{"id":675581,"date":"2021-01-25T15:28:41","date_gmt":"2021-01-25T14:28:41","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/?p=675581"},"modified":"2021-01-25T22:28:56","modified_gmt":"2021-01-25T21:28:56","slug":"buchauszug-sebastian-pfluegler-kommunikation-fuer-die-digitale-aera-wie-wir-heute-miteinander-reden-und-was-dabei-immer-noch-wichtig-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2021\/01\/25\/buchauszug-sebastian-pfluegler-kommunikation-fuer-die-digitale-aera-wie-wir-heute-miteinander-reden-und-was-dabei-immer-noch-wichtig-ist\/","title":{"rendered":"Buchauszug Sebastian Pfl\u00fcgler: &#8222;Kommunikation f\u00fcr die digitale \u00c4ra.\u00a0Wie wir heute miteinander reden \u2013 und was dabei immer noch wichtig ist.&#8220;"},"content":{"rendered":"<h1>Buchauszug Sebastian Pfl\u00fcgler: &#8222;Kommunikation f\u00fcr die digitale \u00c4ra. Wie wir heute miteinander reden \u2013 und was dabei immer noch wichtig ist.&#8220;<\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_675582\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/01\/Pfluegner.Sebastian-Pfluegler-Portraet-300-dpi.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-675582\" class=\"size-full wp-image-675582\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/01\/Pfluegner.Sebastian-Pfluegler-Portraet-300-dpi.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"312\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/01\/Pfluegner.Sebastian-Pfluegler-Portraet-300-dpi.jpg 300w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/01\/Pfluegner.Sebastian-Pfluegler-Portraet-300-dpi-288x300.jpg 288w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-675582\" class=\"wp-caption-text\">Sebastian Pfl\u00fcgler (Foto: PR)<\/p><\/div>\n<p><strong>Mehr Spannung, weniger Harmonie<\/strong><\/p>\n<p><strong>Spannungen durch Social Media und Virtual Reality<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u00bbKnatter sie doch einer mal richtig durch, damit sie wieder normal wird\u00ab, \u00bbDrecksfotze\u00ab oder \u00bbSchlampe\u00ab. Das waren nur einige Kommentare, die sich Renate K\u00fcnast, Bundestagsabgeordnete der Gr\u00fcnen und ehemalige Bundeslandwirtschaftsministerin, auf ihrer Facebook-Seite gefallen lassen musste. Am 9. September 2019 urteilte das Berliner Landgericht: Die \u00c4u\u00dferungen seien \u00bbhaarscharf an der Grenze des von der Antragstellerin noch Hinnehmbaren\u00ab und \u00bbzul\u00e4ssige Meinungs\u00e4u\u00dferungen\u00ab. Wow! Was f\u00fcr ein weiterer verbaler Schlag ins Gesicht. K\u00fcnast ging in Berufung und erkl\u00e4rte: \u00bbDer Beschluss des Landgerichts sendet ein katastrophales Zeichen, insbesondere an alle Frauen im Netz, welchen Umgang Frauen sich dort gefallen lassen sollen.\u00ab Was Renate K\u00fcnast passierte, ist kein Einzelfall, sondern mittlerweile trauriger Alltag. So zeigt eine Studie der Landesanstalt f\u00fcr Medien NRW aus dem Jahr 2018, dass nur noch jeder f\u00fcnfte Befragte noch nie mit Hasskommentaren zu tun hatte. Bei den 14- bis 24-J\u00e4hrigen haben bereits mehr als die H\u00e4lfte der Befragten Hasskommentare gesehen und sehen diese Art der Kommentare mittlerweile als festen Bestandteil von Austauschplattformen. Doch woher kommt dieser Hass in der Debatte, und wie kann es sein, dass wir online Dinge sagen, die wir offline so nie von uns geben w\u00fcrden? Das hat aus meiner Sicht zwei Gr\u00fcnde:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Einerseits kommunizieren wir wesentlich sch\u00e4rfer, wenn wir es medienvermittelt tun. Warum? Weil wir die Konsequenzen unserer Kommunikation nicht sehen und ertragen m\u00fcssen. Eine Beleidigung ist schnell getippt und abgeschickt. Wir sind jedes Mal nur einen Mausklick von unbedachten Meinungs\u00e4u\u00dferungen entfernt. Wie es dem Adressaten geht, wenn er diese Worte liest, bleibt f\u00fcr uns nur eine mittelbare, abstrakte Vermutung, die wir meist mit den Worten \u00bbSo schlimm ist das doch nicht\u00ab abtun. Dieselbe Beleidigung jemandem jedoch ins Gesicht zu sagen, w\u00e4hrend sie an seinem Blick sehen k\u00f6nnen, wie verletzend das f\u00fcr ihn ist, das w\u00fcrden wahrscheinlich viele Menschen nicht tun oder die Worte ansonsten weiser w\u00e4hlen. Wir vergessen digital h\u00e4ufig, dass auf der anderen Seite ein Mensch sitzt. Wie im ersten Kapitel erw\u00e4hnt, konnte ich das in meinem Forschungsprojekt erleben, bei dem wir die Kommentarspalten von Onlinezeitungen zum Freihandelsabkommen analysierten.<\/p>\n<p>Unsere Hoffnung war, dass in diesen Foren ein demokratischer Diskurs stattfinden konnte, bei dem es durchaus mal hart zur Sache ging, aber im Gro\u00dfen und Ganzen widerstreitende Meinung sachlich miteinander verhandelt wurden. Eben so, wie ein Diskurs in einer Demokratie sein sollte. Das Ergebnis war ern\u00fcchternd. Viele Nutzer f\u00fchrten Monologe. Es bestand keinerlei Bezug zu anderen Nutzern. Wenige rangen sich zu kurzen Bewertungen wie \u00bbSuper\u00ab oder \u00bbKann man so sehen\u00ab durch, w\u00e4hrend die absolute Mehrheit sich einfach beleidigte. Schlie\u00dflich f\u00fchrten wir Interviews mit Nutzern solcher Kommentarspalten durch und auch sie best\u00e4tigten: \u00bbWas ich dort schreibe, w\u00fcrde ich nat\u00fcrlich so nie sagen. Aber man f\u00fchlt sich distanzierter vom anderen und schl\u00e4gt dadurch einfach mehr \u00fcber die Str\u00e4nge.\u00ab<\/p>\n<p>Noch weiter befeuert wird das durch die Anonymit\u00e4t. Wir k\u00f6nnen uns jederzeit hinter erfundenen Pseudonymen verstecken. Anonymit\u00e4t steigert allerdings das kommunikative Aggressionspotenzial. Wenn sie keine Reputationssch\u00e4den oder gesetzliche Konsequenzen f\u00fcrchten m\u00fcssen, dann verfallen manche Menschen in Extreme. Au\u00dferdem handeln wir bei den heutigen digitalen Medien wesentlich st\u00e4rker aus dem Affekt heraus. Nehmen wir das Beispiel Reklamationen. W\u00e4hrend man fr\u00fcher noch aufwendig einen Brief aufsetzen und zur Post bringen oder pers\u00f6nlich in das betreffende Gesch\u00e4ft fahren musste, um sich zu beschweren, k\u00f6nnen wir heute in Windeseile \u2013 und sogar noch \u00f6ffentlichkeitswirksam \u2013 die Pinnwand eines Unternehmens \u00bbvollkotzen\u00ab. W\u00e4hrend fr\u00fcher beim Schreiben des Briefes irgendwann ein Cool-down-Effekt eingesetzt h\u00e4tte, k\u00f6nnen wir heute in k\u00fcrzester Zeit eine Hass-Mail verfassen und haben sie bereits losgeschickt, bevor wir einen k\u00fchlen Kopf haben. Schnelligkeit, Anonymit\u00e4t und gef\u00fchlte Distanz erschweren das Entstehen von Empathie und das Kommunizieren auf Augenh\u00f6he.