{"id":677132,"date":"2021-07-25T06:00:05","date_gmt":"2021-07-25T04:00:05","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/?p=677132"},"modified":"2021-07-26T15:00:34","modified_gmt":"2021-07-26T13:00:34","slug":"buchauszug-nari-kahle-mobilitaet-in-bewegung-wie-soziale-innovationen-unsere-mobile-zukunft-revolutionieren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2021\/07\/25\/buchauszug-nari-kahle-mobilitaet-in-bewegung-wie-soziale-innovationen-unsere-mobile-zukunft-revolutionieren\/","title":{"rendered":"Buchauszug Nari Kahle: &#8222;Mobilit\u00e4t in Bewegung. Wie soziale Innovationen unsere mobile Zukunft revolutionieren.&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Buchauszug Nari Kahle: &#8222;Mobilit\u00e4t in Bewegung. Wie soziale Innovationen unsere mobile Zukunft revolutionieren.&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Kahle ist Chefin der Strategischen Planung bei Cariad, dem Software- und Technologieunternehmen im Volkswagen Konzern und wurde in diesem Jahr vom Weltwirtschaftsforum zum Young Global Leader ernannt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_677133\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-677133\" class=\"size-full wp-image-677133\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/07\/Kahle-Nari_by-Paul-Meixner-300-dpi-e1627166062173.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"326\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/07\/Kahle-Nari_by-Paul-Meixner-300-dpi-e1627166062173.jpg 300w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/07\/Kahle-Nari_by-Paul-Meixner-300-dpi-e1627166062173-276x300.jpg 276w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><p id=\"caption-attachment-677133\" class=\"wp-caption-text\">Nari Kahle (Foto: Gabal Verlag\/Paul Meixner)<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\"><b>\u00a0<\/b><\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\"><b>DIE VER\u00c4NDERUNG VON ARBEIT<\/b><\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\"><b>Warum sich ein Perspektivenwechsel lohnen kann<\/b><\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\"><b>\u00a0<\/b><\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Es gibt eine berufliche Station, die mich sehr gepr\u00e4gt hat und die meinen Blick auf die Grundlagen des Wirtschaftens und die soziale Verantwortung von Unternehmen vollkommen ver\u00e4ndert hat: meine T\u00e4tigkeit f\u00fcr den Konzernbetriebsrat des Volkswagen Konzerns. Hier hatte ich die Chance, eine ganz neue Perspektive in Bezug auf Arbeit, Mitbestimmung und gewerkschaftliche und gesellschaftliche Verantwortung kennenzulernen. Bis heute beeinflussen mich die daraus gewonnenen Erkenntnisse jeden Tag und sind ein wesentlicher Grund daf\u00fcr, meine Ansichten und Definitionen von Arbeit und Verantwortung immer wieder zu \u00fcberdenken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Als b\u00f6rsennotierter, internationaler Gro\u00dfkonzern ist Volkswagen wie andere Unternehmen auch in erster Linie auf Profit, Umsatz und Wachstum ausgerichtet. Gleichzeitig wird hier ein Mitbestimmungsmodell gelebt, das als das weltweit st\u00e4rkste gelten kann \u2013 und weltweit einmalig ist. Das bedeutet: \u00dcber die verschiedenen Strukturen im Unternehmen und im Aufsichtsrat sind die gew\u00e4hlten Vertreter:innen der Besch\u00e4ftigten bei Volkswagen in alle wichtigen strategischen Entscheidungen des Unternehmens eingebunden. Beide Seiten verst\u00e4ndigen sich dabei grunds\u00e4tzlich auf ein Ziel: Wirtschaftlichkeit und Besch\u00e4ftigungssicherung als gleichwertige Unternehmensziele zu betrachten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Mittlerweile arbeite ich wieder auf der Unternehmensseite, eng zusammen mit meinen zust\u00e4ndigen Betriebsr\u00e4t:innen. Naturgem\u00e4\u00df sind wir nicht immer einer Meinung, und dies kann durchaus bedeuten, \u00fcber den richtigen Weg zu streiten. Aber ich sch\u00e4tze die konstruktive Zusammenarbeit mit der Bereitschaft beider Seiten, Kompromisse zu finden und gemeinsame Errungenschaften zu feiern. Klar ist f\u00fcr mich als jemand, die beide Perspektiven kennengelernt hat: Verantwortung von Unternehmen hei\u00dft auch, Arbeitspl\u00e4tze, Arbeitsbedingungen und die Auswirkungen neuer Technologien auf die Arbeit genau zu pr\u00fcfen und zu durchdenken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Dieses Kapitel liegt mir daher besonders am Herzen. Wie sieht k\u00fcnftig die Arbeit in der Automobilindustrie, einem der gr\u00f6\u00dften Wirtschaftszweige des Landes, aus? Welchen Einfluss hat 3-D-Druck? Bei welchen Mobilit\u00e4tsunternehmen sollten wir vielleicht doch deutlich kritischer auf ihre soziale Verantwortung achten? Und welche Start-ups beweisen schon heute eine hohe soziale Verantwortung in der Ausgestaltung ihres Gesch\u00e4ftsmodells?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\"><b>Wie sich Mobilit\u00e4tsjobs ver\u00e4ndern<\/b><\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Mit dem Fortschritt ver\u00e4ndern sich Berufsbilder, das war schon immer so. Wir brauchen keine Signalgeber:innen auf den Bahngleisen mehr, keine Telefonist:innen und auch keine Aufzugf\u00fchrer:innen. Doch hat der technische Fortschritt nicht nur Jobs gekostet, sondern stets auch neue geschaffen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Vielleicht gibt es in Zukunft den \u00bbSenioren-Mobilit\u00e4tsmanager\u00ab, der Pflegeeinrichtungen mit Mobilit\u00e4tsdiensten zusammenbringt und so die besten L\u00f6sungen f\u00fcr die regelm\u00e4\u00dfigen Mobilit\u00e4tsbed\u00fcrfnisse der Senior:innen anbietet. Eine \u00bbExpertin f\u00fcr die Kollaboration von Mensch und Maschine\u00ab achtet vielleicht in Produktionshallen ganz besonders auf die gute Zusammenarbeit zwischen Mensch und Roboter in hybriden Teams. Und m\u00f6glicherweise muss sich eine \u00bbMobilit\u00e4ts-Versicherungsmaklerin\u00ab um ganz neue Arten von Versicherungsanspr\u00fcchen k\u00fcmmern, wenn selbstfahrende Autos die Stra\u00dfen erobern und die Frage entsteht, wie man gegen Datenleaks versichert werden kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Neue Formen und Entwicklungen der Mobilit\u00e4t haben schon immer die Besch\u00e4ftigung innerhalb der Mobilit\u00e4tsbranche ver\u00e4ndert. Regelm\u00e4\u00dfig sind T\u00e4tigkeiten entfallen, schon immer gab es technologische Fortschritte und immer wieder sind auch neue Aufgabenfelder entstanden. Die Frage ist, ob uns heute eine \u00e4hnliche Entwicklung in der Besch\u00e4ftigung innerhalb der Mobilit\u00e4tsbranche und ihrer benachbarten Felder erwartet oder ob die Auswirkungen von Automatisierung, Digitalisierung und k\u00fcnstlicher Intelligenz dieses Mal viel weiter gehen, als wir es aus fr\u00fcheren Phasen der industriellen Revolution kennen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Die Mobilit\u00e4tsbranche in Deutschland besch\u00e4ftigt heute zwischen 3,8 und 4,4 Millionen Menschen \u2013 also etwa zehn bis elf Prozent aller Erwerbst\u00e4tigen. Rund die H\u00e4lfte davon ist mit der Entwicklung, Produktion und dem Handel von Fahrzeugen besch\u00e4ftigt. Ein wachsender Anteil arbeitet im Feld der Dienstleistungen rund um Mobilit\u00e4t und den Verkehr. Die \u00fcbrigen T\u00e4tigkeiten verteilen sich auf die Infrastruktur sowie auf das Feld Kraftstoffe. Die Arbeit in der Mobilit\u00e4tsbranche ist f\u00fcr unsere Gesamtwirtschaft deshalb von wesentlicher Bedeutung. Und sie wird von den neuen Technologien beeinflusst und ver\u00e4ndert. Was genau bedeutet das?