{"id":674596,"date":"2020-09-12T06:00:33","date_gmt":"2020-09-12T04:00:33","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/?p=674596"},"modified":"2020-09-12T01:02:09","modified_gmt":"2020-09-11T23:02:09","slug":"buchauszug-ulrich-hemel-kritik-der-digitalen-vernunft-warum-humanitaet-der-massstab-sein-muss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2020\/09\/12\/buchauszug-ulrich-hemel-kritik-der-digitalen-vernunft-warum-humanitaet-der-massstab-sein-muss\/","title":{"rendered":"Buchauszug Ulrich Hemel: &#8222;Kritik der digitalen Vernunft. Warum Humanit\u00e4t der Ma\u00dfstab sein muss.&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Buchauszug<\/strong> <b>Ulrich Hemel: &#8222;Kritik der digitalen Vernunft. Warum Humanit\u00e4t der Ma\u00dfstab sein muss.&#8220;<\/b><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_666089\" style=\"width: 439px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/09\/hemel.ulrich_hemel_bw.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-666089\" class=\"size-full wp-image-666089\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/09\/hemel.ulrich_hemel_bw.jpg\" alt=\"\" width=\"429\" height=\"650\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/09\/hemel.ulrich_hemel_bw.jpg 429w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2017\/09\/hemel.ulrich_hemel_bw-198x300.jpg 198w\" sizes=\"auto, (max-width: 429px) 100vw, 429px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-666089\" class=\"wp-caption-text\">Ulrich Hemel (Foto: PR)<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Digitale Identit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p>Wer sind wir? Wer bin ich? Seit es Menschen gibt, l\u00e4sst sie die Frage nach ihrer Identit\u00e4t nicht los. Weil Menschen relationale, auf Beziehung hin angelegte Wesen sind, vergleichen sie sich mit anderen Menschen, mit Tieren, mit allem, was sie in ihrer Welt-Interaktion erleben k\u00f6nnen. Es ist also kein Wunder, dass mit dem Aufkommen digitaler Lebenswelten auch die Frage nach menschlicher Identit\u00e4t in digitalen Zeiten neu zu stellen ist. Was genau hei\u00dft digitale Identit\u00e4t?<\/p>\n<p>Schon von Anfang an ist darauf hinzuweisen, dass die menschliche Selbstreflexion nur eine der verschiedenen Facetten digitaler Identit\u00e4t sein kann. Denn digitale Identit\u00e4t kann sich auf die Identit\u00e4t von Menschen oder auf die Identit\u00e4t von Maschinen beziehen. Die Frage nach digitaler Identit\u00e4t umfasst also auch die Frage danach, ob Maschinen \u00fcberhaupt eine Identit\u00e4t haben k\u00f6nnen. Wenn ja, wie ist diese zu verstehen? Welche Analogien gibt es zu menschlichen Prozessen der Selbstwerdung und Identit\u00e4tsreflexion? Und wo genau liegen die Unterschiede? Dabei gilt grunds\u00e4tzlich: Menschen sind neugierig, erkunden die Welt, sind sich aber auch selbst ein R\u00e4tsel. Die grundlegende These des folgenden Kapitels l\u00e4sst sich daher wie folgt zusammenfassen: Die besondere F\u00e4higkeit des Menschen zur Selbstreflexion und zum Selbstbewusstsein unterscheidet nach wie vor den Menschen vom Tier, aber auch von Programmen der K\u00fcnstlichen Intelligenz. Denn Technik funktioniert, Menschen leben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Menschliche Identit\u00e4t, Planungsf\u00e4higkeit und Zeitsouver\u00e4nit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p>Die besondere Lebensform des Menschen im Vergleich zu anderen Lebewesen hat nicht zuletzt mit seiner Zeitsouver\u00e4nit\u00e4t zu tun. Menschen haben eine Symbolf\u00e4higkeit, die anderen Lebewesen \u00fcberlegen ist und die ihnen in ihrem Umgang mit Sprache und Welt zugutekommt (vgl. U. Hemel 2020, 152-162).