{"id":677859,"date":"2021-10-17T06:00:30","date_gmt":"2021-10-17T04:00:30","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/?p=677859"},"modified":"2021-10-17T01:46:06","modified_gmt":"2021-10-16T23:46:06","slug":"buchauszug-ward-farnsworth-der-praktizierende-stoiker-ein-philosophisches-handbuch-fuer-den-verstand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2021\/10\/17\/buchauszug-ward-farnsworth-der-praktizierende-stoiker-ein-philosophisches-handbuch-fuer-den-verstand\/","title":{"rendered":"Buchauszug Ward Farnsworth: &#8222;Der praktizierende Stoiker. Ein philosophisches Handbuch f\u00fcr den Verstand.&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Buchauszug Ward Farnsworth: &#8222;Der praktizierende Stoiker. Ein philosophisches Handbuch f\u00fcr den Verstand.&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>.<\/p>\n<div id=\"attachment_677936\" style=\"width: 530px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-677936\" class=\"size-full wp-image-677936\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/10\/stoikerautor.Farnsworth_Ward_3017010_133079_final_PRINT-004-e1633799944902.jpg\" alt=\"\" width=\"520\" height=\"407\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/10\/stoikerautor.Farnsworth_Ward_3017010_133079_final_PRINT-004-e1633799944902.jpg 520w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/10\/stoikerautor.Farnsworth_Ward_3017010_133079_final_PRINT-004-e1633799944902-300x235.jpg 300w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/10\/stoikerautor.Farnsworth_Ward_3017010_133079_final_PRINT-004-e1633799944902-383x300.jpg 383w\" sizes=\"auto, (max-width: 520px) 100vw, 520px\" \/><p id=\"caption-attachment-677936\" class=\"wp-caption-text\">Ward Farnsworth (Foto: FinanzBuch Verlag)<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>URTEIL<\/strong><\/p>\n<p>Der erste Grundsatz des praktischen Stoizismus lautet: Wir reagieren nicht auf Ereignisse; wir reagieren auf unsere Urteile \u00fcber sie, und diese Urteile liegen an uns. Auf den kommenden Seiten werden wir mehr dar\u00fcber erfahren, wie die Stoiker diesen Gedanken entwickeln, aber diese \u00c4u\u00dferung ist daf\u00fcr typisch:<br \/>\nWenn dir etwas \u00c4u\u00dferes Kummer bereitet, dann ist es nicht die Sache selbst, die dich plagt, sondern dein eigenes Urteil dar\u00fcber. Und das sofort zu beseitigen, steht in deiner Macht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit anderen Worten: Die Stoiker behaupten, dass unsere Freuden, W\u00fcnsche, \u00c4ngste und unser Leid drei statt zwei Phasen umfassen: nicht nur einen Ausl\u00f6ser und eine Reaktion, sondern einen Ausl\u00f6ser, anschlie\u00dfend ein Urteil oder eine Meinung dazu und dann eine Reaktion (auf das Urteil oder die Meinung). Unsere Aufgabe besteht darin, den mittleren Schritt zu bemerken, zu verstehen, dass er oft irrational ist, und ihn durch den geduldigen Gebrauch der Vernunft zu beherrschen. Dieses Kapitel beginnt mit dem Bemerken. In sp\u00e4teren Kapiteln werden die Irrationalit\u00e4t und Ratschl\u00e4ge zur Kontrolle vorkommen. Wir beginnen hier, weil dieser Punkt grundlegend ist. Die meisten \u00c4u\u00dferungen der Stoiker h\u00e4ngen davon ab. Bald werden wir von ihnen etwas \u00fcber \u00bb\u00c4u\u00dferes\u00ab, W\u00fcnsche, Tugenden und vieles mehr h\u00f6ren. Aber alles beginnt mit dem Konzept, dass die Art und Weise, wie wir die Welt erfahren, von unseren \u00dcberzeugungen, Meinungen und unserem Nachdenken \u00fcber diese Welt abh\u00e4ngen \u2013 mit einem Wort, von unseren Urteilen \u2013 und dass diese bei uns liegen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vielen Sch\u00fclern der stoischen Philosophie erscheint dieser erste Grundsatz zun\u00e4chst kontraintuitiv, allm\u00e4hlich \u00fcberzeugend, bis er schlie\u00dflich als offensichtlich wahr angenommen wird \u2013 und eventuell wiederholt sich der Zyklus dann, weil der Verstand uns st\u00e4ndig einen gegenteiligen Eindruck vermittelt, der f\u00fcr sich genommen \u00fcberzeugend erscheint. Unsere Reaktionen auf das, was passiert, f\u00fchlen sich f\u00fcr gew\u00f6hnlich direkt und spontan an. Sie scheinen \u00fcberhaupt kein Urteil zu beinhalten, oder zumindest kein Urteil, das jemals anders aussehen k\u00f6nnte. Die Stoiker halten all das f\u00fcr eine Illusion. Es ist schwierig, mit ihr aufzur\u00e4umen, denn der Verstand ist ein unzuverl\u00e4ssiger Erz\u00e4hler, wenn es darum geht, woher unsere Reaktionen stammen. Er behauptet uns gegen\u00fcber, dass wir auf \u00e4u\u00dfere Ereignisse oder Umst\u00e4nde reagieren \u2013 auf die Dinge da drau\u00dfen, nicht auf den Verstand selbst. Er muss lernen, seine eigene Rolle genauer zu erkennen und zu beschreiben. Der Stoizismus will uns dabei helfen, besser \u00fcber unser Denken nachzudenken, er will dem Verstand beibringen, den Verstand zu verstehen, er will den Fischen das Wasser bewusster machen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_677809\" style=\"width: 660px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-677809\" class=\"size-full wp-image-677809\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/09\/go.academy.banner.2021.jpg\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"218\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/09\/go.academy.banner.2021.jpg 650w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/09\/go.academy.banner.2021-300x101.jpg 300w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/09\/go.academy.banner.2021-500x168.jpg 500w\" sizes=\"auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><p id=\"caption-attachment-677809\" class=\"wp-caption-text\">Hier geht\u00b4s zur Beratung www.goacademy.de<br \/>&#8211; Anzeige &#8211;<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dass diese stoische Vorstellung der Wahrheit entspricht, l\u00e4sst sich am leichtesten erkennen, wenn wir auf einen Angriff reagieren, der direkt auf den Verstand gerichtet ist. Angenommen, jemand beleidigt Sie. Die Beleidigung an sich ist bedeutungslos, abgesehen davon, was Sie daraus machen. Wenn sie Sie st\u00f6rt, muss es daran liegen, dass Sie sie wichtig nehmen: ein Urteil. Stattdessen k\u00f6nnten Sie beschlie\u00dfen, dass die Beleidigung Sie nicht k\u00fcmmert. Damit w\u00e4re sie f\u00fcr Sie erledigt, sie f\u00e4nde gar nicht statt. Das gilt f\u00fcr alle potenziellen Ausl\u00f6ser f\u00fcr \u00c4rger \u2013 der l\u00e4rmende Nachbar, das schlechte Wetter, der Verkehrsstau. Wenn Sie sich \u00fcber so etwas \u00e4rgern, \u00e4rgern Sie sich \u00fcber die Urteile, die Sie dar\u00fcber f\u00e4llen: dass solche Dinge schlecht sind, dass sie wichtig sind, dass man sich \u00fcber sie \u00e4rgern sollte. Die Ereignisse zwingen Sie nicht, auf diese Weise \u00fcber