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Der Blick in die Vergangenheit macht Hoffnung, was die Anzahl der Stellen angeht. Bisher haben technologische Entwicklungen stets mehr neue T\u00e4tigkeitsfelder hervorgebracht, als sie ersetzt haben. Allein in Europa wurden in den letzten 20 Jahren durch den technologischen Wandel mehr als 23 Millionen neue Jobs geschaffen \u2013 damit ist die H\u00e4lfte der Jobs, die es fr\u00fcher noch gar nicht gab, auf den technologischen Fortschritt zur\u00fcckzuf\u00fchren. Eine Studie einer bekannten Unternehmensberatung rechnet au\u00dferdem mit 390 000 neuen Jobs allein in der deutschen Industrie f\u00fcr die kommenden Jahre.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Trotz dieser optimistischen Prognosen darf jedoch nicht \u00fcbersehen werden, dass Digitalisierung und k\u00fcnstliche Intelligenz grunds\u00e4tzlich in der Lage sind, menschliche T\u00e4tigkeiten vollst\u00e4ndig zu automatisieren. Das, was fr\u00fcher viel Zeit und Aufwand bedeutet hat, l\u00e4sst sich heute mit wenigen Klicks erledigen. K\u00fcnstliche Intelligenz lernt, menschliches Verhalten immer besser zu imitieren, sodass sie kaum noch als Maschine erkannt wird. Auch Robotik und 3-D-Druck k\u00f6nnen viele T\u00e4tigkeiten von heute bald \u00fcberfl\u00fcssig machen. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass drei Viertel der Menschen in Deutschland nach eigenen Angaben Angst vor einem Verlust ihres Arbeitsplatzes haben, bedingt durch genau diese technologischen Entwicklungen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Uns allen wird zunehmend bewusst, dass der technologische Fortschritt einige T\u00e4tigkeiten und Berufe verdr\u00e4ngen und noch viele mehr ver\u00e4ndern kann. Insbesondere Routinet\u00e4tigkeiten und einfache Aufgaben lassen sich besonders leicht ersetzen, denn es sind genau diese T\u00e4tigkeiten, die schon heute pr\u00e4zise von Maschinen erledigt werden k\u00f6nnen. Dadurch verschiebt sich das Anforderungsprofil an uns Arbeitende. Qualifikationen, Wissen und Kompetenzen ver\u00e4ndern sich deutlich schneller, werden m\u00f6glicherweise sogar \u00fcberfl\u00fcssig und verlieren damit an Wert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Gleichzeitig k\u00f6nnen besonders \u00bbmenschliche\u00ab F\u00e4higkeiten wie Kreativit\u00e4t, ein guter Umgang mit Komplexit\u00e4t und kritisches Denken zuk\u00fcnftig im Vergleich zu heute eine deutliche Aufwertung erhalten, da sie als schwieriger zu automatisieren gelten. Auch die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine k\u00f6nnte deutlich enger werden, als wir es uns heute vorstellen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-677134\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/07\/Cover.kahle_.thumbnail_9783967390605.jpg\" alt=\"\" width=\"428\" height=\"650\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/07\/Cover.kahle_.thumbnail_9783967390605.jpg 428w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/07\/Cover.kahle_.thumbnail_9783967390605-198x300.jpg 198w\" sizes=\"auto, (max-width: 428px) 100vw, 428px\" \/><\/p>\n<h2 class=\"author\"><\/h2>\n<h1>Nari Kahle: &#8222;Mobilit\u00e4t in Bewegung. Wie soziale Innovationen unsere mobile Zukunft revolutionieren.&#8220; 264 Seiten, 25 Euro. Gabal Verlag.\u00a0<a title=\"Urspr\u00fcngliche URL: https:\/\/www.gabal-verlag.de\/buch\/mobilitaet-in-bewegung\/9783967390605. Klicken oder tippen Sie, wenn Sie diesem Link Vertrauen.\" href=\"https:\/\/eur01.safelinks.protection.outlook.com\/?url=https%3A%2F%2Fwww.gabal-verlag.de%2Fbuch%2Fmobilitaet-in-bewegung%2F9783967390605&amp;data=04%7C01%7CClaudia.Toedtmann%40wiwo.de%7Caff3194a708c4994932308d94b97e52a%7C78a6b313ae8f4324ba3685e7b2bc6f1d%7C0%7C0%7C637623938045373982%7CUnknown%7CTWFpbGZsb3d8eyJWIjoiMC4wLjAwMDAiLCJQIjoiV2luMzIiLCJBTiI6Ik1haWwiLCJXVCI6Mn0%3D%7C1000&amp;sdata=CyRSUa31fLYG%2BJ1jxmGu9QA%2FDafb6Q2WUtFOZ7l4%2FS4%3D&amp;reserved=0\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\" data-auth=\"Verified\" data-linkindex=\"0\">https:\/\/www.gabal-verlag.de\/buch\/mobilitaet-in-bewegung\/9783967390605<\/a><\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\"><b>Autoproduktion und Besch\u00e4ftigung<\/b><\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Die Automobilindustrie erlebt ihren bislang gr\u00f6\u00dften Strukturwandel: von Verbrennungsmotoren hin zu immer mehr Elektromotoren, von Ingenieursdenken hin zu Tech-Denken, von klassischen Arbeitsformen hin zu neuen agilen Formen des Arbeitens. Die Transformation dieser weit verzweigten Industrie und der signifikante Einfluss auf die Wirtschaft in unserem Land sind unverkennbar: Etwa 850 000 Menschen sind in der Automobilindustrie oder bei Automobilzulieferern besch\u00e4ftigt und damit direkt vom Wandel hin zu mehr Elektromobilit\u00e4t betroffen. Wenn man die vielen Partner von Zulieferern dazuz\u00e4hlt und ebenso die vielen angrenzenden T\u00e4tigkeiten von der Entwicklung \u00fcber Beratung und Produktion bis hin zu Verkauf und Reparatur betrachtet, sind noch deutlich mehr Arbeitspl\u00e4tze von der Zukunft des Autos abh\u00e4ngig, Sch\u00e4tzungen sprechen von \u00fcber 2 Millionen Arbeitspl\u00e4tzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Besonders gef\u00e4hrdet sind hier die Stellen, die an den alten Technologien h\u00e4ngen. Eine Studie der Universit\u00e4t Duisburg-Essen geht davon aus, dass bei Autobauern und Zulieferern bis 2030 fast 234 000 Stellen in der Produktion und Entwicklung von Technik f\u00fcr Verbrennungsmotoren wegfallen werden. Denn durch den Entfall der komplexen Benzin- und Dieselantriebe und -getriebe wird die Produktion eines Autos deutlich einfacher. Ein Akku ersetzt k\u00fcnftig den