{"id":677450,"date":"2021-09-20T11:58:05","date_gmt":"2021-09-20T09:58:05","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/?p=677450"},"modified":"2021-09-20T20:13:24","modified_gmt":"2021-09-20T18:13:24","slug":"buchauszug-nina-schick-deepfakes-wie-gefaelschte-botschaften-im-netz-unsere-demokratie-gefaehrden-und-unsere-leben-zerstoeren-koennen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2021\/09\/20\/buchauszug-nina-schick-deepfakes-wie-gefaelschte-botschaften-im-netz-unsere-demokratie-gefaehrden-und-unsere-leben-zerstoeren-koennen\/","title":{"rendered":"Buchauszug Nina Schick: &#8222;Deepfakes. Wie gef\u00e4lschte Botschaften im Netz unsere Demokratie gef\u00e4hrden und unsere Leben zerst\u00f6ren k\u00f6nnen&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Nina Schick: &#8222;Deepfakes. Wie gef\u00e4lschte Botschaften im Netz unsere Demokratie gef\u00e4hrden und unsere Leben zerst\u00f6ren k\u00f6nnen&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_677625\" style=\"width: 430px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-677625\" class=\"size-full wp-image-677625\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/09\/schick.Nina_Schick_Foto-e1631896653210.jpg\" alt=\"\" width=\"420\" height=\"456\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/09\/schick.Nina_Schick_Foto-e1631896653210.jpg 420w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/09\/schick.Nina_Schick_Foto-e1631896653210-276x300.jpg 276w\" sizes=\"auto, (max-width: 420px) 100vw, 420px\" \/><p id=\"caption-attachment-677625\" class=\"wp-caption-text\">Nina Schick (Foto: Goldmann\/\u00a9Maria Lind)<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Covid-19<\/strong><\/p>\n<p><strong>Ein globales Virus<\/strong><\/p>\n<p>Dass die Welt genau zu der Zeit, als ich dieses Buch schrieb, in eine nie dagewesene Krise st\u00fcrzen w\u00fcrde, die alle Entwicklungen der Infokalypse hervorragend veranschaulichen sollte, konnte ich nicht vorhersehen. Nun fegt die Corona-Pandemie schon seit mehr als einem Jahr \u00fcber die Welt. Jene, die sich mit diesem schrecklichen Virus infiziert haben und daran sterben, bekommen buchst\u00e4blich keine Luft mehr. F\u00fcr den Rest von uns f\u00fchlt es sich an, als z\u00f6ge ein unsichtbarer Henker die Schlinge um unseren Hals immer enger, als hungere er uns aus, indem er uns unserer Leben und unserer Lebensgrundlagen beraubt. Es handelt sich um ein noch nie dagewesenes Szenario, von dem wir schlicht und ergreifend nicht wissen, wie es sich weiterhin entwickeln wird. Ebenso wie sie uns unsere Lebensgrundlage entzieht, zwingt uns die Pandemie, der eigenen Sterblichkeit ins Auge zu blicken. Im Hinblick auf die inneren Abl\u00e4ufe unserer zunehmend gef\u00e4hrlichen und nicht l\u00e4nger vertrauensw\u00fcrdigen Informationsumwelt gibt sie jedoch auch eine hervorragende Fallstudie ab.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Rolle Chinas\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Den Namen Wuhan h\u00f6rte ich das erste Mal an einem bitterkalten Winterabend Ende Januar 2020. An diesem Tag erreichte das Virus Europa. Ich war gerade auf dem Weg zu einer Besprechung der Abendausgaben bei Sky News in London und las die ersten Auflagen der Schlagzeilen des n\u00e4chsten Tages. In Wuhan war ein t\u00f6dliches Virus entdeckt worden, das ernste Lungenerkrankungen hervorrief. Innerhalb nur weniger Wochen waren Dutzende Menschen gestorben. Bis zum chinesischen Neujahrsfest, eine der gr\u00f6\u00dften Feierlichkeiten im Mondkalender, waren es nur noch wenige Tage. Millionen von Menschen w\u00fcrden kreuz und quer durch das Land (und die Welt) reisen, um mit ihren Liebsten zu feiern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die chinesische Regierung entschied sich f\u00fcr eine drastische Ma\u00dfnahme. \u00dcber Nacht wurden Wuhan und die angrenzenden Regionen stillgelegt und abgesperrt. Um die 25 Millionen Menschen waren in der gr\u00f6\u00dften Sperrzone, die die Welt bis dahin gesehen hatte, gefangen. Doch nicht einmal, dass Peking die Notbremse zog, konnte verhindern, dass sich das neuartige Coronavirus zu einer ausgewachsenen Pandemie entwickelte. In den Monaten, in denen ich dieses Buch schrieb, fiel mir jedoch auch auf, wie gut sich die Coronakrise eignet, die Schl\u00fcsselaspekte der Infokalypse zu illustrieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In Kapitel 2 habe ich das Konzept der Infokalypse mit Blick durch die geopolitische Linse eingef\u00fchrt. Ich habe beschrieben, wie ein staatlicher Akteur, n\u00e4mlich Russland, ihren Geist heraufbeschwor, lang bevor sie tats\u00e4chlich in unser Leben trat. Jetzt, da<br \/>\nwir alle im Zeitalter der Infokalypse leben, profitiert Russland von ihr. Es nutzt die Gegebenheiten der Infokalypse, um seine politischen Ziele zu erreichen. F\u00fcr Russland ist Covid-19 so etwas wie die Operation Infektion im Turbogang, und wie nicht anders zu erwarten, macht es sich dies nat\u00fcrlich zunutze, um seine Gegner weltweit zu entzweien und von sich abzulenken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Schon kurz nach dem Ausbruch der Pandemie f\u00fchrte der Kreml einen Dauerbrenner ins Feld \u2013 die Behauptung, es best\u00fcnde ein Zusammenhang mit einem US-amerikanischen Programm f\u00fcr biologische Kriegsf\u00fchrung. Diese Narrative gehen auf den Kalten Krieg zur\u00fcck, als die Sowjets den Vereinigten Staaten