{"id":674477,"date":"2020-09-01T21:36:56","date_gmt":"2020-09-01T19:36:56","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/?p=674477"},"modified":"2020-09-05T00:31:50","modified_gmt":"2020-09-04T22:31:50","slug":"buchauszug-thomas-hax-schoppenhorst-michael-herrmann-treue-und-vertrauen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2020\/09\/01\/buchauszug-thomas-hax-schoppenhorst-michael-herrmann-treue-und-vertrauen\/","title":{"rendered":"Buchauszug Thomas Hax-Schoppenhorst \/ Michael Herrmann (Hrsg.): &#8222;Treue und Vertrauen.&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Buchauszug Thomas Hax-Schoppenhorst \/ Michael Herrmann: &#8222;Treue und Vertrauen. Vertrauen und Treue, sozialer Klebstoff des Lebens.&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_659411\" style=\"width: 660px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2015\/12\/haxhax.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-659411\" class=\"size-full wp-image-659411\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2015\/12\/haxhax.jpg\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"387\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2015\/12\/haxhax.jpg 650w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2015\/12\/haxhax-300x178.jpg 300w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2015\/12\/haxhax-500x297.jpg 500w\" sizes=\"auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-659411\" class=\"wp-caption-text\">Thomas Hax-Schoppenhorst (l., Hrsg.) und Peter-Michael Hax (r., Autor)<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Kapitel der Chirurgen Peter-Michael Hax und Jakob Hax<\/strong><\/p>\n<p><strong>Treue<\/strong><\/p>\n<p>Was erwartet nun der Patient von dem Chirurgen, dem er sich anvertrauen will beziehungsweise im Notfall muss? Was darf er erwarten? Es ist eine verbreitete, wenngleich nicht zutreffende Annahme, dass jeder Arzt mit Erteilung der Approbation den Eid des Hippokrates schw\u00f6ren m\u00fcsse. Selbst Medizinstudent*innen, der Autor eingeschlossen, gehen zu Beginn des Studiums h\u00e4ufig noch davon aus. An der Stelle des hippokratischen Eids steht heute die Genfer Deklaration des Welt\u00e4rztebundes von 1948, die in die (Muster-)Berufsordnung der Bundes\u00e4rztekammer (2020) \u00fcbernommen wurde und deren einleitendes Gel\u00f6bnis in mehr oder minder abgewandelter oder erg\u00e4nzter Form Eingang gefunden hat in die Berufsordnungen der jeweiligen Landes\u00e4rztekammern.<\/p>\n<p>Etwas Vergleichbares gibt es \u00fcbrigens auch f\u00fcr Pflegefachkr\u00e4fte in Form des ICN-Ethikkodex f\u00fcr Pflegende (dgcc, 2017). Pers\u00f6nlich oder gar \u00f6ffentlich ablegen muss der Arzt ein solches Gel\u00f6bnis nicht. Der Inhalt sollte ihm jedoch vertraut sein und als verbindlich gelten.<\/p>\n<p>Da die Berufsordnung der Bundes\u00e4rztekammer \u00f6ffentlich und durch das Internet jedem Interessierten leicht zug\u00e4nglich ist, kann auch die nicht medizinisch gebildete \u00d6ffentlichkeit darauf vertrauen, dass ein Arzt gegen\u00fcber seinen Patient*innen eine besondere ethisch-moralische Grundhaltung einnimmt, zumal man auch davon ausgehen kann, dass sich von vornherein ohnehin nur diejenigen f\u00fcr diesen Beruf entscheiden, die sich mit den damit einhergehenden besonderen moralischen Verpflichtungen identifizieren und eine gewisse Bereitschaft haben, zu dienen, und Idealismus mitbringen: bei Medizinstudent*innen stehen meistens idealistische Motive im Vordergrund (Hibbeler, 2011, S. A 2758). Das die Berufsordnung einleitende Gel\u00f6bnis beginnt mit den S\u00e4tzen: \u201eAls Mitglied der \u00e4rztlichen Profession gelobe ich feierlich, mein Leben in den Dienst der Menschlichkeit zu stellen. Die Gesundheit und das Wohlergehen meiner Patientin oder meines Patienten werden mein oberstes Anliegen sein\u201c (Bundes\u00e4rztekammer, o. J.).<\/p>\n<p>Ein tugendhaftes Verhalten kann also vorausgesetzt werden. Entsprechend ist das Berufsprestige von \u00c4rztinnen und \u00c4rzten wie auch von Pflegekr\u00e4ften seit Jahren unver\u00e4ndert hoch (Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland, 2017).<\/p>\n<p>Treue ist die Tugend, die im Verh\u00e4ltnis zwischen Patient und Chirurg eine \u00fcberragende Bedeutung hat. Indem der Patient dem Chirurgen vertraut, verl\u00e4sst er sich nicht nur auf dessen Fachkenntnisse und manuelle F\u00e4higkeiten, sondern insbesondere auf dessen Treue. Dieses Wort mag in der heutigen Zeit etwas angestaubt erscheinen, beschreibt aber die f\u00fcr dieses besondere zwischenmenschliche Verh\u00e4ltnis bedeutsame Haltung am umfassendsten und ist in diesem Kontext ausschlie\u00dflich mit positiven Assoziationen besetzt. Negative Assoziationen im Sinne von \u201etreudoof\u201c spielen dagegen hier keine Rolle. Der treue Chirurg steht zu seinem Versprechen, die Gesundheit und das Wohlergehen seiner Patienten als sein oberstes Anliegen zu sehen. Er steht zu seinen speziellen chirurgischen Prinzipien und \u00dcberzeugungen, ohne sich durch \u00f6konomische Zw\u00e4nge oder m\u00f6gliche finanzielle oder pers\u00f6nliche Vorteile verf\u00fchren zu lassen.