{"id":674427,"date":"2020-08-23T22:04:36","date_gmt":"2020-08-23T20:04:36","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/?p=674427"},"modified":"2020-08-23T22:34:09","modified_gmt":"2020-08-23T20:34:09","slug":"buchauszug-krupps-gruender-ruediger-esch-electri_city-elektronische_musik_aus_duesseldorf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2020\/08\/23\/buchauszug-krupps-gruender-ruediger-esch-electri_city-elektronische_musik_aus_duesseldorf\/","title":{"rendered":"Buchauszug Krupps-Gr\u00fcnder R\u00fcdiger Esch: &#8222;Electri_city. Elektronische_Musik_aus_D\u00fcsseldorf&#8220;"},"content":{"rendered":"<p class=\"x_Default\"><strong>Buchauszug <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/R%C3%BCdiger_Esch\">R\u00fcdiger Esch, Mitbegr\u00fcnder von Die Krupps<\/a><\/strong><strong> sowie <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/media\/set\/?set=ms.c.eJw1zNsNADEIA8GOTtg8Yvpv7BQUPkesoQGMZmVlen28TvNWS6lnuNMJcR3TI9Y9fez9jM~%3B2ZX33pve~%3BZGPkD1~_7GXk~-.bps.a.201124676565561&amp;type=1&amp;__xts__[0]=68.ARDJn5Tgor4v091c56WdXv44nPcf8TEvv408Cpwxl1eGa_WWptO3Kr6IeyYWL6JY-7ofnYXXgn5pMPbQHsLXDRfas-UZUo9Z8MFMz8O9u-Ic46373eRv6F-sBnA8AzOFzj1xv7hAQoTVC1xCdxDTqv3iFn1GmBni9t56SC4VMKi06TVnYGBjFIpDdITVKnqyWbuVsruY3afvdQg8tvhUE19u_4mmOKnFu1Ng18EQpSOHEZ7wJj1lF4N28kV5YbZ0b8QEyAO0UVwyQDoX9oWkRkOZIGCLoh7Vst7mUlKi9197U4eyKq0UkiXHk7AnU8hOAgchj1RrQ6RMboOwNHkE8yLwSwg9oCbkZTGNlgbXB7z_Q1gCtey4J1SEuz4EcZ9OmG5TLFlKMq6jLRJOcE8v1tQKDvdR1Lj5c60J1zY2Y0l2WpbuX5mriqQKfqYyoWJI1kq60v_Rg0XP-SWpRg&amp;__tn__=HH-R\">Ex-CEO und Gr\u00fcnder des Internet-Unternehmens Epag<\/a> &#8222;Electri_city. Elektronische_Musik_aus_D\u00fcsseldorf&#8220;<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_674428\" style=\"width: 660px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/08\/Esch._Rudi-Esch-@-Kling-Klang-C-Markus-Luigs.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-674428\" class=\"size-full wp-image-674428\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/08\/Esch._Rudi-Esch-@-Kling-Klang-C-Markus-Luigs.jpg\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"447\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/08\/Esch._Rudi-Esch-@-Kling-Klang-C-Markus-Luigs.jpg 650w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/08\/Esch._Rudi-Esch-@-Kling-Klang-C-Markus-Luigs-300x206.jpg 300w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/08\/Esch._Rudi-Esch-@-Kling-Klang-C-Markus-Luigs-436x300.jpg 436w\" sizes=\"auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-674428\" class=\"wp-caption-text\">Rudi Esch (Foto: PR\/Markus Luigs)<\/p><\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"x_WordSection1\">\n<p class=\"x_Default\"><b>Bernd Cailloux\u00a0<\/b>Ende der Sechziger Jahre war die Altstadt in D\u00fcsseldorf etwas ganz Besonderes, ein bisschen wie Saint-Germain, Paris: studentisch, bohemistisch, k\u00fcnstlerisch. Es ging um Modernismus, Jazz und Literatur. Es war das \u00dcbergangsstadium von Existentialismus und Beatnik-Einfl\u00fcssen, zu Pop und fr\u00fcher Psychedelik. Aus dieser Blase, aus den Hunderten, die da rumgemacht haben, sind dann nachher eben diese zehn, zw\u00f6lf Stars, teils Weltstars rausgekommen.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Eberhard Kranemann\u00a0<\/b>F\u00fcr mich war D\u00fcsseldorf um 1967 vor allem eine Jetset- und Modestadt. Das war mir und den anderen Studenten zu schick, deshalb haben wir diese Antisachen gemacht. Dreck abladen gegen diesen Jetset, gegen dieses Schickimicki-Getue und gegen die K\u00f6nigsallee, wo alles sauber war \u2013 das hassten wir.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Bernd Cailloux\u00a0<\/b>Die relativ liberale Atmosph\u00e4re in D\u00fcsseldorf war sicher die Bedingung daf\u00fcr, dass dort\u00a0<i>auf Befehl h\u00f6herer Wesen<\/i>, wie Sigmar Polke immer sagte \u2013 pl\u00f6tzlich so ein kleiner Atompilz an Innovationen aufsteigen konnte: die K\u00fcnstlergruppe\u00a0<i>Zero<\/i>, Wolf Vostell mit den ersten Fernsehern in einem Kunstwerk, Beuys und diese ganzen heute teuersten deutschen Weltmarktk\u00fcnstler wie Richter und Polke, dann Kraftwerk und alles, was da dranh\u00e4ngt, bis zum Punk; sogar die erste deutsche Freejazz-Combo, von Gunter Hampel, ist in D\u00fcsseldorf gegr\u00fcndet worden. Dass diese Leute sich da pl\u00f6tzlich alle fanden &#8211; und hinter den zehn stehen ja immer nochmal zehn, und irgendwann sind\u2019s dann auch mal ein paar Hundert &#8211; das f\u00fchrt dazu, dass du dir als junger Typ denkst: Diese Stadt ist toll!<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Eberhard Kranemann\u00a0<\/b>Mein erstes Projekt nannte sich Piss Off, das war 1967. Ich suchte und fand Gleichgesinnte an der D\u00fcsseldorfer Kunstakademie, wo wir alle studierten. Ich studierte Malerei bei Professor Rupprecht Geiger, die anderen kamen aus der Klasse von Joseph Beuys, Bildhauerei. In der Akademie haben wir dann auch zusammen geprobt, wenn man das so nennen will, und das hat Beuys geh\u00f6rt. Er war ja zu der Zeit Professor an der Kunstakademie. Der fand das wohl unheimlich gut und hat gefragt, ob wir nicht mit ihm zusammen eine Performance machen k\u00f6nnten. Haben wir gemacht, 1967 im\u00a0<i>Creamcheese<\/i>. Das\u00a0<i>Creamcheese\u00a0<\/i>war damals die Insiderkneipe, ein ganz hei\u00dfer Schuppen in der Altstadt, nat\u00fcrlich auch ein richtiges Drogenloch \u2013 alles lief da ab.<\/p>\n<\/div>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/08\/cover.esch_.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-674429\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/08\/cover.esch_.png\" alt=\"\" width=\"650\" height=\"650\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/08\/cover.esch_.png 650w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/08\/cover.esch_-150x150.png 150w, https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/files\/2020\/08\/cover.esch_-300x300.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 650px) 100vw, 650px\" \/><\/a><\/p>\n<div class=\"x_WordSection1\">\n<p class=\"x_Default\"><strong>R\u00fcdiger Esch: &#8222;Electri_city. Elektronische_Musik_aus_D\u00fcsseldorf&#8220;.\u00a0459 Seiten, 14,99 Euro, Suhrkamp Verlag.\u00a0<a href=\"https:\/\/www.suhrkamp.de\/ruediger-esch\/electri_city_1244.html#.VEix04t2pK0.facebook\">https:\/\/www.suhrkamp.de\/ruediger-esch\/electri_city_1244.html#.VEix04t2pK0.facebook<\/a><\/strong><\/p>\n<div class=\"x_WordSection1\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Bernd Cailloux <\/b>Das Besondere an D\u00fcsseldorf war, dass die Kunst hier zur Alltagsstimmung geh\u00f6rte, kein isoliertes Event, sondern immer da war. Das war nat\u00fcrlich toll, aufregend und anregend, ein absolutes Gl\u00fcck. Die Hamburger Kunstszene, war dagegen eher eine Sektierergruppe, nicht so in die Stadt integriert. Da sa\u00dfen zwar auch \u00fcberall Werbe\u00e4rsche mit dabei, aber es gab keine Symbiosen. Die ernst zu nehmende Kunst und die Subkultur wurden von den Hamburger Altpatriziern allenfalls bel\u00e4chelt, wogegen das D\u00fcsseldorfer B\u00fcrgertum sehr viel aufgeschlossener war. Die standen in der <i>Galerie Schmela<\/i>, wenn Beuys da mit seinem Kojoten zugange war. Selbst bis ins\u00a0<i>Creamcheese\u00a0<\/i>drangen manche vor.<\/p>\n<\/div>\n<p class=\"x_Default\"><b>Eberhard Kranemann\u00a0<\/b>Ich war schon1965 nach D\u00fcsseldorf gegangen, um an der Kunstakademie zu studieren. Das Geld zum Studium hatte ich mir als Orchestermusiker verdient; am D\u00fcsseldorfer Schauspielhaus unter der Leitung von Karl-Heinz Stroux. Die N\u00e4chte habe ich in diversen Jazzclubs verbracht, unter anderem mit dem Holger Clausen Trio. Irgendwann um 1966\/67 begann ich mit anderen Instrumenten, mit Kl\u00e4ngen, Ger\u00e4uschen und Repetitionen zu experimentieren. Es waren merkw\u00fcrdige Kl\u00e4nge, die man sonst in der Musik nicht h\u00f6rte. Das faszinierte mich. Klangexperimente. Und was Experimente anging, war ich in D\u00fcsseldorf zu dieser Zeit nicht alleine.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Bernd Cailloux\u00a0<\/b>Beuys war der Mutigste von allen, der hat einfach gesagt: \u00bbWir machen alles! Und wir nehmen uns auch alles! Wir nehmen gleich die ganze Akademie. Und den Rest noch mit dazu, was soll\u02bcs? Wer denn sonst?\u00ab Wie dann ja auch sp\u00e4ter mit der Parole \u00bbJeder Mensch ist ein K\u00fcnstler!\u00ab<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Wolfgang Seidel\u00a0<\/b>Beuys hatte bei seinen Performances viel mit Musik gemacht, auch mit Conrad Schnitzler, einem weiteren Elektronikpionier, der seine Urspr\u00fcnge in D\u00fcsseldorf hatte. F\u00fcr ihn war es von der Bildhauerei in der Beuys-Meisterklasse aus gar kein so gro\u00dfer Schritt zu sagen: \u00bbIch kann auch als Nichtmusiker Musik machen! Skulpturen und Performances aus Kl\u00e4ngen.