{"id":676578,"date":"2021-05-19T16:56:58","date_gmt":"2021-05-19T14:56:58","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/?p=676578"},"modified":"2021-05-19T16:56:58","modified_gmt":"2021-05-19T14:56:58","slug":"buchauszug-mark-spoerrle-unten-ohne-geschichten-aus-dem-homeoffice","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2021\/05\/19\/buchauszug-mark-spoerrle-unten-ohne-geschichten-aus-dem-homeoffice\/","title":{"rendered":"Buchauszug Mark Sp\u00f6rrle: &#8222;Unten ohne. Geschichten aus dem Homeoffice&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Buchauszug Mark Sp\u00f6rrle: &#8222;Unten ohne. Geschichten aus dem Homeoffice&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_676579\" style=\"width: 536px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-676579\" class=\"size-full wp-image-676579\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/05\/Spoerrle_klein-schwarz-weiss_c-Vera-Tammen.jpg\" alt=\"\" width=\"526\" height=\"650\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/05\/Spoerrle_klein-schwarz-weiss_c-Vera-Tammen.jpg 526w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/05\/Spoerrle_klein-schwarz-weiss_c-Vera-Tammen-243x300.jpg 243w\" sizes=\"auto, (max-width: 526px) 100vw, 526px\" \/><p id=\"caption-attachment-676579\" class=\"wp-caption-text\">Mark Sp\u00f6rrle (Foto: Heyne Verlag\/Vera Tammen)<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich hatte einen Video-Call mit Kai. Jemanden wie Kai h\u00e4tte man fr\u00fcher einen \u00bbharten Hund\u00ab genannt. Heute w\u00fcrde man wohl eher sagen, er sei ein \u00bbsmarter Typ\u00ab. Kai wei\u00df alles, ist immer bestens vorbereitet und stets so perfekt anzogen, als arbeite er permanent im B\u00fcro und erwarte jederzeit superwichtigen Besuch. Um ehrlich zu sein, Kai ist nicht nur so angezogen. Er arbeitet auch permanent im B\u00fcro und hat jede Menge superwichtigen Besuch.<\/p>\n<p>Ich nicht. Ich arbeite von daheim aus. Und deshalb war ich so frei, das Online-Meeting mit Kai auf morgens acht Uhr zu legen. Nicht ganz fair vielleicht. Aber ich wusste: Jemand wie Kai konnte unm\u00f6glich zugeben, dass ihm ein Meeting zu fr\u00fch angesetzt war.<\/p>\n<p>Ich malte mir aus, wie er im Morgengrauen aufstand, sich eiskalt abduschte und in einen seiner zweiunddrei\u00dfig schicken Anz\u00fcge qu\u00e4lte, um unausgeschlafen ins B\u00fcro zu eiern. Vielleicht verga\u00df er auch genau die Unterlagen, die er dringend f\u00fcr unser virtuelles Meeting brauchte und die er am Abend vorher noch im Bett durchgearbeitet hatte, bis er ersch\u00f6pft eingeschlafen war. Er musste also noch einmal fluchend zur\u00fcck, um die Sachen zu holen. Kam in Zeitstress, verpasste die n\u00e4chste U-Bahn, warf sich in ein Taxi, das im Stau stecken blieb, erreichte mit knapper Not um kurz vor acht die Firma, rannte wie ein Irrer in sein B\u00fcro. Und schaffte es, w\u00e4hrend sein Computer hochfuhr, gerade noch, sein durchgeschwitztes blaues Hemd gegen eines der sieben frischen blauen Hemden in der untersten Schublade seines Schreibtischs zu tauschen. Ich wei\u00df, das klingt jetzt charakterlich zweifelhaft, aber mir half diese kleine Fantasie.