komplexen Motor oder das genauestens abgestimmte Getriebe. Brauchte es f\u00fcr den Verbrennungsmotor noch bis zu 1400 Teile, ben\u00f6tigt der Antriebsstrang eines Elektroautos gerade einmal 200 Teile. Das bedeutet, dass die Produktion eines batterieelektrischen Antriebs deutlich weniger Personal ben\u00f6tigt als die eines Verbrennungsmotors. Auch bei den Zulieferern werden so deutlich weniger Komponenten entwickelt und hergestellt. Mit anderen Worten: Die Herstellung von Autos ist so einfach geworden wie noch nie. Das Fraunhofer-Institut hat errechnet, dass heute rund 210 000 bis 250 000 Menschen mit der Fertigung und dem Einbau von Antrieben besch\u00e4ftigt werden \u2013 hier k\u00f6nnte bis 2030 jede zweite T\u00e4tigkeit entfallen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">W\u00e4hrend die Produktion von Fahrzeugen aufgrund der hohen Investitionen und Fixkosten und des notwendigen umfassenden Know-hows \u00fcber viele Jahrzehnte uneingeschr\u00e4nktes Hoheitsgebiet der Automobilhersteller war, sieht es heute anders aus. Viele Einzelteile gibt es bei Zulieferern zu kaufen oder sind immer einfacher \u00fcber 3-D-Druck selbst herzustellen. Mittlerweile gibt es sogar schon mehrere Automodelle, deren Karosserien vollst\u00e4ndig aus dem 3-D-Drucker stammen. Sie sind damit nicht nur leichter als traditionelle Fahrzeuge, sondern auch deutlich g\u00fcnstiger.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Das Start-up Local Motors fertigte bereits vor einigen Jahren das erste Auto aus einem 3-D-Drucker. Das Auto mit Namen \u00bbStrati\u00ab, das ein wenig aussieht wie eine Mischung aus Quad und Cabrio, besteht gerade einmal aus 50 Teilen. Zum Vergleich: Ein traditionelles Auto hat im Durchschnitt etwa 10 000 Einzelteile. Strati ist auch das erste Auto, das in gerade einmal 44 Stunden gedruckt und zusammen mit Bauteilen aus der konventionellen Herstellung, wie Motor und Batterie, gefertigt und fahrbereit ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Es gibt auch einen autonomen Shuttle namens \u00bbOlli\u00ab, der von Local Motors zu 80 Prozent im 3-D-Druck hergestellt wird. Ein sympathischer kleiner Minibus, mittlerweile in der zweiten Generation (\u00bbOlli 2.0\u00ab), der in ungef\u00e4hr zehn Stunden gedruckt werden kann. Die Designvorlagen f\u00fcr den Druck stammen aus der Open-Source-Community von Local Motors, in der 30 000 Designer:innen und Ingenieur:innen weltweit in digitaler Zusammenarbeit vom heimischen Rechner aus die Vorlagen f\u00fcr die Fahrzeuge erarbeiten. Die Person, deren Design umgesetzt wird, verdient dann am Verkauf des Autos mit. Damit ist der Olli-Shuttle das weltweit erste Fahrzeug, das im 3-D-Druckverfahren und als offene Innovation gemeinschaftlich entwickelt wurde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Wie wenig Aufwand (und auch Personal) bereits heute f\u00fcr ein Auto notwendig ist, zeigt sich schon allein an dem von Local Motors gew\u00e4hlten Begriff f\u00fcr ihre \u00bbFabriken\u00ab: Ihre \u00bbMicro-Factories\u00ab beanspruchen nur einen Bruchteil des Platzes eines herk\u00f6mmlichen Autoherstellers.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Werden Autos also \u00fcber kurz oder lang weitestgehend automatisiert in k\u00fcrzester Zeit und fast ohne menschliche Eingriffe produziert werden? Daraus w\u00fcrden auch neue Chancen entstehen, eine nicht nur schnelle, sondern auch individuelle Produktion von Fahrzeugen zu erm\u00f6glichen. Pers\u00f6nliche Kundenw\u00fcnsche k\u00f6nnten damit unmittelbar einbezogen und umgesetzt werden. Eine Vielfalt von pers\u00f6nlichen Fahrzeugvarianten w\u00e4re durchaus eine spannende Entwicklung in der Mobilit\u00e4t. Doch ich frage mich, wie wir einen solchen Besch\u00e4ftigungsverlust auffangen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Ingenieur:innen sind bislang davon \u00fcberzeugt: Noch kann der 3-D-Druck das, was das Zusammenspiel an herk\u00f6mmlicher Karosseriebauart zu leisten in der Lage ist, nicht ersetzen. Sicherheit, Passanten- und Insassenschutz, Stabilit\u00e4t und Langlebigkeit sind die entscheidenden Faktoren. Dennoch sind die Zeichen unverkennbar, die Arbeit in der gesamten Mobilit\u00e4tsbranche ist im Wandel.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Hoffnung macht daher eine k\u00fcrzlich ver\u00f6ffentlichte Studie des Volkswagen Konzerns zusammen mit dem Fraunhofer-Institut, die genau auf die Folgen von Elektrifizierung und Digitalisierung auf die automobile Besch\u00e4ftigung bis zum Jahr 2030 eingeht. Sie zeigt, dass der Personalabbau nicht so massiv werden d\u00fcrfte wie vielleicht bef\u00fcrchtet und dass der Wandel durchaus gestaltbar und steuerbar sein wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\"><b>Von neuen Jobs rund um Mobilit\u00e4t<\/b><\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Widmen wir uns noch einmal den Prognosen f\u00fcr mehr und neue Besch\u00e4ftigung im Zuge der Transformation zur Elektromobilit\u00e4t. So sch\u00e4tzt der Bundesverband Elektromobilit\u00e4t beispielsweise, dass bis 2030 etwa 255 000 neue Jobs entstehen k\u00f6nnten. Denn es m\u00fcssen viele Millionen Ladepunkte neu errichtet, aber auch regelm\u00e4\u00dfig gewartet und kontrolliert werden. Zudem wird die Digitalisierung im Fahrzeug zunehmend zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor. Daher suchen viele Unternehmen schon heute h\u00e4nderingend nach Softwareexpert:innen, Expert:innen im Themenfeld k\u00fcnstliche Intelligenz, Spezialist:innen in Elektrik und Elektronik, Informatiker:innen, Datenanalyst:innen und Expert:innen f\u00fcr vernetztes und automatisiertes Fahren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Aber auch die Batterieherstellung bietet ein enormes Potenzial f\u00fcr neue Besch\u00e4ftigungsperspektiven. Bislang wird diese Wertsch\u00f6pfung vorrangig in Asien erbracht, wird aber zuk\u00fcnftig verst\u00e4rkt auch in Europa aufgebaut werden. Dabei wird gesch\u00e4tzt, dass die Batteriezellfertigung zusammen mit Batteriemodulfertigung und -zusammenbau bis zu zehn Prozent des Gesamtarbeitsaufwands eines Elektroautos ausmachen kann \u2013 und damit zu den aufwendigsten Arbeitsschritten nach der Komponentenfertigung und Fahrzeugmontage z\u00e4hlt. Deswegen fordert die Europ\u00e4ische Kommission den Aufbau einer gr\u00f6\u00dferen Batterieproduktion in Europa, da allein hier 4 bis 5 Millionen neue Arbeitspl\u00e4tze geschaffen werden k\u00f6nnten, die somit eine Umverteilung von Arbeit erm\u00f6glichen w\u00fcrden. Auch das Gesch\u00e4ftsfeld Recycling von Batterien kann viele neue Arbeitspl\u00e4tze bieten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Doch