<\/p>\n<p>Im Sinne der wertfreien Bedeutung des Wortes \u201elinientreu\u201c steht er da, wo der Patient es von ihm erwartet und handelt auch entsprechend, sodass dieser blind darauf vertrauen kann, dass jener das im jeweiligen Moment f\u00fcr ihn Beste tut. Denn gerade w\u00e4hrend eines chirurgischen Eingriffs k\u00f6nnen sich unvorhergesehen ver\u00e4nderte Situationen ergeben, in denen akut Entscheidungen getroffen und m\u00f6glicherweise urspr\u00fcnglich nicht geplante Ma\u00dfnahmen ergriffen werden m\u00fcssen. Dabei arbeitet der Chirurg gewissenhaft, verantwortungsvoll, sorgf\u00e4ltig, feinf\u00fchlig, detailtreu, selbstlos und dem\u00fctig; er muss seine eigenen Grenzen kennen und bereit und in der Lage sein, kritische Grenzsituationen zu bew\u00e4ltigen. Was die damit verbundenen Charaktereigenschaften am umfassendsten und gleichzeitig in denkbar knapper Form umschreibt, ist das Wort Treue \u2013 etwas, was das Eigeninteresse \u00fcberschreitet (Pellegrino, 2005).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/09\/cover.hax_.3.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-674482\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/09\/cover.hax_.3.jpg\" alt=\"\" width=\"460\" height=\"650\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/09\/cover.hax_.3.jpg 460w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/09\/cover.hax_.3-212x300.jpg 212w\" sizes=\"auto, (max-width: 460px) 100vw, 460px\" \/><\/a><\/p>\n<p class=\"topline\"><strong>&#8222;Treue und Vertrauen. Vertrauen und Treue, sozialer Klebstoff des Lebens.&#8220; Handbuch f\u00fcr Pflege-, Gesundheits- und Sozialberufe. 464 Seiten, Hogrefe, 49,95 Euro.\u00a0Treue und Vertrauen <a href=\"https:\/\/www.hogrefe.de\/shop\/treue-und-vertrauen-92940.html\">https:\/\/www.hogrefe.de\/shop\/treue-und-vertrauen-92940.html<\/a><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Vertrauen<\/strong><\/p>\n<p>Es versteht sich von selbst, dass ein Patient das Vertrauen zu seinem Arzt sucht und dieses auch f\u00fcr eins der wichtigsten Merkmale \u2013 wenn nicht das wichtigste \u2013 des Verh\u00e4ltnisses zwischen Arzt und Patient h\u00e4lt, besonders im chirurgischen Umfeld. Das Schl\u00fcsselwort f\u00fcr den Aufbau eines Vertrauensverh\u00e4ltnisses ist \u201eKommunikation\u201c, sowohl verbale als auch nonverbale. Sie ist die Voraussetzung f\u00fcr eine erfolgreiche Therapie. F\u00fchlt sich der Patient als Person wahrgenommen, respektiert und in der Obhut des Arztes aufgehoben, w\u00e4chst die Patientenzufriedenheit und damit auch das Vertrauen. Compliance und Mitarbeit nehmen ebenfalls zu und es kommt zu einer positiven Wirkung auf den Heilverlauf und den Heilerfolg (Gordon, Baker &amp; Levinson, 1995). Es wird sogar \u00fcber vergleichbar positive Effekte unter den Bedingungen der aktuell an Bedeutung gewinnenden Telemedizin berichtet (Agha, Schapira, Laud, McNutt &amp; Roter, 2009).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine gelungene Kommunikation hat auch Vorteile f\u00fcr den Arzt:<\/p>\n<p>\u2022 Die subjektive Belastung durch die Krankheit des Patienten nimmt ab.<br \/>\n\u2022 Die Stressbelastung durch den Beruf wird als niedriger empfunden<br \/>\n\u2022 Die berufliche Zufriedenheit w\u00e4chst.<br \/>\n\u2022 Die Neigung zu Depressionen und \u00c4ngsten geht zur\u00fcck.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Damit ist eine gelungene Kommunikation gleichzeitig auch eine Burn-out-Pr\u00e4vention f\u00fcr den Arzt (Armstrong &amp; Holland, 2004; Boissy, Windover, Bokar, Karafa, Neuendorf, Frankel &#8230; &amp; Rothberg, 2016). Im Sinne einer positiven R\u00fcckkopplung, also einer positiven Bedeutung des Begriffs \u201eTeufelskreis\u201c bewirken ein positives Feedback und die positive Erfahrung einer gelungenen Kommunikation beim Arzt einen Zuwachs an Empathie und er kann die so erreichte Erweiterung und Verbesserung seiner soft skills in sp\u00e4teren Situationen f\u00fcr einen besseren und schnelleren Vertrauensaufbau einsetzen.<\/p>\n<p>Wenn das Gespr\u00e4ch zwischen Arzt und Patient nicht beide Seiten zufriedenstellt, bleibt meist auch die Behandlung wenig erfolgreich (Schnack, 2012).<\/p>\n<p>Was erwartet nun ein Patient von seinem Arzt, speziell einem Chirurgen, beziehungsweise von seinem Operateur? Wodurch entsteht Vertrauen, wie l\u00e4sst sich der \u2013 in Akutsituationen bisweilen schnell \u2013 notwendige Vertrauensaufbau beeinflussen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang oft geh\u00f6rte Aussagen von Patienten sind:<\/p>\n<p>\u2022 \u201eMein Arzt hat Zeit, er hat Mitgef\u00fchl, er h\u00f6rt mir zu und nimmt mich ernst.\u201c<br \/>\n\u2022 \u201eEr schaut mich beim Gespr\u00e4ch an, ich f\u00fchle mich gesehen.\u201c<br \/>\n\u2022 \u201eEr l\u00e4sst sich auf mich als Mensch ein, will das Beste f\u00fcr mich, behandelt mich so wie einen seiner Familienangeh\u00f6rigen.\u201c<br \/>\n\u2022 \u201eEr ist gef\u00fchlt immer f\u00fcr mich da, gibt mir das Gef\u00fchl, dass er mein Arzt ist.\u201c<br \/>\n\u2022 \u201eEr hat jahrelange Erfahrung, ist fachkompetent, kennt die neuesten Methoden und Studien und beurteilt sie kritisch.\u201c<br \/>\n\u2022 \u201eEr beantwortet meine Fragen verst\u00e4ndlich und informiert mich ausf\u00fchrlich.\u201c<br \/>\n\u2022 \u201eEr steht zu eventuellen Fehlern und Wissensl\u00fccken und vernetzt sich gegebenenfalls mit anderen \u00c4rzten, empfiehlt mich weiter oder schl\u00e4gt mir offen vor, eine Zweitmeinung einzuholen.