{"id":674677,"date":"2020-09-20T23:40:59","date_gmt":"2020-09-20T21:40:59","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/?p=674677"},"modified":"2020-09-21T18:32:19","modified_gmt":"2020-09-21T16:32:19","slug":"buchauszug-andre-niedostadek-kurvengefluester-entlang-der-via-francigena-von-canterbury-nach-rom","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2020\/09\/20\/buchauszug-andre-niedostadek-kurvengefluester-entlang-der-via-francigena-von-canterbury-nach-rom\/","title":{"rendered":"Buchauszug Andr\u00e9 Niedostadek: &#8222;Kurvengefl\u00fcster. Entlang der Via Francigena von Canterbury nach Rom.&#8220;"},"content":{"rendered":"<div><strong>Buchauszug Andr\u00e9 Niedostadek, Professor f\u00fcr Wirtschafts-, Arbeits- und Sozialrecht an der Hochschule Harz: &#8222;Kurvengefl\u00fcster. Entlang der Via Francigena von Canterbury nach Rom.&#8220;<\/strong><\/div>\n<div>Andre\u00b4 Niedostadek bei twitter: @Niedostadek<\/div>\n<div><\/div>\n<div>\n<div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div>\n<div id=\"attachment_674678\" style=\"width: 485px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/09\/NiedostadekAndre_Autorenfoto.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-674678\" class=\"size-full wp-image-674678\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/09\/NiedostadekAndre_Autorenfoto.jpg\" alt=\"\" width=\"475\" height=\"650\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/09\/NiedostadekAndre_Autorenfoto.jpg 475w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/09\/NiedostadekAndre_Autorenfoto-219x300.jpg 219w\" sizes=\"auto, (max-width: 475px) 100vw, 475px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-674678\" class=\"wp-caption-text\">Andre\u00b4 Niedostadek (Foto: PR)<\/p><\/div>\n<div><\/div>\n<div><\/div>\n<div><strong>Sommerblues <\/strong><strong>(Arras &#8211; Reims)<\/strong><\/div>\n<div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u00bbSchei\u00dfe!\u00ab Ich drehe noch einmal den Z\u00fcndschl\u00fcssel um. \u00bbSchei\u00dfe, Schei\u00dfe, Schei\u00dfe. Arrgghh \u2026\u00ab Doch alles Fluchen hilft nichts. Die Dicke gibt keinen Mucks mehr von sich. Nicht einmal ein kurzes R\u00f6cheln, gar nichts.<\/p>\n<\/div>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Nada, niente, nothing, rien \u2013 tot!<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Ich schaue, ob ich nicht versehentlich an den Motorstoppschalter gekommen bin. Nein, da ist alles okay.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Na pr\u00e4chtig.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Es gibt sie, diese Tage, die einen stutzig machen sollten. Besser, man l\u00e4sst die n\u00e4chsten vierundzwanzig Stunden dann einfach an sich vorbeiziehen, ohne ihnen zu gro\u00dfe Aufmerksamkeit zu schenken. Sofern das geht. Mich mit Chips und einem Kaltgetr\u00e4nk auf dem heimischen Sofa zu l\u00fcmmeln, sitzt im Moment allerdings nicht drin.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Dabei versprach es beim ersten Blick aus dem Fenster heute fr\u00fch, ein wirklich feiner Motorradmorgen zu werden. Und was das Wetter betrifft, so stimmt das nach wie vor. Doch das war es dann auch schon.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Bereits beim Fr\u00fchst\u00fcck k\u00fcndigte sich auf ganz leisen Sohlen ein Unwetter ganz eigener Art an.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Ich bl\u00e4tterte durch meine Aufzeichnungen zum Verlauf der heutigen Strecke und freute mich schon darauf, was alles anstehen w\u00fcrde. Bis nach Reims, in die alte K\u00f6nigsstadt, sollte es gehen, hinein in die Champagne.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Da riss mich die Servicekraft aus meinen Gedanken.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">\u00bbMonsieur, sind das dort vielleicht Ihre Toasts?\u00ab<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Die Frage war \u00fcberaus freundlich formuliert, aber wohl eher rhetorisch gemeint. Eigentlich h\u00e4tte er auch direkt sagen k\u00f6nnen: \u00bbPass mal auf, Kumpel, deine Toasts sind inzwischen Zwieback. Wann zum Henker schnappst du sie dir endlich und blockierst den Toaster nicht noch eine weitere Ewigkeit? Die anderen G\u00e4ste wissen das sicher zu sch\u00e4tzen. Du Depp!\u00ab<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">\u00bbOh, ja. Vielen Dank.\u00ab Die Toasts hatte ich tats\u00e4chlich v\u00f6llig verschwitzt; waren irgendwie aus dem Blickfeld geraten. Vielleicht eine innere Stimme, die mir unterbewusst einzureden versuchte, nach der gestrigen V\u00f6llerei zum Abendessen heute doch mal besser auf das ganze Weizenzeug zu verzichten? Ich holte sie mir pflichtschuldig, nicht ohne mir gleich noch ein Glas Wasser zu nehmen.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Wenn ich heute an eines glaube, ist es Murphys Gesetz, diese Lebensweisheit, wonach alles, was schiefgehen kann, definitiv schiefgehen wird. So w<span class=\"x_st\">ie das ber\u00fchmte Marmeladenbrot, das immer mit der Oberseite auf den Teppich landet, wenn es herunterf\u00e4llt. Oder dass man beim F\u00fcllen eines Wasserglases durch eine kleine Unachtsamkeit ganz locker einen halben Raum \u00fcberfluten kann. Ja, auch das geht, als ich mir das Malheur so ansehe.<\/span><\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Irgendwie stehe ich heute neben mir. Das denkt sich die Servicekraft wohl ebenfalls. Hat da etwa wer die Augen verdreht?