sie zu denken, das k\u00f6nnen nur Sie selbst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Gleiche gilt auch f\u00fcr gr\u00f6\u00dfere R\u00fcckschl\u00e4ge sowie f\u00fcr W\u00fcnsche, \u00c4ngste und all die anderen mentalen Vorg\u00e4nge. Wir haben immer das Gef\u00fchl, auf \u00e4u\u00dfere Ereignisse und Umst\u00e4nde zu reagieren; tats\u00e4chlich reagieren wir auf Dinge, die in uns selbst liegen. Und manchmal ist es effektiver und vern\u00fcnftiger, uns selbst zu \u00e4ndern, als zu versuchen, die Welt zu ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn wir k\u00f6rperlichen Schmerz oder k\u00f6rperliches Vergn\u00fcgen empfinden, ist die Rolle, die unser Verstand bei der Ausgestaltung unserer Reaktion spielt, schwerer zu erkennen. Schmerzen und Vergn\u00fcgen erscheinen uns als unverr\u00fcckbare Tatsachen, die nichts mit unserem Denken zu tun haben. Aber auch hierbei bestehen die Stoiker darauf, dass unsere Urteile \u00fcber diese Gef\u00fchle dar\u00fcber bestimmen, wie wir sie wahrnehmen. Ja, Schmerz ist Schmerz: eine Empfindung, die existiert, egal, was wir dar\u00fcber denken. Aber wie gro\u00df die Qualen sind, die der Schmerz verursacht, wie viel Aufmerksamkeit wir ihm widmen, was er f\u00fcr uns bedeutet \u2013 das sind Urteile, die zu f\u00e4llen ganz und gar bei uns liegt. Wir nehmen Schmerzen und Vergn\u00fcgen st\u00e4rker oder schw\u00e4cher wahr, je nachdem, wie wir mit uns selbst dar\u00fcber sprechen, oder durch Urteile, die zu tief in uns sitzen, als dass wir sie ausdr\u00fccken k\u00f6nnten, die aber dennoch durch uns zustande kommen. Wir untersch\u00e4tzen die Macht dieser Urteile, weil wir sie kaum wahrnehmen. Stoiker nehmen sie wahr. (F\u00fcr weitere Ausf\u00fchrungen \u00fcber Schmerzen im Besonderen siehe Kapitel 10, Abschnitt 11).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-677937\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/10\/cover.stoiker.jpg\" alt=\"\" width=\"439\" height=\"650\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/10\/cover.stoiker.jpg 439w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/10\/cover.stoiker-203x300.jpg 203w\" sizes=\"auto, (max-width: 439px) 100vw, 439px\" \/><\/p>\n<p><strong>Buchauszug Ward Farnsworth: &#8222;Der praktizierende Stoiker. Ein philosophisches Handbuch f\u00fcr den Verstand.&#8220; 480 Seitem 18,99 Euro, FinanzBuch Verlag,\u00a0 <\/strong><a href=\"https:\/\/www.m-vg.de\/finanzbuchverlag\/shop\/article\/20667-der-praktizierende-stoiker\/\">https:\/\/www.m-vg.de\/finanzbuchverlag\/shop\/article\/20667-der-praktizierende-stoiker\/<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Vorstellung, dass unsere Reaktionen von unseren Urteilen abh\u00e4ngen, kann vor allem dann merkw\u00fcrdig erscheinen, wenn man glaubt, alle \u00bbUrteile\u00ab w\u00fcrden bewusst und rational getroffen. Aber ein Urteil kann viele Formen annehmen. Ein Beispiel: Sie kommen zu dem Schluss, dass Spinnen nicht gef\u00e4hrlich sind, haben aber dennoch Angst vor ihnen. Zeigt das, dass Ihre Angst getrennt ist von der Meinung, die Sie \u00fcber Spinnen haben? Nein, es bedeutet nur, dass Sie widerspr\u00fcchliche Urteile hegen \u2013 dass Spinnen sicher sind und dass sie es nicht sind. Es dauert lange, sich von dem zweiten dieser Urteile zu befreien, selbst wenn Sie zu dem Schluss kommen, dass es falsch ist. Anders aus gedr\u00fcckt: Manche Urteile sind einfach Dinge, die wir zu uns selbst sagen, und diese sind leichter zu korrigieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Andere sind tief in uns verwurzelt und nonverbal. Die Stoiker fassen manchmal alles, was wir mitbringen, wenn wir \u00e4u\u00dferen Einfl\u00fcssen begegnen, unter \u00bbUrteile\u00ab zusammen \u2013 den Appetit, den wir haben oder nicht haben und der einen Teller Essen besser oder schlechter aussehen l\u00e4sst, oder eine lebenslange Konditionierung, die den gleichen Effekt hervorruft. So etwas mag nicht so leicht zu \u00e4ndern sein. Damit haben wir also einen weiteren Grund, warum der Stoizismus schwierig ist und warum niemand darin zur Perfektion gelangt. Einige Reaktionen m\u00f6gen von uns abh\u00e4ngen und doch nicht ganz in unserer Hand liegen. Oder sie liegen theoretisch in unserer Hand, aber wir besitzen nicht die psychische Kraft, sie zu \u00e4ndern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im weiteren Sinne unterscheiden die Stoiker in ihrem Denken nicht wie heute zwischen all den Formen, die unsere Urteile annehmen k\u00f6nnen \u2013 bewusste Meinungen, unbewusste Haltungen, konditionierte Reaktionen, chemische Veranlagungen, genetische Neigungen und so weiter \u2013 und wie einige davon leichter ver\u00e4ndert werden k\u00f6nnen als andere. Es gibt aber ein paar Aussagen von ihnen, die das anerkennen. Die Stoiker sagen, dass einige Reaktionen eine physische Grundlage haben, die wir nicht kontrollieren k\u00f6nnen. Und Seneca r\u00e4umt ein, dass wir mit einigen Temperamentsmerkmalen geboren werden, die unver\u00e4nderlich sind<\/p>\n<p>Aber unsere gew\u00f6hnlichen Reaktionen auf Ausl\u00f6ser \u2013 unsere Reaktionen im Normalzustand \u2013 werden meist so angesehen, dass wir sie durch \u00dcbung kontrollieren m\u00fcssen. Es liegt auf der Hand, wie schwierig es w\u00e4re, diese Idee vollst\u00e4ndig umzusetzen. Denken Sie nur an Ihre eigenen st\u00e4rksten Vorlieben und Abneigungen und wie schwer es w\u00e4re, sie mit etwas Nachdenken umzukehren. Aber gl\u00fccklicherweise, und das ist wichtig, schert sich der Stoizismus nicht um unsere Vorlieben, und er fordert auch nicht die Umkehrung unserer Abneigungen und W\u00fcnsche. Er verlangt eine distanzierte, leidenschaftslose Haltung ihnen gegen\u00fcber. Auch das ist nicht leicht, aber es ist viel \u00f6fter machbar.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen es auf jeden Fall als das stoische Ziel betrachten, uns unserer Urteile bewusst zu werden und sie so weit wie m\u00f6glich zu kontrollieren. Die F\u00e4higkeit dazu mag in einer Weise eingeschr\u00e4nkt sein, die wir heute besser verstehen als die Menschen in der Antike; einem psychiatrischen Patienten w\u00e4re mit einer Portion Epiktet allein nicht gut geholfen. Aber selbst nach solchen Zugest\u00e4ndnissen w\u00fcrden die Stoiker sagen, dass unsere F\u00e4higkeit, unsere Erfahrung zu ver\u00e4ndern, indem wir unsere Denkweise dar\u00fcber \u00e4ndern, viel gr\u00f6\u00dfer ist, als wir normalerweise annehmen. Viele der Urteile, die wir ihrer Ansicht nach zur Kenntnis nehmen und \u00fcberdenken sollen, sind nicht sehr tief verwurzelt. Sie sind nur Gewohnheiten und Konventionen.