<\/p>\n<p>Ein zweiter Grund besteht darin, dass es zu einer zunehmenden Polarisierung im Netz kommt. Und Polarisierung f\u00fchrt immer zu Sch\u00e4rfe im Dialog. Diese Polarisierung hat mit dem sogenannten \u00bbEcho-Kammer-Ph\u00e4nomen\u00ab zu tun. Wie in einer akustischen Echokammer, in der Ger\u00e4usche und Aussagen nachhallen, hallt in einer virtuellen Echokammer ein- und dieselbe Meinung nach. Trump-W\u00e4hler, die nur unter Trump-W\u00e4hlern sind und nur Pro-Trump-Inhalte lesen und h\u00f6ren. Veganer, die sich nur noch mit anderen Veganern austauschen. Gem\u00e4\u00df dem Motto: \u00bbIch h\u00f6re vor allem das, was ich eh schon wei\u00df. Und sage das, was ich eh schon immer wusste.\u00ab<\/p>\n<p>Nun gibt es Wissenschaftler, die sagen, das Problem sei eher gering, denn im Internet finde man die widerspr\u00fcchlichsten Meinungen, und generell nutzen Menschen nicht nur Social Media, um Nachrichten und dergleichen zu lesen. Stimmt. Doch jeder, der schon mal in einer deutschen Kantine essen war, wei\u00df: Nur weil es seit Neuestem Fitnesssalat gibt, h\u00f6ren die Menschen noch lange nicht auf Schnitzel zu essen. Und nur weil es im Netz gegens\u00e4tzliche Meinungen gibt, hei\u00dft das noch lange nicht, dass sich die Leute mit diesen auch auseinandersetzen, wie Christopher Bail an der Duke University mit 1600 Teilnehmern nachweisen konnte. Bail konnte zeigen, dass Menschen generell Artikel anklicken, die ihre Meinung st\u00fctzen. Sind sie mit gegens\u00e4tzlichen Meinungen konfrontiert, werden diese eher wegrationalisiert, im Sinne von: \u00bbDas ist schlecht recherchiert\u00ab, \u00bbDas sind Fake News\u00ab, \u00bbL\u00fcgenpresse\u00ab et cetera. Sie kennen das.<\/p>\n<p>Michael Seemann konnte in seiner Studie \u00bbDigitaler Tribalismus und Fake News\u00ab sogar zeigen, dass Informationen mit der Wahrheit gleichgesetzt werden, solange das mit der Einstellung der Gruppe zusammenpasst, der man sich zugeh\u00f6rig f\u00fchlt. Der Journalist David Roberts hat dieses Ph\u00e4nomen so beschrieben, dass eine Information nicht anhand von Kriterien wie wissenschaftliche Standards der Beweisf\u00fchrung oder gar der Anschlussf\u00e4higkeit an das allgemeine Weltverst\u00e4ndnis beurteilt wird, sondern einzig und allein danach, ob sie den Werten und Zielen des Stammes entspricht. \u00bb \u203aGut f\u00fcr unsere Seite\u2039 und \u203awahr\u2039 beginnen eins zu werden.\u00ab Und pl\u00f6tzlich sind Fake News aus der Sicht der Gruppe eben doch gar nicht mehr so fake.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch warum tun wir das? Wir Menschen m\u00f6chten gerne ein konsistentes Weltbild haben und kognitive Dissonanz weitestgehend vermeiden. Kognitive Dissonanz ist ein f\u00fcr uns unangenehmer Spannungszustand, der dann entsteht, wenn Einstellungen nicht zusammenpassen oder unsere Einstellung mit unserer Handlung nicht \u00fcbereinstimmt. Wie der Raucher, der wei\u00df, dass Rauchen schlecht ist, und es trotzdem tut. Entweder kann er nun aufh\u00f6ren zu rauchen, um die Dissonanz aufzul\u00f6sen, oder er \u00e4ndert einfach seine Einstellung. Aussagen wie \u00bbMeine Oma wurde auch 93 Jahre alt und die hat geraucht wie ein Schlot\u00ab sind Beweise f\u00fcr eine solche Einstellungsanpassung zur Vermeidung von kognitiver Dissonanz. Und das Gleiche tun wir h\u00e4ufig mit kontr\u00e4ren Informationen im Netz.<\/p>\n<p>Zudem entsteht eine sogenannte Konsensillusion. Je mehr wir uns mit Menschen umgeben, die dieselbe Meinung haben wie wir, desto mehr glauben wir, dass wohl alle in der Gesellschaft so denken. Pl\u00f6tzlich vermuten wir, dass wohl alle f\u00fcr oder gegen Migration sind, dass die meisten Menschen sich nun vegan ern\u00e4hren oder dass die Mehrheit den Klimawandel f\u00fcr eine Erfindung von Greenpeace h\u00e4lt. Und das ist gef\u00e4hrlich. Denn je mehr dieser Menschen das Gef\u00fchl haben, eine gro\u00dfe Mehrheit hinter sich zu haben, desto vehementer und auch sch\u00e4rfer werden sie ihre zum Teil extremen Meinungen vertreten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/01\/Cover.Pfluegner.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-675583\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/01\/Cover.Pfluegner.jpg\" alt=\"\" width=\"441\" height=\"650\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/01\/Cover.Pfluegner.jpg 441w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2021\/01\/Cover.Pfluegner-204x300.jpg 204w\" sizes=\"auto, (max-width: 441px) 100vw, 441px\" \/><\/a><\/p>\n<h1>Sebastian Pfl\u00fcgler: &#8222;Kommunikation f\u00fcr die digitale \u00c4ra. Wie wir heute miteinander reden \u2013 und was dabei immer noch wichtig ist.&#8220; 224 Seiten, 19,99 Euro, Redline Verlag <a href=\"https:\/\/www.m-vg.de\/redline\/shop\/article\/19650-kommunikation-fuer-die-digitale-aera\/\">https:\/\/www.m-vg.de\/redline\/shop\/article\/19650-kommunikation-fuer-die-digitale-aera\/<\/a><\/h1>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dieses Ph\u00e4nomen der zunehmenden Polarisierung wird aus meiner Sicht durch Virtual Reality nochmal extrem zunehmen. Bei Virtual Reality werden die Nutzer \u00fcber Gro\u00dfbildleinw\u00e4nde, spezielle R\u00e4ume oder \u00fcber sogenannte VR-Brillen in eine computergenerierte Umgebung versetzt, die ihnen real erscheint und die mit ihnen interagiert. Tauchen mit Delfinen, ein Fallschirmsprung aus dem Flugzeug oder das Steuern eines Raumschiffes f\u00fchlen sich wie die Realit\u00e4t an. Schon heute wird Virtual Reality in der Aus- und Weiterbildung (Flugsimulatoren), bei der Informationsvermittlung (Aufkl\u00e4rung in Bezug auf den Klimawandel), in der Unterhaltung (Bereisen von Fantasy-Welten) oder in der Medizin (Bek\u00e4mpfung von Angstst\u00f6rungen) genutzt. Das Marktforschungsunternehmen Gartner hatte bereits 2016 in seinem \u00bbHype-Zyklus f\u00fcr zuk\u00fcnftige Technologien\u00ab Virtual Reality einen gesellschaftlichen Durchbruch f\u00fcr die n\u00e4chsten f\u00fcnf bis zehn Jahre prognostiziert. Es ist also nicht unwahrscheinlich, dass diese Technologie in den n\u00e4chsten Jahren Einzug in Ihr Wohnzimmer halten wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch warum tr\u00e4gt VR zu einer Erh\u00f6hung der Spannungen bei? Das Ziel von VR ist Immersion, das hei\u00dft, Sie sollen w\u00e4hrend der Nutzung vergessen, dass das Ganze gerade nicht real ist und voll in die mediale Darstellung eingesaugt werden. Das Ziel lautet: mittendrin statt nur dabei. Je realistischer diese Darstellung ist, desto eher kommt es zur Immersion. Wir sind vollkommen pr\u00e4sent im Moment und nehmen nichts anderes mehr wahr. Und VR ist unglaublich gut darin, Dinge realistisch darzustellen: Wir k\u00f6nnen enorm viele Reize erleben, unsere wahren Bewegungen werden eins zu eins in die virtuelle Welt \u00fcbertragen, wir k\u00f6nnen weit blicken, alles ist extrem detailgetreu dargestellt, und mit fast allem in dieser Welt k\u00f6nnen wir interagieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich selbst konnte das am eigenen Leib erleben. Vor vier Jahren bereiste ich die Ost- und Westk\u00fcste Kanadas. Als ich in Montreal durch die Stadt schlenderte, wurde ich von Studenten gefragt, ob ich an einem Experiment teilnehmen m\u00f6ge. Es ginge um Virtual Reality und wie sie unser Gef\u00fchlsleben beeinflusse. Da VR-Brillen 2016 noch ziemlich am Anfang der Entwicklung standen und es im Alltag wenig Ber\u00fchrungspunkte mit dieser Technologie gab, willigte ich begeistert ein. Nachdem ich die VR-Brille aufgesetzt hatte, wurde mir bewusst, worauf ich mich eingelassen hatte. Ich sa\u00df mit einer gutaussehenden Frau auf ihrem Sofa. Meinen Blick konnte ich steuern, der Blick meines Avatars wanderte also in dieselbe Richtung, in die auch ich sah.