<br \/>\nBesonders die F\u00e4higkeit zur Versprachlichung der Welt schafft eine erste Reflexionsdistanz zwischen dem einzelnen Menschen und der Welt. Denn \u00fcber Sprache k\u00f6nnen wir auch weit entfernte Gegenst\u00e4nde, Ereignisse und Situationen ins Bewusstsein heben und werden dadurch unabh\u00e4ngig von der \u201ereinen Gegenwart\u201c.<br \/>\nReine Gegenwart erfahren wir als Menschen im Normalfall in Momenten der Kindheit, im Spiel und in der Ekstase. Unser Alltag hingegen wird fast nie von reiner Gegenwart bestimmt, sondern mindestens ebenso stark von Erinnerungen, aber auch von der Sorge, also der Aufmerksamkeit f\u00fcr Herausforderungen, die in der Zukunft liegen (vgl. M. Heidegger 1927).<\/p>\n<p>Weiterhin zeichnen Menschen sich durch eine besondere Planungsf\u00e4higkeit aus, die den Horizont ihrer Zeit bis zum Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit ausdehnt, aber auch die Erforschung vergangener Zeit und das Nachdenken oder Tr\u00e4umen \u00fcber ferne Zuk\u00fcnfte erm\u00f6glicht.<\/p>\n<p>Digitale Identit\u00e4t von Menschen ist von solchen \u00dcberlegungen zur Philosophischen Anthropologie nicht abgekoppelt (vgl. dazu R. Weiland 1995, aber auch E. Bohlken, Ch. Thies 2009, M. He\u00dfler, K. Liggier 2019).<\/p>\n<p>Neu ist nun im 21. Jahrhundert die technikaffine Zielrichtung der Reflexion. In den verschiedenen Weltreligionen wird ja das Verh\u00e4ltnis von Mensch und Gott betrachtet (vgl. W. Pannenberg 1983). Eine besondere Rolle spielte dabei der Gedanke der Gottebenbildlichkeit, also der Sch\u00f6pfung des Menschen nach dem Bild Gottes (Buch Genesis, Kapitel 1, Vers 26; vgl. H. Schilling 1961).<\/p>\n<p>In der Anthropologie vergangener Zeiten standen aber auch Gemeinsamkeiten und Unterschiede zum Tier im Mittelpunkt der Betrachtung (vgl. U. Lu\u0308ke, G. Souvignier 2020). Dabei ist im Lauf der Zeit klar geworden, dass weder \u201einstrumentelles Verhalten\u201c durch das Verwenden von Werkzeugen noch \u201ekooperative Sozialformen\u201c den Menschen ausreichend deutlich vom Tier unterscheiden. Die besonders ausgepr\u00e4gte Symbolf\u00e4higkeit von Menschen bringt es aber im Unterschied zu Tieren mit sich, dass die Spezies Mensch Symbole und Institutionen h\u00f6herer Ordnung schaffen kann, etwa ein funktionierendes Geldsystem oder die Einrichtung eines demokratischen Rechtsstaates.<\/p>\n<p>Es ist faszinierend, dass Fragen der theologischen Anthropologie zum Verh\u00e4ltnis von Sch\u00f6pfer und Gesch\u00f6pf dort zur\u00fcckkehren, wo Menschen in der digitalen Welt ihrerseits zum Sch\u00f6pfer komplexer technischer Systeme werden. Denn sie sehen sich nun technischen Gebilden gegen\u00fcber, die hochwertige kognitive Operationen schneller und besser als Menschen erf\u00fcllen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Digitale Akteure haben bislang aber kein Bewusstsein. Sie k\u00f6nnen jedoch Bewusstseinsfunktionen technisch nachstellen. Dadurch kommt eine v\u00f6llig neue Frage ins Sichtfeld: die nach der Identit\u00e4t digital programmierter Maschinen oder jedenfalls von digitalen Akteuren. Das ist auch der Hintergrund f\u00fcr das Entstehen einer v\u00f6llig neuen Disziplin wie der Maschinenethik, also der Ethik von digitalen Maschinen als ethischen Akteuren (vgl. C. Misselhorn 2018).