<br \/>\nDie Stoiker erwarten nicht, dass man diesen Behauptungen einfach so Glauben schenkt. Sie st\u00fctzen sie mit Argumenten. Manchmal verwenden sie dazu einfache Beispiele, wie die bereits erw\u00e4hnten Beleidigungen \u2013 Beispiele, bei denen jedem klar wird, dass sie nur dann von gro\u00dfer Bedeutung sind, wenn wir entscheiden, ihnen diese Bedeutung zuzugestehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>F\u00fcr Reaktionen, bei denen es hartn\u00e4ckiger so zu sein scheint, als w\u00e4ren sie unvermeidlich, benutzen die Stoiker jedoch oft Vergleiche, um ihren Standpunkt zu verdeutlichen. Sie betrachten die unterschiedliche Art und Weise, wie Menschen unter verschiedenen Umst\u00e4nden, zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten auf die gleichen Ereignisse reagieren. Was manche Menschen f\u00fcrchten (und sich nicht vorstellen k\u00f6nnen, es nicht zu f\u00fcrchten), das f\u00fcrchten andere nicht; wof\u00fcr manche zu sterben bereit sind, bedeutet anderen gar nichts. Der Schmerz oder die Trauer, die uns mit brachialer Kraft treffen, werden unter anderen Bedingungen und in anderen Kulturen ganz anders erlebt. Offensichtlich sind unsere Reaktionen doch nicht unvermeidlich. Irgendwie m\u00fcssen sie durch unser Zutun zustande kommen und von Urteilen abh\u00e4ngen, die wir hegen, und deshalb k\u00f6nnen wir sie vielleicht \u00e4ndern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>1. Das Leitbild. Der Stoizismus geht von der Idee aus, dass unsere Erfahrungen mit der Welt um uns herum \u2013 unsere Reaktionen, \u00c4ngste, W\u00fcnsche, all das \u2013 nicht von dieser Welt erzeugt werden. Stattdessen werden sie von dem erzeugt, was die Stoiker unsere Urteile oder Meinungen nennen.\u00a0Alles h\u00e4ngt von der Meinung ab. Ehrgeiz, Luxus, Gier, sie alle greifen auf die Meinung zur\u00fcck; entsprechend unserer Meinung leiden wir. Jeder Mensch f\u00fchlt sich so elend, wie zu sein er sich selbst \u00fcberzeugt hat.<\/p>\n<p>Cicero dr\u00fcckte diese stoische These so aus:<br \/>\nTrauer ist also die j\u00fcngste Meinung \u00fcber irgendein gegenw\u00e4rtiges \u00dcbel, dessentwegen man sich zu Recht bedr\u00fcckt und niedergeschlagen f\u00fchlt. Freude ist die j\u00fcngste Meinung \u00fcber etwas gegenw\u00e4rtig Gutes, \u00fcber das sich zu freuen die passende Reaktion zu sein scheint. Furcht ist eine Meinung \u00fcber ein drohendes \u00dcbel, das unertr\u00e4glich erscheint. Lust ist eine Meinung \u00fcber etwas Gutes, das eintreffen soll \u2013 dass es besser w\u00e4re, es w\u00e4re bereits da.<\/p>\n<p>Wie Epiktet es formulierte:<br \/>\nWor\u00fcber wird geweint und gejammert? Eine Meinung. Was ist Ungl\u00fcck? Eine Meinung. Was ist Zwietracht, Uneinigkeit, Tadel, Anklage, Respektlosigkeit, Dummheit? All dies sind Meinungen und nichts anderes. Nicht die Dinge selbst beunruhigen die Menschen, sondern ihre Meinungen \u00fcber diese Dinge. So ist der Tod nichts Schreckliches, sonst w\u00e4re er auch Sokrates so vorgekommen. Vielmehr ist die Meinung, dass der Tod schrecklich ist, das Schreckliche. Wenn wir also an etwas gehindert werden oder ver\u00e4rgert oder gekr\u00e4nkt sind, sollten wir niemals anderen die Schuld geben, sondern uns selbst \u2013 also unseren Meinungen.<\/p>\n<p>Die erste Zeile dieser letzten Passage von Epiktet war ein Favorit von Montaigne. Er beschriftete damit einen der Deckenbalken in seinem Arbeitszimmer.<br \/>\nEin altgriechisches Sprichwort besagt, dass uns nicht die Dinge an sich qu\u00e4len, sondern die Meinungen, die wir \u00fcber sie haben. Es w\u00e4re ein gro\u00dfer Sieg f\u00fcr die Erleichterung unseres menschlichen Elends, wenn sich diese Behauptung immer und \u00fcberall als wahr erweisen w\u00fcrde. Denn wenn das B\u00f6se keine M\u00f6glichkeit hat, in uns einzudringen, au\u00dfer durch die Urteile, die wir dar\u00fcber f\u00e4llen, dann scheint es in unserer Macht zu liegen, es abzutun oder zum Guten zu wenden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Dinge an sich m\u00f6gen ihre eigenen Gewichte, Ma\u00dfe und Eigenschaften haben; aber wenn wir sie einmal in uns aufnehmen, formt die Seele sie so, wie sie es f\u00fcr richtig h\u00e4lt. Cicero f\u00fcrchtet den Tod, Cato begehrt ihn, Sokrates ist ihm gegen\u00fcber gleichg\u00fcltig. Die Gesundheit, das Gewissen, die Autorit\u00e4t, das Wissen, der Reichtum, die Sch\u00f6nheit und ihre Gegens\u00e4tze entbl\u00f6\u00dfen sich, wenn sie in uns eintreten und von der Seele ein neues Gewand in einer neuen Farbe erhalten \u2026 Wir sollten daher die \u00e4u\u00dferen Eigenschaften der Dinge nicht als Ausreden benutzen; was wir daraus machen, liegt an uns. Unser Wohl und Wehe h\u00e4ngt von niemandem au\u00dfer uns selbst ab.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wohlstand und Armut h\u00e4ngen von der Meinung ab, die wir \u00fcber sie hegen; und Reichtum, Ruhm und Gesundheit bringen nur so viel Behagen und Vergn\u00fcgen, wie ihnen von demjenigen, der sie besitzt, zugeschrieben wird. Jeder von uns ist so gut oder schlecht dran, wie er glaubt. Gl\u00fccklich sind diejenigen, die glauben, dass sie es sind, und nicht diejenigen, von denen andere es annehmen; und nur auf diese Weise allein macht sich der Glaube wirklich und wahr.<br \/>\nOder wie Montaigne an anderer Stelle im gleichen Essay schrieb: \u00bbNach dem Kaufspreise hat der Diamant seinen Wert; nach dem Kampfe die Tugend, nach der Bu\u00dfe die Andacht und nach der Bitterkeit die Arznei.\u00ab* Zum Vergleich:<br \/>\nHamlet: \u2026 Es gibt nichts Gutes oder Schlechtes, erst das Denken macht es dazu. Nicht was die Dinge objektiv und wirklich sind, sondern was sie f\u00fcr uns, in unserer Auffassung, sind, macht uns gl\u00fccklich oder ungl\u00fccklich.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>2. Stoische Praxis. Wie bereits erw\u00e4hnt, mag diese erste Lehre als eine Methode erscheinen, die Funktionsweise des Verstandes und die Quelle unserer Reaktionen zu verstehen. Das stimmt auch. Aber dar\u00fcber hinaus unterscheidet sich der Stoizismus von einigen anderen philosophischen Traditionen, weil man ihn aktiv betreibt und er nicht nur eine Theorie ist. Wenn wir die Idee, die Gegenstand dieses Kapitels ist, auf diese Weise betrachten, ist sie eine Anweisung, mehr Verantwortung f\u00fcr das eigene Denken zu \u00fcbernehmen als gew\u00f6hnlich \u2013 anzuerkennen, dass wir die Wahl haben, wie wir mit uns selbst sprechen. Wenn unsere Gedanken \u00fcber etwas Kummer ausl\u00f6sen und nicht dieses Etwas selbst, dann sollten wir versuchen, diese Gedanken fallen zu lassen und sie durch neue zu ersetzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Diese Aussage mag derma\u00dfen simpel klingen, oder vielleicht so viel leichter gesagt als getan, dass man meinen k\u00f6nnte, sie w\u00e4re es kaum wert, getroffen zu werden. Aber man muss sie treffen, weil es ein zentraler Punkt in der