<\/p>\n<p>Was ich allerdings nicht steuern konnte, waren meine H\u00e4nde, die langsam aber sicher an K\u00f6rperstellen der Frau wanderten, wo sie aus meiner Sicht nichts zu suchen hatten. Das empfand die virtuelle Frau ebenso, und mir wurde klar: Ich erlebte hier gerade einen sexuellen \u00dcbergriff mit mir in der Hauptrolle. Zum Gl\u00fcck endete der Film anschlie\u00dfend, das schockierte Gef\u00fchl aber blieb. Das war genau das Ziel der Studenten, denn anschlie\u00dfend sollte ich einen Fragebogen ausf\u00fcllen, wie realistisch ich die Szenerie empfunden hatte, wie es mir nun ging et cetera. An diesem Tag wurde mir bewusst, welche enorme Macht dieser Technologie innewohnt und wie stark sie uns sowohl kognitiv als auch emotional beeinflussen kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Je pr\u00e4senter wir w\u00e4hrend einer solchen Darstellung sind, desto intensiver verarbeiten wir auch all diese Informationen und desto st\u00e4rker k\u00f6nnen sie uns beeinflussen. Kombiniert man nun beides, das bedeutet, dass wir uns vor allem mit den Inhalten intensiv auseinandersetzen, die unsere Meinung best\u00e4tigen, also vor allem VR-R\u00e4ume suchen werden, in denen Gleichgesinnte sind, und wir die Inhalte am st\u00e4rksten verarbeiten, bei denen wir besonders pr\u00e4sent und aktiviert sind, was bei VR definitiv der Fall ist, dann kann man durchaus zu dem Schluss kommen, dass VR Polarisierung noch verst\u00e4rkt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Bereits jetzt ist die amerikanische Gesellschaft so gespalten wie nie. Und auch in Deutschland gab es schon mal gesellschaftlich homogenere Zeiten. So zeigt eine Studie von More in Common, dass es in Deutschland mittlerweile sechs unterschiedliche Gesellschaftsgruppen gibt, die sich vor allem anhand psychosozialer Eigenschaften unterscheiden. \u00bbDie Offenen\u00ab (16 Prozent) setzen sich f\u00fcr eine freie, tolerante und dogmenfreie Gesellschaft ein. Mit Traditionen und Gruppendenken k\u00f6nnen sie wenig anfangen. Das Gegenteil sind \u00bbdie Etablierten\u00ab (17 Prozent), die wertkonservativ sind, f\u00fcr die Tradition wichtig ist und am besten alles so bleibt wie bisher. Aus ihrer Sicht l\u00e4uft es gut. Gesellschaftlicher Frieden und Ruhe sind f\u00fcr diese Gruppe besonders essenziell.<\/p>\n<p>\u00bbDie Involvierten\u00ab (17 Prozent) bringen sich in die Demokratie ein. B\u00fcrgersinn, gesellschaftliches Engagement und ein demokratisches Miteinander sind jene Werte, f\u00fcr die es sich aus ihrer Sicht zu k\u00e4mpfen lohnt. \u00bbDie Pragmatischen\u00ab (16 Prozent), die j\u00fcngste Gruppe, sieht das etwas anders. Sie haben keinen wirklichen Bezug zur Gesellschaft und gesellschaftliches Engagement ist ihnen fremd. F\u00fcr sie z\u00e4hlen privater Fortschritt, Erfolg und ihr pers\u00f6nliches Gl\u00fcck.<\/p>\n<p>\u00bbDen Entt\u00e4uschten\u00ab (14 Prozent) ist Gemeinschaft und Gerechtigkeit in der Gesellschaft wichtig. Allerdings sehen sie beides bisher kaum erf\u00fcllt. Mit \u00bbden W\u00fctenden\u00ab (19 Prozent) eint sie die Kritik an der Demokratie, auch wenn sie bei den W\u00fctenden viel sch\u00e4rfer ausf\u00e4llt. Sie werfen den Eliten und dem politischen System Verrat an der Gesellschaft vor und zeichnen sich durch einen starken Nationalismus aus. Wie man sieht, sind diese Gruppen schon jetzt sehr gegens\u00e4tzlich und jede einzelne anhand der Gruppengr\u00f6\u00dfe durchaus ernst zu nehmen. Wie wird diese Entwicklung erst, wenn Menschen einerseits vor allem nur noch R\u00e4ume aufsuchen, in denen sie ihre Meinung best\u00e4tigt wissen und andererseits uns dieser Zuspruch durch den immensen Realit\u00e4ts- und Interaktionsgrad mehr denn je beeinflusst? Doch nicht nur durch soziale Medien nehmen die Spannungen zwischen Einzelpersonen und Gesellschaftsteilen zu. Auch in der Arbeitswelt gibt es einen Trend zu mehr Spannungen und weniger Harmonie.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Spannungen durch neue Organisationsformen<\/strong><\/p>\n<p>Um der Digitalisierung und der daraus resultierenden unsicheren, schnelllebigen und komplexen Zeit zu begegnen, bedarf es neuer Organisationsformen, die durch hohe Selbstverantwortung und schnelle Kommunikation die Innovationsf\u00e4higkeit von Unternehmen steigern sollen. Wegen dieser Versprechen sind solche neuen Organisationsformen gerade der Trend im Personalbereich. Unter dem Begriff \u00bbNew Work\u00ab werden diese den Mitarbeitern schmackhaft gemacht. Ich m\u00f6chte an dieser Stelle nicht dar\u00fcber reden, wie falsch dieser Begriff h\u00e4ufig verwendet wird und wie viele Change-Ma\u00dfnahmen unter dieser Flagge schiefgelaufen sind. Stattdessen m\u00f6chte ich mich exemplarisch auf eine der angesagtesten Organisationsformen konzentrieren und beweisen, wieso diese neuen Formen zu vermehrten Spannungen zwischen Mitarbeitern f\u00fchren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gemeint ist das Konzept Holokratie, im Englischen auch Holacracy genannt. Erfunden wurde das Konzept von Brian Robertson, der das Organisationsprinzip 2007 erstmalig in seinem eigenen Unternehmen Ternary Software anwandte und 2010 das Manifest zur Holokratie verfasste. Holokratie m\u00f6chte die klassische Top-down-Hierarchie abschaffen. Klassische F\u00fchrungskr\u00e4fte, starre Abteilungen, Positionen und Titel sollen in diesem Modell der Vergangenheit angeh\u00f6ren und durch Kreise und Rollen ersetzt werden. Kreise umfassen dabei bestimmte Zust\u00e4ndigkeiten und Aufgaben. Die Kreise sind hierarchisch angeordnet und k\u00f6nnen Unterkreise aufweisen (wie Sie sehen, geht es auch hier nicht ganz ohne Hierarchie). Der Kreis HR kann also beispielsweise die Unterkreise \u00bbPersonalentwicklung\u00ab, \u00bbEmployer Branding\u00ab und \u00bbCompensation\u00ab aufweisen.