen bei sich verbuchen. \u201eDiese VW-Dieselklagen laufen noch mindestens f\u00fcnf Jahre weiter\u201c, erwartet Daniela Seeliger, Partnerin bei Linklaters.<\/p>\n<p>Insider glauben, dass VW der gr\u00f6\u00dfte Fall bisher ist. Andere Unternehmen h\u00e4tten wohl gar nicht so viel Geld f\u00fcr Anw\u00e4lte und k\u00f6nnen sich diese Verweigerungshaltung nicht \u00fcber Jahre leisten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_677033\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-677033\" class=\"size-medium wp-image-677033\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/07\/seeliger.ruehrei.beethoven-300x225.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/07\/seeliger.ruehrei.beethoven-300x225.jpg 300w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/07\/seeliger.ruehrei.beethoven-400x300.jpg 400w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/07\/seeliger.ruehrei.beethoven.jpg 650w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><p id=\"caption-attachment-677033\" class=\"wp-caption-text\">Daniela Seeliger (Foto: C.T\u00f6dtmann)<\/p><\/div>\n<p>Die Strategie, auch berechtigte Schadenersatzforderungen der Kunden einfach auszusitzen, fahren seit Jahren auch die Airlines wie die Deutsche Lufthansa. Damit haben sie die LegalTech-Anbieter mit ihren Portalen gef\u00f6rdert. Mehrere Fluggastportale wie Flightright oder Myflyright holen heute den Airline-Kunden bei versp\u00e4teten oder ausgefallenen Fl\u00fcgen Geld zur\u00fcck und behalten &#8211; nur bei Erfolg &#8211; rund 30 Prozent der Summe selbst. Weil die Abl\u00e4ufe und Fallkonstellationen hier immer dieselben sind, k\u00f6nnen diese Anbieter LegalTech einsetzen &#8211; kommen leibhaftige Anw\u00e4lte erst dann zum Einsatz, wenn die Schadenersatzforderung wirklich bis vors Gericht geht. Zumal Anwaltszwang an deutschen Gerichten ab der zweiten Instanz herrscht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1>Teure Gutachterschlachten<\/h1>\n<p>Erst LegalTech-Anbieter wie Myright oder Legalhero und die Kl\u00e4gerkanzleien erm\u00f6glichen vielen Konsumenten, Schadenersatz zu bekommen ohne weiter draufzuzahlen. Leisten k\u00f6nnen sie sich n\u00e4mlich Gerichtsprozesse mit teuren Gutachterschlachten nicht. Auch deshalb nicht, weil sie auf ihr Geld jahrelang warten m\u00fcssen, weil Gerichte wie Gutachter so langsam sind. Anders als in den USA gibt es hierzulande bisher keine Sammelklagen, bei denen Tausende von Gesch\u00e4digte von einem Prozess profitieren und nichts daf\u00fcr tun m\u00fcssen. Doch gerade durch den Dieselskandal und die Digitalisierung bekamen die Konsumenten einfache, risikolose Klagem\u00f6glichkeiten durch Internet-Suchmaschinen und Buttons auf Kanzleiwebseiten.<\/p>\n<h1><\/h1>\n<h1>Gesch\u00e4ftsmodell f\u00fcr Kanzleien: Mit Homepage-Button Kl\u00e4ger einsammeln<\/h1>\n<p>Etliche kleinere und mittlere Kanzleien entdeckten den Verbraucherschutz als Gesch\u00e4ftsmodell &#8211; und dass sie damit schnelles Geld verdienen k\u00f6nnen. Kanzleien wie Goldenstein, Rightmart oder Gansel, die via Internet au\u00dfer Dieselkunden beispielsweise Bankkunden einsammeln, die zu viel gezahlte Kontogeb\u00fchren zur\u00fcckverlangen oder rausgeworfen wurden, weil sie keine neuen AGB\u00b4s unterschreiben wollen. Auch Privatversicherte geh\u00f6ren zur Zielgruppe, deren Pr\u00e4mienerh\u00f6hungen von der Versicherung juristisch nicht korrekt begr\u00fcndet wurden. Oder Gastronomen, die den Staat verklagen, weil er sie zwang wegen Corona zu schlie\u00dfen. Selbst f\u00fcr Arbeitnehmer gibt es Aufhebungsvertragspr\u00fcfungen im Angebot, um mehr Geld herauszuholen. Andere wie Tilp spezialisieren sich auf Anlegerschutz und sammeln Wirecard-Gesch\u00e4digte ein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie alle verdienen auch gut an den gesetzlichen vorgeschriebenen Geb\u00fchren &#8211; f\u00fcr die die gro\u00dfen Wirtschaftskanzleien nie arbeiten -, wenn genug F\u00e4lle zusammenkommen und Skaleneffekte wirken. Zumal: Ob ein Prozess dann wirklich aussichtsreich ist, kann ihnen egal sein, wenn sie nicht der Kunde selbst, sondern sein Rechtsschutzversicherer zahlt. Denn das sei stets die erste Amtshandlung der Kl\u00e4geranw\u00e4lte, sich deren Deckungszusage einzuholen\u201c, berichtet ein Brancheninsider.