\u00ab Wie Peter Br\u00f6tzmann, der Assistent bei Nam June Paik war, bevor er ohne R\u00fccksicht auf traditionelle Regeln Saxophon zu spielen begann. Der Fluxus-Ansatz war in dieser Hinsicht \u00e4u\u00dferst produktiv, denn von diesem Muckerzwang zum Spielenk\u00f6nnenm\u00fcssen war man immer v\u00f6llig frei.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Bernd Cailloux\u00a0<\/b>Es gab da dieses rheinische Laisser-faire, diese grunds\u00e4tzliche Liberalit\u00e4t, die vielleicht bis zu Heine zur\u00fcckgeht; auch eine gewisse Offenheit f\u00fcr das Verr\u00fcckte, was sich nat\u00fcrlich erstmal in der Mode zeigte, auf der K\u00f6, dieses Extravagante, mehr oder weniger schick. Da wurde einfach niemand b\u00f6se. Es gab auch kaum \u00c4rger mit irgendwelchen Spie\u00dfern, egal wie abgefahren man da rumlief. Nicht so wie in Berlin, wo man noch Jahre sp\u00e4ter wegen seiner Matte auf der Stra\u00dfe spontan von Blockwartprolls angep\u00f6belt und, wenn man nicht schnell genug war, ohne weiteres auch verm\u00f6belt werden konnte. Solchen Brass habe ich in D\u00fcsseldorf nie erlebt.\u00a010<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Eberhard Kranemann\u00a0<\/b>Piss Off war echte Antimusik. Aber das war damals Revolution. Das waren die ber\u00fchmten 68er, als Studentenrevolution angesagt war.\u00a0<i>Street Fighting Man\u00a0<\/i>und so. Die anderen sind auf die Stra\u00dfe gegangen und haben Steine geschmissen, wir haben unsere Antihaltung zur Gesellschaft durch eine andere Art, Musik zu machen, manifestiert. In der Zeit dr\u00fcckte sich immer h\u00e4ufiger ein junger Bursche in den dunklen Ecken herum und guckte und h\u00f6rte, was wir da machten. Der schien das ganz interessant zu finden. Er hie\u00df Florian Schneider-Esleben, ging noch zur Schule und hatte eine Querfl\u00f6te.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Bernd Cailloux\u00a0<\/b>Unsere \u00bbBeuys Boys\u00ab Stefan Runge und Christof Kohlh\u00f6fer haben dann mit Kranemann Piss Off gegr\u00fcndet \u2013 die meiner Meinung nach aber h\u00f6chstens dreimal gespielt haben k\u00f6nnen, denn die konnten ja \u00fcberhaupt nichts. Zur Er\u00f6ffnung unseres Ateliers in Hamburg hatten wir sie bl\u00f6derweise als Band gebucht, die reine Katastrophe. Es war zwar irre laut und hat aus allen Verst\u00e4rkern gescheppert, auch wurde ordentlich geschrien \u2013 aber das Publikum war leider absolut pissed off.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Eberhard Kranemann\u00a0<\/b>Beuys selbst hatte Cello und Klavier spielen gelernt. Noch als Student besuchte er den Bachverein und bl\u00e4tterte f\u00fcr die Cellisten die Noten um. Er tat immer genau das, was keiner von ihm erwartete. Er liebte die f\u00fcrstliche Attit\u00fcde und sprach vom Stolz des Bildhauers, aber er erfreute er sich daran, aus geschliffenen Kristallgl\u00e4sern einfaches Leitungswasserzu trinken.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Wolfgang Seidel\u00a0<\/b>Damals legte man im Underground Wert darauf, nicht als Subkultur bezeichnet zu werden, sondern als Gegenkultur \u2013 was ja nicht das Gleiche ist.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Bernd Cailloux\u00a0<\/b>Florian Schneider-Esleben und Ralf H\u00fctter waren damals schon durchaus \u00fcberall dabei, aber nicht im Vordergrund, auch nie besonders freakig. H\u00fctter hatte zwar lange Haare, aber ein Kassengestell als Hornbrille, und Florian Schneider sah so aus wie immer, Modell friedlich-netter Sohn. Keineswegs ein Roboter. Wenn seine Architekteneltern weg waren, stiegen in deren Villa sch\u00f6ne Partys, mit Beatband und allem drum und dran.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Eberhard Kranemann\u00a0<\/b>Mensch, wir haben fr\u00fcher alle zusammen Joints geraucht oder bei Florians Vater nackend im Schwimmpool gesessen. Joints, LSD, alles rein und dann dem Vater den Sektkeller leergesoffen \u2013 das war toll! Richtig sch\u00f6ne Partys!<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Wolfgang Seidel\u00a0<\/b>Wenn man sich anschaut, was in welchen Regionen Nachkriegsdeutschlands musikalisch entstanden ist, wird einem schnell klar, dass es viel mit den jeweiligen Besatzungszonen zu tun hat. Es lie\u00dfe sich eine Landkarte des fr\u00fchen Krautrock erstellen auf der man genau sehen w\u00fcrde, welche Band in welcher Besatzungszone gro\u00dfgeworden ist und mit welchem Radioprogramm sozialisiert wurde. Ich w\u00fcsste keine einzige Band, die aus einer Gegend gekommen w\u00e4re, in der es es nicht entweder AFN oder BFBS gab, wobei AFN eher vom Swing kam und dann auf moderneren Jazz umschwenkte, w\u00e4hrend BFBS, den man im Rheinland h\u00f6rte, sp\u00e4ter die Plattform f\u00fcr die British Invasion wurde. Wo dagegen die Franzosen sendeten, kam kein Rock raus, sondern Chanson, und Franz-Josef Degenhardt.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Eberhard Kranemann\u00a0<\/b>Paul Schneider-Esleben war ein ganz ber\u00fchmter Architekt. Er hatte das Mannesmanngeb\u00e4ude am Rhein gebaut, und gerade den Auftrag zum Ausbau des K\u00f6ln-Bonner Flughafens bekommen.Er war einer der f\u00fchrenden Architekten Deutschlands und richtig gut im Gesch\u00e4ft. Das war eine richtige First-Class-Familie.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Bernd Cailloux\u00a0<\/b>Joseph Beuys und Charles Wilp sind, auch wenn sie sich zwischendurch beschn\u00fcffelt haben sollen, im Grunde doch die beiden Antipoden, die das Spektrum und Spannungsfeld der D\u00fcsseldorfer Kultur definieren: einerseits die Kunst und andererseits der Kommerz \u2013 wobei die Kunstseite f\u00fcr uns Underground-Freaks nat\u00fcrlich wichtiger war. Aber es gab auch immer diese weit ge\u00f6ffneten \u00dcberg\u00e4nge zum Schwachsinn, dieses Schickimicki-Element, das war und ist in D\u00fcsseldorf stets \u00fcberall pr\u00e4sent.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Bodo Staiger\u00a0<\/b>Manchmal bin ich verwundert, was in D\u00fcsseldorf alles seinen Ursprung haben soll. Das hat damals glaub ich niemand absehen k\u00f6nnen. In den fr\u00fchen sechziger Jahren war D\u00fcsseldorf in punkto Rock und Pop eher Provinz, da gab es nichts Eigenst\u00e4ndiges, nur eine Coverbandszene. Ich bin damals mit meinen Kollegen oft nach Holland oder England gefahren, um die Originale zu h\u00f6ren, und meistens sind wir ganz klein mit Hut wieder zur\u00fcckgekommen und haben gedacht:\u00a0<i>Oh Mann, was sind wir schlecht.<\/i><\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Wolfgang Seidel\u00a0<\/b>Neben der regionalen Unterscheidung nach Besatzungszonen spielt beim Krautrock auch das Geburtsdatum der Akteure eine Rolle. Es verl\u00e4uft eine klare Linie zwischen denen, die Krieg und Nachkrieg noch bewusst erlebt haben. Ralf H\u00fctter, Florian Schneider-Esleben, Wolfgang Fl\u00fcr von Kraftwerk, Klaus und Thomas Dinger von Neu! beziehungsweise La D\u00fcsseldorf, oder Michael Rother; sind alle nach dem Krieg geboren und haben, so wie ich, nie nicht gewusst, wann es das n\u00e4chste Mal etwas zu essen gibt.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Bodo Staiger\u00a0<\/b>F\u00fcr mich und viele andere meiner Generation waren die ersten musikalischen Idole nat\u00fcrlich die Beatles und die Stones,\u00a0<i>Tamla-Motown<\/i>, und was 66\/67 sonst so alles angerauscht kam: The Who, The Small Faces, die Yardbirds. Wir haben stundenlang vor dem Radio gehangen und uns das angeh\u00f6rt. Die Beatzeit war unsere erste richtig coole Musikzeit. Was f\u00fcr ein Gl\u00fcck, genau in dieser Zeit gro\u00df zu werden! Die kulturelle Revolution, die da im Gange war. Fr\u00fcher sagte der Chef noch: \u00bbDu, die Haare wachsen schon \u00fcber den Kragen! Zeit f\u00fcr einen Friseurbesuch!\u00ab Und dann kamen pl\u00f6tzlich diese Typen mit den Wahnsinnsmatten.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Wolfgang Seidel\u00a0<\/b>Auch das WDR-Studio f\u00fcr Elektronik w\u00e4re ohne den Einfluss der britischen Besatzungsmacht nicht vorstellbar gewesen. Die k\u00fcmmerten sich um den Aufbau des Rundfunks, nach dem Vorbild der BBC, und rekrutierten Unbelastete wie Herbert Eimert, die mit Senderauftr\u00e4gen und gegen das immer noch tiefbraune Personal an den Musikhochschulen die Neue Musik f\u00f6rderten. Als dann Leute wie Stockhausen und Bernd Alois Zimmermann zu Professuren kamen, strahlte das aus bis in die Rockmusik. Mit Pop hatte Stockhausen nichts am Hut, egal wie stark er heute selbst verpoppt wird. Es gibt bitterb\u00f6se Abkanzelungen \u00fcber den Pop als schwachsinnigen Neoprimitivismus, f\u00fcr den war das fast die neue Hitlerjugend.