<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Aber es sollte ja alles noch besser kommen. Nachdem ich Sack und Pack zusammengerafft und die Dicke wieder beladen hatte, wollte ich mir noch die Zitadelle von Arras ansehen, eine weitl\u00e4ufige Festungsanlage, die etwas ganz Besonderes sein muss. Seit 2008 ist sie n\u00e4mlich als eine von dreizehn Baust\u00e4tten Teil des UNESCO-Weltkulturerbes \u00bbFestungsanlagen von Vauban\u00ab.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Sie geht zur\u00fcck auf den franz\u00f6sischen Baumeister S\u00e9bastien Le Prestre de Vauban (1633\u20131707), einen Typen, von dem ich noch nie zuvor geh\u00f6rt habe. Muss aber ein Tausendsassa gewesen sein, der landauf und landab alle m\u00f6glichen Bauten in die Landschaft pflanzte, sich nebenbei auch noch mit Wirtschaft, Politik, Religion und Philosophie besch\u00e4ftigte und locker mehrere tausend Kilometer im Jahr in der Kutsche zur\u00fccklegte.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Und nun stehe ich hier inmitten einer seiner Festungsanlagen, die so weitl\u00e4ufig ist, dass man sie sogar mit dem Motorrad befahren kann \u2013 oder k\u00f6nnte, wenn das Motorrad denn f\u00fchre. Denn das tut es jetzt leider nicht mehr. Die Dicke sendet ein unmissverst\u00e4ndliches Signal, das hei\u00dft, genaugenommen sendet sie \u00fcberhaupt kein Signal mehr. Sie streikt, als wolle sie mir sagen: Sorry, aber mit uns wird das heute nichts mehr.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Ich krieg den Blues.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Wer Motorrad f\u00e4hrt, wei\u00df: Ein bisschen \u00e4hnelt das Verh\u00e4ltnis zum Gef\u00e4hrt einer Beziehung, in der man sich schon l\u00e4nger kennt. Da hat man h\u00e4ufig auch eine Vorstellung davon, warum der Partner oder die Partnerin gerade mal wieder murrt, eingeschnappt ist, bockt oder zickt. Nicht selten ist man ja selbst mit schuld daran. Das jetzige Dilemma habe ich mir sogar komplett selbst zuzuschreiben.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Und alles nur, weil ich ein wenig gierig war.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Die Festungsanlage bietet ein paar sch\u00f6ne Fotomotive. Ist man jedoch allein unterwegs, dann ist es nicht mal eben mit einem Schnappschuss getan, wenn Motorrad und Fahrer mit aufs Bild kommen sollen. Da hei\u00dft es dann: Stativ aufbauen, die richtige Einstellung finden und immer wieder hin- und herlaufen, selbst wenn man einen Fernausl\u00f6ser dabeihat. Das kann sich hinziehen. Offenbar hatte ich nicht nur die Zeit v\u00f6llig aus den Augen verloren, sondern aus irgendeinem bl\u00f6den Grunde die Maschine nicht immer komplett ausgestellt. Zudem scheint auch die Sonne heute fr\u00fch schon recht kr\u00e4ftig. Sch\u00f6nen Gru\u00df an die Batterie. H\u00e4tte ich doch blo\u00df ein Glas\u00a0<i>Marmite<\/i>\u00a0mitgenommen. Vielleicht w\u00e4re die Batterie von selbst wieder aufgeschreckt, wenn ich sie mit diesem Wunderzeug bestrichen h\u00e4tte. So r\u00fchrt sich leider nichts.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Aber ich habe meine Lektion von gestern gelernt, also immer mit der Ruhe. Erst einmal \u00fcberlegen, was zu tun ist. Gut w\u00e4re eine Starthilfe.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Die Zitadelle von Arras stellt zwar eine bedeutende kulturelle St\u00e4tte dar, sie ist aber zumindest heute Morgen noch kein Touristenmagnet. Wahrscheinlich h\u00e4tte mir ohnehin keiner der Besucher direkt helfen k\u00f6nnen. Was h\u00e4tte ich schon fragen sollen? \u00bbGuten Tag. Gef\u00e4llt es Ihnen hier? Ja? Wie sch\u00f6n. Sie haben nicht zuf\u00e4lligerweise eine Powerstation zur Hand? Nein? Wie schade. Na, nichts f\u00fcr ungut. Sch\u00f6nen Tag noch.\u00ab<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Nicht allzu weit von mir entfernt ist jedoch ein voll besetzter Parkplatz. Das ist doch mal ein Ansatz. Vielleicht l\u00e4sst sich ja jemand ausmachen, der mit einem \u00dcberbr\u00fcckungskabel aushelfen kann.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Ich schiebe das Motorrad in Richtung der Stellpl\u00e4tze und entdecke einen weiteren Lichtblick. Hier hat die\u00a0<i>Communaut\u00e9 urbaine d\u2019Arras<\/i>\u00a0ihren Sitz, ein Gemeindeverband, der den umherstehenden Pkw nach zu urteilen eine Menge Besch\u00e4ftigte oder Besucher haben muss. Tippe mal auf Ersteres. Sogar ein paar Bikes sind zu sehen. Da sollten doch die Chancen nicht so schlecht stehen, dass jemand Hilfe leisten kann \u2013 wo doch die Franzosen angeblich so motorradfreundlich sind.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Am Empfang versuche ich einmal mehr, mein Problem r\u00fcberzubringen. Leider spricht die Dame dort auch kein Englisch. Was ich allerdings faszinierend finde: Allein das Bem\u00fchen, sich in der Landessprache zu verst\u00e4ndigen, macht die andere Seite gleich aufgeschlossener. So auch jetzt, selbst wenn es nicht wirklich fruchtet.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Was mir gestern beim Tanken letztlich doch noch gelang, f\u00e4llt mir heute etwas schwerer. Was zum Teufel hei\u00dft \u00dcberbr\u00fcckungskabel? Erstmals ziehe ich Google Translator zurate, der mir\u00a0<i>c\u00e2ble de d\u00e9rivation<\/i>\u00a0vorschl\u00e4gt. Wahrscheinlich werde ich bei meinen n\u00e4chsten Suchen im Internet Werbeanzeigen f\u00fcr Franz\u00f6sischkurse angezeigt bekommen.