auch au\u00dferhalb der Fahrzeugproduktion ver\u00e4ndern viele neue Gesch\u00e4ftsmodelle die zuk\u00fcnftige Arbeit im Mobilit\u00e4tssektor. Immerhin sollen neue Mobilit\u00e4tsdienste bis 2030 allein in Europa ein Marktpotenzial von \u00fcber 450 Milliarden Dollar haben. Damit werden sie nat\u00fcrlich auch einen Effekt auf die Besch\u00e4ftigung haben \u2013 doch wie k\u00f6nnte dieser tats\u00e4chlich aussehen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Einerseits werden neue Mobilit\u00e4tsdienste durch ihr Gesch\u00e4ftsmodell direkt und indirekt Arbeitspl\u00e4tze schaffen. Das betrifft den niedrig qualifizierten Bereich, wie die Reinigung der Fahrzeuge und Flotten und den Kundenservice, aber auch die h\u00f6her qualifizierten T\u00e4tigkeiten wie Marketing, User Experience und ganz besonders IT. Andererseits werden neue Mobilit\u00e4tsanbieter als Wettbewerber auftreten und so die bisherigen Akteure beeinflussen \u2013 indem diese neuen Dienstleistungen die bisherigen erg\u00e4nzen oder sogar ersetzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Unabh\u00e4ngig davon, ob uns in Zukunft eine niedrigere oder h\u00f6here Besch\u00e4ftigungszahl erwartet, wird eines schon heute deutlich: Es kommt nicht allein auf die Anzahl der Jobs, sondern auch auf deren Inhalte an. Nat\u00fcrlich ist es wichtig, die Werte in Bezug auf Besch\u00e4ftigungszahlen und -quoten zu betrachten. F\u00fcr unsere gesellschaftliche und wirtschaftliche Zukunft wird es sicherlich entscheidend sein, ob durch Digitalisierung, k\u00fcnstliche Intelligenz, Automatisierung und autonomes Fahren mindestens genauso viele neue Arbeitspl\u00e4tze entstehen werden, wie verloren gehen. Gleichzeitig m\u00fcssen wir aber auch auf die Qualit\u00e4t der zu ersetzenden und der neu entstehenden T\u00e4tigkeiten achten. Wir m\u00fcssen L\u00f6sungen finden f\u00fcr all die heutigen Taxi- und Ridesharing-Fahrer:innen, Fahrschullehrer:innen und Lkw-Fahrer:innen. Dabei geht es darum, die richtigen Weichen daf\u00fcr zu stellen, dass sie alle neue Kompetenzen in einer \u00e4hnlichen Rolle oder einer h\u00f6herwertigen Aufgabe entwickeln k\u00f6nnen (sogenanntes \u00bbUpskilling\u00ab).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Wenn wir uns bewusst machen, dass viele der heute gefragtesten T\u00e4tigkeitsprofile vor f\u00fcnf bis zehn Jahren noch gar nicht existierten, ist das einerseits zwar beruhigend. Andererseits erfordert das von uns allen einen ausgesprochen guten Umgang mit Unsicherheit, Flexibilit\u00e4t und das Sicheinlassen auf alle neuen Entwicklungen. Wichtig wird es sein, zu \u00fcberpr\u00fcfen, inwiefern und wie schnell wir als Gesellschaft bereit sind, uns an diese neuen Entwicklungen anzupassen und mit den neuen Herausforderungen verantwortlich umzugehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Werfen wir einen Blick auf einige der bestehenden und einige der m\u00f6glicherweise neu entstehenden T\u00e4tigkeiten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\"><b>Arbeitsvermittelnde Plattformen und ihre Verantwortung<\/b><\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Plattformarbeit spielt eine immer gr\u00f6\u00dfere Rolle in unserer Arbeitswelt. Grunds\u00e4tzlich wird zwischen zwei Modellen arbeitsvermittelnder Plattformen unterschieden: \u00bbCloudwork\u00ab im Sinne von ortsunabh\u00e4ngigen T\u00e4tigkeiten, die von freiberuflichem Arbeiten bis hin zu Kleinstauftr\u00e4gen reichen, flexibel ausgestaltbar und rein online an jedem Ort der Welt durchf\u00fchrbar sind \u2013 somit kann auch die Strandbar zum B\u00fcro werden. Auf der anderen Seite steht \u00bbGigwork\u00ab als Bezeichnung f\u00fcr ortsgebundene T\u00e4tigkeiten, zu denen neben digital vermittelten haushaltsnahen Dienstleistungen, Lieferservice und Logistik auch die physischen Personenbef\u00f6rderungen gez\u00e4hlt werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Schauen wir uns eine der bekanntesten Plattformen f\u00fcr die Bef\u00f6rderung von Personen genauer an: Uber, den weltweiten Anbieter und Vermittler von Fahrdiensten. \u00c4hnlich wie ein Taxi l\u00e4sst sich via App ein Fahrzeug buchen, das einen zum Ziel bringt. Der Unterschied zum klassischen Taxi: Die Fahrer:innen bieten Fahrten mit dem eigenen Pkw an. Uber \u00fcbernimmt die Vermittlung zwischen Anbieter:innen und Kund:innen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Das Unternehmen Uber selbst hat 27 000 Mitarbeiter:innen weltweit. Diese machen aus Uber bereits ein internationales Unternehmen, das in 70 L\u00e4ndern agiert. Doch \u00bbf\u00fcr\u00ab Uber fahren weltweit etwa 5 Millionen Menschen. Kann man also sagen, dass Uber 5 Millionen Jobs weltweit geschaffen hat? Und damit mehr als doppelt so viele, wie das bislang gr\u00f6\u00dfte Unternehmen der Welt, n\u00e4mlich Walmart mit 2,2 Millionen Mitarbeiter:innen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Die Antwort lautet: ja und nein. Denn die 5 Millionen Fahrer:innen sind selbstst\u00e4ndig und nicht bei Uber angestellt. Es besteht f\u00fcr sie keine Sozialversicherungspflicht, sie haben keine M\u00f6glichkeit, die Preise selbst zu bestimmen, und Uber hat keine Verantwortung im Sinne einer Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Wenn wir lediglich die Besch\u00e4ftigungszahl betrachten, l\u00e4sst sich durchaus eine positive Tendenz verzeichnen: eine Verringerung der Arbeitslosenquote sowie eine Erh\u00f6hung des Einkommens durch eine T\u00e4tigkeit bei Uber. Die M\u00f6glichkeit, f\u00fcr Uber als Fahrer:in auf selbstst\u00e4ndiger Basis t\u00e4tig zu sein, schafft neue Arbeitsperspektiven, insbesondere auch f\u00fcr Menschen mit niedrigem Einkommen, f\u00fcr die ein solcher Nebenerwerb mit dem privaten Pkw eine wichtige erste oder zweite Einkommensquelle sein kann. Doch reicht es, auf die reine Anzahl an Fahrer:innen zu schauen? Wie steht es um die Arbeitsbedingungen dieser neuen Jobs?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Die Fahrdienste und ihre Arbeitsbedingungen sind schon lange im Blick der Gewerkschaften. Eine, die sich in der gr\u00f6\u00dften Gewerkschaft Deutschlands genau mit neuen Besch\u00e4ftigtengruppen und deren Themen befasst, ist Vanessa Barth. Sie arbeitet bei der IG Metall in Frankfurt an der \u00d6ffnung der Gewerkschaft f\u00fcr neue Zielgruppen. Somit stehen f\u00fcr sie tagt\u00e4glich die Themen Digitalisierung, indirekte Wertsch\u00f6pfungst\u00e4tigkeiten, aber auch Plattformen und deren Effekte auf Arbeit im Fokus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Ich frage sie ganz direkt: M\u00fcssen wir dankbar sein, dass Plattformen so viele neue Jobs schaffen, oder m\u00fcssen wir uns Sorgen machen um die Art der Jobs, die neu entstehen? Sie vertritt hier eine sehr klare Haltung: \u00bbNat\u00fcrlich m\u00fcssen wir uns k\u00fcmmern. Denn bei Plattformarbeit handelt es oft um prek\u00e4re Arbeitsverh\u00e4ltnisse. Die Plattformen machen es sich sehr leicht, denn im Grunde sagen sie, sie seien keine Arbeitgeber, sondern nur eine technische Infrastruktur.