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Bodo Staiger\u00a0<\/b>Um 1960 herum habe ich angefangen, Gitarre zu spielen, da war ich zehn. Und \u00fcber all die Jahre gab es hier eine ganz sch\u00f6ne Clubkultur, wo Bands spielen konnten. Erst war ich bei den Pfadfindern und habe Songs am Lagerfeuer mit Gitarre begleitet, dann ging es zum Beispiel in den\u00a0<i>Liverpool Club<\/i>, wo Klein-Bodo immer mit gef\u00e4lschtem Sch\u00fclerausweis rein ist. Hier hat jede Woche eine andere englische Band gespielt. Da stand ich mit gro\u00dfen Augen und hab mir alles abgeguckt. Das waren tolle Zeiten. Du konntest morgens\u00a0<i>Paint It Black\u00a0<\/i>im BFBS h\u00f6ren, abends hast du die englische Cover-Band den Song schon live spielen sehen.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Wolfgang Fl\u00fcr\u00a0<\/b>Wir machten es uns zum samst\u00e4glichen Ritual, nachmittags um vier Uhr gemeinsam die britische Top Twenty Hitparade bei 1604 Megaherz auf dem Mittelwellenband von Radio Luxemburg, unserem absoluten Lieblingssender, zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Eberhard Kranemann\u00a0<\/b>Ich wurde am 7. M\u00e4rz 1945 in Wismar geboren, bin in Dortmund aufgewachsen, habe da das Abitur gemacht, am Konservatorium klassischen Kontraba\u00dfunterricht erhalten. Ich habe klassische Orchestermusik gespielt von Telemann, Bach, Mozart und H\u00e4ndel, jedoch auch in verschiedenen Jazz-Gruppen mitgemacht.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Hans Lampe\u00a0<\/b>Ich komme aus Hamburg, und vielleicht geh\u00f6rten deshalb schon ganz fr\u00fch die Beatles zu meinen Einfl\u00fcssen. Ich bin immer in den Plattenladen gerannt und hab mir jede neue Beatles-Single reingezogen. Geld hatte man damals nicht, um sie sich zu kaufen. Also hat man sie eben zehnmal im Plattenladen geh\u00f6rt und konnte sie auswendig.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Wolfgang Fl\u00fcr\u00a0<\/b>Als ich nach D\u00fcsseldorf gezogen bin, hatte ich das Gl\u00fcck, eine Englischlehrerin zu haben, die uns Beatles-Platten mitgebracht hat, damit wir besser Englisch lernten.\u00a0<i>Love, Love Me Do<\/i>, die erste Single der Fab Four, lie\u00df sie auf einem Plattenspieler laufen, und wir mussten aufschreiben, was wir verstanden haben. Das fanden wir nat\u00fcrlich albern, denn verstanden haben wir sowieso nur \u00bblieb mich, lieb mich, tu es\u00ab, aber wir fanden diese Musik so geil.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Hans Lampe\u00a0<\/b>Conny Plank kam urspr\u00fcnglich aus der Pfalz, wo nach dem Krieg noch einige Zeit die GI\u2019s stationiert waren. Deswegen hat man dort auch amerikanische Sender empfangen. Und so ist Conny an die schwarze Musik geraten, die Geschichte hat er mir mal erz\u00e4hlt: Er ist oft per Anhalter gefahren und einmal hat ihn ein GI in einem schweren Mercedes mitgenommen. Da hat er zum ersten Mal Ray Charles\u2019\u00a0<i>What&#8217;d I Say\u00a0<\/i>geh\u00f6rt, das lief wohl grade im Autoradio. Er war sofort total fasziniert. Das war ein ganz wichtiger Impuls f\u00fcr ihn. Von da an hat er sich alles von Blues bis Soul draufgeschafft, was er finden konnte.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Wolfgang Fl\u00fcr\u00a0<\/b>Ein Klassenkamerad und ich hatten schon so eine kleine Skiffle-Band mit Waschbrett, Mundharmonika, Rumbakugeln und einer Klampfe. The Bellos hatten wir uns damals genannt, das fanden wir griffig. Auch die Beatles waren in ihrem Ursprung ja aus einer Skiffle-Band heraus entstanden.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Hans Lampe\u00a0<\/b>Gegen die Beatles, vor allem\u00a0<i>Sgt. Pepper\u00a0<\/i>, kam eigentlich nichts an. Man hat mal Kinks oder Stones geh\u00f6rt, doch das war nichts gegen die Beatles, das waren die Heiligen.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Bernd Cailloux\u00a0<\/b>Die Musik kippte Mitte der Sechziger um, vom fr\u00fcheren Rock und Beat zum Psychedelic Rock, mehr Pink Floyd als Beatles. Wichtig f\u00fcr den relativ unbeschwerten Psychedelic-Aufbruch in D\u00fcsseldorf war, dass man da, vielleicht infolge des rheinischen Schlendrians und des Reichtums, bei weitem nicht so politisch, sprich: SDS-orthodox auf Linie war beziehungsweise sein musste wie in Frankfurt, Hamburg oder Berlin. In D\u00fcsseldorf gab es kaum Dogmatiker, die einem dauernd erkl\u00e4rten, wie die Weltrevolution zu laufen hat und was alles konterrevolution\u00e4r ist.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Hans Lampe\u00a0<\/b>Klaus Dinger hat, abgesehen von seiner grossen Vorliebe f\u00fcr Velvet Underground, er liebte\u00a0<i>Sister Ray<\/i>, Beatles und The Who, Doors, und Bob Dylan geh\u00f6rt. Als diese Revoluzzer-Zeit anfing, so 67, 68, 69, kam bei mir noch Vanilla Fudge oder die erste von Deep Purple dazu, auch Cream, Zappa und Hendrix \u2013 der musikalische Geschmack hatte sich ein bisschen ver\u00e4ndert. Die Fab Four waren pl\u00f6tzlich nicht mehr angesagt.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Bernd Cailloux\u00a0<\/b>Damals gab es in der Stadt drei angesagte Beatbands: Die Beathovens, die Spirits of Sound und \u2013 etwas sp\u00e4ter \u2013 Harakiri Whoom! Letztere Gruppe wurde ber\u00fchmt wegen des exzentrischen S\u00e4ngers Marius M\u00fcller-Westernhagen. Gitarrist dieser Truppe war \u00fcbrigens Bodo Staiger, w\u00e4hrend der durchgeknallte Engl\u00e4nder Allen Warren am Schlagzeug sass.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Wolfgang Fl\u00fcr\u00a0<\/b>Die Beatles haben uns mit ihrem sch\u00f6nen Gesang irgendwann zum Hals herausgehangen, das hatte ich zur Gen\u00fcge mit meiner ersten Band gemacht, den Beathovens. Unsere Musik wurde schr\u00e4ger, etwas psychedelischer, progressiver.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><i>[Creamcheese]<\/i><\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Bernd Cailloux\u00a0<\/b>Dass Hans-Joachim Reinert zur Er\u00f6ffnung des\u00a0<i>Creamcheese\u00a0<\/i>quasi gezwungen wurde, war f\u00fcr ihn ein Gl\u00fccksfall, denn der Laden ging vom ersten Tag an ab, war jeden Abend voll. Er war von den K\u00fcnstlern mehr oder weniger dazu verdonnert worden, mit seiner Frau Bim eine Kneipe aufzumachen. Er war selbst kein Wirt, sondern Filmvertreter, f\u00fcr Agfa oder Kodak oder so, und stand mit anderthalb Beinen in der Kunstszene. Vielleicht gerade deshalb, haben die K\u00fcnstler ihm gesagt:\u00a0<i>Pass auf, du machst f\u00fcr uns jetzt ein Lokal auf.\u00a0<\/i>Es wurde ein Raum gefunden, in einer ganz kleinen Gasse, nah beim\u00a0<i>Kom(m)\u00f6dchen<\/i>, dem ber\u00fchmten Kabarett von Kay und Lore Lorentz und der\u00a0<i>Galerie Schmela<\/i>, die Beuys vertrat. Die K\u00fcnstlerschaft hat den Ort auch, wie versprochen, t\u00e4glich neu bespielt, mit gedrucktem Programm, eine Art permanente Aktionsgalerie: Concept Art, Performance Art, Op-Art, Pop Art, das hatte in Deutschland ja alles gerade erst angefangen.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Eberhard Kranemann\u00a0<\/b>Ja, genau, das waren die Schlagworte der Zeit: Aktion, Agitation, Agit-Pop, D\u00e9collage und Happening. Anti-Art, Total Art, Fluxus, Refluxus und was es sonst noch alles gab, spielte sich im Creamcheese ab.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Wolfgang Fl\u00fcr\u00a0<\/b>Schr\u00e4g gegen\u00fcber vom\u00a0<i>Ratinger Hof\u00a0<\/i>war zu der Zeit das\u00a0<i>Creamcheese<\/i>, da ist heute eine Galerie drin, du bist da rein und dann die Treppe runter, das war eher so ein gro\u00dfes Kellergeschoss. Wir sind immer zum Tanzen und M\u00e4dchengucken hin.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Bernd Cailloux\u00a0<\/b>Das\u00a0<i>Creamcheese<\/i>, dieser Schlauchraum, machte 1967 auf der Neubr\u00fcckstra\u00dfe 12 gegen\u00fcber vom Landgericht auf. St\u00e4ndig anwesend waren Ferdinand Kriwet, der Filmer Lutz Mommartz, G\u00fcnther Uecker, Sigmar Polke; dann dieser Spiegelk\u00fcnstler, Heinz Mack, von\u00a0<i>Zero<\/i>, der die Bar machte. Das Eingangsfoyer war von Uecker, da standen 24 oder 48 Fernseher, alle sch\u00f6n zugenagelt. Weiter hinten war ein Raum mit einer Technikb\u00fchne, von wo aus Musik, Licht und Projektionen in den Schlauch geworfen werden konnten. Ganz hinten hat sich der Schlauch ein bisschen ge\u00f6ffnet, das war, wenn man so will, der Aktions- und Tanzraum, wo es auch ein Podium gab. Die W\u00e4nde waren komplett wei\u00df, da konnte gut drauf projiziert werden \u2013 vor allem von Kriwet bei seinen Mixed Media Shows, wo die Zahlen und Buchstaben nur so rotierten.