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Ich h\u00e4tte in der Schule das Fach Franz\u00f6sisch ernster nehmen sollen. Soweit ich mich erinnere, war unsere damalige Lehrerin, ich glaube, sie hie\u00df so wie die H\u00e4lfte von Frankreich, n\u00e4mlich Frank, auch wirklich sehr engagiert. Uns spukten damals allerdings andere Flausen im Kopf herum, worunter insbesondere mein schulisches Engagement zu der Zeit, na ja, sagen wir mal, etwas litt, um es mal freundlich auszudr\u00fccken. Irgendwann wurde ich vor die Wahl gestellt, entweder Franz\u00f6sisch abzuw\u00e4hlen und noch ein \u00bbBefriedigend\u00ab einzuheimsen oder dabeizubleiben, dann m\u00fcsse ich jedoch mit einem \u00bbMangelhaft\u00ab im Zeugnis rechnen, was zweifellos realistischer war. Es gibt wirklich kaum etwas, das ich r\u00fcckblickend bereue, aber Franz\u00f6sisch abgew\u00e4hlt zu haben, war eindeutig ein Fehler. Ich h\u00e4tte dranbleiben m\u00fcssen. Leider zeigten sich Biss und Durchhalteverm\u00f6gen erst sp\u00e4ter. Wie empfehlenswert ist es doch manchmal, die Flinte nicht so schnell ins Korn zu werfen.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/09\/cover.niedostaredk.Kurvengefluester_komprimiert.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-674679\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/09\/cover.niedostaredk.Kurvengefluester_komprimiert.jpg\" alt=\"\" width=\"414\" height=\"650\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/09\/cover.niedostaredk.Kurvengefluester_komprimiert.jpg 414w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/09\/cover.niedostaredk.Kurvengefluester_komprimiert-191x300.jpg 191w\" sizes=\"auto, (max-width: 414px) 100vw, 414px\" \/><\/a><\/p>\n<div>\n<p><strong>Andr\u00e9 Niedostadek: &#8222;Kurvengefl\u00fcster. Entlang der Via Francigena von Canterbury nach Rom.&#8220;\u00a0252 Seiten, 19,80 Euro, Thurm Verlag https:\/\/thurm-verlag.de\/kurvengefluester\/<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div>\n<div>\n<div>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Mittlerweile stehen wir hier sogar zu dritt am Empfang, und man bietet mir an, mal per Rundmail bei den Kolleginnen und Kollegen im Haus anzufragen, ob nicht jemand behilflich sein kann. Es ist unglaublich, wie freundlich, bem\u00fcht und \u00fcberaus zuvorkommend man hier ist, Kaffee und Wasser inbegriffen. Allein daf\u00fcr an dieser Stelle noch einmal herzlichen Dank, sollte irgendwer rein zuf\u00e4llig diese Zeilen lesen und sich \u00fcberraschenderweise erinnern. Zwischenzeitlich kommt sogar jemand vorbei, dem die Mail wohl auf den Bildschirm geflattert war und der nun wissen m\u00f6chte, ob sich mein Problem zwischenzeitlich erledigt hat. Hat es leider nicht.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Es hilft wohl nichts: Nun gilt es, Plan P anzugehen, P wie Pannendienst.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Nach ein paar Telefonaten ist der schnell informiert. Jetzt hei\u00dft es warten, was ich eigentlich vermeiden wollte, um nicht weitere Zeit zu verlieren. Mindestens eine Stunde w\u00fcrde es wohl dauern, eher etwas l\u00e4nger, so die Info. Die Idee, mich gleich wieder aufmachen zu k\u00f6nnen, hat sich damit also zerschlagen. Na, dann ist das halt so.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Ich mache es mir derweil drau\u00dfen im Schatten etwas gem\u00fctlich, kann aber nicht so richtig entspannen. Wom\u00f6glich steht der Pannendienst mit einem Mal doch auf der Matte, sucht herum, findet niemanden und zieht dann unverrichteter Dinge wieder ab.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">\u00dcberrascht bin ich dann allerdings, als ich gleich zweimal angesprochen werde, ob ich mich hier vielleicht auskenne. Das eine Mal von einem Paketboten, das andere Mal von einer Besucherin, die angesichts der Gr\u00f6\u00dfe der Anlage offenbar etwas orientierungslos ist. Mir war noch nie aufgefallen, dass in dem Wort \u00bbbesuchen\u00ab auch das Verb \u00bbsuchen\u00ab steckt.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Letztlich vergehen gut zwei Stunden, bis der Pannendienst endlich eintrifft. Mit wenigen Handgriffen und in k\u00fcrzester Zeit ist die Dicke wieder startklar. Es war \u2013 wie schon vermutet \u2013 tats\u00e4chlich nur die Batterie.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Zuerst f\u00e4llt mir ein Stein vom Herzen, es kann also weitergehen. Dann beginnt allerdings gleich das Kopfkino. Und was sich dort abspielt, ist keine Kom\u00f6die \u00e0 la Louis de Fun\u00e8s: Was, wenn die Batterie doch irgendeinen Schlag wegbekommen hat? Wenn das nicht nur ein einmaliger Ausrutscher war, sondern es abermals passiert und das n\u00e4chste Mal dann wom\u00f6glich nicht wie heute in der Stadt, sondern weit drau\u00dfen irgendwo im Nirgendwo? W\u00e4re es besser, die Batterie zu tauschen? Bisher habe ich zwar ein paar Stunden verloren, aber ein Werkstattbesuch w\u00fcrde meinen Zeitplan v\u00f6llig \u00fcber den Haufen werfen.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Was soll\u2019s! Ich entscheide mich, zuversichtlich zu bleiben und es drauf ankommen zu lassen.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Aus Arras heraus geht es Richtung Bapaume, das ich nach etwas mehr als zwanzig Kilometern sogleich wieder hinter mir lasse.