<\/p>\n<p>In den einzelnen Kreisen sind bestimmte Rollen mit festen Zust\u00e4ndigkeiten anzutreffen, die von Mitarbeitern eigenverantwortlich \u00fcbernommen werden. Dabei kann eine Person mehrere Rollen innehaben und so auch mehreren Kreisen angeh\u00f6ren, beispielsweise f\u00fcr die F\u00fchrungskr\u00e4fteentwicklung im Kreis \u00bbPersonalentwicklung\u00ab zust\u00e4ndig sein und gleichzeitig die Budgetverantwortung f\u00fcr diese Aufgabe im Kreis \u00bbFinanzen\u00ab innehaben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Soweit die Theorie. Wie kann nun ein solches Modell die Spannungen zwischen Mitarbeitern erh\u00f6hen? Eine solche Form der Organisationsgestaltung braucht eine stark ausgepr\u00e4gte pers\u00f6nliche und kommunikative Reife der Mitarbeiter. Je mehr klassische, \u00e4u\u00dfere Strukturen wegfallen oder durch Strukturen ersetzt werden, die auf die Selbstverantwortung des Einzelnen setzen, desto mehr m\u00fcssen innere Strukturen beim Mitarbeiter vorhanden sein oder nachreifen. Hier werden die meisten Mitarbeiter aber alleine gelassen, statt durch Weiterbildungsangebote unterst\u00fctzt zu werden. Wenn dann noch die F\u00fchrungskraft als Steuerungselement mittels Hierarchie und Positionsmacht beispielsweise zur Moderation von Konflikten wegf\u00e4llt, desto mehr m\u00fcssen Mitarbeiter gelernt haben, diese Konflikte selbst zu f\u00fchren. Das k\u00f6nnen allerdings die wenigsten in dem Ausma\u00df, wie es f\u00fcr solche Organisationsformen erforderlich w\u00e4re. Denn Pers\u00f6nlichkeitsentwicklung l\u00e4sst sich nicht durch Strukturentwicklung ersetzen.<\/p>\n<p>Viele Mitarbeiter finden sich in Organisationen wieder, in denen zwischenmenschliche Kompetenzen gefordert werden, die der Einzelne gar nicht besitzt. Da hilft es dann auch nichts, verschiedene Meetingformate durchzuf\u00fchren, in denen Konflikte angesprochen werden sollen, wenn Mitarbeiter das aus Mangel an Kompetenz nicht tun oder in einer Art und Weise, dass daraus kein konstruktives Potenzial gesch\u00f6pft werden kann. Um der Digitalisierung zu begegnen, bedarf es zwar neuer Organisationsformen, es bedarf allerdings auch entsprechender zwischenmenschlicher F\u00e4higkeiten aufseiten der Mitarbeiter, damit diese neuen Organisationsprinzipien nicht vom Segen zum Fluch werden. Aus dieser Diskrepanz zwischen inneren und \u00e4u\u00dferen Strukturen entstehen Spannungen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Spannungen durch neue und unterschiedliche Arbeitsweisen<\/strong><\/p>\n<p>Neben den neuen Organisationsformen entstehen im Unternehmen auch durch neue und unterschiedliche Arbeitsweisen Spannungen. Hier m\u00f6chte ich zwei Beispiele herausgreifen, die besonders h\u00e4ufig auftreten. Einerseits das in vielen Unternehmen mittlerweile vorherrschende Spannungsfeld zwischen agiler und planbasierter Arbeitsweise und die immer st\u00e4rker zunehmende Arbeit in virtuellen oder r\u00e4umlich getrennten Teams.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u00bbNur die Agilen werden \u00fcberleben\u00ab, titelte Welt Online im Juni 2018. Dass sich diese Ansicht mittlerweile in den meisten Organisationen durchgesetzt hat, erkl\u00e4rt, warum derzeit auch das kleinste Unternehmen die agile Transformation ausruft. Ich m\u00f6chte weniger darauf eingehen, wie h\u00e4ufig Agilit\u00e4t falsch verstanden und deshalb falsch umgesetzt wird. Vielmehr m\u00f6chte ich aufzeigen, wie Spannungen in Unternehmen oder auch zwischen Mitarbeitern durch die sukzessive Umstellung auf Agilit\u00e4t entstehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Agilit\u00e4t beschreibt die F\u00e4higkeit von Organisationen, in der heutigen komplexen, unsicheren, ambivalenten und volatilen Arbeitswelt flexibel, schnell und wirksam auf Ver\u00e4nderungen im Marktumfeld oder auf Kundenw\u00fcnsche reagieren zu k\u00f6nnen. Sie versuchen m\u00f6gliche Zukunftsszenarien vorauszuahnen und testen ihre Produkte in der Rohfassung, sogenannten Prototypen, direkt am Kunden, um sofort umsteuern zu k\u00f6nnen, wenn sich ein eingeschlagener Weg als Sackgasse erweist.<\/p>\n<p>In der Praxis sieht das so aus, dass in sogenannten Sprints, die zwischen einer bis vier Wochen dauern, ein Entwicklungsteam Anforderungen an ein bestimmtes Produkt oder ein funktionsf\u00e4higes Zwischenprodukt direkt am Kunden testet. So kann beispielsweise bei einer App f\u00fcr Kochrezepte durch ein Zwischenprodukt mit nur wenigen Funktionen in einem Sprint getestet werden, ob der Nutzer sich registriert, bevor er das Produkt nutzt oder warum er das nicht tut. Sie sehen, man arbeitet also wesentlich schneller, mit mehr Wiederholungen direkt am Kunden, aber eben auch mit \u00bbhalbfertigen\u00ab Prototypen.<\/p>\n<p>Die planbasierten Abteilungen arbeiten hingegen meist nach einem festen Plan mit definierten Rollen und Prozessen. Sie versuchen ein Standardgesch\u00e4ft m\u00f6glichst effizient und stabil sowie mit qualitativer Exzellenz abzubilden. Das ist ebenso eine gro\u00dfe Herausforderung, die nicht hoch genug gesch\u00e4tzt werden kann, da sie oftmals auch das Geld in das Unternehmen bringt. Beides sind also wichtige, aber sehr unterschiedliche Arbeitsweisen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie sehr das zu Spannungen zwischen Abteilungen f\u00fchren kann, die diese unterschiedlichen Arbeitsweisen nutzen, durfte ich als Berater selbst erfahren. Ich sollte ein Unternehmen darin unterst\u00fctzen, die Kommunikation zwischen den agilen Abteilungen und dem planbasierten Vertrieb und Stabsbereich zu verbessern. Der agile Campus sollte f\u00fcr den Vertrieb und Stabsbereich einen Kommunikationsassistenten bauen, der ihnen im Dialog mit internen und externen Kunden helfen sollte. W\u00e4hrend sie mit dem Kunden telefonierten, konnten sie hier Notizen machen und die wichtigsten Infos direkt abspeichern. Ebenso f\u00fchrte dieser Assistent je nach Gespr\u00e4chsanlass mit gezielten Fragen strukturiert durch das Gespr\u00e4ch. Der agile Campus erstellte nach Absprache mit dem Vertrieb und dem Stabsbereich einen ersten Prototypen, den die beiden Abteilungen nun testen sollten. Diese waren dar\u00fcber wenig erfreut, denn der Prototyp hatte weniger Funktionen als das bisherige Programm.