\u201c<br \/>\n\u2022 \u201eEr ist ehrlich zu mir, aber so, dass er wei\u00df, wie viel Wahrheit ich vertragen kann und h\u00f6ren will. Im Falle einer Komplikation informiert er mich oder meine Angeh\u00f6rigen unverz\u00fcglich.\u201c<br \/>\n\u2022 \u201eEr vermittelt mir das Gef\u00fchl, dass er mein Problem l\u00f6sen kann, dass ich stark genug bin, zur Heilung beizutragen, dass ich gesund werde. Er l\u00e4sst mich nicht ohne Hoffnung.\u201c<br \/>\n\u2022 \u201eEr ist bereit, gemeinsam mit mir einen Weg zu finden, der zur Heilung f\u00fchrt. Wenn wir einmal nicht einer Meinung sind und er meinen Weg nicht mitgehen will, wird er mir das offen sagen.\u201c<br \/>\n\u2022 \u201eIch achte sehr nicht nur auf seine Worte, sondern auch auf seinen Blick, seine Handbewegungen und seine K\u00f6rperhaltung, weil mir diese nicht verbale Form der Kommunikation hilft, seine Glaubw\u00fcrdigkeit und seine Aufrichtigkeit einzusch\u00e4tzen.\u201c<br \/>\n\u2022 \u201eAls Chirurg ist mein Arzt geschickt und penibel. Er sorgt daf\u00fcr, dass ich m\u00f6glichst wenig Schmerzen habe. Es ist gut zu wissen, dass er mich pers\u00f6nlich operiert.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_674525\" style=\"width: 630px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/09\/hax.jakob_.handy_.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-674525\" class=\"size-full wp-image-674525\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/09\/hax.jakob_.handy_.jpg\" alt=\"\" width=\"620\" height=\"650\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/09\/hax.jakob_.handy_.jpg 620w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/09\/hax.jakob_.handy_-286x300.jpg 286w\" sizes=\"auto, (max-width: 620px) 100vw, 620px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-674525\" class=\"wp-caption-text\">Jakob Hax (Foto: Privat)<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Vertrauensaufbau in Notfallsituationen<\/strong><\/p>\n<p>Die Bedingungen und Voraussetzungen, unter denen im Arzt-Patient-Verh\u00e4ltnis Vertrauen entsteht und w\u00e4chst, k\u00f6nnen sehr unterschiedlich sein. Gerade im chirurgischen Umfeld und ganz besonders in der Unfallchirurgie kommt es immer wieder zu Notfallsituationen, in denen sich Arzt und Patient unvorbereitet erstmalig begegnen und unter akutem Handlungsdruck ein rascher Vertrauensaufbau gelingen muss.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der erfahrene Chirurg in der Lage sein sollte, hier die der Situation und den individuellen Bed\u00fcrfnissen des Patienten am besten gerecht werdenden Worte zu w\u00e4hlen und die passenden Ma\u00dfnahmen zu ergreifen, trifft dies f\u00fcr den Patienten, der in der Regel auch zum ersten Mal und unvorbereitet in eine solche Notsituation kommt, nicht zu. Er steht unvorbereitet vor einer ver\u00e4nderten Ausganglage und hat nicht selten Schmerzen. Dazu kann eine hohe emotionale Belastung durch Trauer, Wut, Zukunftsangst oder Reiz\u00fcberflutung kommen, erst recht, wenn die Notsituation durch ein Fremdverschulden entstanden ist. Matter und Kindler (1989, S. 62) sprechen vom \u201eGef\u00fchl des Hinausgeworfenseins\u201c.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der erfahrene Arzt in der Lage sein sollte, den Zwang zu schnellen Entscheidungen zu ertragen, ist der Patient damit in solchen F\u00e4llen h\u00e4ufig begrenzt aufnahme- und kommunikationsf\u00e4hig, schlicht \u00fcberfordert, hat einen besonderen Empathiebedarf und wird ein vertrauenerweckendes Umfeld dankbar registrieren. Ganz bewusst ist hier der weiter gefasste Begriff Umfeld an Stelle von Arzt gew\u00e4hlt, denn in einer Stresssituation und unter Zeitdruck kann ein Arzt allein kaum den notwendigen Vertrauensaufbau bewerkstelligen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Vertrauensschub durch Teamgeist<\/strong><\/p>\n<p>Hier zahlt es sich aus, wenn alle an der Notfallbehandlung Beteiligten an einem Strang ziehen, damit der Patient m\u00f6glichst schnell das Gef\u00fchl bekommt, dass hierarchie\u00fcbergreifend alle Mitarbeiter dieselbe Sprache sprechen, ihre jeweilige Aufgabe genau kennen, also reibungslos Hand in Hand arbeiten. Eine so erzeugte Atmosph\u00e4re wird vom Patienten schnell als guter Teamgeist, als ein positiver \u201eSpirit\u201c wahrgenommen und weckt Vertrauen. Auch die Anwesenheit von vertrauten Angeh\u00f6rigen kann dazu beitragen und nicht zuletzt die Gefahr von Missverst\u00e4ndnissen reduzieren. Steht eine Notfalloperation an, f\u00fchrt das Angebot des Chirurgen, unmittelbar nach der Operation einen nahen Angeh\u00f6rigen zu kontaktieren und ihn \u00fcber das Ergebnis der Operation zu informieren, meist zu einem deutlichen Vertrauensschub.<\/p>\n<p>Rasch aufgebautes Vertrauen ist entscheidend f\u00fcr das Verh\u00e4ltnis zwischen Arzt und Patient im weiteren Verlauf und kann seine positive Wirkung auf den Heilerfolg m\u00f6glichst fr\u00fch entfalten. Ein durch Fehler oder Vers\u00e4umnisse bei der Notfallbehandlung entstandenes Vertrauensdefizit l\u00e4sst sich sp\u00e4ter nur schwer und zeitaufw\u00e4ndig ausb\u00fcgeln und f\u00fchrt selten zu der Vertrauensqualit\u00e4t, die prim\u00e4r einfacher h\u00e4tte erreicht werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Vertrauen durch Lob anderer<\/strong><\/p>\n<p>Der routinierte Arzt wird m\u00f6gliche Multiplikatoren beim Vertrauensaufbau kennen und ihre Unterst\u00fctzung dankbar annehmen. Dies setzt allerdings voraus, dass zu den Personen, die diese Hilfe leisten k\u00f6nnen, bereits ein solides Vertrauensverh\u00e4ltnis besteht. Dann ist ein spontanes und ehrliches Lob Gold wert, wie zum Beispiel das Wort eines Bettnachbarn vor dem Weg in den OP: \u201eMachen Sie sich keine Sorgen! Sie sind hier bestens aufgehoben. Ich bin erst vorgestern operiert worden und gehe morgen schon nach Hause.