{"id":676145,"date":"2021-03-29T06:00:31","date_gmt":"2021-03-29T04:00:31","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/?p=676145"},"modified":"2021-03-29T00:57:23","modified_gmt":"2021-03-28T22:57:23","slug":"buchauszug-dieter-kosslick-immer-auf-dem-teppich-bleiben-von-magischen-momenten-und-der-zukunft-des-kinos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2021\/03\/29\/buchauszug-dieter-kosslick-immer-auf-dem-teppich-bleiben-von-magischen-momenten-und-der-zukunft-des-kinos\/","title":{"rendered":"Buchauszug Dieter Kosslick: &#8222;Immer auf dem Teppich bleiben. Von magischen Momenten und der Zukunft des Kinos.&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Buchauszug Dieter Kosslick: &#8222;Immer auf dem Teppich bleiben. Von magischen Momenten und der Zukunft des Kinos.&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Traumberuf Filmfestivaldirektor<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt Unterschiede zwischen einem B\u00e4ckermeister und einem Filmfestivaldirektor. B\u00e4cker ist ein Lehrberuf, und es muss lange Teig geknetet werden, bis aus dem Lehrling ein Geselle und aus dem wiederum ein Meister wird. Das dauert beim B\u00e4cker normalerweise sieben oder acht Jahre. Bei mir hat es erheblich l\u00e4nger gedauert, bis ich den roten Teppich betreten durfte.<\/p>\n<p>Aber das ist relativ: Im Film Jiro Dreams of Sushi der Netflix-Serie Chef\u2019s Table von David Gelb pr\u00fcft der beste Sushimeister der Welt, Niki Nakayama, den Eierstich Tamago-Nigiri seines Lehrlings. Seit zehn Jahren versucht dieser, den Anspr\u00fcchen des Meisters gerecht zu werden. Erst im elften Ausbildungsjahr hat er Erfolg. Als der Film im Kulinarischen Kino der Berlinale am Valentinstag 2011 gezeigt wurde, fragte die damalige Chefredakteurin des Gourmet-Magazins Der Feinschmecker, Madeleine Jakits, den Sohn des Meisters, ob das nicht ein wenig zu lange sei f\u00fcr einen Eierstich, und erntete ein trockenes japanisches Nein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_676190\" style=\"width: 315px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-676190\" class=\" wp-image-676190\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/03\/cover.kosslik.-184x300.png\" alt=\"\" width=\"305\" height=\"488\" \/><p id=\"caption-attachment-676190\" class=\"wp-caption-text\">(Foto: PR\/Hoffmann und Campe)<\/p><\/div>\n<h1 id=\"title\" class=\"a-spacing-none a-text-normal\"><strong><span id=\"productTitle\" class=\"a-size-extra-large\">Dieter Kosslik: &#8222;Immer auf dem Teppich bleiben: Von magischen Momenten und der Zukunft des Kinos.&#8220;,\u00a0<\/span><\/strong>336 Seiten, 25 Euro, Hoffmann und Campe, <a href=\"https:\/\/www.hoca-shop.de\/neuerscheinungen\/immer-auf-dem-teppich-bleiben-von-magischen-momenten-und-der-zukunft-des-kinos.html\">https:\/\/www.hoca-shop.de\/neuerscheinungen\/immer-auf-dem-teppich-bleiben-von-magischen-momenten-und-der-zukunft-des-kinos.html<\/a><\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie beim Journalistenberuf gibt es auch f\u00fcr Festivaldirektoren keine formale Ausbildung \u2013 was nicht hei\u00dft, dass keine vielf\u00e4ltigen F\u00e4higkeiten erwartet werden. Der erste Direktor der Berlinale kam noch aus der Zeit des \u00bbDritten Reiches\u00ab, ein \u00bbkleiner Jurist\u00ab der Reichsfilmkammer, der 1951 als kenntnisreicher Filmspezialist der deutschen Filmbranche seinen Traumjob als Gr\u00fcndungsdirektor erhielt. 69 Jahre sp\u00e4ter ver\u00f6ffentlichte die Zeit-Journalistin Katja Nicodemus im Januar 2020 die Recherche des Amateurwissenschaftlers Ulrich H\u00e4hnel, in der stand, dass jener erste Festivaldirektor Dr. Alfred Bauer mitnichten ein kleines Licht der Nazifilmkammer war, sondern ein aktives Parteimitglied und \u00fcberzeugter Hitler-Anh\u00e4nger. Er wurde 1942 in einem Schreiben der Gauleitung Mainfranken als \u00bbeifriger SAMann\u00ab gelobt, so fand es Ulrich H\u00e4hnel heraus.<\/p>\n<p>Dr. Bauer leitete unentdeckt 25 Jahre das Festival, bis 1976 Wolf Donner, promovierter Filmjournalist und Filmkritiker des Spiegels, f\u00fcr drei Jahre den Direktorposten \u00fcbernahm. Ihm folgten f\u00fcr weitere 21 Jahre Moritz de Hadeln und seine Frau Erika. Sie hatten schon vorher andere Festivals in der Schweiz organisiert und kamen vom Filmfestival Locarno im Tessin.