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Nicht viel sp\u00e4ter sehe ich am Stra\u00dfenrand eine Person entlanglaufen, bepackt mit einem gro\u00dfen Rucksack und einem Pilgerstock in der Hand. Da ist offenbar jemand auf dem Jakobsweg unterwegs, wie das Erkennungszeichen, die Jakobsmuschel am Rucksack, unverkennbar zeigt.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Ich bin hin- und hergerissen, entweder weiterzufahren oder kurz anzuhalten, entscheide mich dann f\u00fcr Letzteres. Die Maschine lasse ich laufen, ich will ja eh gleich weiter.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Alicia, auch das ist wieder nicht ihr richtiger Name, ist \u2013 wie schon vermutet \u2013 tats\u00e4chlich unterwegs nach Santiago de Compostela. Sie kommt aus Belgien. Ich finde es wirklich faszinierend, warum sich jemand auf eine solche Tour begibt, also frage ich direkt danach und bekomme eine \u00fcberraschend offene Antwort.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">\u00bbIch wollte diesen Weg schon immer mal gehen. Meine Mutter habe ich bereits fr\u00fch verloren, und k\u00fcrzlich starb mein Vater. Obendrein mache ich gerade eine Scheidung durch. Jetzt ist einfach die Zeit daf\u00fcr.\u00ab<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Alicia will es heute noch bis P\u00e9ronne schaffen. Zwar schmerzten ihre F\u00fc\u00dfe schon, aber sie werde durchhalten, kommt es zuversichtlich aus ihr heraus. Ich glaube ihr das sofort. Ich \u00fcberschlage kurz: Bis P\u00e9ronne sind es noch etwa f\u00fcnf Kilometer; f\u00fcr mich sind es bis nach Reims noch etwa hundertdrei\u00dfig Kilometer.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Es sind nur ein paar Minuten, die wir uns hier so am Stra\u00dfenrand unterhalten. Aber es sind doch Augenblicke, die mir zu denken geben. Die Begegnung mit Alicia ber\u00fchrt mich wirklich. Mag sein, dass es auch der Reiseblues ist, der mich nach heute Morgen etwas melancholisch macht. Sollte mich nicht vorher der Schlag treffen, dann werde ich im n\u00e4chsten Jahr das Alter erreichen, in dem mein Vater mit nicht einmal f\u00fcnfzig Jahren starb. Im Moment bin ich mir gar nicht mehr ganz sicher, ob das hier wirklich blo\u00df eine einfache Motorradtour ist. Oder wom\u00f6glich doch erste Anzeichen einer Midlife-Crisis?<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Kaum in P\u00e9ronne angekommen, geht es schon wieder hinaus, was eigentlich schade ist, denn mit seinen Fl\u00fcssen, Seen und Kan\u00e4len hinterl\u00e4sst der Ort einen reizvollen Eindruck. Die Strecke, die sich jetzt anschlie\u00dft, ist einfach zu fahren, sodass die n\u00e4chsten Stationen ebenfalls schnell gemeistert sind. Ein einfaches Cruisen.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Dann zeigt sich pl\u00f6tzlich schon weit sichtbar und wie auf einem Thron gelegen, Laon, eine alte Stadt, die bis in die Zeit der Karolinger zur\u00fcckreicht.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Wenn es einen Grund gibt, diese Region zu besuchen, dann hat der genau diese vier Buchstaben: L-A-O-N. Der Tafelberg mit der mittelalterlichen Oberstadt und der m\u00e4chtigen Kathedrale erhebt sich mehr als 100 Meter aus der weitl\u00e4ufigen Ebene; nicht ohne Grund hei\u00dft das Massiv \u00bbGekr\u00f6nter Berg\u00ab. Ein beeindruckendes Panorama.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Mit dem Motorrad in die Altstadt hinaufzufahren, erweist sich als \u00fcberraschendes Kurvenintermezzo. Hinter den mehrere Kilometer langen Festungsmauern verbirgt sich die gr\u00f6\u00dfte und komplett erhaltene historische Altstadt Frankreichs.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Was \u00fcberrascht: Fast verspr\u00fcht die Stadt s\u00fcdl\u00e4ndisches Flair. Wer will, kann direkt bis zur Kathedrale\u00a0<i>Notre-Dame de Laon<\/i>\u00a0im Herzen der Altstadt vorfahren.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Ein Pl\u00e4tzchen zum Parken findet sich f\u00fcr Motorr\u00e4der allemal. Ob das Gotteshaus wirklich zu den sch\u00f6nsten Kirchen Frankreichs z\u00e4hlt, kann ich nicht beurteilen, zumindest nicht, was das Innere betrifft. Von au\u00dfen betrachtet wirkt sie jedenfalls imposant. Aber mal ehrlich, tun das nicht alle Kathedralen auf ihre Weise? Was macht eine Kathedrale oder irgendein anderes Geb\u00e4ude eigentlich sch\u00f6n? Und \u00fcberhaupt: Diese ganzen Superlative von wegen \u00bbsch\u00f6nste\u00ab, \u00bbgr\u00f6\u00dfte\u00ab, \u00bb\u00e4lteste\u00ab gehen mir heute auf die Nerven. Und dass die f\u00fcnf T\u00fcrme schwerelos zu h\u00f6heren Gefilden emporstreben, wie einmal in einem Reisebericht dazu zu lesen war. Na gut, von mir aus.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">So kurvenreich, wie es hinaufging, geht es wieder hinunter, und ich bin froh, dass es nicht regnet. Nasses Kopfsteinpflaster ist wirklich eine Herausforderung, erst recht bergab. Ich erinnere mich noch an eine Tour nach Schottland vor einigen Jahren, wo es von der Burg\u00a0<i>Stirling Castle<\/i>\u00a0wieder hinunter in die Stadt ging, was zu einer recht eierigen Angelegenheit wurde.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Bevor es wieder aus Laon hinausgeht, entscheide ich mich, etwas Sprit nachzulegen.