\u201c Wenn beim Einschleusen in die OP-Abteilung eine OP-Schwester oder in der Narkoseeinleitung ein An\u00e4sthesiepfleger auf Nachfrage vom Patienten erf\u00e4hrt, wer ihn operiert, und dann anmerken: \u201eBei dem sind Sie in den besten H\u00e4nden. Ich w\u00fcrde mich auch nur von ihm operieren lassen\u201c, zeugt das davon, dass der Teamgeist stimmt, baut \u00c4ngste des Patienten ab und gibt ihm unmittelbar vor der Operation noch eine zus\u00e4tzliche Portion Vertrauen.<\/p>\n<p>Auch im postoperativen Verlauf ist eine solche Multiplikatorfunktion von Pflegekr\u00e4ften, Physiotherapeut*innen oder Mitpatient*innen \u00e4u\u00dferst hilfreich. Entscheidend f\u00fcr die Festigung des frischen Vertrauensverh\u00e4ltnisses ist jedoch die Pr\u00e4senz des Operateurs in der fr\u00fchen postoperativen Phase. Ein kurzer Besuch im Aufwachraum ist ohnehin Pflicht, selbst wenn sich der Patient wegen der Nachwirkungen der Narkose am n\u00e4chsten Tag nicht mehr daran erinnert. Auch der nachtr\u00e4gliche Hinweis des Operateurs auf eine erfolgte kurze postoperative Visite im Aufwachraum zeigt dem Patienten, dass sein Operateur sich um ihn gek\u00fcmmert hat und gibt ihm Vertrauen. Ein bewusst in den sp\u00e4teren Abend gelegter Besuch am Krankenbett am OP-Tag, ein Anruf von Zuhause bei der Nachtschwester mit der Frage nach dem Befinden des Operierten und der Bitte, ihm Gr\u00fc\u00dfe auszurichten oder jedes noch so kurze Erscheinen im Patientenzimmer am Wochenende sind enorm wirksame und durchaus erlaubte \u201eTricks\u201c, die dem Patienten das beruhigende Gef\u00fchl geben, dass sein Operateur auf ihn aufpasst.<\/p>\n<p>Die Variabilit\u00e4t menschlicher Charaktere bringt es mit sich, dass nicht jeder Patient mit jedem Arzt gleicherma\u00dfen zurechtkommt. Im Umgang mit Patient*innen hat jeder Arzt seinen individuellen Stil. W\u00e4hrend man hier die momentane Verfassung des Patienten ber\u00fccksichtigen und dem seltener mit solchen Situationen Konfrontierten Zugest\u00e4ndnisse machen muss, kann man von einem erfahrenen Arzt professionelles und souver\u00e4nes Verhalten erwarten. Gleichwohl gibt es auch hier Grenzen, die schwer oder nicht zu \u00fcberwinden sind, speziell in Krisensituationen. Umso wichtiger ist es, wenn dann auf Helfer*innen im Umfeld des Arztes (Pflegekr\u00e4fte, medizinisches Assistenzpersonal) oder des Patienten (Angeh\u00f6rige) zur\u00fcckgegriffen werden kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Vertrauensaufbau in Elektivsituationen<\/strong><\/p>\n<p>Anders verh\u00e4lt es sich in Elektivsituationen: Hier konzentriert sich der Vertrauensaufbau mehr auf den Arzt, der vom Patienten aufgrund seiner Reputation gezielt ausgew\u00e4hlt worden ist. Das personelle Umfeld des Arztes hat eine geringere Bedeutung. Der Patient geht bereits mit einem Vertrauensvorschuss zu einem Chirurgen, \u00fcber den er sich in der Regel schon vorab informiert hat und den er f\u00fcr den Richtigen h\u00e4lt, um sein momentanes medizinisch-chirurgisches Problem zu behandeln. Das bereits mitgebrachte Vertrauen kann entstanden sein durch positive Erfahrungen mit diesem Arzt aus dem privaten Umfeld, durch eigene Erfahrungen aus vorherigen Behandlungen oder immer h\u00e4ufiger auch durch Bewertungen in einschl\u00e4gigen Internetportalen und Printmedien. Bei diesen Informationsquellen wird es jedoch f\u00fcr den medizinischen Laien immer schwieriger, die \u00dcbersicht zu behalten, valide von weniger validen Informationen zu unterscheiden und zu erkennen, ob das Angebot f\u00fcr das spezifische Krankheitsbild \u00fcberhaupt das richtige ist. Die Wenigsten werden sich deshalb ausschlie\u00dflich auf diesen Informationsweg verlassen, der ohnehin nur geeignet ist, die Entstehung eines Vertrauensverh\u00e4ltnisses anzubahnen. In den meisten F\u00e4llen wird sich ein Patient auf der Suche nach dem f\u00fcr ihn optimalen Therapeuten zun\u00e4chst parallel \u00fcber alle ihm verf\u00fcgbaren Kan\u00e4le Informationen beschaffen und diese anschlie\u00dfend einsch\u00e4tzen.<\/p>\n<p>Aus welchen Quellen er mehr oder ihm wichtiger erscheinende Empfehlungen bekommt, h\u00e4ngt vom Einzelfall ab. Der am Wohnort sozial gut vernetzte Patient wird auf eine F\u00fclle von positiven und manchmal auch negativen Erfahrungen mit lokalen und regionalen Mediziner*innen und Kliniken zugreifen k\u00f6nnen und dabei nicht nur Informationen \u00fcber das Fachwissen und das chirurgische Geschick eines in Betracht kommenden Chirurgen erhalten, sondern auch \u00fcber seine ethisch-moralische Grundhaltung und seine menschliche Ausstrahlung.