{"id":674791,"date":"2020-11-25T12:50:37","date_gmt":"2020-11-25T11:50:37","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/?p=674791"},"modified":"2020-11-25T23:42:01","modified_gmt":"2020-11-25T22:42:01","slug":"ein-teller-moussaka-mit-arbeitsrechtler-philipp-byers-die-beobachtenden-mitarbeiter-gehen-uebermorgen-beim-ersten-abwerbeangebot","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2020\/11\/25\/ein-teller-moussaka-mit-arbeitsrechtler-philipp-byers-die-beobachtenden-mitarbeiter-gehen-uebermorgen-beim-ersten-abwerbeangebot\/","title":{"rendered":"Ein Teller Moussaka mit Arbeitsrechtler Philipp Byers: &#8222;Die beobachtenden Mitarbeiter gehen \u00fcbermorgen &#8211; beim ersten Abwerbeangebot.&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Stellen Sie sich mal vor, Ihr Chef bittet Sie nach jedem Urlaub zum Gespr\u00e4ch und fragt sehr interessiert nach, was Sie denn so gemacht und erlebt haben. Intensiv, nicht nur pro forma. Dasselbe Spiel, wenn Sie nach einer Krankheit in die Firma zur\u00fcck kommen. Der Vorgesetzte fragt Sie leutselig aus: Was waren denn so die Symptome? Wie lautete die Diagnose? Wie geht es Ihnen jetzt, perspektivisch und so weiter? Regelm\u00e4\u00dfig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>35,5 Millionen Euro Bu\u00dfe f\u00fcr H&amp;M &#8211; f\u00fcr das jahrelange Mitarbeiter ausspionieren und aufschreiben<\/strong><\/p>\n<p>Beim Textilfilialisten H&amp;M aus Schweden lief es genau so. Systematisch zogen die F\u00fchrungskr\u00e4fte ihren Leuten Informationen aus der Nase. Mindestens seit sechs Jahren. Und genau daf\u00fcr bekam der Textilfilialist jetzt eine exorbitant hohe Quittung: Eine Rekord-Geldbu\u00dfe von 35,3 Millionen Euro verh\u00e4ngte k\u00fcrzlich der Hamburger Datenschutzbeauftragte Johannes Caspar\u00a0 gegen H&amp;M wegen Datenschutzverst\u00f6\u00dfen. Und fast w\u00e4re es sogar noch mehr geworden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Munition sammeln, um Mitarbeiter eines Tages zu \u00fcbervorteilen<\/strong><\/p>\n<p>Warum die Bu\u00dfe derart hoch ausfiel, das erkl\u00e4rte mit Arbeitsrechtler Philipp Byers aus der Kanzlei Watson Farley &amp; Williams beim Lunch im Kytaro in D\u00fcsseldorf, der sich hier einen Teller Moussaka bestellt hat. Solche eine riesige Sammelaktion von F\u00fchrungskr\u00e4ften hat vermutlich einen ganz speziellen Zweck, den so gar kein Mittel heiligt: Man will sich wappnen. Mitarbeiter in Schach halten k\u00f6nnen, sie klein halten. Und mehr noch, das Arbeitsrecht einfach mal f\u00fcr sich auszuhebeln: Um bei einem Konflikt mit dem Mitarbeiter die Karten, die er &#8211; der eventuelle sp\u00e4tere Gegner &#8211; in der Hand h\u00e4lt, schon vorher zu kennen. Und ihn austricksen zu k\u00f6nnen, um wom\u00f6glich eine Abfindungszahlung einzusparen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>K\u00fcndigungsschutz ist ein zahnloser Tiger, das wei\u00df jeder Personalchef<\/strong><\/p>\n<p>Au\u00dfen hui, innen pfui? Ist das allgemeine Duzen vor allem deshalb angeordnet, um die Mitarbeiter in der falschen Sicherheit zu wiegen, dass H&amp;M es gut mit ihnen meint? Sie einlullt, aber sich selbst schon mal heimlich f\u00fcr den Kriegsfall munitioniert? Wom\u00f6glich. Kurzum: Faire Arbeitgeber sehen anders aus. Wo sie ohnehin am l\u00e4ngeren Hebel sitzen und jeden Angestellten vor die T\u00fcr setzen k\u00f6nnen, egal was das Gesetz will. Ist der Betreffende erst mal drau\u00dfen, gelingt es ihm ohnehin fast nie, wieder rein zu kommen und seinen Job wieder zu erk\u00e4mpfen. Das Gespenst zeichnen die Arbeitgeber zwar immer noch an die Wand, aber tats\u00e4chlich wei\u00df jeder Personalchef, dass der K\u00fcndigungsschutz ein zahnloser Tiger ist und er alles mit etwas Geld regeln kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_674792\" style=\"width: 