<\/p>\n<p>Ich dagegen hatte mich am Vorabend noch gr\u00fcndlicher als Kai auf unser Gespr\u00e4ch vorbereitet. Was mich in meinem Schlafpensum nicht im Geringsten beeintr\u00e4chtigte, da ich bis kurz vor acht gem\u00fctlich im Bett liegen konnte. Dann stand ich auf, wusch und frisierte mich fl\u00fcchtig und schl\u00fcpfte in meine bereit h\u00e4ngende Ausstattung f\u00fcr fr\u00fche Video-Calls mit wichtigen Leuten: Wei\u00dfes Hemd. Schickes blaues Sakko. Unterhose.<\/p>\n<p>Ja, Unterhose.<\/p>\n<p>Mehr braucht man im Homeoffice, ehrlich gesagt, nicht. Ich kannte den Erfassungsbereich meiner Laptopkamera. Und selbst, wenn er sich heimt\u00fcckisch verstellt haben sollte, oder wenn\u00a0\u2013 was noch nie passiert war und nie passieren w\u00fcrde\u00a0\u2013 die Deckelbefestigung des Laptops pl\u00f6tzlich erlahmte und sich nach vorne neigen w\u00fcrde: Da war immer noch die Tischplatte.<\/p>\n<p>So viel zu den Risiken der Hosenlosigkeit im Home\u00adoffice.<\/p>\n<p>Die Vorteile dagegen, ich hatte das gr\u00fcndlich analysiert, waren enorm: 1. Zeitersparnis. Nicht nur weil der Weg ins B\u00fcro wegfiel. Ein durchschnittliches In-die-Anzughose-Schl\u00fcpfen inklusive Rei\u00dfverschluss-und-Knopf-Schlie\u00dfen erforderte bei mir zwischen zehn und drei\u00dfig Sekunden, je nach Tagesform, Wetteranf\u00e4lligkeit, Rei\u00dfverschlussqualit\u00e4t und Knopflochweite. 2.\u00a0Unfallpr\u00e4vention. Ich verminderte das gesundheitliche Risiko des Hosenanziehens. Niemand will es zugeben, aber die Arztpraxen sind voll von M\u00e4nnern, die sich beim Hosenanziehen etwas eingeklemmt haben, oder sich verheddert haben und gest\u00fcrzt sind. 3. Kostenersparnis. Ich hatte keinen Materialverschlei\u00df und sparte Reinigungskosten. Eine Hose, die man nicht tr\u00e4gt, nutzt man nicht ab, muss man nicht waschen, trocknen, b\u00fcgeln und\/oder zur Reinigung bringen und wieder abholen. 4. Der Umweltaspekt! 5. Komfort. Es war ohne Hose einfach luftiger. Ein nicht zu untersch\u00e4tzender Punkt. An dem Tag, als Kai und ich online aufeinandertrafen, sollten es 25 Grad werden. 6.\u00a0Nachhaltigkeit. Eine Hose, die man nicht tr\u00e4gt, muss man gar nicht erst kaufen, auch nicht eine Gr\u00f6\u00dfe gr\u00f6\u00dfer, wenn man im Homeoffice unversehens zugenommen hat.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_676580\" style=\"width: 345px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-676580\" class=\"size-full wp-image-676580\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/05\/cover.spoerrle.mark_.jpg\" alt=\"\" width=\"335\" height=\"530\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/05\/cover.spoerrle.mark_.jpg 335w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/05\/cover.spoerrle.mark_-190x300.jpg 190w\" sizes=\"auto, (max-width: 335px) 100vw, 335px\" \/><p id=\"caption-attachment-676580\" class=\"wp-caption-text\">(Foto: Heyne Verlag)<\/p><\/div>\n<h2>Mark Sp\u00f6rrle: &#8222;Unten ohne. Geschichten aus dem Homeoffice.&#8220; Heyne Verlag, 192 Seiten, 12,&#8211; Euro\u00a0 <a href=\"https:\/\/www.penguinrandomhouse.de\/Taschenbuch\/Unten-ohne\/Mark-Spoerrle\/Heyne\/e595479.rhd\">https:\/\/www.penguinrandomhouse.de\/Taschenbuch\/Unten-ohne\/Mark-Spoerrle\/Heyne\/e595479.rhd<\/a><\/h2>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zum Zeitpunkt meines Gespr\u00e4chs mit Kai hatte ich also drei komplette Anz\u00fcge im Einsatz; sowie vier halbe, die lediglich aus einem Sakko bestanden. Und ich f\u00fchlte mich gut damit, diese bei Video-Call-Bedarf zwanglos mit einer Vielzahl von Unterhosen zu kombinieren.