<\/p>\n<p>Der lokal noch weniger sozial integrierte und meist auch j\u00fcngere Hinzugezogene wird sich eher mithilfe der neuen Medien informieren. Er sucht prim\u00e4r nach einer bestimmten Behandlungsmethode und sekund\u00e4r den f\u00fcr diese Therapie am besten geeigneten Arzt. Beide Patienten bringen also unterschiedliche Erwartungen und Vorstellungen mit: bei Ersterem \u00fcberwiegt das Vertrauen darauf, dass der Arzt \u00fcber den chirurgischen Tellerrand hinausblickt und auch den aus dem Berufsethos erwachsenden moralischen Verpflichtungen authentisch nachkommt. Selbstverst\u00e4ndlich legt dieser Patient ebenfalls Wert auf Fachkenntnis und chirurgische Fertigkeit, setzt diese aber angesichts des vorhandenen Grundvertrauens eher als selbstverst\u00e4ndlich vorhanden voraus.<\/p>\n<p>Dagegen baut der andere Patient haupts\u00e4chlich durch die \u00dcberzeugung von h\u00f6chster fachlicher Kompetenz und chirurgischer Geschicklichkeit Vertrauen auf und ist bei Erf\u00fcllung dieser Voraussetzungen sogar bereit, bei seinen sicherlich ebenfalls vorhandenen Erwartungen bez\u00fcglich der menschlichen Integrit\u00e4t des Chirurgen Kompromisse einzugehen. Vor allem, wenn ein technisch anspruchsvoller und nur von wenigen Spezialisten souver\u00e4n beherrschter Eingriff ansteht, verbunden mit der Erwartung, dass dann das chirurgische Krankheitsbild geheilt ist, keine weiteren Eingriffe anstehen und ein tempor\u00e4res Arzt-Patient-Verh\u00e4ltnis nach erfolgreichem Verlauf beendet werden kann, werden bisweilen menschliche Schw\u00e4chen eines Operateurs akzeptiert.<\/p>\n<p>Chirurgen, die auf der einen Seite absolute Meister ihres Fachs sind und auf der anderen Seite gro\u00dfe Defizite sowohl in der Patienten- als auch der Personalf\u00fchrung offenbaren, sind gl\u00fccklicherweise ausgestorben. Allein aufgrund ihrer fachlichen Souver\u00e4nit\u00e4t sind sie heute nicht mehr haltbar. Bei sich versch\u00e4rfendem Fachkr\u00e4ftemangel ist eine langfristige Bindung qualifizierter Mitarbeiter unter den Vorzeichen eines schlechten Betriebsklimas nicht zu erreichen, wird durch Bewertungsportale und soziale Medien schnell publik und h\u00e4lt zunehmend f\u00fcr solche Fragen sensibilisierte Patienten davon ab, dahingehend negativ bewerteten \u00c4rztinnen und \u00c4rzten sowie Einrichtungen Vertrauen zu schenken.<\/p>\n<p>Unabh\u00e4ngig von der Frage, wie genau das anf\u00e4ngliche Vertrauen entstanden ist, das den Patienten veranlasst hat, sich einem bestimmten Chirurgen anzuvertrauen, gilt es f\u00fcr diesen zun\u00e4chst, das mitgebrachte Anfangsvertrauen zu rechtfertigen, also dem Patienten m\u00f6glichst fr\u00fch das Gef\u00fchl zu vermitteln, dass er genau die richtige Wahl getroffen hat \u2013 oder eben auch nicht. Denn es ist ein Zeichen von menschlicher Gr\u00f6\u00dfe, auch offen zugeben zu k\u00f6nnen, wenn man sich mit der Behandlung eines bestimmten Krankheitsbildes nicht so gut auskennt, wie der Patient es erwartet, oder wenn man mit einer bestimmten, vom Patienten gezielt angesprochenen neuen Operationstechnik noch nicht vertraut beziehungsweise nicht davon \u00fcberzeugt ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Vertrauen durch Weg-Empfehlen<\/strong><\/p>\n<p>Die Weiterempfehlung an einen Kollegen, den man in dem speziellen Fall selbst f\u00fcr kompetenter oder in der Durchf\u00fchrung der angefragten Operationsmethode f\u00fcr erfahrener h\u00e4lt, wird dann zwar in der Regel bedeuten, dass man den Patienten erst einmal verliert. Dennoch f\u00fchrt ein solches Verhalten dazu, dass Vertrauen entsteht. Der Arzt zieht daraus zwar keinen unmittelbaren und direkten Nutzen, indirekt aber einen doppelten und wom\u00f6glich auch nachhaltigeren: Der Patient hat zu Recht das Gef\u00fchl, dass der Arzt uneigenn\u00fctzig seinem (des Patienten) Wohlergehen die h\u00f6here Priorit\u00e4t einger\u00e4umt hat und wird ihn wom\u00f6glich sp\u00e4ter in einer anderen Situation erneut prim\u00e4r um Rat fragen.<\/p>\n<p>Der Kollege, dem der Patient zugewiesen worden ist, wird den Vertrauensbeweis des Zuweisers begr\u00fc\u00dfen und sich sp\u00e4ter in einer umgekehrten Situation genau so verhalten. \u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich, wenn ein Chirurg seinem Patienten ausdr\u00fccklich empfiehlt, sich zur Einholung einer Zweitmeinung bei einem anderen Operateur vorzustellen, sei es, dass er bei einem komplexen Krankheitsbild zwar ein klares Therapiekonzept hat und sich selbst auch f\u00fcr kompetent h\u00e4lt, die Therapie durchzuf\u00fchren, oder sei es dass er sich selbst nicht ganz sicher ist, ob der dem Patienten das Richtige vorgeschlagen hat. Er bricht sich damit jedenfalls \u201ekeinen Zacken aus der Krone\u201c, sondern bewirkt eher einen Zuwachs an Vertrauen, vor allem, wenn er damit dem Patienten einen Wunsch aus den Augen liest, den dieser von sich aus wom\u00f6glich nicht auszusprechen gewagt h\u00e4tte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Vertrauen durch Anerkennen von eigenen Grenzen<\/strong><\/p>\n<p>Generell begr\u00fc\u00dfen es Patienten, wenn \u00c4rztinnen und \u00c4rzte, insbesondere Chirurg*innen eigene Defizite offen kommunizieren. Dieses Verhalten vermittelt Authentizit\u00e4t und Souver\u00e4nit\u00e4t und signalisiert, dass der Arzt seine eigenen Grenzen kennt, sich auf das konzentriert, was er wirklich sicher beherrscht, und dass er auf diesem Feld umso kompetenter ist. Gleiches gilt f\u00fcr das Zugeben von Fehlern. Wer das nicht kann und sich folglich f\u00fcr unfehlbar h\u00e4lt, erzeugt nur das Gegenteil von Vertrauen, n\u00e4mlich Misstrauen. Der souver\u00e4ne Chirurg hat es auch nicht