\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Die Vermittlung von Mobilit\u00e4t \u00fcber Plattformen hat zur Folge, dass die Plattformen zwar enorme Kostenvorteile erzielen k\u00f6nnen (siehe Kapitel 2), jedoch die Arbeitsbedingungen f\u00fcr die Fahrer:innen oftmals nicht geregelt sind. Bei Uber als Platzhirsch im Feld der geteilten Fahrten sind die Fahrer:innen nicht als Arbeitnehmer:innen t\u00e4tig, sondern als Selbstst\u00e4ndige, die ihre soziale Absicherung selbst verantworten und tragen. Dazu geh\u00f6ren auch s\u00e4mtliche Risiken bei Unf\u00e4llen oder bei Krankheit, die Altersvorsorge und die Vorsorge f\u00fcr Arbeitslosigkeit und Pflege. Wer krank wird, hat kein Einkommen \u2013 gewerkschaftliche Organisation, Interessenvertretung, Tarifvertr\u00e4ge oder Berufsverb\u00e4nde bleiben bei diesem Gesch\u00e4ftsmodell au\u00dfen vor.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">\u00bbNach meiner Auffassung sind viele Uber-Fahrende Arbeitnehmer:innen. Natu\u0308rlich sind Menschen froh, wenn sie einen Job haben, aber das hei\u00dft ja nicht, dass sie daf\u00fcr schlechte Arbeitsbedingungen akzeptieren mu\u0308ssen. Das Schlimme ist, dass diese Plattformen in vielerlei Hinsicht stilbildend f\u00fcr die Arbeitswelt sind. Sie sind technisch weit vorne und sehr flexibel. Im Internet entsteht gerade ein Parallelarbeitsmarkt, auf dem Firmen fast alles unterlaufen k\u00f6nnen, was Gewerkschaften und Interessenvertretungen bislang erka\u0308mpft haben.\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Wir sehen diesen Effekt in der Tat auch in einem anderen Feld der Mobilit\u00e4t: bei den neuen T\u00e4tigkeiten rund um die immer beliebteren E-Scooter. Mittlerweile gibt es Nebenjobber:innen in mehreren gro\u00dfen deutschen St\u00e4dten, die sich um die Instandhaltung und Ladung der E-Tretroller k\u00fcmmern. Als \u00bbJuicer:innen\u00ab, \u00bbFlottenj\u00e4ger:innen\u00ab oder \u00bbCharger:innen\u00ab sammeln sie vorrangig nachts die E-Tretroller ein, laden sie privat bei sich zu Hause auf und verteilen sie in den fr\u00fchen Morgenstunden an vorgegebenen Stellen. Viele arbeiten nebenberuflich auf 450-Euro-Basis oder selbstst\u00e4ndig mit einem festen Betrag pro geladenem Roller. Oftmals wird in beiden F\u00e4llen erwartet, dass sie ihre Privatfahrzeuge zum Einsammeln der Scooter nutzen und selbst f\u00fcr den Strom aufkommen, um die Scooter zu laden.30 Sie haften auch selbst, falls ein Scooter beim Transport im privaten Fahrzeug oder beim Aufladen in der eigenen Wohnung besch\u00e4digt werden sollte oder in der Wohnung oder im Auto Sch\u00e4den entstehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Sind Plattformen und neue Besch\u00e4ftigungsmodelle das Ende f\u00fcr die jahrzehntelang verhandelten Arbeitnehmerrechte und die Sozialpartnerschaft? Oder braucht es vielleicht neue Wege, um diese zu wahren? Auch dar\u00fcber spreche ich mit Vanessa: \u00bbWir haben uns ja als Gesellschaft bestimmte Normen fu\u0308r Arbeit gesetzt und Leitplanken gegeben, was Arbeitnehmerrechte angeht. Und ich finde nicht, dass wir Schutzrechte relativieren oder zur\u00fccknehmen sollten, weil dadurch Arbeitspl\u00e4tze entstehen. Plattformarbeit hat auch viele Vorteile, allen voran der einfache Zugang und die Flexibilit\u00e4t \u2013 wenn genug Arbeit da ist. Die Eintrittsbarrieren sind sehr niedrig. Man meldet sich an, macht vielleicht eine Testaufgabe und dann bekommt man eine Chance. Das ist etwas Tolles! Daher mu\u0308ssen wir uns dahin bewegen, dass diese neuen Bescha\u0308ftigungsmodelle auch sozial nachhaltig sind. Dass wir bei den Sozialstandards und Arbeitsbedingungen Verbesserungen erzielen.\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Die aktuellen Entwicklungen dazu sind hoch spannend: Seit kurzer Zeit werden Plattformanbieter auf der ganzen Welt zunehmend in die Pflicht genommen. Dabei wird davon ausgegangen, dass sie eine Arbeitgeberrolle haben. Sie m\u00fcssen daher mehr Verantwortung f\u00fcr die Absicherung derjenigen \u00fcbernehmen, die T\u00e4tigkeiten \u00fcber die Plattformen annehmen. So hat Frankreichs oberstes Gericht entschieden, dass ein ehemaliger Fahrer von Uber rechtlich ein Angestellter des Unternehmens gewesen war. Es wurde damit keine Selbstst\u00e4ndigkeit des Fahrers, sondern ein Arbeitsvertrag zwischen ihm und Uber angenommen, mit dem folglich auch Angestelltenrechte einhergehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">\u00c4hnliche Entwicklungen lassen sich auch in Kalifornien beobachten.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Auch hier wurde von der zust\u00e4ndigen Aufsichtsbeh\u00f6rde bekanntgegeben, dass die Fahrer:innen von Uber und Lyft in Kalifornien ab sofort als Mitarbeiter:innen gelten (und prompt fielen am Tag der Bekanntgabe die jeweiligen Aktienkurse beider Unternehmen). Dies wird jedoch erst der Beginn gr\u00f6\u00dferer gerichtlicher Auseinandersetzungen sein. Denn Uber wehrte sich direkt mit dem Argument, dass die Fahrpreise allein auf Basis dieser Entscheidung um bis zu 120 Prozent ansteigen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Weiterhin, so Uber, w\u00fcrden \u00fcber drei Viertel der Fahrer:innen ihren Job verlieren, wenn alle 200 000 Fahrer:innen in Kalifornien als angestellte Mitarbeiter:innen zu werten seien. L\u00e4ndliche R\u00e4ume w\u00e4ren dann ganz besonders von diesen Verlusten betroffen, so Uber, da dann nur noch gut ausgelastete Strecken bedient werden k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Die Diskussion um die Verantwortung von Plattformunternehmen ist damit gestartet. Vanessa machen diese Ank\u00fcndigungen wenig Sorgen: \u00bbWenn wir mit Plattformunternehmen u\u0308ber Arbeitnehmerrechte sprechen, malen sie natu\u0308rlich oft erst einmal den Teufel an die Wand. Das bedrohe ihr Gesch\u00e4ftsmodell, sie w\u00fcrden ins Ausland abwandern etc. Als Gewerkschaft sind wir gewohnt, dass diese Karte gezogen wird. Aber ihr Gescha\u0308ftsmodell basiert oft darauf, keinerlei Verantwortung f\u00fcr die Menschen zu \u00fcbernehmen, die f\u00fcr sie arbeiten. Und als Gesellschaft sollten wir schon daru\u0308ber nachdenken, ob wir das in Ordnung finden.