Aus\u00fcbung des Stoizismus ist, Gedanken und Urteile als Entscheidungssachen zu betrachten, was jedoch viele Menschen nur selten und einige sogar nie tun. Es ist normaler, alle Ideen und Meinungen, die uns durch den Kopf gehen, als selbstverst\u00e4ndlich hinzunehmen und sie auszuleben, ohne sie einer Pr\u00fcfung zu unterziehen \u2013 ganz so wie bei der Luft, die wir atmen. Stoiker versuchen, gen\u00fcgend Abstand zu diesen mentalen Vorg\u00e4ngen einzunehmen, um sie zu kontrollieren \u2013 um die Irrationalit\u00e4t wahrzunehmen, die vieles von dem, was wir uns vorsagen, antreibt, und es durch etwas Weiseres zu ersetzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Manchmal ist dies tats\u00e4chlich leichter gesagt als getan oder sogar unm\u00f6glich. Aber manchmal ist es im Gegensatz dazu sogar einfacher, als es sich anh\u00f6rt. Man h\u00f6rt auf, sich das eine einzureden, und sagt stattdessen etwas anderes zu sich selbst. Sp\u00e4ter arbeitet man an Urteilen, die weniger verbaler Natur sind. Einen sch\u00e4dlichen und althergebrachten Gedanken auszutreiben, stellt eine heilsame Quelle stoischer Befriedigung dar. Es ist eine F\u00e4higkeit, die sich mit der \u00dcbung verbessert.<br \/>\nBetrachten Sie einige Beispiele, wie Mark Aurel unsere erste stoische Lehre ausgedr\u00fcckt hat, n\u00e4mlich nicht nur als eine interessante Idee, \u00fcber die man nachdenken sollte, sondern auch als eine \u00dcbung, die man ausprobieren sollte.<br \/>\nLass deine Meinung dar\u00fcber schwinden, und es schwindet die Klage: \u00bbIch bin gesch\u00e4digt worden.\u00ab Schwindet die Klage \u00bbIch bin gesch\u00e4digt worden\u00ab, so schwindet der Schaden.<br \/>\nWie leicht ist es doch, jeden beunruhigenden oder unangebrachten Gedanken von sich zu schieben und sofort vollkommene Gem\u00fctsruhe zu erlangen.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen uns daf\u00fcr entscheiden, uns zu einer Sache keine Meinung zu bilden und uns von ihr nicht beunruhigen zu lassen. Denn die Dinge selbst haben nicht die Macht, unsere Urteile zu beeinflussen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein Beispiel von Seneca:<br \/>\nWas ist wichtig? Dein Leben hoch \u00fcber den Zufall zu erheben und sich daran zu erinnern, dass es ein Menschenleben ist \u2013 damit du, wenn das Gl\u00fcck dir gewogen ist, wei\u00dft, dass es nicht lange andauern wird; oder damit du, wenn du vom Pech verfolgt wirst, wei\u00dft, dass das in Wahrheit nicht zutrifft, solange du nicht daran glaubst.<br \/>\nEs besteht ein gewisses Risiko, dass es so aussehen k\u00f6nnte, als w\u00fcrden diese Passagen, isoliert betrachtet, eine Art Belanglosigkeit, eine Leere f\u00f6rdern. Das Ziel des Stoikers besteht jedoch nicht darin, den Geist zu leeren, sondern ihn von Unvernunft und Fehlurteilen zu befreien. Zu lernen, wie man Unvernunft und Fehlurteile erkennt, wird das Thema der kommenden Kapitel sein. In der Zwischenzeit erinnern wir uns daran, dass keiner der soeben aufgef\u00fchrten Autoren ein gem\u00fctliches oder zur\u00fcckgezogenes Leben oder einen von Komplexit\u00e4t befreiten Geist anstrebte. Jeder von ihnen geh\u00f6rte zu Lebzeiten zu den m\u00e4chtigsten Menschen der Welt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>3. Vergleiche. Die Stoiker behaupten, dass all unsere Reaktionen hervorgerufen werden von unseren Gedanken oder subtileren Urteilen, die wir \u00fcber die Ausl\u00f6ser hegen. Das versuchen sie zu beweisen, indem sie uns zun\u00e4chst bitten, uns selbst genauer in Augenschein zu nehmen. Einige unserer Reaktionen scheinen, wenn wir sie leidenschaftslos betrachten, offensichtlich das Ergebnis unserer eigenen Befindlichkeiten zu sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn Vergn\u00fcgungen Geist und K\u00f6rper verdorben haben, erscheint nichts mehr ertr\u00e4glich \u2013 nicht, weil das Leiden einen so hart trifft, sondern weil der Leidende verweichlicht ist. Denn warum versetzt uns das Husten oder Niesen eines anderen in Wut, oder die Nachl\u00e4ssigkeit beim Verjagen einer Fliege, oder dass ein Hund uns im Weg steht, oder das Fallenlassen eines Schl\u00fcssels, der einem unachtsamen Diener aus den H\u00e4nden gerutscht ist?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aber manchmal ist die Schlussfolgerung nicht so offensichtlich. In diesem Fall belegt der Stoiker die Behauptung, die der Gegenstand dieses Kapitels ist, am liebsten anhand von Vergleichen. Wenn eine Reaktion, die nat\u00fcrlich erscheint, anderswo nicht zu finden ist, ist sie vielleicht gar nicht so nat\u00fcrlich; vielleicht sind wir der entscheidende Faktor. Die Stoiker beginnen damit, unsere eigenen Reaktionen auf \u00e4hnliche Dinge unter verschiedenen Umst\u00e4nden zu vergleichen, und zeigen so, dass die Reaktionen nicht einmal in uns selbst unvermeidlich sind. Besonders gern richten sie ihr Augenmerk auf unsere heftigen, aber wechselhaften Reaktionen auf alles, was wir als \u00e4rgerlich empfinden. Diese Inkonsistenz beweist, dass diese Reaktionen eher auf uns selbst zur\u00fcckfallen als auf die Dinge, die wir verfluchen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Deine Augen \u2013 dieselben, die zu Hause nur vielfarbigen und frisch polierten Marmor ertragen, \u2026 die den Boden mit nichts belegt haben wollen, das nicht wertvoller ist als Gold \u2013, einmal drau\u00dfen, schauen dieselben Augen gelassen auf die holprigen und schlammigen Wege und die meist schmutzigen Menschen, denen sie begegnen, und auf die br\u00f6ckelnden, rissigen und schiefen Fassaden der Mietsh\u00e4user. Was also ist es, das deine Augen in der \u00d6ffentlichkeit nicht beleidigt, sie zu Hause jedoch st\u00f6rt \u2013 was anderes als deine Meinung, die am einen Ort entspannt und tolerant, zu Hause aber kritisch ist und jederzeit klagt?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ciceros Darstellung der stoischen Sichtweise verwendete den gleichen allgemeinen Ansatz. Er verglich, wie die gleichen Menschen auf gleiche Dinge unterschiedlich reagieren, wenn sie ihnen gegen\u00fcber unterschiedlich eingestellt sind, also unterschiedliche Meinungen dar\u00fcber hegen.<br \/>\nAllein die Tatsache, dass Menschen dieselben Schmerzen leichter ertragen, wenn sie sie freiwillig im Interesse ihres Landes erleiden, als wenn sie sie aus einem geringeren Grund erleiden, zeigt, dass die Intensit\u00e4t der Schmerzen vom Gem\u00fctszustand des Betroffenen abh\u00e4ngt und nicht von der ihnen innewohnenden Natur.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Oder wie Montaigne es konkreter formulierte:<br \/>\nWir reagieren empfindlicher auf einen Schnitt mit dem Skalpell eines Chirurgen als auf zehn Wunden, die uns in der Hitze des Gefechts mit dem Schwert zugef\u00fcgt wurden.