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Eberhard Kranemann\u00a0<\/b>Das war so ein langer Schlauch, und hinten links war eine Art Tanzraum. In dem hinteren Raum hatten die f\u00fcr uns eine B\u00fchne aufgebaut. Es wurde voll. Es war ein elit\u00e4rer Zirkel, und ich glaube, alle Eliten aus ganz Deutschland oder Europa waren da. Eigentlich passten in das Creamcheese nur 100 Leute rein, es waren aber 300 oder 400 gekommen. Die standen wie die Heringe ganz eng, alle haben geraucht. Es war hei\u00df, es hat gestunken! Fernsehen war auch da: Der Auftritt sah folgenderma\u00dfen aus: Wir stellten die Verst\u00e4rker auf die B\u00fchne, drehten sie voll auf, und dann ging es los: Ohne Absprache, ohne\u00a0jede Regel, ohne eine bestimmte Tonart, ohne einen festgelegten Rhythmus, jeder so laut und so viel und so lange er konnte.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Bernd Cailloux\u00a0<\/b>Eine der Beuys\u2019schen\u00a0<i>Creamcheese<\/i>-Aktionen bestand darin, dass er und sein Sch\u00fcler Anatol Herzfeld sich im Dezember 68 stundenlang mit Handschellen an einem Tisch festgekettet hatten: eine sinnige Stammtischparodie.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Eberhard Kranemann\u00a0<\/b>Wir spielten nur ein St\u00fcck \u2013 das dauerte so ungef\u00e4hr drei Stunden, ein Toben und Schreien gegen Konventionen, gegen Normen und Anpassung. Joseph Beuys stand derweil hinten in der Ecke, etwas erh\u00f6ht auf einem Sockel. Es war superhei\u00df da drin. Er aber mit einem Pelzmantel, ganz dick angezogen, und mit seinem Hut auf, stand drei Meter hoch oben in der Raumecke, die ganze Zeit lang fast unbeweglich, hat nur seine H\u00e4nde vorm Gesicht bewegt.\u00a0<i>Handaktion\u00a0<\/i>hie\u00df das. Beuys machte das sehr ruhig, konzentriert, intensiv, minimale Bewegung. Wir dagegen: Klang \u2013 Musik \u2013 Ger\u00e4usche \u2013 Terror. Drei Stunden Weltuntergang. Laut. Krach. Chaos! Schmerzgrenze.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Roedelius\u00a0<\/b>In D\u00fcsseldorf gab es die vielen Bierquellen der Altstadt, die Designerszene, eine Szene um die Kraftwerker und Neu! und wie sie davor alle hie\u00dfen. Aber wir hatten gar nicht so viel mit denen zu tun,wir lebten und handelten ja aus einem ganz anderen Kontext heraus: Unser Bezug war Beuys.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Eberhard Kranemann\u00a0<\/b>Fr\u00fcher gab es in den Kellergew\u00f6lben der D\u00fcsseldorfer Kunstakademie ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigte Karnevalsfeiern. Drei N\u00e4chte durch ohne Pause. Da passierte alles, was es gibt und was es nicht gibt. 1967 spielte ich dort mit\u00a0<i>Piss Off<\/i>. Drei hei\u00dfe N\u00e4chte. Totaler Kampf. Musik, Ger\u00e4usche, Kl\u00e4nge, Krach bis zum Umfallen. Das Publikum tobte und tanzte wie irrsinnig. Ich sagte Florian bescheid, er solle mal mit seiner Fl\u00f6te vorbeikommen. Er kam, setzte sich unauff\u00e4llig an den B\u00fchnenrand und versuchte mit seiner Fl\u00f6te, gegen den ohrenbet\u00e4ubenden L\u00e4rm anzuspielen.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Wolfgang Fl\u00fcr\u00a0<\/b>Die Sechziger waren eine gute Zeit, weil alles neuartig und \u00e4\u00fcsserst experimentell war. Der\u00a0<i>Ratinger Hof\u00a0<\/i>war noch ein Untergrund- und Hippieschuppen, da sind die ganzen K\u00fcnstler hin. Auch Immendorff hat dort abends seine Saalschlachten veranstaltet. Das war ziemlich aggressiv, schon weit vor der Punkzeit. Da sind Kristallaschenbecher geflogen, oft mussten Krankenwagen vorfahren. Die K\u00fcnstler von der Kunstakademie konnten nicht mit Alkohol umgehen, die sind extrem aggressiv geworden, das waren Kretins, vor allem Immendorff, das war ein Rocker, ein Schl\u00e4ger, ich hatte Angst vor dessen Doofheit. Bei einigen hie\u00df er nur J\u00f6rg Immerdoof.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Eberhard Kranemann\u00a0<\/b>Beuys hatte eine Vorliebe f\u00fcr erstklassige Kleidung. Er war der bestangezogene Mann der Akademie.Seine Hemden, die Schuhe, der Hut \u2013 alles vom Feinsten. Anfangs trug er noch Flanellanzug und schwarze Krawatte, mit einem Hasenkieferchen als Krawattennadel.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Roedelius\u00a0<\/b>Wir kamen Ende 1969 nach D\u00fcsseldorf. Einen richtigen Kontakt zu Joseph, den alle, auch seine Kinder nur\u00a0<i>Beuys\u00a0<\/i>nannten, gab es nur \u00fcber Conrad, aber getroffen hat man sich schon gelegentlich. Nicht nur in D\u00fcsseldorf, auch sp\u00e4ter in Berlin.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Bernd Caillioux\u00a0<\/b>Die K\u00fcnstlergruppe\u00a0<i>Zero<\/i>: Kurt Link, Heinz Mack, Otto Piene, anfangs auch Charles Wilp, sp\u00e4ter dann G\u00fcnther Uecker, waren f\u00fcr das\u00a0<i>Creamcheese\u00a0<\/i>und den fr\u00fchen Ratinger Hof extrem wichtig, mittelbar wahrscheinlich auch f\u00fcr Kraftwerk. Denn da war, im formalen R\u00fcckgriff auf die Vorkriegsavantgarde, aber mit diesem neuen, optimistischen Nachkriegs- und Weltraumfahrer-Spirit, schon viel mit Abstraktion, Licht und Bewegung gearbeitet worden.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Eberhard Kranemann\u00a0<\/b>Wir hatten einen Gitarristen, der eigentlich kein Gitarrist war, aber er hatte eine Gitarre. Der war Bildhauer in der Beuys-Klasse. Er war wie wir alle mit Drogen unterwegs, stand total auf \u00c4ther. Zu dem Auftritt hatte er sich \u2019ne \u00c4thermaske mitgebracht, stellte hinter seinen Verst\u00e4rker ein \u00c4therfl\u00e4schchen, die Maske und einen Wattebausch. Wir fingen an zu spielen, wie \u00fcblich, immer druff, jeder gegen jeden, und dann b\u00fcckte er sich nur, nahm seine \u00c4therflasche, kippte da \u00c4ther rein und hat sich die Maske aufgesetzt. Aber es war wohl zu viel. Denn er ist nach hinten umgekippt, vollkommen bet\u00e4ubt, und mit dem Kopf gegen den Verst\u00e4rker und dann mit seiner Gitarre auf den Boden gefallen. Er lag da wie tot, und die Gitarre war an, voll auf zehn: R\u00fcckkopplung. Die Gitarre hat geschrien. Uns war das egal, das hei\u00dft, wir haben es gar nicht gemerkt, weil wir selber genug Zeug drin hatten. Also ging es weiter, wir haben Krach gemacht, und der Beuys stand ganz ruhig auf seinem Sockel, als ob nichts w\u00e4r.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Roedelius\u00a0<\/b>Tumulte gab es auch in Berlin, zum Beispiel bei einem Konzert von Human Being in der Akademie der K\u00fcnste. Das war vom Publikum unter lautstarkem Protest und mit erheblichem Schaden an unserem Tonequipment abgebrochen worden.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Bernd Cailloux\u00a0<\/b>Das Auftauchen von Drogen geh\u00f6rte in D\u00fcsseldorf wie \u00fcberall zum allgemeinen Aufbruch mit dazu. Vor dem\u00a0<i>Creamcheese\u00a0<\/i>stand der Opel Admiral von Sweti, einem 19-j\u00e4hrigen Werbe-Junggenie und Szenestar, wo aus dem offenen Fenster die Schwaden in den Himmel stiegen.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Klaus Dinger\u00a0<\/b>Es sind immer die Individuen und ihre Sozialisation, man kann das nicht nur an der Stadt festmachen. In meinem speziellen Fall war es so: Ich bin in Unterrath aufgewachsen, eine ziemlich \u00e4rmliche Gegend. Und von da aus pl\u00f6tzlich in die Schule auf der K\u00f6nigsallee, v\u00f6llig andere Sozialstruktur, mit N\u00e4he zur Altstadt. Das war ein ziemlich harter Sprung.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Michael Rother\u00a0<\/b>Klaus Dinger war auf einem anderen Gymnasium, an der K\u00f6nigsallee, glaube ich, aber bei mir auf der Schule war Florian Schneider-Esleben, wie er damals noch hie\u00df. Er war einige Klassen \u00fcber mir, aber er fiel mir schon auf, da er in gewisser Weise kauzig war und einen seltsamen Gang hatte.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Eberhard Kranemann\u00a0<\/b>Ich hatte mir schon mit 14 Jahren das Ziel gesetzt: Ich will K\u00fcnstler von Beruf werden. Ich wollte kein Musiker werden, das habe ich aus Spa\u00df nebenbei gemacht. Ich wollte K\u00fcnstler werden. Das lag wohl daran, dass ich einen unheimlich guten Kunstlehrer am Gymnasium hatte. Der war richtig toll. Alle anderen Lehrer hatten noch schwarze Anz\u00fcge, wei\u00dfes Hemd und Krawatte an. Ganz steif, richtig bl\u00f6de Arschl\u00f6cher. Und da lief ein bl\u00f6der Hund rum mit einem Hawaiihemd, ganz bunt, mit Bart. Das fand ich toll, dass einer ganz anders war.