<\/p>\n<p>Ethische Akteure waren in der Vergangenheit nat\u00fcrliche oder juristische Personen, aber nicht Maschinen. Die \u00c4hnlichkeit eines entsprechend programmierten Outputs etwa eines Pflegeroboters mit dem Verhalten eines nat\u00fcrlichen Menschen mag zwar ihre Grenzen haben. Sie reicht aber aus, um Roboter, Androide oder digitale Systeme als ein \u201eGegenu\u0308ber\u201c wahrzunehmen, dem die Qualit\u00e4t eines ethischen Akteurs zukommt. Von dieser Einsicht aus ist es nur ein kleiner Schritt hin zur Er\u00f6rterung der \u201edigitalen Identit\u00e4t\u201c von Maschinen oder gar dem Status von Maschinen als Personen. Diese Diskussion soll aber erst in Kapitel 8 vertieft werden.<\/p>\n<p>Selbst wenn wir uns zun\u00e4chst auf die Betrachtung von Menschen beschr\u00e4nken, sind verschiedene Perspektiven zu unterscheiden. Denn die digitale Identit\u00e4t von Menschen umfasst zumindest drei Ebenen.<\/p>\n<p>Die erste Ebene digitaler Identit\u00e4t betrifft subjektives Bewusstsein und somit die individuelle Ebene pers\u00f6nlicher digitaler Identit\u00e4t. Wer bin ich, wenn ich digital handle?<\/p>\n<p>Die zweite Ebene digitaler Identit\u00e4t betrachtet die soziale und kollektive Ebene sowie die rechtlichen und politischen Ausgestaltungen des Umgangs mit dieser digitalen Identit\u00e4t. Wem wird Identit\u00e4t und Verantwortung zugeschrieben, wenn aus meiner digitalen Identit\u00e4t Handlungen hervorgehen?<\/p>\n<p>Die dritte Ebene digitaler Identit\u00e4t thematisiert die philosophische Frage der Unterscheidung menschlicher Identit\u00e4t von der Identit\u00e4t der Tiere und der Maschinen, speziell mit Blick auf Entwicklungen im digitalen Zeitalter. Wie unterscheiden wir also Person und Identit\u00e4t?<\/p>\n<p>Und wie unterscheiden sich Mensch, Tier und Maschine?<\/p>\n<p>Diese umfassende Auslegung des Begriffs digitaler Identit\u00e4t sch\u00fctzt vor der Verengung auf eine rein subjektive oder eine rein sozialethische Perspektive. Au\u00dferdem stellt sie die Frage nach digitaler Identit\u00e4t in ihren geschichtlichen Zusammenhang.<br \/>\nEine These der vorliegenden \u201eKritik der digitalen Vernunft\u201c ist es, dass die digitale Transformation einen echten Epochenbruch bezeichnet, der erhebliche soziale Folgen nach sich zieht. Reflexionen \u00fcber den Kern des Menschseins, was immer dieser sein mag, kommen besonders stark in Zeiten von solchen technischen und politischen Epochenbr\u00fcchen zur Sprache. Denn jede neue Technik, vom Ackerbau bis zur Schrift, vom Buchdruck bis zum Fernsehen, von der Zeitung bis zum Internet, bringt neue Fragen hervor und wirft neues Licht auf bisherige Antworten. Nur in wenigen F\u00e4llen greifen technologische Ver\u00e4nderungen so tief in den Alltag der Menschen ein, dass in deren Bewusstsein ein \u201eVorher\u201c und \u201eNachher\u201c eingegraben wird, einfach weil technische Ver\u00e4nderungen und Ver\u00e4nderungen der sozialen und individuellen Lebensform von Menschen so grundlegend sind, dass sie praktisch alle Aspekte des Alltags durchziehen.