n\u00f6tig, seine eigenen Kenntnisse und Fertigkeiten im Vergleich zu Mitbewerbern hervorzuheben oder diese gar zu kritisieren. Denn gleich ob eine kritische Einstellung gegen\u00fcber dem Kollegen gerechtfertigt erscheinen mag oder nicht: Ein zur\u00fcckhaltender und respektvoller Umgang mit dieser Thematik verst\u00e4rkt nur den Eindruck von Seriosit\u00e4t. Nicht selten erwarten Patient*innen sogar durch direkte oder indirekte Fragen, dass sich der Arzt kritisch \u00fcber einen Vorbehandler \u00e4u\u00dfert. Wenn der Befragte sich dann vornehm zur\u00fcckh\u00e4lt, n\u00fctzt er seinem eigenen Image letztlich mehr, als wenn er sich zu einer Zustimmung hinrei\u00dfen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Pflege und Festigung von Vertrauen<\/strong><\/p>\n<p>Das mit der Einwilligung in eine Operation ausgesprochene Vertrauen muss der Chirurg im weiteren Verlauf rechtfertigen und festigen. Das bedeutet zuallererst, dass er eine Operation auch pers\u00f6nlich durchf\u00fchrt, wenn er es dem Patienten versprochen hat. Auch Nicht-Wahlleistungspatient*innen haben ein Recht zu wissen, wer sie operiert. Vertrauen, das w\u00e4hrend einer ausf\u00fchrlichen Erkl\u00e4rung des Krankheitsbildes und der geplanten Operation bei einem Sprechstundentermin entstanden ist, l\u00e4sst sich am besten nutzen und ausbauen, wenn der Patient denselben Arzt, der ihn in der Sprechstunde beraten hat, auch im Operationsaal wieder trifft.<\/p>\n<p>Dies ist in gr\u00f6\u00dferen Kliniken nicht immer m\u00f6glich. Es ist dann unabdingbar, dass sich der Operateur rechtzeitig vor der Operation mit Angabe seiner Funktion und Qualifikation pers\u00f6nlich bei dem Patienten vorstellt und zu erkennen gibt, dass er sich \u00fcber das Ergebnis der Vorstellung in der Indikationssprechstunde informiert hat und es vollumf\u00e4nglich nachvollzieht, dass er sich buchst\u00e4blich \u201ein den Fall hineingearbeitet\u201c hat.<\/p>\n<p>Auch wenn die Operation noch so gut verlaufen ist: Kaum etwas ist f\u00fcr einen frisch operierten Patienten entt\u00e4uschender, als dass sich postoperativ ein Operateur bei ihm vorstellt, den er noch nie gesehen hat. Umgekehrt ist es f\u00fcr den Patienten beruhigend und \u00e4u\u00dferst vertrauensf\u00f6rdernd, wenn er seinen Operateur m\u00f6glichst fr\u00fch nach dem Eingriff sieht und sich aus erster Hand kurz best\u00e4tigen lassen kann, dass alles gut verlaufen ist. Mehr ist in der Ersch\u00f6pfung und Narkosenachwirkung im Aufwachraum ohnehin nicht vermittelbar. Viele Patienten k\u00f6nnen sich an kaum mehr erinnern, als dass ihr Arzt ihnen nach der Operation einen freundlichen Blick zugeworfen hat, aber eben das ist unabdingbar, entspannt den Patienten und gibt dem Chirurgen einen Impuls, den er zur empathischen und erf\u00fcllten Aus\u00fcbung seines Berufs immer wieder braucht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Vertrauen durch fr\u00fches Informieren<\/strong><\/p>\n<p>Zumindest nach gr\u00f6\u00dferen Eingriffen, nach Operationen von Kindern oder von Risikopatienten sollten Ehepartner*innen, Eltern, Kinder noch aus dem Operationssaal kurz telefonisch \u00fcber den Verlauf der Operation informiert werden. Dadurch sch\u00f6pfen prim\u00e4r die Angeh\u00f6rigen Vertrauen und geben dieses sp\u00e4ter an den Patienten weiter.<br \/>\nIst der Patient nach der Operation wieder voll aufnahmef\u00e4hig und m\u00f6glichst auch schmerzfrei, erwartet er zu Recht und meist auch mit Spannung die baldige erste Visite seines Operateurs, um sich den Verlauf und das Ergebnis der Operation ausf\u00fchrlich erkl\u00e4ren und im geeigneten Fall auch anhand von R\u00f6ntgen- oder CT-Aufnahmen demonstrieren zu lassen. Jede unn\u00f6tige Stunde der Ungewissheit kann qu\u00e4lende Angst hervorrufen und zuvor m\u00fchevoll aufgebautes Vertrauen leichtfertig verspielen. Dies gilt ganz besonders f\u00fcr Operationen bei b\u00f6sartigen Grunderkrankungen.<\/p>\n<p>Fatal w\u00e4re auch die ausbleibende postoperative Visite an einem Freitagnachmittag, was im Klinikbetrieb zur Folge haben kann, dass der Patient erst am Montag erf\u00e4hrt, wie die Operation verlaufen ist. Selbst nach einem kleineren Routineeingriff, wie der Entfernung von Metallimplantaten, bedeutet es beispielsweise f\u00fcr viele Patient*innen enorm viel, zu wissen, dass kein Fremdmaterial verblieben ist. Ist der Operateur verhindert, dieser Pflicht nachzukommen, hat er wenigstens f\u00fcr eine gut informierte Vertretung zu sorgen.<\/p>\n<p>Ebenso selbstverst\u00e4ndlich und f\u00fcr das Vertrauensverh\u00e4ltnis essenziell ist die weitere Betreuung, unter station\u00e4ren wie ambulanten Bedingungen, durch den Operateur pers\u00f6nlich oder durch einen weiterbehandelnden Arzt, wobei dieser umfassend und rechtzeitig informiert sein muss, durch einen Arztbrief, durch \u00dcbermittlung von Bildbefunden und in (zeit-)kritischen Situationen auch telefonisch.