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_679946\" style=\"width: 530px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-679946\" class=\"size-full wp-image-679946\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2022\/05\/Hausfeld.sektglas.jpg\" alt=\"\" width=\"520\" height=\"650\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2022\/05\/Hausfeld.sektglas.jpg 520w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2022\/05\/Hausfeld.sektglas-240x300.jpg 240w\" sizes=\"auto, (max-width: 520px) 100vw, 520px\" \/><p id=\"caption-attachment-679946\" class=\"wp-caption-text\">(Foto: C.T\u00f6dtmann)<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1>Hausfelds Markteintritt als Wendepunkt<\/h1>\n<p>Entstanden ist in den vergangenen Jahren eine regelrechte Kl\u00e4gerindustrie. Von der profitieren au\u00dfer Konsumenten auch Unternehmen. \u201eAls die amerikanische Kl\u00e4gerkanzlei Hausfeld vor sechs Jahren medienwirksam auf den deutschen Markt kam, markierte das einen Wendepunkt\u201c, erinnert sich Kartellrechtlerin Seeliger. F\u00fcr Hausfelds Mandanten geht es um stattliche Summen, etwa die vielen Opfer des LKW-Kartells von Daimler, DAF oder Volvo wie Coca-Cola \u00fcber die Bundeswehr oder den Logistikverband Elvis. Mit von der Partie: Der amerikanische Prozessfinanzierer Burford, dessen Investoren wiederum am deutschen Rechtsmarkt mitverdienen wollen. Er ist es auch, der die Dieselklagen des LegalTech-Anbieters Myright, f\u00fcr Tausende von VW-Kunden vorfinanziert und erm\u00f6glicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch heute ist es der Automatisierung der Klagen meistens doch noch nicht soweit, wie ein Urteil des Oberlandesgerichts K\u00f6ln zeigt. Die drei Richter wiesen eine Berufungsbegr\u00fcndung f\u00fcr einen Daimler-Kunden zur\u00fcck, weil sie nicht einmal die formalen Anforderungen erf\u00fcllte. Die Richter waren so sauer \u00fcber einen Schriftsatz mit seinen vielen unpassenden Textbl\u00f6cken und Texten gleich f\u00fcr mehrere Alternativen von der M\u00f6nchengladbacher Kl\u00e4gerkanzlei Hartung, dass sie vor gut einem Jahr daraus sogar eine Pressemitteilung machten &#8211; was h\u00f6chst ungew\u00f6hnlich ist. Die Richter z\u00fcrnten, dass die Kl\u00e4ger auf 146 Seiten \u201enur sporadisch\u201c auf die Sache eingingen und sie sich wohl selbst das Passende raussuchen sollten\u201c. Das sind dann die F\u00e4lle f\u00fcr die Haftpflichtversicherer der Kanzleien. F\u00fcr Alex Petrasincu, Managing Partner der Kanzlei Hausfeld zeigt der Fall: \u201eDie Gerichte sind genervt von den vielen Einzelklagen insbesondere von Dieselk\u00e4ufern und Lufthansa-Flugg\u00e4sten.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1>Die Rechtschutzversicherer zahlen<\/h1>\n<p>Brancheninsider erwarten, dass es nur eine Frage der Zeit ist: In Kl\u00e4gerkanzleien herrsche Goldgr\u00e4berstimmung. Ob ihre Prozesse Erfolg haben oder nicht, sei unwichtig. Denn der Rechtschutzversicherer zahle ja sowieso. Doch auch ihnen sei klar, dass ihre Sause irgendwann zu Ende ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vielleicht sind sie zu Ende, wenn die EU-Pl\u00e4ne aufgehen, die den Verbrauchern R\u00fcckenwind geben will: In einer Richtlinie erlaubt sie sogenannte Verbandsklagen, damit die Verbraucherschutzverb\u00e4nde dann mit einer einzigen Klage f\u00fcr viele Gesch\u00e4digte auch selbst Entsch\u00e4digungen f\u00fcr Gesch\u00e4digte verlangen d\u00fcrfen, erl\u00e4utert Luidger R\u00f6ckrath, Anwalt bei Gleiss Lutz. Das geht bisher noch nicht, doch die Richtlinie muss bis Ende 2022 in deutsches Recht umgesetzt sein. Einen Referentenentwurf gebe es jedoch noch nicht, so R\u00f6ckrath.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1>Prinzip Weichkochen &#8211; egal, was man der Legislative und auch der Allgemeinheit\u00a0 damit antut<\/h1>\n<p>Diese B\u00fcndelung w\u00fcrde jedenfalls auch den Gerichten helfen. Sie sind die Opfer der Strategie der Airlines und Autohersteller, die noch immer auf das Prinzip Weichkochen setzen. Denn die Gerichte werden mit Klagen f\u00fcr Lufthansa-Kunden und Diesel-K\u00e4ufern geflutet. Die Abertausende von Verfahren blockieren sie, erst im vergangenen November schlug der OLG-Richter Thomas Eckert aus M\u00fcnchen schon im Namen mehrerer Richter vom Landgericht Augsburg in einem Brandbrief Alarm. Auch die widerstandf\u00e4higsten Richter seien m\u00fcrbe, die psychische Gesundheit und die Motivation der Justizmitarbeiter