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Wolfgang Fl\u00fcr\u00a0<\/b>Bei uns war es, wie gesagt, diese Englischlehrerin, die diesen Prozess bef\u00f6rderte. Kurze Zeit sp\u00e4ter habe ich zum ersten Mal ein Schlagzeug gesehen. Ich durfte mich mal dransetzen und war sofort begeistert. Das war wie ein positives Schockerlebnis, eine Initialz\u00fcndung. Ab da wollte ich Schlagzeug spielen. Ich hatte auch fr\u00fcher schon immer auf irgendwas herumgetrommelt. Wenn wir spazieren waren, habe ich St\u00f6cke aneinander geschlagen oder gegen das Gel\u00e4nder getrommelt. Mein Vater hat immer ganz genervt gesagt: \u00bbH\u00f6r damit jetzt auf, Herr Sohn!\u00ab Und wenn ich dann gefragt habe: \u00bbWarum?\u00ab, hat er nur geantwortet: \u00bbWeil ich es w\u00fcnsche.\u00ab Mein Vater war extrem streng, aber auf eine sehr unn\u00f6tige, diktatorische Art.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Michael Rother\u00a0<\/b>Geboren bin ich in Hamburg. Dann ging es \u00fcber England nach Indien. 1963 sind wir nach D\u00fcsseldorf gezogen. Es sollte nur ein kurzer Zwischenstopp werden, aber mein Vater starb zwei Jahre sp\u00e4ter, und meine Mutter und ich blieben dort. Wir wohnten auf der Achenbachstra\u00dfe, und ich ging zum Rethel-Gymnasium. Es war anfangs gar nicht leicht f\u00fcr mich, weil mein Deutsch nicht so gut war; ich musste sogar Nachhilfe nehmen. Auch die Lehrer waren ein Problem, die hatten f\u00fcr meinen Begriff eine sehr seltsame Auffassung von Motivation.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Wolfgang Fl\u00fcr\u00a0<\/b>Insofern ist D\u00fcsseldorf f\u00fcr mich wichtig, weil hier all diese Komponenten zusammengekommen sind: Dass ich das Max-Planck-Gymnasium nicht geschafft habe, dass ich sitzengeblieben und auf die Realschule gewechselt bin, wo alles viel lockerer war. Da habe ich pl\u00f6tzlich gute Noten geschrieben, wurde selbst auch viel lockerer. Vielleicht auch, weil ich endlich von meinem Zwillingsbruder weg war, der nur Einsen geschrieben hat und\u00a0immer und \u00fcberall zuerst genannt wurde. Fl\u00fcr I, Fl\u00fcr II, hie\u00df es, wenn wir Klassenarbeiten zur\u00fcckbekommen haben. Ich war immer die Nummer zwei; wie schrecklich f\u00fcr ein Kind.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Bodo Staiger\u00a0<\/b>Das allererste Mal, dass ich Wolfgang Fl\u00fcr gesehen habe, war 1967. Er war bei den Beathovens, und ich spielte in einer Band mit Marius M\u00fcller-Westernhagen. Im selben Jahr drehten wir einen Film, der\u00a0<i>Harakiri Whoom\u00a0<\/i>hie\u00df, und da das Schlagzeug schon so sch\u00f6n bemalt war mit diesem Schriftzug, haben wir uns dann gedacht: Okay, geiler Name, behalten wir. Hier habe ich auch Klaus Dinger kennengelernt, der in dem Film mitgespielt hat. Es war ein 45-min\u00fctiger Fernsehfilm mit Marius in der Hauptrolle. Es ging um den S\u00e4nger einer Rockband, der zur Bundeswehr muss, und was der sich so einfallen l\u00e4sst, um sich zu dr\u00fccken. In dem Film spielt Klaus sogar einen Schlagzeuger. Ich hatte vollkommen vergessen, dass er dabei war. Ich kannte ihn vom Sehen aus der Altstadt, er war ja auf dem G\u00f6rres-Gymnasium und spielte zu dem Zeitpunkt schon Schlagzeug. Seine damalige Band hie\u00df The No. Als ich den Film k\u00fcrzlich sah, wurde mir erst bewusst, wie lange ich Klaus kannte: von 1967 bis zu seinem Tod.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Wolfgang Fl\u00fcr\u00a0<\/b>Unsere gro\u00dfen Widersacher waren Harakiri Whoom, das war die Band von Bodo Staiger und Marius M\u00fcller-Westernhagen. Mit denen sind wir auch mal gemeinsam aufgetreten, am Max-Planck-Gymnasium. Marius war ein gro\u00dfer Verehrer von Steve Marriott und Rod Stewart, und als guter Schauspieler hat er diese Jungs \u00fcberzeugend imitieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Klaus Dinger\u00a0<\/b>Die erste Kapelle, in der ich noch auf Amateurbasis gespielt habe, war eine Coverband, bisschen Tanzmusik und so, Swingkombo hie\u00df die Gruppe. Wir haben auf Schulfesten gespielt, im\u00a0<i>Malkasten\u00a0<\/i>und auch mal in der\u00a0<i>Rheinhalle<\/i>,\u00a0<i>Satisfaction\u00a0<\/i>und solche Sachen. Dann habe ich mir ein bisschen Geld geliehen, mir ein Schlagzeug gekauft und mich in Oberkassel im alten Schwimmbad ein halbes Jahr mit dem Schlagzeug eingeschlossen. Danach bin ich dann direkt bei einer, ich w\u00fcrde mal sagen, professionelleren Gruppe gelandet: The Smash, mit Housch\u00e4ng Nejadepour an der Gitarre und einem S\u00e4nger, den alle nur \u00bbDie Ratte\u00ab nannten.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Michael Rother\u00a0<\/b>Ich spielte Gitarre in dieser Sch\u00fclerband, Spirits of Sound, zu der sp\u00e4ter auch Wolfgang Riechmann und Wolfgang Fl\u00fcr stie\u00dfen. Wir coverten die Beatles und die Kinks, und ich entdeckte meine Neigung zu Melodien. Wir spielten einige Gigs, verdienten sogar schon Geld.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Wolfgang Fl\u00fcr\u00a0<\/b>Die Spirits of Sound waren nicht so erfolgreich wie die Beathovens, also war ich immer klamm. Mit den Beathovens waren wir viel unterwegs, da wir auf jedes Schulfest passten; wir haben auch im\u00a0<i>Liverpool Club\u00a0<\/i>gespielt oder im\u00a0<i>Club 55<\/i>. Wir haben in der Zeit in Stockum geprobt, in der Garage eines Bekannten des S\u00e4ngers, das war so ein reicher Bankier und Kunstm\u00e4zen. Sein Sohn war immer mit dabei, hat aufgebaut und so, wir waren fast ein Teil dieser Familie, haben uns auch da am K\u00fchlschrank bedient und bekamen immer was zu trinken. Der Vater parkte seinen Porsche auf der Stra\u00dfe, nur damit wir einen Proberaum hatten. Alles sehr nett.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Michael Rother\u00a0<\/b>Musik hatte damals auch immer etwas mit reichen Leuten zu tun, ein spezielles fr\u00fches M\u00e4zenatentum. Wir durften in dieser Villa im D\u00fcsseldorfer Norden proben. Es waren die wilden sechziger Jahre, und jeder, der nicht spie\u00dfig war, wollte progressiv sein, wie es damals hie\u00df. Es gab gro\u00dfe Partys, auf denen es hei\u00df herging, und irgendwie sp\u00fcrte man, dass auch in der Erwachsenenwelt ein neues Flair Einzug hielt.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Wolfgang Fl\u00fcr\u00a0<\/b>Das Gr\u00f6\u00dfte, was wir als Band geschafft hatten, war ein Auftritt mit den Lords in der\u00a0<i>Rheinhalle<\/i>, da haben wir gemeinsam im Vorprogramm von The Who gespielt. Wir hatten als Beathovens die Beatles-St\u00fccke gut drauf, danach spielten die Lords, dann kamen The Who. Man konnte genau sehen, wie die am Ende das Schlagzeug umgeworfen und ihre Gitarren, allerdings nur so Pappgitarren, zerschlagen haben. Das war gegen das Establishment, und hat uns unheimlich gut gefallen, diese Auflehnung.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Michael Rother\u00a0<\/b>Wolfgang kam zu uns in der sp\u00e4ten Sechziger-Phase, als wir schon etwas experimenteller wurden und keine Coverband mehr waren. Er hatte einen feinen Stil, er spielte minimalistisch, hatte einen guten Beat und war ein viel besserer Backgrounds\u00e4nger als sein Vorg\u00e4nger.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Hans Lampe\u00a0<\/b>Schon bevor ich nach D\u00fcsseldorf kam, also noch in Hamburg, habe ich viel gespielt, viel Percussion gemacht, in diversen Formationen. In irgendeinem der vielen Clubs dort gab es immer eine Session, bei der man mitmachen konnte: In der\u00a0<i>Gro\u00dfen Freiheit<\/i>, in kleinen Kneipen, in Szene-Treffs wie dem\u00a0<i>Gibi\u00a0<\/i>am Pferdemarkt, wo sich verschiedene Leute getroffen und einfach gespielt haben. Die Freundin von Ritchie Blackmore kam aus Hamburg, und er war \u00fcber Weihnachten in der Stadt. Wir sa\u00dfen eines Abends im\u00a0<i>Gibi\u00a0<\/i>und pl\u00f6tzlich kam er zur T\u00fcr herein und fragt: \u00bbKann ich auch mal die Gitarre haben?\u00ab So haben wir sogar mal mit Ritchie Blackmore gejammt.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Michael Rother\u00a0<\/b>Als Gitarrist habe ich immer versucht, mich aus dem anglo-amerikanischen Bereich rauszuhalten, aber ohne Zweifel sind Hendrix, Clapton und Jeff Beck gro\u00dfe Meister an der Gitarre; Jimi Hendrix hatte ich sogar1968 im Robert-Schumann-Saal in D\u00fcsseldorf live gesehen. Das war sehr beeindruckend. Nicht nur, was er spielte, auch welche Signale er durch die Effekte schickte. Besonders bei den Studioproduktionen haben wir immer genau auf die R\u00fcckw\u00e4rtseffekte und Bandechos geachtet. Das war ein unheimlich freier, intuitiver Umgang mit Musik und dem Instrument. Ich war damals mit meiner Freundin da, ein bestuhltes Konzert f\u00fcr vielleicht 500 bis 600 Leute.