<\/p>\n<p>Wichtig ist dabei regelm\u00e4\u00dfig die Balance aus Diskontinuit\u00e4t und Kontinuit\u00e4t, aus der Anerkennung und Wahrnehmung dessen, was wirklich neu ist, aber auch aus der Ber\u00fccksichtigung fortdauernder Kr\u00e4fte und Prozesse. Schlie\u00dflich sind Kontinuit\u00e4t und Diskontinuit\u00e4t nicht so eindeutig verteilt, wie es bisweilen scheinen mag, wenn neue Technik bis in das Alltagsleben der Menschen eingreift.<\/p>\n<p>Im Folgenden soll die anthropologische und philosophische Frage nach dem Menschen, seiner Identit\u00e4t und seiner Person den Hintergrund bilden f\u00fcr die praktischen und technischen Fragen digitaler Identit\u00e4t.<\/p>\n<p>Eine erste Ann\u00e4herung gilt dabei der Ver\u00e4nderung in unserer Sprache. Ein kleines Beispiel soll dies zeigen. Denn ein Wort wie \u201eIdentit\u00e4tsmanagement\u201c kam in vor-digitalen Zeiten nicht vor. Es war zwar auch im letzten Jahrhundert schon m\u00f6glich, sich selbst in unterschiedlichen Rollen und Situationen zu inszenieren. Ein eigenes \u201eIdentit\u00e4tsmanagement\u201c war aber unbekannt.<\/p>\n<p>Das Wort \u201eIdentit\u00e4tsdiebstahl\u201c war vor allem auf Versicherungsbetru\u0308ger, Heiratsschwindler und Kreditkartenbetr\u00fcger begrenzt. Menschen konnten sich zwar auch in fr\u00fcheren Zeiten selbst verlieren oder mit anderen verwechselt werden. Sie konnten Identit\u00e4tskrisen erleben oder als Geheimagenten eine falsche Identit\u00e4t annehmen. Das Wort \u201eIdentit\u00e4tsdiebstahl\u201c hat aber in digitalen Zeiten neue Bedeutungsfacetten und erst recht eine neue Brisanz gewonnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/09\/cover.hemel_.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-674614\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/09\/cover.hemel_.jpg\" alt=\"\" width=\"398\" height=\"650\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/09\/cover.hemel_.jpg 398w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/09\/cover.hemel_-184x300.jpg 184w\" sizes=\"auto, (max-width: 398px) 100vw, 398px\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>Ulrich Hemel: &#8222;Kritik der digitalen Vernunft. Warum Humanit\u00e4t der Ma\u00dfstab sein muss.&#8220;\u00a0<span style=\"margin: 0px;color: #1f497d;font-family: 'Tahoma',sans-serif\"> 400 Seiten, 32 Euro, Herder Verlag <a href=\"https:\/\/eur01.safelinks.protection.outlook.com\/?url=https%3A%2F%2Fwww.herder.de%2Fgeschichte-politik-shop%2Fkritik-der-digitalen-vernunft-gebundene-ausgabe%2Fc-34%2Fp-19313%2F&amp;data=02%7C01%7CClaudia.Toedtmann%40wiwo.de%7C42a416b6f62a4b7ddbe108d854cf8cf9%7C78a6b313ae8f4324ba3685e7b2bc6f1d%7C0%7C0%7C637352597821918661&amp;sdata=Jq%2FI2iK2cOq7Mt1lSPP2kOWkaTmfSeLAcnbpiw%2FvShs%3D&amp;reserved=0\">https:\/\/www.herder.de\/geschichte-politik-shop\/kritik-der-digitalen-vernunft-gebundene-ausgabe\/c-34\/p-19313\/<\/a><\/span><\/strong><\/p>\n<p><span style=\"margin: 0px;color: #1f497d;font-family: 'Tahoma',sans-serif\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><strong>Digitale Identit\u00e4t als Epochenbruch der Selbstwahrnehmung<\/strong><\/p>\n<p>Das beispielhafte Wort \u201eIdentit\u00e4tsdiebstahl\u201c kann uns helfen, das Ausma\u00df in der Ver\u00e4nderung menschlicher Selbstwahrnehmung in digitaler Zeit zu erfassen. Interessant ist im Kontext der digitalen Welt speziell die hybride Mischung aus technischen und personalen Aspekten.