<\/p>\n<p>Vertrieb und Stabsbereich nahmen die Haltung ein, nicht mit solch unfertigen Produkten arbeiten zu wollen und kritisierten die aus ihrer Sicht unsaubere Arbeit des Campus, w\u00e4hrend der agile Campus argumentierte, dass das Produkt nur besser werden k\u00f6nne, wenn sie als interne Kunden den Assistenten nutzten und Feedback gaben, wo etwas zu verbessern sei und welche Funktionen es noch brauchte. Die Vorbehalte auf beiden Seiten waren enorm: Das Standardgesch\u00e4ft fragte sich, ob der agile Campus \u00fcberhaupt etwas von der Praxis verstand oder ob dort nur unn\u00f6tig Geld versenkt wurde. Und der agile Campus \u00e4rgerte sich \u00fcber die \u00bbVerblendung\u00ab des Standardgesch\u00e4fts, dessen Vertreter die Chancen und Potenziale der Zukunft nicht erkannten und zu sehr am Alten festhielten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>An diesem Beispiel erkennen Sie, welche Spannungen durch diese unterschiedlichen Arbeitsweisen entstehen k\u00f6nnen und welch unterschiedliche Annahmen beiden Verfahren zugrunde liegen. Dass die meisten Unternehmen agile Einheiten f\u00fcr die Zukunft ben\u00f6tigen, ist unstrittig. Dass aber nicht alle Abteilungen auf Agilit\u00e4t umsatteln m\u00fcssen, stimmt ebenso. Dennoch sollte Verst\u00e4ndnis und auch Wertsch\u00e4tzung auf beiden Seiten f\u00fcr die andersartige<\/p>\n<p>Arbeitsweise vorhanden sein. Man kann nur ein zweites Betriebssystem in Unternehmen einf\u00fchren, wenn man das erste Betriebssystem wertsch\u00e4tzt, w\u00fcrdigt und schlie\u00dflich auf den Weg mitnimmt. Dann kann durch den Dialog beider Betriebssysteme Ineffizienz im jeweils anderen Gesch\u00e4ftszweig aufgedeckt werden, und das Arbeitsumfeld verbessert sich f\u00fcr beide. Das erreicht man aber nur durch Kommunikation, durch einen transparenten Dialog zwischen Abteilungen und auch durch die F\u00e4higkeit, bei jedem einzelnen Mitarbeiter Spannungen offen ansprechen zu k\u00f6nnen. Damit werden die Mitarbeiter aber zu oft alleine gelassen oder der Dialog beginnt zu sp\u00e4t, weil derartige Gespr\u00e4chskompetenzen fr\u00fcher nicht in dem Ma\u00df gebraucht wurden und nun fehlen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die F\u00e4higkeit Spannungen offen ansprechen zu k\u00f6nnen ist auch bei der zweiten Arbeitsweise essenziell: dem Arbeiten in virtuellen oder r\u00e4umlich getrennten Teams. Diese Begriffe gibt es seit den 1990er-Jahren und sie beschreiben Arbeitsgruppen, deren Mitarbeiter an verschiedenen Orten oder zu unterschiedlichen Zeiten arbeiten. Ein Trend, der durch die Globalisierung und die modernen Kommunikationsmedien heute nicht mehr wegzudenken ist.<\/p>\n<p>So gibt zum Beispiel Microsoft im Rahmen seines Konzeptes \u00bbSmart Workspace\u00ab den Mitarbeitern jegliche Freiheiten wie, mit wem und wo sie zusammenarbeiten m\u00f6chten. Und das Unternehmen eXp Realty arbeitet nur noch digital. So k\u00f6nnen sich die 1500 Mitarbeiter des Konzerns auf einer virtuellen Insel vergn\u00fcgen und Besprechungen mit Bootstouren kombinieren oder auf einer Terrasse im 30. Stock abhalten. Digital ist das neue Normal. Doch so innovativ diese Konzepte auch sind und so sehr sie uns hoffentlich eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie erm\u00f6glichen, haben sie auch ihre Nachteile.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>So erz\u00e4hlte mir eine Mitarbeiterin eines gro\u00dfen IT-Konzerns, dass es glatte f\u00fcnf Wochen dauerte, bis sie ihr gesamtes Team pers\u00f6nlich kennenlernte, da jeder t\u00e4glich woanders sa\u00df und manchmal am gemeinsamen Meetingtermin verhindert war. Und auch die Kommunikation in virtuellen Teams ist wesentlicher fehleranf\u00e4lliger. Mitglieder virtueller Teams kennen sich, auch wenn h\u00e4ufig ein analoges Kick-off-Meeting zum Kennenlernen stattfindet, weniger und teilen weniger Pers\u00f6nliches miteinander. Dadurch fehlt h\u00e4ufig das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr den Gespr\u00e4chspartner und Missverst\u00e4ndnisse erh\u00f6hen sich, besonders wenn die Teams aus unterschiedlichen Kulturkreisen stammen. Appelle, schnell zu handeln, verstreichen eher, da die emotionale Dringlichkeit per Nachricht schwieriger zu \u00fcbermitteln ist und generell erh\u00f6ht sich die Wahrscheinlichkeit von Fehlinterpretationen, wenn K\u00f6rpersprache und Stimme als Interpretationshilfen wegfallen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich kann man skypen, aber trotzdem fehlt der energetische Austausch, die Aura und Schwingung eines Menschen, die nie \u00fcber Technologie \u00fcbertragen werden kann. In der Summe erh\u00f6ht all das die M\u00f6glichkeit f\u00fcr Konflikte und Spannungen. Wie werden solche Spannungen gel\u00f6st? Meist im direkten, pers\u00f6nlichen Gespr\u00e4ch vor Ort in der Firmenzentrale, wie mir einer meiner Kunden mitteilte: \u00bbDie Leute sind viel sensibler, wenn sie jemand direkt vor sich haben und kommunizieren achtsamer. Sitzen sie vor dem Laptop, sind sie emotional distanziert von der Situation und sagen manchmal Dinge, die man nicht f\u00fcr m\u00f6glich h\u00e4lt. In einem Raum mit der Person sieht man seine Reaktion und bekommt wieder ein wirkliches Gef\u00fchl f\u00fcr den Menschen. Die Mitarbeiter sind achtsamer, und nachdem sie den Menschen kennengelernt haben, treten viel seltener Konflikte auf zwischen diesen Personen.\u00ab Das analoge Gespr\u00e4ch ist also ein wichtiger Konfliktkl\u00e4rer.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Digitaltipps:<\/strong><\/p>\n<p>\u2022 Suchen Sie im Netz oder in virtuellen R\u00e4umen bewusst nach gegens\u00e4tzlichen Meinungen und fragen Sie sich, was an dieser Meinung dran sein k\u00f6nnte und wo derjenige recht haben k\u00f6nnte, auch wenn es nur ein winziger Teil ist. So vermeiden Sie Dogmatismus in Ihren Einstellungen und bleiben flexibler und lockerer im Dialog.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u2022 Eignen Sie sich F\u00e4higkeiten an, Konflikte und schwierige Gespr\u00e4che konstruktiv l\u00f6sen zu k\u00f6nnen, da diese im spannungsreichen Arbeitskontext und im Rahmen der neuen Arbeitsformen immer mehr von Ihnen selbst gel\u00f6st werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u2022 Beziehungsaufbau und Beziehungskl\u00e4rung bei wirklich wichtigen Themen funktionieren am besten analog \u2013 auch f\u00fcr virtuelle Teams.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Mehr \u00e4usseres Gehetzsein, weniger innere Ruhe<\/strong><\/p>\n<p>Kennen Sie das auch? Kaum haben wir die U-Bahn betreten, uns an der Supermarktschlange angestellt oder das Meeting als uninteressant bewertet, schon z\u00fccken wir unser Smartphone. M\u00e4nner im Schnitt bereits nach 21 Sekunden Wartezeit, bei Frauen dauert es mit 57 Sekunden mehr als doppelt so lange. Der zugrunde liegende Mechanismus: FOMO, Fear of missing out, die Angst etwas zu verpassen, die hier unterbewusst eine Rolle spielt. Und wahrscheinlich spielt auch das Unbehagen sich zu langweilen eine Rolle.