unterstellten, sie w\u00fcrden die \u00bbfaschistische Technologie\u00ab der Nazis zweckentfremden und mithilfe von Genmanipulation Krankheiten entwickeln. Der Kreml stellte also die Behauptung auf, das Virus sei eine US-amerikanische \u00bbBiowaffe\u00ab, die sich gegen China richte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als Covid-19 schlie\u00dflich die Vereinigten Staaten erreichte, war die Botschaft nat\u00fcrlich schon wieder eine ganz andere: Nun erkl\u00e4rte man, das Virus sei aus finanziellen Gr\u00fcnden von der US-Pharmaindustrie entwickelt worden, und mutma\u00dfte, dass bereits eine Impfung bereitstehe. Das Virus erm\u00f6glichte es dem Kreml dar\u00fcber hinaus, sich die zunehmend erkaltenden Beziehungen zwischen Peking und Washington zunutze zu machen. Getreu seinem Motto \u00bbentzweien und ablenken\u00ab verbreitete Russland die Geschichte, dass Covid-19 eine von China entwickelte Biowaffe sei, deren Verbreitung mit dem dortigen Ausbau des 5G-Netzwerkes zusammenh\u00e4nge.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Um in der Ukraine die Angst zu sch\u00fcren, die Situation sei schlimmer als gedacht, schreckte der Kreml nicht davor zur\u00fcck, entsprechende Ger\u00fcchte zu verbreiten. Dies f\u00fchrte in einem l\u00e4ndlich gelegenen Dorf zu gewaltsamen Ausschreitungen, als ukrainische B\u00fcrger und B\u00fcrgerinnen, die in Wuhan gelebt hatten, zur\u00fcck in ihre Heimat evakuiert wurden. Demonstranten blockierten Stra\u00dfen und bewarfen die Busse, in denen sich die Evakuierten befanden, mit Steinen. Die Nationalgarde musste eingreifen, um die Situation unter Kontrolle zu bringen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als der britische Premierminister Boris Johnson ins Krankenhaus eingeliefert wurde, weil das Coronavirus auch in seinem K\u00f6rper w\u00fctete, legte sich Russland im Hinblick auf seine Informationskampagnen ganz besonders ins Zeug. Falschinformationen machten die Runde, die besagten, dass Johnson ohne Hilfe nicht mehr atmen k\u00f6nne und daher an ein Beatmungsger\u00e4t angeschlossen worden sei; dies wurde seitens der britischen Regierung jedoch w\u00fctend dementiert. Die Infokalypse ist jedoch nicht l\u00e4nger ausschlie\u00dflich eine Dom\u00e4ne Russlands. Mittlerweile trachten auch andere staatliche Akteure danach, von ihr zu profitieren. So haben sich beispielsweise Chinas Taktiken mit dem Auftauchen von Covid-19 drastisch gewandelt. Bisher ging es bei chinesischen Informationskampagnen immer darum, mithilfe von Zensur und der Erschaffung eines Narrativs die absolute Kontrolle zu erlangen. Seit M\u00e4rz 2020 hat sich China jedoch einer Strategie bem\u00e4chtigt, die eher an Russland erinnert und Verwirrung in Bezug auf den Ursprung des Virus stiften soll.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-677451\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/09\/cover.Schick_Deep-Fakes_Cover.jpg\" alt=\"\" width=\"408\" height=\"650\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/09\/cover.Schick_Deep-Fakes_Cover.jpg 408w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/09\/cover.Schick_Deep-Fakes_Cover-188x300.jpg 188w\" sizes=\"auto, (max-width: 408px) 100vw, 408px\" \/><\/p>\n<p><strong>Nina Schick: &#8222;Deepfakes Wie gef\u00e4lschte Botschaften im Netz unsere Demokratie gef\u00e4hrden und unsere Leben zerst\u00f6ren k\u00f6nnen&#8220; &#8211; 17 Euro, 256 Seiten, Goldmann Verlag <a href=\"https:\/\/www.penguinrandomhouse.de\/Paperback\/Deepfakes\/Nina-Schick\/Goldmann\/e586080.rhd\">https:\/\/www.penguinrandomhouse.de\/Paperback\/Deepfakes\/Nina-Schick\/Goldmann\/e586080.rhd<\/a><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Analytikerinnen, die sich mit der Verbreitung gezielter Falschinformation auseinandersetzen, haben bisher immer zwischen Russlands \u00bbChaos-\u00ab und Chinas<br \/>\n\u00bbKontroll\u00ab-Strategien unterschieden, weshalb es eine bemerkenswerte Entwicklung ist, dass China seinen Ansatz nun auf den Kopf stellt. Chinas Informationskampagnen in Reaktion auf die Coronakrise setzen sich aus drei gro\u00dfen Teilstrategien zusammen. An erster Stelle steht nat\u00fcrlich die Zensur. Zu Beginn der Ereignisse in Wuhan hielten die chinesischen Beh\u00f6rden s\u00e4mtliche Meldungen \u00fcber die aufkeimende Pandemie unter Verschluss und unterdr\u00fcckten jegliche Kritik an der zentralen Regierung. Dies geschah, indem man das Risiko herunterspielte, erste Whistleblower zum Schweigen brachte und die Zahl der Toten nach unten \u00bbkorrigierte\u00ab.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dr. Li Wenliang, ein Augenarzt am Central Hospital in Wuhan, wurde in dieser Geschichte zur tragischen Figur. Als er Ende Dezember 2019 Alarm schlagen wollte, wurde er vor die Beh\u00f6rden geschleift und gezwungen, eine Stellungnahme<br \/>\nzu unterschreiben, die besagte, er habe eine falsche Aussage getroffen, die \u00bbdie \u00f6ffentliche Ordnung gest\u00f6rt\u00ab habe. Aufgrund einer grausamen Laune des Schicksals starb Dr. Li in der Folge an Covid-19; er hinterlie\u00df einen kleinen Sohn und eine schwangere Frau. Vor seinem Tod aber erfuhr er noch weltweite Anerkennung als Held. In einem Interview mit der New York Times sagte er: \u00bbIch denke, es w\u00e4re um einiges besser gewesen, wenn die Beh\u00f6rden fr\u00fcher mit den Informationen \u00fcber die Epidemie an die \u00d6ffentlichkeit gegangen w\u00e4ren.