<\/p>\n<p>Denn mit \u201eIdentit\u00e4tsdiebstahl\u201c gemeint sind unbefugte technische Zugriffe auf Elemente digitaler Identit\u00e4t wie ein Passwort, eine Mail-Adresse und dergleichen, sodass Angreifer sich \u201etarnen\u201c k\u00f6nnen und Zug\u00e4nge gewinnen, die ihnen nicht zustehen, weil sie sich als Personen ausgeben, die sie nicht sind.<\/p>\n<p>Das Wort \u201eIdentit\u00e4tsdiebstahl\u201c enth\u00e4lt eine rechtliche und moralische Wertung: es handelt sich um Diebstahl, um einen kriminellen Akt. Wir sind hier also in der Sph\u00e4re des Sozialverhaltens und des Rechts. Gestohlen wird aber mit digitalen Hilfsmitteln, und Gegenstand des Diebstahls sind Elemente der digitalen Existenz einer Person.<br \/>\nDas Wort \u201eIdentit\u00e4tsdiebstahl\u201c mischt also digitale, technische Voraussetzungen mit den Normen und Kriterien sozialen Zusammenlebens. Anders gesagt: Die Norm \u201eDu sollst nicht stehlen\u201c ist Teil der biblischen Zehn Gebote und seit Langem als Handlungsrichtlinie in der analogen Welt bekannt. Der Ausdruck \u201eIdentit\u00e4t stehlen\u201c ist in der digitalen Anwendung neu. Er kann uns dazu veranlassen, die Einsicht in das gesamte Universum rund um unsere Identit\u00e4t zu vertiefen. Denn eine Person geht in ihrer digitalen Existenz ja nicht auf. Sie muss \u00fcber ihr digitales Leben hinaus notwendigerweise essen und trinken, schlafen und atmen wie andere Menschen auch. Und das sind ausdr\u00fccklich nicht-digitale Lebens\u00e4u\u00dferungen.<\/p>\n<p>In analogen Zeiten verwies Identit\u00e4t auf die Ganzheit der Person. Der Anspruch der Ganzheit wird nun auf verschiedene Art und Weise ver\u00e4ndert. Denn \u201edigitale Identit\u00e4t\u201c verweist ja gerade nicht auf das Ganze des Lebens, sondern auf einen Ausschnitt, sozusagen auf das digitale Fenster unseres Lebens. Dieses \u201edigitale Fenster\u201c markiert denjenigen Ausschnitt unserer ganzen Person, bei dem es um unsere Gegenwart, Wirkung, Geltung und Aktivit\u00e4t in der digitalen Welt geht.<\/p>\n<p>Da dieser digitale Ausschnitt der \u201eganzen\u201c Welt einen immer gr\u00f6\u00dferen Raum des Lebens einnimmt und zur Zugangsvoraussetzung pers\u00f6nlicher Teilhabe wird, k\u00f6nnen die Folgen eines digitalen Identit\u00e4tsdiebstahls verheerend sein: Vom Ausschluss aus dem Arbeitsleben bis zur Sperrung von Bankkonten, von fehlender digitaler Teilhabe in sozialen Medien zur gef\u00fchlten sozialen Isolation.<\/p>\n<p>Ein Wort wie \u201edigitale Identit\u00e4t\u201c verweist folglich darauf, wie sehr unser Leben eine hybride Gestalt aus digitalen und nicht-digitalen Elementen, aber auch Erlebnissen und Aktivit\u00e4ten angenommen hat. Die vertiefte Frage nach digitaler Identit\u00e4t ist nur bedingt mit dem eigenen Bewusstsein und Selbstbewusstsein gekoppelt. Identit\u00e4tsdiebstahl kann auch passieren, w\u00e4hrend ich schlafe. Neu daran ist nicht, dass Diebe in der Nacht kommen k\u00f6nnen. Neu ist, dass \u201eIdentit\u00e4t\u201c gestohlen werden kann ohne Wachbewusstsein. Wenn jemand meine Identit\u00e4t stiehlt, kann er sich digital als Alias-Person meiner selbst ausgeben und einen Verm\u00f6gens- und Reputationsschaden anrichten. Das bedeutet aber auch, dass digitale Identit\u00e4t aufgrund der technischen Konnotation des Begriffs wie oben ausgef\u00fchrt nicht an Bewusstsein und an Aufmerksamkeit gekn\u00fcpft sein muss.