660px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/10\/byers.kytaro.2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-674792\" class=\"size-full wp-image-674792\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/10\/byers.kytaro.2.jpg\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"488\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/10\/byers.kytaro.2.jpg 650w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/10\/byers.kytaro.2-300x225.jpg 300w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/10\/byers.kytaro.2-400x300.jpg 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-674792\" class=\"wp-caption-text\">Philipp Byers (Foto: C.T\u00f6dtmann)<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Doch zur\u00fcck zu Byers Aufkl\u00e4rung: Welche Details aus dem Privatleben k\u00f6nnen so wertvoll f\u00fcr einen Arbeitgeber sein?<\/p>\n<p>Also zum Beispiel, wenn der Angestellte zum Beispiel gerade eine Scheidung hinter sich hat, seinen Kindern Unterhalt zahlen muss und er auf den Job besonders angewiesen ist. Mit dem Hintergrundwissen wird der Mitarbeiter berechenbar.<\/p>\n<p>Oder wenn eine Mitarbeiterin eben nicht flexibel ist und mal eben umziehen kann &#8211; aus pers\u00f6nlichen Gr\u00fcnden. Will ein Arbeitgeber sie loswerden, braucht er sie nur versetzen &#8211; m\u00f6glichst weit weg. So kann er sie\u00a0 weichkochen und sie geht irgendwann von alleine, ohne Abfindung. Zur Freude des Vorgesetzten, der genau daf\u00fcr wom\u00f6glich eine Pr\u00e4mie mit dem Unternehmen ausgehandelt hat. Dann sind die Infos \u00fcber ihre Interessenlagen bares Geld wert, jedenfalls f\u00fcr deren F\u00fchrungskr\u00e4fte. Moralisch indiskutabel, rechtlich unzul\u00e4ssig und daher keinem zu raten.<\/p>\n<p>Das war es n\u00e4mlich auch im Falle H&amp;M, die Vorgesetzten trugen die gesammelten Infos in eine Datenbank ein, in die alle anderen F\u00fchrungskr\u00e4fte auch hineinschauen konnten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Eine IT-Panne sorgt am Ende f\u00fcr 35,3 Millionen Euro Bu\u00dfe<\/strong><\/p>\n<p>Wie das ganze Ausforschen und Sammeln heraus kam? Eine IT-Panne war\u00b4s. Vor einem Jahr wurde pl\u00f6tzlich das ganze rechtswidrige Dossier f\u00fcr die ganze Belegschaft sichtbar. Und einer gab\u00b4s dann an die Presse, sagt Byers. Weil H&amp;M dann der Beh\u00f6rde dann doch zumindest ein\u00a0 Datenschutzkonzept mit Datenschutzkoordinator, Whistleblower-Schutz,\u00a0 Auskunftskonzept und Schadenersatzzahlungen f\u00fcr die bislang Betroffenen pr\u00e4sentierte, fiel die Bu\u00dfe niedriger aus. Bei so etwas mitzumachen, ist f\u00fcr auch f\u00fcr jeden einzelnen gef\u00e4hrlich, erz\u00e4hlt Byers.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Mindestens vier m\u00f6gliche Leaks<\/strong><\/p>\n<p>Er warnt stets die Unternehmen: Legen Sie blo\u00df keine Gedankendossiers an.\u00a0Wer es verwaltet, ist Mitwisser. Wenn der sich r\u00e4chen will an der Firma, kann er ein Leck sein. Die IT-Leute sehen es &#8211; und k\u00f6nnen ebenso ein Leck sein. Oder eben ein simpler IT-Fehler wie im Falle H&amp;M.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Was Auskunftsanspr\u00fcche zutage f\u00f6rdern: &#8222;Der nervt, der muss weg&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>Und dann gibt es eine noch eine weitere, neue M\u00f6glichkeit, wie Betroffene gesammelte Daten herausbekommen: Der Auskunftsanspruch gegen den Arbeitgeber auf Offenlegung s\u00e4mtlicher Daten. Byers erz\u00e4hlt, dass der ein Unternehmen schon 18 Monatsgeh\u00e4lter eines Ex-Pats kostete. Der Mann stritt mit der Company darum, wo er in der Hierarchie hin geh\u00f6re und zu welchem Gehalt, bis er seinen Anspruch auf Datenauskunft geltend machte. Dann entdeckte er in einer der Mails den Kommentar &#8222;der nervt, der muss weg&#8220;. Der Satz wurde dann teuer. Denn bis dahin hatte das Unternehmen immer abgestritten, den Expat lediglich loswerden zu wollen &#8211; diese Taktik war nun tot. Die Methode Weichkochen und Abfindung einsparen, ging nicht mehr. Das Unternehmen konnte nun nicht mehr anders, als um die Abfindung zu verhandeln.