\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Selbst als sich Covid-19 mit rasender Geschwindigkeit \u00fcber Chinas Grenzen hinaus verbreitete, hielt die KPCh (die Kommunistische Partei Chinas) Informationen zur\u00fcck \u2013 unter anderem in den sozialen Medien. Ein Bericht der University of Toronto legt nahe, dass die chinesische Regierung ab Dezember 2019 Schl\u00fcsselw\u00f6rter mit Bezug zum Ausbruch der Epidemie auf den Online-Plattformen des Landes zensieren lie\u00df. Ab Februar 2020 wurde dann bereits jedwede kritische und sogar neutrale Information in Zusammenhang mit der Reaktion der Regierung blockiert. In der Zwischenzeit gab die f\u00fcr die Internetregulierung zust\u00e4ndige Beh\u00f6rde eine Warnung heraus, dass man all jene, die auf Websites und sozialen Plattformen \u00bbsch\u00e4digende\u00ab Inhalte ver\u00f6ffentlichen und \u00bbAngst verbreiten\u00ab w\u00fcrden, bestrafen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Diese Vorgehensweise gef\u00e4hrdete jedoch nicht nur die chinesische, sondern die gesamte Weltbev\u00f6lkerung. In einem Bericht \u00fcbte der Ausschuss f\u00fcr ausw\u00e4rtige Angelegenheiten im Britischen Parlament scharfe Kritik an der chinesischen Regierung, die \u00bbdie Daten verf\u00e4lscht\u00ab und \u00f6ffentliche Gesundheitsbeh\u00f6rden sowie die Regierungen anderer L\u00e4nder \u00bbvors\u00e4tzlich get\u00e4uscht\u00ab und somit \u00bbdie Analyse der Situation erschwert\u00ab habe, die \u00bbin den entscheidenden Anfangsstadien der Pandemie\u00ab jedoch von \u00e4u\u00dferster Wichtigkeit gewesen w\u00e4re.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In den Worten des Vorsitzenden des Komitees Tom Tugendhat wurde es \u00bbzunehmend deutlich, dass [China] entscheidende Informationen \u00fcber das Virus verf\u00e4lschte, um das Image der Regierung zu sch\u00fctzen\u00ab, anstatt anderen L\u00e4ndern dabei zu helfen, schnell und effizient darauf zu reagieren. Die KPCh wei\u00df, wie viel sie angesichts dieser Pandemie zu verlieren hat. Und genau aus diesem Grund greift sie im Zuge ihrer Informationskampagne auf eine zweite Teilstrategie zur\u00fcck: den gezielten Versuch, China als harmlosen und verantwortungsvollen Akteur darzustellen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dies hat sowohl zu einer \u00fcbertrieben positiven Berichterstattung \u00fcber den Umgang mit der Krise im eigenen Land als auch zur sogenannten \u00bbMaskenDiplomatie\u00ab gef\u00fchrt, im Zuge derer Peking Hilfspakete in Form von medizinischem Zubeh\u00f6r, aber auch Personal versendet, um so anderen, vor allem aber westlichen Regierungen, im Kampf gegen das Virus beizustehen. Das wurde mir klar, als ich auf die Fotos stie\u00df, die die vom chinesischen Staat gef\u00f6rderte Medienagentur Xinhua auf diversen sozialen Plattformen ver\u00f6ffentlicht hatte: Sie zeigten, wie kartonweise chinesische Hilfsmittel am Flughafen Heathrow im Vereinigten K\u00f6nigreich eintreffen. Alle Kartons trugen die Aufschrift \u00bbKeep Calm and Cure Coronavirus\u00ab (\u00bbRuhe bewahren und das Coronavirus kurieren\u00ab).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf die Vorw\u00fcrfe, China habe die ersten Daten verf\u00e4lscht (was nachgewiesenerma\u00dfen der Fall war), reagierten chinesische Botschafter und Botschafterinnen mit dem Hinweis, dass ein \u00bbbesonders solidarisches\u00ab Verhalten in dieser Situation hilfreicher sei als \u00bbSchuldzuweisungen\u00ab.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Drittens versuchte China im Zuge der Coronakrise, Verwirrung zu stiften, insbesondere was den Ursprung des Virus anbelangt. Seinen Anfang nahm dieses Man\u00f6ver im M\u00e4rz 2020, als Zhao Lijian, der Sprecher des Au\u00dfenministeriums, behauptete, es g\u00e4be keine Fakten oder Beweise, die dazu berechtigten, \u00bbdas Coronavirus \u203aChinavirus\u2039 zu nennen\u00ab. Er legte nahe, dass jeder, der dies tue, die \u00bbversteckte Absicht\u00ab hege, \u00bbdie Schuld auf China zu schieben\u00ab. Am 12. M\u00e4rz verlinkte Lijian auf Twitter einen, wie er es\u00a0nannte, \u00bb\u00fcberaus wichtigen\u00ab Artikel, der den Ursprungsort des Coronavirus f\u00e4lschlicherweise nach Amerika verlagerte. Den US-Beh\u00f6rden warf Lijian vor, sie h\u00e4tten ihr Wissen \u00fcber das Virus f\u00fcr sich behalten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Daraufhin folgte eine von chinesischen Botschaftern und staatlich gef\u00f6rderten Pressekan\u00e4len koordinierte Kampagne, im Zuge derer behauptet wurde, dass Covid-19 zuerst au\u00dferhalb Chinas ausgebrochen oder von der US-Armee nach Wuhan eingeschleppt worden sei.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dieser Ansatz kann als neue Teilstrategie einer harten Au\u00dfenpolitik Pekings gewertet werden, mit der man die Absicht verfolgt, von den eigenen Fehltritten abzulenken.