{"id":677972,"date":"2021-10-13T18:26:02","date_gmt":"2021-10-13T16:26:02","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/?p=677972"},"modified":"2021-10-13T18:26:02","modified_gmt":"2021-10-13T16:26:02","slug":"daimler-und-benz-stiftung-staedte-nur-noch-als-kulisse-fuer-datenstroeme-und-serviceangebote","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2021\/10\/13\/daimler-und-benz-stiftung-staedte-nur-noch-als-kulisse-fuer-datenstroeme-und-serviceangebote\/","title":{"rendered":"Daimler und Benz Stiftung: St\u00e4dte nur noch als Kulisse f\u00fcr Datenstr\u00f6me und Serviceangebote"},"content":{"rendered":"<p><strong>F\u00fcr eine Infrastruktur, die den Alltag verbessert. Neue raum-zeitliche Konzepte f\u00fcr die Gestaltung einer nachhaltigen Siedlungslandschaft. <\/strong><\/p>\n<p><strong>Ein Vortrag aus der Reihe &#8222;Dialog im Museum&#8220; von der Daimler und Benz Stiftung von Mark Michaeli, Professor an der Technischen Universit\u00e4t (TU) M\u00fcnchen: Stadtplaner spielen f\u00fcr die Gestaltung der nachhaltigen Stadt eine zentrale Rolle, doch es sei ganz wichtig zu verstehen, \u201edass man in den St\u00e4dten gl\u00fccklich wird, die man selber entworfen hat, die man selber mit formen konnte.\u201c Aufgeschrieben von Miriam Weiss Ende September.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_677973\" style=\"width: 479px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-677973\" class=\"size-full wp-image-677973\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/10\/daimlerstiftung.michaeli-e1634113989801.jpg\" alt=\"\" width=\"469\" height=\"450\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/10\/daimlerstiftung.michaeli-e1634113989801.jpg 469w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/10\/daimlerstiftung.michaeli-e1634113989801-300x288.jpg 300w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/10\/daimlerstiftung.michaeli-e1634113989801-313x300.jpg 313w\" sizes=\"auto, (max-width: 469px) 100vw, 469px\" \/><p id=\"caption-attachment-677973\" class=\"wp-caption-text\">Mark Michaeli (Foto: Daimler und Benz Stiftung\/Evi Lemberger)<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Professor Mark Michaeli, der den Lehrstuhl f\u00fcr Nachhaltige Entwicklung von Stadt und Land (\u201esustainable urbanism\u201c) an der Technischen Universit\u00e4t M\u00fcnchen innehat, setzte sich in seinem Vortrag mit den Folgen des gesellschaftlichen Wandels f\u00fcr die Ver\u00e4nderung der bebauten und unbebauten Umwelt auseinander. Anhand einiger Beispiele gab er Einblick in seine Forschung, die von der Grundfrage ausgeht, wie sich die nachhaltige Stadt (\u201esustainable city\u201c) in Zukunft gestalten l\u00e4sst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Wunsch und Wirklichkeit<\/strong><\/p>\n<p>Zwischen Wunsch und Wirklichkeit der Raumgestaltung liege eine gro\u00dfe Diskrepanz. So seien in unserem Wunschbild Stadt und Land ohne ausfransende Siedlungsr\u00e4nder klar voneinander abgegrenzt. Die Realit\u00e4t entspreche jedoch vielmehr einem System der Infrastruktur und Logistik, das gar nicht in der Lage sei, diese Wunschbilder zu verwirklichen. Um es dennoch zu schaffen, eine nachhaltigere Stadt mit neuen Siedlungs- und Raumstrukturen zu erzeugen, m\u00fcsse man sich nicht nur mit der Stadt auseinandersetzen, sondern mit dem Modus, in dem der st\u00e4dtische Raum produziert werde, betonte Michaeli. Weiterhin m\u00fcsse man sich bewusst sein, dass