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Seit Corona niedrigere Abfindungen<\/strong><\/p>\n<p>Insgesamt jedoch sei die H\u00f6he der Abfindungen seit Corona-Beginn gesunken, beobachtet der Arbeitsrechtler. Nicht nur dass bei Unternehmen wie Mitarbeitern die Bereitschaft sinkt, sich zu einigen. Sondern die Arbeitgeber seien geiziger mit den Abfindungen geworden. Warum? Weil sie keine Pr\u00e4zedenzf\u00e4lle und Nachahmer auf den Plan rufen wollen, denn der Betriebsrat sieht ja die Zahlen, erkl\u00e4rt der M\u00fcnchner.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Beobachtenden Mitarbeiter gehen \u00fcbermorgen &#8211; wenn man sie nicht missen will<\/strong><\/p>\n<p>Das Problem sei auch, dass es beim Personalabbau immer nur um die Zahl der K\u00f6pfe geht, sagt Byers. Nicht aber, dass man nach der Krise nicht so schnell wieder entsprechend qualifizierte Leute findet. Und dass jeder Personalabbau Loyalit\u00e4tseinbu\u00dfen bei den verbleibenden Mitarbeitern bewirke &#8211; sobald die ein Abwerbeangebot bekommen, sind sie dann weg.<\/p>\n<p>Byers Supergau: erst bitten Unternehmen die Belegschaft um Gehaltsverzicht, dann kommt als zweites doch der Arbeitsplatzabbau und dann haben auch alle anderen Beobachter das Vertrauen in ihre Company verloren und &#8211; das ist die dritte Welle &#8211; gehen \u00fcbermorgen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Gelernt ist gelernt: Kollegen waren Nummern &#8211; und ich bin\u00b4s auch<\/strong><\/p>\n<p>Denn die Menschen haben gelernt, dass sie f\u00fcr ihren Arbeitgeber nur eine Nummer sind. Denn wer bleibt heute noch lebenslang bei einem Unternehmen &#8211; was fr\u00fcher durchaus \u00fcblich war? Kaum einer. Denn sobald die Unternehmen von Shareholdern beeinflusst werden und &#8222;Kostenbl\u00f6cke l\u00f6sen&#8220; m\u00fcssen, ist es danach mit der Loyalit\u00e4t der Mitarbeiter auch nicht mehr weit her. Erstaunlich ist eigentlich nur, dass die Top-Manager genau diese Logik und die Folgen ausblenden. Oder gar nicht erkennen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_675202\" style=\"width: 660px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/11\/kytaro.moussaka.brych_.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-675202\" class=\"size-full wp-image-675202\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/11\/kytaro.moussaka.brych_.jpg\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"488\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/11\/kytaro.moussaka.brych_.jpg 650w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/11\/kytaro.moussaka.brych_-300x225.jpg 300w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/11\/kytaro.moussaka.brych_-400x300.jpg 400w\" sizes=\"auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-675202\" class=\"wp-caption-text\">Moussaka im Kytaro in D\u00fcsseldorf (Foto: C.T\u00f6dtmann)<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>H&amp;M will jetzt \u00fcbrigens <a href=\"https:\/\/www.onlinehaendler-news.de\/online-handel\/haendler\/133975-h-m-plant-stellenabbau\">800 Arbeitspl\u00e4tze abbauen und 250 Filialen schlie\u00dfen<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.onlinehaendler-news.de\/online-handel\/haendler\/133975-h-m-plant-stellenabbau\">https:\/\/www.onlinehaendler-news.de\/online-handel\/haendler\/133975-h-m-plant-stellenabbau\u00a0<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stellen Sie sich mal vor, Ihr Chef bittet Sie nach jedem Urlaub zum Gespr\u00e4ch und fragt sehr interessiert nach, was Sie denn so gemacht und erlebt haben. 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