<\/p>\n<p>Eine Person ohne Bewusstsein war in der traditionellen Welt allenfalls als Spezial- und Sonderfall vorstellbar. Eine Person ohne Bewusstsein sind wir, wenn wir schlafen, wenn wir ohnm\u00e4chtig sind, w\u00e4hrend einer An\u00e4sthesie. Die Person ohne Bewusstsein kann aber im Grunde nicht gedacht werden ohne Bezugnahme auf die Vollgestalt der bewusstseinsf\u00e4higen, verantwortlichen und rechtsf\u00e4higen Person. Wer ohne Bewusstsein ist, schlie\u00dft keine Rechtsgesch\u00e4fte ab und kann \u2013 etwa im Zustand des Vollrauschs \u2013 nur bedingt zur Verantwortung gezogen werden. Dies gilt auch dann, wenn feinsinnige Juristen den Ausdruck der actio libera in causa artikuliert haben, also dem Gedanken Ausdruck verleihen, dass eine berauschte Person Verantwortung zu \u00fcbernehmen habe zumindest f\u00fcr die Ursache (causa) des Rausches, also die zurechenbare und bewusste Einwilligung in ein Trinkverhalten, welches das Bewusstsein erheblich tr\u00fcbt oder gar ganz ausschaltet (vgl. M. Hettinger 1988, E. Schmidh\u00e4user 1992).<\/p>\n<p>Der Vollbegriff der Person mit ihrer personal zurechenbaren Verantwortung ist nur bedingt auf den Begriff der digitalen Identit\u00e4t anwendbar. Digitale Identit\u00e4t ist zwar eine Erscheinungsform und eine in aller Regel zurechenbare Gestalt meiner analogen, physischen Person.<\/p>\n<p>Sie ist aber zugleich mehr und weniger: Mehr, weil die technische Wirkmacht digitaler Identit\u00e4t \u00fcber die Grenzen der eigenen Person hinausreichen kann, und weniger, weil es keine Deckungsgleichheit zwischen der physischen Person und ihrer digitalen Identit\u00e4t gibt. Der Begriff der Person als \u201ePersona\u201c, als dem Durcht\u00f6nenden durch die Maske im griechischen und r\u00f6mischen Theater, gewinnt hier wieder an Bedeutung: \u201eHinter\u201c der Maske steht und agiert ein Mensch. Konkretisiert wird dieser durch die Perspektive und die Handlungsm\u00f6glichkeit der Rolle, die durch die Maske versinnbildlicht wird.<\/p>\n<p>Das Auseinanderfallen von Person und \u201eIdentit\u00e4t\u201c ist nicht einfach ein Detail als Folge neuer technischer M\u00f6glichkeiten. Es markiert einen Epochenbruch der Selbstwahrnehmung. Das geht bis hin zu markanten Auswirkungen der digitalen Welt auf Erziehung, auf K\u00f6rperwahrnehmung und Selbstbewusstsein.<\/p>\n<p>Durch moderne Bildbearbeitungsprogramme k\u00f6nnen beispielsweise Inszenierungen des eigenen K\u00f6rpers erreicht werden, die von der nackten Realit\u00e4t mehr oder weniger weit entfernt sind. Das geht so weit, dass es bereits durch Instagram induzierte Sch\u00f6nheitsoperationen gibt. Das sind Korrekturen des K\u00f6rpers in Richtung eines Sch\u00f6nheitsideals, das einem vorgestellten Idealk\u00f6rper entspricht, wie er durch Instagram-Posts als w\u00fcnschenswert dargestellt wird. Bemerkenswert<br \/>\nan dieser Entwicklung ist nicht, dass es sich verst\u00e4rkende soziale Prozesse gibt. Neu ist vielmehr, dass diese Prozesse digital angesto\u00dfen und verst\u00e4rkt werden. Anders gesagt: Die digital abgebildete Welt nimmt wirksam Einfluss auf die reale Welt bis hin zur menschlichen Leiblichkeit. Es gibt folglich nicht nur analog-digitale, sondern auch digital-analoge R\u00fcckkopplungsschleifen im menschlichen Verhalten. Das wiederum kann als zus\u00e4tzliches Indiz f\u00fcr einen Epochenbruch der Selbstwahrnehmung gedeutet werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Drei Ebenen der Person: Physisches Ich, digitales Ich und Cloud-Ich<\/strong><\/p>\n<p>Eine Kritik der digitalen Vernunft wird folglich wahrzunehmen haben, dass der Begriff der Person, des Selbst, des Ichs umfassender gedeutet werden muss als in analoger Zeit.