drohten Schaden zu nehmen durch die Sieben-Tage-Wochen Personalnot und Systemfehler in der Justizverwaltung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Von Burnout und Depressionen war die Rede. Und selbst wenn jetzt die VW-Dieself\u00e4lle leicht r\u00fcckl\u00e4ufig seien, so stiegen die Klagen gegen Daimler. Sie fanden ungew\u00f6hnlich deutliche Worte gegen die Anw\u00e4lte: Die Kl\u00e4gerschrifts\u00e4tze seien so standardisiert, dass sie kaum Bezug zum konkreten Einzelfall h\u00e4tten. Ihr Gericht mutiere zum Durchlauferhitzer. Das Ziel der Kl\u00e4gerindustrie sei es nur, weitere Kosten zu generieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Viel optimistischer ist da Robin Friedlein, Chef des LegalTech-Startups <a href=\"https:\/\/legalhero.de\/\">Legalhero<\/a>, das Arbeitnehmern gegen Arbeitgeber, Mietern gegen Vermieten und Verkehrss\u00fcndern gegen Beh\u00f6rden hilft: \u201eIn zehn Jahren l\u00f6sen die Algorithmen die Standardf\u00e4lle von LegalTechs immer besser, Anw\u00e4lte k\u00fcmmern sich dann nur noch um schwierige F\u00e4lle und das High-End-Gesch\u00e4ft.\u201c Und er erwartet, dass \u201emehr Anw\u00e4lte selbst LegalTech-Unternehmer werden.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h1>Die Zukunft: Mehr Anw\u00e4lte werden LegalTech-Unternehmer<\/h1>\n<p>\u201eKonzentrationen auf der Verteidigerseite bringen uns auf der Kl\u00e4gerseite eine fokussierte, gut koordinierte Verteidigung &#8211; also auf jeden Fall eher Vorteile\u201c, kommentiert<a href=\"https:\/\/www.myright.de\/\"> Myright-Chef Sven Bode<\/a> und gibt sich kampflustig. \u201eWir freuen uns auf kreative und effiziente Auseinandersetzungen.\u201c<\/p>\n<div><\/div>\n<div><\/div>\n<div><\/div>\n<h1>Lese-Tipps:<\/h1>\n<p>Mehr zu den Dieselkl\u00e4ger-Kanzleien&#8230;.<\/p>\n<div><a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2020\/01\/22\/juve-analyse-die-15-top-kanzleien-die-fuer-vw-die-dieselkaeufer-bekaempfen-verdienen-gut-daran\/\">\u201eJuve\u201c-Analyse: Die 15 Top-Kanzleien, die f\u00fcr VW die Dieselk\u00e4ufer bek\u00e4mpfen, verdienen gut daran | Management-Blog (wiwo.de)<\/a><\/div>\n<div><\/div>\n<div>Mehr zu Jan Wildhirth&#8230;<\/div>\n<div><a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2022\/02\/18\/exklusiv-jan-wildhirth-baut-als-chef-von-fieldfisher-x-ein-50-mann-team-auf\/\">https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2022\/02\/18\/exklusiv-jan-wildhirth-baut-als-chef-von-fieldfisher-x-ein-50-mann-team-auf\/<\/a><\/div>\n<div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.faktenkontor.de\/blogger-relevanzindex\/\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-676352\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/04\/Bloggerrelanvzlogo.2021-FAK_21-01_Siegel_Blogger-Relevanzindex_Top-20-Blogs-228x300.jpg\" alt=\"\" width=\"228\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/04\/Bloggerrelanvzlogo.2021-FAK_21-01_Siegel_Blogger-Relevanzindex_Top-20-Blogs-228x300.jpg 228w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/04\/Bloggerrelanvzlogo.2021-FAK_21-01_Siegel_Blogger-Relevanzindex_Top-20-Blogs.jpg 493w\" sizes=\"auto, (max-width: 228px) 100vw, 228px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-676731\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/06\/bloggerinnen.2021.neu_-300x212.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"212\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/06\/bloggerinnen.2021.neu_-300x212.jpg 300w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/06\/bloggerinnen.2021.neu_-424x300.jpg 424w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/06\/bloggerinnen.2021.neu_.jpg 650w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Copyright: @Claudia T\u00f6dtmann. Alle Rechte vorbehalten.\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Kontakt f\u00fcr Nutzungsrechte: claudia.toedtmann@wiwo.de<\/strong><\/p>\n<p><strong>Alle inhaltlichen Rechte des Management-Blogs von Claudia T\u00f6dtmann liegen bei der Blog-Inhaberin. Jegliche Nutzung der Inhalte bed\u00fcrfen der ausdr\u00fccklichen Genehmigung.<\/strong><\/p>\n<div><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwei Gro\u00dfkanzleien bauen eigene Units auf f\u00fcr die Verteidigung ihrer Unternehmensmandanten gegen die Kl\u00e4gerindustrie mit ihren Massenklagen. 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