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Heino Riechmann\u00a0<\/b>Die allererste Band meines Bruders Wolfgang, in der er von 1966 bis 69 mitspielte, hie\u00df Why. Von dort aus wechselte er zu den Spirits of Sound. Bei denen war er S\u00e4nger und Michael Rother Gitarrist, genauer Sologitarrist, da es noch Uwe Fritsch an der Rhythmusgitarre gab. Wolfgang Fl\u00fcr spielte Schlagzeug, und am Bass war Ralf Ermisch. Geprobt wurde bei der Bankiersfamilie Kaminski auf der M\u00f6rikestra\u00dfe, und in dieser Besetzung spielten sie auf Schulfesten, einmal auch auf der Jugendmesse\u00a0<i>Teenage Fair\u00a0<\/i>in D\u00fcsseldorf.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Bodo Staiger\u00a0<\/b>Harakiri haben wir 69 aufgel\u00f6st, die letzte Show war auf der\u00a0<i>Teenage Fair\u00a0<\/i>im Sommer 69, das war eine Jugendmesse hinten an der Fischerstra\u00dfe in der alten\u00a0<i>Stadthalle<\/i>. Da spielte alles, was Rang und Namen hatte, das war ein Riesending und unser letztes Konzert.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>G\u00fcnter K\u00f6rber\u00a0<\/b>Um 1970 herum ging es dann wirklich los mit dieser neuen, progressiven Musik. Ich arbeitete als A&amp;R bei der Metronome in Hamburg. Wir hatten die Sachen von Rolf-Ulrich Kaiser, dem Musikjournalisten und Konzertveranstalter, der zuvor das Ohr-Label gegr\u00fcndet hatte, im Vertrieb. Kaiser, der bereits 1968 die Internationalen Essener Songtage mitveranstaltet hatte, griff auf seine beim Burg-Waldeck-Festival gemachten Erfahrungen und K\u00fcnstlerkontakte zur\u00fcck und ver\u00f6ffentlichte seit dem Sp\u00e4tjahr 1969 in schneller Folge eine Serie herausragender Schallplatten: Embryo, Guru Guru, vor allem aber die neue Berliner Elektronik-Szene um den Zodiac Club: Tangerine Dream und Ash Ra Tempel.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Bodo Staiger\u00a0<\/b>70 habe ich dann Karl Bartos kennengelernt und mit ihm die Band Sinus gegr\u00fcndet, das war so eine Jazzrockgeschichte mit Einfl\u00fcssen von Zappa. Karl spielte Schlagzeug.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Bernd Cailloux\u00a0<\/b>Unsere Firma hie\u00df:\u00a0<i>The Leisure Society<\/i>. Unterzeile:\u00a0<i>Experiments in Art and Technology<\/i>. Und genau das haben wir auch gemacht, mit unseren Stroboskop-Blitzen und anderen Lichteffekten. Durch den Zeitgeist wurde man entscheidend dazu ermutigt, selber was zu machen, denn unter normalen oder heutigen Umst\u00e4nden w\u00e4re diese Idee, die uns damals trieb, n\u00e4mlich mit Stroboskopblitzen und psychedelischen Lightshows die Welt ver\u00e4ndern zu wollen, ja einfach Schwachsinn, v\u00f6llig realit\u00e4tsfern. Aber da war in der Realit\u00e4t halt gerade etwas Platz. Dass das zur selben Zeit war, wo in D\u00fcsseldorf die Ursuppe des Elektronik-Pop k\u00f6chelte, ist deshalb vielleicht kein Zufall.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Klaus Dinger\u00a0<\/b>Es gibt ab und zu mal, alle zehn Jahre so ein paar Wahnsinnige, die es einfach draufhaben. Die so aus dem Nichts kommen. Ich glaube, die Einfl\u00fcsse waren alle l\u00e4ngst nicht so stark wie die Jungs selbst, und was die daraus gemacht haben. Das sind Sternstunden, die man selbst auch nicht erkl\u00e4ren kann. Das ist Wahnsinn. Daf\u00fcr gibt es die Musik, man muss es nicht erkl\u00e4ren. H\u00f6ren und fertig.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Wolfgang Seidel\u00a0<\/b>Von Berlin aus waren die Anf\u00e4nge des D\u00fcsseldorfer Krautrocks Ende der Sechziger \u00fcberhaupt nicht sichtbar. Was aufmerksam wahrgenommen wurde und stark auf die \u00c4sthetik wirkte, war die Bildende Kunst, die Psychedelik, also Beuys und das\u00a0<i>Creamcheese<\/i>, Uecker, Polke, diese ganze Szene. D\u00fcsseldorfer Bands kannte man damals kaum, auch den Kraftwerk-Vorl\u00e4ufer Organisation nicht.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Roedelius\u00a0<\/b>Mit Organisation haben wir einst gejammt., Die Jungs waren okay f\u00fcr mich. Mit ihrer Musik konnte ich mich hingegen nicht befreunden, wohl aber mit Florian Schneiders Schwester Claudia.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Eberhard Kranemann\u00a0<\/b>Begleitet von w\u00fctenden Protesten wurde im Januar 70 das D\u00fcsseldorfer Schauspielhaus eingeweiht. Ich war als Bassist dabei. Als man noch einen Fl\u00f6tisten suchte, hatte ich kurzerhand Florian zur n\u00e4chsten Aufnahmesession mitgebracht. Es klappte alles ganz gut. Das neue Schauspielhaus wurde mit unserer Musik eingeweiht.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Michael Rother\u00a0<\/b>Die fr\u00fche Entwicklung in D\u00fcsseldorf ist f\u00fcr mich gekoppelt mit Erinnerungen an Menschen und an Orte. Wir haben auf vielen Schulfesten gespielt, auch beim Rethel-Dancing oder in Jugendzentren, etwa in der Lacombletstra\u00dfe, und beim Karneval. Dieses D\u00fcsseldorf war f\u00fcr mich die pr\u00e4gende Zeit.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Wolfgang Seidel\u00a0<\/b>Conrad Schnitzler, der sp\u00e4ter Kluster gr\u00fcndete, und auch ein echter Elektronik-Pionier war, ist ja auch in D\u00fcsseldorf geboren, mit kleinb\u00fcrgerlichem Hintergrund.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Roedelius\u00a0<\/b>Unser Bezug zu D\u00fcsseldorf war Beuys, mit dessen ersten Sch\u00fcler Conrad Schnitzler wir Kluster gr\u00fcndeten. Wir waren unterwegs in der Welt der bildenden Kunst, also haupts\u00e4chlich in Museen, Kunsthallen, Galerien und nur sehr selten auf Festivals oder in Kneipen.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Eberhard Kranemann\u00a0<\/b>Florian Schneider-Esleben und ich spielten ein bisschen zusammen, mal in meiner Wohnung, mal im Haus seiner Eltern, dann mit verschiedenen anderen Musikern in unterschiedlichen Besetzungen. Basil Hammoudi an der Conga war dabei, aber auch Cap, der Trompete spielte, und ein klassischer Gitarrist. Eines Tages schleppte Florian einen\u00a0<i>Hammond<\/i>-Orgel-Spieler aus Krefeld an, wir probten gemeinsam. Das ging ganz gut. Er hie\u00df Ralf H\u00fctter und studierte Architektur. Wir bildeten ein Quartett, auch mit Auftritten lief es ganz gut. Besetzung: Florian Schneider-Esleben: Fl\u00f6te; Ralf H\u00fctter:\u00a0<i>Hammond<\/i>-Orgel; Eberhard Kranemann: Bass; Thomas Lohmann: Schlagzeug.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Roedelius\u00a0<\/b>Florian war ein \u00e4u\u00dferst seltsamer, sich selbst zugewandter Bursche, nicht sehr kommunikationsfreudig. Ralf war zug\u00e4nglich, freundlich, ja fast freundschaftlich.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Eberhard Kranemann\u00a0<\/b>Die Arbeit mit Florian und Ralf machte Fortschritte. Wir hatten einen Proberaum in einem Hinterhof zwischen Puff und Hauptbahnhof , da konnte man ungest\u00f6rt laute Musik machen. Es gab damals viele Experimente mit unterschiedlichen Kl\u00e4ngen und wechselnden Musikern.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Bodo Staiger\u00a0<\/b>Ralf und Florian waren, wie alle anderen auch, immer auf diversen Jam-Sessions. Das war die Zeit der Jugendzentren, der Kolpinghausb\u00fchne auf der Bilker Stra\u00dfe, oder dem Jugendzentrum auf der Lacombletstra\u00dfe. Damals gab es eine ganze Anzahl von kleinen L\u00e4den und Kneipen, in denen Bands auftreten konnten.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Eberhard Kranemann\u00a0<\/b>Das interessierte am Anfang keine Sau. Das war experimentelle Musik, das war ganz daneben. Da sind die Leute weggelaufen. Es gab nur ganz wenige Insider, die ganz scharf drauf waren und extra immer zu allen Konzerten kamen.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Roedelius\u00a0<\/b>Was die musikalisch taten, interessierte mich nicht so sehr. Ich ging, wegen meiner Freundschaft zu seiner Schwester, in Florians Elternhaus ein und aus.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Eberhard Kranemann\u00a0<\/b>Zu der Zeit arbeitete Florian vor allem mit elektrisch verst\u00e4rkten Fl\u00f6ten, die er durch allerhand Filter jagte, um zu Klangverfremdungen zu gelangen. Er hatte alle Querfl\u00f6ten: Piccolo, C-Fl\u00f6te, Altfl\u00f6te, Bassfl\u00f6te, vor allem letztere ist sehr selten und schwer zu spielen. Zwischen elektrischem Fl\u00f6tenmodul und Endverst\u00e4rker hatte Florian Echoger\u00e4te mit unterschiedlichen Echogeschwindigkeiten verkabelt, sodass sich Tongebirge \u00fcberlappender Fl\u00f6tenkl\u00e4nge verschiedener Tempi und Rhythmen ergaben. Am besten hat mir sein Sound auf der Altfl\u00f6te gefallen: cool, ruhig, tiefgr\u00fcndig.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Wolfgang Fl\u00fcr\u00a0<\/b>Florian war ein paar Monate am Musikkonservatorium, auf der Jazzakademie in Remscheid-K\u00fcppelstein, gewesen. Was der richtig gut drauf hatte, war diese experimentelle Frickelei.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Eberhard Kranemann\u00a0<\/b>Florian hatte die Fl\u00f6te elektronisch verfremdet. Das war so eine \u00dcbergangsform: akustische Instrumente elektronisch zu verfremden. Die haben es dann so weiterentwickelt, dass sie die Instrumente irgendwann wegliessen und reine Elektronik gemacht haben.