<\/p>\n<p>Als Bauer 1986 starb, wurde nach ihm ein Silberner B\u00e4r benannt und bis 2020 als Alfred-Bauer-Preis vergeben \u2013 ausgerechnet f\u00fcr \u00bbNeue Perspektiven der Filmkunst\u00ab. Nora Fingscheidts Erstlingserfolg Systemsprenger erhielt diesen Preis in meinem letzten Berlinale-Jahr. Die Recherchen wurden im September 2020 durch eine Untersuchung des M\u00fcnchner Instituts f\u00fcr Zeitgeschichte best\u00e4tigt.<\/p>\n<p>1970 kam es wegen des Protests des amerikanischen Jurypr\u00e4sidenten, dem Regisseur George Stevens, gegen Michael Verhoevens Vietnamfilm o. k. zum Abbruch der Berlinale. Daraufhin gr\u00fcndete sich als Alternative die Festivalreihe Forum des Jungen internationalen Films, die als Bestandteil der Berlinale bis 2001 von \u00bbden Gregors\u00ab geleitet wurde: Ulrich Gregor war Filmhistoriker und seine Frau Erika Kinobetreiberin. Ihnen folgte der Filmkritiker Christoph Terhechte.<\/p>\n<p>Es scheint, dass beste Filmkenntnisse die Voraussetzung f\u00fcr den zulassungsfreien Job des Festivaldirektors sind \u2013 diese kann man mitbringen als Journalist, Historiker oder Filmemacher und Fotograf und Festivalmacher wie bei de Hadeln. Auch ich hatte lange Erfahrung im deutschen und internationalen Filmgeschehen, bevor ich 2001 \u00bbberufen wurde\u00ab.<\/p>\n<p>Der Anruf aus dem gerade erst gegr\u00fcndeten Ministerium f\u00fcr Kultur und Medien erreichte mich am sp\u00e4ten Nachmittag an einem Donnerstag in meiner sch\u00f6nen Dachwohnung in der S\u00fcdstadt K\u00f6lns. Am anderen Ende Dr. Michael Naumann, genannt Mike. \u00bbWillst du Berlinale-Chef werden?\u00ab, fragte Mike in seiner direkten Art. Wir hatten uns bei der Premiere von Ken Loachs gro\u00dfartigem Film Land and Freedom im K\u00f6lner Broadway-Kino gesehen. Der Verleih des Films in Anwesenheit des linken Meisterregisseurs war mit den Mitteln der Filmstiftung Nordrhein-Westfalen gef\u00f6rdert worden, deren Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung ich seit 1991 innehatte.<\/p>\n<p>Mike Naumann war beeindruckt von der Beteiligung Nordrhein-Westfalens an so vielen internationalen Koproduktionen und wusste um meine sehr guten Kontakte in die europ\u00e4ische Filmszene. Ich hatte beste Beziehungen zu den Regisseur*innen, Produzent*innen und vor allem den Verleihfirmen. Sie brachten gemeinsam mit unserer in Hamburg 1988 gegr\u00fcndeten europ\u00e4ischen Verleihf\u00f6rderung EFDO (European Film Distribution Office), die neuen Filme aus ganz Europa erfolgreich in die Kinos. Gute Voraussetzungen f\u00fcr den Job, das A-Filmfestival Berlinale zu leiten, k\u00fcnstlerisch und als Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer.<\/p>\n<p>Ich besuchte die Berlinale seit 1983 und kannte das Festival mit seinem Wettbewerb im beeindruckenden Zoo Palast, seinem verqualmten Festivalzentrum im heruntergekommenen Bikini-Haus direkt daneben und den j\u00e4hrlichen heftig umstrittenen Jury-Entscheidungen \u2013 und der nicht enden wollenden b\u00f6sen Kritik der<br \/>\nFilmkritiker*innen am Festivaldirektor. Es schien kein begehrenswerter Job zu sein.<br \/>\nIn meinen 18 Jahren als Festivaldirektor brauchte ich lange, um zu begreifen, dass diese zum Teil ehrverletzenden Beleidigungen einer Handvoll Fachjournalist*innen mehr zur pers\u00f6nlichen Profilierung dienten und weniger die Filme betrafen \u2013 Ehemalige best\u00e4tigen dies im milden Licht des Pensionsalters.<\/p>\n<p>Ich wusste auch von der ewigen Konkurrenz mit dem Festival in Cannes an der mond\u00e4nen C\u00f4te d\u2019Azur und dem Festival in Venedig in einer der sch\u00f6nsten St\u00e4dte der Welt. Aber auch die Berlinale hatte Vorz\u00fcge, die die anderen beiden Festivals nicht hatten: Sie begeisterte bereits seit 1951 das Publikum, die ersten Jahre war sie sogar ein reines Publikumsfestival ohne Jury. Schon damals str\u00f6mten die Fans in die Berlinale-Filme. Das Festival, auch das wusste ich, definierte sich selbst als eine<br \/>\npolitische, kulturelle Plattform f\u00fcr den internationalen Austausch und wollte der V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung besonders zwischen Ost und West dienen.