<br \/>\nAls N\u00e4chstes empfehlen die Stoiker, an andere zu denken, die heftiger als wir auf ein Ereignis oder eine andere Provokation reagieren. Von unserem Standpunkt aus betrachtet, wirken diese anderen \u00fcberempfindlich. Aber wir erscheinen uns selbst nur deshalb anders \u2013 also nicht \u00fcberempfindlich \u2013, weil wir unsere eigene Sensibilit\u00e4t f\u00fcr selbstverst\u00e4ndlich halten. Wenn jeder dieselbe Schw\u00e4che hat, sieht sie nicht l\u00e4nger wie eine Schw\u00e4che aus. Vielmehr kommt sie einem so vor, als w\u00e4re sie der Naturzustand.<br \/>\nWir erachten jene Dinge, bei denen jeder schwach ist, als hart und unertr\u00e4glich. Dabei vergessen wir, welche Qual es f\u00fcr viele ist, auf Wein zu verzichten oder bei Tagesanbruch aufstehen zu m\u00fcssen. Diese Dinge sind nicht von Natur aus schwierig, sondern wir sind verweichlicht und schlaff.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jemandem mit Gelbsucht schmeckt Honig bitter; jemand mit Tollwut scheut das Wasser; f\u00fcr kleine Kinder ist ein Ball etwas Wundervolles. Warum bin ich dann w\u00fctend? Oder glaubst du, dass irregeleitetes Denken weniger Einfluss auf uns hat als die eigene Galle auf einen Menschen mit Gelbsucht oder das Gift auf einen Menschen, der von einem tollw\u00fctigen Hund gebissen wurde?<br \/>\nSo, wie das Studieren eine Qual f\u00fcr den Faulen ist, so ist die Abstinenz vom Wein eine Qual f\u00fcr den Trunkenbold, die Gen\u00fcgsamkeit eine Qual f\u00fcr den Prunkliebenden und die k\u00f6rperliche Ert\u00fcchtigung eine Qual f\u00fcr den Zarten und M\u00fc\u00dfigg\u00e4nger; und so ist es auch mit allem anderen. Die Dinge selbst sind nicht so schwierig oder schmerzhaft. Unsere Schw\u00e4che und Verzagtheit machen sie dazu.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dieser Denkstil l\u00e4sst sich nicht nur darauf anwenden, wie empfindsam andere auf Leid und \u00c4rgernisse reagieren, sondern auch auf das Verhalten (und vor allem auf dessen Extreme), zu dem ihre \u00dcberzeugungen sie treiben \u2013 \u00dcberzeugungen, die uns seltsam erscheinen m\u00f6gen, aber nicht seltsamer als unsere ihnen.<br \/>\nJede Meinung kann einem Menschen wichtig genug erscheinen, daf\u00fcr zu sterben. Der erste Artikel des sch\u00f6nen Eides, den die Griechen in ihrem Krieg gegen die Meder schworen und verteidigten, lautete, dass jeder eher sein Leben gegen den Tod eintauschen w\u00fcrde als seine eigenen Gesetze gegen die Persiens. Wie viele Menschen nehmen in den Kriegen zwischen den T\u00fcrken und den Griechen grausame Tode auf sich, anstatt der Beschneidung zur Taufe zu entsagen!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Oder denken Sie an diejenigen, die auf etwas weniger stark reagieren als Sie. Wenn Sie sehen, dass sie Dinge ertragen, die Sie nicht ertragen k\u00f6nnen, l\u00e4sst das Ihre Reaktion deutlicher als Ihr eigenes Tun erscheinen. So Senecas Gespr\u00e4ch mit seinem eigenen Schmerz, den er verharmlost, indem er an Menschen denkt, die dasselbe oder Schlimmeres klaglos ertragen:<br \/>\nIn Wahrheit bist du nur Schmerz \u2013 derselbe Schmerz, den der Gichtgeplagte verachtet, den der Magenkranke f\u00fcr Delikatessen erduldet, den eine Frau w\u00e4hrend des Geburtsvorgangs tapfer ertr\u00e4gt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In dieser Passage und anderen liest man h\u00e4ufig, dass die Stoiker von der Verachtung des Schmerzes oder anderer \u00e4u\u00dferer Erscheinungen oder von Geringsch\u00e4tzung ihnen gegen\u00fcber sprechen. Die Worte \u00bbGeringsch\u00e4tzung\u00ab oder \u00bbVerachtung\u00ab werden oft verwendet, um verschiedene Arten von Hass zu suggerieren. In diesem Buch dienen sie nicht unbedingt dieser Nuancierung. F\u00fcr gew\u00f6hnlich dr\u00fccken sie aus, eine Sache als klein oder unwichtig zu betrachten, als etwas, dem wir uns \u00fcberlegen f\u00fchlen sollten; und das alles funktioniert ohne den Unterton von Schm\u00e4hung und Abneigung.<br \/>\nWenn du gesehen hast, wie Kinder in Sparta und junge M\u00e4nner in Olympia und Barbaren im Amphitheater die schwersten Wunden zugef\u00fcgt bekommen und sie schweigend ertragen \u2013 wirst du dann, wenn ein Schmerz dich streift, aufschreien? \u2026 Wirst du ihn nicht lieber entschlossen und standhaft erdulden? Und nicht schreien: \u00bbEs ist unertr\u00e4glich! Es ist im Naturzustand nicht zu ertragen!\u00ab Ich h\u00f6re, was du sagst: Jungen ertragen es, weil sie sich vom Wunsch nach Ruhm leiten lassen; andere ertragen es aus Scham, viele aus Angst \u2013 und doch f\u00fcrchten wir, dass wir es in unserem Naturzustand nicht ertragen k\u00f6nnen, was von so vielen und unter so unterschiedlichen Umst\u00e4nden erduldet wird?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir begegnen den Geburtsschmerzen, die von \u00c4rzten und von Gott selbst als gro\u00df geachtet werden, mit unseren vielen Ritualen; doch bei ganzen Nationen finden sie keinerlei Beachtung. Die Rede ist nicht von den Spartanerinnen; unter den Schweizerinnen, die mit unseren Fu\u00dfsoldaten marschieren, macht die Geburt keinen anderen Unterschied, als dass sie, w\u00e4hrend sie ihren Ehem\u00e4nnern hinterherlaufen, die S\u00e4uglinge auf dem R\u00fccken tragen, die sie noch am Tag zuvor in ihren B\u00e4uchen getragen haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie diese Beispiele zeigen, sind Stoiker daf\u00fcr bekannt, sich beil\u00e4ufig mit Anthropologie zu besch\u00e4ftigen \u2013 manchmal sehr beil\u00e4ufig. Vermutlich sind Sie von der Raffinesse ihrer Diskussion \u00fcber die Geburt nicht sonderlich beeindruckt. Der herausspringende Punkt ist jedoch der Geist, der diesen Untersuchungen zugrunde liegt. Konventionen und Gewohnheiten haben eine bemerkenswerte Macht, unsere Urteile zu beeinflussen. Je nachdem, ob wir es gewohnt sind, dass andere etwas tun, oder ob wir selbst etwas zu tun oder zu f\u00fchlen gewohnt sind, kann letztlich alles entweder normal oder seltsam, unvermeidlich oder als h\u00e4tte man die Wahl erscheinen. Die dahinterstehenden Kr\u00e4fte neigen dazu, ihre Arbeit unsichtbar zu verrichten. Wenn wir einmal einen Brauch oder eine Gewohnheit angenommen haben, f\u00fchlen sich die von ihnen hervorgerufenen Urteile so an, als w\u00e4ren sie ausschlie\u00dflich unsere eigenen und nicht etwas, das uns eingepflanzt wurde und ebenso gut anders sein k\u00f6nnte. Der Bann der Vertrautheit muss gebrochen werden, und das gelingt am besten, wenn man sich die gro\u00dfe Bandbreite der Reaktionen auf dieselben Dinge ansieht, die den Menschen unter verschiedenen Bedingungen als nat\u00fcrlich erscheinen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>4. Nahrung. Wir brauchen unseren Blick nicht nach Sparta zu richten oder Schwertk\u00e4mpfe heranzuziehen, um gute Themen f\u00fcr die gerade gezeigten Vergleiche zu finden. Als Fallstudie k\u00f6nnen Sie auch einige der M\u00f6glichkeiten betrachten, wie das Prinzip dieses Kapitels auf Nahrung \u2013 ein h\u00e4ufiges Thema stoischer \u00dcberlegungen \u2013 angewendet werden kann. Unsere Reaktionen auf das, was wir essen, f\u00fchlen sich unvermeidlich an und scheinen eher durch das Essen als durch irgendetwas in uns selbst hervorgerufen zu werden, aber diese Reaktionen liegen oft genauso sehr an uns wie an dem, was auf dem Teller liegt. Die Stoiker studieren sehr genau die Gel\u00fcste, die unsere Reaktionen auf Nahrung und alles andere hervorrufen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Meinem B\u00e4cker ist das Brot ausgegangen, aber der Verwalter, der Hausmeister und meine Mieter haben welches. \u00bbSchlechtes Brot!