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Wolfgang Seidel\u00a0<\/b>Kraftwerk und auch die fr\u00fchen Kluster waren weniger elektronisch als elektroakustisch, das hei\u00dft, man hatte ein paar Verst\u00e4rker, man klebte Kontaktmikrophone an alles dran, was Rattapuff und Tschengtscheng machte, und das Lieblingspielzeug war das ber\u00fchmte\u00a0<i>Dynachord Echocord Mini<\/i>, eine genialische Konstruktion mit verschiebbarem Tonkopf. Damit konnte man es schon ordentlich krachen lassen. Aber von Synthesizern war weit und breit noch nichts zu sehen.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Eberhard Kranemann\u00a0<\/b>In dieser Fr\u00fchphase experimentierte Florian auch mit einer elektrischen Geige, die er im Sitzen auf dem Scho\u00df spielte, mit damals noch sehr fremd klingenden arabischen Tonskalen. Ralf arbeitete daran, der\u00a0<i>Hammond<\/i>-Orgel ungewohnte Kl\u00e4nge zu entlocken: Er verzichtete auf die perkussive Anschlagsdynamik und auf Vibrato-Effekte. Blue Notes und Synkopen der amerikanischen Jazz, Soul, und Rhythm\u2019n\u2019Blues-Musik kamen in den M\u00fclleimer. Heraus kam ein neutrales Klangbild, wie es eher in der modernen klassischen Musik anzutreffen ist, zu, Beispiel bei Gy\u00f6rgy Ligeti.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Wolfgang Seidel\u00a0<\/b>In der fr\u00fchen Kluster-Zeit waren fast alle Instrumente selbstgebaut. Bei den gekauften wurde zuerst vor allem die garagenpunkige\u00a0<i>Farfisa<\/i>-Orgel wichtig, die konnte man ordentlich quietschen lassen, auch Tasten festkleben oder, wie Conrad Schnitzler als gelernter Werkzeugmacher, mit selbst zurechtges\u00e4gten Metallst\u00e4ben niederhalten, woraus die wildesten harmonischen Konstellationen \u2013 eben Kluster \u2013 entstanden. Wahwah-Pedale gab es auch bald, die waren auch f\u00fcr einen Haufen L\u00e4rm gut. Dann kam Klaus Freudigmann mit seinen zweckentfremdeten Ger\u00e4ten aus der Mess- und Rundfunktechnik, das war dann schon Elektronik im engeren Sinne.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Eberhard Kranemann\u00a0<\/b>Ich selber spielte einen viersaitigen Elektrobass, ein elektrisches Cello, das ich mir zusammengebastelt hatte, und eine Hawaiigitarre. Den Bass spielte ich sowohl in der Rhythmus- als auch in der Harmoniefunktion, einerseits bassig, andererseits mit Wahwah-Pedal und Verzerrer verfremdet. Heraus kamen merkw\u00fcrdige Kl\u00e4nge, wie aus einer anderen Welt, eher solistisch einzusetzen.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Wolfgang Seidel\u00a0<\/b>Klaus Freudigmann war der entscheidende Techniker, der bei Kluster sowohl f\u00fcr die Aufnahmen zust\u00e4ndig als auch Mitspieler war. Er hatte professionell Tontechniker gelernt und schleppte als Erster einen Tongenerator an, als die anderen noch nicht einmal wussten, was das ist. Er baute auch einen Ringmodulator und dieses f\u00fcr den\u00a0Industrial-Kluster-Sound charakteristische Saiteninstrument: ein Brett, auf das zwei Saiten gespannt werden konnten, nicht nur Gitarren-, sondern auch Klaviersaiten oder was immer. Diese waren an einer Seite befestigt, liefen am anderen Ende aber \u00fcber einen Rollenmechanismus, analog wie das Vibrato einer Gitarre, blo\u00df f\u00fcr jede Saite individuell und mit unglaublicher Dehnweite. Da konntest du die absurdesten Sounds erzeugen.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Eberhard Kranemann\u00a0<\/b>Dem elektrischen Cello entlockte ich Kl\u00e4nge arco und pizzicato \u2013 von weich, harmonisch, lieblich bis aggressiv, verzerrt, laut, kratzend, schreiend. Die Saiten der Hawaiigitarre stimmte ich je nach Gef\u00fchl subjektiv um und fuhr mit einem St\u00fcck Eisen auf den Saiten spazieren, sehr eigenwillig und damals neu. Charly Weiss, ein Free-Jazz-Schlagzeuger, der aus Berlin zu uns gekommen war, spielte bei Kraftwerk zum Teil in der Rhythmusfunktion, lieferte aber auch freie, perkussive Klangelemente.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Wolfgang Seidel\u00a0<\/b>Die ersten beiden Kluster-Platten, auf diesem christlichen Label\u00a0<i>Koch\/Schwann<\/i>, mit den bedeutungsschweren Rezitationen \u00fcber dem harschen Industrial-Elektronik-L\u00e4rm, das waren Schnitzler, Roedelius und Dieter Moebius. Kurz darauf kam dann der Split. Kluster waren dann erst mal nur noch Roedelius und Moebius.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Eberhard Kranemann\u00a0<\/b>Um 1970\/71 herum verabschiedete sich Ralf von Kraftwerk. Er hatte wohl das Gef\u00fchl, erst einmal sein Architekturstudium zu Ende bringen zu m\u00fcssen. Wir arbeiteten zu dritt weiter. Florian, Charly und ich. Hartes Brot. Jeden Tag Probe von 17 Uhr bis Mitternacht. Kaum Jobs. Keine Kohle. Kaum Erfolgserlebnisse, die die Arbeit best\u00e4tigten.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Wolfgang Seidel\u00a0<\/b>Roedelius und Moebius wurden dann bald zu Cluster. Die sahen im westdeutschen Galerienkontext ihre Chance, w\u00e4hrend Conrad, der diese ganzen Kontakte \u00fcberhaupt erst angeleiert hatte, wegen seiner Familie nie f\u00fcr l\u00e4nger aus Berlin weg konnte. Die beiden haben sich dann gewisserma\u00dfen mit der Kundenkartei und dem Konzept nach Westen abgesetzt, ins Weserbergland \u2013 was etliche Jahre f\u00fcr b\u00f6ses Blut sorgte. Und daf\u00fcr mussten sie, quasi als Kompromiss, immerhin den einen Buchstaben im Bandnamen \u00e4ndern, Cluster statt Kluster.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Eberhard Kranemann\u00a0<\/b>Ein paar Auftritte gab es f\u00fcr Kraftwerk Ende des Jahres noch, zum Beispiel Kraftwerk im\u00a0<i>Creamcheese\u00a0<\/i>am zweiten Weihnachtstag, dem 26. Dezember 1970, 16 bis 22 Uhr, mit Florian Schneider-Esleben, Fl\u00f6te; Eberhard Kranemann, Bass, Cello, Hawaiigitarre und Charly Weiss am Schlagzeug.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Wolfgang Seidel\u00a0<\/b>Charlie Weiss tauchte sp\u00e4ter \u00fcbrigens auch in Berlin, in Klaus Freudigmanns Studio, auf. Der hat mir zum ersten Mal gezeigt, dass man ein Schlagzeug stimmen kann.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Wolfgang Fl\u00fcr\u00a0<\/b>Ralf war ein Naturtalent. Als ich den kennen lernte, spielte er schon ewig in einer Jazzband <i>Hammond<\/i>-Orgel. Der hatte da wirklich was auf dem Kasten. Ich wei\u00df gar nicht, warum er zwischendurch auf die Idee kam, in Aachen Architektur studieren zu wollen.\u00a0<b>Eberhard Kranemann\u00a0<\/b>Ralf hatte sozusagen Musikverbot \u2013 ich wei\u00df nicht, ob selbst auferlegt oder vom Vater, der sich wohl um seine Ausbildung sorgte.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Klaus Dinger\u00a0<\/b>Wir hatten, im Gegensatz zu Florian, keinerlei musikalische Grundlagen. Ich glaube, auch Ralf hatte eine ganz gute musikalische Ausbildung. Ich dagegen bin fast Analphabet, was die Musik betrifft. Ich fand den Musikunterricht in der Schule immer total schei\u00dfe, da musste ich mich erst mal von erholen. Das war schrecklich. Obwohl ich als Kind ein ziemlicher Fan von Mozart war. Ich war\u00a0<i>selfmade<\/i>, totaler Seiteneinsteiger, also schon so typisch Rock\u2019n\u2019Roll. Keine richtige Ausbildung, immer nur das\u00a0<i>Wollen<\/i>. Komm, das m\u00fcssen wir jetzt hinkriegen. Irgendwie, aber auf unsere eigene Art und Weise.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Eberhard Kranemann\u00a0<\/b>Der ber\u00fchmteste\u00a0<i>Hammond<\/i>-Orgel-Spieler der Welt war und ist Jimmy Smith, ein schwarzer Amerikaner. Damals gab Smith ein Konzert in der\u00a0<i>Tonhalle D\u00fcsseldorf<\/i>, danach kam die ganze Band in den Jazzclub\u00a0<i>Dum Dum\u00a0<\/i>in der D\u00fcsseldorfer Altstadt, wo wir gerade ordentlich einheizten: Ralf auf seiner\u00a0<i>Hammond M-100<\/i>, Florian Querfl\u00f6te, ich spielte Ba\u00df, und der Schlagzeuger lie\u00df die Fetzen fliegen. Die Blue Notes und Synkopen flogen nur so durch den Raum!<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Wolfgang Seidel\u00a0<\/b>Viele der wichtigen Krautrocker waren am Anfang Jazzer \u2013 und sind es im Herzen oft geblieben. Wenn man Lothar Meid von Amon D\u00fc\u00fcl II fragt, was seine gr\u00f6\u00dften musikalischen Erlebnisse waren, dann sagt er: einmal mit dem Coltrane-Drummer Elvin Jones gespielt zu haben; und als zweites: einen Blues-Jam mit dem noch unbekannten Jimi Hendrix.