\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Allerdings stehen die W\u00e4hler:innen in Kalifornien wohl auf der Seite von Uber und Lyft. Sie kippten in einer Volksabstimmung dieses neue Gesetz, das f\u00fcr die beiden Unternehmen jeweils etwa 330 Millionen Euro Zusatzkosten f\u00fcr Arbeitslosen- und Krankenversicherungen sowie Mindestl\u00f6hne bedeutet h\u00e4tte. Es liegt eine gewisse Ironie darin, dass die Wahlkampagne zur Mobilisierung dieser W\u00e4hler:innen gegen die Gesetzesentscheidung schon fast die H\u00e4lfte dieses Betrags gekostet hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Einerseits w\u00fcnsche ich mir, dass Plattformunternehmen in arbeitgeber\u00e4hnlicher Funktion mehr Verantwortung \u00fcbernehmen m\u00fcssen. Erst k\u00fcrzlich sorgten mehrere F\u00e4lle von anonymen Massenentlassungen \u00fcber Videokonferenzen f\u00fcr Aufsehen. So sprach der US-amerikanische E-Scooter-Anbieter Bird 400 Mitarbeiter:innen, also einem Drittel der Besch\u00e4ftigten, w\u00e4hrend einer Online-Videokonferenz eine K\u00fcndigung aus. Auch Uber nutzte einen solchen Weg, um 3500 Besch\u00e4ftigte zu entlassen. Der Gr\u00fcnder von Bird, Travis Vander Zanden, entschuldigte sich zwar hinterher auf Twitter, dennoch ist ein solches Vorgehen kaum zu akzeptieren. Denn auch f\u00fcr Plattformen muss die Zielsetzung gelten, im Rahmen der Dienstleistungsmodelle ethisch, kooperativ und sozial verantwortlich zu agieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Ein positives Zeichen ist es daher, dass der deutsche E-Scooter-Anbieter Tier, das schwedische Start-up Voi und der niederl\u00e4ndische E-Scooter-Verleiher Dott vor Kurzem eine Allianz f\u00fcr Nachhaltigkeit angek\u00fcndigt haben. Diese Selbstverpflichtung f\u00fcr soziale und \u00f6kologische Standards sieht auch eine Abkehr von prek\u00e4ren Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnissen vor und ist daher auch als politisches Statement gegen\u00fcber der US-amerikanischen Konkurrenz zu verstehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Auf der anderen Seite gehe ich aber davon aus, dass die klassischen Besch\u00e4ftigungsformen nicht eins zu eins auf die neuen Modelle \u00fcbertragen werden k\u00f6nnen. Online-Dienstleistungsplattformen wie Uber, aber auch Lieferando und Deliveroo sind in erster Linie arbeitsvermittelnde Plattformen. Vielleicht m\u00fcssen wir akzeptieren, dass sie nicht einer sozialen Arbeitgeberverantwortung f\u00fcr alle nachkommen und gleichzeitig sicherstellen k\u00f6nnen, dass die neuen Gesch\u00e4ftsmodelle am Markt funktionieren. Doch sie k\u00f6nnen daf\u00fcr sorgen, dass bessere Rahmenbedingungen und faire Arbeitsumgebungen f\u00fcr die Selbstst\u00e4ndigen geschaffen werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Gesamtgesellschaftlich besteht durchaus ein Mehrwert durch die arbeitsvermittelnden Plattformen in Form der millionenfach gestiegenen Zahl an neuen T\u00e4tigkeiten. Diese werden auch wertgesch\u00e4tzt. Immer wenn ich in amerikanischen L\u00e4ndern unterwegs bin, versuche ich, bei Uber-Fahrten eine pers\u00f6nliche Einsch\u00e4tzung der Fahrer:innen zu erhalten. Dies ist selbstverst\u00e4ndlich nur ein subjektiver Eindruck und eine kurze Momentaufnahme. Tats\u00e4chlich \u00e4u\u00dfern die Fahrer:innen in vielen Gespr\u00e4chen den Wunsch, dass sie bei der Sozialversicherung und beim Haftungsrisiko unterst\u00fctzt werden. Doch der Gro\u00dfteil der Fahrer:innen, mit denen ich gesprochen habe, gibt auch an, dass sie die Vorz\u00fcge ihrer T\u00e4tigkeit, die f\u00fcr manche ein Nebenjob und f\u00fcr andere die Haupteinnahmequelle ist, zu sch\u00e4tzen wissen. Sie meinen damit die Flexibilit\u00e4t und die Selbstbestimmung. Vielleicht ist es eine Frage der Mentalit\u00e4t \u2013 vielleicht eine nach dem eigenen Sicherheitsempfinden. Nicht jedes Modell muss f\u00fcr alle funktionieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Ich bin erleichtert, von Vanessa zu h\u00f6ren, dass mittlerweile auch immer mehr Softwareabteilungen und Abteilungen, die sich mit k\u00fcnstlicher Intelligenz oder autonomem Fahren befassen, auf sie zukommen, wenn sie Auftr\u00e4ge \u00fcber Plattformen vergeben m\u00f6chten. Sie fragen Vanessa explizit, worauf sie bei der Auswahl der Plattform Wert legen sollten. \u00bbViele von den Leuten, die auf Plattformen Auftra\u0308ge vergeben, wollen ja auch gar nicht zu schlechten Arbeitsbedingungen beitragen und suchen bewusst nach unserer Einscha\u0308tzung und Beratung, um Plattformen zu finden, die fu\u0308r faire Arbeitsbedingungen stehen.\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Ich bin davon \u00fcberzeugt, dass wir einen intelligenten Mittelweg finden m\u00fcssen, wie Plattformanbieter in einer arbeitgeber\u00e4hnlichen Rolle eine gr\u00f6\u00dfere Verantwortung \u00fcbernehmen k\u00f6nnen als heute. Gleichzeitig m\u00fcssen wir Wege finden, die f\u00fcr alle Beteiligten tragbar sind, und dabei auch die gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen im Blick behalten: die grunds\u00e4tzlich positiven Besch\u00e4ftigungseffekte f\u00fcr Fahrer:innen genauso wie die Vorteile f\u00fcr diejenigen, die nur durch bezahlbare Angebote \u00fcberhaupt Zugang zu Mobilit\u00e4t erhalten. Neue Arbeitsformen k\u00f6nnen dabei auch eine Chance f\u00fcr neue Formen von Regulativen sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Dies wird kein einfacher Diskurs, doch ich m\u00f6chte dazu ermuntern, dass wir uns als Gesellschaft Zeit daf\u00fcr nehmen, gute L\u00f6sungsans\u00e4tze f\u00fcr unsere Zukunft zu entwickeln.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\"><b>Brauchen wir eine neue Form von Gesellschaftsvertrag?<\/b><\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Ein solches Regulativ k\u00f6nnte eine Art neuer Gesellschaftsvertrag sein. Wir steuern zunehmend auf einen Diskurs zu einer Umverteilung in unserer Gesellschaft zu, mit der Frage, ob Arbeitgeber:innen in Zukunft eine Art \u00bbMenschenquote\u00ab erf\u00fcllen m\u00fcssen. Eine Menschenquote w\u00fcrde bedeuten, dass f\u00fcr jeden Arbeitsplatz, der von einer k\u00fcnstlichen Intelligenz \u00fcbernommen wird, ein weiterer menschlicher Arbeitsplatz vorgehalten oder geschaffen werden muss. Vielleicht ben\u00f6tigen wir aber auch eine Art Robotersteuer oder Automatisierungsrendite, f\u00fcr die sich einige bekannte Vorstandsvorsitzende bereits \u00f6ffentlich ausgesprochen haben. So forderte beispielsweise Bill Gates: \u00bbWenn Roboter diese Arbeit \u00fcbernehmen, sollte man denken, dass wir den Roboter auf \u00e4hnliche Weise besteuern.