<br \/>\nDerweil lancieren andere Staaten, darunter auch der Iran und Nordkorea, ihre eigenen Informationskampagnen in Verbindung mit Covid-19. Ihre Ressourcen und Taktiken m\u00f6gen sich dabei zwar unterscheiden, ihnen allen gemein ist jedoch, dass sie die Coronakrise f\u00fcr ihre Zwecke nutzen, indem sie die Berichterstattung im eigenen Land zensieren, den Westen mittels spezieller Narrative verunglimpfen, auf pers\u00f6nliche Daten zugreifen und die Bev\u00f6lkerung verst\u00e4rkt \u00fcberwachen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So hat das iranische Regime beispielsweise dringend ben\u00f6tigte Gesundheitsinformationen versandt, die jedoch mit einer Spyware versehen waren, um Vorg\u00e4nge in der Bev\u00f6lkerung nachzuverfolgen. Dass eine wachsende Anzahl staatlicher Akteure vermehrt in der Infokalypse mitmischt, verhei\u00dft nichts Gutes. F\u00fcr uns sollte das auf jeden Fall ein Warnschuss sein, der zeigt, wie schnell sich diese Tendenzen entwickeln und intensivieren. Inmitten der Pandemie wird die Dynamik der Infokalypse auch in den westlichen L\u00e4ndern immer deutlicher. Wieder k\u00f6nnen wir<br \/>\ndie Vereinigten Staaten als Fallstudie anf\u00fchren. Trumps Umgang mit der Krisensituation war objektiv betrachtet katastrophal; im Anschluss bek\u00e4mpfte er die Pandemie mit seiner ganz eigenen Form der Desinformation.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Covid-19 hatte die Trump-Regierung kalt erwischt. Trotz fr\u00fcher Warnsignale lehnte sie es ab, wie andere L\u00e4nder vorbereitende Ma\u00dfnahmen zu ergreifen. Zu dem Zeitpunkt, als ich dieses Buch schrieb, verzeichneten die USA gerade die h\u00f6chste Infektionsrate weltweit, und das Virus hatte bereits \u00fcber 100 000 Menschenleben gefordert. Der st\u00fcmperhafte Umgang mit der aktuellen Situation geht auf eine Versammlung des Nationalen Sicherheitsrates im April 2018 zur\u00fcck, w\u00e4hrend derer die TrumpRegierung das f\u00fcr die Bek\u00e4mpfung einer eventuellen Pandemie zust\u00e4ndige Team straff rationalisierte. Dar\u00fcber hinaus verf\u00fcgte sie wiederholt Budgetk\u00fcrzungen im Gesundheitsbereich, denen auch ein Programm mit dem Namen \u00bbPredict\u00ab zum Opfer fiel, ein Fr\u00fchwarnsystem, das auf eventuelle Pandemien aufmerksam machen sollte und in das bereits 200 Millionen Dollar investiert worden waren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>W\u00e4hrend L\u00e4nder wie Deutschland, Neuseeland und S\u00fcdkorea die bevorstehende Pandemie ernst nahmen, Pl\u00e4tze auf Intensivstationen schufen, in die Produktion von Beatmungsger\u00e4ten investierten, Teststrategien entwarfen und m\u00f6gliche Optionen der Kontaktnachverfolgung erwogen, tat die Trump-Regierung nichts dergleichen. Am 22. Januar 2020, nur Stunden, bevor in Wuhan der Lockdown verh\u00e4ngt wurde und in Europa die ersten F\u00e4lle auftraten, wurde dem damaligen Pr\u00e4sidenten, der sich zu diesem Zeitpunkt beim Weltwirtschaftsforum im schweizerischen Davos befand, zum ersten Mal die Frage gestellt, ob er im Hinblick auf eine potenzielle Pandemie besorgt sei. \u00bb\u00dcberhaupt nicht\u00ab, lautete die Antwort. \u00bbWir haben das alles unter Kontrolle.\u00ab<br \/>\nVon dieser unbek\u00fcmmerten Antwort zunehmend beunruhigt ver\u00f6ffentlichten die Experten und Expertinnen, die Trump 2018 gefeuert hatte, eine Stellungnahme in der Washington Post.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Darin baten sie die Regierung, vorbereitende Ma\u00dfnahmen zu ergreifen, um \u00bbeiner Verbreitung des Coronavirus zuvorzukommen\u00ab, wobei sie zu bedenken gaben, dass eine Pandemie \u00bbunausweichlich\u00ab schien. Sie pl\u00e4dierten daf\u00fcr, alle Patienten und<br \/>\nPatientinnen mit \u00bbungekl\u00e4rter Lungenentz\u00fcndung\u00ab testen zu lassen, selbst wenn sich diese zuvor nicht in China aufgehalten hatten. Doch Trump ignorierte den Sturm, der sich zusammenbraute. Das hei\u00dft, er ignorierte ihn nicht nur, er verbreitete sogar<br \/>\naktiv Falschmeldungen zum Thema Covid-19. Bei Wahlkampfveranstaltungen im Februar behauptete er, das Virus w\u00fcrde \u00bbin w\u00e4rmeren Temperaturen absterben\u00ab oder \u00bbeines Tages [\u2026] auf wundersame Weise verschwinden\u00ab und dass \u00bballes gut\u00ab w\u00fcrde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit dem Vorwurf, dass die Demokraten Covid-19 f\u00fcr ihre Zwecke instrumentalisierten, spielte er das akute Risiko sogar noch herunter. Seine genauen Worte lauteten: \u00bbDas Blatt wendet sich, [die Demokraten] haben verloren, das Blatt wendet sich. Denken Sie mal dar\u00fcber nach. Denken Sie einfach nur mal dar\u00fcber nach. Das ist nichts weiter als ihr neuestes T\u00e4uschungsman\u00f6ver.\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bis Mitte M\u00e4rz 2020 hatte sich die Zahl der best\u00e4tigten Infektionsf\u00e4lle in den Vereinigten Staaten auf 10 000 verdoppelt. Und immer noch behauptete Trump, es sei alles in Ordnung. \u00bbEs geht uns hervorragend. Unserem Land geht es hervorragend\u00ab, sagte er. Auf die Frage, ob er die Verantwortung f\u00fcr die so offenkundig unzureichende Reaktion seiner Regierung \u00fcbern\u00e4hme, antwortete Trump: \u00bbNein, ich \u00fcbernehme f\u00fcr gar nichts die Verantwortung.\u00ab Der Markt befand sich inzwischen im freien Fall und brach so schnell ein, wie seit der Weltwirtschaftskrise im Jahr 2008 nicht mehr. Am 20. M\u00e4rz warnte das Investmentbanking-Unternehmen Goldman Sachs davor, dass das Bruttoinlandsprodukt der Vereinigten Staaten im zweiten Quartal 2020 um 24 Prozent fallen und die Arbeitslosigkeit auf mindestens neun Prozent steigen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Letztendlich wurde dem Pr\u00e4sidenten dann doch klar, dass er sich mit der Situation auseinandersetzen musste. Am 17. M\u00e4rz 2020, also drei Tage, bevor Goldman Sachs sich \u00e4u\u00dferte, hielt Donald Trump eine Ansprache vor einer Versammlung von Journalistinnen: \u00bbWir haben es hier mit einer Pandemie zu tun\u00ab, sagte er, um dann noch hinterherzuschieben: \u00bbIch habe mir schon gedacht, dass es sich hier um eine Pandemie handelt, bevor das Wort Pandemie \u00fcberhaupt zum ersten Mal fiel.