<br \/>\nDas Risiko einer Komplikation nach einem chirurgischen Eingriff l\u00e4sst sich auch durch sorgf\u00e4ltigstes Vorgehen nicht komplett ausschlie\u00dfen. In der Regel bedeutet dies dann auch, dass eine Revisionsoperation notwendig wird. Um eine sich anbahnende Komplikation fr\u00fchzeitig erkennen und damit auch m\u00f6glichst erfolgreich behandeln zu k\u00f6nnen, sind regelm\u00e4\u00dfige Wund- und Laborkontrollen, in kritischen Situationen sogar mehrmals t\u00e4glich und, wenn eben m\u00f6glich, durch den Operateur pers\u00f6nlich angezeigt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Vertrauen durch Mitteilen von Problemen und Komplikationen<\/strong><\/p>\n<p>Dabei sollten kritische Befunde offen mit dem Patienten besprochen werden. Selbst wenn der Chirurg davon \u00fcberzeugt ist, die fragliche Komplikation allein erkennen, bewerten und behandeln zu k\u00f6nnen, wird es gerade von einem durch den unerwarteten Verlauf verunsicherten Patienten als beruhigend und vertrauenssichernd empfunden, wenn der Arzt einen mindestens ebenso erfahrenen Kollegen zur Mitbeurteilung hinzuzieht. Ein so betreuter Patient wird auch bei einer notwendig werdenden Revisionsoperation nicht gleich das Vertrauen verlieren und sich weiterhin gut aufgehoben f\u00fchlen. Entscheidend ist, dass Probleme offen und ehrlich kommuniziert werden und der Patient die Gewissheit beh\u00e4lt, dass sein Operateur da ist und sich um ihn k\u00fcmmert.<\/p>\n<p>Macht sich dagegen der Chirurg bei einem unerwartet negativen Verlauf rar, weil er unangenehmen Fragen und Blicken des Patienten aus dem Weg gehen will, verspielt er das in ihn gesetzte Vertrauen schnell, l\u00f6st Angst und Misstrauen aus und bahnt damit den Weg zu einem Behandlungsfehlervorwurf.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Treue des Patienten zum Arzt<\/strong><\/p>\n<p>Hat sich der Arzt in einer kritischen Situation erst einmal bew\u00e4hrt, wei\u00df der Patient umso besser, dass er sich auf ihn verlassen kann und gibt ihm einen Vertrauensvorschuss, der die Basis einer langfristigen treuen und vertrauensvollen Beziehung sein kann. Deren Vorteile sind offensichtlich: Der Arzt kennt seinen langj\u00e4hrigen Patienten so gut, dass er sich bei einem neuen Erkrankungsfall nur \u00fcber die akuten Beschwerden und Symptome informieren muss und dem Patienten in der Regel schneller helfen kann als ein mit der medizinischen und sozialen Anamnese nicht vertrauter Arzt. Jedes weitere positive Erlebnis wird die Bindung festigen und das Vertrauensverh\u00e4ltnis weiter st\u00e4rken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Niedrigere Sterblichkeitsquote durch langj\u00e4hrige Arzt-Patienten-Bindung<\/strong><\/p>\n<p>Einer j\u00fcngeren systematischen Auswertung von 22 Studien zufolge kann Kontinuit\u00e4t in der \u00e4rztlichen Betreuung sogar die Mortalit\u00e4tsrate der Patienten senken (Pereira, Sideaway-Lee, White, Thorne &amp; Evans, 2018), was die Presse zu dem Titel bewog: \u201eWer seinem Arzt treu bleibt, lebt l\u00e4nger\u201c (Bartens, 2018). Der lebensverl\u00e4ngernde Effekt soll nicht nur f\u00fcr das Verh\u00e4ltnis eines Patienten zu seinem Hausarzt gelten, sondern auch im Verh\u00e4ltnis zu Fach\u00e4rztinnen und -\u00e4rzten wie unter anderem Chirurg*innen (Justiniano, Xu, Becerra, Aquina, Boodry, Swanger &#8230; &amp; Fleming, 2017).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Dankbarkeit ist im Nachhinein ausgedr\u00fccktes Vertrauen<\/strong><\/p>\n<p>Dieser Dankeskarte (Abb. 19-1) lag ein Kugelschreiber bei, den ein Arzt auch unter den heutigen Compliance-Richtlinien guten Gewissens als Geschenk annehmen darf. Jedes zus\u00e4tzliche Wort, jedes wertvollere Geschenk h\u00e4tte der bewegenden Schlichtheit dieser Geste geschadet. Karte und Schreibger\u00e4t werden vom Empf\u00e4nger auch nach \u00fcber 20 Jahren noch treu geh\u00fctet.<\/p>\n<p>Einem Spezialisten wie einem Chirurgen auch \u00fcber gro\u00dfe r\u00e4umliche Distanz die Treue zu halten, ist in Elektivsituationen machbar und h\u00e4ufig sinnvoll. Auf der Grundlage eines etablierten Vertrauensverh\u00e4ltnisses lassen sich auf aktuellen Kommunikationswegen viele Fragen ohne Zeitverlust aus der Ferne kl\u00e4ren, Befunde \u00fcbermitteln und ein Vorstellungs- beziehungsweise Operationstermin gezielt planen. Dagegen wird man f\u00fcr die Grundversorgung seinen Hausarzt unter Umst\u00e4nden schon nach einem Umzug innerhalb einer Gro\u00dfstadt wechseln.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Treue der Fu\u00dfballer<\/strong><\/p>\n<p>Extrembeispiele f\u00fcr langj\u00e4hrige Treue zu ihrem Chirurgen beziehungsweise Facharzt f\u00fcr Orthop\u00e4die und Unfallchirurgie sind Profi-Fu\u00dfballer, die im Laufe ihrer Karriere h\u00e4ufig den Verein und damit auch den Wohnort wechseln und bei einer Verletzung oder einem orthop\u00e4dischen Problem keinen Aufwand scheuen, einen weit entfernten Arzt, der sie schon fr\u00fcher erfolgreich behandelt hat, aufzusuchen und sich nur von ihm operieren zu lassen. Im Vordergrund steht dabei heute zwar der unbedingte Wunsch nach einem fr\u00fchzeitigen return to competition. Gleichwohl bedingen gerade die dadurch notwendige schnelle Entscheidung zu einer Operation und die Wahl eines Operateurs blindes, also besonders gro\u00dfes Vertrauen. Auch nach Beendigung ihrer aktiven Laufbahn halten viele Sportler ihrem m\u00f6glicherweise weit entfernt t\u00e4tigen \u201eDoc\u201c noch die Treue.