\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Der Gedanke ist alt, wird aber wieder modern. Denn die Forderung basiert urspr\u00fcnglich auf dem Gedanken der Maschinensteuer aus dem 19. Jahrhundert. Heutzutage ist sie so relevant wie nie, wenn wir bedenken, dass allein in der Autobranche bereits jeder zehnte Besch\u00e4ftigte ein Roboter ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Es geht also darum, dass der arbeitende Roboter, \u00e4hnlich wie seine menschlichen Kolleg:innen, steuerpflichtig ist, um Einnahmeausf\u00e4lle bei Lohnsteuer und Sozialabgaben zu kompensieren. Von den wirtschaftlichen Gewinnen durch die Nutzung von Robotern und Automatisierungen sollen auch diejenigen profitieren, deren Arbeitspl\u00e4tze entfallen. Die \u00fcber eine solche Robotersteuer eingenommenen Gelder sollen in die Sozialsysteme und Bildungsprogramme investiert werden. Bisher beg\u00fcnstigt die steuerliche Anreizsetzung vor allem die Automatisierung, wie der \u00d6konom Carl Benedikt Frey aus Oxford feststellt: \u00bbSeit gut drei Jahrzehnten ist in fast allen Staaten die Besteuerung von Arbeit im Vergleich zu jener von Kapital stark gestiegen. Man hat die K\u00f6rperschaftsteuers\u00e4tze gek\u00fcrzt. Allein durch die Steuerpolitik hat man also Anreize geschaffen, menschliche Arbeitskraft durch technologische Innovationen zu ersetzen. Das m\u00fcsste man also als Erstes angehen.\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Doch ist die Idee einer Roboter- oder Automatisierungssteuer \u00fcberhaupt umsetzbar? Viele Fragen m\u00fcssen daf\u00fcr noch beantwortet werden, etwa wo eine solche Steuer greifen k\u00f6nnte und wie gez\u00e4hlt wird: anhand der Wertsch\u00f6pfung, der erbrachten Leistung oder pro Ger\u00e4t? Bei einem eingesetzten Roboter in einer Fabrik oder auch schon bei einigen Zeilen Code? Gleichzeitig m\u00fcssen wir darauf achten, dass eine solche Steuer nicht die in unserem Land so dringend ben\u00f6tigten Investitionen in Innovationen verhindert. Andere Vorschl\u00e4ge gehen daher eher dahin, bestimmte Wertsch\u00f6pfungsabgaben zu fordern, sobald ein Unternehmen Gewinne auszahlt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Unabh\u00e4ngig von der konkreten Ausgestaltung wird ein solcher Ausgleich f\u00fcr den Produktivit\u00e4tsgewinn durch Maschinen und k\u00fcnstliche Intelligenz in Zukunft ein wichtiges Thema werden, aus gesellschaftlicher und aus wirtschaftspolitischer Sicht. Ich freue mich auf viele und vielf\u00e4ltige neue soziale L\u00f6sungen, die aus dieser Diskussion entstehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">F\u00fcr mich steht fest, dass wir neue Ideen und neue Spielregeln f\u00fcr die ver\u00e4nderte Arbeitswelt der Zukunft brauchen und dass wir die Rahmenbedingungen f\u00fcr entstehende Arbeitsformen neu definieren und anpassen m\u00fcssen. Gerade die vom Strukturwandel betroffenen Unternehmen m\u00fcssen sich fr\u00fchzeitig Gedanken um neue zukunftsf\u00e4hige Gesch\u00e4ftsmodelle machen. Zugleich sollten wir auch eine gesellschaftliche Verantwortung von denjenigen einfordern, die eine mindestens arbeitgeber\u00e4hnliche Rolle einnehmen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Dabei ist mir bewusst, dass es ein Balanceakt ist. Denn es ist ebenso wichtig, Investitionen und damit Innovationen zu erm\u00f6glichen und uns im weltweiten Wettbewerb zu positionieren. Wir d\u00fcrfen daher die Anforderungen an eine Arbeitgeberrolle nicht so starr definieren, dass ein wirtschaftlicher Erfolg im internationalen Umfeld nicht mehr m\u00f6glich sein kann. Das sind Themen f\u00fcr Arbeitgeber und Politik, aber genauso auch f\u00fcr Gewerkschaften und Arbeitnehmerorganisationen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Wie es gelingen kann, dass neue Mobilit\u00e4tsanbieter nicht nur auf wirtschaftlichen und technischen Fortschritt, sondern ebenso auf gute Besch\u00e4ftigungsperspektiven achten und diese gestalten, zeigt ein Start-up, das mich pers\u00f6nlich sehr begeistert hat. Das Unternehmen citkar beweist, dass Wirtschaftlichkeit und gesellschaftliche Verantwortung gut zusammenpassen, wenn es um Mobilit\u00e4t genauso wie um die Arbeitswelt der Zukunft geht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\"><b>\u00dcber Verantwortung und Arbeit in einem Mobilit\u00e4ts-Start-up<\/b><\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Es ist ein warmer Sommertag, an dem ich in Berlin das Start-up citkar besuche. Da die Bahnverbindung zwischen Wolfsburg und Berlin mit nur einer Stunde ICE-Fahrt unschlagbar ist, habe ich mich wie so oft f\u00fcr die Schiene entschieden. Das l\u00f6st gro\u00dfes Erstaunen beim Pressesprecher des Start-ups aus \u2013 er hatte erwartet, dass eine Managerin eines Autokonzerns in jedem Fall mit dem Auto anreist. Ich treffe ihn auf dem Gel\u00e4nde des Start-ups, wo das Unternehmen auch seine Lastenfahrr\u00e4der produziert. Er steht dabei \u00fcbrigens neben seinem Audi Coup\u00e9, das aber immer \u00f6fter durch ein Dienst-E-Bike ersetzt wird. Trotzdem: verkehrte Welt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Das Start-up citkar entwickelt und produziert \u00fcberdachte, elektrische Lastenr\u00e4der und bietet damit eine neue Form von Mikromobilit\u00e4t am Markt an. Der Clou ist, dass es dank der modular einsetzbaren Boxen und der Ladefl\u00e4che auf Europalettenma\u00df m\u00f6glich ist, gro\u00dfe und schwere Gegenst\u00e4nde bequem mit dem Rad zu transportieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Der junge CEO Jonas Kremer l\u00e4dt mich ein, eine Runde mit dem Cargobike \u00bbLoadster\u00ab zu fahren. Als ich einsteige, bin ich \u00fcberrascht, wie leicht sich das Lastenrad trotz der gro\u00dfen Box mithilfe der elektrischen Unterst\u00fctzung fahren l\u00e4sst. Es ist als Fahrrad zugelassen, somit kann jederzeit die Fahrradspur genutzt werden. Ich w\u00e4re im Berliner Verkehr damit voraussichtlich schneller als viele Lieferwagen. W\u00e4hrend des Fahrens kann ich mir sehr gut vorstellen, dass ein solches Lastenrad bei jedem Wetter f\u00fcr Gewerbetreibende, f\u00fcr Paketzusteller:innen, Essens- und Einkaufslieferant:innen, aber auch f\u00fcr Handwerker- und Reinigungsdienste sehr attraktiv sein k\u00f6nnte. Ich bin auch sehr angetan vom Produktdesign, von dem ich wei\u00df, dass es schon viele Auszeichnungen erhalten hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Das Gespr\u00e4ch mit Jonas f\u00fchre ich in einer Ecke der neuen gro\u00dfen Produktionshalle, in die das Start-up gerade eingezogen ist. Es gibt einen ganz bestimmten Grund f\u00fcr das Gespr\u00e4ch: F\u00fcr die Produktion der Prototypen hat das Start-up mit einem ganz besonderen Partner zusammengearbeitet. Die