sich dieser Modus permanent \u00e4ndere. So haben etwa Technologien wie das Smartphone die t\u00e4glichen Routinen extrem ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In einem kurzen theoretischen Exkurs erl\u00e4uterte Michaeli die wesentlichen Merkmale von Nachhaltigkeit. Einer Definition des israelischen Wissenschaftlers Michael Ben-Eli zufolge sei diese nicht als Zustand, sondern als dynamisches Gleichgewicht zu betrachten. Dieses Gleichgewicht werde vom Verhalten und den Anspr\u00fcchen der Population, aber auch von der sich ver\u00e4ndernden Tragf\u00e4higkeit und Kapazit\u00e4t der Umgebung beeinflusst. \u201eDie Transformationsforscher hingegen sagen, es reiche nicht aus, den Zustand zu kennen, den wir zu erreichen haben, sondern wir m\u00fcssen viel mehr dar\u00fcber wissen, wie der Wandel dorthin \u00fcberhaupt stattfindet.\u201c Es komme also auf das Verhalten derjenigen an, die als Akteure des Wandels agieren und navigieren, so Michaeli.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Zwischenst\u00e4dte als neue Verbindungen am Rand<\/strong><\/p>\n<p>Anschlie\u00dfend gab Michaeli einen kleinen Einblick in die Geschichte der Raumplanung und Stadtentwicklung. Nach dem \u00e4lteren Modell der \u201ezentralen Orte\u201c, das der Geograph und Stadtplaner Walter Christaller 1933 in seiner Publikation \u201eDie zentralen Orte in S\u00fcddeutschland\u201c vorgelegt hatte, erf\u00fcllen St\u00e4dte alle eine bestimmte Funktion innerhalb eines gro\u00dfen Netzes. Ihre hierarchische Ordnung in Ober-, Mittel- und Unterzentren legt fest, dass St\u00e4dte je nach Funktion eine bestimmte Ausstattung gesichert bekommen, zum Beispiel eine Universit\u00e4t. Christallers anhand des s\u00fcddeutschen Raumes exemplifiziertes Modell wurde auch nach dem Zweiten Weltkrieg zur Planungsgrundlage f\u00fcr den St\u00e4dtebau. Demgegen\u00fcber pr\u00e4gte der Architekt Thomas Sieverts den Begriff \u201eZwischenstadt\u201c (siehe die gleichnamige Publikationsreihe, die aus einem von der Daimler und Benz Stiftung gef\u00f6rderten Forschungsprojekt hervorging), die mit den Logiken der Ausstattungen nicht mehr zu erkl\u00e4ren sei, so Michaeli. In diesen \u201eZwischenst\u00e4dten\u201c sei der Raum inzwischen so gut ausgestattet, dass sich neue Verbindungen am Rand bilden oder sich sogar fern liegende Orte abl\u00f6sen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_677809\" style=\"width: 660px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-677809\" class=\"size-full wp-image-677809\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/09\/go.academy.banner.2021.jpg\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"218\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/09\/go.academy.banner.2021.jpg 650w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/09\/go.academy.banner.2021-300x101.jpg 300w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/09\/go.academy.banner.2021-500x168.jpg 500w\" sizes=\"auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><p id=\"caption-attachment-677809\" class=\"wp-caption-text\">Hier geht\u00b4s zur Beratung www.goacademy.de\u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0&#8211; Anzeige &#8211;<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Stadt nur noch als Kulisse f\u00fcr dahinterliegende Datenstr\u00f6me und Serviceangebote<\/strong><\/p>\n<p>Aus diesem Grund laufe Raumentwicklung mittlerweile anders ab, denn es gebe kein planerisches