<br \/>\nDabei geht es nicht nur um die schon klassische Unterscheidung zwischen Person und Rolle, zwischen beruflicher und privater Existenz, zwischen \u00f6ffentlicher und nicht-\u00f6ffentlicher Erscheinung. Diese Unterscheidungen sind weiterhin von Bedeutung, aber sie m\u00fcssen f\u00fcr die digitale und die nicht-digitale Welt neu ausbuchstabiert werden.<br \/>\nIn digitalen Zeiten gibt es tats\u00e4chlich jeden einzelnen Menschen als \u201edreifache Person\u201c, also in dreifacher Gestalt: Als physische, menschliche Person, als digital erweiterte Person in Gestalt der eigenen Bilder und Daten im Internet und im Smartphone sowie als digital virtuelle Person in Gestalt der gar nicht bewusst zug\u00e4nglichen Informationen \u00fcber eine Person im Internet und in allerlei Datenspeichern.<\/p>\n<p>Die Verdopplungsfunktion der digitalen Welt (A. Nassehi 2019, 108-151) macht also vor der Definition einer Person nicht halt. Noch mehr: eine \u201edigitale Person\u201c kann auch nach dem Ableben der physischen Person existieren. Die Diskussionen um das Recht auf<br \/>\n\u201edigitales Vergessen\u201c geben davon Zeugnis ab (vgl. V. Mayer-Sch\u00f6nberger 2010; M. Welker 2018).<\/p>\n<p>Die digitale Transformation f\u00fchrt, wie an dieser Stelle erkennbar wird, zu einer Umgestaltung sozialkultureller Lebensformen, die \u00e4hnlich grundlegend ist wie der \u00dcbergang von der nomadischen Lebensweise der J\u00e4ger und Sammler zur sesshaften Lebensweise der Bauern. Dabei w\u00e4re es ein Irrtum zu glauben, das ganze Leben werde nun digital oder die nicht-digitale Welt g\u00e4be es bald gar nicht mehr. Richtig ist vielmehr, dass wir von einer analogen in eine durch und durch hybride Lebensform \u00fcbergehen, bei der analoge und digitale Anteile nicht leicht zu unterscheiden sind. Die physische Person Sophia Maier existiert also wie folgt:<\/p>\n<p>1. Sophia Maier, physische Person oder \u201ePersona 1\u201c, mit eindeutigem Geburtsdatum und Geburtsort, ausgewiesen durch einen Reisepass oder Personalausweis. Diese Person kann sprechen und handeln, sie atmet und muss essen und trinken. Persona 1 ist an die physische Existenz von \u201eSophia Maier\u201c gekoppelt.<\/p>\n<p>2. Sophia Maier, digital erweiterte Person oder \u201ePersona 2\u201c, erfasst durch Registrierung einer Smartphone-Nummer, erfasst als User durch eine angemeldete IP-Adresse, erfasst bei Daten- und Social-Media-Anbietern, identifiziert durch Passw\u00f6rter, Vertr\u00e4ge und Einwilligungen. Diese Person kann sich digital mitteilen und wirksam handeln; sie ist in aller Regel eine Handlungs- und \u00c4u\u00dferungsform von Person 1 und braucht Stromversorgung und Datenverbindungen. Sie kann mit oder ohne das Bewusstsein von Persona 1 existieren und ist, von Ausnahmen wie beim Identit\u00e4tsdiebstahl abgesehen, an die physische Existenz von Persona 1 gekoppelt.<\/p>\n<p>3. Sophia Maier, digital virtuelle Person oder \u201ePersona 3\u201c, erfasst durch Daten, digitale Handlungen und digitale Spuren auf der Grundlage von Handlungen der Persona 2. Diese Person existiert nicht in bewusster Gestalt, sondern ist virtuell in dem Sinn, dass es sich um das immer nur fragmentiert zug\u00e4ngliche gedankliche Konstrukt der \u201evollst\u00e4ndigen Datenspur\u201c von Persona 2 handelt. Diese Datenspur teilt sich auf private Anbieter und staatliche Beh\u00f6rden auf und wird nirgends zusammengef\u00fchrt. Persona 3 existiert komplett au\u00dferhalb des Bewusstseins von Persona 1 und Persona 2.