<\/p>\n<p>Verstehen Sie mich nicht falsch. Nat\u00fcrlich hat man auch fr\u00fcher versucht, sich die Zeit zu vertreiben. Bestimmt kennen Sie diese Schwarz-Wei\u00df-Fotos aus der U-Bahn in New York: lauter M\u00e4nner mit Anzug und Hut, die riesengro\u00dfe aufgeschlagene Zeitungen lesen. Auch in fr\u00fcheren Zeiten hatte man also schon wenig Kontakt zu den umstehenden Leuten und es existierte das Ablenkungsmedium Zeitung. Doch durch das Smartphone ist dies noch verst\u00e4rkt, da es mittels Vibration oder Tonger\u00e4usch auch noch aktiv auf sich aufmerksam macht und potenziell st\u00e4ndig neue Informationen bereith\u00e4lt. W\u00e4hrend die Zeitung irgendwann mal ausgelesen war, hat man durch das Smartphone das Tor zu st\u00e4ndig neuen Informationen aus aller Welt in der Hosentasche. Und wer st\u00e4ndig neue Impulse erlebt, der langweilt sich nicht. Aus dieser fehlenden Langeweile ergeben sich allerdings zwei Hauptprobleme.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn wir unser Gehirn st\u00e4ndig mit neuen Impulsen f\u00fcttern, dann vergeht die Zeit viel schneller. Wir f\u00fchlen uns beschleunigt, getrieben, gehetzt. Das zeigt das Zeitgeber-Z\u00e4hler-Modell aus der Zeitforschung ganz anschaulich. Nehmen wir an, Sie sitzen beim Arzt und m\u00fcssen 20 Minuten warten. Einmal haben Sie Ihren Lieblingsroman zur Hand, ein anderes Mal konzentrieren Sie sich lediglich auf sich selbst und die Zeit. Wann kommen Ihnen die 20 Minuten l\u00e4nger vor? Richtig, wenn Sie sich nur auf sich selbst und die Zeit konzentrieren. Sie k\u00f6nnen sich das vorstellen wie ein Sparschwein. Jedes Mal, wenn Sie an die Zeit denken, f\u00e4llt eine Ein-Euro-M\u00fcnze in das Schwein. Je mehr M\u00fcnzen sich in dem Schwein befinden, desto l\u00e4nger kommt Ihnen die Zeit vor.<\/p>\n<p>Da wir selten an die Zeit denken, wenn wir in unseren Roman oder unser Smartphone versunken sind, nehmen wir die Zeit nicht bewusst wahr und sie kommt uns wesentlich k\u00fcrzer vor, als sie ist. Sie l\u00e4uft ohne Bewusstwerdung an uns vorbei. \u00bbSchon wieder 20 Uhr, wo ist nur der Tag hin?\u00ab ist ein typischer Ausspruch von Menschen, die kaum impulsfreie Zeitfenster haben und sich deshalb auch immer gehetzter f\u00fchlen. Langeweile f\u00fchrt also tats\u00e4chlich zu einem gef\u00fchlt l\u00e4ngeren Tag und zu weniger Beschleunigung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das zweite Problem ist, dass fehlende Langeweile zu fehlender Selbstreflexion und Selbstverbundenheit f\u00fchrt. Wer sich st\u00e4ndig neuen \u00e4u\u00dferen Reizen aussetzt, macht sich selten Gedanken \u00fcber sein Innenleben. Wenn wir stattdessen mit nichts anderem in Kontakt stehen, kommen wir mit uns selbst wieder in Kontakt. Wir fangen an, uns wieder selbst zu sp\u00fcren, uns zu fragen, wie es uns wirklich geht und was uns wirklich gerade besch\u00e4ftigt. Wir bekommen wieder Zugang zu unserem Bauchgef\u00fchl und unserer Intuition. Und die ist f\u00fcr Kommunikation unerl\u00e4sslich. Denn unser Bauchgef\u00fchl sagt uns h\u00e4ufig schon viel fr\u00fcher, wenn etwas nicht stimmig ist in der Kommunikation, wenn uns jemand manipulieren will oder l\u00fcgt.<\/p>\n<p>Lehrbuchm\u00e4\u00dfig kann man das bei Donald Trump beobachten. Wenn es einen Skandal um seine Person gibt, feuert er einfach wie wild Tweets in die Welt, die manchmal noch schlimmer als der Skandal selbst sind, und schon haben wir den Ursprung vergessen. Wir verlieren das Gef\u00fchl, dass wir mit dem Anfangsskandal verbunden haben, weil diese Informationsflut an Tweets alles mit sich rei\u00dft und diesen intuitiven Zugang zum Anfangsgef\u00fchl versch\u00fcttet. Dieser Zugang zu unserer Intuition, zu unseren Emotionen ist allerdings essenziell. Kommunikation ist der stimmige Ausdruck von Lebendigkeit, von dem, was in uns lebendig ist. Unsere Gedanken, Gef\u00fchle und Handlungsimpulse. Wenn wir zu diesen keinen Zugang mehr haben, dann wird Kommunikation fahl, hohl und wirkungslos. Wir brauchen den inneren Zugang und Dialog, um stimmig kommunizieren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie sehr Menschen diesen inneren Dialog mittlerweile meiden, konnten Wissenschaftler der Universit\u00e4t Virginia auf bizarre Weise zeigen. Die Studienteilnehmer sollten ihre Handys abgeben und wurden aufgefordert, 15 Minuten lang in einem leeren Raum auf einem Stuhl zu sitzen, zu denken und zu schweigen. Befragt nach ihrer Erfahrung sagten die meisten Teilnehmer, es sei ihnen sehr schwergefallen, die Stille und die eigenen Assoziationen auszuhalten. In einer Fortsetzung des Experiments konnten sich die Testpersonen selbst unangenehme Elektroschocks verpassen. Und die Teilnehmer taten das, was die Forscher nie f\u00fcr m\u00f6glich gehalten h\u00e4tten: Zwei Drittel der M\u00e4nner und ein Viertel der Frauen f\u00fcgten sich lieber Schmerzen zu, als die Ruhe mit sich selbst auszuhalten. Wann ist diese Aversion gegen die innere Ruhe entstanden? Wann wurde das Ziehen des Smartphones ein automatischer Reflex, sobald uns Reize von au\u00dfen fehlen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Durch diese dauerhafte Reiz\u00fcberflutung berauben wir uns auch der Erholung. Fr\u00fcher wurde meist der Nachhauseweg genutzt, um den Arbeitstag zu verarbeiten. Heute wird auf dem Heimweg neuer Content konsumiert, sodass die Reflexion bei vielen Menschen dann einsetzt, wenn sie eigentlich schlafen wollen. Gerade bei Menschen, die Dinge gerne durchdenken, in der Psychologie nennt man dieses Ph\u00e4nomen \u00bbneed for cognition\u00ab, sammelt sich so w\u00e4hrend des Tages eine Art Gedankenstau an, der schlie\u00dflich vor dem Schlafengehen durchdacht werden will. Das Gedankenkarussell springt an und die Nacht wird k\u00fcrzer.<\/p>\n<p>Auch das tr\u00e4gt zu einem Gef\u00fchl des Stresses, der \u00dcberreizung und letztlich der Ersch\u00f6pfung bei. Nicht umsonst boomen Achtsamkeitstrainings, Digital Detox Retreats oder Kurse wie Handlettering oder Mandalas malen. Die Stille und das Besinnen auf sich selbst wird im Kollektiv erarbeitet. So als ob Stille und die Besinnung auf sich selbst auch wieder etwas zu tun seien und durch entspannende Reize erzwungen werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Einen anderen Weg geht das Prinzip der Mu\u00dfe, gerade eines der Trendthemen der Ratgeberliteratur, aber auch der Wissenschaft. Die Wissenschaft definiert Mu\u00dfe als nicht zweckgebundenen konzentrierten oder sch\u00f6pferischen Zustand. In diesem Zustand herrscht eine empfundene Zeitlosigkeit, wir tun etwas in Freiheit und Zwanglosigkeit. Im Zustand der Mu\u00dfe gibt es kein M\u00fcssen, kein Ziel. Regelm\u00e4\u00dfige Pausen im Alltag einzulegen, zu d\u00f6sen, einfach dazusitzen und sich Tagtr\u00e4umen hinzugeben, zu meditieren, zu werkeln, ein Bild zu malen, aber eben ohne bestimmtes Ziel und den Druck, das Bild auch heute unbedingt fertigstellen zu m\u00fcssen, das ist Mu\u00dfe. Bei Mu\u00dfe geht es nur um einen selbst. Man findet heraus, worauf man Lust hat, und tut das zwanglos.