\u00ab, sagst du. Warte nur, es wird noch gut werden. Der Hunger wird dazu f\u00fchren, dass selbst dieses Brot delikat schmeckt, und er wird den Eindruck erwecken, es w\u00e4re aus feinstem Mehl. Deshalb sollten wir nicht eher essen, als der Hunger es uns gebietet. Ich werde also warten, bis ich gutes Brot bekomme oder nicht mehr so w\u00e4hlerisch bin.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wer sieht nicht, dass Appetit die beste W\u00fcrze ist? Als Dareios auf der Flucht vor dem Feind etwas Wasser getrunken hatte, das schlammig und von Kadavern verunreinigt war, erkl\u00e4rte er, er habe noch nie etwas Angenehmeres getrunken. Tats\u00e4chlich hatte er noch nie aus Durst getrunken \u2026 Vergleiche [mit denen, die M\u00e4\u00dfigung \u00fcben] diejenigen, die schwitzen und r\u00fclpsen, die vom Essen \u00fcbers\u00e4ttigt sind wie gem\u00e4stete Ochsen; dann wirst du erkennen, dass diejenigen, die am meisten nach dem Genuss streben, ihn am wenigsten erreichen, und dass der Genuss beim Essen darin besteht, Appetit zu haben, nicht darin, satt zu werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Unser Thema in diesem Kapitel ist, welche Rolle unsere eigenen Urteile \u2013 oder Meinungen \u2013 bei der Produktion unserer Erfahrungen spielen. Als Beispiel f\u00fcr ein solches Urteil kann ein Begehren oder Gel\u00fcst gelten, wenn man Urteile so versteht, dass sie all jene Dinge in uns umfassen, die unsere Reaktion auf das pr\u00e4gen, was uns in der Welt begegnet. Von einem bestimmten Standpunkt aus gesehen ist dies offensichtlich. Auf der einen Seite steht das Essen \u2013 eine \u00e4u\u00dfere Sache; auf der anderen Seite steht die Frage, wie sehr wir es wollen \u2013 ein Urteil, das wir selbst gef\u00e4llt haben. Dennoch mag es \u00fcberraschend erscheinen, den Appetit auf Nahrung als ein \u00bbUrteil\u00ab im stoischen Sinne zu bezeichnen, weil wir ihn als eine physische Tatsache empfinden. Unser Hunger oder Durst stellt sich als eine k\u00f6rperliche Empfindung dar, nicht als etwas, das wir kraft unserer Gedanken ver\u00e4ndern k\u00f6nnten. Aber jeder Stoiker w\u00fcrde diese Vorstellung infrage stellen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Erstens h\u00e4ngen unsere Gel\u00fcste oftmals tats\u00e4chlich von uns ab \u2013 im Vorfeld. Zwar m\u00f6gen wir Schwierigkeiten damit haben, sie zu \u00e4ndern, wenn sie einmal vorhanden sind, aber wir k\u00f6nnen in gro\u00dfen Teilen beeinflussen, ob und wie sie \u00fcberhaupt entstehen. Stoiker werden sich nicht nur bewusster dar\u00fcber, wie unsere Gel\u00fcste unser Erleben beeinflussen, sondern auch, wie unsere Entscheidungen unsere Gel\u00fcste beeinflussen. Wir erlauben uns, hungrig zu werden, oder auch nicht; wir qu\u00e4len uns mit Vergleichen und anderen Gedanken, die Sehns\u00fcchte wecken, oder wir tun es nicht. Die Steuerung der Gel\u00fcste \u2013 wann und wie man sie ausbildet, wann und wie nicht \u2013 ist Teil der stoischen Praxis. (Das ist in F\u00e4llen wie dem oben beschriebenen von Seneca erforderlich, beispielsweise indem man lernt, aus einfachen und nat\u00fcrlichen Freuden Befriedigung zu ziehen.)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>All dies ist ein Beispiel f\u00fcr die Neuausrichtung, die die Stoiker allgemein empfehlen: weniger Energie darauf zu verwenden, Dinge zu bekommen oder zu vermeiden, und mehr darauf, zu wissen, warum wir sie wollen (oder nicht wollen) und wie die Art und Weise, wie wir denken, dies beeinflussen k\u00f6nnte. Wir werden auf diese Punkte in sp\u00e4teren Kapiteln zur\u00fcckkommen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zweitens w\u00fcrde ein Stoiker nicht eben schnell einr\u00e4umen, dass Gel\u00fcste, selbst wenn sie einmal vorhanden sind, physische Tatsachen sind, die sich dem Verstand v\u00f6llig entziehen. Nat\u00fcrlich kann gro\u00dfer Hunger eine schlimme Tatsache dieser Art sein, genau wie andere Arten von Schmerzen und Empfindungen. Aber in diesen und anderen Situationen vergisst man leicht, wie stark unsere Psyche die Empfindungen beeinflussen kann, die \u00e4u\u00dfere Einfl\u00fcsse bei uns erzeugen. Ein Essen, das k\u00f6stlich aussieht, kann man unm\u00f6glich genie\u00dfen, es kann sogar k\u00f6rperliche Abscheu hervorrufen, wenn man etwas Ekelhaftes dar\u00fcber h\u00f6rt, wie es zubereitet wurde. (Man sagt dann h\u00e4ufig, man habe den Appetit verloren.) Es ist nicht viel besser \u2013 es kann sogar schlimmer sein \u2013, wenn man eine solche Entdeckung erst hinterher macht.<br \/>\nSehr oft, wenn M\u00e4nner mit gro\u00dfem Vergn\u00fcgen Delikatessen verspeist haben und im Nachhinein merken oder erfahren, dass sie etwas Unreines oder Ungesetzliches gegessen haben, wird diese Entdeckung nicht nur von Trauer und Kummer begleitet, sondern ihre K\u00f6rper, die gegen diese Vorstellung revoltieren, werden von heftigem Erbrechen und W\u00fcrgen ergriffen.<\/p>\n<p>Montaigne stellte es noch eindringlicher dar.<br \/>\nIch kenne einen Herrn, der eine gro\u00dfe Gruppe von G\u00e4sten in seinem Haus bewirtet hatte und einige Tage sp\u00e4ter im Scherz (denn es war nichts daran) damit prahlte, er habe ihnen eine Katzenpastete serviert. Eine der jungen Damen in der Gruppe wurde von solchem Abscheu erfasst, dass sie heftige Magenkr\u00e4mpfe und Fieber bekam. Es war unm\u00f6glich, sie zu retten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nahrung interessiert einen Stoiker auch in anderer Hinsicht. Sie kann als n\u00fctzliche Quelle f\u00fcr Analogien zwischen der Art und Weise, wie der Magen arbeitet, und der Art und Weise, wie der Verstand arbeitet, dienen. So, wie der Magen, wenn er durch Krankheit gesch\u00e4digt ist, Galle sammelt und (\u2026) jede Art von Nahrung in eine Quelle des Schmerzes verwandelt, so wird im Falle eines verdorbenen Geistes das, was man ihm anvertraut, zu einer Last und zu einer Quelle des Ungl\u00fccks und des Elends.