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Ich finde eine Tankstelle mit Werkstatt \u2013 nat\u00fcrlich nur f\u00fcr den Fall der F\u00e4lle. Bin doch noch skeptisch wegen der Batterie, was sich allerdings als unbegr\u00fcndet zeigt. Als ich den Z\u00fcndschl\u00fcssel diesmal umdrehe, springt das Motorrad problemlos wieder an. Die Zuversicht steigt.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Von Laon aus geht es weiter nach Bouconville-Vauclair, wobei man den Chemin des Dames streift, einen drei\u00dfig Kilometer langen und mehrere Kilometer breiten Bergkamm. Auch dieser Abschnitt l\u00e4sst sich angenehm fahren und \u00fcberrascht sogar durch ein paar nette Kehren. Ganz in der N\u00e4he findet sich noch die sogenannte Drachenh\u00f6hle, ein gut besuchter touristischer Anlaufpunkt.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Der ehemalige Steinbruch wurde unter anderem als unterirdisches Feldlager genutzt. Heute dokumentiert es als Museum die Historie des Ersten Weltkrieges und das Leid des Soldatenalltags.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Dem kann ich heute allerdings nicht wirklich etwas abgewinnen.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Mir fallen ein paar Zeilen aus dem Song\u00a0<i>No Man\u2019s Land<\/i>\u00a0von Eric Bogle ein. Ein Antikriegslied, von dem es unter dem Titel\u00a0<i>The Green Fields of France<\/i>\u00a0eine sehr h\u00f6renswerte Version der britischen Band The Men They Couldn\u2019t Hang gibt. Es ist ein fiktives Gespr\u00e4ch am Grab eines 19-j\u00e4hrigen Soldaten namens William oder Willie MacBride, der 1916 hier fiel.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Ich steige also nicht in die H\u00f6hle des Drachen hinab, sondern steuere ein anderes Ziel an: die Ruinen des ehemaligen Klosters Vauclair.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Die Abtei liegt keine zwanzig Kilometer von Laon entfernt etwas abseits der Stra\u00dfe, rings umgeben von Wald. Im Mittelalter war das Kloster eine Zwischenetappe auf der Via Francigena. Vor Langem wurde sie bereits aufgegeben und ist heute v\u00f6llig verfallen; der Zahn der Zeit hat ganz m\u00e4chtig daran genagt. Die \u00dcberreste lassen nur erahnen, welche bedeutsame St\u00e4tte sich hier einmal befunden haben und wie gesch\u00e4ftig es hier zugegangen sein muss.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Gegr\u00fcndet wurde die Abtei im Jahre 1134 von Bernhard von Clairvaux (1090\u20131153), einem umtriebigen und nicht unumstrittenen Zisterzienserabt, Mystiker und Kreuzungsprediger. Gerade wegen seiner zahlreichen Klostergr\u00fcndungen gilt er als einer der bedeutendsten Vertreter des Ordens.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">F\u00fcr die Eifelfahrer: Das ehemalige Kloster Himmerod in der Vulkaneifel zwischen Eisenschmitt und Gro\u00dflittgen im Tal der Salm geht ebenfalls auf ihn zur\u00fcck. Nach fast 900 Jahren kam dann aber dort 2017 f\u00fcr die Zisterzienser ebenfalls das Aus.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Das Areal hier wirkt seltsam einnehmend. Es ist v\u00f6llig frei zug\u00e4nglich. Eintritt wird nicht verlangt; man kann problemlos \u00fcberall herumspazieren. Jetzt ist es gerade einmal eine gute Handvoll von Besuchern, die hier so durch die Ruinen schlendern.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Das Ganze durchweht heute ein Hauch von mittelalterlichem Spirit.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Was mich genau fasziniert, kann ich gar nicht sagen. Vielleicht ist es die unglaubliche Ruhe, die \u00fcber der Ruinenanlage liegt und die nach der heutigen Etappe wirklich guttut. Ganz sicher ist es auch die schon langsam sinkende Nachmittagssonne, die der Szenerie eine besondere Stimmung verleiht.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Ich lasse alles auf mich wirken und die Seele baumeln. Irgendwie mystisch und magisch. Es w\u00fcrde mich nicht \u00fcberraschen, wenn gleich pl\u00f6tzlich eine Prozession von M\u00f6nchen bed\u00e4chtig aus dem Wald herausgeschritten k\u00e4me. Oder ein paar Druiden, in der einen Hand vielleicht eine Sichel, in der anderen frisch geschnittene Misteln f\u00fcr den n\u00e4chsten Zaubertrank.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">In unseren bewegten Zeiten, in denen alles immer schneller gehen muss, ist dieser Ort bestens geeignet, um einfach mal abzuschalten und zur Ruhe zu kommen. Wenn man daran denkt, wie viele sich heute mit Stress und Burnout herumplagen. Oder gab es das schon immer?<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Dazu gibt es eine nette Anekdote.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Der damalige Papst Eugen\u00a0III. hatte sich bei besagtem Bernhard \u2013 die beiden kannten sich gut \u2013 bitter dar\u00fcber beklagt, dass er vor lauter Arbeit gar nicht mehr wisse, wo ihm der Kopf stehe. Na, selbst schuld, schreibt Bernhard ihm zur\u00fcck und r\u00e4t, mal halblang zu machen: \u00bbEs ist viel kl\u00fcger, du entziehst dich von Zeit zu Zeit deinen Besch\u00e4ftigungen, als dass sie dich ziehen und dich nach und nach an einen Punkt f\u00fchren, an dem du nicht landen willst. Wenn du dein ganzes Leben und Erleben v\u00f6llig ins T\u00e4tigsein verlegst und keinen Raum mehr f\u00fcr Besinnung vorsiehst, soll ich dich da loben? Darin lob ich dich nicht.