\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sobald ihm d\u00e4mmerte, wie ernst die Lage tats\u00e4chlich war, startete Trump eine Desinformationsoffensive. Monate vor der Wahl verlagerte sich sein Fokus pl\u00f6tzlich komplett darauf, die Schuld f\u00fcr das von ihm verbockte Krisenmanagement von sich zu weisen. Trumps Problem war nur, dass die Coronakrise die Gefahren, welche die Infokalypse mit sich brachte (und die Rolle, die er dabei spielte), ganz klar vor Augen f\u00fchrte. Fehlinformationen sind einfach gef\u00e4hrlich \u2013 Punkt. In einer Pandemie kosten sie jedoch buchst\u00e4blich Leben. Da f\u00fcr den Kampf gegen Covid-19 pr\u00e4zise Informationen n\u00f6tig sind, befand sich Trump ironischerweise in einer Situation, in der er auf die Experten und Expertinnen des Gesundheitswesens angewiesen war, um einen Plan f\u00fcr den Umgang mit der Krise ausarbeiten und so das Vertrauen der \u00d6ffentlichkeit gewinnen zu k\u00f6nnen. Gleichzeitig verbreitete er jedoch nach wie vor Fehlinformationen \u2013 bewusst wie unbewusst. W\u00fcrde nicht so viel auf dem Spiel stehen, h\u00e4tte man die Situation durchaus komisch finden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auf der einen Seite hatten wir also Trump, auf der anderen seine wissenschaftlichen Berater und Beraterinnen. Dr. Anthony Fauci, der Leiter des National Institute for Allergy and Infectious Diseases, des Nationalen Instituts f\u00fcr Allergie- und Infektionskrankheiten, ist das komplette Gegenteil von Trump. Als Mitglied der Covid-19-Taskforce des Wei\u00dfen Hauses informierte er neben dem Pr\u00e4sidenten die \u00d6ffentlichkeit. Seine Reaktion w\u00e4hrend eines Briefings Mitte M\u00e4rz 2020 machte ihn zur Internetlegende: Als Donald Trump das State Department \u2013 das Au\u00dfenministerium \u2013 als \u00bbDeep State Department\u00ab \u2013 als \u00bbSchattenstaat-Ministerium\u00ab \u2013 bezeichnete, entglitten ihm f\u00fcr wenige Sekunden die Gesichtsz\u00fcge, und er griff sich um Fassung ringend an die Stirn.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Seine wachsende Beliebtheit nutzte er seitdem, um die US-amerikanische Bev\u00f6lkerung \u00fcber Covid-19 aufzukl\u00e4ren, auch wenn das seinen Status innerhalb der Regierung gef\u00e4hrdete. W\u00e4hrend Trump als eine Quelle irref\u00fchrender und gef\u00e4hrlicher Information die Infokalypse verk\u00f6rperte, stand Dr. Fauci f\u00fcr das Gegenteil \u2013 f\u00fcr vertrauensw\u00fcrdige und sachliche Information. Monate vor der Wahl sah die surreale Realit\u00e4t der Infokalypse in den Vereinigten Staaten so aus: Die f\u00fchrenden Expertinnen des \u00f6ffentlichen Gesundheitswesens und der Pr\u00e4sident teilten sich eine B\u00fchne, um der Nation wichtige Informationen zu vermitteln, die letztendlich aber widerspr\u00fcchlich sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nichts versinnbildlicht dies besser als der Moment, in dem Trump auf dem<br \/>\nPodium des Wei\u00dfen Hauses vorschlug, dass man doch \u00bbDesinfektionsmittel\u00ab mithilfe von \u00bbInjektionen innerlich\u00ab \u2013 quasi als Reinigung \u2013 anwenden und somit als Heilmittel gegen das Virus einsetzen k\u00f6nnte, w\u00e4hrend eine seiner leidgepr\u00fcften wissenschaftlichen Beraterinnen (in diesem Fall Dr. Deborah Birx) mit versteinerter Miene stumm vor sich hinstarrte. Wenn sie nicht gerade gef\u00e4hrliche Behauptungen zum Thema Virusbehandlung aufstellten, waren Trump und seine Verb\u00fcndeten redlich bem\u00fcht, die Schuld an der Lage im eigenen Land von sich zu weisen, indem sie den Demokraten vorwarfen, sie h\u00e4tten sie mit dem Amtsenthebungsverfahren abgelenkt. Als au\u00dfenpolitische Ma\u00dfnahme hat die Regierung aggressive Informationskampagnen gegen China gestartet. Die Wortgefechte zwischen Peking und Washington werden erhebliche geopolitische Folgen f\u00fcr die gesamte Welt nach sich ziehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am 24. Januar 2020, vier Tage nachdem er gesagt hatte, dass er sich wegen einer Pandemie keine Sorgen mache, \u00e4u\u00dferte sich Trump \u2013 immer noch in Davos \u2013 ganz begeistert \u00fcber China. Auf Twitter schrieb er: \u00bbChina hat sich alle M\u00fche gegeben, das Coronavirus einzud\u00e4mmen. Die Vereinigten Staaten wissen diese Bem\u00fchungen und die diesbez\u00fcgliche Transparenz sehr zu sch\u00e4tzen. Es wird alles gut werden. Im Namen des amerikanischen Volkes m\u00f6chte ich vor allem Pr\u00e4sident Xi danken!