<br \/>\nPlutarch bediente sich solcher Vergleiche immer wieder. Er war zwar kein Stoiker, was die gro\u00dfen Themen betraf, stimmte mit den Stoikern aber in dieser und weiteren unmittelbareren Fragen \u00fcberein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bei Fieber scheint alles, was wir essen, bitter und unangenehm zu schmecken; aber wenn wir sehen, dass andere dasselbe Essen zu sich nehmen und keinen Missmut deswegen empfinden, geben wir dem Essen und Trinken nicht l\u00e4nger die Schuld. Wir geben uns selbst und unserer Krankheit die Schuld. Ebenso h\u00f6ren wir auf, Umst\u00e4nden die Schuld zu geben und uns \u00fcber sie zu \u00e4rgern, wenn wir sehen, dass andere die gleichen Umst\u00e4nde fr\u00f6hlich und ohne \u00c4rger akzeptieren.<br \/>\nHast du noch nie bemerkt, wie Kranke sich gegen die leckersten und teuersten Speisen auflehnen, sie ausspucken und ablehnen, obwohl man sie ihnen darbietet und sie ihnen fast in den Rachen zwingt \u2013 aber zu einer anderen Zeit, wenn ihr Zustand ein anderer ist, ihre Atmung gut ist, ihr Blut in einem gesunden Zustand ist und ihre nat\u00fcrliche W\u00e4rme wiederhergestellt ist, stehen sie auf und genie\u00dfen eine gute Mahlzeit aus einfachem Brot und K\u00e4se und Kohl? So ist auch die Wirkung der Vernunft auf den Geist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dr. Johnson f\u00fchrte die Idee fort, kehrte jedoch die Fakten dieser Darstellung um.<br \/>\nDas, was wir zu wollen glauben, qu\u00e4lt uns nicht im Verh\u00e4ltnis zu seinem tats\u00e4chlichen Wert, sondern entsprechend der Einsch\u00e4tzung, nach der wir es innerlich bewertet haben. Bei einigen Krankheiten wurde beobachtet, dass sich der Patient nach Nahrungsmitteln sehnt, die er in gesundem Zustand selbst bei gr\u00f6\u00dftem Hunger kaum hinuntergew\u00fcrgt bekommen w\u00fcrde; aber w\u00e4hrend seine Organe so verdorben waren, war das Verlangen unwiderstehlich und er konnte keine Ruhe finden, bis es durch Nachgiebigkeit gestillt wurde. Von der gleichen Art sind die schlechten Begierden des Geistes; auch wenn sie oft durch Kleinigkeiten erregt werden, sind sie bei echten Bed\u00fcrfnissen ebenso beunruhigend: Der R\u00f6mer, der wegen des Todes seines Neunauges weinte, empfand den gleichen Grad an Trauer, der bei anderen Gelegenheiten Tr\u00e4nen hervorruft.<\/p>\n<p>Johnson bezieht sich auf eine Anekdote, die Plutarch erz\u00e4hlte. Crassus und Domitius waren r\u00f6mische Gener\u00e4le. Crassus wurde von Domitius verspottet, weil er wegen des Todes eines aalartigen Fisches weinte, der ihm geh\u00f6rte. Crassus erwiderte, dies seien mehr Tr\u00e4nen, als Domitius wegen seiner drei verstorbenen Ehefrauen vergossen habe.<br \/>\nNahrung wurde hier nur als Beispiel daf\u00fcr angef\u00fchrt, wie die Stoiker \u00fcber etwas uns Vertrautes denken w\u00fcrden. Man kann viele Dinge des t\u00e4glichen Lebens der gleichen Art von Analyse unterziehen. Damit Sie nicht denken, Plutarch habe sich zu sehr mit dem Thema Essen besch\u00e4ftigt, er\u00f6ffnet er hier einen anderen Anwendungsbereich, auf den viele der soeben angesprochenen Punkte \u00fcbertragen werden k\u00f6nnen:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein weiteres Beispiel ist die Verbannung unserer Geschlechtsteile, die regungslos bleiben, ohne zu erschauern in Gegenwart jener sch\u00f6nen Frauen und Jungen, die zu ber\u00fchren uns sowohl die Vernunft als auch das Gesetz verbieten. Dies geschieht insbesondere bei jenen, die sich verlieben und dann erfahren, dass sie sich unwissentlich in eine Schwester oder eine Tochter verliebt haben. Dann zieht sich das Begehren voller Angst zur\u00fcck, w\u00e4hrend die Vernunft die Kontrolle \u00fcbernimmt, und die Zurschaustellung der K\u00f6rperteile erfolgt in sittsamer \u00dcbereinstimmung mit diesem Urteil.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>5. Metaphern und Analogien. Die Stoiker bieten eine Vorstellung von der Psyche und der Rolle, die sie dabei spielt, Objekte und Ereignisse in eine vom Selbst empfundene Erfahrung zu wandeln. Unsere Sprache besitzt nicht die Mittel, um diese Rolle wortgetreu zu beschreiben; die Mechanismen des Geistes sind f\u00fcr uns nicht in einer Weise sichtbar, die eine genaue Beschreibung erm\u00f6glicht. Wie wir also gerade gesehen haben, greifen die Stoiker zuweilen auf bildliche Vergleiche und Analogien zur\u00fcck, durch die man ihre Ideen leichter erkennen kann. Einige weitere Beispiele:<br \/>\nWie eine Schale mit Wasser, so ist die Seele; wie das Licht, das auf das Wasser f\u00e4llt, so sind die Eindr\u00fccke, die die Seele erh\u00e4lt. Wenn das Wasser unruhig ist, scheint auch das Licht unruhig zu sein; doch es ist nicht unruhig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es bedarf Geistesgr\u00f6\u00dfe, um gro\u00dfe Angelegenheiten zu beurteilen, sonst scheint deren Fehler zu sein, was in Wahrheit unserer ist. In gleicher Weise werden manche Dinge, die vollkommen gerade sind, dem Betrachter, wenn sie in Wasser getaucht werden, als verbogen oder abgeknickt erscheinen. Es kommt nicht so sehr darauf an, was man sieht, sondern wie man es sieht. Wenn es darum geht, die Realit\u00e4t klar zu erkennen, tappt unser Geist im Nebel.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Von Plutarch:<br \/>\nKleider scheinen uns zu w\u00e4rmen, aber nicht, indem sie selbst W\u00e4rme abgeben; denn an sich ist jedes Kleidungsst\u00fcck kalt, weshalb Menschen, denen hei\u00df ist oder die Fieber haben, meist st\u00e4ndig die Kleidung wechseln. Vielmehr h\u00e4lt die Kleidung, die uns umh\u00fcllt, die W\u00e4rme, die der K\u00f6rper abgibt, fest und l\u00e4sst sie nicht entweichen. \u00c4hnlich ist es mit der Vorstellung, die einen gro\u00dfen Teil der Menschen t\u00e4uscht \u2013 dass sie, wenn sie in gro\u00dfen H\u00e4usern leben und genug Sklaven und Geld zusammenbekommen k\u00f6nnten, ein gl\u00fcckliches Leben f\u00fchren w\u00fcrden. Aber ein gl\u00fcckliches und fr\u00f6hliches Leben kommt nicht von \u00e4u\u00dferen Faktoren. Im Gegenteil, erst der Mensch schreibt den Dingen, die ihn umgeben, Freude und Erf\u00fcllung zu, wobei sein Temperament gewisserma\u00dfen die Quelle seiner Gef\u00fchle ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>6. Schlussfolgerungen. Dieses Kapitel hat in die grundlegendste Idee eingef\u00fchrt, die hinter der Praxis des Stoizismus steht: dass unsere Reaktionen auf alles von uns selbst erschaffen werden, auch wenn es nicht so erscheint, und dass wir unsere Macht untersch\u00e4tzen, uns von denen zu befreien, die uns schlecht dienen. Wir k\u00f6nnen das Kapitel mit einigen \u00dcberlegungen zum grundlegenden Charakter dieses Punktes abschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Von Epiktet:\u00a0Siehe den Beginn der Philosophie! \u2013 die Wahrnehmung der Unstimmigkeit der Menschen untereinander und die Suche nach dem Ursprung dieser Unstimmigkeit; die Ablehnung und das Misstrauen gegen\u00fcber der blo\u00dfen Meinung und die \u00dcberpr\u00fcfung, ob eine Meinung richtig oder falsch ist; und die Entwicklung eines gewissen Ma\u00dfstabs f\u00fcr Urteile \u2013 so wie wir die Waage entdeckten, um Gewichte zu messen, oder das Lineal f\u00fcr die Beurteilung gerader oder krummer Dinge.