Rahmenwerk mehr, an dem der Markt sich orientiere: \u201eVielmehr ist die Planung zum Lenker und Begrenzer eines freien Marktes geworden. Auch die individuelle Entscheidung des Nutzers ist wichtiger geworden. Die Stadt als R\u00e4umlichkeit der Erm\u00f6glichung ist aus der Diskussion verschwunden\u201c, konstatierte Michaeli. In Smart-City-Szenarien etwa sei die Stadt nur noch Kulisse f\u00fcr dahinterliegende Datenstr\u00f6me und Serviceangebote. Die R\u00e4ume und die Arten, wie wir miteinander kommunizieren, h\u00e4tten sich grundlegend ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Architekten m\u00fcssen sich auf dem Weihnachtsmarkt umh\u00f6ren, wie sich die B\u00fcrger den Ort vorstellen<\/strong><\/p>\n<p>Eine nachhaltige Stadtplanung m\u00fcsse sich daran anpassen, so Michaeli. Einerseits gehe es immer noch um klassisches Planerhandwerk, etwa um die Auseinandersetzung mit Elementen und Strukturen der jeweiligen Regionen, andererseits um die Identifizierung der Akteure, die angesprochen werden sollen. \u201eDazu geh\u00f6rt auch, dass sich der Architekt virtuos mit einer Ladung Gl\u00fchwein auf einem Weihnachtsmarkt bewegen muss, um dort vielleicht zu erfahren, was sich eine B\u00fcrgerschaft in einem Ort hinsichtlich ihrer eigenen Zukunft vorstellen kann.\u201c Schlie\u00dflich brauche es das Wissen um die f\u00fcr die Umsetzung relevanten Prozesse.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Franz\u00f6sische Zust\u00e4nde in Deutschland &#8211; l\u00e4ndliche Gebiete unterversorgt. Ein Standortnachteil<\/strong><\/p>\n<p>Es sei eine wichtige Erkenntnis, so Michaeli, dass sich die Wahrnehmung vor Ort von Ergebnissen der strukturellen Stadtplanung oft unterscheide. Weiterhin habe sich der Wandel gewandelt: \u201eLange Zeit war es Deutschlands gro\u00dfer Vorteil, dass eigentlich die gesamte Landfl\u00e4che versorgt und auch bewohnbar war. Doch langsam haben wir eher franz\u00f6sische Zust\u00e4nde. Dort sind die l\u00e4ndlichen Gebiete nicht mehr ausreichend versorgt, wodurch ein Attraktivit\u00e4ts\u00fcberschuss der St\u00e4dte entsteht. Daraus resultieren die gro\u00dfen Konzentrationsprozesse, die in Regionen wie Stuttgart oder M\u00fcnchen die Preise explodieren und die St\u00e4dte auch zu eng werden lassen.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Landreserven fehlen, Zuzugsdruck mit Einfamilienhauswunsch<\/strong><\/p>\n<p>Im Rahmen eines Entwurfslabors der Technischen Universit\u00e4t M\u00fcnchen (2018\/19) erstellte Michaeli mit Studierenden f\u00fcr den im schweizerischen Kanton Thurgau gelegenen Ort H\u00fcttwilen eine \u00dcbersicht typischer Faktoren, die den l\u00e4ndlichen Raum in prosperierenden Regionen betreffen. Dort herrsche Zuzugsdruck mit Einfamilienhaus-Wunsch, doch es gebe keine Landreserven mehr. Man beobachte dysfunktionale Altbest\u00e4nde in den Ortskernen (etwa leer stehende L\u00e4den) und Sanierungsr\u00fcckstand bei alten Einfamilienh\u00e4usern. Weiterhin gebe es Qualifizierungsbedarf hinsichtlich \u00f6ffentlicher R\u00e4ume und des Zugangs zu Landschaft. Um den Siedlungsraum effizient zu nutzen, lag die L\u00f6sung in der Umwandlung bereits bestehender Einfamilienh\u00e4user in hochwertig sanierte Mietwohnungen f\u00fcr Ortsans\u00e4ssige.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die gro\u00dfe Frage: Was sind Standortqualit\u00e4ten im Sinne eines vereinfachten Alltags f\u00fcr den Einzelnen vor Ort ?