ersten Prototypen des Cargobikes haben Jonas und sein Team mit den Berliner Vf J Werkst\u00e4tten f\u00fcr Menschen mit Beeintr\u00e4chtigungen hergestellt. Solche Zusammenarbeitsmodelle mit Behindertenwerkst\u00e4tten sind mir zwar aus der Automobilfertigung bekannt, doch im Zusammenhang mit Start-ups und Mikromobilit\u00e4t ist mir eine solche Kooperation mit sozialem Mehrwert v\u00f6llig neu. Ich m\u00f6chte gern mehr \u00fcber den Ansatz erfahren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Jonas erz\u00e4hlt: \u00bbBehindertenwerkst\u00e4tten arbeiten grunds\u00e4tzlich gar nicht so anders als andere Werkst\u00e4tten. Sie k\u00f6nnen genau dieselbe Arbeit leisten mit genauso guter Qualit\u00e4t, wenn nicht teilweise sogar mit besserer Qualit\u00e4t. Wir haben daher das Konzept fu\u0308r den Loadster gemeinsam mit der VfJ ausgearbeitet, Preise kalkuliert, geschaut, was man optimieren kann und wie man optimieren kann. Wir haben gemeinsam dar\u00fcber nachgedacht, wie man eine entsprechende Produktionshalle gestalten kann, und gepr\u00fcft, wie man das Personal eintakten kann. Die ersten Prototypen haben wir gemeinsam mit der VfJ bei ihnen vor Ort aufgebaut. Ich muss sagen, dass die Arbeiten qualitativ sehr, sehr hochwertig erledigt wurden, was wir woanders so nicht finden konnten.\u00ab<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Die Zusammenarbeit f\u00fcr die Serienfertigung kann nach einem Umzug der Produktion derzeit aus geografischen Gr\u00fcnden nicht weiter fortgef\u00fchrt werden. Jonas bedauert das, er schlie\u00dft aber eine Zusammenarbeit f\u00fcr die Zukunft nicht aus.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Ich frage ihn, inwiefern sich Wirtschaftlichkeit und Soziales aus unternehmerischer Sicht zusammendenken lassen, und freue mich \u00fcber seine differenzierte Antwort: \u00bbGrunds\u00e4tzlich ist es m\u00f6glich. Es bedarf erst einmal einer genauen Definition von \u203asozial\u2039. Sozial ist sicherlich auf der einen Seite, wenn wir mit einer Behindertenwerkstatt zusammenarbeiten. Sozial ist aber auch im gleichen Ma\u00dfe, wenn man ordentliche L\u00f6hne zahlt, was wir definitiv tun. Das hei\u00dft f\u00fcr mich, dass das Montageteam deutlich mehr erh\u00e4lt als den Mindestlohn. Daher ist f\u00fcr mich ein ordentlicher Lohn auch schon ein sozialer Faktor. Es ist f\u00fcr mich definitiv m\u00f6glich, beides zu verbinden.\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Warum, frage ich, sind solche Zusammenarbeitsformen bislang selten bei Start-ups? Die Antwort \u00fcberrascht mich. \u00bbEs gibt viele Start-ups, die mit Behindertenwerkst\u00e4tten zusammenarbeiten. Das merkt man so nicht, weil sie nicht \u00f6ffentlich dar\u00fcber sprechen\u00ab, sagt Jonas nachdenklich. Warum ist das so? \u00bbWeil wir nun einmal in einer Gesellschaft leben, in der Andersdenkende schnell negativ wahrgenommen werden. Auch eine Zusammenarbeit mit Behindertenwerkst\u00e4tten kann gerade bei Start-ups zu Umsatzeinbu\u00dfen f\u00fchren. Und f\u00fcr einige Investoren ist es ein negativer Faktor, wenn sie h\u00f6ren, dass ein Start-up mit einer Behindertenwerkstatt zusammenarbeitet. Das ist etwas, was ich definitiv nicht abkann und nicht leiden kann. Deswegen haben wir von Anfang an gesagt, wenn wir eine Kooperation anstreben, gehen wir offen und ehrlich damit um. Das hat uns wahrscheinlich Kund:innen gekostet, das hat uns wahrscheinlich Investor:innen gekostet. Das muss man an dieser Stelle aber in Kauf nehmen, denn ich m\u00f6chte etwas sozial Sinnvolles und generell etwas gesellschaftlich Sinnvolles tun. F\u00fcr die Kund:innen z\u00e4hlt in erster Linie sowieso das Endprodukt, das Bike. Es muss stabil und zuverl\u00e4ssig sein, funktionieren. Und vielen ist es wichtig, dass dabei auch auf die Umwelt geachtet wird. Viele Start-ups trauen sich nicht, die Zusammenarbeit offen zu kommunizieren. Wir wissen aber, dass sehr, sehr viele trotzdem mit Behindertenwerkst\u00e4tten zusammenarbeiten.\u00ab<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Ich muss zugeben, dass mich Jonas\u2019 Worte ber\u00fchren. In alle Richtungen. Ich bin frustriert dar\u00fcber, dass wir im unternehmerischen Bereich noch nicht \u00fcberall so weit sind, dass diese besonderen Kooperationen mindestens gleichberechtigt neben den etablierten Modellen stehen und dass solche Zusammenarbeitsformen in einer Unternehmerlandschaft sogar negativ ausgelegt werden. Gleichzeitig habe ich einen wahnsinnig gro\u00dfen Respekt vor dem, was Jonas aufgebaut hat. Vor seiner Einstellung und seiner Haltung, sich nicht von seiner sozialen Grund\u00fcberzeugung abbringen zu lassen. Ich hoffe inst\u00e4ndig, dass viele Unternehmer:innen seinem Beispiel folgen werden, dass sie genauso erstklassige Produkte entwickeln, den Mobilit\u00e4tsmarkt ver\u00e4ndern und dabei auf soziale Aspekte achten sowie ihrer Verantwortung als guter Arbeitgeber voll und ganz nachkommen.<\/p>\n<p>(Die Fussnoten stehen im Buch, aus Gr\u00fcnden besserer Lesbarkeit jedoch nicht hier im Buchauszug.)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-676352\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/04\/Bloggerrelanvzlogo.2021-FAK_21-01_Siegel_Blogger-Relevanzindex_Top-20-Blogs-228x300.jpg\" alt=\"\" width=\"228\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/04\/Bloggerrelanvzlogo.2021-FAK_21-01_Siegel_Blogger-Relevanzindex_Top-20-Blogs-228x300.jpg 228w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/04\/Bloggerrelanvzlogo.2021-FAK_21-01_Siegel_Blogger-Relevanzindex_Top-20-Blogs.jpg 493w\" sizes=\"auto, (max-width: 228px) 100vw, 228px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-676731\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/06\/bloggerinnen.2021.neu_-300x212.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"212\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/06\/bloggerinnen.2021.neu_-300x212.jpg 300w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/06\/bloggerinnen.2021.neu_-424x300.jpg 424w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/06\/bloggerinnen.2021.neu_.jpg 650w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Copyright: @Claudia T\u00f6dtmann. Alle Rechte vorbehalten. Kontakt f\u00fcr Nutzungsrechte: claudia.toedtmann@wiwo.de<\/strong><\/p>\n<p><strong>Alle inhaltlichen Rechte des Management Blogs von Claudia T\u00f6dtmann liegen bei der Blog-Inhaberin. Jegliche Nutzung der Inhalte bed\u00fcrfen der ausdr\u00fccklichen Genehmigung.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Buchauszug Nari Kahle: &#8222;Mobilit\u00e4t in Bewegung. 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