<\/p>\n<p>Alles, womit Kai im Gegensatz zu mir noch punkten konnte, war, dass er bei unserer Unterhaltung vielleicht etwas wacher sein w\u00fcrde als ich. Weil er beim Rennen erst zur U-Bahn, dann zum Taxi und sp\u00e4ter durch die langen Flure bis zu seinem B\u00fcro seinen Kreislauf geh\u00f6rig hochgepeitscht hatte. Doch auch auf dieses Handi\u00adcap hatte ich eine Antwort: Ich machte mir einen doppelten Espresso extra.<\/p>\n<p>Als wir uns dann p\u00fcnktlich auf die Sekunde vor unseren Monitoren gegen\u00fcbersa\u00dfen, hob und senkte sich Kais Brustkorb wie wild unter dem Sakko und dem sichtlich frischen, noch in Liegefalten geknifften Hemd\u00a0\u2013 yes, ich hatte richtig gelegen!<\/p>\n<p>\u00bbGuten Morgen, Kai, wie sch\u00f6n, dass wir reden!\u00ab Ich gab ihm keine Zeit, Atem zu holen oder gar schlagfertig zu werden, ging sofort in medias res, denn angeblich wartete schon der n\u00e4chste Video-Call mit Kais \u00e4rgstem Rivalen. In Wahrheit wollte ich im Anschluss mit meiner Familie fr\u00fchst\u00fccken.<\/p>\n<p>Ich gestehe, ich setzte Kai ein bisschen unter Druck. Es ging um eine Kooperation, die f\u00fcr unsere beiden Unternehmen ganz offenkundig vorteilhaft war. Die Frage war nur, f\u00fcr wen der Vorteil ein bisschen gr\u00f6\u00dfer ausfiel. Wer diktierte die Bedingungen? Der noch immer gehetzt wirkende Kai\u00a0\u2013 oder mein durchs Homeoffice entspanntes, ausgeschlafenes Ich? W\u00e4hrend ich von \u00bbanderen lukrativen Optionen\u00ab faselte, h\u00f6rte ich meine Liebste in der K\u00fcche mit der Kaffeemaschine hantieren.<\/p>\n<p>Und dann nutzte ich die Chance, als mein Handy brummte. Ich nahm den Anruf mit entschuldigender Geste an, bat Kai, eine Sekunde zu warten, und gab vor, \u00bbdie andere Option\u00ab dran zu haben.<\/p>\n<p>\u00bbIch bin \u00fcberrascht, dass Sie jetzt schon anrufen\u00ab, sagte ich dann ins Telefon. \u00bbOh, ich verstehe\u2009\u2026 ja, das freut mich, das ist nat\u00fcrlich sch\u00f6n, dass Ihnen das wichtig\u2009\u2026 ach, DIE Chance?! Und wie viel w\u00fcrden Sie\u2009\u2026 Oh, das ist\u2009\u2026 vielen Dank, das ist gro\u00df\u00adartig, wunderbar\u2009\u2026 Ich bin hundertprozentig sicher, die anderen werden Ihr Angebot genauso sehen, und damit k\u00f6nnen wir wirklich etwas auf die Beine stellen\u2009\u2026 Das w\u00fcrde mich auch sehr freuen, ich bin sicher, wir sprechen ganz bald\u2009\u2026!\u00ab<\/p>\n<p>Und w\u00e4hrend ich dem Anrufer \u00fcberschw\u00e4nglich f\u00fcr die weitreichenden Zugest\u00e4ndnisse dankte, signalisierte ich Kai gleichzeitig gestenreich meinen inneren Zwiespalt.<\/p>\n<p>Die echte Anruferin, eine Frau, die sich f\u00fcr unser bei eBay-Kleinanzeigen eingestelltes Treppenschutzgitter interessierte, zweifelte unterdessen erst an ihrem, dann an meinem Verstand.<\/p>\n<p>Kaum hatte ich aufgelegt, winkte meine Tochter \u00adLuise durch den T\u00fcrspalt und signalisierte, dass das Fr\u00fchst\u00fcck l\u00e4ngst fertig sei.