<\/p>\n<p>Das k\u00f6nnte ein aufregender Job werden, dachte ich und sagte im Alter von 53 Jahren zu. R\u00fcckblickend kamen mir bei meinem Direktorenjob einige F\u00e4higkeiten und Kenntnisse zugute, die ich in meiner Jugendzeit quasi nebenbei erworben hatte. Als 1964 die Beatles und Rolling Stones die junge Welt rockten, gr\u00fcndeten wir unsere eigene Band The Meters, um deren Songs zu covern. Wir waren eine klassische Sch\u00fclerband f\u00fcr Schulpartys und Tanzabende, die in den \u00bbH\u00e4usern der Jugend\u00ab bei Betriebsfeiern und BandWettbewerben spielte. Die Bl\u00f6delbarden Ingo Insterburg und Co. verbl\u00fcfften uns mit den absurdesten Geschichten und Gedichten wie \u00bbDie Ampeln schalten Gelb, Rot, Gr\u00fcn \u2013 so ist das in Berlin\u00ab, und die USamerikanische Pop-Rockband The Monkees, die in ihren Fernsehserien auch mal ein Pferd mit auf die B\u00fchne brachten, erzielten einen Hitparadenerfolg nach dem anderen. Ger\u00fcchte, dass sie gar keine Instrumente beherrschten, spielten keine Rolle.<\/p>\n<p>Wir spielten auf besonderen Wunsch des Publikums bis zu zehnmal am Abend \u00bbI am a Believer\u00ab. Eine gute Vorbereitung f\u00fcr die sp\u00e4teren Auftritte der gr\u00f6\u00dften Pop- und Rockstars auf der Berlinale, wie Madonna, The Rolling Stones, The Beach Boys, Bonos U2, aber auch Harry Belafonte, George Michael und Patti Smith.<br \/>\nAuch das Thema kultureller Austausch zwischen Ost- und Westdeutschland kannte ich aus famili\u00e4ren Gr\u00fcnden gut. Die Familie meines Vaters lebte in Dresden, und meine Mutter kam aus einem kleinen Dorf in Baden-W\u00fcrttemberg. Meine Eltern hatten sich in der Nachkriegszeit kennengelernt, nachdem mein Vater vor General Harris\u2019 angeordnetem Fl\u00e4chenbombardement auf Dresden geflohen war. Doch kurz danach legten die britischen Bomber auch seine neue Heimat, Pforzheim, mit den m\u00f6rderischen Brandbomben in Schutt und Asche.<\/p>\n<p>Deutsch-deutsche Beziehungen zwischen BRD und DDR geh\u00f6rten zu unserem Familienalltag und meiner Kindheit, und zwar vor allem mit \u00bbFresspaketen\u00ab, die ich zur Post bringen musste. \u00bbDen Abschnitt der Einlieferung nicht vergessen\u00ab, sagte meine Mutter, \u00bbf\u00fcrs Finanzamt.\u00ab Sp\u00e4ter dann die Verwandtenbesuche, erst in Dresden und auch bei uns zu Hause in S\u00fcddeutschland. Oma, Onkel, Tanten und Cousins. Waren wir in Dresden zu Besuch, ging es mit dem Schiff nach Pillnitz, in die S\u00e4chsische Schweiz und ins Erzgebirge und zum G\u00e4nsebraten mit Kl\u00f6\u00dfen und Rotkohl in den Wei\u00dfen Hirschen hoch \u00fcber dem Elbufer mit Blick auf das Blaue Wunder und nach Moritzburg.<\/p>\n<p>Als die DDR 1961 die Mauer baute, \u00e4nderte sich nicht nur das t\u00e4gliche Leben in Berlin, auch die deutschdeutschen Filmbeziehungen blieben nicht verschont. Ein neues, nicht weniger politisch brisantes Kapitel begann. Und bei meinem ersten Wettbewerb als Festivaldirektor war es mir wichtig, Filme von Regisseuren aus der fr\u00fcheren DDR zu programmieren. Andreas Dresens Halbe Treppe war der ideale Film, um unsere beiden immer noch unsichtbar geeinten deutschen Teile zu thematisieren. Der Film begeisterte das Publikum, die Kritiker, und als gro\u00dfen Preis der Jury konnten Dresen und sein Ensemble den Silbernen B\u00e4ren mit nach Hause nehmen. Der Film \u2013 ein gesamtdeutscher \u2013 wurde anschlie\u00dfend weltweit auf Festivals ausgezeichnet, erhielt deutsche und internationale Preise vom Publikum und der Filmkritik.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-thumbnail wp-image-672912\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/01\/Top20-Blogneu-002-1-150x150.png\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Buchauszug Dieter Kosslick: &#8222;Immer auf dem Teppich bleiben. Von magischen Momenten und der Zukunft des Kinos.&#8220; &nbsp; Traumberuf Filmfestivaldirektor Es gibt Unterschiede zwischen einem B\u00e4ckermeister und einem Filmfestivaldirektor. 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