<\/strong><\/p>\n<p>Mit diesem und weiteren Beispielen seiner Forschungsprojekte unterstrich Michaeli, dass es immer darum gehe, nicht nur \u00fcber Standortqualit\u00e4ten f\u00fcr die Wirtschaft oder f\u00fcr die\u00a0Ausstattung des Ortes nachzudenken, sondern herauszufinden, was Standortqualit\u00e4ten im Sinne eines vereinfachten Alltags f\u00fcr den Einzelnen vor Ort bedeuten. Die Pandemie habe gezeigt, dass sich viele Menschen mit der Option, im Homeoffice zu arbeiten, etwa aus Kostengr\u00fcnden weiter von ihrem eigentlichen Arbeitgeberort entfernen wollen. \u201eWir erleben gerade eine komplette Ver\u00e4nderung des Arbeitsmarktes und der Arbeitsmodelle. Dies k\u00f6nnen wir nutzen, um unseren Raum nachhaltiger zu gestalten.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Nomaden und Siedler<\/strong><\/p>\n<p>Auf die Frage, ob die Gesellschaft in der Zukunft eher von Siedlern oder Nomaden bev\u00f6lkert werde, antwortete Michaeli, dass sich die Tendenz zum Nomaden oder Siedler im Laufe des Lebens \u00e4ndere. \u201eAllerdings haben wir in den letzten Jahren viel mehr auf die Siedler als auf die Nomaden in der Gesellschaft geachtet.\u201c Doch m\u00fcsse sich der Wohnungsmarkt daran anpassen, dass viele Menschen \u201ewohn-mobil\u201c bleiben wollen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zur Person:<\/p>\n<p>Professor Mark Michaeli forschte und lehrte an der Eidgen\u00f6ssischen Technischen Hochschule Z\u00fcrich, an der Universit\u00e4t St. Gallen und am Future Cities Lab in Singapur. Im Jahr 2010 erhielt er einen Ruf an die Technische Universit\u00e4t M\u00fcnchen. Er ist Mitglied im Expertenbeirat Geistes- und Sozialwissenschaften des Schweizerischen Nationalfonds. International ist er als wissenschaftlicher Berater und Gutachter t\u00e4tig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-676352\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/04\/Bloggerrelanvzlogo.2021-FAK_21-01_Siegel_Blogger-Relevanzindex_Top-20-Blogs-228x300.jpg\" alt=\"\" width=\"228\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/04\/Bloggerrelanvzlogo.2021-FAK_21-01_Siegel_Blogger-Relevanzindex_Top-20-Blogs-228x300.jpg 228w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/04\/Bloggerrelanvzlogo.2021-FAK_21-01_Siegel_Blogger-Relevanzindex_Top-20-Blogs.jpg 493w\" sizes=\"auto, (max-width: 228px) 100vw, 228px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-676731\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/06\/bloggerinnen.2021.neu_-300x212.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"212\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/06\/bloggerinnen.2021.neu_-300x212.jpg 300w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/06\/bloggerinnen.2021.neu_-424x300.jpg 424w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/06\/bloggerinnen.2021.neu_.jpg 650w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Copyright: @Claudia T\u00f6dtmann. Alle Rechte vorbehalten. Kontakt f\u00fcr Nutzungsrechte: claudia.toedtmann@wiwo.de<\/strong><\/p>\n<p><strong>Alle inhaltlichen Rechte des Management Blogs von Claudia T\u00f6dtmann liegen bei der Blog-Inhaberin. Jegliche Nutzung der Inhalte bed\u00fcrfen der ausdr\u00fccklichen Genehmigung.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr eine Infrastruktur, die den Alltag verbessert. Neue raum-zeitliche Konzepte f\u00fcr die Gestaltung einer nachhaltigen Siedlungslandschaft. 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