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Eberhard Kranemann\u00a0<\/b>Im\u00a0<i>Dum Dum\u00a0<\/i>also super Stimmung, Laden brechend voll, die Post ging ab! Nun ist es in Jazzclubs ja \u00fcblich, dass Gastmusiker, die gerade in der Stadt sind, \u00bbeinsteigen\u00ab, also aus Spa\u00df bei anderen Bands mitspielen. Das wurde auch von Jimmy Smith erwartet. Der guckte sich jedoch blo\u00df Ralfs Orgel an, sagte: \u00bbMickey Mouse Organ\u00ab und verschwand wieder. Er selbst spielte nur die gro\u00dfe\u00a0<i>B-3\u00a0<\/i>von\u00a0<i>Hammond<\/i>, Ralfs\u00a0<i>M-100<\/i>, das kleinere Modell, war ihm zu mickrig. Kenny Burrell, sein Gitarrist, blieb aber da, packte Gitarre und Verst\u00e4rker aus und spielte mit. Es wurde eine sch\u00f6ne Session-Nacht.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Klaus Dinger\u00a0<\/b>Irgendwann rief mich Ralf von Kraftwerk an. Ich bin noch am gleichen Tag ins Studio gefahren, nach K\u00f6ln. Dort habe ich Conny Plank das erste Mal gesehen und habe f\u00fcr die Kraftwerker ein paar Schlagzeugspuren eingespielt.\u00a0<i>Vom Himmel hoch\u00a0<\/i>hie\u00df das wohl,\u00a0was ich aber erst sp\u00e4ter erfahren habe. Ich hatte das alles eigentlich nicht so richtig mitgekriegt.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Bodo Staiger\u00a0<\/b>Ich kannte Conny schon ewig. Urspr\u00fcnglich kam er aus H\u00fctschenhausen, bei Kaiserslautern. Er arbeitete beim Saarl\u00e4ndischen Rundfunk auf der Europawelle Saar und war gelernter Toningenieur. Von da aus ging es nach Rodenkirchen, beziehungsweise Godorf. Heute ist da ein IKEA, fr\u00fcher war es das\u00a0<i>Rhenus Tonstudio<\/i>. Und er war dort der Hauptingenieur, ein freundlicher uriger Wikinger-Typ. Sehr normal, sehr h\u00f6flich und hilfsbereit.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Eberhard Kranemann\u00a0<\/b>Ab 1967 war Conny im Rhenus-Studio, das dem Mann der Schlagers\u00e4ngerin Margot Eskens geh\u00f6rte. Dort wurden tags\u00fcber Schlager aufgenommen, und nachts nutzte Plank das leere Studio f\u00fcr Aufnahmen mit befreundeten K\u00fcnstlern.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Bodo Staiger\u00a0<\/b>Das erste Mal, dass ich mit Conny aufgenommen habe? Das muss 70 gewesen sein. Mit so einer kruden Bandmixtur aus Marius M\u00fcller-Westernhagen, Karl Bartos am Schlagzeug, mir an der Gitarre und dem Lilac Angles-Bassisten. Das waren meine allerersten Aufnahmen mit Conny.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Eberhard Kranemann\u00a0<\/b>Ich habe Conny schon sehr fr\u00fch kennengelernt, noch in den sechziger Jahren. Ich war damals als Studiomusiker mit dem E-Bass im selben Studio. Schei\u00df Werbefilme f\u00fcr Maggiw\u00fcrfel oder VW. Da kriegte ein guter Studiomusiker f\u00fcr so eine Session circa 300 Mark. Das war damals gutes Geld. Und Konrad, der da noch nicht der ber\u00fchmte Conny Plank war, brauchte ebenfalls Geld und hat dann auch solchen Quatsch gemacht. Einerseits gro\u00df mit Orchester aufgenommen, aber auch Werbemusik, egal. So habe ich ihn kennengelernt. Ich war zum Bassspielen dort, und wir haben uns irgendwie angefreundet.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Bodo Staiger\u00a0<\/b>Das war ein riesiges Studio. Studios waren zu der Zeit noch gigantisch gro\u00df. Gerade dieses WDR-Orchesterstudio hatte Turnhallenformat. Damals waren das Regiepult und der Maschinenpark noch in verschiedenen R\u00e4umen, zus\u00e4tzlich zum Aufnahmeraum und der Schlagzeugkabine, da konnte man sich schon verlaufen.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Eberhard Kranemann\u00a0<\/b>Conny hatte nach Inspiration gesucht, bei Studiomusikern und anderen. Durch die gute Kommunikation, die er hatte, konnte er ohne vorgefestigte Meinung an Dinge herangehen, die er als neu empfand, immer forschend, immer fragend.<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>Roedelius\u00a0<\/b>Wir sind Conny, beziehungsweise dem Studio, in dem er damals in Godorf arbeitete, vom D\u00fcsseldorfer Kantor und Produzenten neuer Kirchenmusik Oskar Gottlieb Blarr zugef\u00fchrt worden. Von da an ging\u2019s immer weiter mit Conny, als Produzent unserer Alben, aber auch als Tontechniker oder Mitmusiker bei live-Auftritten.<\/p>\n<p class=\"x_MsoNormal\"><b>Michael Rother\u00a0<\/b>Als mich ein Zufall pl\u00f6tzlich in das Kraftwerk-Studio gef\u00fchrt hat, fing ein ganz neues Kapitel an. Ich machte damals Zivildienst in Neuss in der Psychiatrie des Alexius-Krankenhauses, und ein Kollege von mir erz\u00e4hlte mir Ende 70, dass eine Band in D\u00fcsseldorf einen Gitarristen suche und ob ich nicht mitkommen wolle zur Jam-Session. Wir gingen an jenem Tag zuerst zu irgendeiner Demonstration am Tausendf\u00fc\u00dfler, danach zu Ralf und Florian in die Mintropstra\u00dfe, dort gab es einen gro\u00dfz\u00fcgig geschnittenen Raum mit einigem Equipment. Allerdings noch kein Vergleich mit dem sp\u00e4teren\u00a0<i>Kling Klang Studio<\/i>. Auf der Couch sa\u00dfen Florian Schneider und Klaus Dinger, die einfach nur zuh\u00f6rten. Ich griff zuerst zu einem Bass, der dort rumstand und jamte mit Ralf H\u00fctter. Es war eine wegweisende Erfahrung, selten habe ich bei jemandem solche \u00c4hnlichkeiten in der harmonisch-melodi\u00f6sen Ausrichtung bemerkt. Sofort hatte ich das Gef\u00fchl, mit dem\u00a0<i>Hammond-<\/i>Orgel-Spieler einen besonderen Gegenpart gefunden zu haben. Wir spielten und verstanden uns musikalisch hervorragend, auch er hatte ausgepr\u00e4gt europ\u00e4ische Harmonien und Melodielinien, die er verfolgte; alle im Raum merkten, dass das funktionieren k\u00f6nnte, auch Klaus und Florian haben das so gesehen. Wir tauschten Telefonnummern aus, und dann ging alles seinen Gang.<\/p>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b><i>Die fr\u00fche Entwicklung<\/i><\/b><\/p>\n<p class=\"x_Default\">++\u00a0<b>Jan 70\u00a0<\/b>der Kraftwerkvorl\u00e4ufer Organisation ver\u00f6ffentlicht das erste Album\u00a0<i>Tone Float\u00a0<\/i>in England auf RCA Victor, Produzent Konrad Plank<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>++ M\u00e4rz 70 <\/b>Ralf H\u00fctter und Florian Schneider verlassen Organisation und gr\u00fcnden Kraftwerk<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>++ April 70 <\/b>Paul McCartney erkl\u00e4rt das Ende der Beatles<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>++ Juli\/Aug 70 <\/b>Das erste Album\u00a0<i>Kraftwerk\u00a0<\/i>wird in den\u00a0<i>Rhenus Studios\u00a0<\/i>in K\u00f6ln von Conny Plank aufgenommen<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>++ Aug 70\u00a0<\/b>Klaus Dinger spielt Schlagzeug f\u00fcr Track B2\u00a0<i>Vom Himmel Hoch\u00a0<\/i>und erneut im\u00a0<b>Sep 70 <\/b><\/p>\n<p class=\"x_Default\"><b>++ Dez 70\u00a0<\/b>neugegr\u00fcndetes Philips-Label ver\u00f6ffentlicht das Debutalbum mit orangenem Verkehrskegel im Klappcover ++ Ralf H\u00fctter verl\u00e4sst Ende 70 f\u00fcr einige Monate Kraftwerk<\/p>\n<p class=\"x_Default\"><strong>++\u00a0<\/strong><b>Dez 70\u00a0<\/b>Am zweiten Weihnachtstag geben Kraftwerk ein Konzert in der Besetzung Schneider\/Kranemann\/Weiss im\u00a0<i>Creamchees<\/i>e in D\u00fcsseldorf ++<\/p>\n<div id=\"x_DAB4FAD8-2DD7-40BB-A1B8-4E2AA1F9FDF2\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Buchauszug R\u00fcdiger Esch, Mitbegr\u00fcnder von Die Krupps sowie Ex-CEO und Gr\u00fcnder des Internet-Unternehmens Epag &#8222;Electri_city. Elektronische_Musik_aus_D\u00fcsseldorf&#8220; &nbsp; &nbsp; Bernd Cailloux\u00a0Ende der Sechziger Jahre war die Altstadt in D\u00fcsseldorf etwas ganz Besonderes, ein bisschen wie Saint-Germain, Paris: studentisch, bohemistisch, k\u00fcnstlerisch. Es &hellip; <a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/2020\/08\/23\/buchauszug-krupps-gruender-ruediger-esch-electri_city-elektronische_musik_aus_duesseldorf\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":19,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[9412,1890,9410,9411,9409,9413],"class_list":["post-674427","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-electri_city-elektronische_musik_aus_duesseldorf","tag-buchauszug","tag-die-krupps","tag-rudi-esch","tag-ruediger-esch","tag-suhrkamp-verlag"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/674427","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/users\/19"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=674427"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/674427\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":674434,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/674427\/revisions\/674434"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=674427"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=674427"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/management\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=674427"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}