<\/p>\n<p>Die Unterscheidung von Persona 1, Persona 2 und Persona 3 macht unmittelbar verst\u00e4ndlich, warum eine Analyse digitaler Identit\u00e4t immer auch die Frage nach Selbstkontrolle und Kontrollverlust mitbedenken sollte.<\/p>\n<p>Dass eine Person keinerlei Spuren in der digitalen Welt verursacht, ist heutzutage in Europa unwahrscheinlich, auch f\u00fcr hochbetagte Personen wie f\u00fcr meinen \u00fcber 90-j\u00e4hrigen Vater. Wir wissen im Grunde nicht, welche Datenspuren wir hinterlassen und welche unserer analogen Lebens\u00e4u\u00dferungen sozusagen digital gespiegelt werden \u2013 etwa eine Vereinsmitgliedschaft, der Facebook-Eintrag einer Person, die wir kennen und die uns zuf\u00e4llig fotografiert, und vieles mehr.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen uns zwar eine geistig hochstehende Podiumsdiskussion an einer deutschen Universit\u00e4t ausdenken, bei der feinsinnig die Schlussfolgerung artikuliert wird, die \u201eeigentliche Person\u201c sei doch nur die \u201ePersona 1\u201c. Richtig daran ist, dass wir ohne die \u201ePersona 1\u201c keinen Anker und keinen Referenzpunkt f\u00fcr Persona 2 und Persona 3 h\u00e4tten. Und schon aus Gr\u00fcnden der menschlichen Selbstachtung tun wir gut daran, in unserer Existenz als selbstbewusste physische Person die entscheidende Voraussetzung f\u00fcr unsere digitale Identit\u00e4t zu sehen. \u201eHinter\u201c einer digitalen Identit\u00e4t steht eben eine pers\u00f6nlich, moralisch und rechtlich zurechenbare Person.<\/p>\n<p>Dennoch geht die Realit\u00e4t der \u201ehybriden Person\u201c im Gesamtzusammenhang von Persona 1, Persona 2 und Persona 3 deutlich \u00fcber den klassischen Begriff der Person hinaus. Denn auch wenn Persona 1 der Anker ist, fehlt es Persona 2 und Persona 3 nicht an Realit\u00e4t. Sie sind gewisserma\u00dfen Erweiterungen unserer Persona 1, entziehen sich aber in einigen Aspekten unserer bewussten Kontrolle.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/01\/Top20-Blogneu-002-1.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-672912\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/01\/Top20-Blogneu-002-1-150x150.png\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><\/p>\n<div id=\"attachment_672760\" style=\"width: 160px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/01\/BloggerRelevanzIndex2019.news-aktuell-Infografik-Relevanteste-Blogs.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-672760\" class=\"size-thumbnail wp-image-672760\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/01\/BloggerRelevanzIndex2019.news-aktuell-Infografik-Relevanteste-Blogs-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-672760\" class=\"wp-caption-text\">Blogger-Relevanz-Index 2019<\/p><\/div>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/04\/Bloggerinnen2020_DRAFT_01.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-thumbnail wp-image-673624\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/04\/Bloggerinnen2020_DRAFT_01-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Buchauszug Ulrich Hemel: &#8222;Kritik der digitalen Vernunft. 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