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kognitionswissenschaftler Andrew Smart schreibt in seinem Buch \u00d6fter mal auf Autopilot, dass unser Gehirn Zeiten der Mu\u00dfe braucht, um funktionieren zu k\u00f6nnen. Chronische Gesch\u00e4ftigkeit zerst\u00f6rt Kreativit\u00e4t, das emotionale Wohlbefinden, Selbstkenntnis und kann sogar das Herz-Kreislauf-System sch\u00e4digen. Mu\u00dfe hilft bei sich selbst anzukommen, wieder ein Gef\u00fchl daf\u00fcr zu bekommen, was einem wichtig ist. Ich habe viele Personen im Coaching, die sagen, sie h\u00e4tten den Zugang zu sich selbst und dadurch zu einer authentischen Kommunikation verloren. Wenn man sich den Alltag dieser Leute ansieht, finden sich wochenlang keine Zeiten f\u00fcr Mu\u00dfe.<\/p>\n<p>Ein gewisser Leerlauf in unserem Alltag und dadurch in unserem Gehirn ist unabdingbar f\u00fcr unsere geistige Stabilit\u00e4t, unsere k\u00f6rperliche Gesundheit und als Pr\u00e4vention gegen\u00fcber dem Gef\u00fchl st\u00e4ndiger Beschleunigung. Und noch mehr: Der Zustand der Mu\u00dfe ist extrem wichtig f\u00fcr den Zugang zu uns selbst. So zeigen Hirnscans, dass unser Gehirn im Mu\u00dfezustand \u00e4u\u00dferst aktiv ist. In diesem sogenannten \u00bbRuhezustand\u00ab verkn\u00fcpft der Geist Vergangenes und Empfindungen mit freien Assoziationen, sodass neue, kreative Ideen f\u00fcr Probleme entstehen k\u00f6nnen. Dieser Zustand trennt Wesentliches von Unwesentlichem und hilft dadurch, bei sich selbst anzukommen, ruhig zu werden und wieder ein Gef\u00fchl daf\u00fcr zu bekommen, was einem wichtig ist. Geben wir uns nicht genug Ruhe- und Mu\u00dfezeiten, so verlieren wir den Kontakt zu uns selbst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und dieser Verlust zum eigenen Selbst f\u00fchrt zum Verlust des Kontakts mit dem Gegen\u00fcber. Wer sich selten mit sich besch\u00e4ftigt, hat einen schlechteren Zugang zu sich selbst und damit auch zu anderen Menschen. Wer sich selbst nicht sp\u00fcrt, kann auch keine anderen Menschen sp\u00fcren beziehungsweise das Gef\u00fchl des Gegen\u00fcbers nur kognitiv, aber nicht vollends emotional nachempfinden. Wie sagte schon Erich Fromm: \u00bbBei sich selbst zu Hause sein ist die Voraussetzung, damit man sich mit anderen in Beziehung setzen kann.\u00ab St\u00e4ndige Impulse f\u00fchren aber eher dazu, dass wir uns irgendwann wie der Fremde im eigenen Haus f\u00fchlen. Und hierunter leidet die Empathie. Empathie beschreibt das Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen beziehungsweise die F\u00e4higkeit, sich in den anderen hineinzuversetzen, mit seinen Augen zu sehen, seinen Ohren zu h\u00f6ren und seinem Herz zu sp\u00fcren. Leider nimmt diese F\u00e4higkeit stetig ab.<\/p>\n<p>So konnte die US-amerikanische Psychologin Sara Konrath in einer vielbeachteten Untersuchung nachweisen, dass bei ihren 14.000 Studienteilnehmern die Empathief\u00e4higkeit in den letzten 30 Jahren stetig abgenommen hatte. Diese Beobachtung nannte sie \u00bbEmpathie-Paradoxon\u00ab, da Empathie zwar einerseits immer wichtiger werde in der Arbeitswelt und man theoretisch durch die virtuelle Vernetzung an wesentlich mehr Menschen seine Empathief\u00e4higkeit trainieren k\u00f6nne, diese aber trotzdem \u00fcber die Zeit abnahm. Es w\u00e4re sicherlich zu einfach, digitalen Technologien die alleinige Schuld daran zu geben. Zunehmende Mobilit\u00e4t und Globalisierung, eine immer st\u00e4rkere Individualisierung und auch die Abnahme sozialer Institutionen wie Vereine haben sicherlich ihren Teil dazu beigetragen. Jedoch ist es nicht von der Hand zu weisen, dass ein stetiger Blick auf das eigene Smartphone mehr die Medien- und weniger die Sozialkompetenz f\u00f6rdert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Diese Sozialkompetenz wird auch durch einen wachsenden Stresspegel beeintr\u00e4chtigt. Dieser Pegel steigt nicht nur, weil Technik unser Gef\u00fchl der Beschleunigung verst\u00e4rkt, wie am Anfang des Kapitels gezeigt. Sie treibt den Stresspegel auch deshalb nach oben, weil Technik sich immer schneller verbreitet, immer mehr Zeit in unserem Leben in Anspruch nimmt und neue Erwartungen kultiviert. Es dauerte 14 Jahre, bis der Computer 50 Millionen Nutzer verzeichnen konnte. Beim Mobiltelefon waren es nur noch zw\u00f6lf Jahre, und Pokemon Go verzeichnete bereits nach 19 Tagen 50 Millionen Nutzer.<\/p>\n<p>Technik findet nicht nur immer schneller den Weg in unser Leben, wir verbringen auch immer mehr Zeit mit ihr, manchmal notgedrungen. Musste ein leitender Angestellter in den 70er-Jahren j\u00e4hrlich etwa 1000 Nachrichten bearbeiten, sind es heute rund 30.000 Botschaften im Jahr und das \u00fcber die verschiedensten Kan\u00e4le. Rund sieben Stunden am Tag verbringen die Deutschen durchschnittlich mit der Nutzung von Medien. Nat\u00fcrlich werden viele davon parallel verwendet, dennoch bleibt immer weniger Zeit f\u00fcr andere Aktivit\u00e4ten oder medienfreie Entspannung. All das f\u00fchrt zu neuen Verhaltensweisen und auch Erwartungen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Befassen wir uns zun\u00e4chst mit den Verhaltensweisen. Wie der Zeitforscher Hartmut Rosa herausfand, haben wir haupts\u00e4chlich zwei Strategien entwickelt, um mit dem st\u00e4ndigen Zeitmangel zurechtzukommen. Zun\u00e4chst verdichten wir die Aktivit\u00e4ten eines Tages, um m\u00f6glichst viel in kurzer Zeit zu erleben. Wir verbringen im Schnitt pro Freizeitaktivit\u00e4t nur noch zwei Stunden. Wir verk\u00fcrzen demnach die Zeit einer jeden Aktivit\u00e4t, um mehr Aktivit\u00e4ten in unseren Tag zu packen. Quantit\u00e4t statt Qualit\u00e4t scheint unsere Devise zu sein. Da in unserer heutigen Multioptionengesellschaft die Anzahl der m\u00f6glichen durchf\u00fchrbaren Handlungen sehr viel gr\u00f6\u00dfer ist als die Menge der Handlungen oder Erlebnisse, die wir tats\u00e4chlich bew\u00e4ltigen k\u00f6nnen, versuchen wir, die knapp empfundene Zeit effektiv zu nutzen und daher m\u00f6glichst viele Handlungen innerhalb einer bestimmten Zeit unterzubringen. Man nutzt den Samstag also nicht nur f\u00fcr einen entspannten Brunch, sondern nach dem Brunch geht es noch zum Tennisspielen, der Besuch der Schwiegereltern wird eingeschoben, und am Abend trifft man sich mit Freunden zum Grillen.<\/p>\n<p>Die zweite Strategie besteht darin, Pausen zu verringern oder gar keine mehr einzulegen. Nicht selten h\u00f6re ich von Teilnehmern, dass sie kaum mehr Mittagspause machen und meist an ihrem Platz essen, w\u00e4hrend sie ihren Berg an Mails abarbeiten. Hierunter f\u00e4llt auch das Beantworten von WhatsApp-Nachrichten in der U-Bahn oder das Anrufen von Freunden w\u00e4hrend einer Autofahrt. Es gibt kaum mehr Pausen oder Leerlauf. Wie sch\u00e4dlich das ist, zeigt die Forschung zur Gen\u00fcge.