<br \/>\nEpiktets Beschreibung kann im Gro\u00dfen und Ganzen tats\u00e4chlich als Darstellung angesehen werden, wie die stoische Philosophie im Allgemeinen entstand, aber auch, wie jeder, der sie studiert, sich ihr zu Beginn n\u00e4hern k\u00f6nnte. Wir sehen andere Menschen anders reden, denken oder handeln, als wir es tun w\u00fcrden, oder anders, als wir es uns vorgestellt hatten \u2013 das sind die Unstimmigkeiten, die Epiktet anspricht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das bringt uns dazu, unsere kontr\u00e4ren Meinungen und Gewohnheiten als weniger selbstverst\u00e4ndlich anzunehmen und sie stattdessen als etwas anzusehen, das st\u00e4rker von unseren Entscheidungen und den Umst\u00e4nden abh\u00e4ngt, als wir angenommen hatten (die Ablehnung und das Misstrauen gegen\u00fcber der blo\u00dfen Meinung). Wir werden dazu veranlasst, unser eigenes Denken genauer in Augenschein zu nehmen und eine wahrere und korrektere Grundlage daf\u00fcr zu suchen \u2013 uns die Waage und das Lineal zu beschaffen. Das Ergebnis besteht vielleicht nicht in unserer fr\u00fcheren Meinung oder in einer \u00fcberraschenden Alternative; es kann eine Perspektive sein, die beides ber\u00fccksichtigt und unser Verst\u00e4ndnis erweitert. Wenn Sie diesen Zyklus tausendmal durchlaufen haben, k\u00f6nnen Sie das in diesem Kapitel er\u00f6rterte Prinzip halbwegs abhaken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir haben uns einige konkrete Beispiele eines solchen Ablaufs angesehen, aber das Konzept geht weit \u00fcber jeden Einzelfall hinaus. Es ist nicht nur so, dass unsere Reaktion auf dieses oder jenes durch unseren eigenen Verstand erzeugt wird. Es geht darum, dass das auf unsere Erfahrungen mit allem zutrifft und dass diese in gr\u00f6\u00dferem Ma\u00dfe von uns abh\u00e4ngen, als uns \u00fcblicherweise klar ist. Die Arbeit der Philosophie besteht darin, Verantwortung f\u00fcr unser eigenes Denken zu \u00fcbernehmen und uns dadurch von den Fesseln und Fehleinsch\u00e4tzungen zu befreien, die sonst unsere Erfahrung diktieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zwei weitere M\u00f6glichkeiten, das Thema dieses Kapitels zusammenzufassen:<br \/>\nAchten Sie auf Ihre Eindr\u00fccke, wachen Sie dar\u00fcber, ohne einzuschlafen, denn das, was Sie h\u00fcten, ist keine Kleinigkeit: Selbstachtung und Treue und unersch\u00fctterliche Ruhe, ein Geist frei von Emotionen, Schmerz, Angst, Aufruhr \u2013 mit einem Wort: Freiheit.<br \/>\nIch habe den Eindruck, dass bei dieser ganzen Doktrin \u00fcber geistige Verwirrungen letztlich alles auf einen Punkt hinausl\u00e4uft: dass sie allesamt in unserer Macht stehen, dass sie allesamt durch selbst getroffene Urteile angenommen werden, dass sie allesamt freiwillig sind. Die Wurzel dieser Verirrung muss also herausgerissen, diese Meinung ausger\u00e4umt werden; und so, wie unter schlimmen Umst\u00e4nden die Dinge ertr\u00e4glich gemacht werden m\u00fcssen, so m\u00fcssen auch die Dinge, die wir f\u00fcr gro\u00dfartig und erfreulich halten, mit mehr Gelassenheit betrachtet werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als gute Schlussbemerkung f\u00fcr diese Er\u00f6rterung kann etwas dienen, das Cicero zum Abschluss einer damit verwandten Er\u00f6rterung von sich gab:<br \/>\nNun, da wir die Ursache dieser geistigen Verwirrungen festgestellt haben \u2013 dass sie alle auf Urteilen beruhen, die von Meinungen herr\u00fchren, und zwar aus freien St\u00fccken \u2013, lass uns diese Diskussion beenden. Au\u00dferdem sollten wir jetzt, da die Grenzen von Gut und B\u00f6se so weit entdeckt wurden, wie sie vom Menschen entdeckt werden k\u00f6nnen, erkennen, dass von der Philosophie nichts Gr\u00f6\u00dferes oder N\u00fctzlicheres erhofft werden kann als das, was wir in den letzten vier Tagen er\u00f6rtert haben. Denn abgesehen davon, dass wir dem Tod nun eine angemessene Verachtung entgegenbringen und den Schmerz ertr\u00e4glich gemacht haben, haben wir auch die Bes\u00e4nftigung der Trauer, die so gro\u00df ist wie das gr\u00f6\u00dfte der Menschheit bekannte \u00dcbel, erreicht \u2026 Denn es gibt ein Heilmittel f\u00fcr Trauer und andere Missst\u00e4nde, und es ist immer dasselbe. Sie alle beruhen auf Meinungen und werden freiwillig angenommen, weil es richtig erscheint, dies zu tun. Diesen Irrtum, als die Wurzel aller \u00dcbel, verspricht die Philosophie g\u00e4nzlich auszurotten. Widmen wir uns also ihrer Kultivierung und lassen uns heilen; denn solange diese \u00dcbel uns beherrschen, k\u00f6nnen wir nicht nur nicht gl\u00fccklich, sondern nicht einmal bei klarem Verstand sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-676352\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/04\/Bloggerrelanvzlogo.2021-FAK_21-01_Siegel_Blogger-Relevanzindex_Top-20-Blogs-228x300.jpg\" alt=\"\" width=\"228\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/04\/Bloggerrelanvzlogo.2021-FAK_21-01_Siegel_Blogger-Relevanzindex_Top-20-Blogs-228x300.jpg 228w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/04\/Bloggerrelanvzlogo.2021-FAK_21-01_Siegel_Blogger-Relevanzindex_Top-20-Blogs.jpg 493w\" sizes=\"auto, (max-width: 228px) 100vw, 228px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-676731\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/06\/bloggerinnen.2021.neu_-300x212.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"212\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/06\/bloggerinnen.2021.neu_-300x212.jpg 300w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/06\/bloggerinnen.2021.neu_-424x300.jpg 424w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/06\/bloggerinnen.2021.neu_.jpg 650w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Copyright: @Claudia T\u00f6dtmann. Alle Rechte vorbehalten. Kontakt f\u00fcr Nutzungsrechte: claudia.toedtmann@wiwo.de<\/strong><\/p>\n<p><strong>Alle inhaltlichen Rechte des Management-Blogs von Claudia T\u00f6dtmann liegen bei der Blog-Inhaberin. Jegliche Nutzung der Inhalte bed\u00fcrfen der ausdr\u00fccklichen Genehmigung.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Buchauszug Ward Farnsworth: &#8222;Der praktizierende Stoiker. 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