\u00ab Heute w\u00fcrde man das vielleicht ein Resilienz-Coaching nennen. Und Bernhard setzt noch einen drauf: \u00bbJa, wer mit sich selbst schlecht umgeht, wem kann der gut sein? Denk also daran: G\u00f6nne dich dir selbst!\u00ab<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Und das schreibt jemand, der selbst trotz angeschlagener Gesundheit rastlos umherzog und als Prediger nicht eben vers\u00f6hnliche Worte fand, wenn er verbissen auf Propagandatour f\u00fcr den Zweiten Kreuzzug unterwegs war, einem Unterfangen, das als v\u00f6lliger Fehlschlag scheiterte.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Charaktere mit dem Format und Charisma eines Bernhards sind wohl nur aus ihrer Zeit heraus zu verstehen. Nach diversen Missernten und kometenhaften Himmelserscheinungen waren die Massen beunruhigt. Es herrschte mal wieder Endzeitstimmung, die Bernhard geschickt f\u00fcr seine Kreuzzugsfantasien auszunutzen wusste.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Als ich mich wieder aufmachen will, bin ich nach wie vor etwas angespannt, was die Dicke betrifft. So ganz traue ich dem Braten noch nicht.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Eine Werkstatt ist diesmal nicht in der N\u00e4he, ganz im Gegenteil bin ich ziemlich weit ab vom Schuss. Aber wie hei\u00dft es doch? Aller guten Dinge sind drei, und wieder z\u00fcndet der Motor problemlos. Na also: Reims kann kommen.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Es geht weiter \u00fcber Corbeny und Hermonville; inzwischen bin ich in der Champagne gelandet.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Die Route f\u00fchrt zwar nicht entlang der Champagnerstra\u00dfe, der\u00a0<i>Route Touristique du Champagne<\/i>, von der es \u00fcbrigens nicht nur eine, sondern gleich f\u00fcnf gibt. Trotzdem kommt man an diesem ber\u00fchmten Edel-Prickeltrunk nirgendwo vorbei. Selbstredend, dass sich nur das Champagner schimpfen darf, was hier erzeugt wurde, und zwar aus den drei Rebsorten Pinot Noir, Pinot Meunier und Chardonnay. Alles andere wie Cava, Cr\u00e9mant, Prosecco \u2013 oder etwas schn\u00f6der einfach Sekt \u2013 mag vielleicht in einem \u00e4hnlichen Verfahren mit aufwendiger Flascheng\u00e4rung hergestellt werden, aber es ist nat\u00fcrlich nie und nimmer Champagner.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Egal was man von Champagner h\u00e4lt, in puncto Pomp kann ihm jedenfalls keine andere blubbelblasige Alternative das Wasser reichen.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Auf einer einschl\u00e4gigen Website ist zu lesen, dass Casanova damit die Frauen verf\u00fchrte, Napoleon seine Feldz\u00fcge damit begoss und Marilyn Monroe darin badete. Und dass Kenner beim Champagner die Korken nicht knallen lassen, auch wenn man das in ausgelassener Feierlaune wie etwa bei einem Sieg nach einem Motorradrennen gerne mal tut.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">F\u00fcr die Fans der Beschleunigung: Forscher haben herausgefunden, dass ein ungebremster Korken aus einer gut gesch\u00fcttelten Flasche etwa 40\u00a0km\/h erreicht. Theoretisch k\u00f6nnte es ein Korken, so die weiteren Berechnungen, sogar auf 100 Stundenkilometer bringen, vorausgesetzt, die Bedingungen stimmen: Druck von 3 bar, keine Reibung und eine sonnengew\u00e4rmte Sektflasche. Unglaublich, was das Herz manchen Wissenschaftlers so zum Sch\u00e4umen bringt.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Bei so viel Wirbel um den Champagner ist es \u00fcberraschend, dass die Champagne selbst gerade in puncto Kurventauglichkeit ein eher unbekanntes Pflaster ist. V\u00f6llig zu Unrecht: Wer auf das Cruisen und Entdecken aus ist, findet bei einer Spritztour ein weitl\u00e4ufiges Geflecht an Stra\u00dfen mit durchaus kurvenvergn\u00fcglichen Abwechslungen und Natur pur. Dabei f\u00fchrt die Fahrt nicht nur zwischen Rebst\u00f6cken hindurch. Ganz im Gegenteil ist die Landschaft hier viel weniger vom Weinbau gepr\u00e4gt, als man es vielleicht vermuten w\u00fcrde. Tats\u00e4chlich macht der Weinbau sogar nur einen vergleichsweise kleinen Teil des H\u00fcgellandes aus. Im \u00dcbrigen gibt es weitl\u00e4ufige \u00c4cker und Felder, die sogenannten\u00a0<i>champs<\/i>, die hier sogar namensgebend waren.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Schlie\u00dflich erreiche ich Reims, zwar deutlich sp\u00e4ter als vorgesehen, aber egal. Hauptsache, es hat \u00fcberhaupt geklappt.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Die Universit\u00e4tsstadt ist, wenn mal so will, die Wiege Frankreichs. Irgendwann am Ende des f\u00fcnften oder zu Beginn des sechsten Jahrhunderts \u2013 wann genau, dar\u00fcber streiten die Gelehrten \u2013 wurde hier in Reims Clovis I., zu Deutsch Chlodwig I., von Bischof Remigius an den Weihnachtstagen in der Kathedrale von Reims getauft. Dieses Ereignis gilt als das Aufkommen der Dynastie der Franken und damit als die Geburtsstunde Frankreichs. Ist es da ein Wunder, dass in dieser Tradition in den n\u00e4chsten Jahrhunderten viele K\u00f6nige ebenfalls hier gekr\u00f6nt wurden? So mauserte sich Reims zu einer heimlichen Hauptstadt.