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Treue des Chirurgen<\/strong><\/p>\n<p>Unter der Treue eines Chirurgen kann man nicht nur die eingangs beschriebene ethische Grundhaltung verstehen, sondern auch die Treue zu seinem Wirkungskreis, zu seinem beruflichen lokalen Umfeld, seinen Mitarbeiter*innen, Kolleginnen und Kollegen, gegebenenfalls seinem Arbeitgeber. Die Standorttreue erm\u00f6glicht den Aufbau und die Pflege kollegialer Teamstrukturen, die f\u00fcr den Ruf hoher fachlicher Kompetenz und Vertrauensw\u00fcrdigkeit genauso wichtig sind wie die Einzelleistung. Eine einzelne Arzt-Patient-Beziehung kann auch \u00fcber gr\u00f6\u00dfere Entfernung gepflegt werden, die Erarbeitung eines guten Rufs ist jedoch an Weiterempfehlungen in der lokalen Umgebung und kontinuierliche Qualit\u00e4t gebunden. Ein regelm\u00e4\u00dfiges positives Feedback bewirkt eine h\u00f6here berufliche Zufriedenheit, die wiederum zus\u00e4tzliche positive Impulse f\u00fcr die soziale Kompetenz des Arztes gibt.<\/p>\n<p>Diese Gesichtspunkte werden vor dem Hintergrund einer zunehmenden \u00d6konomisierung des Gesundheitswesens und dem zu beobachtenden schleichenden Ethikverlust leider mehr und mehr au\u00dfer Acht gelassen, was einer Reduktion der Chirurgie auf ein reines Handwerk gleichkommt (Maio, 2019). F\u00fcr viele Krankenhausgesch\u00e4ftsf\u00fchrungen z\u00e4hlen nur kurzfristige Entwicklungen von Leistungszahlen, was h\u00e4ufige Neubesetzungen von leitenden Positionen zur Folge hat. Auf der anderen Seite schielen auch immer mehr ehrgeizige Fach\u00e4rzte und -\u00e4rztinnen nach Karrierespr\u00fcngen und nehmen dabei wiederholte Ortswechsel in Kauf, die dem Aufbau eines treuen Patientenklientels im Weg stehen und zudem h\u00e4ufig auch das famili\u00e4re Umfeld belasten.<\/p>\n<p>Die 40-j\u00e4hrige T\u00e4tigkeit des Autors in demselben Ort und auch \u00fcberwiegend an einer Klinik erscheint r\u00fcckblickend zwar als Folge richtiger Entscheidungen und hat zur Entstehung vieler treuer Verh\u00e4ltnisse zwischen einem Chirurgen und seinen Patienten gef\u00fchrt, muss aber als gl\u00fcckliche Ausnahme angesehen werden. In der heutigen Zeit ist ein solcher beruflicher Weg ohnehin kaum noch realisierbar. Die zweifellos damit verbundenen positiven Effekte sollten junge \u00c4rztinnen und \u00c4rzte bei ihrer Karriereplanung jedoch durchaus ber\u00fccksichtigen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Ein besonderer Patient<\/strong><\/p>\n<p>Komplexe Situationen stellen vor allem f\u00fcr Berufsanf\u00e4nger schwierige Herausforderungen dar und k\u00f6nnen einen jungen Arzt nachhaltig pr\u00e4gen. Genau dies konnte der Co-Autor gleich zu Beginn seines Berufslebens erfahren. Ein 70-j\u00e4hriger Patient stellte sich in der Unfallchirurgie mit einer bereits vordiagnostizierten Beckenfraktur vor. Die erweiterte Diagnostik ergab ein oss\u00e4r metastasiertes Blasenkarzinom, sodass sich die Situation f\u00fcr Patient und Arzt schlagartig \u00e4nderte.<br \/>\nEs erschien dem jungen Arzt extrem wichtig, zun\u00e4chst den Kenntnisstand des Patienten zu evaluieren, mit einem ausf\u00fchrlichen und aufkl\u00e4renden Gespr\u00e4ch daran anzukn\u00fcpfen und angesichts der nur noch palliativ zu therapierenden Erkrankung vorrangig menschlich zu handeln.<\/p>\n<p>Der erste Eindruck ist f\u00fcr den Aufbau eines Vertrauensverh\u00e4ltnisses h\u00e4ufig entscheidend und in dieser Situation z\u00e4hlte weniger eine langj\u00e4hrige Berufserfahrung als der f\u00fcrsorgliche und empathische Umgang. F\u00fcr den Patienten waren die Betreuung und die geb\u00fcndelte therapeutische F\u00fchrung durch ein festes Team sehr wichtig. Viel Fachkompetenz, deutlich \u00fcber die chirurgischen M\u00f6glichkeiten hinaus, war erforderlich, sodass ein interdisziplin\u00e4res Team aufgestellt wurde. Der Patient hatte allerdings schon gro\u00dfes Vertrauen zu dem initialen Behandler aufgebaut und wollte ausdr\u00fccklich unter dessen \u00fcbergeordneter Betreuung und Beratung weiterbehandelt werden.<\/p>\n<p>Auch einem Berufsanf\u00e4nger ist es m\u00f6glich, in einer anspruchsvollen und kritischen Situation ein enges Vertrauensverh\u00e4ltnis aufzubauen. Dadurch ist sowohl eine professionelle medizinisch-fachliche Versorgung als auch durch eine enge menschliche, mittlerweile freundschaftliche Bindung eine individuelle gesamtheitliche Betreuung gew\u00e4hrleistet.<\/p>\n<p><strong>Literatur<\/strong><br \/>\nAgha, Z., Schapira, R. M., Laud, P. W., McNutt, G. &amp; Roter, D. L. (2009). Patient satisfaction with physician-patient communication during telemedicine. Telemedicine Journal and e-Health, 15, 830\u2013839.<br \/>\nArmstrong, J. &amp; Holland, J. (2004). Surviving the stresses of clinical oncology by improving communication. Oncology, 18(3), 363\u2013368.<br \/>\nBartens, W. (2018). Wer seinem Arzt treu bleibt, lebt l\u00e4nger. Zugriff am 20.01.2020 unter: https:\/\/www.sueddeutsche.de\/gesundheit\/medizin-bonus-fuers-bleiben-1.4049190<br \/>\nberufung.de. (2019). Weitere Materialien. Postkarte Chirurg. Zugriff am 22.01.2020 unter: http:\/\/www.berufung-aachen.de\/shop\/postkarte-chirurg\/<br \/>\nBoissy, A., Windover, A. K., Bokar, D., Karafa, M., Neuendorf, K., Frankel, R. M. &#8230; &amp; Rothberg, M. B. (2016). Communication skills training for physicians improves patient satisfaction. Journal of General Internal Medicine, 31(7), 755\u2013761.<br \/>\nBundes\u00e4rztekammer. (2020). Berufsrecht. Zugriff am 22.01.2020 unter: https:\/\/www.bundesaerztekammer.de\/recht\/berufsrecht\/<br \/>\nBundes\u00e4rztekammer. (o. J.). Deklaration von Genf. 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