\u00ab Im Hintergrund baten Trumps pers\u00f6nliche Berater den Pr\u00e4sidenten, bei Pr\u00e4sident Xi auf mehr Transparenz im Hinblick auf das Virus zu dr\u00e4ngen, doch Trump weigerte sich \u2013 und zwar gleich zweimal.15 Zu diesem Zeitpunkt versuchte er n\u00e4mlich gerade einen langanhaltenden Handelsstreit zwischen Peking und Washington beizulegen, und war damit besch\u00e4ftigt, sich schmeichelhaft \u00fcber das Verh\u00e4ltnis zu China, das \u00bbnoch nie zuvor so gut\u00ab gewesen sei, und seine \u00bbgro\u00dfartige Beziehung\u00ab zu Pr\u00e4sident Xi auszulassen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In Wirklichkeit stand das ohnehin schon gespannte Verh\u00e4ltnis zwischen den USA und China kurz davor, einen Sturzflug hinzulegen. All dies geschah parallel zur zunehmenden Krise im Gesundheitssektor. Bereits im M\u00e4rz hatte Trump einen anderen Ton angeschlagen: Von der \u00bbgro\u00dfartigen Beziehung\u00ab war nichts \u00fcbrig geblieben, stattdessen bezeichnete er Covid-19 nur noch als \u00bbWuhan-Grippe\u00ab oder \u00bbChina-Virus\u00ab. Vom diplomatischen Standpunkt aus gesehen war das zweifelsohne taktlos, rein objektiv betrachtet aber korrekt: Covid-19 hat seinen Ursprung in China. Nat\u00fcrlich trug dies kaum dazu bei, die Wellen zu gl\u00e4tten. Im Gegenteil, Trump hatte mit seinen Schuldzuweisungen gerade erst angefangen. Seither haben die Anschuldigungen und Spannungen zwischen Peking und Washington den Siedepunkt erreicht; so \u00e4u\u00dferte Trump beispielsweise, Chinas Umgang mit der Pandemie beweise, dass Peking alles tue, \u00bbwas in seiner Macht steht\u00ab, um seine Wiederwahl im November zu verhindern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Seinen eigenen Aussagen zum Trotz beschuldigte Trump nun China der Verschleierung, versprach das Land \u00bbzur Verantwortung\u00ab zu ziehen und drohte mit \u00bbmassiven Nachforschungen\u00ab. Im April 2020 berichtete die New York Times, dass leitende Angestellte der Trump-Regierung Druck auf US-Geheimdienste aus\u00fcbten, damit diese eine Verbindung zwischen Covid-19 und Laboren in Wuhan herstellten. Aus Angst, das Wei\u00dfe Haus k\u00f6nnte dies als \u00bbpolitische Waffe\u00ab in dem sich zuspitzenden Konflikt mit China verwenden wollen, weigerte man sich jedoch, dem nachzukommen. Eine weise Entscheidung, denn auch wenn es der Wahrheit entspricht, dass China wichtige Informationen \u00fcber die Verbreitung des Virus zur\u00fcckhielt, finden sich keine Beweise daf\u00fcr, dass dieses in einem Labor in Wuhan hergestellt worden w\u00e4re.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Stattdessen ver\u00f6ffentlichten die US-Geheimdienste ein gemeinsames Statement, nach dem das Virus nicht \u00bbvon Menschen erschaffen oder genetisch modifiziert\u00ab wurde. Dennoch behauptete Trump nur Stunden sp\u00e4ter, er habe Beweise gesehen, welche die Theorie st\u00fctzten, Covid-19 sei in einem Labor in Wuhan entstanden. Diese Botschaft scheint ihre Wirkung nicht verfehlt zu haben. Laut einer Umfrage von YouGov und Yahoo News zufolge glaubten 58 Prozent der Trump-W\u00e4hler und -W\u00e4hlerinnen, dass \u00bbchinesische Wissenschaftler das Coronavirus in einem Labor entwickelt\u00ab h\u00e4tten, \u00bbvon wo es versehentlich freigesetzt\u00ab worden sei.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Covid-19 und die Verschw\u00f6rungsideologen<\/strong><\/p>\n<p>Trumps Desinformation rund um das Thema Covid-19 hat sowohl das In- als auch das Ausland gef\u00e4hrdet. Allerdings gibt es neben ihm noch andere, die bewusst und unbewusst Fehlinformationen verbreiten (auch wenn er nat\u00fcrlich ein besonders wichtiger \u00bbInfluencer\u00ab ist). F\u00fcr Verschw\u00f6rungsideologen hat sich die Pandemie als eine Art Turbo erwiesen. Wie Daniel Jolley, Dozent an der Psychologischen Fakult\u00e4t der Northumbria University, erl\u00e4utert, beruhen Verschw\u00f6rungsmythen auf dem Glauben, \u00bbeine m\u00e4chtige Gruppe von Menschen\u00ab spinne \u00bbIntrigen, um sich selbst einen Vorteil zu verschaffen\u00ab. Solche Mythen sind gerade in schwierigen Zeiten besonders wirksam und \u00fcberzeugend, denn indem sie eine vermeintliche Erkl\u00e4rung f\u00fcr die Krise liefern, helfen sie den Menschen, diese zu meistern. Laut Jolley greifen Menschen deshalb auch immer dann auf Verschw\u00f6rungserz\u00e4hlungen zur\u00fcck, wenn \u00bbwir ein erh\u00f6htes Sicherheitsbed\u00fcrfnis haben.\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In den Vereinigten Staaten verbreitet QAnon \u2013 eine Gruppe von Verschw\u00f6rungsideologen, nach deren Glauben sich eine Elite P\u00e4dophiler zu einem \u00bbSchattenstaat\u00ab verschworen hat \u2013 den Mythos, Bill Gates habe das Coronavirus entwickelt. (Wie man sieht, gibt es im Internet jede Menge Verschw\u00f6rungserz\u00e4hlungen, in denen elit\u00e4re P\u00e4dophile die Weltherrschaft an sich rei\u00dfen wollen \u2013 man denke nur an \u00bbPizzagate\u00ab aus Kapitel 5.)\u00a0 Eine Version dieser Erz\u00e4hlung lautet, Bill Gates wolle die Impfungen gegen Covid-19 als Vorwand nutzen, um Milliarden von Menschen Microchips einzupflanzen und so jede ihrer Bewegungen zu \u00fcberwachen. Die bereits erw\u00e4hnte Studie von Yahoo News und YouGov kam zu dem Schluss, dass 44 Prozent der republikanischen W\u00e4hler und W\u00e4hlerinnen diesem Verschw\u00f6rungsmythos tats\u00e4chlich Glauben schenken und nur 50 Prozent der USamerikanischen Bev\u00f6lkerung bereit w\u00e4ren, sich impfen zu lassen, wenn ein Impfstoff entwickelt werden w\u00fcrde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Demnach sollte es also keine \u00dcberraschung sein, dass die Geschichten \u00fcber Bill Gates auch in der internationalen Gemeinschaft der Impfgegner Anh\u00e4ngerinnen finden; dabei handelt es sich um eine Gruppe von Menschen, die Impfungen gegen ansteckende Krankheiten sowohl f\u00fcr sich selbst als auch f\u00fcr ihre Kinder ablehnen. Ihre Gr\u00fcnde daf\u00fcr sind vielf\u00e4ltig; unter anderem glauben sie, dass Impfungen Autismus verursachen k\u00f6nnen. Auch wenn