<\/p>\n<p>Ich tat, als ob meine Assistentin mich in den n\u00e4chsten dringlichen Termin rufen wolle.<\/p>\n<p>Meine Tochter griff sich nur stumm an den Kopf. Dass sie mich peinlich fand, kannten wir beide, das kam bei uns t\u00e4glich vor. Dass sie allerdings dieses eine Mal die T\u00fcr nicht zuknallte (das tun Assistenten schlie\u00dflich auch nur selten), rechnete ich ihr hoch an.<\/p>\n<p>\u00bbIch muss mich jetzt entschuldigen, lieber Kai\u00ab, sagte ich freundlich-gesch\u00e4ftsm\u00e4\u00dfig. \u00bbDu kannst gerne noch mal in Ruhe ein paar Tage \u00fcber alles nachdenken; das gibt auch mir genug Zeit f\u00fcr die richtige Entscheidung\u2009\u2026\u00ab<\/p>\n<p>Kai unterbrach mich. Er sagte zu, sofort. Und war mit all meinen Bedingungen einverstanden. Er w\u00fcrde die Vereinbarung sofort nach unserem Telefonat unterzeichnen.<\/p>\n<p>Das Homeoffice hatte gewonnen! Entspanntheit \u00fcber Ehrgeiz triumphiert! Ich war wie beseelt. Wie im Rausch. Nicht nur mein Tag war gerettet, meine ganze Woche war es, ach, meine gesamte berufliche Zukunft!<\/p>\n<p>Wir waren gerade dabei, den sch\u00f6nen Deal mit ein bisschen Small Talk abzuschlie\u00dfen, als Kai von der Seite sehr effektvoll einen Kaffee serviert bekam. Er erhob seine Tasse und prostete mir l\u00e4chelnd zu. \u00bbAuf unsere Zusammenarbeit!\u00ab<\/p>\n<p>Gerade wenn man sich nur digital trifft, darf das Menschliche nicht zu kurz kommen. Kleine Gesten der Verbundenheit sind sehr wichtig, erst recht, wenn man den Sieg davontr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Leider hatte ich keine Assistentin und keinen Assistenten, der mir ebenso eine Tasse reichte, aber die K\u00fcche war ja gleich nebenan. \u00bbSekunde\u00ab, l\u00e4chelte ich und federte hoch, \u00bbSekunde!\u00ab<\/p>\n<p>Im n\u00e4chsten Moment fror meine Hand an der T\u00fcrklinke fest: Im Chatfenster prangte bildf\u00fcllend eine \u00adMicky Maus.<\/p>\n<p>Die Micky Maus auf meiner Unterhose.<\/p>\n<p>Und ich h\u00f6rte Kais Lachen.<\/p>\n<p>Es war das Lachen eines Mannes, der wusste, dass er das Spiel doch noch gewonnen hatte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-676352\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/04\/Bloggerrelanvzlogo.2021-FAK_21-01_Siegel_Blogger-Relevanzindex_Top-20-Blogs-228x300.jpg\" alt=\"\" width=\"228\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/04\/Bloggerrelanvzlogo.2021-FAK_21-01_Siegel_Blogger-Relevanzindex_Top-20-Blogs-228x300.jpg 228w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/04\/Bloggerrelanvzlogo.2021-FAK_21-01_Siegel_Blogger-Relevanzindex_Top-20-Blogs.jpg 493w\" sizes=\"auto, (max-width: 228px) 100vw, 228px\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Copyright: @Claudia T\u00f6dtmann. Alle Rechte vorbehalten. Kontakt f\u00fcr Nutzungsrechte: claudia.toedtmann@wiwo.de<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Buchauszug Mark Sp\u00f6rrle: &#8222;Unten ohne. Geschichten aus dem Homeoffice&#8220; &nbsp; &nbsp; &nbsp; Ich hatte einen Video-Call mit Kai. Jemanden wie Kai h\u00e4tte man fr\u00fcher einen \u00bbharten Hund\u00ab genannt. Heute w\u00fcrde man wohl eher sagen, er sei ein \u00bbsmarter Typ\u00ab. 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