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit der extrem schnellen Verbreitung von Technik haben sich jedoch auch Erwartungen herausgebildet, die unseren Stresspegel weiter erh\u00f6hen. Wissenschaftler der Universit\u00e4t Kalifornien analysierten in Zusammenarbeit mit Yahoo 16 Milliarden E-Mails. Was sich zeigte, war ein Diktat der st\u00e4ndigen Erreichbarkeit. W\u00e4hrend die \u00fcber 50-J\u00e4hrigen mit 47 Minuten am l\u00e4ngsten f\u00fcr eine Antwort brauchten, konnte man bei den 35- bis 49-J\u00e4hrigen bereits nach 24 Minuten mit einer Antwort rechnen, und bei den 20- bis 35-J\u00e4hrigen klingelte es bereits nach 16 Minuten im Postfach. Wer per Smartphone seine Mails abruft, antwortet in der Regel doppelt so schnell, wie jemand, der das nur am Laptop tut. Wenn nach ein bis zwei Tagen keine Antwort eingegangen war, dann ging der Sender davon aus, dass er gar keine Antwort mehr erhalten w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Diese Zahlen zeigen eine enorme Reaktionsgeschwindigkeit, die wir von unserem Gespr\u00e4chspartner erwarten. Und in dieser Studie ging es um E-Mails. Jeder, der schon mal einen halben Tag nicht auf WhatsApp-Nachrichten geantwortet hat, wei\u00df, dass hier bereits wenige Minuten nachdem die kleinen \u00bbLese-H\u00e4kchen\u00ab blau wurden, eine handfeste Diskussion \u00fcber die fehlende Antwort ausbrechen kann. Nicht umsonst stellen immer mehr Nutzer Statusupdates \u00fcber die letzte Onlineaktivit\u00e4t oder den Lesestatus einer Nachricht vollkommen ab. Wir wollen wieder mehr Herr unserer Zeit werden und uns nicht vom Antwortdiktat in Rekordzeit treiben lassen.<\/p>\n<p>Doch warum erz\u00e4hle ich Ihnen das alles und was hat das mit Kommunikation zu tun? Alle diese Entwicklungen steigern unseren Stresslevel rasant und hemmen Faktoren, die f\u00fcr eine gute Kommunikation unerl\u00e4sslich sind: Geduld und Empathie.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kommunikation ben\u00f6tigt Geduld. Nicht sofort findet unser Gespr\u00e4chspartner in schwierigen Gespr\u00e4chen die passenden Worte oder auch den direkten Zugang zu seinen Gef\u00fchlen oder Bed\u00fcrfnissen. Wenn Sie nun gewohnt sind, jegliches Gef\u00fchl der Ungeduld und Langweile durch Reize abzut\u00f6ten, so k\u00f6nnen Sie auch im Gespr\u00e4ch schnell der Versuchung erliegen, das Gespr\u00e4ch zu schnell voranzutreiben oder selbst L\u00f6sungen zu entwickeln, die f\u00fcr den Gegen\u00fcber nicht stimmig sind. Statt sich selbst und dem anderen Zeit zu geben, mittels Fragen den Sachverhalt wirklich zu verstehen, kommunizieren wir Annahmen oder Unterstellungen, weil das den Prozess beschleunigt, aber das Ergebnis versaut.<\/p>\n<p>Es wird f\u00fcr uns immer schwieriger, auf reife L\u00f6sungen zu warten und diese gedeihen zu lassen. Stattdessen greifen wir zur schnellen Kommunikationsl\u00f6sung, die dann aber oft wenig nachhaltig ist. Doch gerade das geduldige Warten auf den anderen in der Kommunikation, das Aushalten von Stille und das Zugestehen einer l\u00e4ngeren Antwortzeit, gibt dem Zwischenmenschlichen Tiefe und zeigt unserem Gespr\u00e4chspartner, dass wir ihn wirklich verstehen wollen und an einer nachhaltigen, weil durchdachten L\u00f6sung interessiert sind. Wenn Sie in Ihrem Smartphone etwas nervt, k\u00f6nnen Sie es wegwischen. Tun Sie das bitte nie mit dem Anliegen Ihres Gegen\u00fcbers, nur weil es Ihnen nicht schnell genug vorangeht. Kommunikation ist wie eine gute Frucht: Sie braucht Zeit, um zu ihrer vollen Reife zu gelangen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zudem braucht Kommunikation nat\u00fcrlich Empathie. Sie k\u00f6nnen nur dann in Resonanz mit den Gef\u00fchlen des anderen gehen, wenn Sie sie nachempfinden k\u00f6nnen. Und Sie k\u00f6nnen nur nachempfinden, was Sie selbst schon mal empfunden haben oder wenn Sie dieses Gef\u00fchl aktiv erzeugen k\u00f6nnen. Beides braucht einen guten Zugang zu sich selbst, der immer mal wieder Zeiten der Ruhe und R\u00fcckbesinnung erfordert. Wer dauerhaft neben dem Lautsprecher auf einem Rockkonzert steht, wird irgendwann seine eigene Stimme nicht mehr h\u00f6ren. So ist es auch mit dem st\u00e4ndigen Datenstrom von au\u00dfen. Wer keinen authentischen Zugang zu sich hat, kann keinen ehrlichen Kanal zum Gegen\u00fcber aufbauen. Kultivieren Sie also wieder den Zugang zu sich, halten Sie Langeweile geduldig aus, und praktizieren Sie Momente der Mu\u00dfe. Ihre Kommunikation wird es Ihnen danken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Digitaltipps:<\/strong><\/p>\n<p>\u2022 Das meiste funktioniert wieder, wenn man es ausschaltet. Das Gleiche gilt f\u00fcr Ihren Kopf!<\/p>\n<p>\u2022 Bauen Sie in Ihren hektischen Alltag \u00bbMu\u00dfeinseln\u00ab ein, Phasen des Nichtstuns oder Aktivit\u00e4ten, die Sie ohne Druck ein Ziel erreichen zu m\u00fcssen und einfach mit Leichtigkeit ausf\u00fchren wollen.<\/p>\n<p>\u2022 Sp\u00fcren Sie \u00f6fter achtsam in sich hinein. Nur wer mit sich selbst in Kontakt ist, kann auch mit anderen in Kontakt sein. Nur wer mit sich selbst achtsam ist, kommuniziert auch achtsam auf allen Kan\u00e4len.<\/p>\n<p>\u2022 Schreiben oder sprechen Sie \u00fcber wichtige Themen nie unter Stress. Stress f\u00f6rdert Gespr\u00e4chsst\u00f6rer wie fehlende Geduld oder Empathie, Unterstellungen und Schroffheit ungemein. Wenn Sie unter Strom stehen, H\u00e4nde weg von digitalen Kommunikationsmedien und besser erst wieder den Mund aufmachen, wenn der Stresspegel gesunken ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/01\/Top20-Blogneu-002-1.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-672912\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/01\/Top20-Blogneu-002-1-150x150.png\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><\/p>\n<div id=\"attachment_672760\" style=\"width: 160px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/01\/BloggerRelevanzIndex2019.news-aktuell-Infografik-Relevanteste-Blogs.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-672760\" class=\"size-thumbnail wp-image-672760\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/01\/BloggerRelevanzIndex2019.news-aktuell-Infografik-Relevanteste-Blogs-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-672760\" class=\"wp-caption-text\">Blogger-Relevanz-Index 2019<\/p><\/div>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/04\/Bloggerinnen2020_DRAFT_01.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-thumbnail wp-image-673624\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/04\/Bloggerinnen2020_DRAFT_01-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Buchauszug Sebastian Pfl\u00fcgler: &#8222;Kommunikation f\u00fcr die digitale \u00c4ra. 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