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Das Hotel liegt diesmal wirklich zentral an einer beliebten Fu\u00dfg\u00e4ngerzone, zugleich aber etwas versteckt in einem Hinterhof, sodass ich es auf Anhieb gar nicht finde und unfreiwillig zwei Extraschleifen drehen muss. Erster Eindruck: Die Bleibe hat etwas Jugendstilhaftes. Es gibt zwar eine Tiefgarage, die ist aber kostenpflichtig. Ein paar Meter weiter in der Einkaufsmeile stehen jedoch ohnehin schon jede Menge anderer Motorr\u00e4der; da wird sich die Dicke wohlf\u00fchlen. Da ich allerdings keine Ahnung habe, ob es in der Nacht hier ebenfalls so gesch\u00e4ftig zugeht wie im Augenblick oder ob Reims dann eher ein ausgestorbenes Pflaster ist, nehme ich das Gep\u00e4ck doch besser mit. Dass mich ausgerechnet jetzt am Ende des Tages doch noch wieder das Versagen der Technik einholt, was soll\u2019s: Das Zimmer unter dem Dach ist sicherlich sch\u00f6n, weniger sch\u00f6n ist hingegen, dass der Aufzug nicht funktioniert. Egal, trage ich das ganze Ger\u00f6del halt die paar Etagen hinauf.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Inzwischen habe ich den Reiseblues etwas absch\u00fctteln k\u00f6nnen, sodass ich mich zu einem Streifzug durch die Umgebung aufmache. Es ist fr\u00fcher Abend, und drau\u00dfen auf der Flaniermeile geht es \u00e4hnlich rege zu wie in Arras. Die Restaurants und Bistros sind gut besucht. Was aber besonders auff\u00e4llt: Von \u00fcberall wird man mit poppigen Sounds beschallt. Nicht, dass hier irgendwelche Musikkneipen w\u00e4ren oder Stra\u00dfenmusiker in Kelly-Family-Manier f\u00fcr eine launige Atmosph\u00e4re sorgen und sich ein paar Euro verdienen wollen (wobei das heute ja oft schon halb professionell ist). Nein, der Radau kommt aus festinstallierten Lautsprechern, die alle paar Meter stehen und Einheitsmusik verordnen. Vorhin noch in der Abgeschiedenheit einer versunkenen mittelalterlichen Welt abgetaucht, bin ich jetzt inmitten einer komplett anderen Welt, in einem Gew\u00fchl zwischen Kneipen und Kommerz. Der Kontrast k\u00f6nnte gr\u00f6\u00dfer nicht sein. Eine Zeitreise im Zeitraffer.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Ich lasse mich einfach etwas treiben und stehe mit einem Mal mehr zuf\u00e4llig als geplant vor eben jenem Wahrzeichen, mit dem Reims so verbunden ist, der Kathedrale.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Da ich ja auf einer europ\u00e4ischen Kulturroute unterwegs bin, passt die Kathedrale perfekt. Hier fand im Juli 1962 ein historisches Treffen statt und ein Meilenstein der europ\u00e4ischen Idee: Der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer und der franz\u00f6sische Staatspr\u00e4sident Charles de Gaulle trafen sich hier in Reims. Die Begegnung gilt nicht nur als ein Meilenstein in den deutsch-franz\u00f6sischen Beziehungen, sondern auch als wichtiger Impuls f\u00fcr die europ\u00e4ische Idee. Zwei V\u00f6lker, die sich ehemals als Erbfeinde bekriegt hatten, n\u00e4herten sich einander an. Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Vers\u00f6hnung und Freundschaft.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Ich stehe einfach davor. Wuchtig und zugleich zierlich soll die Kathedrale sein. Wer denkt sich nur solche Vergleiche aus? An eine Besichtigung ist heute nicht mehr zu denken. Die Pforten sind l\u00e4ngst geschlossen.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Spannender finde ich ohnehin das Reiterstandbild direkt gegen\u00fcber der Kirche. Die Bronzefigur bildet eine junge Frau ab. Lebensgro\u00df sitzt sie hoch zu Ross, in voller R\u00fcstung mit Helm auf dem Kopf und ausgerecktem Schwert in der Hand, den Blick auf die Kathedrale gerichtet, als wolle sie jeden Moment darauf zust\u00fcrmen. Es ist Frankreichs Nationalheilige Jeanne d\u2019Arc, die \u00bbJungfrau von Orleans\u00ab.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Unglaublich, aber wahr: In den letzten Jahren m\u00fcssen Unbekannte gleich mehrfach die Statur hinaufgekraxelt sein, um das Schwert zu klauen. Man kann sich kaum vorstellen, wie das m\u00f6glich sein soll, hier in so zentraler Lage und angesichts all der Leute, die sich zumindest jetzt hier aufhalten. Das kann nur eine Nacht-und-Nebel-Aktion gewesen sein.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Noch unglaublicher ist aber die Geschichte der Jeanne d\u2019Arc selbst: Ein schlichtes Bauernm\u00e4dchen, das weder lesen noch schreiben kann, wird ohne jegliche milit\u00e4rische Erfahrung zu einer erfolgreichen Feldherrin, um dann als Ketzerin auf dem Scheiterhaufen zu sterben und am Ende als Nationalheilige Frankreichs im kollektiven Bewusstsein weiterzuleben. Was f\u00fcr eine Story.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Doch was ist Wahrheit und was Legende, und wo vermischt sich beides? Nach mehreren hundert Jahren l\u00e4sst sich das wahrscheinlich gar nicht mehr so leicht trennen.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Kurz zu den Fakten: Jeanne kommt 1412 in der franz\u00f6sischen Provinz zur Welt. Schon seit Jahrzehnten w\u00fctet ein B\u00fcrgerkrieg, der sp\u00e4ter als Hundertj\u00e4hriger Krieg (1337 bis 1453) in die Geschichte eingehen wird. Als die franz\u00f6sischen Truppen von den Engl\u00e4ndern eins auf den Deckel bekommen, schl\u00e4gt Jeannes Stunde. Und sie hat dabei einen Trumpf im \u00c4rmel: Getragen von einer Prophezeiung, wonach eine Jungfrau Frankreich retten werde, schafft sie es tats\u00e4chlich, mit einer Portion Starrsinn k\u00f6nigliche Truppen um sich zu sammeln und 1429 die englischen Besatzer aus der strategisch wichtigen Stadt Orl\u00e9ans rauszuwerfen. Eine g\u00f6ttliche Eingebung, so hei\u00dft es, habe ihr die St\u00e4rke daf\u00fcr verliehen.