die Impfskepsis weit zur\u00fcckreicht, hat sie seit Beginn der Infokalypse an Popularit\u00e4t gewonnen und findet immer mehr Verbreitung, weshalb sich heute beobachten l\u00e4sst, dass Ausbr\u00fcche von Krankheiten wie beispielsweise den Masern in der westlichen Welt erneut die Katastrophengrenze erreichen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>F\u00fcr feindlich gesinnte ausl\u00e4ndische Staaten ist die ImpfgegnerGemeinschaft leichte Beute. Russland instrumentalisiert sie beispielsweise ebenso wie es die afro-amerikanische Bev\u00f6lkerung f\u00fcr seine Zwecke nutzt. Nicht einmal Covid-19 konnte das Vertrauen mancher Impfgegnerinnen ersch\u00fcttern. Eine Influencerin, die S\u00e4ngerin M.I.A., gab an, sie w\u00fcrde \u00bblieber sterben\u00ab als sich impfen zu lassen. Novak \u0110okovi\u0107, die Nummer Eins der Tenniswelt, erwog sogar, dem Sport endg\u00fcltig den R\u00fccken zu kehren, weil er sich vor Reisen \u00bbnicht von jemandem zur Impfung zwingen lassen wollen\u00ab w\u00fcrde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>W\u00e4hrenddessen hat sich im Vereinigten K\u00f6nigreich der ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigte Verschw\u00f6rungsideologe David Icke die Geschichte zusammengesponnen, Covid-19 verbreite sich mithilfe von 5G-Netzwerken. Um das Ganze einzuordnen: Das ist derselbe Mann, der behauptet, Archonten, eine interdimensionale, reptilienartige Spezies, h\u00e4tten die Weltherrschaft \u00fcbernommen, indem sie sich als Weltelite, zum Beispiel als britische K\u00f6nigsfamilie, ausg\u00e4ben. Verschw\u00f6rungsmythen rund um die 5G-Netzwerke, die sich durchaus berechtigter \u00c4ngste im Hinblick auf die nationale Sicherheit und Chinas Rolle bei der Bereitstellung einer derart bedeutenden Informationsinfrastruktur bedienen, gab es nat\u00fcrlich auch schon vor der aktuellen Krise.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Allerdings haben sie sich mittlerweile weiterentwickelt und Covid-19 als zus\u00e4tzlichen Faktor integriert. Im Vereinigten K\u00f6nigreich nimmt dies allm\u00e4hlich eine gef\u00e4hrliche Wendung. Zu dem Zeitpunkt, als ich dieses Buch schrieb, hat es bereits \u00fcber 70 Brandanschl\u00e4ge auf Sendemasten gegeben; dar\u00fcber hinaus sind mehr als 180 \u00dcbergriffe auf Schl\u00fcsselkr\u00e4fte gemeldet worden, die an der Realisierung der 5G-Pl\u00e4ne beteiligt waren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Im Zusammenhang mit Covid-19 gab es auch schon das erste Deepfake \u2013 bis jetzt wohl das beste Beispiel f\u00fcr ein k\u00fcnstlich erstelltes Medium \u00bbin freier Wildbahn\u00ab, das politischen Schaden anrichten k\u00f6nnte. Generiert vom belgischen Zweig der weltaktivistinnen Extinction Rebellion (XR) zeigt es eine fiktive Ansprache von Belgiens damaliger Premierministerin Sophie Wilm\u00e8s; in dieser Rede stellt sie die Behauptung auf, globale Epidemien wie SARS, Ebola oder Covid-19 seien auf die \u00bbvom Menschen verursachte Ausbeutung und Zerst\u00f6rung unserer nat\u00fcrlichen Umwelt\u00ab zur\u00fcckzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie scheint sich mit XR einig, wenn sie sagt: Mit dem Coronavirus l\u00e4utet eine Alarmglocke, die wir nicht ignorieren k\u00f6nnen [\u2026] Pandemien z\u00e4hlen zu den Folgen<br \/>\neiner gr\u00f6\u00dferen \u00f6kologischen Krise. Wir als Entscheidungstr\u00e4ger haben das Ausma\u00df der \u00f6kologischen Zerst\u00f6rung stark untersch\u00e4tzt. Mit der Coronakrise wird jedoch deutlich, wie tiefgreifend die nun erforderlichen Ver\u00e4nderungen sein m\u00fcssen: Wir m\u00fcssen unser Leben umkrempeln \u2013 und zwar jetzt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie dieses Video zustande kam, wurde von den verantwortlichen XR-Aktivisten nicht bekanntgegeben, und auch wenn sie es auf Facebook als \u00bbfake\u00ab bezeichneten, vers\u00e4umten sie es doch, das Video auch im Titel entsprechend auszuweisen. Wie die Kommentare unter dem Video zeigen, hielten es daher auch viele Zuschauer f\u00fcr echt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Alleinherrscher und Kriminelle<\/strong><\/p>\n<p>Gef\u00e4hrliche und nicht vertrauensw\u00fcrdige Informationen rund um Covid-19 sind ein globales Problem. In Indien nutzen Politiker der herrschenden hinduistisch-nationalistischen Partei BJP die Krise, um ihre eigene nationalistische Pseudowissenschaft voranzutreiben, beispielsweise, indem sie behaupten, dass Urin und Dung der heiligen Kuh als Heilmittel eingesetzt werden k\u00f6nnten. In Brasilien wehrte sich Pr\u00e4sident Jair Bolsonaro beharrlich gegen jedwede Ma\u00dfnahmen wie einen Lockdown oder Kontaktbeschr\u00e4nkungen, tat Covid-19 als \u00bbkleine Grippe\u00ab ab und warf den Medien \u00bbHysterie\u00ab vor. Das Coronavirus erreichte S\u00fcdamerika sp\u00e4ter als andere Kontinente; zu dem Zeitpunkt, als ich dieses Buch schrieb, hatte Brasilien jedoch nach den Vereinigten Staaten die zweith\u00f6chste Infektionsrate weltweit, mit einer exponentiell ansteigenden Todesrate (zum genannten Zeitpunkt die sechsth\u00f6chste der Welt).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In einer vom Imperial College London durchgef\u00fchrten Studie, im Zuge derer die aktive \u00dcbertragungsrate von Covid-19 in 48 L\u00e4ndern ermittelt wurde, erwies sich Brasilien als das Land mit der h\u00f6chsten Transmissionsrate (R0 = 2,81). Trotz allem stiftet Bolsonaro weiterhin Verwirrung, indem er von Gouverneuren und B\u00fcrgermeisterinnen eingef\u00fchrte, absolut sinnvolle Ma\u00dfnahmen \u00f6ffentlich verh\u00f6hnt und zu verhindern sucht. Von Journalisten und Journalistinnen auf die schnell ansteigenden Fallzahlen angesprochen, antwortete er nur: \u00bbNa und? Was erwarten Sie jetzt von mir?\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Russland sieht sich mit einer ganz \u00e4hnlichen Krisensituation konfrontiert. Bevor es von Brasilien \u00fcberholt wurde, hatte das Land f\u00fcr kurze Zeit weltweit die zweith\u00f6chste Infektionsrate. Im M\u00e4rz 2020, als es noch so aussah, als sei Russland nicht so stark<br \/>\nbetroffen, beeilte sich Moskau, anderen L\u00e4ndern Hilfe zukommen zu lassen, unter anderem den Vereinigten Staaten. Dabei vers\u00e4umte Putins Regierung, diese Zeit f\u00fcr die n\u00f6tigen Vorbereitungen zu nutzen. Binnen nur weniger Wochen hatte sich das Blatt gewendet, und Russland musste Beatmungsger\u00e4te aus den USA importieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ironischerweise legte Putin im Umgang mit Covid-19 genau dieselbe Unf\u00e4higkeit an den Tag, die er den Oberh\u00e4uptern der westlichen L\u00e4nder vorgeworfen hatte. Doch in dieser Krise kommen nicht nur Politikerinnen, Verschw\u00f6rungsideologen und staatliche Akteure zum Zug. Eine ganze Palette von Erpressern, Diebinnen und Internetkriminellen ist dank Covid-19 zu neuem Leben erwacht. Manche dieser Betr\u00fcger versuchen Profit aus der Pandemie zu schlagen, indem sie beispielsweise falsche Medikamente verkaufen. Im M\u00e4rz 2020 fing die internationale Polizeibeh\u00f6rde Interpol mithilfe von \u00bbOperation Pangea\u00ab, ihrem Programm zur Bek\u00e4mpfung gef\u00e4lschter und illegaler Gesundheitsartikel, \u00fcber 34000 Produktkopien ab, die im Zusammenhang mit dem Coronavirus standen. Von gef\u00e4lschten Masken und minderwertigem Handdesinfektionsmittel bis hin zu nicht genehmigten virushemmenden Medikamenten war alles dabei.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Auch die Internetkriminalit\u00e4t hat jetzt ihren gro\u00dfen Auftritt. Die momentanen Bedingungen eignen sich hervorragend, um Organisationen und Unternehmen, aber auch Einzelne anzugreifen. Mit Hundertmillionen von Menschen im Lockdown, die alle verzweifelt auf Informationen warten, ist das sogar ein Kinderspiel. W\u00e4hrend der Coronakrise war ein exponentieller Anstieg des sogenannten \u00bbPhishings\u00ab zu bemerken; dabei handelt es sich um Betrugsf\u00e4lle, bei denen Kriminelle versuchen, an private Daten zu kommen. Viele von ihnen versenden E-Mails, in denen sie sich als Angeh\u00f6rige \u00f6ffentlicher Gesundheitsbeh\u00f6rden (z.B. als jemand von der Weltgesundheitsorganisation) ausgeben, um Nutzer und Nutzerinnen dazu zu verleiten, Schadsoftware herunterzuladen, mithilfe derer dann pers\u00f6nliche Daten wie beispielsweise Kreditkartennummern gestohlen werden. Wie wir am Beispiel Iran gesehen haben, greifen auch staatliche Akteure auf derartige Tricks zur\u00fcck, um Spyware zu installieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Da immer mehr Menschen von zu Hause arbeiten, mussten die Firmen ihre Zugangssysteme schnell ausbauen und dabei oft Kompromisse bei der Sicherheit eingehen. Auch das hat es Cyberkriminellen leichter gemacht, Covid-19 f\u00fcr ihre Zwecke zu nutzen. Die Gefahren, die von unserem kaputten Informations\u00f6kosystem ausgehen, stehen seit Beginn der Pandemie noch st\u00e4rker im Rampenlicht. Nachdem so vieles \u00fcber das Virus noch unbekannt ist, bietet es sich nat\u00fcrlich an, die Leerstellen mit falscher und nicht vertrauensw\u00fcrdiger Information zu f\u00fcllen. Die Coronakrise macht deutlich, wie die Infokalypse funktioniert. Und wir sind mittendrin, weshalb sie auch auf uns alle Auswirkungen hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-676352\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/04\/Bloggerrelanvzlogo.2021-FAK_21-01_Siegel_Blogger-Relevanzindex_Top-20-Blogs-228x300.jpg\" alt=\"\" width=\"228\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/04\/Bloggerrelanvzlogo.2021-FAK_21-01_Siegel_Blogger-Relevanzindex_Top-20-Blogs-228x300.jpg 228w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/04\/Bloggerrelanvzlogo.2021-FAK_21-01_Siegel_Blogger-Relevanzindex_Top-20-Blogs.jpg 493w\" sizes=\"auto, (max-width: 228px) 100vw, 228px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-676731\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/06\/bloggerinnen.2021.neu_-300x212.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"212\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/06\/bloggerinnen.2021.neu_-300x212.jpg 300w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/06\/bloggerinnen.2021.neu_-424x300.jpg 424w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/06\/bloggerinnen.2021.neu_.jpg 650w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Copyright: @Claudia T\u00f6dtmann. Alle Rechte vorbehalten. Kontakt f\u00fcr Nutzungsrechte: claudia.toedtmann@wiwo.de<\/strong><\/p>\n<p><strong>Alle inhaltlichen Rechte des Management Blogs von Claudia T\u00f6dtmann liegen bei der Blog-Inhaberin. Jegliche Nutzung der Inhalte bed\u00fcrfen der ausdr\u00fccklichen Genehmigung.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nina Schick: &#8222;Deepfakes. 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