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Ihre Mission ist aber noch nicht zu Ende. Noch steht ihr eigentlicher Coup bevor: Nachdem der etwas umnachtete und regierungsunf\u00e4hige franz\u00f6sische K\u00f6nig Karl VI. bereits vor einigen Jahren das Zeitliche gesegnet hatte, h\u00e4tte eigentlich der Nachwuchs die Thronfolge antreten m\u00fcssen. Doch die Mutter, die mit den Engl\u00e4ndern sympathisierte, wusste das zu verhindern; sie hatte den Thronfolger kurzerhand versto\u00dfen. Jetzt kommt allerdings die resolute Jeanne ins Spiel. Die schnappt sich den Kronprinzen und schleppt ihn hier nach Reims zu einer eilig angesetzten Kr\u00f6nungszeremonie. Daf\u00fcr wird sogar eigens eine Ersatzkrone besorgt, denn die K\u00f6nigskrone f\u00fcr Karl VII. ist nicht griffbereit. Die Engl\u00e4nder sind nun vollends br\u00fcskiert und\u00a0<i>not amused<\/i>.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Doch dann verl\u00e4sst Jeanne das Gl\u00fcck. Bei weiteren K\u00e4mpfen muss sie Niederlagen einstecken. Sie wird verwundet, ein Jahr sp\u00e4ter von Gegenspielern gefangengenommen und schlie\u00dflich an die Engl\u00e4nder ausgeliefert. Denen gelingt es, die Kirche daf\u00fcr zu instrumentalisieren, sie als Ketzerin der Inquisition zu \u00fcberstellen und ihr den Prozess zu machen. Beistand alter Weggef\u00e4hrten erh\u00e4lt sie kaum, auch nicht von Karl VII. Sie wird exkommuniziert und 1431 auf dem Marktplatz von Rouen verbrannt. F\u00fcr die Engl\u00e4nder hat die Sache damit ihr Bewenden, nicht aber f\u00fcr die Franzosen: Schon wenige Jahre sp\u00e4ter wird Jeanne 1456 rehabilitiert und dann 1909 zun\u00e4chst selig- und 1920 sogar heiliggesprochen.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">W\u00e4hrend ich hier so sitze und mir das Standbild anschaue, frage ich mich, wie sie wohl gewesen sein mag, diese Jeanne d\u2019Arc. Mir schwebt ein Energieb\u00fcndel vor mit einem klaren Fokus, etwas ungest\u00fcm, vorlaut, respektlos, wom\u00f6glich sogar ein bisschen rotzig, um sich zwischen all den Soldaten zu behaupten. Eine, die f\u00fcr ihre Ideale einsteht und die ihr Ding durchzieht. Dann dieser Mut, sich all den Dingen zu stellen. Woher nimmt man den? Und wof\u00fcr w\u00fcrde sie sich heute wohl in die Bresche werfen? Naturschutz, Antiglobalisierung? Sicher w\u00e4re sie keine YouTuberin, die Zigtausende von Followerinnen mit irgendwelchen Werbevideos \u00fcbersch\u00fcttet. Und man s\u00e4he sie wohl ebenso wenig bei einer Sendung wie\u00a0<i>Promi Shopping Queen<\/i>. Was auf jeden Fall bleibt: Das Alter ist wahrlich kein Kriterium, um inspirierend zu sein. So manche oder mancher hat heute mit Anfang Drei\u00dfig mehr Pers\u00f6nlichkeit als ein vermeintlich gestandener Charakter.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Ich schaue zum Standbild auf, tippe zum Zeichen des Aufbruchs an mein K\u00e4ppi und mache mich dann wieder auf.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Es geht vorbei an einem kleinen Markt, der jetzt selbst in den Abendstunden ge\u00f6ffnet ist und Produkte aus unterschiedlichen Regionen Frankreichs anbietet. Bei Wildschweinsalami aus Korsika kommt mir unweigerlich die Comicfigur Asterix in den Sinn.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Ich kehre noch in einem Restaurant ein und versuche, mir bei Cr\u00eapes und Schokocreme den Abend noch etwas zu vers\u00fc\u00dfen, wobei ich abermals den Tag Revue passieren lasse.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Einerseits bin ich zwar happy, dass letzten Endes doch alles geklappt hat. Andererseits umf\u00e4ngt mich bei all den Gedanken doch noch einmal eine merkw\u00fcrdige Melancholie. Nein, so recht will keine Champagnerlaune aufkommen. Vielleicht liegt es an den vielf\u00e4ltigen und unterschiedlichen Eindr\u00fccken heute. Ich wei\u00df es nicht.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\">Wieder zur\u00fcck im Hotel, schleppe ich mich die Treppen hinauf und falle dann nur noch todm\u00fcde in die Koje. Ich muss erstmal die eigenen Batterien wieder aufladen.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/01\/Top20-Blogneu-002-1.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-672912\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/01\/Top20-Blogneu-002-1-150x150.png\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><\/p>\n<div id=\"attachment_672760\" style=\"width: 160px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/01\/BloggerRelevanzIndex2019.news-aktuell-Infografik-Relevanteste-Blogs.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-672760\" class=\"size-thumbnail wp-image-672760\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/01\/BloggerRelevanzIndex2019.news-aktuell-Infografik-Relevanteste-Blogs-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-672760\" class=\"wp-caption-text\">Blogger-Relevanz-Index 2019<\/p><\/div>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/04\/Bloggerinnen2020_DRAFT_01.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-thumbnail wp-image-673624\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/04\/Bloggerinnen2020_DRAFT_01-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Buchauszug Andr\u00e9 Niedostadek, Professor f\u00fcr Wirtschafts-, Arbeits- und Sozialrecht an der Hochschule Harz: &#8222;Kurvengefl\u00fcster. 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